Ein Knirps in Turnschuhen - Susanne Svanberg - E-Book

Ein Knirps in Turnschuhen E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. »Film ab! Ton ab!« schallte es durch die Produktionshalle der Gesellschaft für Fernsehunterhaltung. Junge Leute waren es, die sich zusammengetan hatten, um im Auftrag des Senders Filme zu erstellen, die nach ihrem Debüt im Abendprogramm in alle Teile der Welt verkauft wurden. Diesmal sollte eine neue Folge einer Serie entstehen. Die Geschichten aus der Praxis des Tierarztes Dr. Wulf liefen schon seit einiger Zeit mit hervorragenden Einschaltquoten. »Film läuft! Ton läuft!« antwortete der Assistent des Kameramannes so laut, daß es bis in den letzten Winkel zu hören war. Gleichzeitig rollte die fahrbare Kamera auf die Akteure zu. Die Scheinwerfer leuchteten die im Studio aufgebaute Praxis des Tierarztes aus. Hinter einem großen Stahlrohrschreibtisch, belagert mit allerlei Papierkram, saß Alexander Fehrenbach, der Hauptdarsteller. Er war der richtige Mann für diese Rolle, tierlieb und vertrauenswürdig. Je länger die Serie lief, um so größer wurde die Anzahl seiner Fans. Es gab bereits Clubs mit Mitgliedern aus allen Altersgruppen. Selbst dem erfahrenen Produzenten war es ein Rätsel, wie Fehrenbach es schaffte, Senioren und Jugendliche gleichermaßen für sich zu begeistern. Schon aus diesem Grund waren die Geschichten der Tierarztpraxis ein voller Erfolg. Fehrenbach hatte nicht nur schauspielerisches Talent, er sah auch gut aus, war sympathisch und in seiner Rolle glaubwürdig. Im Moment schaute er interessiert auf die Frau, die ins Sprechzimmer kam. Sie trug eine Plastikbox, in der sich ein rotweißer Kater befand, leicht übergewichtig, aber sonst topfit. Das Eingesperrtsein behagte ihm natürlich nicht, aber er war auf derartige Unannehmlichkeiten geschult und behielt deshalb die Ruhe. Genau wie verschiedene andere

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Seitenzahl: 119

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Mami – 1905 –Ein Knirps in Turnschuhen

Erik fürchtet sich vor gar nichts

Susanne Svanberg

»Film ab! Ton ab!« schallte es durch die Produktionshalle der Gesellschaft für Fernsehunterhaltung. Junge Leute waren es, die sich zusammengetan hatten, um im Auftrag des Senders Filme zu erstellen, die nach ihrem Debüt im Abendprogramm in alle Teile der Welt verkauft wurden.

Diesmal sollte eine neue Folge einer Serie entstehen. Die Geschichten aus der Praxis des Tierarztes Dr. Wulf liefen schon seit einiger Zeit mit hervorragenden Einschaltquoten.

»Film läuft! Ton läuft!« antwortete der Assistent des Kameramannes so laut, daß es bis in den letzten Winkel zu hören war. Gleichzeitig rollte die fahrbare Kamera auf die Akteure zu.

Die Scheinwerfer leuchteten die im Studio aufgebaute Praxis des Tierarztes aus. Hinter einem großen Stahlrohrschreibtisch, belagert mit allerlei Papierkram, saß Alexander Fehrenbach, der Hauptdarsteller. Er war der richtige Mann für diese Rolle, tierlieb und vertrauenswürdig.

Je länger die Serie lief, um so größer wurde die Anzahl seiner Fans. Es gab bereits Clubs mit Mitgliedern aus allen Altersgruppen. Selbst dem erfahrenen Produzenten war es ein Rätsel, wie Fehrenbach es schaffte, Senioren und Jugendliche gleichermaßen für sich zu begeistern. Schon aus diesem Grund waren die Geschichten der Tierarztpraxis ein voller Erfolg.

Fehrenbach hatte nicht nur schauspielerisches Talent, er sah auch gut aus, war sympathisch und in seiner Rolle glaubwürdig. Im Moment schaute er interessiert auf die Frau, die ins Sprechzimmer kam. Sie trug eine Plastikbox, in der sich ein rotweißer Kater befand, leicht übergewichtig, aber sonst topfit. Das Eingesperrtsein behagte ihm natürlich nicht, aber er war auf derartige Unannehmlichkeiten geschult und behielt deshalb die Ruhe. Genau wie verschiedene andere Tiere, die für die Serie gebraucht wurden, lieh man ihn bei einer Firma aus, die vierbeinige Darsteller ausbildete.

Fehrenbach verstand sich gut mit ihnen, was man nicht von allen Schauspielern sagen konnte. Die junge Frau, die die Box hereintrug, wuchtete den vergitterten Behälter auf den Schreibtisch des Tierarztes und sah Fehrenbach dabei herausfordernd in die Augen. Das gehörte zwar zu ihrer Rolle, kam aber nicht gut an.

Der Regisseur, der die Aufnahme leitete, zog die Stirn in Falten, sagte aber nichts.

»Meinem Schnurri geht es immer noch nicht besser«, klagte die Vertreterin des vierbeinigen Patienten mit hoher, piepsiger Stimme. Dabei schüttelte sie die langen pechschwarzen Haare zurück. »Er frißt kaum etwas, schläft nur und verliert sein Fell.«

»Schauen wir noch mal nach.« Fehrenbach, der in der Serie Dr. Wulf hieß, öffnete die Transportbox und holte den gutmütigen Schnurri heraus. Sanft strich er ihm übers rotweiße Fell. »Daß Katzen im Sommer den dichten Pelz verlieren, ist ganz normal. Auch daß sie an heißen Tagen schläfriger sind als sonst, hat nichts zu bedeuten.« Dr. Wulf sah dem vierbeinigen Patienten in Mund und Augen.

»Bei mir ist das gerade umgekehrt, Herr Doktor«, erklärte die Besucherin. Ihre schwarzen Augen funkelten lebhaft. »Je wärmer es ist, um so temperamentvoller bin ich. Mein Mann ist für zwei Wochen in Spanien, um dort Kühlanlagen für seine Firma zu montieren. Können Sie sich vorstellen, wie allein ich mich fühle?«

Dr. Wulf ging auf die Situation der Besucherin nicht ein. Er kümmerte sich um Schnurri, wie es das Drehbuch vorschrieb. »Schlecht ernährt ist er nicht. Also ist es nicht besorgniserregend, wenn er mal weniger Appetit hat.«

»Haben Sie mir nicht zugehört, Doktor?« beschwerte sich die Besucherin vorwurfsvoll. »Nicht nur Schnurri, auch mir fehlt etwas. Ich rechne mit Ihrer Hilfe.« Sie rückte auffällig näher und brachte ihr Dekolleté in Fehrenbachs Blickwinkel. Er beachtete das nicht, sondern tastete aufmerksam den Körper des Katers ab, der das unbeeindruckt über sich ergehen ließ.

Plötzlich legte die rassige Katzenbesitzerin dem Doktor spontan die Arme um den Hals, brachte ihren kurvenreichen Körper an den von Alexander und küßte ihn auf den Mund.

»Aus!« rief der Regisseur, der schon die ganze Zeit über mit verkniffenem Gesicht zugeschaut hatte. »Wir drehen hier keinen Sexfilm, sondern eine Familienserie. Da muß eine solche Szene anders kommen. Wie oft soll ich das noch betonen?«

*

In einem abgetrennten Aufenthaltsraum warteten verschiedene Akteure auf ihren Einsatz. Dort saß auch Erik, Fehrenbachs zehnjähriger Sohn, baumelte mit den Beinen und starrte auf ein Kästchen mit einem elektronischen Spiel. Mit den Fingern drückte er kleine Knöpfchen, worauf das Gerät Pieptönte von sich gab.

Vanessa Stelzenberger, ebenfalls Schauspielerin, stand an der Panoramascheibe und sah interessiert den Aufnahmen zu. Anfänglich hatte auch Erik das Geschehen draußen verfolgt, doch nach der achten Wiederholung war ihm die Beobachtung langweilig geworden.

Vanessa, die sich den Künstlernamen »Nessi Berger« zugelegt hatte, blieb stehen. Keine Bewegung Fehrenbachs entging ihr. »Sophie Cassetta bringt’s nicht. Das habe ich gleich gewußt. So, wie sie sich ins Zeug legt, kommt das vielleicht in ihrer italienischen Heimat an, aber nicht hier.« Die Bemerkung galt Erik, der aber nicht reagierte. »Dein Vater dagegen ist großartig. Er spielt die Rolle so souverän, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Obwohl die Szene nun zum neunten Mal wiederholt wird, verliert er nicht die Ruhe. Er bleibt gelassen und freundlich. Jeder andere hätte die Cassetta längst angepfiffen, weil sie ihm die Zeit stiehlt.« In Vanessas Stimme schwang Begeisterung für Fehrenbach mit.

Sie war verliebt in Alexander, seit sie ihm begegnet war. Der Mann gefiel ihr. Er war groß, breitschultrig und wirkte wie ein junger Sportler, obwohl er sechsunddreißig war. Wie seine Mutter, die russischer Abstammung war, hatte er ein breites Gesicht mit etwas hochstehenden Wangenknochen, darüber einen stets verwuschelten Schopf dichter brauner Haare. Auch das freundliche, gutmütige Wesen seiner Mutter hatte er geerbt, was ihm überall Freunde einbrachte. Wo Alexander auftauchte, war er sofort Mittelpunkt. Seine Größe und seine männliche Ausstrahlung fielen auf, und so war es nicht erstaunlich, daß sich die schönsten Frauen um ihn bemühten.

Auch Vanessa war eine schöne Frau. Ihr schlanker Körper hatte genau die richtigen Maße, und ihre eigenartig grünen Augen glitzerten wie das Wasser der Südsee im Sonnenschein. Ihre roten Haare weckten in jedem Mann die Sinnlichkeit, und allerlei kosmetische Raffinessen sorgten für eine reine Haut und ein gepflegtes Aussehen.

Erik interessierte das alles nicht. Er war daran gewöhnt, daß sein Vater mit schönen Kolleginnen ausging. Mal waren sie blond, mal dunkel, mal rothaarig. Erik fand sie alle »blöd«, und er war der Ansicht, daß Vanessa besonders unsympathisch war. Deshalb hörte er ihr auch nicht zu und ignorierte all ihre Vorschläge zur Überbrückung der Wartezeit.

Vanessa sah verzückt durch die Scheibe und winkte Alexander zu, obwohl sie genau wußte, daß er nicht reagieren durfte. Diese Szene zu spielen, war für ihn eine Arbeit, die er ernst nahm, denn er liebte seinen Beruf. Später wollte er anspruchsvollere Rollen spielen. Doch solange er als alleinerziehender Vater für Erik sorgen mußte, ging das nicht. Wer schwierige Rollen übernahm, mußte unabhängig sein, denn häufig bedingten die Dreharbeiten eine längere Abwesenheit. Alexander hatte sich bis jetzt nie von seinem Jungen getrennt, und darauf war er stolz.

Die Cassetta hatte ihren Part schon wieder verpatzt, und jetzt wurde es auch Vanessa zu

langweilig. Sie wandte sich um, stolzierte mit wiegenden Hüften auf Erik zu und blieb vor dem wuchtigen Ledersessel stehen,

in dem der Junge noch schmächtiger wirkte, als er ohnehin war.

»Ich lade dich zu einem Eis in die Kantine ein«, meinte sie mit gewinnendem Lächeln. Daß Fehrenbach ein vorbildlicher Vater war, wußten hier alle, auch daß er seinen Jungen über alles liebte. Also mußte sich Vanessa gut mit Erik stellen.

»Mag nicht«, war seine knappe Antwort. Dabei sah er nicht einmal auf, denn das elektronische Spiel war gerade in einer spannenden Phase. Erik hatte die höchstmögliche Punktzahl erreicht. Ein Eis konnte ihn da nicht locken. Er mochte Vanessa ohnehin nicht, denn sie sprach davon, seinen Vater zu heiraten, und das wollte der Junge unter allen Umständen vermeiden.

»Es kann auch eine Cola sein oder ein Stück Kuchen. Was magst du denn?«

»Nichts!« Der kleine Kasten, den Erik in den Händen hielt, spielte die Melodie des Sieges. Erik stellte den Ton etwas lauter, doch Vanessa hatte keine Ahnung von der Bedeutung dieser Laute. Noch keiner seiner Kameraden hatte eine derart hohe Punktzahl erreicht, nicht einmal sein Vater, der sich manchmal auch mit dem kleinen Kasten beschäftigte. Erik war stolz.

»Leg doch endlich das blöde Ding weg, und komm mit«, forderte Vanessa, die sich sehr großzügig vorkam.

»Das ist gar kein blödes Ding«, verteidigte Erik sein Spielzeug. Er sah Vanessa dabei böse an. Um ihr zu entkommen, stand er auf und trat mit trotzigem Gesichtchen an die Scheibe. Mit seinem Papa hatte er wenig Ähnlichkeit. Er glich der Mutter, an die er keine Erinnerung hatte. Wie sie war er blond, blauäugig und zierlich. Alexander hatte den Verlust seiner Frau, die nach zweijähriger Ehe mit vierundzwanzig Jahren an Leukämie starb, nie überwunden. Erik erinnerte ihn täglich an sie, und deshalb konnte er sich auch nicht zu einer zweiten Ehe entschließen, obwohl er nun schon seit neun Jahren Witwer war.

Draußen war die Szene nun endlich im Kasten, und alle Beteiligten atmeten auf. »Pause!« rief der Regisseur und knipste persönlich die Scheinwerfer aus.

Das war der Moment, auf den Erik gewartet hatte. Er steckte das kleine Gerät in die Hosentasche und lief hinaus. Oft genug war er bei den Dreharbeiten anwesend, um zu wissen, daß der Papa jetzt wieder ihm gehörte, wenigstens für die Dauer der Pause.

*

»Der bösartige Kater hat mir die Hände zerkratzt«, jammerte Sophie Cassetta und hielt Alexander ihre sehr gepflegten Finger zur Besichtigung hin. Es war keinerlei Verletzung zu entdecken, und so wurde deutlich, daß es Sophie nur darum ging, von ihrem Kollegen beachtet zu werden.

Dasselbe wollte auch Vanessa erreichen, die gleich nach Erik den Aufenthaltsraum verlassen hatte. »Eben wollten Erik und ich zum Eisessen in die Kantine«, rief sie, noch im Laufen und war überzeugt davon, mit dieser Äußerung die besseren Karten zu haben. Doch sie wurde ebenso enttäuscht wie Sophie, die reizvolle Italienerin.

Alexander sah nur seinen Jungen. Er wußte, wie schwer es einem Zehnjährigen fiel, stundenlang geduldig zu warten. Deshalb hatte er als Vater ein schlechtes Gewissen. Blaß und mager wirkte Erik. Diese Feststellung verstärkte Alexanders Gewissensbisse noch.

Fürsorglich nahm er seinen Sohn an der Hand. Alexander kümmerte es nicht, was die anderen von ihm dachten. »Wir beide gehen jetzt raus und spielen Fußball«, versprach er, obwohl er sich lieber ausgeruht hätte, denn die Arbeit im gleißenden Licht der Strahler war anstrengend.

Erik hüpfte nach Kinderart neben seinem Vater her. »Wie lange hast du Zeit?«

»Eine ganze Stunde. Danach geht’s weiter. Die neue Folge muß bis Freitag stehen. Nachher ist die Mäuschen-Szene dran. Das wird sicher lustig. Ich habe dir doch die Stelle aus dem Drehbuch vorgelesen.«

»Ich weiß, die Maus entwischt dir und der rotweiße Kater ist plötzlich gar nicht mehr verschlafen. Darf ich dableiben und zuschauen?«

»Wenn du magst.« Alexander hatte den Jungen gern in seiner Nähe. Im Vorübergehen nahm er einen Ball aus der Requisitenkammer und übergab ihn Erik.

Der Junge spurtete davon. Vor den Produktionshallen gab es einen großen geteerten Platz, der zum Fußballspielen zwar nicht ideal war, sich aber trotzdem eignete. Häufig vergnügten sie sich hier in den Pausen. Gekonnt kickte Erik den Ball vor die Füße seines Vaters.

Der gab ihn zurück, was Vanessa und Sophie mit Kopfschütteln registrierten. Alexanders Engagement als Vater fanden sie beide nicht gut, und wenn sie sich sonst auch nicht mochten, in dieser Hinsicht waren sie sich einig. Sie sahen sich an, als zweifelten sie an Fehrenbachs Verstand. Wie konnte sich ein begabter, erfolgreicher Kollege nur so kindisch benehmen. Es gab doch wahrhaftig interessantere Tätigkeiten als das Spiel mit einem verwöhnten kleinen Jungen.

Die Meinung der Damen interessierte Alexander nicht. Keinen einzigen Blick schenkte er den Zuschauerinnen. Er achtete nur auf Eric, spielte ihm den Ball direkt vor die Füße und lobte den Sohn, wenn er erstaunlich zielgenau zurückschoß.

Viel zu schnell war die Pause zu Ende. Alexander mußte zurück ins Studio. Erik begleitete ihn und sah zu, wie sein Vater erneut geschminkt und als Dr.Wulf hergerichtet wurde. Die Veränderung faszinierte Erik immer wieder. Er bewunderte Alexander, der sich scheinbar ohne Schwierigkeiten in einen anderen Menschen verwandeln konnte.

Die nächste Szene allerdings war nicht so einfach zu filmen, wie sich das alle vorgestellt hatten. Das Mäuschen schien seine Rolle nicht zu kennen, denn es lief nicht wie vorgesehen weg, sondern blieb ganz untypisch vor dem Tierarzt sitzen. Possierlich erhob es sich auf die Hinterbeine und streckte schnüffelnd das Näschen in die Luft. Weder scheu noch ängstlich war das kleine Tier, obwohl das so imDrehbuch stand.

Nicht einmal der Anblick von Kater Schnurri konnte es zur Flucht veranlassen. Um die ins Stocken geratene Darbietung wieder anzukurbeln, klatschte der Kameramann in die Hände. Ein Ton, der später herausgeschnitten werden mußte. Das Klatschen brachte zwar die gewünschte Wirkung: Das Mäuschen erschrak und rannte weg. Leider in die verkehrte Richtung. Vorgesehen war der niedrige Raum zwischen Boden und Medikamentenschrank. Dort sollte Dr. Wulf seinen kleinen Patienten hervorholen und vor Schnurris Mordgier bewahren.

Doch es kam alles anders. Die kleine Maus rannte aus dem Sprechzimmer, das nur Filmzwecken diente, flitzte den Flur entlang und erreichte die Requisitenkammer, die ideale Versteckmöglichkeit.

Kater Schnurri sah das wohl, war aber zu bequem, dem wusseligen Nager zu folgen. Auch als man ihn in die Requisitenkammer brachte, dachte er gar nicht daran, die Verfolgung aufzunehmen und gähnte nur gelangweilt.

»Idiot!« schrie der Regisseur, der ohnehin genervt war. Er arbeitete nicht gern mit Tieren, da deren Reaktionen nie abzuschätzen waren. »Eine zweite Maus haben wir nicht, also ist Feierabend für heute.«

»Ziehen wir doch die Wartezimmer-Szene vor«, meinte seine Assistentin, ein Mädchen mit Brille und streng zurückgenommenem Haar.

»Keine schlechte Idee. Schau nach, ob die Wartezimmer-Leute da sind.« Es waren für diese Szene einige Statisten engagiert worden. Eine ältere Frau, die von Vanessa dargestellt werden sollte, unterhielt sich mit einem Nachtwächter, dessen Hund auf einem Kontrollgang verletzt worden war.

»Kein Problem. Sie sind alle kurzfristig abrufbar.«

»Kluges Mädchen.« Der Regisseur nickte zufrieden.

Einige Umbauten waren nötig, doch das eingespielte Team bewältigte solche Kleinigkeiten in Rekordzeit. Außenstehende hätten sich allerdings sehr gewundert, mit welcher Hektik Kabelrollen, Strahler, Kameras und allerlei Möbelstücke transportiert wurden.

Alexander benutzte die Gelegenheit, seinen kleinen Sohn nach Hause zu fahren, denn es würde später werden als vorgesehen. In der Wohnung wurde Erik von der Haushälterin beaufsichtigt, die Order hatte, so lange zu bleiben, bis der Junge eingeschlafen war.

*