Ein kunstvoller Mord - P.B. Vauvillé - E-Book

Ein kunstvoller Mord E-Book

P.B. Vauvillé

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Beschreibung

Der zweite Fall für Detektiv Quentin Belbasse. Ein heimtückischer Mord versetzt die Pariser Kunstszene in Aufruhr. Während einer Performance wird die schillernde Künstlerin Solveig Brenner vergiftet. Tatsächlich hatte sie nicht nur Freunde in der Szene und, wie sich herausstellt, die ein oder andere möglicherweise verhängnisvolle Affäre. Wollte sich jemand an ihr rächen? Oder sollte die aneckende Feministin gar gezielt zum Schweigen gebracht werden? Kein einfacher Fall für Quentin, der sich in seinen Ermittlungen mit den dubiosen Schattenseiten des Kunstbetriebs konfrontiert sieht.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2019

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P. B. Vauvillé

Ein kunstvoller Mord

Kriminalroman

Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff

Atlantik

1

Dem arglosen Spaziergänger, den es am Abend des 23. Oktober in die Nähe der Kirche Saint-Germain-l’Auxerrois verschlagen hätte, wäre zweifellos nichts aufgefallen. Wer jedoch ein Weilchen am Geländer eines Balkons in der Rue des Prêtres gelehnt hätte, wäre Zeuge einer merkwürdigen Prozession lichtscheuer Gestalten geworden, die nacheinander verstohlen in die Kirche huschten. Mit ihrer schwarzen Kleidung sahen sie aus wie Mitglieder eines Geheimordens. Rosa Kontrapunkt, die als letzte durch das Portal schlüpfte, warf einen hastigen Blick über die Schulter, bevor das altehrwürdige Gebäude sie verschluckte.

Saint-Germain-l’Auxerrois hatte schon immer eine eigenartige Faszination auf sie ausgeübt, die sogar so weit ging, dass es für sie zu einem Ritual geworden war, der Kirche bei jedem ihrer Aufenthalte in Paris einen Besuch abzustatten. Sie wusste sehr wohl, welche schreckliche Rolle die Saint-Germain-l’Auxerrois in der Bartholomäusnacht gespielt hatte: Ihre Glocken hatten das grausame Gemetzel eingeläutet, bei dem in ganz Frankreich um die dreißigtausend Protestanten umgekommen waren. Doch hegte die protestantische, deutschstämmige Rosa deswegen keinen unversöhnlichen Groll. Sie sah in der Kirche vielmehr eine Heimstatt der Künstler. Sie selbst war Künstlerin mit Leib und Seele, ihr ganzes Wesen kreiste um dieses Selbstverständnis. Und so verstand sie auch das bevorstehende nächtliche Abenteuer als wichtige Mission – und in ihrem Leben hatte sie schon einige erfüllt.

Im bleichen Licht des Vollmonds, das durch die Glasfenster hereinfiel, tastete sie nach einer Kirchenbank, auf der sie ihren Rucksack abstellen und ihre Höhlenforscher-Ausrüstung anlegen konnte. Sie zog sich die Kapuze ihrer Jacke über den Kopf und streifte sich ein Stirnband mit einem Lämpchen über, das sie sofort anknipste. Mit Hilfe dieser Montur, mit der sie einem leuchtenden Tiefseefisch ähnelte, konnte sie sich in dem gewaltigen Raum besser orientieren, der mit seinen zahlreichen dunklen Winkeln und schattigen Ecken schon am hellen Nachmittag beeindruckend genug war. Jetzt, in der Nacht, schienen selbst die Marmorstatuen in ihren erstarrten Posen furchtsam zu zittern.

Als die Glocken im nahegelegenen Kirchturm elf Mal schlugen, hob Rosa die Falltür neben dem Marien-Triptychon und stieg in den unterirdischen Gang hinab, der sie zu ihrem Ziel, dem alten Warenhaus, führte, das längst nicht mehr genutzt wurde. Der Weihrauchgeruch wurde schwächer, je weiter sie sich von der Kirche entfernte, stattdessen roch es immer muffiger, nach Schimmel und abgestandener Luft.

Da es für die Einstimmung auf die kommenden Empfindungen notwendig war, dass jeder sich allein auf den Weg machte, war vereinbart worden, dass die Teilnehmer während des Happenings nicht miteinander sprechen würden. Nachdem sie über eine Treppe am Ende des Gangs in das leere, mehrere Etagen umfassende Gebäude gelangt war, steckte sich Rosa im schwach orangeroten Schein der Straßenlaternen, der durch die hohen Fenster in den Innenraum fiel, zwei kleine Kopfhörer in die Ohren und schaltete ihren iPod ein. Prompt brandete das Stimmengewirr von Kunden aus den entschwundenen Glanzzeiten des Kaufhauses an ihre Ohren. Sie stellte den Rucksack in einer Ecke ab und machte sich an die Erkundung des weitläufigen Innenraums.

Sie begann bei der Treppe, die sie aus dem Keller ins Erdgeschoss geführt hatte, und schlenderte langsam durch die Überbleibsel einer vergangenen Ära. Hier und da lagen nackte Kleiderpuppen herum, manche mit fehlenden Gliedmaßen oder grotesk verrenkt. Vorsichtig schlängelte sie sich zwischen den kahlköpfigen, blicklosen Puppen und anderem Plunder hindurch. Ein Stück entfernt konnte sie eine schemenhafte Gestalt ausmachen, die vor einer Säule im Schein ihres Lämpchens den Lageplan des Warenhauses studierte. Rosa konnte ihre Gesichtszüge erst nicht erkennen, da der gesamte Raum in ein flirrendes Dämmerlicht getaucht war und die Teilnehmer bei ihren Rundgängen auf Abstand achteten. Doch bei genauerem Hinsehen erkannte sie ihren Freund Pierre, mit dem sie schon in allen möglichen Ländern an Happenings teilgenommen hatte und der ein glühender Verfechter solcher Experimente war.

Rosa steuerte die breite Haupttreppe an, die zur ersten Etage hinaufführte. Plötzlich merkte sie, dass sie irgendwo im Halbdunkel jemand fotografierte. Als sie sich umdrehte, fiel der Strahl ihres Stirnlämpchens für einen kurzen Moment auf ein weibliches Gesicht, das teilweise von einer Kamera verdeckt war. Rosa glaubte, Solveig Brenner zu erkennen, eine Fotografin um die vierzig, die schon mehrfach ihren Weg gekreuzt hatte, und freute sich, sie hier zu sehen. Nach der Performance könnten sie sich vielleicht über ihre jüngsten Arbeiten austauschen. Vage bekam sie mit, wie Solveig sich von ihr entfernte und auf eine andere Schattengestalt zuging.

Schritt für Schritt tastete sie sich die monumentale Treppe empor, die Hand am Geländer, denn in der Mitte des Gebäudes war das Licht noch spärlicher als in der Nähe der Wände und der hohen Fenster. Von Zeit zu Zeit strichen die Scheinwerfer eines Bateau Mouche über die Treppe und warfen kolossale Schattengebilde an die Wände. Immer wieder stieß Rosa mit dem Fuß gegen Schutthaufen und andere Hindernisse, sie kam nur langsam voran.

Mehrere helle Lichtkegel, eine langgestreckte Gestalt in der Ferne und gedämpftes Murmeln machten sie auf drei andere Performer aufmerksam. Allmählich machte ihr die schlechte Sicht im Gebäude immer mehr zu schaffen, und sie schwor sich, an keinem nächtlichen Happening mehr teilzunehmen.

Es waren noch keine zwanzig Minuten verstrichen, als plötzlich laute Hilferufe das Stimmengewirr vom Band übertönten. Rosa riss sich die Kopfhörer aus den Ohren und lauschte. Diesmal hörte sie deutlich, wie eine Männerstimme etwas rief. Sie lief eilig die Treppe hinunter, verfehlte eine Stufe und knickte um. Andere Performer, die ebenfalls herbeigerannt kamen, halfen ihr auf. Gemeinsam erreichten sie das Erdgeschoss. Bei der Szene, die sich ihren Blicken bot, stockte ihnen der Atem. Rosa spürte, wie sich die Härchen an ihren Armen aufrichteten. Vor ihnen stand Pierre, über die liegende, grotesk verrenkte Solveig Brenner gebeugt, deren Brust von Erbrochenem besudelt war. Ein paar Meter entfernt lag ihre Kamera mit zerbrochenem Gehäuse.

2

Ein mittelgroßer Mann mit einem grauen Haarkranz trat an die liegende Gestalt heran und tastete am Hals nach ihrem Puls. Er beugte sich über sie, blickte ihr prüfend ins Gesicht und untersuchte den Speichel, der ihr aus dem Mundwinkel geronnen war.

»Sie ist tot. Rufen Sie die Polizei!«

Rosa holte ihr Handy hervor, das sie entgegen der ausdrücklichen Bitte der Veranstalter dabeihatte.

»Quentin?«, rief sie, als ihr Sohn abnahm. »Ruf sofort deinen Freund Brossard an.«

»Er ist nicht mein Freund«, widersprach Quentin Belbasse reflexartig.

Er war eben erst von einer dreiwöchigen Tournee zurückgekehrt, entnervt von den Launen der Sängerin, die er begleiten musste, und hatte gerade mal Zeit gehabt, seine Gitarre abzustellen und sich ein Glas Weißwein einzugießen.

»Was ist denn los?«, fragte er irritiert. »Wo steckst du?«

»Im Samaritaine. Wir haben eine Tote.«

Im Nu war er hellwach. »Was? In was bist du denn jetzt schon wieder geraten?«

»Ruf mich an, wenn du vor der Saint-Germain-l’Auxerrois stehst. Und beeil dich!«

Quentin legte auf und wählte umgehend die Nummer von Lieutenant Brossard, den er bei dem Mordfall im Cabaret Narcisse kennengelernt hatte. Eigentlich waren der Lieutenant und er sich nicht besonders grün, aber Brossard war nun mal der einzige Polizist, den er kannte.

»Hallo«, meldete sich jemand mit schwerer Zunge.

»Mir wurde ein verdächtiger Todesfall im Samaritaine gemeldet.«

»Wer spricht denn da?«

»Belbasse. Quentin Belbasse, erinnern Sie sich?«

»Ich bin nicht im Dienst.«

»Wir erwarten Sie vor der Saint-Germain-l’Auxerrois.«

Auf dem Weg zum Kirchenportal fiel Quentins Blick auf die herbstlich kahlen Bäume, die ihre Äste in einen bedeckten Himmel reckten, an dem sich hin und wieder der Mond zwischen den Wolkenrändern hervorschob.

Lieutenant Jean-Michel Brossard erschien ein paar Minuten später und sah mindestens so finster aus wie die tiefhängenden Wolken am Nachthimmel. Seit Capitaine Corsini im Ruhestand war, gehörte er zu den wichtigsten Männern im Morddezernat. Der zweiundvierzigjährige überzeugte Single war ein attraktiver Mann, trotz der beginnenden Stirnglatze, wegen der er das rote Haar stoppelkurz trug, und ein paar stressbedingter Kilos zu viel. Er wurde von zwei Kollegen begleitet, einem etwas jüngeren, schlanken Mann und einer rundlichen Frau um die fünfzig. Rosa humpelte ihnen auf dem Kirchenvorplatz entgegen.

»Folgen Sie mir«, kommandierte sie, drehte sich um und humpelte zurück.

In der ersten Etage des Warenhauses stießen die Polizisten auf den Leichnam von Solveig Brenner, umringt von dem Grüppchen der Performer, die mittlerweile ihre Stirnlampen abgelegt und ernste Mienen aufgesetzt hatten. Brossard zog sich Einmalhandschuhe über, beugte sich über das Opfer und holte seine Taschenlampe hervor.

»Wer hat ihren Tod festgestellt?«, fragte er, ohne sich vorgestellt zu haben.

»Ich.« Der Mann mit dem grauen Haarkranz trat in den Schein der starken Taschenlampe, die der Polizist auf das Opfer gerichtet hatte.

»Wer sind Sie?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte sich Brossard an seinen männlichen Kollegen.

»Vincent, kümmer dich darum, dass wir möglichst schnell Strom bekommen, und wenn du einen Mitarbeiter vom EDF herschleifen musst. Dann postierst du dich vor der Kirche und zeigst den Leuten von der Kriminaltechnik den Weg.«

Der Angesprochene trat ein paar Schritte zur Seite, um zu telefonieren. Seine Stimme hallte erschreckend laut in dem großen, leeren Gebäude.

»Dr. Simon Duhesme«, stellte sich der Mann vor, als er sah, dass der Lieutenant ihm wieder seine volle Aufmerksamkeit wid mete.

»Und Sie haben nichts Besseres zu tun, als in ein Gebäude einzudringen, das für die Öffentlichkeit gesperrt ist?«, fragte Brossard trocken. »Bitte? Ich höre?«

»Nun ja, ich befand mich in der zweiten Etage, zusammen mit drei anderen Künstlern, als mir war, als würde jemand um Hilfe rufen. Ich habe sofort die Kopfhörer abgesetzt, damit ich sicher sein konnte, dass der Ruf nicht von der Aufnahme stammt.«

»Welche Aufnahme?«

»Die vom Stimmengewirr, das im Kaufhaus herrschte, als es noch in Betrieb war … sie gehört zu unserer Performance …«

Brossard runzelte die Stirn.

»Mir wurde klar, dass die Rufe echt sind und aus der Etage unter mir kamen. Meine Bekannten hier und ich liefen sofort nach unten, wo wir diesen Herrn fanden, der neben der Leiche stand.« Er deutete auf Pierre.

»Und Sie sind?«

»Pierre Bousquet, ich habe die anderen gerufen. Ich war zunächst im Erdgeschoss, und als ich in die erste Etage kam, entdeckte ich dort Madame Brenner, die auf dem Boden lag. Ich bin gleich zu ihr geeilt, um ihr zu helfen. Dabei habe ich die anderen gerufen.«

»Sie haben auf der ersten Etage keine andere Person gesehen?«

»Nein. Ich habe nicht so genau darauf geachtet, aber ich glaube, Madame Brenner war allein.«

»Und dann?«

Der Arzt fühlte sich angesprochen und preschte vor. »Dann habe ich an ihrem Hals nach dem Puls getastet. Und ich habe festgestellt, dass ihr Herz nicht mehr schlug. Der Speichel um ihre Lippen herum und die Steifheit der unteren Gliedmaßen waren für mich ein Alarmsignal. Es sind die typischen Anzeichen einer Vergiftung.«

Brossard beugte sich über die liegende Frau.

»Gut. Wir werden sehen, was das Labor dazu sagt.«

Quentin, dem kein Wort des Gesprächs entgangen war, inspizierte ein paar Meter entfernt diskret den Inhalt einer Handtasche, der verstreut auf dem staubigen Fußboden lag: eine kleine Wasserflasche aus Plastik, ein Päckchen Papiertaschentücher, ein Röhrchen mit Gel-Kapseln.

»Sie kennen demnach alle das Opfer?«, fragte Brossard in die Runde.

Pierre schüttelte leicht den Kopf. »Wir kennen sie nicht sehr gut.«

»Wir treffen uns immer nur bei Ausstellungen oder bei Happenings oder wenn eine Performance stattfindet«, ergänzte Rosa.

»Wie die von heute Nacht«, hakte der Lieutenant nach.

»Ja, und heute wussten wir nicht, wer alles daran teilnehmen würde«, erläuterte Pierre.

»So ein Quatsch!«, ereiferte sich Brossard. »Jemand muss diesen Firlefanz doch organisiert haben! Wer hat Ihnen den Zutritt zum Gebäude verschafft?«

»Dieser Firlefanz ist eine Kunstaktion, und wir kennen nur den Namen des Organisators«, entgegnete Rosa pikiert, während sie aus dem Augenwinkel ihren Sohn beobachtete, der mit gesenktem Kopf unauffällig umherstreifte.

»Wie heißt er?«

»Silence.«

Was Lieutenant Brossard am meisten verabscheute, war, seine Zeit mit Spinnern zu vergeuden. In solchen Fällen riss sein Geduldsfaden besonders schnell. Rosa spürte, dass sie sich besser ein wenig kooperativer zeigen sollte.

»Das ist der Codename des Organisators, der uns kontaktiert hat, um uns zu dieser Performance einzuladen.« Sie ließ sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einen aufgeschlitzten Sessel sinken und massierte sich den verstauchten Knöchel. »Die Informationen über den Zugang zu den Örtlichkeiten bekamen wir durch eine Mail, die an eine Adresse ging, auf die allein unsere Künstlergruppe Zugriff hatte.«

Auf einmal flackerten alle Neonleuchten gleichzeitig, und das ehemalige Kaufhaus bekam ein völlig neues Gesicht. In grelles Licht getaucht, erschien die eben noch fast skurrile Szene plötzlich schockierend real und bedrückend. Rosa kniff die Augen zusammen, stockte einen Moment und setzte dann ihre Erklärungen fort.

»Die Kopien der Schlüssel, mit denen wir in die Kirche, in den unterirdischen Gang und ins Warenhaus gelangten, wurden uns per Post zugeschickt. Diese Geheimhaltung beim Procedere, die Auslöschung unserer Identität und unserer Persönlichkeit zugunsten des Raums ist die zentrale Intention dieser Performance.«

Brossard warf ihr einen langen Blick zu.

»Und das gibt Ihnen das Recht, sich nachts illegal Zugang zu einem stillgelegten, für die Öffentlichkeit gesperrten Ort zu verschaffen und in eine Kirche einzubrechen? Wir werden der Performance jetzt mal einen anderen Verlauf geben. Als Erstes werden Sie meinen Mitarbeitern Ihre Identität offenbaren, und dann werden Sie Ihre Handtaschen, Rucksäcke und die Taschen an Ihrer Kleidung ausleeren.«

3

Quentin zählte vier Löffel Kaffee ab und füllte sie in seine Cafetière. Der Wasserkessel hatte länger als sonst gepfiffen, bevor er ihn anhob und das Kaffeepulver mit heißem Wasser übergoss. Krachend stellte er den Kessel auf den Gasherd zurück. Er war zu schlecht gelaunt, um leise zu hantieren. Den ganzen langen Weg bis zum Samaritaine hatte er auf sich genommen, nur um von Brossard weggeschickt zu werden wie ein Dreikäsehoch, dem man zuruft, er solle woanders spielen! Er war deshalb lange vor Rosa nach Hause gekommen, hatte aber keinen Schlaf gefunden.

Schon unter normalen Umständen waren ihm längere Besuche seiner Mutter lästig, in diesem Fall aber hätte er viel darum gegeben, sie wohlversorgt in ihrer Wohnung auf Ibiza oder in Reykjavík zu wissen, oder wo immer sie ihre schrägen Aktionen inszenierte. Gab es wirklich noch mehr Menschen, die eine derartige Nervensäge zur Mutter hatten?, fragte er sich just in dem Moment, als sie im Türrahmen erschien. Sie sah grauenvoll aus. Er füllte eine zweite Tasse mit Kaffee und schob sie ihr über die Esstheke zu, die die offene Küche vom Wohnbereich trennte. Dass es seiner Mutter wirklich schlecht ging, merkte er daran, dass sie das dunkle Gebräu in einem Zug austrank, ohne auch nur mit einer Silbe die schädlichen Auswirkungen von Koffein auf Magen oder Geist zu kommentieren. Er füllte ihre Tasse gleich noch einmal. Während sie schweigend nippten, betrachtete er sie verstohlen und stellte fest, dass ihr verbundener Knöchel geschwollen war und sie offensichtlich Schmerzen hatte. Er hatte überhaupt keine Lust zu reden und schwieg, doch nach ein paar Minuten besann er sich auf seine Umgangsformen.

»Geht’s?«, fragte er, obwohl er die Antwort kannte.

»Ich hatte schon bessere Tage.«

Er nickte. Wohl wahr.

»Wann hat Brossard dich gehen lassen?«

»Halb vier.«

Er hatte sie vor lauter Müdigkeit nicht kommen hören.

»Du solltest zu einem Arzt gehen«, sagte er und ließ sich in einen der braunen Ledersessel fallen, wo er weiter an seinem Kaffee nippte. Achselzuckend hinkte seine Mutter zum Sofa, das dem Sessel gegenüberstand. Sie stellte ihre Tasse auf dem Couchtisch ab, neben einem halbvollen Aschenbecher, den sie mechanisch zur Seite schob. Quentin rührte nachdenklich in seiner Tasse. Ein Sonnenstrahl, der von seinem Löffel reflektiert wurde, ließ helle Lichtreflexe über die Wand tanzen. Auf den tristen Abend war ein schöner, goldener Herbstmorgen gefolgt, aber weder Quentin noch seine Mutter achteten darauf. Ihre Gedanken kreisten ausschließlich um das Drama, das sich im Samaritaine abgespielt hatte.

»Hat Brossard etwas gefunden?«, fragte Quentin nach einer Weile.

»Das weiß ich nicht. Er hat sich die Namen und Adressen aller Teilnehmer notiert und uns dann einzeln befragt. Er hat gesagt, wir dürften Paris nicht verlassen, ohne ihm Bescheid zu geben.«

»Und du kennst keinen von denen, abgesehen von deinem Freund Pierre und Solveig Brenner?«

»Nein. Duhesme, der Arzt, hat eine Praxis im Marais, wo er auch wohnt, glaube ich. Er ist Amateur-Performer, kein Künstler wie wir anderen. Es gab bisher keinen Anlass für private Treffen. Er behauptet, dass er Solveig gestern zum ersten Mal gesehen hat. Der arme Kerl ist alles andere als eine Schönheit, du hast ihn ja gesehen.«

Quentin nickte.

»Die Halbjapanerin, die sich während des Happenings ebenfalls im Gebäude befand, heißt Yumiko Katana. Sie ist Videokünstlerin, ziemlich bekannt in Japan. Ich habe schon von ihr gehört. Sie wohnt in einer leerstehenden Fabrik in Montrouge.«

»Und der junge Typ?«

»Ein gewisser Victor Rochard. Nie gesehen. Solveigs Tod scheint ihn sehr getroffen zu haben.«

»Und die anderen?«

»Über die weiß ich nichts. Weniger als der Flic jedenfalls. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Es war ziemlich schrecklich. Brossard hat sich widerlich benommen. Er hat uns alle wie Kleinkinder behandelt, und wie Verdächtige obendrein.«

»Was ihr ja auch seid. Und außerdem komplette Deppen, nicht mal imstande, der armen Frau zu helfen.«

Das war ihm ungewollt herausgerutscht.

»Wir haben sie doch gar nicht schreien hören!«, verteidigte sich Rosa. »Wir hatten alle Kopfhörer auf!«

Quentin tippte sich gegen die Stirn.

»Sage ich doch. Kein Funken Verantwortung im Leib. Und meine Mutter mit ihren dreiundsechzig …«

»Sechzig.«

»Nein, Maman. Nein! Es reicht. Lügen sind hier jetzt fehl am Platz. Und deine alberne Eitelkeit auch.«

Er stellte seine Tasse ab und verzog sich ins Badezimmer. Eine warme Dusche würde ihn vielleicht beruhigen. Seine Mutter protestierte nicht. Sie blieb sitzen und starrte an die Wand.

4

Als Quentin mit noch feuchten Haaren aus dem Bad kam, ein Handtuch um die Hüfte geschlungen, stand er auf einmal einem Wildfremden gegenüber. Seine Laune, die sich durch die ausgiebige Dusche ein wenig gebessert hatte, sank schlagartig erneut in den Keller. Er starrte den Fremden unfreundlich, fast schon feindselig an. Der Mann, der die fünfzig deutlich überschritten hatte, war im Stil wohlsituierter Engländer gekleidet. Die halblangen Haare waren von feinen, silbernen Strähnen durchzogen, und er bewegte sich in seinem maßgeschneiderten Anzug ebenso lässig und nonchalant wie andere in ihren Sportklamotten. Seinem breiten Lächeln nach hätte er der Wohnungseigentümer sein können, der zum ersten Mal einen neuen Freund in seinem Heim begrüßte.

»Quentin, nehme ich an«, sagte er mit einem leichten amerikanischen Akzent und streckte seinem halbnackten Gegenüber überschwänglich die Hand entgegen. Rosa, die ihren Sohn gut genug kannte, um einen neuen Zornausbruch zu fürchten, griff hastig ein.

»Stell dir vor, mein Schatz, wegen dieser verrückten Geschichte habe ich völlig vergessen, dir Thomas’ Besuch anzukündigen.«

Bei Rosa musste man auf der Hut sein. Besser gesagt, man musste auf alles gefasst sein. Äußerste Wachsamkeit war geboten, immer und überall. In ihrer Gegenwart durfte man kein Detail der täglichen Abläufe für selbstverständlich halten. Daher rührte auch Quentins sehnlicher Wunsch, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Noch besser – sie kam gleich gar nicht.

»Das ist Thomas Wayne«, stellte Rosa den Amerikaner vor, als sei ihr die Situation nicht im Mindesten peinlich. Quentins Lippen verzogen sich zu einem dünnen Lächeln, und er ergriff flüchtig die Hand des Eindringlings.

»Thomas kennt dich gut«, fuhr Rosa fort. »Ich habe ihm natürlich viel von dir erzählt. Er liebt Musik. Thomas ist ein New Yorker Galerist von internationalem Ruf.«

Quentin reagierte nicht. Er schwankte immer noch zwischen Resignation und Empörung.

»Wir kennen uns seit mehreren Jahren, Thomas ist ein großer Bewunderer meiner Arbeit, aber wir sind uns erst im letzten Jahr bei meiner Ausstellung ›Collection Zero‹ in New York nähergekommen.«

Quentin hörte nicht zu. Mit einer erklärenden Handbewegung wies er auf seine mangelhafte Bekleidung und steuerte eilig die Tür zum Schlafzimmer an. Rosa hob die Stimme, damit er sie auch im Nebenraum hören konnte, und fuhr mit ihren Erläuterungen fort.

»Weißt du, die mit den Bic-Feuerzeugen. Übrigens habe ich bei der Vernissage zu dieser Ausstellung auch Solveig kennengelernt. Mein Gott, wie entsetzlich …! Thomas ist für ein paar Tage in Paris. Ich habe ihm angeboten, hier zu wohnen, es ist ja genug Platz, und du solltest ja auch eigentlich noch nicht von deiner Tournee zurück sein, aber das macht nichts … Ich habe ihm erzählt, was gestern Abend passiert ist. Er kennt Solveig und ist am Boden zerstört, hab ich nicht recht, Thomas?«

Quentin hatte sich ein rotes Hemd und eine schwarze Hose übergestreift und kehrte mit der Miene eines Mannes, den nichts mehr überraschen kann, ins Wohnzimmer zurück. Thomas Wayne hatte auf einmal all seine Jovialität eingebüßt. Von seiner leicht snobistisch angehauchten Weltläufigkeit war nichts mehr zu merken, er schien aufrichtig zu trauern.

»Ich kannte Solveig gut«, sagte er. »Sie hat sogar bei mir gewohnt.«

»Was heißt das?«, fragte Quentin überrascht.

»Sie hat in einem Hausboot gewohnt, das mir gehört.«

»Und Sie haben die Schlüssel dazu?«

Thomas Wayne nickte stumm. Rosa und Quentin wechselten einen Blick. Wie auf Kommando gingen sie zur Garderobe und griffen zu ihren Mänteln. Quentin dachte im letzten Augenblick noch daran, sich von Thomas die Schlüssel geben zu lassen.

Kurz vor elf stiegen Quentin und Rosa aus der DS21, die sie in der Nähe von Chez Gégène geparkt hatten, dem berühmten Ausflugslokal am Ufer der Marne. Um diese Zeit war der Quai de Polangis menschenleer. Die Türen des Bowling-Centers an der Ecke Avenue Marceau waren geschlossen, und das Gebäude umgab die tagsüber für Nachtlokale typische Tristesse. Eine frühherbstliche Melancholie lag lähmend über der Szenerie. Selbst der Radrennfahrer, der sie vor der Terrasse des Restaurants überholte, schien lustlos in die Pedale zu treten. Fast hätte er auf der Uferstraße, die an der Marne entlangführte, eine Tigerkatze überfahren. Das erboste Tier fauchte dem Mann wütend hinterher, der sich ebenfalls laut schimpfend entfernte.

Quentin und Rosa gingen schweigend auf den Liegeplatz des Hausboots zu, den Thomas ihnen beschrieben hatte. Der Amerikaner hatte sie wegen eines wichtigen Termins mit einem saudi-arabischen Sammler nicht begleiten können. Quentin, der sah, dass seiner Mutter beim Laufen der verstauchte Knöchel wehtat, bot ihr den Arm, aber Rosa lehnte mit einer unwirschen Handbewegung ab. Nun liefen sie im Schneckentempo nebeneinander her, und der nervöse Quentin hatte alle Mühe, seine Ungeduld zu zügeln. Er war nicht unglücklich darüber, dass der Galerist sie nicht begleitete. Er hätte sich bei den ersten Schritten einer Ermittlung, die ihm quasi in den Schoß gefallen war, nur ungern mit einem Unbekannten belastet. Eine leise, kritische Stimme in seinem Inneren flüsterte ihm zu, dass er nicht gerade viel unternommen hatte, um die Verwicklung in diesen neuen Fall zu vermeiden. Und tatsächlich hatte er zu seiner eigenen großen Verwunderung bei der letzten Ermittlung festgestellt, dass es ihm gefiel, wenn der Zufall ihm eine so ungewohnte Herausforderung in die Hände spielte.

Auch als er in der vergangenen Nacht an den Tatort gekommen war, hatte ihn ein merkwürdiges Gefühl beschlichen; es ähnelte dem, das ihn bei seinen Konzerten überkam, wenn er auf der Bühne stand und vor einem vollen Saal ein Gitarrensolo spielen musste. Ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Nun fragte er sich allerdings, ob das Bedürfnis, einen Kriminellen zu jagen, nicht vielmehr ein morbider, moralisch verwerflicher Impuls war. Handelte er wirklich aus uneigennützigen Motiven? Wollte er sich nützlich machen? Oder gehorchte er einfach einem atavistischen Instinkt, suchte er die Erregung des Jägers, der seine Beute verfolgt?

Er hatte keine Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen, denn das von Wayne beschriebene Hausboot lag gut sichtbar vor ihnen am Flussufer, und davor stand eine dunkel gekleidete Gestalt mit Jogginghose, Kapuzenjacke und Rucksack, die sich am Absperrgitter des Liegeplatzes zu schaffen machte. Instinktiv stieß Quentin einen empörten Schrei aus. Die dunkle Gestalt fuhr herum und spurtete auf dem asphaltierten Weg davon, als ginge es um Leben oder Tod. Quentin zögerte keine Sekunde und machte sich an die Verfolgung. Aber der Mann war schnell.

Keuchend verfluchte Quentin im Geist jede einzelne Zigarette, die er in den vergangenen zwanzig Jahren geraucht hatte. Er holte das Letzte aus sich heraus. Doch auch seine wilde Entschlossenheit konnte nicht verhindern, dass der Vorsprung des Flüchtigen größer wurde.

Er hörte, wie seine Mutter ihm aus der Ferne etwas zuschrie, aber er achtete nicht darauf. Seine ganze Willenskraft war auf das Funktionieren der Muskeln gerichtet. Er musste sich den Unbekannten schnappen! Diese Chance durfte er sich nicht entgehen lassen. Der Geist musste über den Körper triumphieren. Der Schmerz war nur eine Pforte, durch die man sich zwängen musste, um in das weite Land der Freiheit zu gelangen. Sein Gegenspieler schien solche inneren Beschwörungsformeln nicht zu brauchen, er beherrschte seinen gut trainierten Körper perfekt. Mit weit ausholenden Schritten lief er seinem Verfolger davon.

Vor einer kleinen Anhöhe, um die der Weg herumführte, verlor Quentin ihn aus den Augen. Als er das Gelände wieder besser überblicken konnte, war von dem Mann im Jogginganzug nichts mehr zu sehen. Schwer atmend blieb Quentin stehen. Verärgert sah er sich um und entdeckte in der dichten Vegetation am Wegrand ein Loch. Er zwängte sich hindurch. Hinter den Büschen und Sträuchern lag ein großer Parkplatz. Quentin sah gerade noch, wie ein Motorrad auf den Ausgang zuraste. Auf die Entfernung konnte er das Kennzeichen nicht lesen, aber dem Aussehen und Geräusch nach musste es sich bei der Maschine um eine leistungsstarke Ducati handeln.

»Scheiße«, entfuhr es ihm, und er versetzte dem Stumpf eines kürzlich gefällten Baumes einen wütenden Fußtritt.

Auf dem Rückweg zum Hausboot kam ihm auf halber Strecke die hinkende Rosa entgegen, zornesrot und völlig außer sich.

»Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?«, schimpfte sie erregt. »Der Kerl war womöglich bewaffnet! Er hätte dich erledigen können!«

»Er hat mich erledigt«, ächzte Quentin atemlos. Sein Herz wummerte immer noch wie ein zu prall aufgepumpter Basketball in seiner Brust.

5

Die »Gracieuse« war ein schnittiges, rotgrün gestrichenes Hausboot der Marke Luxe Motor, annähernd dreißig Meter lang. Die Brücke, die sich im vorderen Teil befand, war als Terrasse angelegt und von dicht bepflanzten Blumenkübeln eingerahmt. Eine Parabolantenne auf dem Dach zeugte davon, dass hier jemand auf eine moderne Ausstattung Wert legte.

»Wir wissen nicht, ob der Mann ins Boot hineinwollte oder schon drinnen war«, sagte Rosa, als sie Thomas’ Schlüssel, ins Schloss steckte. »Auf jeden Fall deutet nichts auf einen Einbruch hin. Entweder hatte er einen Schlüssel, oder wir haben ihn genau in dem Moment gestört, als er das Gitter mit Gewalt aufbrechen wollte.«

Sie durchquerten die Kajüte und kamen am hinteren Ende zu einer Wendeltreppe, die in den Kielraum führte. Quentin, der nicht ausschloss, dass sie auch auf dem Boot mit einer bösen Überraschung zu rechnen hatten, schob sich vor Rosa und ging als Erster hinunter. Auf der letzten Stufe, von der aus er den Raum bereits überblicken konnte, blieb er einen Moment lang stehen und spannte alle Sinne an. Regte sich dort unten etwas? Doch der Raum schien leer zu sein. Er gab Rosa ein Zeichen, dass sie ihm folgen konnte.

Die Wände des großen Raums waren mit zahlreichen gerahmten Schwarzweiß-Fotografien geschmückt. Quentin betrachtete sie neugierig. Auf den meisten von ihnen waren nackte Körper abgebildet, ausgefallen in Szene gesetzt. Die Körper der Frauen waren verschnürt, von Wunden gezeichnet oder wurden von muskulösen Männern dominiert, die Kapuzen oder Masken trugen. Auf einem von ihnen war ein erigierter Penis zu sehen, der wie eine Waffe wirkte. Quentin, der durchaus nicht prüde war, wandte den Blick ab. Er fragte sich, wer sich wohl solche Kunstwerke kaufte. Dass seine Mutter hinter ihm stand, trug nicht gerade zu seinem Wohlbefinden bei. Glücklicherweise sagte sie kein Wort.

Quentin streifte sich ein Paar Einmalhandschuhe über, die er vorsorglich mitgebracht hatte, und gab Rosa ein zweites Paar. Er beschloss, zunächst die Gegenstände auf dem langen Tisch in Augenschein zu nehmen, der den Raum in zwei Hälften teilte – Zeichnungen, Kontaktabzüge und Dias, ein Leuchttisch und eine Lupe. Die Fotografin hatte demnach gelegentlich mit Analogkameras gearbeitet.

An der Steuerbordseite, wo ein Teil der Bullaugen durch ein großes Schiebefenster ersetzt worden war, standen auf einem weiteren Tisch zwei große Computerbildschirme, neben denen sich die Post der Bewohnerin stapelte. Quentin konnte seine Neugier nicht zähmen und nahm die obersten Briefe zur Hand. Die Bankauszüge der letzten drei Monate zeigten, dass Solveig nicht gerade in Geld schwamm, aber ihr Auskommen hatte. Es gab keine einzige verdächtige Kontobewegung. Eine Gynäkologin hatte ihr zwei Rezepte ausgestellt, eines für einen Toxoplasmose-Test und eines für Vitamine. Die Ermordete hatte offenbar schwanger werden wollen. Ebenfalls auf dem Tisch lagen ein Flugticket nach London und mehrere Bescheide über eine Kostenerstattung der staatlichen Krankenversicherung. Ein Tablettenröhrchen glich dem, das Quentin in Solveigs Handtasche gefunden hatte.

»Hier, sieh mal«, unterbrach Rosa seine Erkundungen. Sie schwenkte einen Ausstellungskatalog. »Die Fotos von meiner Ausstellung ›Collection Zero‹. Komm, sieh sie dir an! Dann weißt du wenigstens nächstes Mal, wovon ich rede!«

Quentin blätterte zerstreut in dem Katalog. Er enthielt ausschließlich Fotos von kleinen Bic-Feuerzeugen, die wie kostbare Objekte an allen möglichen exotischen Orten arrangiert waren.

»Interessant«, nuschelte er nicht sehr überzeugt. »Aber wir haben wenig Zeit, bevor Brossard und seine Leute hier sind.«

»Ich sehe schon, meine Arbeit löst mal wieder Begeisterung aus«, sagte Rosa spitz und schlug den Katalog zu.

Quentin ging nicht darauf ein. »Hat die Polizei in Solveigs Handtasche ihr Handy gefunden?«

»Das weiß ich nicht. Vielleicht hatte sie keins. Viele verantwortungsbewusste Menschen verzichten seit langem auf ein Handy, es versklavt uns ja auch eher, als dass es uns hilft«, sagte Rosa, während sie, immer noch pikiert, in ein Regal griff, das für Veröffentlichungen zur bildenden Kunst reserviert schien, und wahllos eine Zeitschrift herauszog.

»Aber du hast nicht verzichtet«, stellte Quentin lakonisch fest.

Rosa musste lachen.