Ein Hauch von Nemesis - S.F. Chartula - E-Book

Ein Hauch von Nemesis E-Book

S.F. Chartula

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Beschreibung

Matteo Reburas ist Misanthrop, Veganer und ein junger Mensch, der an sich und der Welt verzweifelt. Er bekommt von einer ihm bis dahin unbekannten Institution eine Wahrheit über seine Familie gesagt, die sein Leben von Grund auf verändert. Er begibt sich in eine Spirale aus Manipulation und Gewalt, im Glauben seine Bestimmung gefunden zu haben. Als er jedoch, schwer verletzt, auch diese Erfahrung in Frage stellt und weitere Nachforschungen anstellt, erfährt er Dinge, die noch weit abgründiger sind, als er sich jemals vorstellen konnte.

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Seitenzahl: 430

Veröffentlichungsjahr: 2016

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S.F. Chartula

Ein Hauch von Nemesis

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

„Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“

Prolog

Wünsche

Vergessen

Ein überraschender Besuch

Fahrt ins Ungewisse

Ankunft im Nirgendwo

Fragen (Tag 1)

Bleibende Ungewissheit (Tag 2)

Die Nackte Wahrheit (Tag 3)

Erste Übungen (Tag 4)

Schutz und Verteidigung (Tag 5)

Unwissenheit (Tag 6)

Neue Waffen (Tag 7)

Lehrjahre (der 8. Tag)

Familienbande

Jagdfieber

Ein neuer Feind

„Hüte Dich vor dem wahren Schotten!“

Der letzte Kampf

Erwachen

Zurück ins alte Leben

Die bekannte Fremde

Die Antagonisten

Eine zweite Wahrheit

Besuch

Wiedersehen

Verbündete

Nachforschungen

Nachforschungen II

Das Attentat

Epilog

Vielen Dank

Impressum neobooks

Widmung

Für die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben Katja und Mathis Samuel

„Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen.“

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Prolog

Es war mal wieder einer dieser Tage, an denen man schon am Morgen wusste, dass der Tag nichts wirklich Gutes für einen bereit hielt. Man wachte mit dieser unbestimmten Angst auf, die so unwirklich war, dass man sie nicht packen konnte, aber auch wieder zu wirklich, um sie gänzlich zu ignorieren. Man drehte sich nochmals um und grübelte im Halbschlaf (na was sollten da auch schon für stichhaltige Erkenntnisse herauskommen) darüber nach und wollte einfach versuchen, diese Angst zu packen. Oder man suchte nach einem Grund nicht aufstehen zu müssen, aber irgendwie lief beides ins Leere, weil irgendwann doch die vermeintliche Vernunft obsiegte und schon ein paar Minuten später versuchte man unter Aufbietung seiner gesamten Ratio diese unbestimmbaren Ängste fort zu wischen und trauerte lediglich nur noch dem warmen Bett nach, das verlassen hatte und für das die heiße Dusche irgendwie nie so recht einen gleichwertigen Ersatz darstellte, obwohl man es sich jeden Morgen aufs Neue einzureden versuchte. Man stellte sich also auch wieder an jenem Tag der Realität und bedachte dabei nicht, dass das viel beschworene Schicksal oftmals gar nicht so viele Mittel zur Verfügung hatte, einen zu warnen, oftmals stand ihm dafür eben nur eine kleine unbestimmte Angst zur Verfügung.

Aber ich besann mich eines Besseren, ließ die Nacht und ihre Träume und Alpträume im Schlafzimmer zurück (das immer noch eine starke Anziehungskraft ausübte, obwohl ich mich bereits für die kalte, harte, grausame, aber eben vor allem gefühlstote Wirklichkeit entschieden hatte). Es kam mir so vor, als ob die Dusche mit jedem Morgen kälter wurde, unwirtlicher und ungemütlicher, naja kalt duschen sollte ja den Kreislauf anregen. Ob das auch für nur gefühlte Kälte galt? Nun ja, ich wollte es mal annehmen und belog mich zu meinen Gunsten einmal mehr, schließlich tat man ja was für seine Gesundheit. Nach einem langen inneren Zwiegespräch, ob ich die Dusche wirklich verlassen sollte, entschloss ich mich doch dazu, nun vollends in die feindliche Welt hinaus zu treten. Beim Abtrocknen bemerkte ich, dass die Dusche doch gar nicht so kalt war, zumindest jetzt nicht mehr, wo man so den direkten Vergleich hatte. Aber jetzt nochmal sich Abbrausen wäre ja eigentlich Blödsinn, oder? Ich wog nochmals diese Option ab, aber abermals siegte der Verstand und ich kleidete mich vollends an.

So, jetzt konnte der Tag kommen. Ein kleiner Blick auf die Uhr bestätigte, dass er dies auch tat und zwar schneller als mir lieb war. Okay, also schnell Zähne putzen, rasieren, Schuhe anziehen. Frühstück musste leider ausfallen, aber ich hatte ja eh keinen Hunger. Wäre eh nicht gesund morgens zu viel zu essen; könnte auch abends gewesen sein. Ich wusste es nicht mehr so genau, aber man redete sich halt seine eigenen Verhaltensweisen schön und bald glaubte man sich auch seine eigenen Lügen, sie mussten dann nicht mal mehr sonderlich raffiniert sein. Es reichte, wenn sie bequem waren.

So, jetzt die Jacke geschnappt, die Tasche (die man in weiser Voraussicht bereits am Abend gepackt hatte, irgendwie durchschaute man seine Selbstbetrügereien dann doch) unter den Arm geklemmt und raus, um noch den Bus zu kriegen. Ein Blick auf die Uhr gab Sicherheit: man befand sich in der täglichen Routine, das heißt man war mal wieder viel zu spät dran und überlegte sich schon die ersten Ausreden, während man zu laufen anfing.

Ich bog gerade ums Eck, da machte das der Bus auch, doch leider aus der anderen Richtung, was hieß, dass noch gut 300 Meter zwischen uns lagen. Keine Unmöglichkeit diese Distanz zu überwinden und den Bus noch zu erwischen, allerdings nur unter der Prämisse, dass noch genügend Leute, die pünktlich waren, an der Haltestelle warteten. Taten sie auch. Ich erwischte also gerade noch mein Fortbewegungsmittel und ließ mich auf eine leere Sitzreihe fallen, warf meine Tasche neben mich und entleerte damit den ganzen Inhalt auf dem Sitz. Ach ja richtig, hatte gestern die Tasche ja offen gelassen, weil ich noch meine Verpflegung mitnehmen wollte, die nun noch wohlbehalten zu Hause im Kühlschrank lag. Naja ok, ich wollte eh abnehmen, ein bisschen zumindest. Und das entsprach ausnahmsweise einmal der Wahrheit, nur leider hielt dieser Vorsatz nicht lange genug an, um auch Wirkung zeigen zu können. Ich kannte mich: spätestens zum Mittag würde ich mir doch wieder etwas zu Essen holen und weil der Magen dann so knurrte, würde dies dann wieder üppiger ausfallen als ich eigentlich wollte. Eigentlich sollte ich mir jetzt schon eine Ausrede deswegen überlegen, also eine die auch Hand und Fuß hatte, nicht so eine schnell formulierte, die ich anfangs noch zehn Mal wiederholen musste, bis ich mir selbst ansatzweise Glauben schenkte. Aber nein, ich ging ja davon aus, dass ich heute eisern durchhielt, bis ich wieder zu Hause war. Ausgerechnet heute? Was unterschied denn heute von den letzten Tagen?

Meine Habseligkeiten befanden sich nun wieder im Innern meiner Tasche und ich kam kurz ins Sinnieren: In all dem Chaos hatten meine Tage doch etwas beruhigend Wiederkehrendes, man könnte fast eine gewisse Kontinuität darin entdecken. Ich sagte schon, dass ich mir manchmal die Tatsachen schön redete.

Da sich die Busfahrt noch etwas hinzog, beschloss ich, mich noch ein wenig meinem Mp3-Player zu widmen, nicht dass er besonders liebesbedürftig wäre, aber ich musste so ein teures Gerät ja auch nutzen, wenn ich schon meinte, ich bräuchte es unbedingt. Ja ich gestehe, dass ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn einen iPOD zugelegt hatte, der nach 2 Jahren allerdings auch schon wieder hoffnungslos veraltet war. Aber es gab ja wirklich Zeiten, wo man dachte, man könnte ohne einen Mp3-Player, der mindestens 120 GB Festplattenspeicher besaß, nicht mehr adäquat weiterleben, zumindest nicht ohne gehörige Einbußen der Lebensqualität hinnehmen zu müssen. 120 Gigabyte! Vor ein paar Jahren hatte ich nicht mal einen Computer, der so einen Speicher hatte. Und wann kam man schon mal in die Verlegenheit für drei Wochen nonstop Musik dabei haben zu müssen. Und im eigentlichen Sinne waren diese Geräte auch nicht dazu angetan, die Legalität von digitaler Musik zu fördern. Wer kaufte sich schon jeden Monat hundert Alben, um die immer mit sich herumschleppen zu können. Und ein Gerät, das nicht mal zu 5% voll gestopft war, war auch irgendwie eine Fehlinvestition. So auch bei mir: mittlerweile belegte meine gesamte Musik schon immerhin fast 40% des Speichers, man sieht die Anschaffung war notwendig und unumgänglich. Außerdem empfand ich den Gebrauch meines iPODs auch irgendwie ambivalent: Zum einen war es schon ein schickes Gerät von einer gewissen Qualität, andererseits störten aber auch die neidischen Blicke, wenn man es auspackte oder die unterstellte Überheblichkeit, dass man so ein Gerät nötig hatte. Man fühlte sich einfach snobistisch. Snobistisch kramte ich also das Gerät hervor und hörte so wenigstens noch die letzten paar Minuten ein bisschen Musik, als ob das allein schon der Garant für einen gelungenen Tag wäre. War es an den meisten Tagen ja eben gerade nicht, wobei ich nicht unbedingt glaubte, dass ausschließlich die Musik am Misslingen Schuld war. Obwohl. Diese Begründung könnte ich doch auch noch in mein Repertoire der Selbstbetrügereien aufnehmen, obwohl es selbst mich einige Anstrengungen kosten würde, mir das irgendwie plausibel einzureden. Aber vielleicht war auch einfach nur mein Player mit einem Fluch beladen, der sich bei jeder Benutzung mit aller Kraft auf den Hörenden übertrug? Hm, müsste man mal drüber nachdenken.

Allerdings wäre es auch etwas einfach, meinen derzeitigen Gefühlszustand, wobei derzeitig mal wieder eine sich stetig verändernde Variable war, mit so einfachen Erklärungen wie Fluch oder Schicksal einen Sinn geben zu wollen. Es wäre ein weiterer Versuch vor einer wirklichen und ernst gemeinten Konfrontation mit sich selbst erneut zu fliehen und sich nicht in aller Klarheit und vor allem mit der nötigen Konsequenz mit sich selbst auseinander setzen zu müssen.

Wie die letzten Töne in meinem Ohr verklungen waren, stieg sie wieder auf, diese unbestimmte Angst, die einen einmal mehr begleitete und die man schon fast vergessen zu haben glaubte. Ich bemühte mich nicht, sie zu definieren oder auch nur annähernd zu packen, ich wollte mich im Moment nicht mit ihr und damit gezwungenermaßen auch mit mir auseinandersetzen. Also drängte ich sie beiseite, was natürlich in keinster Weise eine angemessene Reaktion war, jedoch war es Routine und somit schon wieder ein kleiner Selbstbetrug: Ja, ich werde mich mit Dir in aller Ruhe befassen, wenn ich Zeit dafür fände, redete ich mir ein, wohl wissend, dass sich diese Zeit für eben diesen Zweck niemals einstellen würde, solange ich nicht selbst dafür Sorge trug, dass dem auch so war, was ich aber letztendlich doch nicht tun würde. Ich kannte mich.

Ob dieser Gedanken schüttelte ich meinen Kopf, wie um sie aus meinem Inneren zu vertreiben, etwas zu heftig; dies bewirkte zwar nicht, dass sich meine Gedanken wieder zurückzogen, dafür aber, dass ich einige ungläubige Blicke von den anderen Fahrgästen erhielt, die nun ihrerseits, aber weniger heftig, den Kopf schüttelten. Auch eine gewohnte, fast schon routinierte Situation.

Irgendwie schien sich sowieso das gesamte menschliche Leben auf einige Grundroutinen zurückführen zu lassen: Geburt, Schule, Ausbildung, Arbeit, Familie, Grundbesitz, Tod. Alles lief in genau festgelegten Bahnen ab, in denen der Einzelne relativ wenig bis keinen Gestaltungsspielraum hatte. Und jeder Ausbruch aus diesem festgelegten Muster wurde schon als absonderlich abgetan. Nur gut, dass niemand einen Blick in mein Inneres werfen würde, wie sollte mich je jemand verstehen, wenn ich dies die meiste Zeit selbst nicht tat.

Aber es war Zeit auszusteigen, also packte ich mein snobistisches Gerät wieder in meine Tasche, warf mir diese über die Schulter und verließ den Bus, um einmal mehr wieder eine Gedächtnisstütze der besonderen Art zu bekommen. Plötzlich wurde mir wieder bewusst, dass ich mir eigentlich schon längst einen dieser kleinen praktischen Taschenschirme zulegen wollte, die genau für solche Situationen wie die jetzige geschaffen wurden. Da half es nur, den Kragen etwas hoch zu schlagen und den Kopf einzuziehen. So schlimm war es ja nicht, es regnete ja noch nicht mal richtig, sagte ich mir. Doch kaum hatte ich den Satz in Gedanken ausgesprochen und als habe das Wetter nur auf diese Reaktion gewartet, um mir meinen Irrtum einmal mehr vor Augen zu führen, wurden die Tropfen dicker und sie schienen nun auch schneller auf mich herab zu fallen. Was blieb mir also, als den Schritt zu beschleunigen und nicht darauf zu achten, dass der Mantel sich langsam schwerer anfühlte und doch einiges seiner vorherigen Behaglichkeit verloren hatte. Wie zum Trotz, um mir selbst zu beweisen, dass ich mich auch von solch widrigen Umständen nicht unterkriegen ließ, reckte ich den Kopf etwas höher und schimpfte und fluchte auf den Großen Regenmacher da oben, forderte ihn weiter heraus und verlachte ihn dabei, als das Wetter nicht noch schlechter wurde. Wenn ich mich dann bei dem Gespräch mit Wesen ertappte, an die ich eigentlich nicht glaubte, wurde mir wieder einmal die ganze Irrsinnigkeit des Gesagten bewusst, die ich nicht einmal gutgläubig mit Selbstgesprächen entschuldigen konnte.

Nach unendlich langem Gemurmel und mantrahaften Verwünschungen sämtlicher lebenden oder schon verstorbenen und abgelösten überirdischen Wesenheiten oder deren Stellvertreter, kam ich endlich im Büro an. Deutlich durchnässt und mit zunehmender schlechter Laune, die sich seit Verlassen des Hauses nochmals deutlich gesteigert hatte, passierte ich die Pforte und reihte mich ein in die gesichtslose Phalanx mehr oder minder motivierter Bürohengste, die so von der Wichtigkeit Ihres Tuns überzeugt zu sein schienen, dass man beinahe glauben könnte, sie arbeiteten für eine höhere Sache als der bloßen Gewinnmaximierung eines Konzerns. Der Eifer und die Geschäftigkeit, die Dienstbeflissenheit und der bedingungslose Gehorsam ließen keinen Zweifel mehr daran, dass jenseits der Rente bereits das Paradies auf diese altgedienten Kämpen wartete, wenn nicht gar ein Plätzchen zur Rechten des Großen Regenmachers selbst.

Sei es drum, ich stieg tief hinab in die alltägliche Routine dieser Hallen, murmelte das obligatorische „Morgen“, wenn mir jemand über den Weg lief, begab mich ähnlich motiviert scheinend an meinen Arbeitsplatz und begann mit den mir übertragenen Aufgaben. Leider konnte ich Ihnen im Vergleich zu meinen Kollegen keinen höheren Sinn entnehmen, außer dass sie dazu beitrugen, magere Vorstandsgehälter aufzubessern. Nun, ich leistete meinen, wenn auch bescheidenen, Beitrag an der weiteren Ressourcenausnutzung unseres Planeten, während ich meine Kollegen über Umweltschutz schimpfen hörte und dass dies doch alles nichts brächte und nur Geldmacherei wäre. Ich schluckte eine böse Erwiderung hinunter und widmete mich erneut meiner Aufgabe, mich gleichwohl dafür hassend, täglich gegen meine innersten Überzeugungen zu handeln, nur damit ich am Monatsende meine Miete und sonstige Annehmlichkeiten einer modernen Industriegesellschaft aufzubringen im Stande war.

Ich versuchte weitestgehend die Gespräche meiner natürlich hochgeschätzten Kollegen auszublenden und mich nicht zu bissigen Bemerkungen hinreißen zu lassen, die ohne dass sie intellektuell im Großhirn des Gegenübers ankommen und verarbeitet wurden, sowieso gleich in ein ignorantes Nirwana entschwänden, begleitet von einem unverständigen Kopfschütteln.

Die Routine rettete mich über den Vormittag hinweg und ich wappnete mich für das nächste Ritual: die Mittagspause. Wieder tigerte ich durch die Gänge, hauchte jedem das erwartete und doch so sinnfreie „Mahlzeit“ entgegen und fragte mich, wer diese scheinbar unverzichtbare Verhaltensweise erfunden haben mochte.

Ich verzichtete jedenfalls darauf, dem Herdentrieb in die Mastabteilung der Kantine zu folgen, deren erklärtes Ziel es war, sämtliche Abfallprodukte der Lebensmittelindustrie in kaum kaschierter Form einmal mehr den Stoffwechselprozessen zuzuführen und damit der Pharmaindustrie durch Verfettung, adipöse Tendenzen, Herzinfarkte und viele weiterer angenehmer Nebenerscheinungen der viel gelobten Zivilisation zuzuarbeiten. Die Entscheidung, diesen Genusstempel menschlicher Ernährungsabgründe zu meiden, fiel mir nicht schwer, da ich so wenigstens den einfältigen, stupiden, heuchlerischen, ignoranten, selbstherrlichen und beweihräuchernden Gesprächen für eine halbe Stunde entfliehen konnte.

Ich entschied mich für einen Spaziergang und bewusst gegen den Kauf eines wie auch immer gearteten Mittagessens, so dass ich zumindest den am Morgen gefassten und durch die vergessene Verpflegung erzwungenen Entschluss in die Tat umsetzte und wenigstens dem Kontostand meiner bereits vollzogenen kleineren und größeren Selbstbetrügereien ein kleines Haben auf dem sonst so übergroßen in dicken roten Zahlen geschriebenen Soll hinzufügte.

Während ich also den gewohnten Weg einschlug, den ich zu diesen Zeiten immer zu nehmen pflegte – nicht einmal hier wurde ich vor der ritualhaften Routine verschont – hing ich meinen Gedanken nach, die einmal mehr um die Absurdität menschlichen Zusammenlebens und vor allem -arbeitens kreisten. Wem würde es schaden, wenn sämtliche so viel gelobten und scheinbar unersetzlichen zivilisatorischen Einrichtungen und Errungenschaften von heute auf morgen verschwänden und sich die Menschheit – was ja ohnehin unvermeidbar war – wieder in die Steinzeit katapultieren würde. Nun gut, die ganze Fehlentwicklung humanoider Engstirnig- und Charakterlosigkeit würde sich wiederholen, allerdings auf einem relativ primitiven Niveau, so dass der Planet endlich die Möglichkeit bekäme, einmal tief durchzuatmen und sich wirkungsvollere Abwehrmechanismen gegen diesen menschlichen Müll einfallen zu lassen als die bisher bekannten. Während ich noch darüber nachdachte, wie hierfür eine hinreichend notwendige Initialzündung aussehen könnte und welcher weiterer Voraussetzungen diese bedürfte, war ich unbewusst schon wieder am Ausgangspunkt meiner Reise in den eigenen Abgrund angelangt, zwar nicht bereit, doch aber gezwungen mich wieder in die gedankenlose Masse, der an einem höheren Werke arbeitenden Vertreter meiner Spezies einzureihen. Wieder kämpfte ich mich durch die Massen, die immer noch in ihre sinnlosen Gespräche vertieft waren, so dass die angenehme Stille nun durch eine Vielzahl von wispernden oder sich gegenseitig übertönenden Stimmen, die natürlich alle noch schnell die unendlich wichtigen Erzeugnisse ihres einfältigen Lebens vor allen, die es hören wollten oder die einfach dazu gezwungen sind es mitanhören zu müssen, ausbreiteten und auf Entgegnungen einfach mit einem Anheben der Stimme reagierten, um noch möglichst viele nutzlose und völlig nichtige Details breit möglichst zu streuen, als ob hierdurch ihrem bedauernswerten Leben irgendein Sinn verliehen würde. Ich fügte mich den Erwartungen, die wohl in irgendeiner allgemein verbindlichen Übereinkunft in einer anderen Zeit getroffen wurden, indem ich hier und da ein verständiges Nicken – zumindest hoffte ich, dass es als solches gewertet wurde – einfließen ließ. Ich gehorchte damit einfach den Vorgaben, die der Souverän an seine Untergebenen stellte, ohne deren Sinn wirklich zu begreifen, mit anderen Worten: ich funktionierte.

Kaum hatte ich meinen Arbeitsplatz erreicht, klemmte ich mich hinter meinen PC und gab mich geschäftig, um den letzten Anflügen von Smalltalk und Selbstdarstellung meiner Kollegen zu entgehen. Die zweite Hälfte des Tages schien irgendwie immer gnädiger zu sein und jeden Tag aufs Neue ein Einsehen mit mir zu haben, jedenfalls schien sie wesentlich schneller zu verstreichen als der Vormittag es zu tun pflegte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Menschen um mich herum mittlerweile ihr ganzes Pulver verschossen hatten und nichts mehr aus ihrem armseligen Leben zu berichten wussten. Ich vernahm zwar noch hier und da den verzweifelten Versuch lustig zu sein, doch Humor ließ sich leider nicht erzwingen und so nahte auch dieser Nachmittag unwiderruflich seinem Ende entgegen.

Und abermals schlug mir die so viel geliebte Routine entgegen, wenn meine geschätzten Kollegen, wie jeden Tag, Punkt vier Feierabend machten, sich noch mit einem scheinbar lockeren, aber in Wahrheit total überflüssigen und witzlosen Spruch in den Feierabend verabschiedeten.

Ich genoss diese seltenen Momente der Ruhe, in denen ich allein im Büro saß und von nichts weiter gestört wurde als vom Brummen des PC-Lüfters. Es hatte etwas Wohltuendes, auch wenn ich noch etwas weiter arbeitete, war dies doch wesentlich angenehmer als den Belanglosigkeiten der anderen zuhören zu müssen.

Nach einer guten halben Stunde konzentrierten Arbeitens entschloss auch ich, mich auf den Nachhauseweg zu machen. Bedächtig schaltete ich meinen Computer aus, packte meine Sachen zusammen und verließ das Büro, das Gebäude, das Gelände.

Ein seltsames Gefühl von Freiheit beschlich mich als ich den ersten Schritt außerhalb des Geländes setzte, so in etwa musste sich Geborenwerden anfühlen, nur eben dass mich keiner Kopfüber hielt und mir auf den Allerwertesten klopfte. Obgleich mir auch nach einem kräftigen, initialen Schrei zumute wäre, der alles aus dieser frühabendlichen Lethargie riss.

Wie jeden Abend merkte ich, dass die morgendliche Angst verflogen war, an Ihre Stelle war eine erst stille, dann immer lauter werdende Wut getreten; eine Wut, die alles menschliche mit einschloss und die zuweilen in gemäßigten, sehr wohltuenden Hass umschlug. Ich musste dieses verachtenswerte Gefühl der Verachtung wohl einigermaßen deutlich nach außen getragen haben, denn alle, die meinen Weg kreuzten, machten mir Platz, so dass ich ungestört und in Gedanken meinen Weg zur Bahn fand.

Aber meine morgendliche Glückssträhne schien immer noch nicht abgerissen zu sein, denn wie gewöhnlich verpasste ich die Bahn um gerade zwei Minuten. Ich fügte mich, setzte mir die Kopfhörer auf und wartete. Nach zehn unendlich langen Minuten bequemte sich die Bahn dann doch noch zu kommen. Beim Einsteigen konnte ich mein Glück kaum fassen: Es gab noch leere Plätze! Ich sicherte mir einen und stellte meine Tasche demonstrativ neben mich. Jedoch war mein Glück nur von kurzer Dauer: Bereits an der nächsten Station stieg der im wahrsten Sinne fleischgewordene Alptraum einer jeden Heimfahrt ein: ein unförmiges ungefähr 200 Kilo wiegendes Stück Mensch stieg ein und bewegte sich zielsicher auf mich zu. Es gab überall genug Platz, aber nein ausgerechnet mich hatte er zu seinem Sozius auserkoren. Mit wulstigen Fingern zeigte er auf meine Tasche und offenbarte ein marodes Grinsen, gefolgt von einem: „Darf ich?“ Ich sah kurz auf und blickte in ein noch schwabbeligeres Gesicht als es der restliche Körper schon war. Ohne eine Antwort nur abzuwarten setzte er sich neben mich, ich konnte gerade noch meine Tasche unter seinem wie mir schien alles zermalmenden Arsch wegziehen. Ein kurzer Blick aus den Augenwinkeln zu meinem Gegenüber genügte, um mich gleich wieder voller Ekel abzuwenden: Nicht nur, dass man hier das genaue Ebenbild von Jabba the Hutt neben sich hatte, sein Aussehen wurde auch noch von seinem Körpergeruch übertroffen. Mir stieg dieser beißende Geruch von halbtrockenem Schweiß und kaltem Rauch in die Nase, der mich unweigerlich in Regionen von Übelkeit und Ekel führte. Aber nicht genug, er wandte sich mir zu und raunte: „Heiß heute, was?“ dabei entblößte er einen dermaßen maroden Mund, der eine Altersvorsorge für jeden Zahnarzt gewesen wäre. Mit seinen Worten schlug mir ein Schwall aus schlechtem Atem, Bier und Knoblauch entgegen. Angewidert wandte ich mich ab, schaltete meine Musik lauter und versuchte erst gar nicht, das aufkommende Gefühl eines misanthropen Anfalles zu bekämpfen. Nach unendlicher langer Fahrt, waren wir endlich am Bahnhof angelangt, jetzt nur noch eine kurze Busfahrt und dann endlich Ruhe. Ich stieg in den Bus und sah, dass, sollte ich einen Sitzplatz wollen, ich diesen mit irgendjemand teilen müsste. Mein Bedarf an menschlicher Nähe war für heute mehr als gedeckt und ich entschloss mich zu stehen. Nach 10 Minuten und fünfmal angerempelt werden (schlaue Designer hatten extra diese Stangen im Bus angebracht an denen man sich festhalten konnte, doch leider schien diese einzigartige Erfindung noch nicht Einzug in die meisten Köpfe erhalten zu haben) verließ ich den Bus.

Zuhause angekommen, drehte ich erst einmal meine Musik auf, fuhr meinen Computer hoch und pflegte ein paar Onlinekontakte, die in ihrer Unverbindlichkeit fast schon irreal erschienen. Nun ich pflegte sie nicht wirklich, mehr lustlos schrieb ich ein paar Zeilen, in der Hoffnung irgendjemand provozieren zu können und mich zu streiten. Doch wenn ich es mir recht eingestand, hatte ich nicht einmal darauf rechte Lust. Andererseits sind diese Onlinebekanntschaften eine echte Alternative zu realen Menschen, immerhin hatten sie diesen Ignore-Button, den man im richtigen Leben oft schmerzlich vermisste.

In meiner ganzen Lustlosigkeit entschied ich mich dagegen, heute noch etwas zu essen, öffnete eine Flasche Wein und schaute an, was der Verdummungsapparat so bereit hielt, doch dieser machte seinem Namen wieder alle Ehre, also schaltete ich den Kasten aus, trank bedächtig im Dunkeln meinen Wein und entschloss mich, heute früh schlafen zu gehen.

Kaum lag ich im Bett, fiel ich auch schon in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Wünsche

So oder ähnlich schien jeder Tag in meinem Leben abzulaufen. Es war schon bedauerlich wie jemand, der die Routine und Tradition so sehr hasste, sich doch so sehr von ihr gefangen nehmen ließ. Ich kämpfte jeden Tag gegen mich und meine Umwelt und jeden Tag unterlag ich aufs Neue und ließ mich in diese Zwänge pressen.

Zu leichtfertig gab ich dem Drang nach, Geld zu verdienen, um mir mein Leben und seine Annehmlichkeiten leisten zu können, die doch nur einen faulen Kompromiss darstellten, den ich eigentlich nie eingehen wollte.

Ich wünschte mir einfach einmal auszubrechen, alles hinter mir zu lassen, mein altes Leben zu ermorden und wie Phönix neu zu erstehen. Doch leider blieb dies all zu oft nur Wunschdenken, solange ich mich noch nicht entschlossen hatte, abseits der Gesellschaft zu leben. Und selbst wenn ich mich entschloss, der Gesellschaft den Rücken zu kehren, was war damit gewonnen? War dies nicht auch ein Eingeständnis der eigenen Niederlage?

Stets war ich unzufrieden, mit mir und vor allem mit der Welt, jeder Entschluss etwas zu ändern, wurde von außen abgeblockt und jede Idee, die man als kleines Geschenk für sich verwirklichen wollte, endete mit einem harten Schlag in die Magengrube. Bis ich letztlich dann resignierte und die eigene Sinnlosigkeit im Ansatz zu begreifen glaubte.

Doch zuweilen nahm das Schicksal gerade dann recht komische Formen an und schien mir die Fäden vollends aus der Hand zu nehmen. Und das, woran ich gesponnen hatte, nahm plötzlich eine Wendung, die ich nie beabsichtigt hatte und die so abstrus und abwegig war, dass ich sie nie ernsthaft in Gedanken gefasst hätte.

Und nicht, weil ich diesen Entschluss in seiner Konsequenz gescheut hätte, sondern weil sich plötzlich Ereignisse in mein Leben stellten, die ich selbst in meinen Alpträumen so niemals geträumt hätte.

Ich lebte in mich hinein, haderte mit mir und war unfähig etwas zu ändern und dann plötzlich brach wie aus heiterem Himmel etwas über mich herein, das ich so nicht mal im Ansatz geahnt hätte, als würde ich in einen bodenlosen Abgrund fallen.

So wie damals vor zwei Jahren an einem Morgen, der sich eigentlich durch nichts von allen anderen Morgen unterschied, bis auf...

Vergessen

Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach vergessen, einfach alles hinter mir lassen und Erinnerungen auslöschen. Über alles den Schleier eines Neuanfangs legen. Doch das war leider in den seltensten Fällen der Fall und schon gar nicht in meinem.

Die Erinnerung verblasste langsam, doch auch wenn sie nicht mehr so intensiv war und die Konturen langsam verschwommen, so blieben gewisse Bilder doch für immer auf der Seele eingebrannt. Ich wurde sie nicht los, auch wenn ich alles andere vergessen hatte. Die einzige Hoffnung, die ich hegte, war, dass sie nicht all zu oft ins Bewusstsein vorstürmten.

Mittlerweile gab es sie wieder, diese Tage, an denen ich ganz ohne Medikamente auskam, an denen ich abends einschlief und nicht schweißgebadet hoch schreckte, sondern an denen mich nur die ganz normale, unbestimmte, morgendliche Angst packte, wie ich sie früher empfunden hatte. Und an besonders guten Tagen schaffte ich das sogar ohne Schlafmittel.

Aber die meiste Zeit fürchtete ich mich vor dem Einschlafen, ich fürchtete, dass ich abermals in den Abgründen aufwachte, die ich damals vor 2 Jahren für kurze Zeit nicht nur geschaut, sondern nahezu von ihnen umgeben wurde. Manchmal ging es so weit, dass ich mich wach hielt, bis ich am Rande der Erschöpfung doch einschlief, es war dann ein unruhiger Schlaf, der kaum Erholung brachte, aus dem ich öfters schreiend aufwachte und ebenso schnell wieder einschlief. Am nächsten Morgen fühlte ich mich wie zerkaut und ausgespien, über Stunden unfähig einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen, stets noch halb in meinen Alpträumen gefangen, so schemenhaft sie auch sein mochten. Es reichte schon zu wissen, dass man wieder Alpträume hatte.

Spätestens nach einer Woche, wenn ich am Rande der Erschöpfung war und selbst am Tag immer wieder wegdämmerte, sah ich ein, dass ich doch mal wieder eine Nacht durchschlafen sollte und griff zu den Schlafmitteln, den stärksten, die ich fand.

Doch dies alles war nicht einmal das Schlimmste. Das Schlimmste war, nach all dieser Zeit immer noch nicht zu wissen, ob die Begebenheiten damals real waren oder nicht. Nicht zu wissen, ob die Hölle durch die ich ging, nur im Geiste existierte oder ob ich die Qualen auch physisch durchlebt hatte. Und die meiste Zeit wünschte ich mir Letzteres, denn wenn sie im eigenen Geiste stattgefunden hatten und nur dort existierten, wo blieb dann die Sicherheit, dass sie nicht immer noch real würden, dass sie sich nicht eines Tages wieder herausbrachen und Besitz von mir ergriffen, dass ich mich irgendwann gänzlich in ihren Abgründen verlor ohne jemals wieder die Chance zu haben, ihnen zu entkommen.

Es mochte alles etwas wirr sein, was ich so von mir gab, aber dies sind Dinge, die mir urplötzlich in den Sinn kamen, nein es sind ganz reale Ängste, die ich artikulieren musste, um nicht an ihnen zu zerbrechen und um nicht zu oft zu meinen Medikamenten zu greifen, als ohnehin notwendig war.

Aber ich werde versuchen, mich nicht zu sehr von meinen Gefühlen leiten zu lassen, wenn ich noch einmal zurückgehe in jene Tage im Mai vor 2 Jahren, die ich immer noch nicht richtig einordnen kann. Oder ich weigere mich noch, sie einzuordnen, vor lauter Angst ihnen dadurch wieder mehr Bedeutung zukommen und dadurch Gefahr zu laufen, sie wieder lebendig werden zu lassen.

Ein überraschender Besuch

Zwei Jahre zuvor.

Es begann eigentlich alles ganz normal, soweit man in meinem Fall überhaupt von normal reden konnte. Ich kam wieder einmal von der Arbeit, resigniert von den Menschen und ihrer Ignoranz, unzufrieden mit mir und der Welt. Ich war von dem Wunsch beseelt, endlich wirklich etwas zu ändern.

In meiner ganzen Ablehnung gegenüber dessen, was man gemeinhin als normal betrachtete, habe ich über mehrere Etappen mein Leben von Grund auf geändert. Über die Jahre hinweg habe ich mir immer mehr eine misanthrope Grundhaltung aufgebaut und je mehr ich von den Menschen um mich herum enttäuscht wurde, umso größer wurden meine Anforderungen an sie und damit auch an mich selbst. Ich lebte zwar mitten in der Gemeinschaft, doch war ich eigentlich kein Teil mehr von ihr. Ich nahm an ihrem Leben teil, doch gehörte es nicht zu mir.

Aber dies war nicht das Gefühl, das sich in mir regte an jenem Abend. Es war der Wunsch wirklich etwas zu ändern, durch einen großen Knall, die meisten aus ihrer Lethargie zu reißen und ihnen ihre Ignoranz vor Augen zu führen, einfach endlich mal etwas zu bewegen.

So saß ich denn zu Hause bei einem Glas Rotwein. Kein besonders guter, nur ein einfacher Landwein, aber für meine Verhältnisse genügte er und er war auch nicht hinderlich beim Nachdenken. Wie so oft saß ich im Dunkeln, für Kerzen war es bereits zu warm und das elektrische Licht war mir zuwider. Ich hatte das Fenster etwas geöffnet und die immer noch warme Nachtluft streichelte sanft mein Gesicht. Ich grübelte also, warum die meisten Menschen so sind, wie sie eben nun mal sind und ob sie in ihrem beschränkten Sein wirklich Befriedigung empfanden. Ob diese Befriedigung nur eine Ausprägung ihrer eigenen Beschränktheit darstellte oder ob sie sich ihre Existenz solange zurecht gelogen hatten, bis sie die Lüge selbst glaubten. So sinnierend saß ich noch eine Weile, beglückwünschte mich zu dem bevorstehenden Wochenende, nicht so sehr weil ich ausschlafen konnte, sondern weil mir die ganze scheinbare Normalität für zwei Tage erspart bleiben würde. Und schließlich als sich meine Gedanken anfingen im Kreis zu drehen, machte ich mich auf ins Bett, nicht wissend, dass bereits am Morgen die verhasste Routine so jäh und nachhaltig durchbrochen werden würde, wie ich es nicht einmal in meinen Träumen, nun in meinem Fall müsste ich wohl sagen in meinen Alpträumen, für möglich gehalten hätte.

Ich schlief unruhig in dieser Nacht, wälzte mich hin und her und erwachte immer wieder. Doch als ich gegen 10 Uhr richtig wach wurde, hätte mich mein Zustand eigentlich stutzig machen sollen. Irgendetwas war anders als sonst, doch damals konnte ich es mir nicht erklären. Im Nachhinein betrachtet, weiß ich, dass die morgendliche Angst, die stets die erste war, die mich nach dem Aufwachen begrüßte, fehlte, mehr noch an ihre Stelle war eine stille und genauso unbestimmte Wut getreten, die ich nicht einordnen konnte. Schlaftrunken wankte ich ins Bad und kam dabei leider an der Küche vorbei, einen Blick zu riskieren, war definitiv ein Fehler als mir das ganze ungewaschene Geschirr entgegen sprang. Meine Laune war mit einem Mal auf dem Tiefpunkt, sofern das überhaupt noch ging. Ich verdrängte die anstehende Arbeit und begann notdürftig mit meiner Morgentoilette und fühlte mich nach 10 Minuten fast schon wieder als Mensch. Das besserte meine Laune zwar nicht wesentlich, doch vermittelte es im Ansatz ein zivilisiertes Gefühl. Ich begann zu überlegen, ob es lohnt über die Errungenschaften und Sinn der Zivilisation nachzudenken, verwarf aber den Gedanken so schnell wie er mir gekommen war, wenigstens den Morgen wollte ich mir nicht noch vollends verderben.

Gerade als ich mit der morgendlichen Reinigung fertig war, klopfte es an meiner Tür. Wohlgemerkt es klopfte, es klingelte nicht. Jeder Besuch, den ich bisher empfangen hatte, hatte die Klingel benutzt. Entweder die direkt an der Haustüre oder eben jene, die neben der Wohnungstür angebracht war; selbst der Vermieter klingelte, wenn er etwas von mir wollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte mir, dass wir es erst 10.30 Uhr hatten, an einem Samstag eine ganz und gar ungewöhnliche Zeit für Besucher.

Als ich die Türe öffnete, standen zwei mir völlig unbekannte Männer vor der Tür. Beide nach dem gängigen Modeempfinden sehr gut gekleidet. Auf mich wirkten sie jedoch eher gekünstelt, als würden sie in diese Uniformen gesteckt, ohne es zu wollen und ohne sich darin wohl zu fühlen. Ich konnte es Ihnen nicht verdenken. Der Größere der beiden war von schlanker, aber durchtrainierter Statur, trug sein blondes Haar in einen militärischen Bürstenhaarschnitt und fiel vor allem durch seine relativ kalten Augen auf. Der Kleinere hatte einen leicht südländischen Einschlag und schien guter Küche nicht gänzlich abgeneigt, was man auch an dem doch recht eng sitzenden Anzug sehen konnte. Seine Augen strahlten auf den ersten Blick eine gewisse Wärme aus, doch bei näherer Betrachtung erkannte ich darin die Verschlagenheit eines Wiesels. Das streng nach hinten gegelte schwarze Haar und der angedeutete Schnurbart verstärkten diesen Eindruck noch. Beide waren ganz in schwarz gekleidet, von übertriebener Eleganz und irgendwie unpassend. Vor allem die Lackschuhe gaben den beiden etwas fast Lächerliches. Der Größere trug einen Pilotenkoffer bei sich, während der Südländer lediglich mit einer ledernen Aktenmappe bewaffnet war. Zeugen Jehovas im Matrixkostüm, schoss es mir durch den Kopf als ich die beiden eingehend begutachtete. Unwillkürlich musste ich lächeln.

„Sie wünschen?“, fragte ich deshalb auch freundlicher als beabsichtigt.

„Wir wollen mit Ihnen...“, fing der Südländer an und setzte dabei sein schönstes Verkäuferlächeln auf.

„...mit mir über Gott sprechen?“, vollendete ich schmunzelnd den Satz. Dies war mir eigentlich nur so herausgerutscht, doch es verlieh der Situation etwas ungewollt Skurriles.

Sofort erstarb das aufgesetzte Lächeln. Er strafte mich mit einem Blick, als ob ich in der Kirche einen dreckigen Witz gerissen hätte.

„Nun, das wohl weniger.“, entgegnete der Don-Giovanni-Verschnitt indigniert. „Wir wollen mit Ihnen ein paar durchaus wichtige Fragen erörtern und Sie deshalb bitten mit uns zu kommen.“

„Was sollen das für wichtige Fragen sein? Ich bin ausreichend versichert, gedenke nicht mir in naher Zukunft Wohneigentum zuzulegen, auch stehen sonst keine größeren Anschaffungen bevor. Und über Gott reden wollen Sie ja nicht, wie Sie mir schon glaubhaft versichert haben.“ Das Gehabe fing an mir auf die Nerven zu gehen.

„Nun unser Anliegen ist existenziellerer Natur.“ Da war es wieder dieses falsche Grinsen.

„Na, wenn dem so ist“, begann ich ungehalten „würde ich es doch sehr begrüßen, wenn ich wüsste, mit wem ich es zu tun habe.“

„Natürlich, verzeihen Sie bitte, wie unhöflich von uns“, sagte der Kleinere beschwichtigend und mit einem Singsang in der Stimme, der an einen Pfarrer erinnerte. „Carletto ist mein Name und das ist Herr Johannson. Wir kommen von einer gemeinnützigen Stiftung, Nuda Veritas, und möchten Sie um Ihre Mithilfe bitten. Es soll nicht zu Ihrem Nachteil sein.“

Nuda veritas? Die nackte Wahrheit. Na, wenn das mal nicht nach einer Sekte roch. Hatte sich Scientology umbenannt, grübelte ich. Mein Schweigen musste Don Carletto wohl als Zustimmung gewertet haben, denn sein Grinsen wurde breiter.

„Herr Carletto, es tut mir leid, aber meine Zeit heute ist äußerst knapp bemessen. Sie haben doch bestimmt Infomaterial dabei und Ihre Stiftung wird auch eine Homepage haben, dann informiere ich mich vorab und werde mich nochmals bei Ihnen melden.“ Ich versuchte es einfach einmal auf die höfliche Art.

Carlettos Grinsen verengte sich zu einem schmalen Schlitz. „Ich fürchte, das geht nicht. Diese einmalige Gelegenheit bietet sich nur heute, das müssen Sie verstehen. Und unser Auftraggeber hat sehr viel Mühe darauf verwandt, den passenden Kandidaten für dieses Projekt auszuwählen. Nun, Herr Reburas. Was sagen Sie?“

Auftraggeber? So langsam bekam das Ganze etwas von einer Mafia-Schmonzette und meine Geduld war so allmählich doch am Ende. „Also nun hören Sie mal, Sie kommen her, erzählen mir irgendwelche komischen Geschichten von Stiftungen und Auftraggebern und erwarten allen Ernstes, dass ich sie begleite, nach all diesem nebulösen Geschwätz.“

Carletto schien in sich zusammen zu sinken. „Dürfen wir Ihnen dann wenigstens noch unsere Broschüre da lassen?“

Jetzt ging es also auf einmal doch.

„Meinetwegen“, sagte ich schon sichtlich genervt.

„Herr Johannson, wären Sie so freundlich.“

Der Skandinavier, der bisher keinen Ton von sich gegeben hatte, nickte stumm, drehte mir den Rücken zu und machte sich an seinem Pilotenkoffer zu schaffen.

„Verzeihen Sie bitte, wenn wir Ihre wertvolle Zeit über Gebühr beansprucht haben, doch es handelt sich um ein sehr wichtiges und erfolgsversprechendes Projekt.“

„Sicher“, sagte ich Carletto zugewandt und etwas abwesend, da ich in Gedanken schon bei meinen Einkäufen war, die noch getätigt werden mussten. Aus den Augenwinkeln sah ich Johannson aufstehen. Ich streckte die Hand aus, um die Flyer entgegen zu nehmen, immer noch Carletto zugewandt. Dieser ergriff meine Arme, während Johannson einen schnellen Schritt auf mich zu machte und direkt vor mir zum Stehen kam. Noch ehe ich begriff, was geschah und noch ehe ich überhaupt irgendwie reagieren konnte, drückte mir Johannson schon ein feuchtes Tuch vors Gesicht und hielt mich mit der anderen Hand in eisernem Griff.

Süßlicher Geruch stieg in meine Nase. Chloroform. Das ist doch ein schlechter Film, dachte ich, als meine Beine zu zittern anfingen. Mit allen Sinnen wehrte ich mich gegen die aufkommende Ohnmacht. Ich versuchte mich zu befreien, doch die beiden verstanden ihre Arbeit und ließen mich keinen Zentimeter Land gewinnen. Ich kämpfte gegen den Schwindel, der von mir Besitz ergriff, aber lange hielt mein Widerstand nicht an, dann sackten mir die Beine weg und sämtlich Konturen begannen zu verschwimmen, wurden erst milchig und dann immer dunkler. Ich merkte noch, wie ich aufgefangen und meine Wohnungstür zugezogen wurde. Wie aus einer anderen Welt hörte ich Carletto oder wie immer er auch wirklich heißen mochte, sagen: „War ja leichter als gedacht.“ Johannson brummte irgendetwas. Und dann senkte sich auch die ganze Schwärze über mich und ich verlor mein Bewusstsein.

Eine unendliche Zufriedenheit umfing mich. Ein Gefühl, dass ich so schon lange nicht mehr gefühlt hatte und das somit fast schon in Vergessenheit geraten war. Es war, als würde ich schweben. Mein ganzer Hass und all meine Wut auf mich und die Menschheit schien sich zu verwandeln. Es war nicht, dass er falsch oder unangebracht war oder dass die Menschheit es nicht verdient hätte zu sterben, es war eher so, dass ich meine Kraft mit Kleinigkeiten vergeudete und nun sah, zu was für einer enormen Kraftquelle meine Wut werden konnte, wenn sie nur richtig kanalisiert wurde. Es war wie eine Erleuchtung und als die Lösung nun beinahe zum Greifen nah war und nur noch ein Fingerbreit von mir entfernt, da löste sich diese Zufriedenheit langsam auf und an ihre Stelle trat der alte Zweifel. Gleichzeitig löste sich die Schwärze vor meinen Augen und machte einem weißen Nebel Platz, der sich allmählich lichtete.

Fahrt ins Ungewisse

Langsam öffnete ich meine Augen und sah alles nur verschwommen, wie durch eine riesige Milchglasscheibe, doch allmählich gewann meine Umgebung an Kontur. Im Gegenzug spürte ich nun aber meinen Kopf, der lautstark auf sich aufmerksam machte. Irgendetwas schlug dauernd gegen meinen Kopf, was meine Schmerzen auch nicht wesentlich nahm. Es brauchte eine ganze Weile, bis ich mir meiner Situation bewusst geworden war: ich kauerte auf dem Rücksitz eines Autos und mein Kopf schlug wegen der schlechten Straßenverhältnisse beständig gegen die Scheibe. Ich wollte mich in eine bequeme Position bringen, da merkte ich, dass ich gefesselt war, meine Hände waren auf meinen Rücken gebunden. Mühsam richtete ich mich notdürftig auf und langsam kamen die Erinnerungen zurück; der komische Besuch dieser beiden unterschiedlichen Männer, die wirre Reden, um mich zum Mitgehen zu bewegen und schließlich, wie sie mich betäubt hatten.

„Er kommt zu sich“, raunte es von vorn.

„Das wurde aber auch Zeit, hab Dir doch gesagt, Du sollst nicht so viel von dem Zeug nehmen, irgendwann bringst Du noch jemand um.“ Das war eindeutig die Stimme des Südländers, selbst als er mit seinem Partner sprach, konnte er seinen Singsang nicht ablegen. Er drehte sich nach hinten und lächelte mich an. „Es tut mir leid, Herr Reburas, dass Sie jetzt wegen uns einige Unannehmlichkeiten haben, doch leider war es uns nicht erlaubt, unverrichteter Dinge abzuziehen.“

Benommen schaute ich nach vorn zu den Stimmen, die mich irgendwie in ihr Gespräch einbeziehen wollten, ohne dass ich recht dessen Sinn verstand. Ich möchte auf das Gesagte, das ja irgendwie für mich bestimmt war, etwas entgegnen, doch kaum versuchte ich meine Gedanken zu sortieren und in eine einigermaßen sinnvolle Richtung zu lenken, merkte ich wie sich wieder die Finsternis über mich senkte und ich, trotz aller Kraft, die ich aufwendete, wieder wegdämmerte. Wie aus weiter Ferne und als ob er nicht zu mir gehören würde, spürte ich, wie mein Kopf gegen die Scheibe knallte.

Immer wieder wachte ich aus meiner ungewollten Müdigkeit auf, doch leider gelang es mir nicht, trotz aller Anstrengungen, lange bei Bewusstsein zu bleiben. Zumindest nicht lange genug, um mich auch nur einigermaßen zu orientieren oder zu sehen, wohin wir fuhren. So sehr ich auch meine gesamte Willensanstrengung aufbrachte, gelang es mir nicht, die anhaltende Müdigkeit zu bekämpfen. Ich fiel also noch bestimmt zweimal in diese besondere Form des ungesunden Schlafs, bevor es mir endlich gelang, mich wach zu halten. Wobei wach nur sehr vage meinen Zustand umschrieb: Ich war zwar nun bei Bewusstsein, doch fühlte ich mich dermaßen umnebelt, dass es mir schwer fiel, die Augen lange genug offen zu halten, um erkennen zu können, wo wir uns befanden und wohin wir unterwegs waren. Ich nahm immer nur irgendwelche Landschaftsfetzen wahr, als ich apathisch aus dem Fenster starrte. Auch habe ich es aufgegeben, etwas an meiner Sitzposition zu ändern, da mich sowohl die Fesseln daran hinderten, mich in eine einigermaßen bequeme Position zu bringen, als auch dies eine zu große Anstrengung bedeutet hätte. Ich war ja gerade dazu im Stande nicht ständig wegzudämmern.

Geradezu verwunderlich war, dass ich dieser Situation, so neu und furchteinflößend sie eigentlich hätte sein sollen, doch mit einem gewissen Gleichmut gegenüber stand. Es schien mich gar nicht zu kümmern, was mit mir passierte oder warum eben dies geschah. Nun, es war sicherlich die Nachwirkung des Chloroforms oder weiß Gott, was mir die Kerle noch eingeflößt hatten. Andererseits war ich auch nicht in der Lage, sonderlich intensiv darüber nachzudenken.

Erst als der Wagen sich verlangsamte und in ein altes Fabrikgelände einbog, schienen auch wieder die Lebensgeister zurück zu kommen. Mit einem Schlag wurde mir meine derzeitige Lage bewusst und ich begann auch wieder klarer im Kopf zu werden. In einer anderen Situation hätte man das Gebäude beinahe als schön empfunden. Es war keine dieser neueren, betonklotzförmigen architektonischen Meisterleistungen, sondern noch ein älteres, man wollte beinahe sagen, liebevoller geplantes Bauwerk. Zwar konnten die roten Backsteine nicht über die klobige Trutzigkeit hinweg täuschen, doch wurde diese reine Zweckmäßigkeit immer wieder durch Türmchen oder angedeutete Zinnen durchbrochen. Auf eine sehr subtile Art, war dieser Bau schön zu nennen und auch durchaus dazu angetan, irgendwann einmal in Wohnraum umgewandelt zu werden. Ich blickte mich um und erkannte noch weitere Backsteinbauten, die jedoch im Vergleich zu dem Hauptgebäude von erstaunlich zurückhaltender Architektur waren. Vermutlich handelte es sich bei ihnen um ehemalige Bürogebäude oder Arbeiterwohnungen. Alles machte einen verlassenen, aber sehr gepflegten, Eindruck. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass dieses Areal, so ganz untypisch für Industriegebäude, gänzlich abgelegen mitten in der Landschaft stand. Es gab weder eine Schienenanbindung noch lag es an einer größeren Straße. Im Gegenteil, man musste auf einem recht kleinen Sträßchen erst einige Kilometer zurücklegen, bevor man wieder an die Hauptstraße kam.

„Hilfst Du unserem Gast bitte beim Aussteigen“, meldete sich wieder die Singsang-Stimme Carlettos, die mir nicht nur langsam auf die Nerven ging, sondern auch zunehmend Kopfschmerzen verursachte. „Und sei dieses Mal bitte nicht so grob.“

Johannson brummte etwas. So langsam bezweifelte ich, dass sich sein aktiver Wortschatz auf mehr als 20 Worte belief, wobei das wohl schon eine recht optimistische Schätzung war.

Johannson stieg also aus und knallte seine Tür mit einem solchen Schwung zu, der meinen Kopfschmerzen nicht gerade zuträglich war. Als er um das Auto herumgestapft war, riss er meine Tür auf. Trotz Carlettos Ankündigung war ich nicht darauf gefasst und da ich immer noch halbwegs an der Tür lehnte, fiel ich seitlich aus dem Auto heraus, durch die gefesselten Hände nicht fähig, mich irgendwie abzufangen. Doch was Johannson an Kommunikationsfähigkeit fehlte, machte er an Reaktionsgeschwindigkeit wieder wett. So fing er mich mit einem Griff an den Kragen auf, packte mich unter den Armen und zog mich so äußerst unsanft aus dem Wagen und stellte mich mit einer fließenden Bewegung auf die Beine. Wenn das nicht grob war, dann wollte ich ihn nicht erleben, wenn er sich mal keine Mühe gab.

„Wenn Sie mir bitte folgen würden. Und verzeihen Sie nochmals bitte die Unannehmlichkeiten.“ Carletto war inzwischen auch ausgestiegen und wandte sich direkt an mich. Kurzfristig war ich in der Versuchung, ihm eine böse Entgegnung ins Gesicht zu schleudern. Doch die Vernunft in mir siegte, ich schluckte sie herunter und nickte stattdessen nur.

„Na, dann wollen wir mal.“ Irrte ich mich oder hatte sich mit diesem Satz eben Johannsons Vokabular verdoppelt? Vielleicht schätzte ich ihn gänzlich falsch ein und er war ein rethorisch geschulter Demagoge. Doch diese Überlegungen machte er gleich wieder zunichte, indem er mir einen ordentlichen Klaps auf die Schulter gab. Dies veranlasste mich ein paar schnelle Schritte nach vorne zu machen, um nicht auf der Nase zu landen.

Nach einem tadelnden Blick in Johannsons Richtung machte sich Carletto auf, die Führung unseres ungleichen Triumvirats zu übernehmen. Da mir das Vorrecht zuteil wurde, in der Mitte zu gehen, rechnete ich mit weiteren Attacken von meinem Hintermann, die jedoch überraschenderweise ausblieben.

Die paar Meter, die wir brauchten, um das Fabrikgebäude zu erreichen, genügten, um mir in den grausamsten Farben auszumalen, was mit mir passieren sollte. Eine Lösegeldforderung habe ich von vorne herein ausgeschlossen, da weder ich noch irgendwelche Freunde oder Verwandte relativ wohlhabend waren. Auch war ich nicht im Besitz irgendwelcher geheimer Formeln zur Erschaffung von geklonten Soldaten, thermonuklearen Geheimwaffen oder sonstiger Erfindungen, die die Weltherrschaft sichern würden. Zumindest war ich nicht wissentlich im Besitz solcher Formeln. Was käme sonst noch in Betracht? Vielleicht ein Kannibale, der mit mir speisen wollte? Auch von solchen Fällen hatte man schon gehört. Oder wollte ein Serientäter mit mir seiner Philosophie Ausdruck verleihen und mich in gewisser Weise als Collage für die Verderbtheit der Menschen drapieren? Aber würde er in einem solchen Fall Personal beschäftigen? Foltervideos für wohlhabende Investoren wäre ja beinahe noch der realistischste Grund für meine Anwesenheit. Es war nicht so, dass ich Angst vor dem Tod oder dem Sterben hatte. Oftmals ersehnte ich ihn sogar. In letzter Zeit zwar etwas seltener, aber immer noch. Aber ich wollte bestimmt nicht auf einem abgelegenen Fabrikgebäude zur höheren Freude irgendeines Menschen, dessen Geist noch kränker war als der meine, mein Leben beendet wissen. Ein bisschen mehr Selbstbestimmung wäre schon schön gewesen. Während ich mich also auf die Folterinstrumente, die hinter den Türen des vor mir liegenden Gebäudes auf mich warteten, vorbereitete und mir überlegte, wie ein möglicher Fluchtversuch aussehen könnte, durchschritten meine zwei Begleiter mit mir im Schlepptau die Eingangstüren, die überraschend luxuriös gestaltet waren. Auf alles war ich vorbereitet, aber nicht auf das, was mich nun erwartete...

Ankunft im Nirgendwo

Ich blinzelte, weil ich meinen Augen nicht traute. Schüttelte den Kopf, um dieses Trugbild zu verscheuchen und öffnete abermals die Augen. Doch der Anblick, der sich mir bot, war immer noch der gleiche: Das Innere des Fabrikgebäudes musste in jahrelanger Arbeit umgebaut worden sein. Nichts erinnerte an seinen ursprünglichen Zustand. Als wir das Eingangsportal durchschritten hatten, offenbarte sich mir ein Foyer, das es durchaus an Ausstattung mit dem eines Herrenhauses aufnehmen konnte. Eine geschwungene Mahagonitreppe, die einen Großteil des Raumes einnahm, führte nach oben, der Boden war mit italienischem Marmor ausgelegt, die Wände waren mit Gemälden namhafter Künstler, soweit ich das beurteilen konnte, waren es Originale, verziert. Zu meiner Rechten stand eine barocke Sitzgruppe, zu meiner Linken war ein Ritter samt Pferd in Angriffspose nachgebildet. Selbstverständlich im Verhältnis 1:1. Links und rechts des Foyers führten mächtige doppelflügelige Holztüren in weitere Bereiche dieser absonderlichen Residenz. Der ganze Raum war in einem dezenten Pastellblau gehalten, was ihn noch größer wirken ließ. Ich wandte meinen Kopf nach oben und erblickte einen prachtvollen Kronleuchter.

Carletto nahm mein Erstaunen wohlwollend zur Kenntnis, sagte aber nichts dazu. „Hier entlang bitte“, war das Einzige, was über seine Lippen kam. Ganz untypisch, ihn Sätze von weniger als 50 Worten sprechen zu hören. Dieser Drei-Wort-Satz würde eher zu seinem Begleiter passen, bei ihm war er irgendwie deplatziert.

Er öffnete die Flügeltür zur Rechten und wir traten in ein Arbeitszimmer, das als Wohnraum für eine vierköpfige Familie bei Weitem ausgereicht hätte. Der Raum war nahezu quadratisch und wurde von einem wuchtigen Kirschholzschreibtisch dominiert, vor dem ebenfalls zwei barocke Sessel standen. An der linken Wand war ein sehr detailliert gestalteter offener Kamin angebracht, neben dem eine mit Schnitzereien verzierte Türe in einen anderen Bereich des Gebäudes führte. Hinter dem Schreibtisch ging ebenfalls eine Tür ab, die aber im Vergleich zu allem bisher Gesehenen eher schlicht wirkte und neben der ein ebenfalls barocker Beistelltisch stand. Die restlichen Wände wurden von Bücherregalen in Beschlag genommen, die bis an die Decke reichten und durchweg mit antiquarisch wirkenden Werken angefüllt waren. Im rechten Teil des Raumes stand eine teuer aussehende Ledercouch mit zwei Sesseln, die sich um einen Biedermeier-Couchtisch herum gesellten. Der ganze Raum wurde von einem einzigen Kronleuchter erhellt, der ihm eine warme Atmosphäre verlieh.

„Nehmen Sie bitte hier Platz“, wies mich Carletto an und führte mich zu den Sesseln vor dem Schreibtisch. Ich nahm auf dem mir zugewiesenen Platz. „Sie werden gleich empfangen.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ Carletto den Raum und ließ mich allein zurück. Ich wusste nicht, was ich von dieser ganzen Geschichte halten sollte. Seit ich heute Morgen aufgestanden war, wurde es irgendwie immer geheimnisvoller und eine Klärung schien noch lange nicht in Sicht. Was wollten diese Leute von mir und warum wurde ausgerechnet ich ausgewählt für dieses komische Projekt?

Während ich noch meinen Gedanken nachhing, öffnete sich die Tür mir gegenüber und mein vermeintlicher Gastgeber betrat den Raum. Was mir da entgegentrat, verlieh der Situation noch einen zusätzlichen skurrilen Charakter. Die Person hatte schulterlange, glatte, schwarze Haare, war groß (ich schätzte ihn auf mindestens 1,85 m), schlank und wie schon meine Eskorte ganz in schwarz gekleidet. Doch während meine Entführer zeitgemäß modern gekleidet waren, fühlte ich mich bei ihm jetzt um Jahrhunderte zurückversetzt. Sein Hemd war vorn und an den Ärmeln mit Rüschen versetzt, darüber trug er einen eleganten Gehrock aus Brokat, der mit goldenen Knöpfen besetzt und mit dezenten Stickereien verziert war. Eine schwarze Wildlederhose und elegante, aber altertümlich anmutende Stiefel rundeten das Bild ab. Man könnte meinen, in einem Vampirfilm gelandet zu sein, einem der besseren immerhin, aber weder spitze Zähne noch rote Augen, noch sonst irgendetwas deutete auf eine untote Vergangenheit hin.

Er schenkte mir ein warmes, ernst gemeintes Lächeln als er eintrat. „Es freut mich, Sie in meinem bescheidenen Haus begrüßen zu dürfen, Herr Reburas. Ich hoffe Sie wurden einigermaßen gut behandelt.“

„Nun, ich habe leider nicht viel von der Fahrt mitbekommen“, entgegnete ich zynisch.

Er nickte wissend und ich vermeinte einen etwas schuldbewussten Blick erhascht zu haben. „Nun will ich aber nicht den schlechten Eindruck, den Sie bisher von unserer Institution gewonnen haben, noch weiter vertiefen. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Siegfried von Lichterbrache ist mein Name.“

Ich stutzte bei der Erwähnung seines Namens.