Ein Kuchenstück zum Liebesglück - Britta Orlowski - E-Book
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Ein Kuchenstück zum Liebesglück E-Book

Britta Orlowski

4,0

Beschreibung

Was machst du, wenn dir alles Materielle von klein auf in den Schoß gelegt wurde, aber Liebe ein Fremdwort in deinem Zuhause war? Willst du immer so weitermachen oder brichst du aus und entdeckst deine ganz eigene Welt? Endlich ist ein wenig Ruhe in Cosimas Leben eingekehrt. Sie hat mit ihren Eltern und ihrer Vergangenheit als Politikertochter gebrochen und wohnt auf einem Mehrgenerationenhof. Halt findet sie in ihrer Leidenschaft: dem Backen. Alles läuft prima, bis Vincent Kaufmann, Mädchenschwarm aus ihrer ehemaligen Schule, plötzlich wieder in ihrem Leben auftaucht … Einfach so, aus heiterem Himmel? Daran glaubt Cosima nicht. Vor allem, weil ihre Väter in einigen Angelegenheiten gemeinsame Sache machen und sich dabei nicht immer an die Spielregeln halten …

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Britta OrlowskiEin Kuchenstück zum Liebesglück

Der Roman spielt hauptsächlich in allseits bekannten Orten, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2019 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8359-0

Britta OrlowskiEin Kuchenstückzum Liebesglück

Britta Orlowski, Jahrgang 1966, wohnt im Havelland, ist Mutter zweier Söhne, gelernte zahnmedizinische Fachangestellte und arbeitete zehn Jahre lang in verschiedenen Buchhandlungen. Jetzt ist sie wieder als Arzthelferin tätig. Anfangs war das Schreiben ihrer Romane reines Hobby. Eine weitere Leidenschaft der Autorin gehört dem Patchwork und Quilting. In ihren Romanen verbindet sie beides miteinander. Ihr Debütroman „Rückkehr nach St. Elwine“ erschien im Januar 2009 im Christine Lindner Verlag. Sie ist Mitglied im Schriftstellerverband des Landes Brandenburg, sowie bei DELIA und Organisatorin der DELIA Liebesromantage 2011 in Rathenow. Sie finden die Autorin im Internet: www.britta-orlowski.de

Für meinen Papa, den besten, den sich ein kleines Mädchen wünschen kann – in Liebe

„Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft – vielmehr aus unbeugsamen Willen.“Mahatma Gandhi„Gastfreundschaft besteht aus ein wenig Wärme, ein wenig Nahrung und großer Ruhe.“Ralph Waldo Emerson„Was die Liebe für die Seele ist, das ist der Appetit für den Leib.“Gioachino Rossini

Prolog

Normalerweise ist es üblich anzuklopfen, aber hier vergaß Cosima immer ihre guten Manieren. Außerdem hatte sie nicht damit gerechnet, noch jemanden in seinem Büro anzutreffen. Schließlich hatte sie den Zeitpunkt absichtlich so gewählt, dass die Vorzimmerdame ihren Besuch nicht ankündigen konnte, weil die längst Feierabend hatte.

Es traf sich hervorragend – die Tür zu seinem Arbeitszimmer war nur angelehnt. Sie brauchte nichts weiter zu tun, als ihre Ohren zu spitzen. Wie gut, dass der teure Bodenbelag ihre Schritte geschluckt hatte.

„Es ist mir unangenehm, zu Ihnen zu kommen, aber ich verstehe diese Buchungen nicht. Eigentlich ist es so, dass …“

„Zeigen Sie mal her!“

Einen Moment war es still hinter der Tür. Leider konnte Cosima von ihrem Standort aus nur einen Blick auf die Sitzgruppe erhaschen. Die beiden im Gespräch vertieften Männer standen aller Wahrscheinlichkeit nach am Schreibtisch, und daher sah sie keinen von ihnen.

„Mhm, ach ja. Ich weiß, was Sie meinen. Das ist alles in bester Ordnung.“

„Aber …“

„Ich kümmere mich darum. Sagen Sie, Sie sehen abgespannt aus. Wie lange arbeiten Sie jetzt für mich?“

„Das müssten, lassen Sie mich überlegen, an die drei Jahre sein.“

„Tatsächlich. Und ich kann mich nicht erinnern, dass Sie sich einen einzigen Tag freigenommen hätten.“

„Nun ja. Am Anfang musste ich mich einarbeiten, und dann …“

„Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich schätze es sehr, wie Sie Ihre Pflichten erledigen.“

„Danke.“

„Ich habe eine Reise gebucht, für zwei Personen, die wir jetzt doch nicht antreten können.“

„Das tut mir leid.“

„Ist nicht weiter tragisch. Meine Frau hat Bedenken geäußert, aber lassen wir das. Es würde zu weit führen. Darf ich Ihnen den Kurzurlaub schenken? Als Anerkennung dafür, was Sie hier täglich leisten.“

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

„Nun, ich hatte gehofft, Sie würden sich darüber freuen. Ein wenig Zerstreuung kann Ihnen nicht schaden in dieser schnelllebigen Zeit.“

„Natürlich freue ich mich. Keine Frage.“

„Sehr gut, dann gebe ich Ihnen morgen die entsprechenden Unterlagen.“

„Geht denn das so ohne Weiteres?“

„Auch das werde ich regeln, keine Sorge. Überraschen Sie Ihre … Partnerin damit.“

„Vielen Dank. Dann bleibt mir heute nichts anderes mehr zu tun, als Ihnen noch einen schönen Abend zu wünschen.“

Was für eine Meisterleistung, jemanden auf so geschickte Art und Weise hinauszukomplimentieren. Respekt.

Cosima sah besser zu, dass sie wegkam. Sie hatte nicht vor, einer Menschenseele zu begegnen, da sie Gespräche unter vier Augen bevorzugte. Eilig lief sie durch die Diensträume, dann die Treppe hinunter und atmete, endlich draußen, die frische Luft tief ein.

Warum war sie eigentlich immer nervös, bevor sie ihn traf? Früher hätte sie in Momenten wie diesen zu einer Zigarette gegriffen. Das Rauchen hatte sie aber aus gutem Grund aufgegeben. Aus dem besten der Welt – sie war sich zu schade dafür.

Cosima kramte ihr Smartphone hervor und vertrieb sich die Zeit mit WhatsApp.

Endlich sah sie ihren Vater kommen, wie immer im forschen Schritt. Als Kind hatte sie manchmal gedacht, dass der Aktenkoffer an seiner Hand festgewachsen wäre. Damals hatte sie ihren Vater nur selten zu Gesicht bekommen, und wenn, dann hatte er immer dieses scheußliche Ding mit sich herumgetragen. „Wollen wir spielen?“, hatte sie ihn in ihrer Naivität gefragt. Denn im Kindergarten erzählten die anderen, dass ihr Papa mit ihnen gespielt und herumgealbert hatte.

Cosimas Vater hatte immer nur geantwortet, dass er keine Zeit habe, es ihm aber leidtue.

Zu ihrer Einschulungsfeier hatte er sich immerhin zwei Stunden von seinen zahlreichen Aufgaben freieisen können. Als Ausgleich durfte sie ihre Eltern oft zu Veranstaltungen begleiten, sogar bis spät am Abend. Damals hatte Cosima noch nicht gewusst, dass der Auftritt mit einer intakten Familie für einen Wahlkampf Gold wert war. Nichts punktete beim normalen Volk so sehr wie ein Politiker, der mit den Sorgen und Nöten eines Familienvaters bestens vertraut war.

Von wegen.

Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Herumgereicht zu werden wie eine Marionette, war ihr nicht genug gewesen. Egal was sie getan hatte, wie viel Mühe sie sich gegeben hatte, es hatte niemanden interessiert. Sie hatte tun und lassen können, was sie wollte. Viele ihrer Mitschüler hatten sie um ihre total lockeren Eltern beneidet. Sie hatten ja keine Ahnung gehabt, was das hieß.

Cosima erinnerte sich an den Tag, als sie ihren Vater hatte überraschen wollen, indem sie ihm einen Kuchen buk. Zuvor hatte sie eine Sendung über einen Konditoren-Wettstreit im Fernsehen gesehen und war fasziniert gewesen.

„Du hast was?“, hatte ihr Vater ungläubig lächelnd gefragt. „Das ist doch keine Beschäftigung für ein Kind.“

„Und frag nicht, wie die Küche aussah“, hatte sich ihre Mutter eingeschaltet. „Das Au-pair-Mädchen brauchte zwei Stunden, um alles wieder blitzblank zu putzen.“

„Wenn du so weitermachst, vertreibst du Nadja noch. Schließlich habe ich eine schöne Stange Geld dafür bezahlt, dass sie hier ist.“

Rasch schüttelte Cosima jetzt die unliebsamen Erinnerungen ab, trat aus dem Schatten und stellte sich ihrem Vater in den Weg.

„Findest du es etwa lustig, mir im Dunkeln aufzulauern?“, blaffte er sofort.

„Nein.“ Ich dachte, du freust dich. Wieso hatte sie diese Hoffnung eigentlich nicht längst begraben?

„Ich nehme an, du willst Geld.“

„So ist es.“

„Bereits beim letzten Mal habe ich dir gesagt, komm wieder nach Hause, mach deinen Schulabschluss, und es wird dir an nichts fehlen.“

„Ja, sicher.“

„War ich je kleinlich dir gegenüber, wenn es sich um Geldangelegenheiten handelte?“

Nein, das nicht. Es machte sie traurig, dass er immer noch nicht begriffen hatte, um was es ihr ging.

„Du verstehst nichts.“

„Das ist doch lächerlich. Wann willst du deine Eskapaden endlich beenden?“

Eskapaden? So nannte er ihr selbstbestimmtes Leben? Früher wäre sie losgezogen und hätte sich vollgedröhnt, aber das war vorbei. Trotzdem war sie wütend. „Kann es sein, dass du eben mal fix jemanden mit einer Urlaubsreise mundtot gemacht hast?“

„Was fällt dir ein, vor meiner Tür herumzulungern und dienstliche Gespräche zu belauschen? Die du dann auch noch in einen vollkommen falschen Zusammenhang bringst, weil du von nichts eine Ahnung hast.“

„So siehst du mich also, ja? Dumm und hinterlistig.“

„Natürlich nicht. Es tut mir leid, so habe ich es nicht gemeint.“

Wie dann? Es war an der Zeit, ihrem Vater einmal klarzumachen, dass sie so nicht mit sich umspringen ließ. Das ging am besten, indem sie zur Abwechslung den Spieß einfach umdrehte. Sicherlich würde das großen Spaß machen.

„Wenn man den Hinweis mit der geschenkten Urlaubsreise der Lokalpresse stecken würde, zögen die Leser möglicherweise dieselben Schlüsse wie ich Dummerchen.“

„Du redest Unsinn, und das weißt du. Wie willst du das überhaupt anstellen? Du hast ja nicht mal Beweise.“

„Beweise? Die brauche ich gar nicht. Es genügt, wenn so eine Sache einfach nur im Raum steht.“

„Wie viel brauchst du?“

„Ich sehe, wir verstehen uns.“ Cosima lächelte ihren Vater an. Geht doch. Ob es ihm genauso gegen den Strich ging, manipuliert zu werden wie ihr?

Rasch überschlug sie die fälligen Ausgaben und nannte ihm eine Summe.

„Ich hör wohl nicht recht.“

„Darf ich dich beruhigen? Es wird gut angelegt werden.“

„Hoffen wir, dass es so ist.“

„Wann kann ich das Geld abholen?“

„Übermorgen. Du hast ja noch deinen Hausschlüssel. Ich werde das Geld in deinem ehemaligen Zimmer im Wäscheschrank deponieren.“

Zwischen den braven Klamotten, die ihre Mutter für sie gekauft und die sie nie getragen hatte, wie originell.

Ein Kuchenstück zum Liebesglück

Frühling, endlich, dieses Jahr würde Cosima die Saison früher beginnen. Es passte gut, dass die restlichen Lager­äpfel verwertet werden mussten. Ihr Hof-Café wollte sie mit einer Premiere wiedereröffnen – der Apfelstrudelpremiere. Sie stellte ihr Frühstücksgeschirr in die Spüle, putzte die Zähne und band sich vor dem Spiegel ein rotes Tuch um den Kopf. Cosima stapelte ihre Vorratsdosen mit Mehl, Zucker, Salz, Butter und den Backaromen sowie eine Schüssel mit Eiern in den Weidenkorb und hievte ihn hoch. Wer brauchte schon ein Fitnessstudio, wenn er das hier hatte? Sie lächelte vor sich hin und verließ ihre Wohnung, indem sie lediglich die Tür hinter sich in das Schloss zog.

Draußen überquerte Jakob gerade den Hof. Für Cosima gab es nichts Schöneres, als ihm zu begegnen. Ihr war klar, dass sie den wesentlich älteren Mann liebte. Sie wusste aber auch, dass er und Tina heiraten würden. Es gab Zeiten, da tat ihr der Gedanke daran weh. Mittlerweile hatte sie gelernt, diese Tatsache zu akzeptieren. Ihre Chance würde schon noch kommen, und bis dahin gab sie sich damit zufrieden, ihn zu betrachten, zu beobachten, mit ihm zu sprechen. Immerhin wohnten sie zusammen. Nicht in einer Wohnung, aber auf diesem Mehrgenerationen-Hof in einer besonderen Wohngemeinschaft. Dass sie hier gelandet war, grenzte für Cosima an ein Wunder. Manchmal schlug das Leben seltsame Wege ein. Ihrer hatte sie hierhergeführt und das, obwohl sie damals hackevoll gewesen war. Noch immer beschämte sie der Gedanke daran. Ändern konnte sie die Tatsache jedoch nicht. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihren Mitbewohnern zu beweisen, dass sie ihre Lehren daraus gezogen hatte. Seit jenem denkwürdigen Tag hatte sie keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. Sie war vielleicht gar nicht süchtig nach dem Zeug, aber sicher war sicher. Wie Jakob, ihr Retter, sie damals betrachtet hatte, würde sie nicht vergessen. Nie zuvor hatte sie sich so geschämt. Ganz zu schweigen von dem, was sich ereignet hatte, und dass nur der Filmriss sie vor weiteren peinlichen Enthüllungen bewahrte.

„Guten Morgen, Rotkäppchen. Wohin des Weges?“

Seinen Humor liebte sie besonders an Jakob. In ihrem Elternhaus hatte es so etwas nicht gegeben. Lag es daran, dass ihre Mutter über vierzig gewesen war, als sie schwanger geworden war? Wahrscheinlich nicht. Bestimmt war das eine Frage des Charakters. Betrachtete sie Zarah, ihre Hof-Oma hier, blitzte der Schalk nur so aus dem Gesicht der bereits über Siebzigjährigen. Es gab wohl tatsächlich solche und solche Menschen. Das ließ sie hoffen. Mit dieser Hoffnung lebte es sich als beinahe Neunzehnjährige sehr gut auf dem Hof. Sie war hier sozusagen das Bindeglied zwischen den Kindern und den Erwachsenen.

„Hahaha, ich hoffe, ich treffe nicht auf den bösen Wolf.“

„Falls doch, rufst du um Hilfe, mein Herz.“

Hach, bei diesen Worten schmolz Cosima bereits dahin. Bildete sie es sich nur ein, dass er sie liebevoll betrachtete? Bestimmt nicht.

„Mache ich, versprochen. Ich nehme allerdings an, dass mir in der Kantinenküche nicht allzu viel passieren wird.“ Die Gemeinschaftsküche war einfach größer als der winzige Raum in ihrer eigenen Wohnung. Daher war Cosima dazu übergegangen, dort ihrer Leidenschaft, dem Backen, nachzugehen. In der Kantine hatte sie genügend Platz, um nach Herzenslust schalten und walten zu können. Den riesigen Tisch dort brauchte sie heute unbedingt, wenn sie den Apfelstrudelteig ausrollen wollte. Sie legte besonderen Wert auf die traditionelle Herstellung des Apfelstrudels, und dafür bereitete man nun einmal Nudel- und keinen Mürbeteig zu, und basta. Cosima hatte sich diesen Tag für ihre Apfelstrudelpremiere in den Kopf gesetzt. Dass sie als Allererstes von all den Mitbewohnern Jakob über den Weg lief, deutete sie als gutes Omen. Als sehr gutes Omen.

„Was hast du dieses Mal ausgeheckt?“, fragte er amüsiert.

„Apfelstrudel nach traditioneller Art.“

„Mädchen, mich hast du bereits überzeugt.“

„Danke schön.“

„Nichts zu danken, dumm nur, dass ich heute so viele Operationen angesetzt habe. Bis zum Feierabend ist es noch lange hin, und das auch nur, wenn alles gut läuft.“

„Ich hebe dir ein extra großes Stück auf.“

„Du bist doch die Allerbeste.“

Vergiss das nur nie. Statt ihm diese Empfehlung zu geben, strahlte sie ihn an. Besser gesagt, sie begriff, dass sie ihn anschmachtete, als er ihr zuzwinkerte. Er war der beste praktizierende Tierarzt weit und breit und hatte sich auf dem Hof direkt nebenan eine Tierklinik aufgebaut. War es da ein Wunder, dass ihm die Leute die Bude einrannten? „Entschuldige, du hast sicher zu tun. Ich wollte dich nicht aufhalten. Irgendeine Mieze wartet bestimmt bereits auf dich.“

Es war nicht Cosimas Absicht gewesen, den Satz zweideutig klingen zu lassen. Offensichtlich war es doch passiert, denn Jakob sah sie eindringlich an.

„Alles klar bei dir?“

Wie süß, dass er sich um sie sorgte. Dabei war er es, um den sie sich viel zu oft Sorgen machte. Zwar hatte er seine Krebserkrankung gut überstanden, aber wer wusste schon, ob dieses hinterhältige, gefräßige Monster von einem Karzinom nicht zurückkam. Damals hatte sie gelernt zu beten. Neben der Liebe zu Jakob blieb auch das ihr Geheimnis. Nächtelang hatte sie um ihn gebangt, hatte sich informiert und recherchiert, was er essen könnte. Die Nahrung sollte ihm Kraft geben, schmecken, und vor allem war es wichtig, dass er sie überhaupt bei sich behielt. Wie niedergeschlagen sie sich immer wieder gefühlt hatte, weil genau Letzteres so selten vorgekommen war. Die Erinnerung ließ sie schaudern.

Empfand sie ihren Weg auf diesen Hof schon als ein Wunder, so war Jakobs Überleben das größte überhaupt. Cosima wollte sich gar nicht erst ausmalen, was passierte, käme der Krebs noch einmal zurück. Das wäre dann das dritte Mal. Bitte, lieber Gott, lass das nie zu! Wenn es dich überhaupt gibt. Cosima hatte da meistens so ihre Zweifel. Irgendetwas passierte jedoch zwischen Himmel und Erde, so viel hatte sie immerhin kapiert.

„Alles bestens. Ich werde mich jetzt auch ans Werk machen.“

„Dann sehen wir uns später.“

„Ja.“

Schon lief er über den Hof in Richtung Tierklinik, und sie betrat die Kantine.

Es wartet bestimmt irgendeine Mieze auf dich, sie musste verrückt sein. Was sollte das Ganze überhaupt? Vielleicht war sie spätpubertierend und litt derzeit unter einem Umbruch ihres Hormonhaushalts. Zukünftig passte sie besser auf ihre Worte auf, statt sie einfach so entschlüpfen zu lassen. Cosima leerte ihren Korb, indem sie Behälter für Behälter auf die Arbeitsplatte stellte. Wäre es nicht klüger, nach dem nächsten Einkauf ihre Vorräte gleich hier in der Kantine zu deponieren? Das würde ihr ein Hin- und Herschleppen ersparen.

Was auch immer für ihr Gefühlschaos verantwortlich zeichnete, Tatsache blieb, dass ihr Unterbewusstsein immer danach forschte: Hat Jakob oder hat er nicht? Sie mochte anstellen, was sie wollte; der Filmriss blieb. Während eines Disco-Besuches in Bützer hatte sie sich so dermaßen volllaufen lassen, dass sie alles, was danach geschehen war, nur vom Hörensagen der anderen rekonstruieren konnte. Und das mehr schlecht als recht. Fakt blieb: Jakob hatte sie gefunden in einer kalten Novembernacht, als sie auf diesem Hof ihren Rausch ausschlafen wollte. Hätte er sie dort liegen gelassen, wäre sie erfroren. Sie wusste außerdem, dass er Tina zu diesem Zweck um Hilfe gebeten hatte. Am nächsten Morgen war Cosima in seinem Wohnzimmer, auf seinem Sofa, aufgewacht und hatte sein Shirt und seine Shorts getragen, gütiger Himmel. Offensichtlich hatte sie jemand abgeduscht, sie roch nach einem fremden Duschgel. Blieb die Frage, wer sie dazu ausgezogen hatte. Tina? (Was sie von ganzem Herzen hoffte.) Jakob? (Um Himmels willen, nur das nicht.) Oder beide gemeinsam, wobei möglicherweise Tina dafür gesorgt hatte, dass ihm der Blick auf alle wesentlichen Teile ihres nackten Körpers verwehrt geblieben war. Ob sie es je herausfinden würde?

Okay, sie war wie ein Montagsauto, sagte ihr Vater gern. Sie hatte eine Macke, war irgendwie angeknackst. Ein Produktionsfehler. Nicht allzu schlimm, wie Cosima fand. Wenn sie sich genauer unter ihren Mitbewohnern umsah, entdeckte sie andauernd Macken, liebenswerte Macken. Bei Zarah, der Hof-Oma, die lieber selbstbestimmt im Alter leben wollte als von ihrer Tochter ständig bevormundet zu werden. Bei Felicitas, Tinas Tochter, die sich im Gothic-Style kleidete und schminkte, weil sie derzeit Schwarz zu ihrer Lieblingsfarbe erklärt hatte. Bei Tina, die sich aufbrezelte und zurechtmachte, als wäre jeden Tag Weihnachten, und die Panik vor jedem zusätzlichen Pfund hatte. Bei Betty, die wohl den größten Knacks von ihnen hatte, weil ihr Sohn gestorben war. All diese Menschen waren Mängelexemplare, keiner so perfekt, wie Cosimas Mutter oder ihr Vater das gerne hätten.

Logisch, dass Cosima damals, kaum ausgenüchtert, unbedingt hierher zurückgewollt hatte. Sie gehörte an diesen Ort.

Jetzt schob sie die Ärmel hoch und band sich ihre Schürze um. Danach griff sie die große Schüssel, schüttete Mehl hinein, schlug Eier an der Kante auf, gab Salz, Öl und etwas Wasser dazu und knetete den Strudelteig, der ein Nudelteig war, kräftig durch. Denn das war beinahe das Wichtigste daran. Hatte ihr zumindest Zarah gesagt, die sich aus Kinderzeiten daran erinnerte. Auch wenn damals die Zutaten knapp waren, so hatte Zarahs Oma wochenlang alles zusammengetragen, um ihr zum Geburtstag einen schönen Apfelstrudel präsentieren zu können. Insgeheim liebte Cosima solche Geschichten. Sie hatte ihre Großeltern leider nicht mehr kennengelernt. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen, wenn sie wenigstens eine liebe Oma gehabt hätte.

Cosima schaltete die Soundanlage ein und passte ihre Knetübungen dem Rhythmus des Rocksongs an. Mit Musik ging einfach alles besser von der Hand. Ab und zu wackelte sie mit den Hüften oder fiel in den Gesang mit ein. Den Teig hängte Cosima zum Ruhen über eine Stuhllehne. Danach schälte sie die Äpfel, die noch aus der eigenen Ernte stammten und im Keller gelagert worden waren. Wie Zarah ihr geraten hatte, schlug sie den Teig in ein Baumwolltischtuch ein. Für den Hausgebrauch hätte es auch ein Geschirrtuch getan, aber Cosima backte ja eine beträchtliche Menge an Apfelstrudel für ihr Hof-Café und natürlich auch für ihre Mitbewohner.

Mit dem Nudelholz rollte sie den Teig auf dem ausgebreiteten Tischtuch nochmals aus. Er war jetzt schön dünn und bedeckte die gesamte Fläche der Arbeitsinsel. Within Temptation feat. Anneke van Giersbergen schmetterte gerade ihr Duett „Somewhere“, als Cosima die dünnen Apfelspalten auf dem Teig verteilte. Sie streute Zimt darüber und griff zu den Rosinen, als die Musik plötzlich verstummte.

„Die würde ich an deiner Stelle weglassen“, erklang eine Stimme in der Stille.

Cosima wirbelte herum.

Die Musik war ohrenbetäubend. Ein Wunder, dass die lieben Nachbarn nicht angerannt kamen und meckerten. Dort, wo Vincent wohnte, war eine solche Lautstärke undenkbar.

Er beobachtete, dass die kleine Frau aufreizend ihren Po bewegte. Das war nett, und ehe er es begriff, ballte sich hinter dem Reißverschluss seiner Jeans ein hammerharter Ständer, dass ihm die Luft wegblieb. Die Frau trug ein rotes Tuch um den Kopf, eine Art legeren Turban, wenn es so etwas überhaupt gab. Es sah verwegen und sexy aus. Im Gegensatz dazu wirkte die übergroße Schürze, die ihr bis über die Knie reichte, albern.

Er konnte mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie weder sein Klopfen noch seinen höflichen Gruß gehört hatte. Ein weiteres Nachhaken wäre bei dem Lärmpegel sowieso sinnlos. Daher zog er kurzerhand den Stecker. Beinahe sofort wirbelte sie herum und wirkte nicht eben freundlich gestimmt. Er versuchte, sie auf die lustige Tour zu beschwichtigen. „Die würde ich an deiner Stelle weglassen.“ Dabei deutete er auf die Rosinen und setzte ein Lächeln auf, das er für besonders zickige Mädchen reserviert hatte. Normalerweise verfehlte es seine Wirkung nie.

„Was geht es dich an?“, keifte sie.

Ausgerechnet heute verließ ihn die Macht seines unwiderstehlichen Lächelns. Ausgerechnet bei ihr. Sie hatte sich kaum verändert, und so kostete es ihn keine große Mühe, sie wiederzuerkennen, obwohl er sie monatelang nicht gesehen hatte. Die ehemalige Skandalnudel der Schule, sieh mal an. Ihr Kinn und die linke Wange waren mit Mehl verschmiert. Was trieb die Tochter des Landrats hier? Vor einem guten Jahr war sie von der Schule geflogen und danach irgendwie abgetaucht. Hatte er zumindest gedacht.

„Ich hasse Rosinen.“ Ein Satz zur Erklärung konnte nicht schaden.

„Trotzdem ist es für den vollen Geschmack besser, man gibt welche dazu.“

War ja klar, die gab nicht klein bei.

„Sagt wer?“, hakte er nach, nur um sie weiterzureizen.

„Ich.“

Dabei sah sie aus, als würde sie ihm das Rosinenglas am liebsten an den Kopf hauen.

„Seit wann kennst du dich mit … Was soll das werden?“

„Apfelstrudel, wenn’s recht ist.“

„… mit Apfelstrudel aus?“

„Seit geraumer Zeit.“

„Oho. Früher hast du mit Jungs gespielt.“ Und mit Drogen und Alkohol experimentiert.

„Kennen wir uns?“, fragte sie schnippisch wie nie zuvor.

„Jetzt tu nicht so.“

„Natürlich habe ich dich gleich erkannt. Allerdings habe ich mit meinem alten Leben gebrochen und hielt es für eine gute Idee, mit den aus dieser Zeit hin und wieder auftauchenden Menschen einen Neuanfang zu starten. Mein Fehler.“

„Ich habe so was läuten hören.“

Sie ging nicht weiter darauf ein.

„Was sucht jemand wie du hier?“, fragte sie.

Jemand wie du, so, wie sie es betonte, klang es ganz und gar nicht freundlich.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir mal etwas miteinander gehabt hätten. Äh, in deinem früheren Leben.“

Sie prustete. „Dem Himmel sei Dank.“

„Dann verstehe ich erst recht nicht, warum du so mies auf mich reagierst. Es ist hoffentlich nichts Persönliches.“

„Du überschätzt dich – übrigens wie früher.“

„Oh, es gibt also einige Erinnerungen aus dieser Zeit.“

„Meinetwegen bist du sicher nicht hier, oder?“

„Ich suche einen Tom Lenz.“

„Das ist die Kantine, hier ist er nicht.“

Frech wie eh und je. „Das sehe ich.“

„Hör zu, Vincent Kaufmann, ich sage das nur einmal. Ich habe zu tun, du verschwendest meine Zeit. Und solltest du für die Leute, die mich gezeugt und mehr oder weniger großgezogen haben, ausspionieren, was ich so treibe, dann sag ihnen, dass ich mir das nicht gefallen lasse. Ist das bei dir angekommen?“

Auf was für Ideen dieses Mädel kam, ihre Worte irritierten ihn. Er hielt ihr die Handflächen entgegen. „Absolut. Und nein, ich bin in niemandes Auftrag hier. Du hast ja eine blühende Fantasie.“

Sie blickte ihn zweifelnd an.

„Die Rosinen würde ich trotzdem weglassen. Keiner mag die.“

„Jetzt pass mal auf. Ich werde mir doch von dem Kapitän einer Schul-Handballmannschaft und gelernten Schönling nicht in meine Arbeit reinquatschen lassen. Ich diskutiere nicht über Apfelstrudel und schon gar nicht mit dir, kapiert?“

Was für ein Temperament! „Wer wird denn gleich so pampig sein? Du findest echt, dass ich schön bin? Ernsthaft?“

„Verschwinde.“

Er rührte sich nicht von der Stelle.

„Ein Schönling ist jemand, der nicht schön ist, sondern sich nur dafür hält. Schlag das nach“, säuselte sie beinahe zuckersüß.

Er ignorierte die Beleidigung. „Wann kann ich vom Apfelstrudel kosten?“

„Das Café ist heute geschlossen.“

Ein Café gab es offenbar auch auf diesem Hof. Das war ja interessant. Unterdessen wies sie mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Tür. Wenn sie nicht mal mehr Worte für ihn fand, musste es ihr sehr wichtig sein, dass er abhaute.

„Und wann ist es geöffnet?“

„Raus.“

Meine Güte, eine Ulknudel war sie ja nie gewesen, aber der restliche Humor schien ihr auch noch abhandengekommen zu sein. Vincent fühlte sich ein klitzekleines bisschen beleidigt, dennoch schaffte er es, die Tür geräusch­los zu schließen. Selbstverständlich machte er sich aber nicht die Mühe, den Stecker der Musikanlage wieder einzuschieben. So weit ging sein Großmut dann doch nicht. Dieses freche Biest.

Auf dem gepflasterten Hof sah er sich um und entdeckte am Gebäude schräg gegenüber ein Schild an der Tür. War das der Hinweis zum Café und zu dessen Öffnungszeiten? Er ging näher ran und las: Hier ist auf, wenn auf ist. Jetzt ist zu.

Offenbar gab es auf diesem Hof doch jemanden mit Humor. Sogar mit ziemlich schrägem.

„Kann ich helfen, junger Mann?“

Die Stimme war der Hammer – tief, rauchig, eindringlich. Und sie gehörte tatsächlich zu einer kleinen, grauhaarigen Omi, die den Kopf in den Nacken gelegt hatte, um ihn anzusehen. Dabei paffte sie eine Zigarette.

„Ich suche Tom Lenz.“

„Ist der nicht in der Schule?“

„Heute ist frei, ein beweglicher Ferientag.“

„Auch so ein neumodischer Kram. Dann ist Tom bestimmt oben in seinem Zimmer.“ Sie deutete auf die Haustür.

Vincent bedankte sich, ging vor zum Hauptgebäude und überflog die Klingelschilder. Direkt neben Lenz las er den Namen Ehrlich. Über diesem Schild war eine kleine bewegliche Plastikklappe befestigt, auf der stand: Ding Dong. Was denn, hatte Cosima doch Humor oder gab es einen anderen Spaßvogel, der vorsichtshalber darauf hinweisen wollte, dass sich unter der Klappe tatsächlich ein Klingelknopf befand?

„Sagten Sie nicht, Sie wollten zu Tom?“

Er zog seine Hand fort und schob sie verunsichert in die Hosentasche.

„Ja.“

Die alte Frau musterte ihn streng. „Woher kommen Sie?“

„Ich …“

Im selben Moment wurde die Haustür geöffnet und ein kleines dunkelhaariges Mädchen mit großen Augen trippelte an ihnen vorbei. Sie hob den Kopf und strahlte ihn an. „Bist du der neue Onkel?“

„Äh, nein.“

„Er behauptet, er will zu deinem Bruder, Josi.“

Wieso denn behauptet? „Das stimmt.“

Die Kleine wandte sich kurzerhand um und rief in das Treppenhaus nach Tom. Da sich nichts tat, drückte sie anschließend auf den Klingelknopf, gleich mehrere Male.

„Was geht ab?“, rief ein offensichtlich schlecht gelaunter Tom Lenz.

„Hier ist ein … wie heißt du?“, wandte sich die Kleine an ihn.

„Vincent.“

„Ach, heißt so nicht das Monster in Die Schöne und das Biest, das eigentlich ein verzauberter Prinz ist?“

Er zuckte mit den Schultern. Wo war er hier nur reingeraten? Es schien, als tickte jeder Bewohner nicht ganz richtig. So gesehen passte Cosima Ehrlich hervorragend auf diesen Hof.

„Vincent“, schrie die Kleine wieder nach oben.

„Und weiter?“, erklang die prompte Antwort.

„Wie weiter?“, wiederholte sie für Vincent, als hätte er den Wortwechsel der Geschwister nicht mitbekommen.

„Kaufmann. Vincent Kaufmann.“

Bevor sie zurück in den Hausflur trippeln konnte, kam es von oben: „Warum hast du das nicht gleich gesagt? Komm rauf.“

Vincent wollte sich an der Kleinen vorbeischieben, doch die hielt ihn am Ärmel fest. „Kennst du wirklich nicht Die Schöne und das Biest?“

„Äh … doch.“

Sie schien zufrieden und ließ ihn ohne Weiteres passieren.

Einen Tag später wachte Vincent gegen Mittag auf und verließ kurz danach das Zimmer. Seine Mutter telefonierte. Sie redete offensichtlich mit einer Freundin. Er erhaschte Worte wie Vorstandssitzung, Rotary-Club, Golfen – bis sie lachte. Als sie ihn sah, winkte sie ihm zu. Vincent ging zum Kühlschrank, nahm sich eine Packung Milch und griff in den Brötchenkorb.

„Da bist du ja. Dein Vater und ich werden das ganze Wochenende unterwegs sein. Bitte sorg dafür, dass das Haus in einem halbwegs ordentlichen Zustand bleibt. Viel Spaß dir.“

Sie gab ihm ein Wangenküsschen und zog ihre Kostümjacke über. Als sie nach den Wagenschlüsseln griff, winkte sie ihm zum Abschied, indem sie die einzelnen Finger hin und her bewegte.

Im Haus war es jetzt still, zu still irgendwie. Er musste plötzlich an den Mehrgenerationen-Hof in Bützer denken. Wie wohl so ein Samstagvormittag dort ablief? Ob gemeinsam in dieser Kantine gefrühstückt wurde? Das stellte Vincent sich schön vor. Urig, gemütlich, ungewohnt. Er könnte natürlich davon ausgehen, dass ihm die vielen Menschen oder erst recht die Geschwister auf die Nerven gehen würden. Vincent glaubte das jedoch nicht.

Er sollte nicht über so was grübeln. Ihm ging es schließlich gut, er verfügte über genug Geld, seine Eltern versorgten ihn mit allem Nötigen, und er musste zugeben, auch mit vielem Unnötigen, das sein Leben schöner machte. Er besaß einen dunkelblauen BMW Z4 Coupé, das neueste Smartphone, seine Computertechnik war vom Feinsten, er trug teure Klamotten, und kleinlich konnte man seine Eltern wirklich nicht nennen. Sie schlugen ihm nie etwas ab, fragten nicht nach den Mädchen, die er für ein, zwei Nächte, manchmal für etwas länger, mitbrachte. Gönnten ihm seinen Spaß, egal womit. Irgendetwas fühlte sich jedoch seltsam leer an.

Früher war ihm das nie aufgefallen, zurzeit ertappte er sich aber immer öfter dabei. Lag es daran, dass er bald einen anderen Weg einschlagen würde? Dass die Kindheit unwiderruflich vorbei war nach dem Abi? Wie würde sein Leben aussehen? War das, was seine Eltern für ihn planten, bereits alles? Würde es keine Abenteuer, keine Überraschungen, nichts Aufregendes mehr geben?

Er versuchte zu analysieren, was er empfand. Nun, da war alles Mögliche, vor allem auch Langeweile.

Ödete ihn sein Leben an? Der Gedanke beunruhigte ihn.

Nach zwei Stunden Rumhängen vor dem Fernseher stieg Vincent in seinen Wagen und fuhr los. Aufgrund des wunderbar konkreten Hinweises auf die Öffnungszeiten des Hof-Cafés in Bützer beschloss er, es darauf ankommen zu lassen.

Dutzende abgestellte Fahrräder am offenen Tor gaben ihm eine rasche Antwort. Jetzt ist offen. Da die Sonne schien und allerfeinstes Frühlingswetter herrschte, gab es draußen keinen einzigen freien Tisch mehr. War er jetzt etwa enttäuscht? Blödsinn. Niemand konnte ihm verbieten, ein Stück Kuchen auf der Hand zu essen. Er stellte sich hinten an die Schlange an, die in die Café-Stube führte. Es ging relativ schnell vorwärts.

Vincent entdeckte Cosima hinter dem Kuchentresen. Heute hatte sie ein gelbes und ein blaues Tuch gekonnt um den Kopf geschlungen. Es war wahrscheinlich gewollt, dass einige Strähnen ihres Haars hervorlugten. Sie lächelte. Ein Lächeln von der Art, wie er es noch nie an ihr gesehen hatte. Selbstbewusst, von einer tiefen Freude zeugend und unschuldig zugleich. Es war hoffentlich die komplette Mischung und nicht der Hauch von Unschuld, weshalb dieses Lächeln ihn beinahe aus den Schuhen haute. Cosima Ehrlich und Unschuld war schließlich ein Widerspruch in sich.

Sie wirkte ganz so, als wäre sie mit sich im Reinen. Ein weiterer Aspekt, der ihn ins Grübeln brachte. Sie war ganz in ihrem Element. Vincent zwang sich, seinen Blick von ihr abzuwenden. Stattdessen sah er sich die Einrichtung an. Ein bisschen Tante-Emma-Laden-Charme, ein wenig Wiener-Caféhaus-Atmosphäre des neunzehnten Jahrhunderts. Das bewirkten vor allem die unterschiedlichen, mit weinrotem Samt bezogenen Sofas. Ebenso die aus dunkel gebeiztem Holz und mit aufwendigen Schnitzereien an den Beinen versehenen Tische und Stühle, die alten Landschaftsbilder oder Lavendelstillleben an den Wänden. Und natürlich die gewölbten gläsernen Hauben auf den Kuchentellern. Hübsch. Wirklich, er konnte es nicht anders bezeichnen. Seine Mutter wäre entzückt. Vielleicht sogar Cosimas. Wenn sie davon wüsste. Wie kam er nur darauf, dass Marion Ehrlich eventuell keinen blassen Schimmer von alldem hier hatte?

Wahrscheinlicher war, dass er mit seiner Annahme total danebenlag.

„Was darf es sein?“

Er wollte bereits antworten, als er begriff, dass Cosima nicht ihn, sondern die Frau, die rechts daneben stand und damit eigentlich nach ihm dran war, fragte.

Natürlich war es nicht eben nett, ihn mit voller Absicht zu übersehen. Und wenn es sich nicht um Vincent Kaufmann gehandelt hätte, wäre ihr so etwas nicht im Traum eingefallen. Dieser überhebliche, eingebildete Typ konnte gut eine kleine Lektion verkraften. Und falls nicht, taugte er ohnehin nichts.

Ein wenig ratlos blickte er die Frau neben sich an, öffnete den Mund, schloss ihn wieder, als überlege er, und entschied sich zu schweigen. Vorläufig, da machte sie sich gar nichts vor. So schnell würde er nicht nachgeben, jede Wette.

Cosima wurde nicht enttäuscht. Hatte er nur die Klappe gehalten, weil es sich um eine hübsche, junge Frau mit tief ausgeschnittener Bluse gehandelt hatte oder weil seine gute Erziehung durchkam? Wie auch immer, der kurze Waffenstillstand war vorbei.

„Entschuldigung.“

Sie sah nicht ein, weshalb sie ihn nicht noch ein bisschen zappeln lassen sollte, und drehte sich zur Kaffeemaschine um. Sein hilflos klingender Ansatz, sich zu Wort zu melden, verpuffte in der nach Kaffee duftenden Luft.

Betty, die heute wieder als Aushilfskraft fungierte, bediente ein älteres Ehepaar und warf Cosima einen forschenden Blick zu. Während der nächsten Seitwärtsbewegung wandte sich Betty an sie. „Stimmt was nicht?“

Aus den Augenwinkeln bemerkte Cosima, dass Vincent zwischen Betty und ihr hin und her sah. Sie lächelte den nächsten Kunden neben Vincent an und fragte nach dessen Wunsch.

Vincent kniff die Augen zu schmalen Schlitzen. Taxierte er sie oder die Gesamtsituation? Mir doch egal. Der Typ war so überflüssig wie Katzenmiauen im Knabenchor.

„Entschuldigung, ich glaube, ich bin an der Reihe.“

Betty stieß ihr vorsichtig den Ellbogen in die Rippen. Musste ihr die Freundin gerade jetzt in den Rücken fallen?

„Oh, tut mir furchtbar leid, dass ich Sie übersehen habe“, sagte Cosima extra laut. Klar, weil das ja bei einem etwa zwei Meter großen Geschäftsführer-Söhnchen ganz leicht passieren konnte. Vincents Schnauben überhörte sie geflissentlich. Stattdessen verkniff sie sich ein Grinsen. „Was darf es sein, junger Mann?“

„Du hast mich doch zum Apfelstrudel eingeladen, schon vergessen?“

Eingeladen? Eher gefriert die Hölle. Cosima nutzte die Situation sofort für sich. „Einmal Apfelstrudel – mit Sahne oder Vanillesoße?“

„Zwei Stück bitte, mit allem.“

Hatte er noch ein Mädchen aus seinem Fan-Club dabei? Sie blickte sich unauffällig um, konnte aber niemanden entdecken, die zu dem Klischee passte. Kurz entschlossen lud sie zwei Stücke auf einen Teller. Sollte er tatsächlich in Begleitung sein, wäre die Dame bestimmt entzückt, von seinem Tellerchen zu essen. Noch einmal hielt sie nach dem Schneewittchen Ausschau.

„Und einen Coffee to go, bitte.“

„Haben wir nicht.“

„Cappuccino to go?“

„Nein.“

„Einen Latte to go?“

Der konnte sich seine Latte sonst wo reinstecken. Bitte jetzt kein Kopfkino, betete sie im Stillen und hoffte, nicht zu erröten. „Auch nicht.“

„Verstehe ich nicht.“

„Was gibt es daran nicht zu verstehen?“

„Jeder Gast bestellt hier einen Kaffee, Cappuccino oder dieses Milchschaum-Gebräu. Also …“

„Manche haben auch Tee.“

„Red keinen Stuss.“

Vibrierte seine Stimme etwa vor unterdrückter Wut? Ihre Zufriedenheitsskala kletterte soeben in die Höhe, juchhei. Nicht mehr lange, und sie hatte ihn da, wo sie ihn haben wollte. Er würde die Fliege machen.

Sie zog eine unschuldige Schnute. „Es liegt am to go.“

Hinter seiner Stirn arbeitete es auf Hochtouren. „Soll heißen?“

„Geht es nun weiter oder nicht?“, beschwerten sich die ersten Gäste in der Schlange.

Betty ergriff hinterrücks die Initiative. „Aber selbstverständlich. Wir bringen Ihnen das Gewünschte nach draußen. Suchen Sie sich schon einen hübschen Tisch aus“, forderte sie Vincent auf. „Es wird nicht lange dauern. Und was darf es bei Ihnen sein?“, wandte sie sich an den nächsten Gast.

„Sag mal, was ist los mit dir? So kenne ich dich gar nicht“, raunte Betty ihr zu.

Vielleicht hatte Cosima es wirklich ein wenig übertrieben. Doch wenn ein Vincent Kaufmann aufkreuzte, schrillten bei ihr echt die Alarmglocken. Damit war ihr Erzeuger eindeutig zu weit gegangen. Das würde sie sich nicht gefallen lassen.

„Bringst du ihm den Kaffee?“, bat sie Betty, ihre mütterliche Freundin, die schließlich mehr als doppelt so alt war wie sie.

„Das wirst du schön selbst übernehmen. Immerhin hast du den Unsinn verzapft. Übrigens halte ich eine Entschuldigung für angebracht.“

Niemals.

„Du brauchst gar nicht deine Wangen aufzublasen.“ Betty ließ sich nicht erweichen. Na schön, dann eben nicht. Cosima bekam das hin. Geschickt balancierte sie ihr Tablett und freute sich, als Livi die Café-Stube betrat und anbot zu helfen. Ihre ehemalige Mitschülerin verdiente sich gern etwas dazu und half oft aus.

„Schön, dass du da bist“, rief sie ihr zu und trat durch die Tür. Plötzlich stand Cosima direkt Vincent gegenüber, der die Hände ausstreckte, um das Tablett entgegenzunehmen.

„Ich hatte vorhin zwar einen ganz und gar anderen Eindruck“, sagte der. „Da du deine Meinung aber offensichtlich geändert hast, will ich mal nicht nachtragend sein. Danke sehr.“

„Hoffentlich bricht es dir nicht das Herz, wenn ich gestehe, dass ich Lavinia meinte.“

„Du siehst mich am Boden zerstört.“

Cosima beschloss, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. Wenn sie ihren alten Herrn auf Abstand halten wollte, der Geldhahn aber weiter munter sprudeln sollte, musste sie ihn mit den eigenen Waffen schlagen: mit aalglattem Benehmen. „Wo ist dein Tisch?“

„Hab keinen abgekriegt.“

„Ach. Das tut mir jetzt leid.“

„Bereits vorhin waren alle Plätze belegt. Darum wollte ich ja auch nur einen Kaffee zum Mitnehmen. Sorry, wenn es Umstände macht.“

So rasch fand sie sich in einer unmöglichen Situation wieder.

„Gib mir einfach das Tablett, ich suche eine geeignete Stelle, wo ich es abstellen kann.“ Er hielt ihr noch immer die Hände entgegen. Instinktiv reichte sie es ihm.

„Danke. Darf ich den Holzstapel neben dem Schuppen dort nutzen?“

„Äh, wozu?“

„Als Ablage natürlich.“

Fehlte nur noch, dass er Dummerchen hinzufügte. Das tat er jedoch nicht. Cosima kam sich so schon blöd genug vor und nickte eilig.

„Prima.“

Vielleicht sollte sie sich wirklich entschuldigen. Bei jedem anderen hätte sie es getan. Cosima räusperte sich. „Weißt du, wir haben keine solchen Styroporbecher.“

Er hob die Kaffeetasse an den Mund und nahm einen Schluck. „Der schmeckt wirklich großartig.“

„Danke.“

Dann stieß er mit Schwung die Gabel in den Kuchen.

„Das ist auch der Grund, warum die Gäste ihn genießen sollten.“ Während Cosima redete, verschwand eine Portion des Apfelstrudels zwischen Vincents Lippen, auf denen Puderzuckerspuren zurückblieben. Der Drang, mit dem Zeigefinger den Puder fortzuwischen, war groß. Wahrscheinlich starrte sie dabei so eindringlich auf seinen Mund, dass er selbst darauf kam und mit dem Handrücken darüberstrich.

„Alles ab?“ Vincent schürzte die Lippen und blickte ihr direkt in die Augen.

„Ja.“ Hatten seine Augen schon immer diesen intensiv strahlenden Farbton besessen? Sie waren knallblau.

Bevor sie darin versank, sollte sie besser die Kurve kriegen.

„Ich habe bewusst auf die Anschaffung von Styroporbechern verzichtet“, erklärte sie sachlich.

„Weil sie zu teuer sind und anschließend die Umwelt belasten?“

Ihr doch egal, wenn er sie als Öko-Tussi abtat. Es überraschte sie, dass er diesen Aspekt überhaupt zur Sprache brachte. „Auch, aber ich finde, dieser Kaffee sollte aus einer schönen Tasse getrunken werden. Gemütlich sitzend und sich dabei entspannen wäre geradezu perfekt. Heutzutage hat scheinbar niemand mehr Zeit, einen Kaffee wirklich zu genießen.“

„Heutzutage? Sagt ausgerechnet ein junger Hüpfer wie du. Wie alt bist du?“

„Das weißt du verdammt gut.“

„Könnte es sein, dass du dich verändert hast?“

„Könnte es sein, dass du mich überhaupt nicht kanntest?“

„Gut möglich.“

Er schob sich ein weiteres Stück Apfelstrudel in den Mund. Vincent sah aus, als ob es ihm schmeckte. Aber danach erkundigen wollte sie sich auf gar keinen Fall.

„Interessanter Ansatz“, sagte er, als er runtergeschluckt hatte.

„Was? Dass wir uns kaum kennen, obwohl unsere Eltern seit Jahren miteinander verkehren und uns zu unzähligen Veranstaltungen mitgeschleppt haben?“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Das mit dem Genießen.“

„Ach so?“

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

Das hatte sie, ehrlich gesagt, auch nicht erwartet. Vielmehr verblüffte sie allerdings die Tatsache, dass er das offen zugab. „Aber es stimmt doch.“

Zögernd nickte er. „Du könntest recht haben.“

Sie starrte ihn an.

„Guck nicht so misstrauisch. Ich bin nur hier, weil ich neugierig auf deinen Apfelstrudel war.“

Es klang zwar plausibel, aber ein Restzweifel blieb. „Hm.“

„Meine Güte, da muss ja ganz schön was vorgefallen sein, dass du mir nicht glaubst.“

Offensichtlich war es Vincent Kaufmann nicht gewohnt, dass man ihm nicht auf den Leim ging. „Vorsicht kann nie schaden.“

Verblüfft blickte er sie an. „Mein Opa pflegt zu sagen: Schlimmer als ein Elefant im Porzellanladen ist ein Igel in der Kondomfabrik.“

„Da kennst du dich besser aus als ich.“

„Soll heißen?“

Cosima zuckte mit den Schultern.

„Ich fasse kurz zusammen: Die Vanillesoße hat ein tolles Aroma, die Sahne ist frisch und kommt keineswegs aus der Sprühflasche, der Kaffee könnte besser nicht sein, aber der Apfelstrudel wurde direkt aus dem Paradies eingeflogen. Sieht man von den Rosinen mal ab.“

Blödmann. Cosima war hin- und hergerissen ob dieses seltsamen Komplimentes. Sollte sie sich dafür bedanken oder nicht? Was blieb, war die diebische Freude darüber, dass es ihm geschmeckt hatte. Und es schien, als hätte er das nicht erwartet. Umso besser für sie.

„Das ist jetzt hier dein Job? Du backst?“, fragte er.

„Die Café-Stube gehört mir.“

„Du bist die Chefin?“ Er wirkte vollkommen verblüfft.

„So sieht es aus“, antwortete sie stolz.

Wieso musterte er sie plötzlich so seltsam? „Warum lächelst du so onkelhaft?“

„Mache ich doch gar nicht. Ich stehe einfach noch vollkommen unter dem Bann des Apfelstrudels. Bist du dir darüber im Klaren, dass der Apfel für die Sünde steht?“

„Bis jetzt nicht.“

„Das überrascht mich aber. Backst du noch andere Kuchen?“

„Selbstverständlich.“

„Hätte ja sein können, dass du Lieferanten hast.“

„Hier backt die Chefin selbst.“

„Respekt.“

Meinte er das im Ernst – ohne Hintergedanken? Sie musterte ihn aufmerksam.

„Das heißt, ich sollte wiederkommen, wenn ich von deinen anderen Backwerken kosten möchte?“

„Sicher.“

„Das ist jetzt aber eine Einladung, oder?“

„Vergiss es.“

„Schade.“

„Es steht dir frei, zu tun und zu lassen, was du willst.“

„Tatsächlich?“

„Hast du das nicht immer getan, Vincent Kaufmann?“

„Nicht immer. Und wie steht es mit dir?“

„Ich durfte nie das tun, was ich wollte.“

„Außer jetzt, mit deinem Café.“

„Genau.“

„Und darum bist du von zu Hause abgehauen?“

Das wäre zu simpel, aber er kam der Wahrheit ziemlich nah. „Mir kannst du es verraten: Hast du auch so etwas Ähnliches vor?“, konterte sie.

Er lachte schallend.

„Kam mir gleich spanisch vor, dass du eventuell Geld brauchst und für mich kellnern würdest.“

„Wovon träumst du nachts, Cosima?“

Bestimmt nicht von deinen knallblauen Augen. „Ich war mir sowieso nicht sicher, ob dir der 80er-Jahre-Eisdielen-Look-Anzug überhaupt stehen würde.“ Glatt gelogen. Sie wusste, dass der Kerl sogar im ausgeleierten Kapuzenshirt großartig aussah.

„Wie kommst du auf 80er-Jahre? In deiner Café-Stube sieht es doch eher wie zu Urgroßmutters Zeiten aus. Hübsche Idee, übrigens.“

Ein weiteres Kompliment vom Mannschaftskapitän? Wenn das so weiterging, sollte Cosima heute lange aufbleiben. Nicht, dass sie sich viel daraus machte, von ihm gelobt zu werden. Blöd, dass sie sich zu viel daraus machte. Sich zu sehr freute, so sehr, dass ihr Herz einen großen Hüpfer tat.

„Hi, ich dachte, ich habe Bedenkzeit bis Montag.“

Vincent hatte Tom nicht kommen sehen.

Cosima lächelte ihren Nachbarn freundlich an. „Magst du ein Stück Apfelstrudel? Du solltest zugreifen, solange noch welcher da ist.“

„Reservier mir ein Stück“, bat Tom.

„Gern. Setzt dich Vincent Kaufmann unter Druck?“

Hallo? Er stand direkt neben Cosima, und sie tat so, als wäre er Luft. „Ich sagte bereits, dass ich nur wegen des Apfelstrudels gekommen bin.“

Das glaubst du doch selbst nicht, las er in Cosimas Augen.

„Habe ich was verpasst?“, interessierte sich Tom.

„Nein.“

„Was will Vincent von dir, Tom? Du musst da nicht mitmachen, nur um irgendwo dazuzugehören.“

„Wovon redest du?“, fragte Vincent. Tom hatte es offensichtlich eilig, er steuerte bereits den Weg zwischen den Gebäuden an, der in einen Garten führte.

„Also dann bis Montag“, sagte Tom und blickte über die Schulter.

„Lass dich nicht durch seine permanente Anwesenheit auf dem Hof nötigen, Ja zu sagen“, rief Cosima Tom hinterher.

„Du spinnst doch.“

„Was willst du von Tom?“

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

„Wieso machst du so ein Geheimnis draus?“

„Das bildest du dir ein.“

„Na klar.“

„Es geht um Handball.“ Wann, zum Teufel, hatte er beschlossen klein beizugeben?

Sie sah ihn abwartend an.

„Wir brauchen Nachwuchs in unserer Schulmannschaft.“

„Und du kümmerst dich darum? Einfach so, in deiner Freizeit?“

„Was dagegen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Was soll das heißen, einfach so?“

„Ohne eine Gegenleistung. Von deinem Vater hast du das nicht.“

Worauf spielte sie an? „Hör mal, nur weil du mit deinem Elternhaus gebrochen hast, müssen das nicht alle tun.“

„Da hast du recht. Macht ja auch Sinn. Wirst du später die Energiebetriebe von deinem Herrn Papa übernehmen? Könnte gut sein, dass ihm das in ein paar Jahren alles zu viel wird. Immerhin wird gemunkelt, dass er neben Brandenburg und der Rathenower Wärmeversorgung nun auch noch Premnitz übernehmen soll. Oder kriegst du eine eigene Firma, wenn du groß bist?“

„Wieso bist du eigentlich permanent auf Krawall gebürstet? Dir geht es hier auf dem Hof doch angeblich so gut?“

Ein dunkler Typ mit breiten Schultern, kurzen Haaren, Dreitagebart und stechend grünen Augen trat näher. „Hallo Lieblingsbäckerin.“

In Cosimas Gesicht ging die Sonne auf. Der Kerl musste es ihr ja angetan haben. Was ein Witz war, denn er könnte vom Alter her ihr Vater sein. Vielleicht stand sie auf alte Säcke. Was daran liegen konnte, dass ihr echter Vater bereits über sechzig war. Suchte sie ihre Liebhaber als Vaterersatz aus? Na ja, was gingen ihn ihre Vorlieben an?

„Hallo Jakob. Bist du gestern noch dazu gekommen, vom Apfelstrudel zu kosten?“, flötete Cosima geradezu.

„Oh ja. Der beste Apfelstrudel, den ich je gegessen habe, Liebes.“

Liebes? Dass der Kerl sich nicht schämte, ein so junges Mädchen flachzulegen! Man könnte beinahe denken, sie klimpere mit den Wimpern ob dieses Komplimentes. Lächerlich. Sie strahlte den Mann an, der aussah, als wäre er der Action-Held des aktuellen Blockbusters aus Hollywood.

„Das freut mich“, säuselte sie und wirkte dabei wie Susi Sorglos, deren Lebensinhalt einzig darin bestand, für ihren Ehemann die schönsten Kuchen zu kreieren. Gleich würde ihm schlecht werden.

„Wir sehen uns später“, sagte Jakob lächelnd und ging.

Cosima nickte, immer noch über das ganze Gesicht strahlend.

„Ist er der Grund?“, wollte Vincent wissen.

„Ist er wofür der Grund?“, hakte sie nach.

„Dass du hier auf dem Hof wohnst.“

„Er ist immerhin einer der wichtigen Gründe.“

Vincent konnte nicht verhindern, einen verächtlichen Laut auszustoßen. „Aha, es gibt demnach mehrere.“

„Natürlich. Es sollte immer mindestens drei Gründe geben, um sich für oder gegen etwas zu entscheiden.“

„Wissen deine Eltern davon, dass du es mit … mit so einem treibst?“

Sie tippte sich an die Stirn.

„Wenn die sachlichen Argumente ausgehen, zeigt man seinem Gesprächspartner nicht einfach einen Vogel. Da könntest du noch jede Menge lernen von deinem Vater.“

„Ich mag mich nicht verstellen“, antwortete Cosima.