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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Philipp Köster warf mürrisch seinen Rucksack über die Schulter und hielt ihn an einem Riemen fest. »Mach nicht so ein Gesicht«, ermahnte ihn sein Vater, der ihn zum Gymnasium in Maibach gefahren hatte. »Du wirst dich schon eingewöhnen. Und jetzt beeil dich, der Unterricht fängt gleich an.« »Tschüs«, murrte Philipp und warf die Autotür zu, ehe sein Vater antworten konnte. Mit finsterer Miene überquerte er den Schulhof und ging zu der zweiflügeligen Eingangstür der Schule, von der eine Seite offenstand. Er stapfte die wenigen Stufen hinauf und betrat das Gebäude. Der typische Geruch nach Putzmitteln, Kreide und alten Mauern empfing ihn. Nahezu verlassen lagen das Foyer und die Flure, die von ihm abgingen, vor ihm. Er war zu spät. Der Zeiger der großen Uhr gegenüber dem Eingang zeigte drei Minuten nach acht Uhr. Vorhin hatte er sich aus Trotz beim Aufstehen und Frühstücken soviel Zeit gelassen, dass er den Bus versäumt hatte, woraufhin ihn sein Vater auf dem Weg ins Büro an der neuen Schule abgesetzt hatte. Mittlerweile bereute er das Trödeln. Jetzt musste er vermutlich als Letzter die Klasse betreten, was bedeutete, dass sich alle Augen neugierig auf ihn richten würden. Erster Flur links und dann das dritte Zimmer, hatte der Direktor gesagt, als er vergangene Woche mit seinem Vater hier gewesen war, für die Anmeldung in der neuen Schule. Widerstrebend trottete er in die Richtung. Vor der dritten Tür blieb er stehen. Links vom Türrahmen hing ein Schild, auf dem stand ›Klasse 9a – Frau Rettberger‹.
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Philipp Köster warf mürrisch seinen Rucksack über die Schulter und hielt ihn an einem Riemen fest.
»Mach nicht so ein Gesicht«, ermahnte ihn sein Vater, der ihn zum Gymnasium in Maibach gefahren hatte. »Du wirst dich schon eingewöhnen. Und jetzt beeil dich, der Unterricht fängt gleich an.«
»Tschüs«, murrte Philipp und warf die Autotür zu, ehe sein Vater antworten konnte. Mit finsterer Miene überquerte er den Schulhof und ging zu der zweiflügeligen Eingangstür der Schule, von der eine Seite offenstand. Er stapfte die wenigen Stufen hinauf und betrat das Gebäude. Der typische Geruch nach Putzmitteln, Kreide und alten Mauern empfing ihn. Nahezu verlassen lagen das Foyer und die Flure, die von ihm abgingen, vor ihm. Er war zu spät. Der Zeiger der großen Uhr gegenüber dem Eingang zeigte drei Minuten nach acht Uhr.
Vorhin hatte er sich aus Trotz beim Aufstehen und Frühstücken soviel Zeit gelassen, dass er den Bus versäumt hatte, woraufhin ihn sein Vater auf dem Weg ins Büro an der neuen Schule abgesetzt hatte. Mittlerweile bereute er das Trödeln. Jetzt musste er vermutlich als Letzter die Klasse betreten, was bedeutete, dass sich alle Augen neugierig auf ihn richten würden.
Erster Flur links und dann das dritte Zimmer, hatte der Direktor gesagt, als er vergangene Woche mit seinem Vater hier gewesen war, für die Anmeldung in der neuen Schule.
Widerstrebend trottete er in die Richtung. Vor der dritten Tür blieb er stehen. Links vom Türrahmen hing ein Schild, auf dem stand ›Klasse 9a – Frau Rettberger‹. Nun rettete ihn nichts mehr. Er musste jetzt da rein.
Er pochte einmal mit den Fingerknöcheln gegen die Tür und betrat gleich darauf den Raum. Hinter einem schlichten Schreibtisch stand eine Frau, die ungefähr so alt sein mochte, wie seine Mutter. Sie lächelte ihm zu.
»Guten Morgen. Du bist sicher Philipp Köster. Mein Name ist Rettberger, ich bin die Klassenlehrerin der 9a. Herzlich willkommen.«
»Morgen«, murmelte er und fühlte sich von der freundlichen Begrüßung ganz erschlagen. Er hatte mit einer sofortigen Rüge gerechnet, weil er zu spät war.
»Bitte setz dich auf den Platz in der vierten Reihe, neben Paul Reuter«, fuhr die Klassenlehrerin fort. »Wir schreiben jetzt eine Schulaufgabe in Mathematik. Philipp, schreibe bitte mit. Keine Sorge. Du konntest dich nicht darauf vorbereiten, weil du heute den ersten Tag bei uns bist, also werte ich deine Arbeit nur, wenn sie gut oder sehr gut ist.«
Philipp ging zwischen den Stühlen und Tischen hindurch, ohne nach links und rechts zu sehen und setzte sich auf den zugewiesenen Platz. Er spürte, wie seine neuen Mitschüler ihn neugierig musterten, wie befürchtet, und das mochte er überhaupt nicht.
»Ich teile jetzt die Aufgaben aus. Ich möchte nichts weiter auf euren Tischen sehen, als Schreibzeug«, fuhr die Lehrerin fort.
Philipp öffnete seinen Rucksack, nahm sein Schlampermäppchen heraus, das schon recht abgegriffen war und versuchte, den Reißverschluss zu öffnen. Er klemmte, Philipp zerrte daran und der Reißverschluss – ging kaputt. Gleichzeitig flogen einige Stifte heraus, kullerten über den Tisch, zwei fielen zu Boden und rollten unter einen Stuhl. Etliche der neuen Mitschüler wandten sich ihm zu, um zu sehen, was passiert war. Ihm wurde heiß. Das war echt voll peinlich.
Das Mädchen, unter dessen Stuhl seine Stifte gerollt waren, hob sie auf und reichte sie ihm mit einem Lächeln. Um ihr Gesicht kringelten sich unzählige kupferfarbene Locken und sie hatte schier unendlich viele Sommersprossen im Gesicht und an den Armen und Händen und sicherlich überall sonst auch.
Philipp bekam einen trockenen Mund.
»Danke«, nuschelte er.
»Gerne«, erwiderte das Mädchen und wandte sich wieder um, sodass er nur noch ihren Rücken sah. Es war ein schmaler Rücken und sie trug ein eng anliegendes, geringeltes T-Shirt, in dunkelblau und dunkelgrün, dazu eine Jeans und weiße Turnschuhe.
Frau Rettberger legte ein Arbeitsblatt vor ihn auf die Tischplatte und versperrte ihm die Aussicht auf das Sommersprossenmädchen. Er senkte den Blick auf die Aufgaben, als wollte er sie lesen. Kurz dachte er an die niedliche Anita, mit den hüftlangen blonden Haaren, die er auf der Geburtstagsparty seines Freundes Sven kennengelernt hatte. Aus ihr und ihm wäre ganz bestimmt ein Paar geworden, hätte sich sein Vater nicht von einer Woche auf die andere entschieden, von seiner Heimat Regensburg in dieses Nest Kupferstetten zu ziehen, nur wenige Kilometer von Maibach entfernt, was ebenfalls das reinste Dorf war, gegen die Großstadt, aus der er kam.
Ein völlig unsinniger Umzug, wie Philipp fand und alles nur, weil sein Vater in diesem verschlafenen Dorf das Haus einer Großtante geerbt hatte. Und er musste natürlich mit: die Schule wechseln, seine Freunde aufgeben, den Fußball-Verein und Anita sowieso. Wobei Anita gegen das Sommersprossenmädchen total verblasste, das war so was von klar.
*
Angelina Dommin, die von jedem, der sie kannte, wegen ihrer vielen Sommersprossen nur Pünktchen genannt wurde, stand mit einigen anderen Kindern am Busplatz, vor dem Gymnasium in Maibach. Der Bus, mit dem sie nach Wildmoos fahren wollte, musste jeden Moment hier sein. Er würde sie zurück ins Kinderheim Sophienlust bringen, das sich am Rande der kleinen Ortschaft befand.
Pünktchen hatte das Gefühl, dass sie beobachtet wurde und sah sich um. In ein paar Metern Abstand lehnte betont lässig der neue Mitschüler Philipp Köster an einem Laternenpfahl. Als sich ihre Blicke kreuzten, sah er angelegentlich weg.
»Der steht auf dich«, bemerkte Jannika Stüber, die im Unterricht neben ihr saß, grinsend. Pünktchen lächelte.
»Meinst du?«, fragte sie.
»Aber so was von. Und schlecht sieht der echt nicht aus«, fuhr sie fort und Pünktchen glaubte, ein wenig sehnsuchtsvollen Neid in ihrer Stimme zu hören. Wieder warf sie einen Blick zu dem Neuen. Jannika hatte recht, er sah gut aus. Er war groß und schlank, hatte braune Locken und ein ebenmäßiges Gesicht, das ihr tatsächlich auch gefiel. Aber er war nicht Nick.
»Hast recht, er sieht gut aus«, bestätigte sie. Endlich kam der Bus.
»Tschüs, bis morgen«, verabschiedete sie sich von Jannika, die mit einem anderen Bus nach Hause fahren musste.
»Tschüs«, erwiderte Jannika.
Pünktchen stieg ein, ging so weit als möglich im Bus nach hinten und setzte sich ans Fenster. Sie saß jetzt so, dass sie auf gleicher Höhe mit Philipps Laternenpfahl war. Er sah zu ihr hoch. Unerwartet machte er eine Bewegung, als wollte er mit einem Finger in seinen Locken drehen, grinste und hob dann den Daumen zu einem ›Gefällt mir‹. Pünktchen musste lachen. Vermutlich wollte er ihr sagen, dass ihm ihre Haare gefielen. Der Bus ruckelte und fuhr los. In zehn Minuten würde sie im Kinderheim Sophienlust sein. Sie hatte Hunger und freute sich darauf, was Magda, die Köchin, für heute Leckeres vorbereitet haben mochte. Und sie freute sich darauf, Tante Ma, der Heimleiterin, die eigentlich Else Rennert hieß, sowie Tante Isi, der Mutter von Nick, dem das Kinderheim gehörte, von dem Ergebnis ihrer Englisch-Schulaufgabe zu erzählen. Sie hatte nämlich die beste Arbeit geschrieben und darauf war sie schon ein bisschen stolz.
*
Philipp beobachtete Pünktchen, die mit gesenktem Kopf eifrig Notizen in ein Heft machte. Ihr Stift kritzelte über das Papier. Sie schien völlig versunken in das Thema des Deutschunterrichtes, der sich gerade mit erweiterten Inhaltsangaben, dem Verwenden von sprachlich-stilistischen Mitteln und weiteren, aus seiner Sicht völlig Unnützem, befasste. Ihn langweilte das alles schrecklich. Viel lieber hätte er den sommersprossigen Lockenkopf mal alleine getroffen. In den zwei Wochen, die er das Gymnasium in Maibach jetzt schon besuchte, hatte er es allerdings noch nicht gewagt, einen Verabredungsversuch zu unternehmen. Er war zwar nicht schüchtern, aber Pünktchen befand sich nahezu ständig in einem Kreis von Freunden und Freundinnen. Alleine hatte er sie noch nirgends angetroffen. Er bekam ja nun selten eine Abfuhr, wenn er sich mit einem Mädchen treffen wollte. Aber selten hieß nicht ›nie‹. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass gerade das Sommersprossenmädchen ihn abblitzen ließ, wollte er sie lieber ansprechen, wenn es keine Zeugen gab. Allerdings wartete er jetzt schon wirklich lange. Zu lange. Der schwarzhaarige Eugen, der auch viel Pünktchens Nähe suchte, war seiner Meinung nach keine Konkurrenz. Eher schon Lukas aus der Parallelklasse, der gestern in der Pause seinen Schokoladenriegel mit ihr geteilt hatte. Wie auch immer, er wollte nicht länger warten. Philipp riss ein Stück Papier von seinem Notizblock ab. Kino?, schrieb er darauf und faltete das Papierchen zusammen und verbarg es in seiner Hand. Dann stand er auf.
»Philipp, was gibt es?«, fragte der Deutschlehrer, Herr Porst.
»Kann ich mal für kleine Jungs?«, erkundigte Philipp sich lässig.
»Sicher. Beeil dich. Wir kommen gleich noch zu den Gestaltungsmitteln von Texten«, erwiderte Porst und rückte seine Brille mit dem schmalen Silberrand zurecht.
»Kann es kaum erwarten«, versicherte Philipp. Irritiert betrachtete ihn der Lehrer, der schon kurz vor der Pensionierung stand.
»Schon gut, es dauert ja nicht mehr lange«, sagte er. Philipp schlenderte durch den Gang zwischen den Schulbänken. Als er auf Höhe von Pünktchens Platz war, ließ er seine Notiz in ihr geöffnetes Schlampermäppchen fallen und verließ mit selbstbewussten Schritten das Klassenzimmer.
*
Jannika grinste.
»Love-Letter for you«, wisperte sie feixend und zeigte mit den Augen in Richtung des Zettels, von dem eine Ecke aus dem Schlampermäppchen ragte. Pünktchen hielt ihren Stift fest.
»Ich habe mich ja schon die ganze Zeit gefragt, wann der endlich zum Angriff übergeht«, fuhr sie fort. Pünktchen lächelte nur und schrieb weiter.
»Willst du nicht gucken, was in der Nachricht drinsteht?«, drängte Jannika.
»Später«, tuschelte Pünktchen zurück.
»Du bist so was von langweilig«, gab Jannika zurück. »Da muss man doch sofort nachsehen.«
»Ich nicht«, hielt Pünktchen dagegen und senkte den Kopf tiefer über ihr Heft. Ein winziges bisschen kribbelte es dennoch in ihrem Bauch, weil der hübsche Philipp, von dem mittlerweile sämtliche Mädchen in der Klasse schwärmten, gerade ihr etwas geschrieben hatte. Aber nur ein bisschen. Und lesen wollte sie die Nachricht auf jeden Fall alleine.
»Ich will aber wissen, was drinsteht«, beharrte Jannika.
»Wenn die beiden Damen in der dritten Reihe fertig sind mit ihrem privaten Kaffeekränzchen, könnten wir mit dem Unterricht fortfahren«, ermahnte Alwin Porst und sah zu ihnen, so streng er konnte. Pünktchen dankte dem erfahrenen Lehrer im Stillen und versuchte, sich wieder auf ihre Aufzeichnungen zu konzentrieren.
*
Philipp kickte einen Kieselstein in die niedrig wachsenden Sträucher am Rande des Schulhofes. Nicht einmal gelesen hatte Pünktchen seine Nachricht. Den gesamten restlichen Vormittag hatte sein Zettel in ihrem Mäppchen gelegen, ungeöffnet. Und nun, nach dem Unterricht, war sie plötzlich verschwunden und hatte nicht am Busplatz gestanden, wie sonst auch. Inzwischen war der Bus nach Wildmoos da gewesen und auch schon wieder weg.
Sein Bus kam erst in zehn Minuten und nun fühlte er sich wie ein Depp. Schließlich hatten einige aus der Klasse sehen müssen, dass er ihr einen Zettel zugesteckt hatte, den sie nicht geöffnet hatte. So eine blöde Kuh. Dabei sah sie so nett aus. Frauen. Er sprach ja nun echt nicht jede an. Im Grunde hätte sie sich freuen können, dass er ausgerechnet sie …
»Hey«, hörte er Pünktchens atemlose Stimme hinter sich. Er drehte sich um. Ihre Wangen waren gerötet und sie lächelte.
»Danke für deine Einladung«, sagte sie. Einladung? Der kurzen Erleichterung, dass sie jetzt doch noch vor ihm stand, folgte Ernüchterung. Von einer Einladung hatte er nichts geschrieben, aber gut. Für einmal sollte ihm das recht sein, ehe es zu gar keinem Date kam.
»Ich dachte, du hast den Zettel gar nicht gelesen«, erwiderte er und hängte die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans.
»Doch klar.«
»Dein Bus ist schon weg«, informierte er sie.
»Ich werde später abgeholt. Frau Rettberger hat mich angesprochen, ob ich einem Kind aus der fünften Nachhilfe in Mathe geben könnte, deswegen bin ich jetzt zu spät.«
»Und? Machste?« Dann hatte sie ja eigentlich das Geld, um den Eintritt fürs Kino selbst zu zahlen.
»Klar. Ich muss halt dann für eine Weile am Mittwoch immer eine Stunde länger hierbleiben.«
»Was ist jetzt mit Kino? Kommst du mit?«, fragte Philipp. Das Thema war ihm wesentlich wichtiger als die Nachhilfe in Mathe.
»Was läuft denn für ein Film?«
»Äh … keine Ahnung.« Jetzt wurde es schon wieder kompliziert. »Wird schon was Cooles laufen«, ergänzte er. Pünktchen lachte.
»Also gut. Gucken wir uns einen Überraschungsfilm an«, sagte sie.
»Echt?« Vor Freude musste er grinsen.
»Echt«, bestätigte sie.
»Super. Dann morgen Nachmittag um fünf vorm Kino?«
»Einverstanden. Kino in Maibach«, antwortete Pünktchen.
»Wo sonst? Hier gibts doch kaum was«, entgegnete Philipp und runzelte die Stirn.
»Du kennst dich ja schon gut aus, obwohl du noch nicht lange hier bist«, sagte Pünktchen. Philipp lächelte müde.
»Ich komme aus Regensburg. Das ist eine Großstadt im Gegensatz zu den Nestern hier. Über die kleinen Kä … äh, Orte hat man schnell den Überblick.«
Er hatte ›Käffer‹ sagen wollen, beherrschte sich jedoch noch rechtzeitig. Am Ende war sie verärgert, wenn er sich so geringschätzig zu der Gegend äußerte. Schön war sie ja eigentlich schon. Viel Natur halt. Vielleicht sollte er übers Internet gucken, was es hier alles ›gab‹, um bei ihr punkten zu können.
»Wenn du meinst. Ich glaube, dein Bus kommt«, sagte Pünktchen.
»Okay, wir sehen uns. Ciao«, sagte er lässig, wandte sich ab und ging mit wiegenden Schritten zum Bus. Er fühlte sich ausgesprochen gut. Er hatte ein Date mit dem Sommersprossenmädchen. Hoffentlich war es bald morgen, 17 Uhr.
*
Esther Lange stand in der Morgensonne und ließ ihren Blick über ihre umfangreichen Gemüsebeete gleiten, die sauber von Unkraut und in ordentlichen Reihen vor ihr lagen. Es wuchs und gedieh alles hervorragend. Die Tomaten waren reif, die Zucchini die reinste Pracht, schwer hingen wunderbar saftige Paprika in glänzendem rot und gelb an den Sträuchern und die Chili-Pflanzen waren die pure Freude. Auch die Kartoffelernte stand an. In ein paar Wochen konnte sie die ersten Kürbisse abnehmen und im Winter den Wirsing – ein Kopf war schöner als der nächste. Wenn sie schon im Privatleben gescheitert war, mit dem Anbau von Obst und Gemüse in Bio-Qualität war sie jedenfalls erfolgreich.
Hinter den Beeten stand ihr Gewächshaus, in dem unter anderem Salate, Spinat und Bohnen gediehen.
»Guten Morgen, Esther«, hörte sie Toms Stimme. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr Mitarbeiter seinen Wagen vor ihrem Hof geparkt hatte und bereits zu ihr kam. Sie hatte seine Ankunft gar nicht wahrgenommen.
»Guten Morgen, Tom«, erwiderte sie und lächelte ihm zu. Tom deutete auf den großen Tisch, der neben dem Gewächshaus stand. Auf ihm stapelten sich etliche Holzkisten.
»Was hast du vor?«, fragte er.
»Hatte ich dir das nicht erzählt?« Verwundert sah Esther ihn an. Tom Schneider, der hauptberuflich als Informatiker in der Stadtverwaltung von Maibach arbeitete, half ihr an den Wochenenden und nach Feierabend gegen einen eher geringen Stundenlohn bei der Arbeit auf dem Hof.
Letztes Frühjahr, nachdem Oliver und sie sich getrennt hatten, war ihr die Arbeit über den Kopf gewachsen, was vor allem an ihrer psychischen Verfassung gelegen hatte. Deswegen hatte sie im Maibacher Tagblatt eine Annonce aufgegeben, in der sie jemanden suchte, der ihr zur Hand ging. Aus fünf Bewerbern hatte sie sich für Tom entschieden. Er hatte versichert, Freude am Anbau von Obst und Gemüse zu haben und er sagte, er arbeitete gern an der frischen Luft, als Ausgleich zu seiner Schreibtischarbeit. Esther hatte beschlossen, es mit ihm zu versuchen und sie hatte es noch keinen Tag bereut.
Zunächst hatte er nicht einmal für seine Tätigkeit bezahlt werden wollen, Naturalien genügten ihm. Doch damit hatte sie sich nicht wohlgefühlt. So hatte man sich auf eine Bezahlung unter dem Regelsatz geeinigt und Obst und Gemüse, soviel Tom nur wollte. Er nahm ihre Ware gern, aber stets mit Bedacht und nie so, dass sie meinte, er würde unverhältnismäßig viel mit nach Hause nehmen.
»Ich kann mich nicht erinnern«, erwiderte Tom auf ihre Frage.
»Ich möchte Probekisten packen und in der Umgebung verteilen. Du siehst ja, wie wunderbar alles wächst und gedeiht. Vielleicht können wir ein paar Kunden dazugewinnen.« Sie stutzte und fragte sich, warum sie von ›wir‹ gesprochen hatte.
»Eine wunderbare Idee«, stimmte Tom zu. »Kann ich dir helfen? Was soll in die Kisten?«
»Du kannst mir durchaus helfen. Nimm einfach von allem, was reif ist, was ab. Ich möchte auf jeden Fall Kartoffeln in die Kisten geben, Tomaten, Paprika, Karotten, Lauch und grüne Salate.«
»Fehlt nur noch das Bio-Würstchen für eine gute Suppe«, sagte Tom und grinste. Esther lachte kurz.
»Stimmt. Aber damit kann ich nicht dienen. Vom Obst würde ich auch gerne was anbieten. Such bitte du aus. Himbeeren oder Heidelbeeren, vielleicht. Oder beides. Ich habe eine Liste gemacht, wem ich alles eine Kiste bringen möchte. Im Moment stehen zehn Adressen drauf.« Sie zog einen zerknitterten Zettel aus ihrer hinteren Hosentasche, faltete ihn auf und hielt ihn Tom hin.
»Seniorenheim am Schlossplatz, Kindergarten Waldesruh, Kinderheim Sophienlust …« las er die Namen herunter. »Sind die alle interessiert?«, fragte er.
»Keine Ahnung«, gab sie zu. »Ich fahre einfach hin und schenke ihnen eine Kiste. Die Kisten will ich aber wieder haben. Ich sammle sie eine Woche später wieder ein.«
»Guter Plan. Dann wollen wir mal anfangen«, sagte Tom.
*
