11,99 €
Während eines exklusiven Junggesellenabschieds an der französischen Riviera gerät der schwedische Staatsbürger Amir Yasin mitten in ein blutiges Attentat und wird, des Mordes verdächtigt, seiner Freiheit beraubt. Nach mehreren Terroranschlägen hat sich die Stimmung in Europa verschärft und der ehrgeizige Richter Philippe Duvernoy führt die französischen strafrechtlichen Ermittlungen mit eiserner Hand. Die Jagd nach den Attentätern erstreckt sich über mehrere Länder und in Den Haag werden die schwedische Staatsanwältin Esther Edh und ihre italienische Chefin Fabia Moretti in den Fall involviert. Wer ist Amir Yasin und was ist wirklich in der Bar in Juan-les-Pins passiert? Die komplizierte Angelegenheit wird bald von Machtspielen und nationalem Revierdenken geprägt. Amir Yasin ist von seiner Familie in Stockholm isoliert und kämpft verzweifelt in Fleury-Mérogis, einem der größten und brutalsten Gefängnisse Europas um sein Überleben und um Gerechtigkeit. Der Roman ist der erste einer Reihe über Esther Edh und Fabia Moretti.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2025
DARK PLACES
Malin Thunberg Schunke
Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner Herausgegeben von Jürgen Ruckh
Polar Verlag
Originaltitel: Ett högre Syfte
Copyright: © Malin Thunberg Schunke 2019
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2025
Aus dem Schwedischen von Stefanie Werner
Mit einem Nachwort von Sonja Hartl
© 2025 Polar Verlag e. K., Rippoldsauer Str. 2, 70372 Stuttgart
Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an unsere Adresse oder
www.polar-verlag.de
Redaktion: Jürgen Ruckh
Lektorat: Ingola Lammers
Korrektorat: Andreas März
Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann
Coverfoto: © zef art/Adobe Stck
Autorenfoto: © Anna-Lena Ahlström
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, DK 8800 Viborg, [email protected]
Printed in Denmark 2025
ISBN: 978-3-910918-18-4
eISBN: 978-3-910918-19-1
Für meinen Vater
Prolog
Erster Teil
Kapitel 1 Nizza, Freitag, 12. Juni 2015
Kapitel 2 Stockholm, Freitag, 12. Juni 2015
Kapitel 3 Cap d’Antibes, Freitag, 12. Juni 2015
Ein Jahr zuvor
Kapitel 4 Juan-les-Pins, Freitag, 12. Juni 2015
Kapitel 5 Juan-les-Pins, Samstag, 13. Juni 2015
Kapitel 6 Juan-les-Pins, Samstag, 13. Juni 2015
Kapitel 7 Cap d’Antibes, Samstag, 13. Juni 2015
Zweiter Teil
Kapitel 8 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 5. Februar 2016
Kapitel 9 Anti-Terroreinheit, Palais de Justice, Paris, 5. Februar 2016
Kapitel 10 Stockholm, 5. Februar 2016
Kapitel 11 Uppsala, 8. Februar 2016
Kapitel 12 Stockholm, 8. Februar 2016
Kapitel 13 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 9. Februar 2016
Dritter Teil
Kapitel 14 Eurojust, Den Haag, 11. April 2016
Kapitel 15 Eurojust, Den Haag, 11. April 2016
Kapitel 16 Eurojust, Den Haag, 11. April 2016
Kapitel 17 Anti-Terroreinheit, Palace de Justice, Paris, 12. April 2016
Kapitel 18 Eurojust, Den Haag, 12. April 2016
Kapitel 19 Eurojust, Den Haag, 14. Juni 2016
Kapitel 20 Polizeistation in Porto Vecchio, Korsika, 15. Juni 2016
Kapitel 21 Polizeistation in Porto Vecchio, Korsika, 15. Juni 2016
Kapitel 22 Korsika und Sardinien, 15. Juni 2016
Kapitel 23 In der Nähe von Olbia, Sardinien, 15. Juni 2016
Kapitel 24 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 17. Juni 2016
Kapitel 25 Stockholm, 17. Juni 2016
Kapitel 26 Stockholm, 17. Juni 2016
Kapitel 27 Stockholm, 17. Juni 2016
Kapitel 28 Södermalm, Stockholm, 17. Juni 2016
Kapitel 29 Eurojust, Den Haag, 21. Juni 2016
Kapitel 30 Polizeistation in Porto Vecchio, Korsika, 23. Juni 2016
Kapitel 31 Polizeistation in Porto Vecchio, Korsika, 23. Juni 2016
Kapitel 32 Anti-Terroreinheit, Palais de Justice, Paris, 24. Juni 2016
Kapitel 33 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 27. Juni 2016
Kapitel 34 Porto Vecchio, Korsika, 28. Juni 2016
Kapitel 35 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 28. Juni 2016
Kapitel 36 Anti-Terroreinheit, Palais de Justice, Paris, 28. Juni 2016
Kapitel 37 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 28. Juni 2016
Vierter Teil
Kapitel 38 Eurojust, Den Haag, 19. Juli 2016
Kapitel 39 Eurojust, Den Haag, 19. Juli 2016
Kapitel 40 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 19. Juli 2016
Kapitel 41 Den Haag, 19. Juli 2016
Kapitel 42 Den Haag, 19. Juli 2016
Kapitel 43 Den Haag, 19. Juli 2016
Kapitel 44 Pressekonferenz Paris, 25. Juli 2016
Kapitel 45 Eurojust, Den Haag, 26. Juli 2016
Fünfter Teil
Kapitel 46 Eurojust, Den Haag, 22. September 2016
Kapitel 47 Stockholm, 22. September 2016
Kapitel 48 Kapelle zu Djursholm, Stockholm, 24. September 2016
Kapitel 49 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 30. September 2016
Kapitel 50 Fleury-Mérogis-Gefängnis, Paris, 30. September 2016
»Ein europäischer Kriminalroman« Ein Nachwort von Sonja Hartl
Wie steht es um den Rechtsstaat in der EU?
Auftakt einer Reihe
Vorsichtig sah Amir auf. Ein paar wimmernde Barbesucher robbten links von ihm durch Glassplitter, suchten Schutz hinter Tischen. Ihre blutigen Handflächen schienen sie nicht zu bemerken. Im Augenwinkel sah er ein paar junge Frauen in Richtung Ausgang rennen, der Mann, der Wache stand, ließ sie hinaus.
Ich muss auch raus. Jetzt.
Voller Verzweiflung ging Amir auf alle viere und begann, zum Ausgang zu kriechen. Übelkeit überkam ihn, alles verschwamm vor seinen Augen. Er drehte sich auf die Seite und erbrach eine Mischung aus Essensresten, Alkohol und Galle. Da fielen ihm plötzlich die anderen ein. Ob die immer noch da oben waren? Als er sich zur Treppe umdrehte, traf ihn etwas mit enormer Wucht ins Kreuz. Er wurde nach vorn geschleudert und schlug mit dem Gesicht auf dem Parkett auf. Wieder füllten sich Nase und Mund mit warmer Flüssigkeit.
Blut. Jetzt hat’s mich erwischt. Die haben mir in den Rücken geschossen.
Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Körper. Um ihn herum nahm er wahr, wie schreiende, um ihr Leben rennende Menschen flüchteten, doch Amir konnte sich nicht mehr bewegen.
Um die Mittagszeit landete das Flugzeug in Nizza. Sie wurden am Ausgang abgeholt, an erwartungsvollen, fröhlichen Touristen und gestressten Geschäftsleuten vorbeigelotst und zu einem schwarzen Citroën C5 gebracht. Freundlich lächelnd hielt ihnen ein Chauffeur die Wagentür auf. Schon auf der gut vierzig Minuten langen Fahrt nach Cap d’Antibes floss der Champagner.
Amir Yasin saß eingeklemmt zwischen seinen Freunden hinten auf dem Rücksitz und versuchte zu vermeiden, die weißen Ledersitze zu bekleckern. Das bekannte Gefühl von prickelnder Vorfreude auf den Urlaub hatte sich bereits eingestellt.
Rechts von Amir saß sein engster Freund, Manfred Halvarsson, ein blasser Mann, fünfunddreißig, den erstaunlich viele Menschen für fade und langweilig hielten. Doch weit gefehlt, Manfred konnte sehr unterhaltsam sein. Sein Lehrauftrag für Zivilrecht an der Uni war genau das Richtige für ihn, obwohl er immer wieder behauptete, dass ihm jede Form von Unterricht verhasst sei, ebenso wie die meisten seiner Kollegen und mit wenigen Ausnahmen auch alle Jurastudenten.
Zu Amirs Linken saß der Mann, der der eigentliche Grund für ihre Reise war: Fredrik Cederbeck, der in wenigen Wochen in der Storkyrka in Stockholm den Bund der Ehe schließen wollte. Dass Fredrik heiraten würde, hatte sie alle überrascht, ihn selbst möglicherweise auch. Amir vermutete, dass Fredriks Eltern am Ende ein Machtwort gesprochen hatten und der Sohn sich nun endlich in das Bild der so erfolgreichen Familie Cederbeck einfügen sollte. Nicht dass der Sohn ein schwarzes Schaf gewesen wäre, er hatte durchaus seinen Platz im Unternehmensimperium der Familie gefunden, auch wenn er die Prüfungen in Wirtschaftswissenschaften nur mit Ach und Krach bestanden hatte. Das Problem war eher, dass er in den vergangenen sechs Jahren zwei Kinder mit einer der Sekretärinnen gezeugt hatte, ohne auch nur einen Gedanken an eine dauerhafte Beziehung zu verschwenden. Zumindest nicht mit ihr. Nachdem Fredrik Sophie kennengelernt hatte, war die Zeit also reif, solide zu werden.
Vom Vordersitz ertönte eine helle und etwas leiernde Stimme. Carl Ludwig Bergenrud erklärte dem einheimischen Chauffeur mit großem Engagement und in einwandfreiem Französisch, wie sich die französische Innenpolitik unter Präsident Hollande verändert hatte. Der Chauffeur gab hin und wieder höflich ein paar zustimmende Laute von sich.
Im selben Takt, in dem sich die Champagnerflaschen leerten, näherten sie sich ihrem Fahrtziel. Der Fahrer drosselte das Tempo, als sie durch die pittoresken Gassen von Antibes fuhren und die stattliche Burganlage passierten. Überall saßen Menschen und genossen unter rot-weiß gestreiften Sonnenschirmen ein spätes Mittagessen.
»Und ich habe immer behauptet, Stockholm sei die schönste Stadt der Welt.«
Grinsend lehnte Fredrik sich durch das offene Wagenfenster, während sie auf der kurvigen Küstenstraße zu der Halbinsel Cap d’Antibes weiterfuhren. Segelboote und Jachten glitten langsam über die grün schimmernde Wasseroberfläche. Vor ihnen lagen einige der teuersten Villen der Welt, inmitten von Felsen und blühender Vegetation. Die meisten waren mit Überwachungskameras ausgerüstet und hinter hohen Zäunen verborgen. Wie Saint-Tropez war auch Cap d’Antibes ein Spielplatz der Reichen und Schönen.
»Und, bist du mit unserem Reiseziel zufrieden?« Belustigt wandte sich Ludwig an Fredrik, der, ganz wie es seine Art war, die letzten Tropfen in sein eigenes Glas leerte.
In dem Moment bog der Wagen auf einen gekiesten Hof ein, wo ein Hotel mit sandfarbener Fassade und königsblauen Balkongeländern stand.
Das Foyer, das mit italienischem Marmor ausgestattet war, war menschenleer. Ludwig betätigte die goldfarbene Glocke auf dem exklusiven Schreibtisch.
»Was ist das denn für ein Ort, richtig spooky!« Manfred wies auf eine Reihe von Bildschirmen, die unter anderem einen eleganten Pool mit Jacuzzi zeigten, offenbar befand sich das Spa im Keller des Hotels. »Wer hockt hier wohl sabbernd und stalkt seine ahnungslosen Gäste im Wellnessbereich?«
Bevor einer von ihnen antworten konnte, ertönte durchdringendes Gebell, und zwei riesige, graue Deutsche Doggen kamen hinter ihnen die Treppe hinaufgesprungen, gefolgt von einem jungen Mann mit arroganter Miene. Mit gekünsteltem Lächeln fragte er, ob sie gebucht hätten, dabei war deutlich zu spüren, dass es ihn insgeheim gefreut hätte, wäre dies nicht der Fall gewesen. Was die Arroganz anging, hatte er jedoch seinen Meister gefunden. Nur Minuten später hielt Ludwig ihre Zimmerschlüssel in der Hand, und kurz darauf führte sie die Eigentümerin, eine elegante, ältere Dame, zu ihren Räumen. Zu Ludwigs Ärger folgten ihr sogar die Hunde.
Bevor jeder sein Zimmer aufsuchte, erinnerte Ludwig sie an ihren Treffpunkt um 18 Uhr vor dem Hoteleingang.
»Dann werden wir abgeholt und nach Juan-les-Pins gebracht. Das Programm für den Abend ist streng geheim, aber unser bescheidenes Ziel ist es natürlich, ihn unvergesslich zu machen.«
Hanna Fredriksson war zu spät. Schon wieder. Vergeblich versuchte sie, mit ihrer Tochter Schritt zu halten, die buchstäblich zum Eingang ihrer Schule flog, während sie einen träumenden Siebenjährigen hinter sich herzog, der alle Zeit der Welt zu haben schien. Wenn sie etwas nicht ausstehen konnte, dann waren es Klassenfeste.
»Mama, beeil dich. Die anderen sind schon da.« Nils riss sich von ihrer Hand los und verschwand in der Masse von kreischenden Kindern und laut plaudernden Eltern.
Hanna rief ihren Kindern noch etwas hinterher, doch es war völlig aussichtslos, zu ihnen durchzudringen. Daher ging sie erst einmal zum Büfett und stellte diskret ihre Schüssel ab. Zum vierten Mal in Folge hatte sie nur eine Schale Popcorn dabei, weil ihr die Fantasie (oder Zeit) für ein vorzeigbares Gericht gefehlt hatte. Einmal war sie von einer der Bilderbuch-Mütter, die mit selbstzufriedenem Lächeln gerade eine große Platte mit selbst gebackenem Apfelkuchen auf dem Tisch platzierte, dabei ertappt worden und knallrot angelaufen. Leider gab es an ihrer Schule viele davon. Zu viele.
Nachdem sie sich einen Becher Kaffee eingeschenkt hatte, machte sie sich auf die Suche nach Eltern, die sie kannte. Im Schulhof standen einige in kleinen Grüppchen herum und unterhielten sich gut gelaunt. Hanna hoffte inständig, nicht gerade Nils’ Klassenlehrerin über den Weg zu laufen. Die Pädagogin ließ sich keine Gelegenheit entgehen, die Eltern mit Klagen über kleinere oder größere Defizite ihrer Kinder zu quälen. Bei der letzten Weihnachtsfeier musste Hanna eine halbe Stunde Kritik an Nils’ anhaltender Konzentrationsstörung und der besorgniserregenden Unordnung in seinem Schulranzen über sich ergehen lassen.
Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als eine schick gekleidete, rothaarige Frau in den Vierzigern hinter ihr auftauchte und ihr den Arm um die Schulter legte.
»Da bist du ja endlich. Ich nehme an, auch dieses Jahr wieder spät dran?«
»Ich hab grad viel im Büro zu tun«, murmelte Hanna.
Hanna kannte Louise Bergenrud seit Jahren, denn ihr Mann Ludwig und Amir waren alte Studienfreunde. Sie wohnten auch nicht weit voneinander entfernt, und Hannas zwölfjährige Tochter Alice ging mit Louises Zwillingen Baltasar und Fanny in dieselbe Klasse.
»Hast du schon was von Amir gehört? Ludwig hat mir geschrieben, dass sie gut gelandet sind.« Louise lächelte die Rektorin, die gerade vorbeiging, zuckersüß an. Dann richtete sie ihren Blick auf ihre Kinder, die ein Stück entfernt auf dem Fußballplatz Brennball spielten.
»Nein, noch nicht. Er wollte sich melden, wenn sie im Hotel angekommen sind.« Da erst merkte Hanna, dass ihr in dem allgemeinen Trubel gar nicht aufgefallen war, dass Amir sie noch nicht angerufen hatte, und sofort machte sich das schlechte Gewissen bemerkbar.
»Mama, jetzt komm endlich!« Nils war wieder da und zog Hanna in den hinteren Teil des Schulhofs. »Wir wollen Tauziehen spielen. Meine Lehrerin macht auch mit.«
Da noch genügend Zeit war, ergriff Amir Yasin die Gelegenheit und machte einen Spaziergang. Nach kurzer Zeit schon stand er vor einem Strandcafé. Er hatte Glück und fand einen freien Tisch, zwischen lauter französischen Familien, die sich angeregt unterhielten und die Sonne genossen. Der Rosé floss reichlich. Nur wenige Tische entfernt saß ein schwedisches Paar, das offenbar ein Haus in der Gegend besaß. Sie unterhielten sich leise und nicht gerade zärtlich. Gehetzte, aber sehr freundliche Kellner balancierten Platten mit Hummersalat und Austern.
Amir betrachtete den kleinen Strand und die grün blühende Landzunge, die zwischen den steilen Klippen und der Brandung hervorstach, verfolgte den geschlängelten Weg dicht am Meer entlang. Dies war ganz sicher einer der schönsten Ausblicke, die er je gesehen hatte. Viel gereist war er allerdings noch nicht. Im Grunde war es eigenartig, dass gerade er an diesem Ort gelandet war, zudem in dieser Gesellschaft.
Amir war als Kind mit seinen Eltern Donia und Karim nach Schweden gekommen. Die Familie hatte sich in Husby, einem Vorort von Stockholm, niedergelassen. Obwohl diese Gegend ein sozialer Brennpunkt war, erfuhr Amir dort viel Geborgenheit und verbrachte eine äußerst glückliche Kindheit. Sein Vater arbeitete in einer Autowerkstatt nicht weit entfernt, und seine Mutter hatte eine Putzstelle in einem Krankenhaus ganz in der Nähe.
Erst als Amir die Schule schon einige Jahre besucht hatte, wurde ihm klar, wie schwer es für den Großteil der Jugendlichen in Husby war, ihren Platz in der schwedischen Gesellschaft zu finden. Im Gegensatz zu seinen Eltern, die die schwedische Sprache sehr schnell gelernt hatten, konnten die Eltern von Mitschülern nach Jahren noch kein Wort.
Karim, der die Werkstatt schrittweise übernehmen konnte, war klug genug, zu verstehen, dass es für Amir in Husby keine Zukunft gab. Tag für Tag predigte er seinem Sohn, wie wichtig gute Noten seien, damit er eine Chance auf einen Studienplatz an der Universität hatte.
»Du musst Husby verlassen. Das ist die einzige Möglichkeit, wenn du nicht bei mir in der Autowerkstatt enden willst«, war seine Rede.
Und sie wirkte. Amir liebte seinen Vater und war stolz auf ihn, dass er es geschafft hatte, als Selbstständiger aus dem Irak in Schweden Fuß zu fassen. Er selbst konnte sich allerdings nicht vorstellen, sein Leben umgeben von Dreck und giftigen Abgasen zu fristen.
Es war Amir immer wichtig gewesen, seinen Eltern ein bisschen von dem zurückzugeben, was er als Kind bekommen hatte und damit seine Wertschätzung zu zeigen. So waren Hanna und er auf die Idee gekommen, die beiden zu einem Sommerurlaub nach Mallorca einzuladen.
Es war die allererste Urlaubsreise seiner Eltern gewesen, vielleicht war sie deshalb nicht recht geglückt. Karim wanderte pausenlos zwischen Pool und dem üppigen Büffet hin und her und fragte unruhig und mit genervter Stimme, was denn jetzt zu tun sei. Oder, wie er es ausdrückte: »Wo ist Urlaub?«
Donia war mit der Reinigung im Hotel unzufrieden und bestand darauf, die Böden jeden Abend selbst zu wischen. Das Ganze hätte wirklich mit einer Katastrophe enden können. Nämlich wenn Hanna, mit der Amir sich erst kurz zuvor verlobt hatte, nach dieser Erfahrung das Weite gesucht hätte. Doch glücklicherweise war seine Angst unbegründet gewesen.
Amir hatte an der Universität Stockholm Betriebswirtschaft studiert. Wie stolz waren seine Eltern gewesen, als er mit dem Zulassungsbescheid in der Tür stand! Und an der Uni hatte er dann die anderen kennengelernt. Ludwig und Amir wetteiferten immer um die besten Noten, und Fredrik schaffte seine Klausuren, indem er die Mitschriften der anderen aus den Vorlesungen kopierte.
Dann hatte Amir eine Stelle bei einem mittelständischen schwedischen Unternehmen gefunden. Die Arbeit gefiel ihm, auch wenn er natürlich bei Weitem nicht so viel verdiente wie Ludwig. Mit Fredrik konnte man sich nicht vergleichen: Cederbecks war eines der erfolgreichsten Familienunternehmen in ganz Schweden. Und Fredriks Vater hatte Manfred in den Freundeskreis eingeführt. Zu der Zeit studierte Manfred noch Jura in Uppsala und war der Sohn eines Geschäftskunden der Familie Cederbeck.
Amir strich sich eine schwarze, lockige Haarsträhne aus dem Gesicht, dabei fiel sein Blick auf sein Smartphone. Ob Hanna und die Kinder schon wieder zu Hause sind? Wieder einmal kam ihm der Gedanke, welch unglaubliches Glück er doch hatte. Dass Hanna sich ausgerechnet für ihn entschieden hatte. Auch wenn sie sich mit ihm freute, dass er diese Reise machen konnte, hatte sie durchblicken lassen, dass sie selbst auch gern ein paar kinderfreie Tage in Cap d’Antibes verbracht hätte. Er nahm sich vor, sie einmal hierher mitzunehmen und genau dieses Café mit ihr zu besuchen. Beflügelt von diesem Gedanken bezahlte er seine Rechnung und beschloss, noch ein Stück auf dem wunderschönen Küstenweg weiter zu spazieren, bevor es an der Zeit war, ins Hotel zurückzukehren.
»Damit hätten wir Namen, Alter, Wohnsitze der vergangenen Jahre, Ausbildung und frühere Jobs geklärt.«
Ein Profi, ganz klar, aber seine Stimme klang gelangweilt.
Schon bald eine Stunde hockte er hier. Die Hitze war unbeschreiblich, aber er fand, dass er sich bisher ziemlich gut geschlagen hatte. Trotzdem streckte er seinen durchtrainierten Körper, um sich auf dem klapprigen Feldstuhl in eine aufrechtere Stellung zu bringen. Wirkten die nicht irgendwie mäßig interessiert?
Derjenige der beiden Männer, der die Verhandlungen zu führen schien, konzentrierte sich nun ganz darauf, etwas in den Laptop einzutippen. Hin und wieder knackte es in dem glänzenden Ohrhörer, den er im rechten Ohr trug.
»Okay«, fuhr er fort, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. »Du passt ausgezeichnet zu unserer Organisation, aber leider ist unser Bedarf in dieser Gegend schon gedeckt. Im Moment nehmen wir keine Neuen mehr auf.«
Er starrte in ihre Gesichter, aber wie sollte er hinter den Masken ihre Mienen erkennen.
Der Mut verließ ihn. Nervös sah er sich um, während er händeringend nach einer geeigneten Antwort suchte. Weiter entfernt waren Schüsse zu hören, doch außer Sandmassen in einer endlosen Wüstenlandschaft konnte er nichts erkennen.
»Wir könnten dich in Europa gebrauchen.«
»In Europa?« Ihm fiel selbst auf, wie erschrocken seine Stimme klang. Er hatte alles aufgegeben, um hierherzukommen, und jetzt wollten sie ihn einfach zurückschicken.
»Wie gesagt. Wir brauchen dich. Aber in Europa.«
Die nasale Stimme klang leicht irritiert, ihm war klar, dass er jetzt irgendwie reagieren musste. Er hatte keine Zeit mehr. Bald würde alles vorbei sein.
»Verstehe«, antwortete er schließlich zögernd. »Und wo genau … in Europa?«
»Wer besorgt die nächste Runde?« Fredrik ließ sich in den braunen Ledersessel sinken und sah die anderen fragend an.
Sie hatten das Restaurant, in dem sie hervorragend gegessen hatten, soeben verlassen und befanden sich nun in einer Bar, nur einen Steinwurf von dem wunderschönen Sandstrand in Juan-les-Pins entfernt.
Auf dem Weg dorthin hatten sie Fredrik mit einem Drink in dem weltbekannten Luxushotel Hôtel du Cap-Eden-Roc überrascht, wo der Blick von der Terrasse sensationell war. Klarblaues Wasser, so weit das Auge reichte, und freie Sicht auf die Inseln vor der Küste von Cannes. Nur Fredriks penetrante Fragen an das Servicepersonal, wo sich die Stammgäste Leonardo DiCaprio und Paris Hilton aufhielten, hatten etwas gestört.
Ansonsten war die Stimmung ausgelassen und froh. Als sie sich abends vor dem Hotel getroffen hatten, hatte Ludwig sie mit einem Stirnrunzeln begrüßt. Sowohl er als auch Fredrik trugen teure Anzüge, dazu Hemd und Krawatte, während Manfred und Amir eher smart casual gekleidet waren. Manfred stand da in einem blauen Sakko und einer lindgrünen Chino, und Amir hatte sich für eine schwarze Jeans mit Sakko und T-Shirt entschieden. Ludwig hatte angemerkt, dass Amirs Angewohnheit, immer einen kleinen Rucksack bei sich zu tragen, für einen Schulausflug passender sei als für solch einen Anlass.
»Ich hoffe sehr, ihr habt euch für meinen letzten Abend in Freiheit noch etwas mehr einfallen lassen«, sagte Fredrik und fuhr sich über das zurückgegelte Haar. Von dem Alkohol, den er jetzt schon konsumiert hatte, hatte der Teint seines rundlichen Gesichts eine fast lilafarbene Färbung angenommen. Amir hoffte sehr, dass sie vor der Hochzeit wieder verschwinden würde.
»Ich glaube, jetzt bin ich an der Reihe mit der nächsten Order«, meinte Manfred und sah sich um. Sie waren an der Bartheke vorbeigekommen, als sie hineingegangen waren, hatten sich aber für einen Platz im oberen Stockwerk entschieden, wo die Einrichtung nur aus ein paar Tischen und abgewetzten Ledersesseln bestand.
Manfred erhob sich, doch Amir hielt ihn fest. »Setz dich. Diese Runde geht auf mich. Ich nehme an, ihr trinkt so ziemlich alles …« Amir schnappte sich seinen Rucksack und steuerte die Treppe an, gefolgt von Bestellwünschen und nicht ganz ernst gemeinten Ratschlägen.
»Und Amir, lass deine kleine Abendhandtasche nicht liegen!«, brüllte Fredrik ihm hinterher.
Schnell sprang Amir die Treppe hinunter. Er spielte mit dem Gedanken, Hanna kurz anzurufen. Zwar hatte er mit ihr schon gesprochen, bevor sie zum Restaurant aufgebrochen waren, doch wenn er feiern war, rief er sie in der Regel mehrmals an. Wenn er woanders übernachtete, meldete er sich immer vor dem Einschlafen, egal wie spät es war. Ganz glücklich war Hanna darüber nicht, mitten in der Nacht von ihrem grölenden Freund geweckt zu werden, der unentwegt davon faselte, wie sehr er sie liebte und was er jetzt mit ihr anstellen würde, wenn er neben ihr läge. Sie hatte bereits einen halbherzigen Versuch unternommen, ihm die Anrufe nach Mitternacht zu verbieten, aber das hatte er einfach ignoriert. Sie hatte auch nicht so geklungen, als wäre es ihr wirklich ernst. Meinte er jedenfalls.
Amir öffnete seinen Rucksack und tastete nach seinem Smartphone. Immer rutschte es nach unten. Ihm war klar, dass er ziemlich betrunken war. Schnell überprüfte er die Lage an der Theke. Wahrscheinlich war es klüger, gleich zu bestellen, den Jungs die Getränke hochzubringen und Hanna dann anzurufen? Gerade war an der Bar eine kleine Lücke entstanden, die ihm die Möglichkeit verschaffte, den etwas arroganten Barmann dazu zu bringen, ihn zu bedienen.
Vor den großen Fenstern zur Straße hin befand sich eine größere Gesellschaft, die Leute hatten offenbar etwas zu feiern, sie unterhielten sich lautstark auf Französisch und gestikulierten wild. Rechts von ihnen saßen einige jüngere Männer auf Barhockern.
Als Amir sich auf den Weg zur Theke machte, fielen ihm zwei Männer auf, die sich mit energischen Schritten näherten. Sie waren gerade erst in die Bar gekommen, gemeinsam mit einem dritten Mann, der allerdings noch am Eingang stand und auf die anderen zu warten schien. Alle drei trugen schwarze Jeans und Hoodies. Einer von ihnen hielt eine größere Sporttasche in der Hand.
Amir legte einen Schritt zu, damit sie nicht vor ihm die Theke erreichten, doch im selben Moment geriet er in Blickkontakt zu einem der Männer. Der Mann war eigentlich nicht angsteinflößend. Trotzdem beschlich Amir ein ungutes Gefühl.
Noch bevor Amir reagieren konnte, standen die Männer neben ihm. Dann ging alles ganz schnell. Der etwas kleinere Mann holte eiskalt zwei schwarze Waffen aus der Tasche und reichte eine seinem Komplizen, der neben Amir stand. Fast gleichzeitig fiel der erste ohrenbetäubende Schuss.
Amir spürte, wie ihm eine warme Flüssigkeit über eine Gesichtshälfte lief. Instinktiv riss er die Hände hoch, um sich zu schützen, und warf sich zu Boden. Rundherum hörte er verzweifeltes Schreien und das Geräusch von fallenden Tischen und Stühlen.
Doch mit einem Mal wurde es sonderbar still. Ist es vorbei? Während ihn eine Welle von Übelkeit überkam, erkannte Amir, dass er auf dem Fußboden lag und zwei Personen nur ein paar Meter entfernt von ihm standen. Dunkle Hosenbeine und derbe Boots, breitbeinig vor der Theke. Er wagte es nicht, den Kopf anzuheben.
Schräg hinter ihm stöhnte jemand vor Schmerzen, doch er sah sich nicht um. Zwischen den Stiefeln der Männer hindurch sah er, wie sich auf dem Boden vor der Theke eine hellrote Blutlache ausbreitete und mit verschütteten Getränken und Glassplittern mischte. Ein Mann lag in einer unnatürlichen Haltung neben einem umgekippten Barhocker. Die eine Hand presste er sich krampfhaft auf den Bauch, mit der anderen rieb er verzweifelt seinen Rücken. Für den Bruchteil einer Sekunde trafen sich ihre Blicke. Hilfesuchend streckte der Mann eine Hand zu Amir aus, dann verzog sich sein Gesicht vor Schmerzen, bevor er zurück auf den Boden sackte.
Gott, hilf mir. Das kann nur ein Albtraum sein!
Sein Instinkt sagte Amir, er müsse fliehen, doch er wagte es nicht, sich auch nur einen Millimeter zu rühren.
Dann war es plötzlich, als fielen Schüsse aus allen Ecken. Gläser und Flaschen flogen durch die Luft. Amir rollte sich wie ein Baby zusammen und hielt schützend die Hände vors Gesicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Gästen, die vor Panik lauthals schrien, war er mucksmäuschenstill. Er wollte einfach nur durch den Boden verschwinden, durch das braune, verschlissene Parkett.
»Aber wo ist er denn verdammt noch mal abgeblieben?«
Manfreds Verzweiflung artikulierte sich wie ein schrilles Pfeifen in seiner Stimme. Er warf einen Blick über die Schulter zu Ludwig und Fredrik, die hinter ihm auf die Straße rannten. Seine Freunde schienen unverletzt zu sein, standen aber unter Schock.
Als die Schüsse im Erdgeschoss losbrachen, war Manfred derjenige, der sich zuerst gefangen hatte. Er zog die anderen zu Boden und lauschte den Schüssen und Schreien von der Bar. Dann war es unheimlich still geworden, und die zweite Schusssalve ging los. Manfred hob den Kopf und sah, dass einige durch die Glastüren fliehen konnten. Da entschlossen sich die drei, dasselbe zu tun, und kamen hinaus auf eine Terrasse, wo eine schmale Feuertreppe in einen Hinterhof führte.
Es war sonderbar, aber währenddessen hatte keiner von ihnen einen Gedanken an Amir verschwendet. Sie wollten einfach nur raus. Fliehen. Überleben. Wie ferngesteuert waren sie alle runtergelaufen und hatten sich unterhalb der Fluchttreppe versammelt. Da standen sie nun. Gleich neben ihnen befand sich ein schmaler, dunkler Gang, der auf die Hauptstraße hinausführte, wo auch der Eingang zur Bar lag. Doch keiner wagte es, den ersten Schritt zu tun.
Erst als sie verzweifelte Hilfeschreie hörten und Menschen, die auf der Hauptstraße vorbeirannten, sahen, flüchtete sich das Grüppchen wie auf ein stilles Kommando hinter das hohe Gebüsch im Hinterhof. Manfred wusste nicht, wer von ihnen die Initiative ergriffen hatte, doch ihm war klar, dass es unklug war, auf die Straße zu rennen.
Keiner konnte sagen, wie lange sie da dicht an dicht mit wildfremden Menschen standen. Niemand sprach ein Wort, aber einige weinten oder schluchzten. Manfred wollte seinen Freunden etwas zuflüstern, irgendeinen Trost, doch ihm fiel nichts ein. Fredrik, bist du das, weinst du?
Alle waren auf sonderbare Weise passiv. Irgendwann griff ein Mann nach seinem Handy und versuchte, es einzuschalten. Manfred glaubte, er wollte Hilfe holen, doch als er stattdessen anfing zu filmen, schlug ihm eine Frau das Smartphone aus der Hand. Der Mann hob es nicht einmal auf, er starrte einfach nur ins Leere.
Es kam ihnen wie eine Ewigkeit vor, und als sie endlich Blaulicht und Krankenwagen draußen auf der Straße sahen, wagten sie es, sich zu rühren. Vor der Bar herrschte Chaos. Menschen irrten hin und her und schrien unter Schock. Verletzte lagen auf dem Asphalt, Sanitäter und Zivilpersonen kümmerten sich um sie. Polizisten, schwer bewaffnet und mit schusssicheren Westen, riegelten das Gelände ab. Die ersten Journalisten waren bereits aufgetaucht, und mitten in dem Durcheinander filmten einige ungeniert die Szenerie mit ihren Mobiltelefonen.
Genau in diesem Augenblick merkten sie, dass Amir nicht da war. Verzweifelt begannen sie, ihn zu suchen. Obwohl sie fast die ganze Straße abgesucht hatten, blieb er unauffindbar.
Ludwig rannte zu den Polizisten hinüber, doch wurde harsch angewiesen, hinter den Absperrungen zu bleiben.
»Sortez d’ici. Laissez-nous faire notre travail. Ça peut être dangereux ici!«
Manfred verstand kein Wort, doch er ahnte, dass sie Ludwigs Frage nach Amir nicht verstanden hatten.
»Versuch es auf Englisch, Ludwig. Vielleicht hat er dich nicht verstanden. Wir müssen Amir finden. Irgendeiner muss doch was wissen.«
»Ich glaube, er hat gesagt, wir sollen sie ihre Arbeit machen lassen, und dass es hier gefährlich werden kann!«, erwiderte Ludwig gestresst.
Da fasste Manfred Ludwig am Ärmel seines Sakkos und zog ihn hinüber zu den uniformierten Beamten, doch Ludwig riss sich los.
»Die Polizei hat im Moment vermutlich andere Prioritäten, sie haben keine Zeit, sich um Leute zu kümmern, die nach Freunden suchen. Es scheint noch viel mehr Verletzte zu geben.«
Manfred holte sein Handy aus der Tasche und wählte zum wiederholten Male Amirs Nummer.
»Was sollen wir tun? Wahrscheinlich ist er schon bei denen dabei gewesen, die als Erste rausgerannt sind. Die Schießerei hat doch begonnen, kaum dass er zur Theke hinuntergegangen ist. Vielleicht ist er noch in der Nähe der Eingangstür gewesen.« Fredrik sah seine Freunde an. Alle hatten ziemlich viel getrunken, und auch wenn sie von den dramatischen Ereignissen wirklich erschüttert waren, so waren sie noch lange nicht nüchtern.
»Ich finde, wir sollten zurück ins Hotel gehen. In diesem Chaos hier finden wir ihn nicht. Viele von denen, die rausgerannt sind, sind jetzt hinter den Absperrungen, auf der anderen Seite. Da kommen wir nicht hin, und Amir kann genau so wenig zu uns laufen. Wahrscheinlich nimmt er sich ein Taxi und fährt ins Hotel.«
Ludwig hielt inne, als er sah, wie zwei Polizisten eine Frau mittleren Alters mit einer klaffenden Wunde an der Stirn daran hinderten, in die Bar hineinzurennen. Er wandte den Blick ab, als die Frau dem einen Polizisten weinend in die Arme fiel und dieser sie rasch zu einem Sanitäter führte, der bereits mit einer gelben Fleecedecke auf sie zulief.
»Du hast recht, Ludwig«, sagte Fredrik. »Außerdem kann es wirklich gefährlich sein hierzubleiben. Womöglich kommen die noch mal zurück! Diese Verrückten.«
Fredriks Stimme brach, und sein Blick flackerte hin und her.
»Das ist das einzig Vernünftige, was wir jetzt tun können«, erwiderte Ludwig. »Aber bevor wir fahren, versuchen wir noch einmal, Amir anzurufen.«
»Sein Handy ist ausgeschaltet. Ich habe es doch gerade eben versucht. Das ist kein gutes Zeichen, oder?«, fragte Manfred.
Ludwig legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Schreib ihm eine SMS, dass wir unverletzt sind und im Hotel auf ihn warten.« Als Manfred zögerte, schob er schnell hinterher:
»Wäre er verletzt, dann hätten wir ihn doch gesehen. Hier draußen auf der Straße haben sie so viele Opfer versorgt, bevor alle Krankenwagen kamen.«
»Aber wenn es nichts zu behandeln gab, dann liegt er noch da drinnen?«, schrie Manfred völlig außer sich und warf einen verzweifelten Blick zurück in die Bar, wo die Polizisten gerade mit großen weißen Planen den Eingang vor Schaulustigen abschirmten.
In dem Moment näherte sich ihnen ein großer schwer bewaffneter Polizist und gestikulierte mehr als deutlich, dass sie verschwinden sollten. Der Polizist wollte die Absperrung erweitern, daher war Eile geboten. Ein paar junge Frauen entfernten sich schluchzend, als er sie laut anbrüllte.
Als Manfred gezwungen wurde, sich immer weiter von der Bar zu entfernen, musste er einsehen, dass ihm im Moment niemand helfen würde. Nicht einmal die Vertreter des Staates. Hier war zu viel Adrenalin im Spiel, und dies in Kombination mit purer Angst.
Warum schreien die so? Was wollen die?
Langsam kam Amir Yasin wieder zu Bewusstsein.
Tiefe Stimmen brüllten etwas in einer Sprache, die er nicht verstand. Er versuchte, die Augen zu öffnen, doch es fiel ihm schwer. Sie waren wie zugeklebt. Nachdem ein Körperteil nach dem anderen wieder zum Leben erwacht war, nahm er wahr, dass er bäuchlings auf einem dreckigen, kalten Boden lag. Und dass es stank.
Wo bin ich? Bin ich auf der Toilette in Ohnmacht gefallen? Er öffnete den Mund und rief krächzend nach Hanna, doch irgendetwas stimmte hier nicht.
Im nächsten Moment packte ihn jemand brutal an den Schultern und drehte ihn um. Geschockt riss Amir die Augen auf und starrte direkt in die Mündungen mehrerer Maschinengewehre. Vor Schreck brüllte er los. Vier Männer standen im Kreis um ihn herum. Auch sie schrien. Alle sahen gleich aus, sie trugen dunkle Overalls und Kapuzen, die ihre Gesichter verhüllten. Amir erkannte ihre Augen durch die Schlitze nur als kleine schmale Striche, doch das reichte schon, um die Welle von Hass zu spüren, die ihm entgegenschlug. Französisch? Ja, sie schrien auf Französisch.
Innerhalb der nächsten Sekunden kam die Erinnerung an den Abend zurück. Er hatte die Bar wieder vor Augen und die schrecklichen Szenen, die sich dort abgespielt hatten. Vorsichtig drehte er den Kopf nach links und nach rechts und verzog dabei vor Schmerz das Gesicht. Von dem Raum, in dem sie sich befanden, konnte er nicht viel erkennen, die vier Männer um ihn herum verdeckten ihn.
Aber was war geschehen? Wer waren die vier?
Das bisschen, was er erkennen konnte, glich einem Schlachtfeld. Umgekippte Möbel, Glassplitter, Blut. Unmengen Blut. Seine diffusen Gedanken wanderten zurück zu sich selbst. Er lag auf dem Rücken auf dem Boden, und sein ganzer Körper tat weh. Seine Kleider fühlten sich nass und unangenehm steif an. Er schielte an sich hinab und entdeckte, dass er fast komplett mit Blut bedeckt war. Mit einem Mal fiel ihm wieder ein, wie ihn etwas bei dem Versuch, aus der Bar hinaus zu kriechen, im Rücken erwischt hatte.
Ja, genau, ich wurde angeschossen.
Er machte Anstalten sich aufzusetzen, doch die Männer um ihn herum unterbanden das sofort. Der Mann links von ihm versetzte ihm einen Tritt in die Seite, und ein anderer setzte ihm seinen schweren Stiefel auf die Brust. Jemand schrie wieder:
»Ne bouge pas, reste calme.«
Er verstand gar nichts. Kein Wort. In dem Moment, als sie ihn auf die Beine stellten und unsanft hinter sich her durch die Tür zogen, kam ihm der Gedanke, er hätte versuchen sollen, zu fliehen. Jetzt war es zu spät. Die Attentäter hatten ihn in ihrer Gewalt.
Wie bin ich bloß eingeschlafen?
Mit einem Gefühl von Scham richtete Manfred sich im Bett halbwegs auf. Der Fernseher lief immer noch ohne Ton, aber im Moment wurde auch nichts gesendet. Sein Handy lag auf dem Boden. Die Uhr zeigte kurz vor 5 Uhr am frühen Morgen.
Lange hatte er noch mit Ludwig und Fredrik vor dem Fernseher ausgeharrt und die Nachrichtensendungen angeschaut, die News-Seiten im Netz immer wieder aufgerufen und darauf gewartet, dass Amir ins Hotel zurückkommen oder zumindest anrufen würde. Sie zerbrachen sich die Köpfe, was ihrem Freund da unten im Erdgeschoss passiert sein könnte, ob sie ihn vielleicht ins Krankenhaus gebracht hatten und er sie von dort nicht kontaktieren konnte. Sie riefen sogar in ein paar Krankenhäusern im näheren Umkreis von Juan-les-Pins an. Je später es wurde, desto mehr forderten der Schock und der viele Alkohol im Blut ihren Tribut. Jeder verschwand wortlos in seinem Zimmer.
Habe ich etwas übersehen?
Manfred rannte über den Flur und klopfte an die Tür von Amirs Hotelzimmer. Vom Lärm wurde sofort die Tür daneben aufgerissen.
»Er ist nicht da.« Ludwig trat hinaus in den Flur. Er war bleich und seine Stimme klang seltsam. »Wir müssen reden. Auf der Stelle. Weck Fredrik und kommt zu mir rüber.«
»Ist er zurück?«
»Manfred, du musst Fredrik wecken. JETZT!«
Etwas in Ludwigs Gesichtsausdruck bewirkte, dass Manfred sofort umdrehte und zu Fredriks Tür rannte.
Ein paar Minuten später saßen sie auf Ludwigs Bett und starrten ungläubig ins Leere.
»Das kann doch nicht wahr sein. Das glaube ich nicht.« Manfred schüttelte den Kopf. »Das ist total unwahrscheinlich. Du hast bestimmt was falsch verstanden.«
»Manfred, beruhige dich. Ich bin mir hundertprozentig sicher. Er ist es. Das habt ihr doch selbst gesehen. Ich spiele euch den Clip noch mal vor.« Ludwig stellte sein Handy lauter und hielt es hoch, damit die anderen es sehen konnten.
Danach herrschte erst einmal Schweigen. Keiner konnte die Bilder, die sie soeben gesehen hatten, so richtig begreifen. Auch Ludwig schien noch ganz schockiert zu sein, obwohl er sie nach eigenen Angaben inzwischen mehrmals angesehen hatte.
Manfred fasste sich als Erster. »Das ist doch wahnsinnig. Die haben sich geirrt. Dürfen sie das einfach so?«
»Vielleicht war es auch nur jemand, der Amir ähnlich sieht?« Fredrik raufte sich die Haare, sodass sie in alle Himmelsrichtungen abstanden. Ohne das Haarwachs, das er immer benutzte, wirkte er irgendwie geschrumpft, als sei seine ganz selbstverständliche Autorität an die Frisur gekoppelt.
»Es ist Amir«, entgegnete Ludwig. »Das Bild, auf dem er abgeführt wird, ist scharf. Der Fotograf muss es irgendwie hinter die Absperrungen geschafft haben, oder er hat von der Polizei Einlass erhalten, um den Zugriff zu dokumentieren. Ihren Erfolg sozusagen … Ich habe im Internet auch noch andere Aufnahmen gefunden.«
»Aber begreift ihr denn nicht, was das heißt?« Als keiner antwortete, stellte sich Manfred vor sie hin. »Er steht unter Verdacht! Die sagen, er sei einer von fünf Terroristen, die zwei Personen niedergeschossen und mehrere schwer verletzt haben. AMIR? Amir ist doch kein Mörder, kein Terrorist! Das ist doch völlig lächerlich. Ein schlechter Witz!« Manfred spuckte die Worte aus und begann, zwischen Fenster und Bett hin- und herzugehen. »Wir müssen die Nachrichtenseiten noch mal aufrufen, vielleicht gibt es mittlerweile schon aktuellere Informationen, neue Bilder … Dann sehen wir, dass er es nicht ist. Sondern ein anderer.«
»Kannst du dich bitte wieder hinsetzen. Hör mir zu, wir haben seit der Schießerei von Amir keinen Ton mehr gehört. Ich habe außerdem mehrere Fotos und Berichte auf unterschiedlichen Nachrichtenseiten gesehen. Ich bin schließlich die ganze Nacht wach geblieben, während du und Fredrik weg wart und euren Rausch ausgeschlafen habt.« Auch wenn Ludwig spürbar verärgert war, sprach er übertrieben langsam.
Was glaubt er eigentlich, wer er ist? Er spricht mit uns, als wären wir Kleinkinder. Aus blankem Trotz wollte Manfred am liebsten in sein Zimmer verschwinden und ganz in Ruhe nachdenken. Doch Fredriks heisere Stimme hielt ihn davon ab.
»Haben sie seinen Namen genannt?«
Gute Frage. Manfred schaute zu Ludwig, der gerade etwas in sein Mobiltelefon tippte.
»Nein, aber vielleicht wurde er inzwischen identifiziert. Die Informationen für die Öffentlichkeit beschränken sich darauf, dass ein Verdächtiger schwer verletzt ist und ins Krankenhaus gebracht wurde, dass drei Täter sich auf freiem Fuß befinden und dass … ein anderer Verdächtiger von dem französischen Sondereinsatzkommando gefasst worden ist.«
Ludwig legte das Handy wieder hin.
»Bist du dir sicher? Vollkommen sicher?« Manfreds Stimme war kaum hörbar.
»Ja, Amir ist von der Polizei abgeführt worden, weil er verdächtigt wird, in die Schießerei verwickelt zu sein.«
»Aber dann müssen wir doch sofort dorthin fahren und alles erklären. Wir …«
Manfred hielt inne, als Fredrik aufstand. »Ich rufe jetzt Vaters Firmenjuristen an. Er kriegt alles geregelt. Wir müssen doch jemanden herbekommen, der uns helfen kann, den französischen Behörden zu erklären, dass das ein riesiges Missverständnis ist. Das ist doch lächerlich. Amir würde doch niemals jemanden umbringen. Das ist … Das ist doch mein Junggesellenabschied.«
Fredrik grinste blöd, doch das Lachen verging ihm schnell, und er holte sein Handy heraus.
Bislang war Ludwig einigermaßen gefasst gewesen, aber Fredriks Vorschlag schien ihn aufzuregen.
»Fredrik, leg bitte das Telefon weg. Hier steht zu viel auf dem Spiel. Es ist wichtig, einen klaren Gedanken zu fassen. Amir steht nicht unter Verdacht, irgendeine Straftat begangen zu haben. Es geht um einen Terroranschlag. Sie sagen, Amir steht unter Verdacht, ein Terrorist zu sein.«
»Und das heißt?« Fredrik sah von seinem Handy auf.
»Glaubst du, er ist schuldig? Denkst du das wirklich … von deinem Freund?« Manfred sah von einem zum anderen. »Natürlich müssen wir zur Polizei gehen und alles erzählen. Dass wir schwedische Urlauber sind und keine Terroristen. Dass wir hier nur einen Junggesellenabschied feiern und es sich um eine Verwechslung handeln muss. Amir ist kein Verbrecher. Er ist kein Ausländer … Er ist schwedischer Staatsangehöriger … Amir hat Frau und Kinder, er arbeitet für Brondia. Wir können alles bezeugen.«
Fredrik nickte und begann wieder, in seinem Mobiltelefon nach etwas zu suchen.
»Wir sind schließlich nicht irgendwer. Ich bin ein Cederbeck, ihr seid … Na ja, immerhin sind wir alle etabliert und haben vorzeigbare Jobs. Selbst Amir.«
»Glaubst du ernsthaft, dass das hier in Frankreich eine Rolle spielt, Fredrik? Bist du wirklich so verdammt naiv?«, fragte Ludwig. »Die französischen Behörden suchen im Moment nach drei Tätern, die laut Zeugenaussagen vom Tatort geflohen sind. Sie suchen die Mittäter, kapiert ihr das?«
Als die anderen ihn noch immer nicht zu verstehen schienen, explodierte er.
»Seid ihr wirklich so blöd? Die Polizei glaubt, dass Amir ein Terrorist ist. Sie wissen, dass da draußen noch irgendwo weitere Verdächtige rumlaufen. Was werden die mit uns machen, wenn wir jetzt eine französische Polizeiwache aufsuchen?«
»Aber wir sind doch schließlich nicht in der Türkei oder in Russland. Wir sind in Frankreich. Einem Rechtsstaat. In einem zivilisierten Land mit zivilisierten Bürgern. Die sind als Mitglied der EU an die Europäische Menschenrechtskonvention gebunden! Wovor hast du eigentlich Angst?« Manfred starrte Ludwig fragend an.
»Die werden uns hier festhalten, bis alles geklärt ist. Vielleicht glauben sie uns, vielleicht auch nicht … Seid ihr bereit, dieses Risiko einzugehen?« Ludwig starrte Fredrik an, der apathisch hinaus aufs Meer sah, das Handy noch immer in der Hand.
»Wir müssen es trotzdem versuchen. Es muss doch Zeugen geben, die Aussagen darüber machen können, was da geschehen ist.« Als seine Freunde schwiegen, versuchte Manfred es noch mal, etwas verzweifelter: »Wir können ihn doch nicht alleine lassen! Das kannst du doch nicht ernsthaft wollen?«
Ludwig schlug die Augen nieder. »Manfred, wir können ihm nicht helfen. Nicht hier und nicht jetzt. Wir riskieren nur, ebenfalls in Untersuchungshaft zu kommen. Da sind Menschen erschossen worden. Die Lage ist chaotisch, die Stimmung total überheizt!«
»Frankreich ist ein Rechtsstaat. Hier hat man Rechte. Man kann als Zeuge Angaben machen, ohne verhaftet zu werden. Ohne Beweise kann man nicht verhaftet werden. So was gibt es nicht. Man ist so lange unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist«, entgegnete Manfred stur und sah Fredrik eindringlich an, der nach anfänglichem Zögern nickte.
»Manfred, du bist der Jurist. Natürlich hast du recht«, antwortete Ludwig. »Aber hier geht es um einen Terroranschlag. Nur Monate nach Charlie Hebdo! In Frankreich herrscht Ausnahmezustand. Viele betrachten das als Kriegserklärung. Ich wäre mir nicht sicher, ob deine Menschenrechtskonvention im Moment so hoch im Kurs steht.«
»Frankreich ist ein Rechtsstaat und Mitglied der EU …«, sagte Manfred noch einmal.
Ludwig wandte sich ab. »Amir ist jedenfalls nicht mehr hier. Er ist für die weiteren Ermittlungen nach Paris gebracht worden. Es wäre äußerst dumm, dorthin zu fahren. Tu, was du willst, aber ich habe Familie. Zwei Kinder, auf die ich Rücksicht nehmen muss. Ich gehe kein Risiko ein. Mit dem nächsten Flieger bin ich zurück in Stockholm. Den hab ich schon gecheckt, es gibt noch Plätze.«
Er schaltete den Fernseher aus, um zu demonstrieren, dass die Diskussion für ihn beendet war.
Ziellos starrte Manfred eine Weile auf Ludwigs Rücken, bevor er Fredrik ins Gesicht sah.
»Und du? Kommst du mit mir mit?«
Wortlos schlug Fredrik die Augen nieder.
Im nächsten Augenblick stand Ludwig vor Manfred und legte den Arm um seine Schulter. »Wir lassen ihn nicht im Stich. So meine ich das nicht. Wir fliegen nach Hause und kümmern uns dort darum, dass er Hilfe bekommt, verstehst du mich nicht? Wir können beweisen, dass wir hier zusammen waren. Das können wir von Stockholm aus alles viel besser organisieren. Mit den besten Anwälten, die Fredrik beauftragen kann, gehen wir in Schweden zur Polizei und erklären alles. Gleich vom Flughafen aus. Zuhause haben wir alle Mittel, die wir brauchen, und riskieren keine weiteren Missverständnisse.«
Betretenes Schweigen.
»Zu Hause können wir ihm besser helfen. Da bin ich mir sicher«, wiederholte Ludwig.
Manfred schämte sich nicht, dass er jetzt wie ein Kind weinte.
»Jetzt lassen wir ihn im Stich. Wir sind verdammte Feiglinge! Was würdest du sagen, wenn wir dich hier allein ließen?« Angeekelt schüttelte er Ludwigs Arm ab.
Ludwig zuckte nur mit den Schultern, dann ging er zu seinem Koffer und begann zu packen. Fredrik beobachtete ihn. Typisch Ludwig, dass er selbst in solch einer Situation noch brav seine Kleider zusammenfaltet und ordentlich in den Koffer legt.
Im nächsten Moment drehte sich Ludwig um.
»Vertraut mir«, sagte er energisch. »Alles wird gut. Amir wird genauso schnell wieder in Stockholm sein wie wir.«
Acht Monate später
»Yasin, Sie haben Besuch. Ihr Anwalt ist da.«
Amir Yasin bemerkte, wie sich die Luke seiner Zelle öffnete, aber er blieb regungslos, bewegte nicht mal den Kopf.
Was wollen die jetzt? Wieder so ein sinnloses Verhör, immer die gleichen Fragen und Behauptungen? Haben die nicht kapiert, dass ich schon lange keine Lust mehr habe, mit ihnen zu reden?
Den Amir Yasin, an den sie sich wandten, gab es nicht mehr. Aber seine Hülle befand sich natürlich in dieser Gefängniszelle.
Ihm war, als sei seitdem eine Ewigkeit vergangen. An dem Abend, als die Schießerei stattgefunden hatte und er von schwarz gekleideten Männern mit einer Maske vor dem Gesicht abgeführt worden war, war er überzeugt gewesen, ermordet zu werden. Er hatte sich nur gefragt, warum sie ihn noch in einen Lieferwagen vor der Bar steckten, anstatt ihn auf der Stelle hinzurichten.
Als er in den Laderaum des Wagens gestoßen wurde und drei Männer ihm Hand- und Fußschellen anlegten, war er noch immer sicher gewesen, sich in der Gewalt der Mörder zu befinden. Die Männer waren aggressiv, einer von ihnen brüllte ihn an und trat ihm mit seinen schweren Stiefeln absichtlich auf die Finger.
Halb sitzend, halb auf der Seite liegend kämpfte er mit der Übelkeit. Ein Mann saß auf einer schmalen Bank neben ihm und hatte sein Automatikgewehr auf Amirs Brust gerichtet. Als Amirs Körper von Brechkrämpfen geschüttelt wurde, zeigte der schwarz Gekleidete keinerlei Reaktion, sondern ließ Amir in seinem Erbrochenen liegen, das ihm Mund und Nase verklebte.
Die Höllenfahrt nahm kein Ende. Vermutlich war Amir einige Zeit ohnmächtig, denn er wachte ruckartig auf, als der Wagen stoppte. Als die Tür auch von Männern in Schwarz aufgerissen wurde, las er zum ersten Mal das Wort »POLICE« auf den Anzügen der Männer, und da konnte er die Tränen nicht mehr unterdrücken. Er verspürte solch eine Erleichterung und Freude, dass seine Beine nachgaben. Er glaubte, gerettet zu sein. Bis er ihre Gesichter zu sehen bekam. Wie sie ihn alle anstarrten. Kalt und abweisend.
Hier stimmt was nicht, dachte er noch, dann wurde er zu einem Hubschrauber geschleift, der schon bereitstand. Wie in einem Albtraum saß er eingezwängt zwischen zwei Polizisten mit versteinerten Mienen. Er stand unter Schock, fragte unablässig, was sie mit ihm vorhätten. Er erhielt keine Antwort und konnte nur mit Mühe und Not verhindern, sich wieder zu übergeben.
Nach der Landung wurde er unverzüglich zu einem Wagen gebracht. An die Fahrt hatte er keine Erinnerung mehr. Nur an die Ankunft: ein unterirdischer Parkplatz, endlose, schmutzig weiße Gänge und drohende Blicke. Die energischen Schritte der verstärkten Schuhsohlen, die von den Wänden hallten. Der bestialische Gestank seines Erbrochenen.
Er kam erst zur Besinnung, als er mit gefesselten Händen und Füßen auf einem Stuhl in einem Raum ohne Vorhänge saß. Nur ein Schreibtisch und ein paar Stühle unter kaltem Licht. Er begriff, dass er sich auf einer Polizeistation befand. Der Grund dafür war ihm jedoch völlig unklar. Im Nachhinein hatte er sich natürlich gefragt, wie er eigentlich so blöd sein konnte.
Die uniformierten Polizisten, die nach langer Zeit endlich den Raum betraten, waren höflich und ruhig. Sie schrien nicht, versetzten ihm auch keine Fußtritte, aber begannen nach und nach verärgert zu reagieren, weil er nichts begriff. Und er verstand tatsächlich kein einziges Wort. Amirs Französischkenntnisse beschränkten sich darauf, mehr schlecht als recht Essensbestellungen aufzugeben oder ein Bier in einer Kneipe zu ordern. Dieses Vokabular war hier wenig hilfreich.
Stattdessen hatte er es auf Englisch versucht.
»My name is Amir Yasin. I am from Sweden. There was a shooting in a bar, where I was drinking with my friends. Where are my friends? Are they okay? Where am I? Why did you take me here?«
»Vous avez été arrêté par la police sur des soupçons d’infractions terroristes. Quel est votre nom?«
Die Fragen hagelten nach wie vor auf Französisch auf ihn herab. Nach einiger Zeit gaben es die Polizeibeamten auf, und einer von ihn verließ das Vernehmungszimmer. Amir versuchte es erneut auf Englisch, wurde aber harsch zurückgewiesen. Dann sprang die Tür auf, und ein Mann mittleren Alters, der eine Brille mit auffällig dicken Gläsern trug, trat ein. Amir seufzte erleichtert, als der Mann ihn in gebrochenem Englisch mit starkem französischem Akzent ansprach.
»Sie sind festgenommen worden und befinden sich auf einer Polizeiwache in Paris. Wie lautet Ihr Name?«
Amir sprudelten die Worte aus dem Mund, als er anfing, von dem Irrtum der Polizisten zu berichten, doch der Mann unterband Amirs Ausführungen sofort mit einer klaren Geste.
»Ist das Ihr Pass?« Er hielt Amirs Pass in der Hand, den er aus einer abgenutzten Mappe herausgezogen hatte.
Amirs erster, etwas naiver Gedanke war, wie der Mann wohl an seinen Pass gekommen war. Hab ich ihn verloren?
Das nächste Gefühl war Zuversicht. Sie wussten, wer er war. Jetzt würde sich alles aufklären.
»Amir Yasin, Sie befinden sich in Polizeigewahrsam gemäß einem Beschluss zu garde à vue. Sie stehen unter Verdacht, am Freitag, dem 12. Juni 2015 ein Verbrechen in Juan-les-Pins begangen zu haben. Sie werden jetzt formal auf der Polizeistation registriert. Ich kann Ihnen nur raten, kooperativ zu sein.«
Amir starrte den Mann ungläubig an. »Was meinen Sie mit Verbrechen? Ich kann Ihnen doch erklären, wer ich bin, das lässt sich alles aufklären. Es muss ein Irrtum vorliegen.«
»Wir werden eine erste Vernehmung mit Ihnen ansetzen, sobald die Formalitäten erledigt sind. In der Zwischenzeit versuchen wir, einen Dolmetscher für Sie aufzutreiben. Ist Schwedisch Ihre Muttersprache?«
Amir konnte nur noch nicken und durchlitt dann ohne jeden Protest die Aufnahmeprozedur wie im Nebel. Er hatte die naive Vorstellung, dass sich alles aufklären würde, sobald feststand, wer er war. Wenn er nur den Anweisungen Folge leistete, die sie ihm erteilten. Ist das nicht typisch schwedisch?, würde er sich später fragen. Solch ein Vertrauen in staatliche Autoritäten zu haben?
Als Nächstes wurde er in ein kaltes Zimmer gebracht. Ein Arzt klärte ihn über seine Pflicht auf, eine Untersuchung vornehmen zu lassen, das verlange das französische Gesetz. Weil Amir annahm, es würde sich nicht lohnen, sie zu verweigern, biss er die Zähne zusammen. Von oben beobachtete er dann, wie sämtliche Körperöffnungen eines nackten Menschen, der wie Amir Yasin aussah, inspiziert wurden. Auf gewisse Weise war alles derart absurd, dass er sich fast hätte einbilden können, es sei nur ein böser Traum.
Er wurde wieder wach, als seine Kleider in verschiedene Plastiktüten verpackt wurden. Beim Anblick seiner Jeans und des Sakkos, beides blutdurchtränkt, erschrak er, da fiel ihm wieder ein, dass er angeschossen worden war. Zitternd wies er auf seinen Rücken, doch der Arzt sah ihn nur mit einem undefinierbaren Blick an. Mit Ausnahme von ein paar blauen Flecken und großflächigen Schürfwunden an Kinn und Ellenbogen hatte er offenbar keine nennenswerten Verletzungen erlitten. Der Arzt klang fast, als täte ihm das leid.
Amir erhielt einen Satz neue Kleider, ließ bereitwillig ein Foto von sich machen und Fingerabdrücke nehmen. Er wollte diese Formalitäten schnell hinter sich bringen, damit er endlich erfuhr, was eigentlich geschehen war.
Die erste richtige Vernehmung fand ein paar Stunden später statt. Der Leiter des Verhörs, ein Polizist in Zivil und mit strengem Gesichtsausdruck, sprach ihn anfangs auf Englisch an.
»Amir Yasin, wir haben in der kurzen Zeit noch keinen Dolmetscher für Schwedisch finden können. Stimmen Sie einer ersten Vernehmung auf Englisch mit unserem Kollegen Crétenot als Dolmetscher zu?« Dabei zeigte er auf den Brillenmann, den Amir bereits kennengelernt hatte.
Amir nickte verunsichert. Der Mann fuhr fort:
»Ich kläre Sie hiermit auf, dass Sie unter Verdacht stehen, Mitglied einer Terrororganisation zu sein, zudem werden Sie des Mordes, des versuchten Mordes, des schweren Waffenbesitzes und schwerer Körperverletzung in Juan-les-Pins am Freitag, dem 12. Juni 2015 verdächtigt. Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern, ich würde Ihnen aber raten, uns alles zu erzählen, was Sie wissen.«
Amir konnte nicht mehr klar denken. Mordverdacht … Mitglied einer Terrororganisation?
Das Recht, die Aussage zu verweigern? Er wollte sie nicht verweigern! Er wollte alles erzählen, was passiert war. Eigentlich wollte er sie fragen, was eigentlich passiert war. Er wusste doch nichts, er hatte mit der Sache nichts zu tun.
Und das sagte er dann. Immer und immer und immer wieder. In mehreren Verhören, unzähligen Personen.
»Woher hatten Sie die Waffen? Wer hat geschossen?«
»Ich habe nichts getan. Ich habe nicht geschossen. Ich kann doch niemanden umbringen. Warum sollte ich das tun? Terrorist? Ich bin kein Terrorist. Ich war nur zufällig in dieser Bar. Mein Gott, da wurde vor meinen Augen geschossen.«
»Mit welchen anderen Personen haben Sie sich in der Bar aufgehalten? Können Sie deren Namen nennen? Wo sind Sie mit ihnen in Kontakt gekommen?«
»Aber das sind doch meine Freunde. Manfred Halvarsson, Carl Ludwig Bergenrud, Fredrik Cederbeck …«
»Wer hatte die Idee, ein Attentat in der Bar auszuüben?«
»Nein, nein, Sie irren sich. Ich bin Schwede. Ich bin hier im Urlaub. Fragen Sie meine Freunde. Wo sind meine Freunde? Wir wohnen in einem Hotel in Cap d’Antibes. Meine Freunde können herkommen und bestätigen, dass ich die Wahrheit sage.«
Anfangs konnte er nur mit dem Polizisten Crétenot, der so leidlich dolmetschen konnte, kommunizieren. Der jedoch war mit seinem Wortschatz bald am Ende, und auch Amir merkte, dass er selbst mit seinem Englisch nicht weiterkam. Ungefähr an der Stelle verstand er den Ernst der Lage und verlangte einen richtigen Dolmetscher und einen Verteidiger. Zudem wiederholte er, dass er seine Hanna, seinen Vater, Manfred, Ludwig und Fredrik anrufen wolle. Die Antwort, die er erhielt, war ein Schock.
