20,99 €
Anschläge, Zusammenstöße mit der Polizei, Streiks, Demonstrationen. Eine Gruppe von Aktivisten, radikal, schafft in Marseille eine originelle Kunstperformance, wenn Lokalpolitiker in der Stadt eine Rede halten. Hinter den brutalen Happenings stehen Männer und Frauen wie Grégoire Lang, der, nach einer obskuren Vergangenheit als Kriegsreporter, sich einer Art künstlerischem Fight-Club widmet. Als Ausdrucksform: die Schlägerei, deren Inhalt weit über das bloße Austoben hinausgeht und eine politisch-soziale Kritik äußert. Er hat sich mit Paolo angefreundet, der diese "Fightmobs" organisiert, und teilt mit ihm eine sentimentale Beziehung zu Olivia, der Tochter von Old Maurice, die bei einem Anschlag an einem Strand in Tunesien ums Leben kam. Lang wird von Awa kontaktiert, einer Schwarzen, die in sein Leben tritt und geltend macht, dass er ihr etwas schuldet, weil er sie nicht vor einer Fightmobs gerettet hat. Der Roman ist eine Chronik des Verfalls der sozialen Bindungen. Es gibt immer eine Person, die eine andere benutzt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cédric Fabre
Aus dem Französischen von Beate Braumann und Jutta NickelHerausgegeben von Wolfgang Franßen
Originaltitel: Un bref moment d’héroïsme
Copyright: © Plon, 2017
Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2022
Aus dem Französischen von Beate Braumann und Jutta Nickel
Mit einem Nachwort von Estelle Surbranche, übersetzt von Corinna Popp
© 2022 Polar Verlag e. K., Stuttgart
www.polar-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Corinna Popp
Korrektorat: Nadine Helms
Umschlaggestaltung: Robert Neth, Britta Kuhlmann
Coverfoto: © Wirestock / Adobe Stock
Autorenfoto: © Paolo Bevilacqua
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck, Deutschland
ISBN: 978-3-948392-58-1
eISBN: 978-3-948392-59-8
Der Autor bedankt sich beim Centre National du Livre (CNL) für die Hilfe und die Unterstützung. Ohne das CNL wäre es kaum gelungen, Zeit und Gelegenheit zum Schreiben zu finden.
Dieses Buch ist all denen gewidmet, die »es nicht packen«, die oft genug am Ende verlieren und es manchmal schaffen, sich wieder aufzurappeln, und all denen, die zu Boden gehen und liegen bleiben.
An meine Marseiller Lieblinge, meine Töchter Nina und Giulia, und in unermesslicher Liebe für Anne.
Anmerkung des Autors
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Epilog
Playlist
Danksagungen
Ein kurzer Moment
Das Individuum ist das Produkt der Macht. Worauf es ankommt, ist die »Entindividualisierung« der verschiedenartigen Gefüge durch Vervielfältigung und Verschiebung. Die Gruppe darf nicht das organische Band sein, sondern muss ein beständiger Erzeuger von »Entindividualisierung« sein.
Michel Foucault,
Introduction à la vie non fasciste
The World is held in a spider’s web of roads, it’s easy to go wrong /
There are so many crossroads you might just stumble upon.
New Model Army,
Devil
Dieser Roman ist eine Fiktion, er schlägt eine Bresche ins echte Leben, und vielleicht übertreibt er es – wie alle Romane – ungewollt mit seinem Maß an Zufälligkeiten und angeblich »authentischen« Tatsachen; jedenfalls gibt er nicht vor, nichts mit Realität, Tatsachen und Geschichte zu tun zu haben, auch wenn die Figuren und die Situationen authentische Erfindungen sein mögen, gebunden an die Vorstellungskraft, das Unbewusste, die Kultur und den Humor des Autors – der wiederum keine Garantie dafür übernimmt, dass nicht doch irgendeine Realität beim Entwerfen und Niederschreiben des besagten Romans malträtiert worden ist.
Die Knallerei hatte abrupt aufgehört, und auch das Freudengeschrei der Kinder und das laute Plätschern vom Pool, wie eine dicke Decke legte sich Stille über alles, und es kam ihr vor, als ob ihr diese Stille durch die Adern flösse und sie plötzlich benebelte. Ein Knall musste ihr ins Ohr gedrungen sein, hinaufgekrochen wie ein Wurm oder geschwänzelt wie ein Spermium bis zu einem dieser Hohlräume oberhalb der Schläfe, um dort zu explodieren und sie taub zu machen. Sie öffnete die Augen und sah Sand, kilometerweit Sand, sie erkannte leblose Körper auf Strandliegen und dazwischen Menschen, die in alle Richtungen liefen, niemals in dieselbe. Als ob sie alle versuchen würden, voreinander zu fliehen, aber es sah nicht aus wie eines ihrer Spiele; sie las Panik auf den Gesichtern. Sie sah José, der über den Körper seiner Frau gebeugt stand, Elsa, und er weinte, und er schrie vielleicht sogar, doch sie hörte keinen Ton. Elsa hatte einen fürchterlichen Sonnenbrand. Sie war froh, sie gleich am ersten Abend getroffen zu haben. Elsa hatte so etwas Sanftes, war voller Freude und Herzlichkeit. Sie hatten den ganzen Abend im Sand gesessen und Mojitos getrunken, während José am Tresen der Bar geblieben war, um mit seinen Kumpels das Fußballspiel anzusehen. Sie waren vom Rettungsschwimmer angebaggert worden, er hatte einen sitzen und wollte ihnen unbedingt um elf Uhr abends das Schwimmen beibringen. Schwimmen konnte sie natürlich sowieso, aber schon bei der Vorstellung, baden zu gehen, war ihr das Meer so schwer und undurchdringlich vorgekommen, als könnte es sie verschlucken.
Nach und nach wurde ihr bewusst, dass auch sie bewegungsunfähig war, sie lag auf der Seite, die linke Gesichtshälfte in den heißen Sand gedrückt, was nicht unangenehm war. Angestrengt versuchte sie, sich zu bewegen, eines ihrer Beine zu befreien, das unter dem anderen eingezwängt war, ihre Atmung beschleunigte sich, wurde beschwerlich, kurz und gepresst. Sie senkte den Blick und beobachtete, wie ihr Atem die feinen Sandkörner über die Oberfläche des winzigen Abschnitts vor ihrem Mund jagte.
Sie fragte sich, warum sie weder Unruhe noch Angst verspürte, und ob nicht die Augen einer anderen das sahen, was sie sah. Ein junger Mann in Badehose breitete ein Handtuch mit einer roten Sonne über das Gesicht und die nackte Brust einer auf dem Rücken liegenden Frau. Es fiel ihr schwer, die Szene genau zu erkennen, weil der Fuß eines Liegestuhls aus Plastik ihr die Sicht versperrte. Außerdem nahm sie eine lange Spur im Sand wahr, ein Körper war gezogen worden, der Sand trank das Blut. Niemand lief mehr um sie herum, die Bewegungen der Menschen waren unbeholfen, sie schienen nunmehr verloren zu sein, sie fand es ungerecht und unfair, dass Schlanke und Kräftige in Polizeiuniform, schweren Soldatenstiefeln und mit der Waffe am Gürtel den Raum mit denjenigen teilten, die große Bäuche vor sich hertrugen und mit ihren Badeanzügen und Sonnenbrandflecken plötzlich so lächerlich und verletzlich aussahen. Dieser Gedanke kam ihr albern vor, sie amüsierte sich insgeheim darüber und wunderte sich erneut über die Abwesenheit jeglicher Angst. Allerdings erinnerte sie sich vage daran, einige Minuten zuvor heftige Angst verspürt zu haben.
Ein Polizist zog José gerade zurück, indem er ihm unter die Achseln griff und ihm dadurch half, sich aufzurichten, hinter ihnen hielten zwei junge Männer einen Liegestuhl bereit, um ihn als Trage zu benutzen. José weinte, er schüttelte den Kopf hin und her, die schönen Locken seiner schwarzen Haare und auch die Stoppeln seines Dreitagebarts waren voller Sand. Er drehte dem Bullen den Rücken zu, machte einige Schritte, ließ sich in den Schatten eines Sonnenschirms fallen und verbarg das Gesicht in den Händen. Vermutlich war er im Wasser gewesen, als der Typ angefangen hatte zu schießen, denn er war immer noch nass.
Sie hatten bereits einige Mojitos intus gehabt am ersten Abend mit Elsa, als die andere Frau, ein wenig betrunken, dazugekommen war, sie hatten geredet und geredet, vom Leben, das sie für die Ferien hinter sich gelassen hatten, sie waren sich alle drei einig gewesen, dass Männer im Grunde ebenso verkorkst wie wehleidig waren und dass ein Rettungsschwimmer, ein Yoga- oder Wassergymnastiklehrer oder Reiseführer nur dazu taugte, einem Delfinschwimmen, Yoga, Wassergymnastik oder die Geschichte alter Steine und untergegangener Städte beizubringen. Zu nichts weiter. Dann hatten sie sich über Elsa lustig gemacht, die zugegeben hatte, sie würde trotz all seiner Fehler zu ihrem José halten und könnte niemals ohne ihn leben. Auf der Tanzfläche hatten einige dicke Belgier versucht, zu Hits aus den Achtzigern hübsche Spanierinnen aufzureißen, und es war zu einem Streit mit einem Ehemann gekommen, einem stämmigen kleinen Mann im Hawaiihemd, der schließlich einen Belgier in den Pool warf. Alle hatten gelacht, sie waren im Urlaub, sie wollten, dass alles Spaß wäre, ein Anlass, sich zu amüsieren. Als Elsa spät am Abend zu José gegangen war, war sie bei der anderen Frau geblieben, sie waren schnell miteinander warm geworden. Sie hatte ihr einen Spitznamen gegeben. Pompette. Der Pompette gut gefiel. Sie hatten ausgelassen gelacht.
Ihr wurde klar, dass sie sich immer noch nicht bewegt hatte, sie schluckte, versuchte, sich zu strecken, und spürte einen starken Schmerz im Fuß, auch einen im Bauch.
Ein Schatten fiel über ihr Gesicht. Ein Mann hatte sich über sie gebeugt, er sprach zu ihr, er trug das weiße Hemd mit roten Spritzern weit offen über einer muskulösen und behaarten Brust. Sie hörte nicht, was er sagte, seine Bewegungen waren langsam und sicher, vorsichtig bewegte er die Lippen, aber sie merkte, dass sein ganzer Kiefer zitterte. Sie fühlte seine heißen Finger an ihren Schläfen, seine Hand an ihrem Handgelenk, sie spürte, wie ihr Puls unter dem Daumen des Mannes schlug, sie fühlte eine warme Quelle in sich und hätte sich dafür bei ihm bedanken wollen. Und Pompette, wo könnte sie wohl sein? Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war Pompette, wie sie ihren Pareo zuband und sagte, dass sie etwas zu trinken holen gehe, sie hatte ihr zugewunken und im Weggehen ein Küsschen zugehaucht, den Handteller an den gespitzten Lippen. Pompette war geduldig gewesen, sie hatte ihr lange zugehört in den letzten Tagen, als sie von ihren Zweifeln erzählte und ihr anvertraute, dass sie wieder lieben wolle, ein neues Leben führen, alles verändern würde, wenn sie wieder zu Hause wäre. Sie würde ihr Psychologiestudium wieder aufnehmen und mit Kindern arbeiten. Meistens stimmte Pompette ihr schweigend zu, während sie ihr offen in die Augen sah.
Sie hatte das Gefühl, selbst wieder zum Kind zu werden, sehnte sich nach der Gegenwart ihres Vaters in ihrer Nähe, sie wollte seine sanfte und ernste Stimme hören, hier, sofort, und sie betrachtete das Gesicht des Mannes, der sich über sie beugte. Er war schlecht rasiert, hatte senkrechte Falten auf der Stirn, er war schön, er schwitzte. Sie spürte, wie die Angst in ihr aufstieg. Sie versuchte zu rekonstruieren, was passiert war, sah Pompette wieder vor sich, die in Richtung Bar ging und von einem jungen Mann angequatscht wurde. Sie selbst hatte nach ihrem Tagebuch gegriffen, sie wollte den Titel eines Films notieren, den Pompette ihr gerade empfohlen hatte, der in Ägypten spielte und davon handelte, wie Frauen, die in Bussen angegrapscht und belästigt wurden, das Recht selbst in die Hand nahmen. Dann hatte sie zum Swimmingpool geblickt und diesen Typen angestarrt, er sah entschlossen aus, war aus dem Pool gestiegen, hatte sich einer Tasche genähert, und sofort war sie wie gelähmt gewesen, denn er hatte eine Waffe herausgeholt. Sie hatte vor Augen, wie er angefangen hatte zu schießen, mit dem Rücken zum Hotel, wie die Badenden von den Schüssen niedergestreckt wurden, sie hatte sich auf den Boden geworfen und ihr Tagebuch an sich gepresst, da war das Getöse der Windböen, der Krach eines Einschlags, der die Ummantelung eines Sonnenschirmständers abriss und sich anhörte, als ob jemand kraftvoll ausspuckte, dann fühlte sie einen brennenden Schmerz in der Schläfe, dann wurde ihr Magen getroffen, danach ihr Fuß.
Wie viel Zeit war seit den Schüssen vergangen? Würde sie sterben? Sie sah ein kleines Rinnsal Blut unter ihrem Auge zusammenlaufen. Es kam von ihr, sie wandte die Augen ab. Ihr Blick fiel auf den blauen Umschlag ihres Tagebuchs, wenige Meter von ihr entfernt. Es war in den Sand gefallen. Sie wollte die Hand danach ausstrecken. Der Mann versuchte, sie auf den Rücken zu drehen, doch sie wollte sich wehren, ihn anflehen. Da wurde ihr klar, dass sie nicht sprechen konnte. Er schien ihr etwas zu sagen, sein Blick war furchtbar traurig. Sie versuchte, sich ein Fließen vorzustellen, das ihre Hand das Tagebuch erreichen ließ, eine unsichtbare Energie, die ihren physischen Körper mit ihren geschriebenen Worten verband, mit diesem anderen Teil von ihr, dem sichersten und am besten beschützten. Sie wollte nicht dieser verletzte Körper sein, sie wollte ihr Tagebuch sein. Es enthielt die letzten Tage ihres Lebens, das, was von ihr bleiben würde. Fröhliche Tage, in denen sie eine Entscheidung getroffen und sich darauf vorbereitet hatte, ihr Leben komplett zu verändern.
Ihr blieb die Zeit, diese zarte Hand zu sehen, die sie so oft betrachtet hatte, mit dem Armband am Handgelenk, das sie im Souk gekauft und ihrer Freundin geschenkt hatte, »aus echtem Metall«, hatte sie ihr lachend gesagt, diese zierlichen Finger, die jetzt nach dem Tagebuch griffen und andere Finger, die den Sand vom Umschlag wischten. Nun war sie beruhigt, und sie schloss die Augen, ohne den Blick ihrer Freundin aufgefangen zu haben, denn der Körper des Mannes versperrte ihr nun die Sicht. Danke, Pompette, meine Pompette.
Von weit her stieg eine Erinnerung in ihr auf, aus ihrem alten Leben. Er hatte ihr mit sanfter Stimme diese Worte gesungen, wie einen Refrain, am Abend, als er sie zum ersten Mal geküsst hatte, es war in einer dieser Rockbars gewesen, wo sie normalerweise nie hinging: »Honey, jetzt, da dir die Welt zu Füßen liegt, tanzen wir darauf.« Wie sie im Geiste sein so schönes Gesicht betrachtete, mit feinen und zarten Zügen, kam ihr die Erkenntnis, dass sie wahrscheinlich in wenigen Sekunden ihren letzten Atemzug tun würde, plötzlich weniger traurig und schmerzlich vor. Sie kämpfte wenig überzeugt darum, ein allerletztes Mal Luft zu holen.
Mit der Faust schlägt er mir den Kiefer ein, ich habe mindestens einen lockeren Zahn, vielleicht zwei, er haut immer weiter zu, lässt die Schläge schnell aufeinanderprasseln, ich kenne nicht mal von der Hälfte der Knochen, die er mir gerade zerschmettert, die Namen, schon in der Schule konnte ich sie mir nicht merken, noch weniger die vom Gesicht, es gibt zu viele davon, und jetzt bin ich zu alt, um mich an Namen von Knochen zu erinnern und mir noch länger die Fresse polieren zu lassen. Karim blickt mir tief in die Augen, er scheint auf den Schaum vor meinem Mund zu warten, lässt sich kaum ablenken von denen, die direkt hinter ihm kämpfen und ihn anrempeln. Der Typ, der die Prügelei erfunden hat, und der Typ, der die Knochen erfunden hat, die beiden müssen zusammen gesoffen und viel gelacht haben, anders kann es nicht sein. Wenn Karim etwas ratlos aussieht, dann nur deshalb, weil ich mich nicht richtig wehre, er fühlt sich vielleicht allein gelassen. In Wirklichkeit ist er ein freundlicher Typ, ruhig und so, und er hat noch nicht mal diesen gehässigen Blick drauf, der dir in die Eingeweide fährt, es genügt, dir vorzustellen, dass du gleich einen Pitbull beißen wirst. Er zögert, mir die Birne noch weiter zu ramponieren, wir halten unsere Schläge bestmöglich zurück. Mit deinen großen Augen siehst du aus wie ein Fisch, Karim, wir müssen dich wieder ins Wasser werfen. Bin nicht sicher, ob er ein guter Neuzugang für die Oaï Boys ist, und das allein macht mir Lust, ihm aufs Maul zu hauen. Ich knalle ihm einen Backfist an die Schläfe, als er es am wenigsten erwartet, und zimmere ihm gleich hinterher einen linken Haken etwas oberhalb der Leber rein, um ihn daran zu erinnern, dass ich mich auskenne, um ihm zu zeigen, dass ich auch tiefer schlagen und ihn zu Boden schicken kann, wenn ich will, aber wir alle sind uns darüber klar, dass niemand liegen bleiben darf, es ist nicht das Ziel, dass man sich komplett zerlegt, denn wenn das Signal ertönt, muss man heil und schnell abhauen. Er knickt ein und hebt erstaunt den Kopf. Ich murmle eine aufrichtige Entschuldigung, das ist wie ein Reflex, ich versetze ihm einen Rippenschlag, wieder ein Reflex, und er geht zu Boden, nicht weit entfernt von den Stiefeln der Sicherheitskräfte, der CRS. Mist, tut mir leid, Karim. Die Bullen rühren sich nicht, sie gucken weiterhin blöde aus der Wäsche, wissen nicht, was sie tun sollen, verstehen nicht, warum sie keinen Befehl zum Eingreifen erhalten, und fragen sich wahrscheinlich, wie sie vorgehen würden. Wir dagegen, wir wissen, wie es läuft: Solange die Bullen keine Zielperson ausmachen, schlagen sie nicht zurück. Ob sie wohl glauben, dass sie alle schnappen müssten? Es sind zu wenige, um einzuschreiten und jeden Zweikampf zu beenden, Verstärkung ist noch nicht eingetroffen.
Karim hat sich schnell wieder aufgerichtet, wir bringen Ruhe ins Spiel, begnügen uns damit, dem anderen die Stirn zu bieten, während wir uns umkreisen und uns einige leichte Ohrfeigen klatschen. Adrien kommt mir näher. Seine Lippen sind geschwollen, vom Kinn läuft ihm Blut über den Hals und durchtränkt sein T-Shirt mit der Aufschrift »Ich entschuldige mich für meine beleidigenden Worte«. Ich kann mir das Lächeln nicht verkneifen. Wir alle tragen weiße T-Shirts mit einer Aufschrift. Auf meinem steht »Unangemessener Ausdruck«.
»In knapp einer Minute machen wir uns vom Acker«, ruft er mir zu.
Um uns herum hat sich der »Jahrmarkt der Kämpfe« oder die Empörungskämpfe, wie wir sie unter uns nennen, verdammt weit ausgebreitet. Wir sind mindestens dreißig, die sich über den ganzen Rathausplatz verteilt aufs Maul hauen, ausschließlich Zweikämpfe, einer gegen einen. Selbst die Fischer sind aus ihren Booten gestiegen, schauen zu, es stinkt nach Fisch. Cagoles – aufgetakelte Tussis –, Männer mit Bärten, Touristen, Dealer und Frauen mit Kinderwagen schauen dem Treiben entgeistert zu. Sie sehen mit Sicherheit, dass das nicht nur Finte ist, dass wir nicht nur so tun, als ob wir uns schlagen würden, es uns vielleicht sogar gefällt, Schläge zu kassieren und auszuteilen, aber sie raffen nicht, dass alles wie eine Vorstellung abläuft, sie wissen nicht, dass wir nach der Schlägerei in der Kneipe alle zusammen Bier trinken, singen und die Flasche mit 90-prozentigem Alkohol für die Wunden herumreichen. Der Schmerz im Kiefer macht mir schwer zu schaffen. Ich frage mich, ob er nicht Mandibel heißt, dieser Knochen, den Karim mir wahrscheinlich zertrümmert hat.
Heute Morgen haben wir es so gemacht wie letzte Woche auf den Hafenterrassen. Für unser Anti-Konsum-Happening am ersten Schlussverkaufstag haben wir uns zunächst unauffällig in die Menge gemischt. Die Regel lautete, dass nicht alle gleichzeitig auftauchen und nicht eher mit der Schlägerei beginnen sollten, bevor der Abgeordnete die ersten Worte seiner Rede gesagt hätte. Er hatte kaum Zeit, »Meine lieben Freunde« auszusprechen oder »Meine lieben Mitbürger« oder »Einwohner«, womöglich sogar »Meine lieben Kunden», dann hörte er abrupt auf zu sprechen, denn Paolo und Adrien sprangen direkt vor dem Podium auf und fingen an, sich gegenseitig zu ohrfeigen: Damit gaben sie das Signal, das die Kämpfe in Gang setzte. Sofort hob Geschrei im Publikum an, die Menschen traten beiseite, Polizisten kamen und versuchten, die beiden auseinanderzubringen, aber dann brach es auf der anderen Seite des Platzes auf der Anhöhe aus, zwei weitere von uns waren dabei, sich zu prügeln, alle Leute drehten gleichzeitig den Kopf, auch die CRS-Typen, die gerade Paolo und Adrien am Boden festhielten. Die beiden schlugen Vorteil daraus, befreiten sich und begannen erneut, sich zu prügeln. Die Bullen verstanden nicht, was los war, der Abgeordnete ergriff wieder das Wort, seine Stimme zitterte: »Meine Herren, ich bitte Sie, Ruhe, was passiert denn hier, wer ...?« Seine Stimme überschlug sich so stark, dass sie Rückkopplungen in der Anlage auslöste. Nach und nach zogen unsere Jungs, die überall in der Menge verteilt waren, Jacke oder Hemd aus, die sie über den T-Shirts trugen, und überall brachen Kämpfe los, als ob sie aus dem Erdboden wachsen und den Asphalt aufbrechen würden. Ein Teil der Menge zog sich bis zum Restaurant zurück, aber dort, hinter der Reihe von Pflanzenkübeln, die die Tische schützten, begannen Karim und ich zwischen zwei Kellnern, uns gegenseitig zu vertrimmen. Innerhalb von dreißig Sekunden hauten wir in unseren weißen T-Shirts, auf denen Zitate des Abgeordneten prangten, quer über den ganzen Platz verteilt aufeinander ein.
Paolo hatte es folgendermaßen ausgedrückt:
»Dieser Höllenhund eines Abgeordneten hat vor den Leuten von der Müllabfuhr gesagt, das Verhalten der Einwohner dürfe ›sich nicht afrikanisieren‹. Dieses faschistische Arschloch, wir werden ihm seine nächste Rede verhageln. Wir sind im Krieg, Leute, und diejenigen, die Schläge einstecken und Demütigungen hinnehmen, das sind wir, das sind immer wieder alle Bürger, und wir werden ihnen diese Gewalt, die sie uns ständig antun, vor die Nase halten. Wir werden weitermachen und ihnen zeigen, dass auch wir Schläge austeilen können. Aber Vorsicht, keine Gewalt gegen das Publikum, gegen einen Herausforderer von außen oder einen Polypen! Der Fightmob, das ist die ultimative öffentliche Performance, das ist der politische Flashmob von morgen, wir sind Künstler und Guerillakämpfer zugleich, gewissermaßen Aktionskünstler, keine verdammten pazifistischen Hippies!«
Nach seiner Provokation, die zu einem Skandal geführt hatte, hatte der Abgeordnete sich butterweich entschuldigt und gesagt, er bedaure es, »falls [seine] Worte beleidigend gewesen seien«, dass »vielleicht tatsächlich [sein] Ausdruck nicht angemessen gewesen sei.« Wir griffen diese Sätze auf, die das Radio wieder und wieder brachte, und druckten sie auf die T-Shirts.
Jetzt brüllt der Abgeordnete Anweisungen in ein Walkie-Talkie, das er dem Chef des Sicherheitsdienstes aus den Händen gerissen hat. Er fährt hoch, weil im selben Moment direkt hinter ihm zwei von unseren jungen Kerlen mit Frisuren wie Neymar anfangen, sich ins Gesicht zu schlagen. Der Abgeordnete zuckt zusammen, und man hört ihn unverblümt schimpfen: »Scheiße, was, sie kommen aus allen Ecken, wer sind diese Typen?!« Diese Typen, mein Freund, sind weniger als nichts, Menschen, die du verachtest. Es ist, als ob man die Typen vom Fight Club aus den Kellern geholt und mitten hinein in dein Meeting geschleudert hätte. Guck dir doch bloß deine Bullen an: Sie kommen nicht mehr mit. Du steckst in der Klemme, du kannst nicht verhindern, dass zwei Personen sich schlagen, deine Bullen können dem nichts entgegensetzen. Es macht noch nicht mal Sinn, sich zu verteidigen. Ganz einfach deshalb, weil wir dich nicht angreifen, wir sehen dich kaum. Polizisten umzingeln Karim und mich, ich gebe ihm Zeichen, wir halten inne und umarmen uns lachend, dann nutzen wir die Überraschung der Bullen, bewegen uns quer durch die Menge der Menschen, die nicht mehr wissen, nach welcher Seite sie ausweichen können, und nehmen Kurs in Richtung Quai. Oberhalb der Masten der Segelboote liegt die Basilika Bonne Mère im Nebel.
Es ist immer dasselbe, und es macht riesigen Spaß, die Bullen sind völlig neben der Kappe, sie realisieren nicht, was wirklich vor sich geht, sie glauben, sie schützen einen Typen, der sich gerade von einem anderen treten lässt, sie setzen den Angreifer fest, und sofort steht der erste wieder auf und fängt an, sich mit einem anderen von uns zu prügeln, der aus dem Nichts aufgetaucht ist. Man hört Geschrei auf dem Quai, ein Mädchen hat gerade einem anderen Mädchen an die Brust getreten, die Traube der Passanten teilt sich, es ist, als ob sich ein gewaltiger Kiefer in die Menge bohrte und ein Loch hineinbisse. Teufel noch eins, tut das weh. Wir tun so, Paolo als Erster, als ob wir wüssten, wie wir den Schmerz, der Teil von uns ist, aushalten können, als ob wir gegenüber den Menschen und in ihrer Mitte alles Leid ihrer und unserer Existenz verkörperten, Leid, das ihnen vom System zugefügt wird, vom Shitstem, damit ihnen bewusst wird, dass sie nicht dazu verpflichtet sind, es wimmernd hinzunehmen, sondern ihm die Stirn bieten können, ihrerseits zuschlagen, aber Scheiße, was redest du, es tut weh, es brennt, und im Augenblick ist das alles, was real ist. An der kleinen Touristenbahn, die im Schritttempo aus dem Viertel Le Panier hinunterfährt, um die Tour durch den Alten Hafen zu machen, sind die Schienen von Gaffern besetzt, die inzwischen verstanden haben, dass sie nicht viel riskieren, und die neugierig sind, sie wollen den weiteren Fortgang des Spektakels sehen, Passagiere springen auf, Kinder kreischen; die Jungs und wir, Max und Henri, die in einem der Waggons waren, fangen an, uns gegenseitig zu piesacken, während die Ansage weiterläuft: »Marseille wurde vor zweitausendsechshundert Jahren hier gegründet, an den Ufern des Lacydon, der heutige Alte Hafen ist aus der Liebe von Protis, dem Seefahrer aus Phokaia, und Gyptis, der jungen ligurischen Prinzessin, entstanden, und auf Ihrer rechten Seite sehen Sie …« Sie sind auf das Dach des Waggons geklettert und prügeln sich, nicht mehr so heftig, damit sie nicht hinunterfallen. Der Fahrer versucht, dazwischenzugehen, und fordert sie auf, herunterzukommen, ihre Rechnungen woanders zu begleichen, und ein Tourist kommt näher, filmt die Szene. Polizisten umstellen den Waggon und trocknen sich die Stirn, sie wollen Haltung bewahren, nervös treten sie von einem Fuß auf den anderen und drehen den Kopf dabei in alle Richtungen wie Knackis im Gefängnishof, die auf eine Gelegenheit zu einem Drogendeal lauern. Nun fangen Schlägereien auf den Decks von Segel- und Vergnügungsbooten an, die an den Stegen vertäut sind. Der krönende Abschluss. Überall wird gekämpft, ich habe Respekt und bewundere die Jungs, die sich alle gemeinsam uns angeschlossen haben, um inmitten der Menge aufeinander einzudreschen, manche der Jungs wurden aus der Fabrik gefeuert, aus der Mühle, dem Handwerksbetrieb oder den Docks, es sind ehemalige Dealer, ehemalige Soldaten, ehemalige Reporter, wie ich einer bin, aber auch Lehrer, und sogar ein ehemaliger Anwalt ist dabei. Typen, die früher alles Mögliche waren, die entschlossen sind, keine Schläge mehr fürchten und zu den Kämpfen gehen, um die Angst zu überwinden, die schon immer ihr Leben und ihre Hoffnungen zerstört hat, Angst, die, seit die Welt die Welt ist, in den Adern der Geschichte pulsiert. Für ein paar Minuten nur werden sie alle zum allgemeinen Kampf der ganzen Welt.
So ist es, es ist kein Geniestreich, sondern einfach eine Selbstverständlichkeit, wir gehen in den öffentlichen Raum und polieren uns gegenseitig die Fresse, denn dieser Raum gehört uns, er ist nicht dazu da, diesen sadistischen Politikern, die uns so übel traktieren, ein Spielfeld für ihre Worthülsen zu bieten. Wir sind wie die Aufrechten der Nacht auf der Place de la République, wir holen uns zurück, was uns gehört, und all das, was wir gemeinsam besitzen, das Straßenpflaster, den Zorn, den Kampf, unsere Körper und ihre ganze Kraft, und sie können uns nicht daran hindern; sie können sich nicht verteidigen, denn wir greifen sie ja nicht an, wir schließen sie von unserer Existenz aus, wir vertreiben sie aus unserem Leben.
Die Angst muss die Seiten wechseln, wie die anderen auf den Demonstrationen sagen.
Die Bullen haben schließlich verstanden, dass ein Fight jederzeit und überall ausbrechen kann und dass von dem Augenblick an, da sie einen stoppen, ein anderer genau hinter ihnen ausgelöst wird, also sind sie vor dem Podium zu einer Schutzmauer zusammengerückt, um den Abgeordneten abzuschirmen. Dieser sieht völlig verängstigt aus, der Mund steht ihm weit offen, und dabei hat er sich so gut darauf trainiert, die Zähne zusammenzubeißen und den Kiefer fest geschlossen zu halten. Kein Muskel seines Gesichts funktioniert noch, ein Stadium, in dem man normalerweise die Politik hinschmeißt für eine Tätigkeit, die man teilnahmslos betreiben kann, wie das Arrangieren von Blumenschmuck, Aquarellieren oder Heraldik. Einer seiner Sicherheitsleute befördert ihn schließlich in ein Auto mit getönten Scheiben, das gerade mit quietschenden Reifen vor dem Rathaus gehalten hat. Dann bringen die Bullen die Menge dazu, den Platz zu verlassen und sich zu verteilen, sie haben Gummiknüppel herausgeholt, sie schwitzen vor Angst und Erniedrigung.
Schlusspfiff. Paolo pfeift ab. Zeit aufzuhören. Ich sage zu Karim, der den Kampf gerade wieder aufnehmen und mir einen Faustschlag verpassen will:
»Komm runter, es ist vorbei, wir verdrücken uns.«
Jetzt ist jeder auf sich allein gestellt. Man bekommt ein Hemd, das einer von unseren Jungs am U-Bahn-Eingang aus einer Tasche nimmt und uns zusammen mit einem Babyfeuchttuch aushändigt, wir ziehen es wortlos über das blutbesudelte T-Shirt, und während wir die Rolltreppe hinunterrennen, wischen wir uns sauber, so gut es geht, und stopfen das beschmutzte Feuchttuch in die Tasche. Wir schauen uns nicht mal an. In ein paar Minuten werden wir uns an einem Ort treffen, wo es frisches Bier gibt, und uns auf den Rücken klopfen. Wir haben niemanden befreit, wir haben kein Recht erobert, keine Forderungen gestellt und nichts verteidigt, aber wir haben einmal mehr das Fundament erschüttert.
Paolo lässt hinter Adrien, wie immer der Letzte, das eiserne Rollgitter herunter. In leicht verdrehter Sprechweise, mit dümmlicher Miene und roten Augen murmelt der vor sich hin, es habe keine Feier, sondern ein Feuer auf der Strecke gegeben, er klingt, als wollte er sich rausreden, aber es ist wohl klar, dass er sich in der Bar an der Ecke einen Pastis nach dem anderen genehmigen wird, bevor er aufkreuzt. Wenn man auf Google Earth sucht und dann zoomt, wird man ihn ganz sicher an einem Tisch auf der Terrasse der Kneipe entdecken. Ich verstehe nicht, was er so witzig daran findet, uns diesen Scheiß zu erzählen, er erinnert mich an diese jungen Hipster, die, statt zu sagen, dass sie stundenlang Aperitifs trinken, damit angeben, sie würden sich ein Netzwerk aufbauen.
Die Mädchen, die hiergeblieben waren und auf uns gewartet hatten, oft die Freundinnen der Jüngeren, lassen mit Bierdosen und Mineralwasser gefüllte Kühlboxen rumgehen, andere verteilen feuchte Handtücher, sie legen sie selbst auf die Wunden ihrer Freunde, säuseln ihnen dabei zärtliche Worte ins Ohr und sagen ihnen, dass sie stolz auf sie sind. Sie tragen Tops mit Herzen aus Pailletten oder fluoreszierenden Playboyhäschen, und wir haben uns mit nacktem Oberkörper auf den Bänken ausgestreckt, ich betrachte Paolo, der einen Hammer genommen hat, sein T-Shirt in Form zieht und es dann auf ein Stück Brett zwischen die anderen nagelt, die mit ganz verschiedenen Aufdrucken von unseren vergangenen Kämpfen übrig geblieben sind. Man kann lesen »Ich bin ein Sonderangebot«, »Dein Lärm, mein Geruch«, »Antonin Artaud, komm zurück, sie sind verrückt geworden!«, ein Sortiment von Sätzen, die für den Normalsterblichen schnell unentzifferbar werden, wenn er nicht selbst durch den Zusammenhang gebrandmarkt worden ist. Wir haben wohl schon ein Dutzend von diesen Schlägereien hinter uns; die erste fand vor ein paar Monaten statt. Wir waren losgezogen, um uns auf dem Vorplatz des Stadions Vélodrome zu verkloppen, weil die Anhänger des letzten Spiels den Linienrichter eine gute Viertelstunde lang mit Wurfgeschossen traktiert und dabei bedroht und beleidigt hatten. Wir waren ein gutes Dutzend, die nicht wirklich auf Breitensport standen, wir alle trugen Kapuzen und ein Schiedsrichtertrikot mit schwarzen und weißen Senkrechtstreifen und dem Slogan: »Liebe den Schiedsrichter!« Das Fernsehen hatte ein paar Bilder gebracht, allerdings sind wir nicht mal zwei Minuten geblieben, haben uns möglichst schnell verzogen, wir hatten unseren ruhmreichen Moment, die Journalisten hatte es eher zum Lachen gebracht als schockiert, aber niemand dachte, dass wir eine Serie von Fightmobs ins Leben rufen würden und nicht bereit wären, damit aufzuhören.
Alles ist grau in dem Raum, die Metallträger, die Mauern, deren Farbe abblättert, sogar der Boden, dessen Grau von Licht beleuchtet wird, das durch die alten Luken scheint, die bedrohlich danach aussehen, vom Blechdach abzufallen, und selbst wir haben graue Gesichter. Alle schwitzen, und es stinkt auch nach Blut. Der Club ist eine alte Lagerhalle, vielleicht eine ehemalige Garage, nahe am Zoo gelegen, ein und derselbe Raum in mehrere Bereiche unterteilt, einer für die Bänke und die Garderobe, einer für Fitnessgeräte, und im größten befinden sich zwei Ringe und ein mit Seilen bespannter Käfig. Der Raum misst bestimmt 200 Quadratmeter, am Ende gibt es eine Ecke mit Duschen, die von einer Zwischenwand abgeteilt wird, und gleich daneben ein kleines, verschlossenes Zimmer, Paolos Schlupfwinkel, in dem er sich eine Bude eingerichtet hat, er hat nur eine Matratze und einen Tisch hineingestellt, mehr als einen Koffer mit Klamotten und ein paar Bücherstapel besitzt er nicht. Auf dem Papier ist Paolo Pächter der Halle. Er hat einen Verein gegründet, und wir zahlen alle einen Mitgliedsbeitrag.
Ich öffne eine Dose und leere sie in einem Zug, schaue Adrien an, der sich an seinem Mineralwasser verschluckt, und Karim, der ihm lachend auf den Rücken klopft.
Paolo geht zwischen uns durch, alles grinst, er schlägt die ausgestreckten Hände ab. Sein Gesicht ist faltenlos, weder zerfurcht noch kantig, die Nase lang und schmal, das Haar dicht, schwarz, fast zu einer Tolle nach hinten gekämmt, er ist immer glatt rasiert, hat buschige Brauen direkt über blauen Augen, man sieht seine Lider kaum, aber sein Blick ist nicht hart, nicht stechend; mit seinen Freunden geht er vielmehr liebevoll und entgegenkommend um.
»Alles klar, Leute? Kann alles, was kaputt ist, wieder repariert werden? Wer fällt bei der nächsten Schlägerei aus?«
Hinter der Bankreihe liegen zwei Kumpel ausgestreckt auf einer Bodenmatte. Loïc, der Jüngere, ist sechzehn Jahre alt und vor einer Woche als Kandidat für die Kämpfe angetreten, am selben Tag, als er bei der Stadt als Straßenarbeiter eingestellt wurde, für ihn ist es die erste Massenprügelei. Ein Minderjähriger. Es ist das erste Mal, dass Paolo gegen die Regel verstoßen hat. David, der andere, hat eine aufgeplatzte Augenbraue und zweifellos ein gebrochenes Handgelenk, doch es ist sein Fehler, er versteht es nicht, seine Schläge zurückzuhalten, auch wenn er eine gute Entschuldigung hat: Er hat einen Job im sozialen Bereich. Aber Paolo hätte ihn und Loïc nicht gegeneinander kämpfen lassen dürfen. Jedenfalls auf keinen Fall mit bloßen Händen. Sie hatten darauf bestanden. Ich weiß, dass es da im Hintergrund ein Problem mit einem Mädchen gibt und sie ihre Rechnung beglichen haben. Paolo wird später mit ihnen sprechen. Kann sein, dass er sie feuert. Er geht auf sie zu, sie wechseln ein paar Worte, Paolo macht eine Gebärde, die sagt, es sei nicht so schlimm, man werde sich um sie kümmern. Er findet zwar beruhigende Worte, aber der Kleine hat mindestens eine ausgekugelte Schulter, da hätte er ein paar besorgte Worte verdient.
Die Jungs tanzen an, sie helfen den beiden Jüngeren beim Aufstehen, Paolo drückt den Knopf, um das eiserne Rollgitter zu öffnen. Die Verletzten werden zu einem Auto gebracht, das in Richtung Krankenhaus fährt.
Ziemlich viele unter uns kommen vom Free Fight, versammelten sich in Kellern oder vornehmeren Clubs, sogar Bankiers und Versicherungsleute sind dabei, und prügelten sich nach einem Arbeitstag; so können sie wohl besser klarkommen. Es gibt sogar einen Typen, der Vollstrecker für Sozialpläne war, ein Killer, er hasste sich, er wollte auf jeden Fall anonym bleiben, der war total verbissen, er hat uns verlassen, weil er in den Norden versetzt wurde, dorthin, wo noch Schwerindustrie aufgebaut wird. Hier im Umkleideraum findet man Anzugträger mit Krawatte Seite an Seite mit Leuten in Basketballkluft. Uniform und Gimmicks, die alle Kumpel verbinden, sind die Motto-T-Shirts sowie Gebiss- und Schienbeinschützer. Paolo ist ein guter Lehrer, der auch Kurse zu Fragen der Taktik gibt, die er draußen im Einsatz gelernt hat, als er die Umzingelungsmethoden der Polizisten bei Demonstrationen studierte, ihre Technik, eine Falle zu stellen, und die Methode, ihr aus dem Weg zu gehen. Hinter mir hängt ein Whiteboard, das seit dem letzten Unterricht nicht abgewischt wurde und mit Kreisen beschrieben ist, die Menschenmengen darstellen, Linien für den Polizeikordon und verschiedenfarbige Pfeile in alle Richtungen. Wir haben nichts mit Hooligans zu tun, es gibt keine unter uns, es mögen zwei oder drei ehemalige Redskins dabei sein, die die antifaschistischen Kommandos überlebt haben und zu alt und kaputt sind, um weiterhin ihre Knochen in einer Keilerei zu riskieren; für ihre Freunde sind wir bloß Artistenwichser. Einige dieser Jungs waren bereits politisiert, bevor sie dazukamen, Paolo hat lediglich Öl ins Feuer gegossen, sie hatten Gelegenheit, in Unternehmen zu arbeiten, mit Chefs zu tun zu haben, Demütigung zu erfahren, aber auch die Unterstützung der Gewerkschaften. Alle wissen, wo die Grenzen sind, Beißen und gefährliche Schläge sind verboten, wir stechen nicht in die Augen, wir quetschen nicht die Eier, wir drücken nicht auf den Adamsapfel. Eines Tages bekam Paolo Besuch von Jungs, die angeblich Wiener Aktionisten waren, sie wollten uns aufs Schlachtfeld begleiten und ihre Performance mit unserer verbinden, indem sie sich während der Kämpfe auf Müllcontainern stehend mit Cuttern ins Fleisch ritzen; Paolo und ich haben sie rausgeworfen. Die beiden Mädels, die vor Kurzem zu uns gestoßen sind, sind von Kumpels mitgebracht worden, die sie in einem anderen Club beim Fitnesstraining getroffen haben: Sie ließen sich bequatschen und haben sich schließlich für die Schlägereien und Paolos Club entschieden.
Karim hat sich jetzt neben mich gesetzt, er zwinkert mir zu.
»Geht’s? Ich hoffe, ich habe dich nicht zu übel zugerichtet?«
»Ach, nun gib mal nicht so an. Guck dich doch an, deine Visage ist total lädiert. Glaubst du etwa, ich hab versucht, dich zu schonen?«
»Das ist nicht schlimm, ich fühle mich hinterher immer wie neu, es scheint so, als ob die Leute uns fertig gemacht hätten, aber in Wirklichkeit haben wir sie plattgemacht.«
Die Jungs singen »Mon p’tit loup ça va faire mal ce soir« von Johnny Hallyday, sie kennen den Text auswendig, die würden es verdienen, gefeuert zu werden, andere tanzen, während sie darauf warten, dass sie mit dem Duschen an der Reihe sind. Karim ist ein Landei, er wuchs zwischen Biomarkt und Rock- und Hurenbars auf, zwischen Dealern und proletenhaften Bohèmekünstlern. Nachts putzt er in einem Hochhaus voller Büros, rumkommandierenden Chefs und überquellenden Mülleimern, und er sagt immer:
»Siehst du, das ist die Magie der Sprache: Straßenfeger sind zu ›Fußwegreinigern‹ geworden und Wichser zu ›Entscheidern‹.«
Paolo kommt und setzt sich.
»Na, Jungs, alles klar?«
»Lang war ein bisschen schlaff«, sagt Karim, »irgendwas scheint ihm Kummer zu machen.«
»Ich glaube, ich hab mir was gebrochen. Ich bin nicht sicher, ob ich dein Ding hier immer noch witzig finde.«
»Du bist frei, du kannst gehen.«
Ich kenne Paolo, seit er vor zwei Jahren mit den Flashmobs angefangen hat. Ich habe ihn bei Old Maurice getroffen, dem verrückten Künstler des Viertels und Freund meiner Familie, er stand meiner Mutter nah, und ich habe mit dem alten Mann mitgelitten, als seine Tochter Olivia starb, im letzten Jahr, an diesem Strand in Tunesien, ermordet von einem Terroristen. Paolo war mit Olivia zusammen. Ich hatte die beiden einander vorgestellt. Er wusste, dass Olivia und ich vorher ein Paar waren, aber das hat ihn nie gestört, ich glaube beinahe, er war nie auf überhaupt irgendetwas eifersüchtig, ach, Olivia, die Unglückliche, und wir Armen, wir versuchen, nicht daran zu denken, aber ich mache mir große Sorgen um Old Mo.
Meine eigene Trauer ist genauso groß wie seine, ich versuche, sie abperlen zu lassen und das zu sehen, was uns allen passieren wird, und Mo lasse ich in dem Glauben, dass ich Licht am Ende des Tunnels sehe.
Paolo hat einen typisch amerikanischen Lebenslauf, immer wieder bei null angefangen, mit handwerklicher oder Kopfarbeit, egal was, er war Türsteher im Kasino an der Côte, wie sie sagen, um deutlich zu machen, dass es die französische Riviera ist, nicht die Dritte Welt wie unsere Küste zwischen Marseille und Martigues, er war Erdbeerpflücker, Filmkritiker, er hat immer Steine gehauen und Installationen gemacht. Er boxt, seit er zehn ist, vor fünf Jahren ging er zum MMA über, zum Mixed Martial Arts, das ist eine Mischung aus Boxen, Tritten und Faustschlägen, Judo und brasilianischem Jiu-Jitsu, und vor sechs Monaten eröffnete er diesen Club. Er war sogar mal Literaturlehrer in einer Privatschule, bevor er nach Olivias Tod alles hinschmiss. Als er seine ersten Wahnsinnsaktionen veranstaltete, waren es nur Zombie-Walks oder Freezes, und selbst Olivia gab es einen Kick, wenn alle sich verabredeten und inmitten einer Menge erstarrten. Sie nahm daran teil, sie imitierte eine Erstarrung à la Marilyn, mit vollen Lippen und geöffnetem Mund. Als dann der Front National bei den Kommunalwahlen in einem Bezirk gewann, sind sie alle dorthin gezogen und haben den French-Kiss-Mob imitiert: Sie trugen T-Shirts mit »Peace & Love« und umarmten den Bezirksvorstand und die militanten Mitglieder des FN. Geraubte Küsse. Von der Verteilung der Handzettel bis zur Schlägerei dauerte es zwangsläufig nur wenige Minuten. Paolo kam mit blauen Flecken übersät und sehr zufrieden zurück. Er hatte seine Idee gefunden: Sich überall auf der Straße prügeln, um zu zeigen, dass man die ganze Gewalt der Stadt, des Systems erträgt, die soziale Gewalt, die immer gegen uns gerichtet ist, wir sind nur Übermittler, wir lehnen es ab, sie zu schlucken, und wir verteilen sie weiter. Über Marseille wird viel wegen seiner »Nord-Süd-Spaltung« geredet, na ja und wir, wir schlagen uns am Rande des Abgrunds, die Spaltung ist in uns. Im Allgemeinen kämpfen wir während politischer Reden. Kann sein, dass es auch mal bei anderen Gelegenheiten passiert. Bald wird der Nachrichtendienst der Polizei gegen uns vorgehen und einen von uns bis zu unserem Boxclub verfolgen. Wir glauben, dass sie uns noch nicht identifiziert haben, niemand ist eingebuchtet worden, aber es könnte so weit kommen, selbst wenn unsere Aktionen vor Gericht als Straßenperformance mit einvernehmlich handelnden Erwachsenen verteidigt werden könnten. Denn die öffentliche Ruhestörung, die werden sie sicher eines Tages aus der Tasche ziehen, das ist ein dehnbarer Begriff, das eröffnet ein Feld von Möglichkeiten, wie die liberalen Ökonomen sagen, die Drehbuchautoren von Science-Fiction und die Kinder- und Jugendpsychiater.
Paolo war überrascht, so viele Freiwillige gefunden zu haben, und ich war erstaunt, manchmal während der Kämpfe Gaffer zu sehen, die uns ermutigen und applaudieren, ich habe sogar schon eine Mutter mit ihren Kids gesehen, die mir bei der letzten Schlägerei zugerufen hat: »Los, lasst sie Staub fressen!« Sie? Ich schlug mich mit Kevin, nur er und ich, ein einzelner Kampf, wie immer, er war zurückhaltend, wir haben uns nur ein paar blaue Flecken verpasst, aber sie, hat sie das wirklich realisiert? Das, was sie kapiert hat, ist, dass Kevin und ich uns gemeinsam gegen die da geprügelt haben, sie alle. Menschen wie diese Frau, die Jedermanns, Normalos und andere Zahnlose, haben in den vergangenen Jahren zu viele Vereinfachungsschocks in die Fresse bekommen, und in ihren Augen ähneln diese Führungskräfte seitdem mehr bipolaren Lehrern für gutes Benehmen, die in ihren Reden »verkehrt« statt »Wert« sagen und »Strategie« statt »Tragödie«, und die uns schulmeisterlich und väterlich Pläne entgegenschleudern, zum Aufschwung durch Konsum, zur Wiederbelebung der Beschäftigung durch subventionierte Stellen oder sogar die Senkung der Zinssätze, um das Wachstum anzukurbeln. Alles, was gewöhnliche Menschen davon verstehen können, ist, dass man sich einen Dreck um sie schert, dass es nach der Steinzeit, Eisenzeit, Bronzezeit, Glaszeit, Rattanzeit, Plastikzeit, Reifenzeit zwangsläufig Chancen auf Besserung gibt, dass man eines Tages im Zeitalter des Integralhelms ankommt, in dem man zu den Steinen und Eisenstangen zurückkehrt. Vor allem, wenn der Chef der Arbeitgeber dazu rät, in einen Arbeitsvertrag Trennungsparagrafen zu integrieren wie bei einem Heiratsvertrag. Wer wird sich da noch vereinigen wollen mit dem Ziel, sich zu lieben? Wir haben es befürchtet, aber das heißt: Die Freiheit der Menschen zu respektieren, bedeutet, sie das machen zu lassen, wozu sie keine Lust haben, Wölfe wollen uns Wölfe lieben lehren. Es gibt davon immer mehr, und man könnte meinen, dass man noch mehr Schafe wiedereingeführt hat, um der Nachfrage des Marktes zu entsprechen. Bald werden wir so bettelarm und bedürftig sein, dass wir die Armen mit der Rechenmaschine zählen werden. Kein Wunder, dass die Leute das nicht mehr ertragen, kein Wunder, dass es leicht ist, Krieger zu rekrutieren, um sich aufs Maul hauen zu lassen, wir wissen noch nicht einmal, ob der Krieg stattgefunden hat oder nicht, ob er zu Ende ist oder nicht, und auch nicht, wer ihn gewonnen hat. Vor einigen Tagen hat Old Mo zu mir gesagt:
»Der dritte Weltkrieg hat stattgefunden, Lang, aber ich kann dir nicht davon erzählen; es ist so, wie die Hippies der 1960er-Jahre sagen: Wenn ihr euch daran erinnert, dann heißt das, dass ihr nicht dabei wart.«
Paolo hält seine übliche Rede, er feiert die Sache, gratuliert uns, dankt uns, applaudiert den beiden Mädels, die zum ersten Mal bei einem solchen Trip dabei waren, er sagt, dass wir keine Schwuchteln seien, und zwinkert dem schwulen Drew zu, dann wird er politisch, und als er theoretisiert, klinke ich mich aus und flüstere Zoé zu:
»Mit der Zeit werden wir die Ohrfeigen trotzdem satthaben. Wir könnten doch auch auf dem Bauernmarkt in La Plaine Flyer verteilen mit dem Slogan ›KUNST ODER TOD!‹«
Sie lacht.
Als Paolo fertig gesprochen hat, kommt er zu mir.
»Ist mit dir alles okay?«
»Ich treffe mich gleich mit jemandem. Sie kommt direkt aus meinem alten Leben, glaube ich.«
»Eine Frau? Na, du kannst nicht klagen.«
Ich stimme ihm zu.
»Sie möchte, dass ich jemanden rette.«
Paolo hat schon alles gesehen in seinem Leben und ist immer wieder darüber hinweggekommen. Er klopft mir auf die Schulter:
»Man braucht von allem etwas, um eine Welt zu schaffen.«
Ich dusche schnell, schlüpfe in eine Stoffhose, sauber, aber zerknittert, in ein Leinenhemd, rufe den Jungs einen Gruß zu, dann mache ich mich auf den Weg in Richtung U-Bahn.
Ich hasse die Place Castellane mit dem Brunnen in der Mitte und dem immer leeren Becken, aus dessen Zentrum sich eine mehrere Meter hohe Säule erhebt, auf der eine Frauenstatue thront, sie trägt ein Schiff in den Armen, während unterhalb ein steter Strom von Bussen und Autos auf drei Spuren um sie kreist. Ein Schiff in einer Wolke von Abgasen über den Dreckschleudern? Die Geschichte dieser Stadt ist eine Abfolge von Missverständnissen mit den Requisiteuren, ganz zu schweigen von denen, die für das Casting verantwortlich sind. Der Platz ist überfüllt mit Cafés und Restaurants, Terrassen zum Bersten besetzt von aufgebrezelten Wichtigtuern, sogenannten Càcous, die Gliederarmbänder und unechte Goldkettchen um den Hals tragen, Caprihosen und Markensportschuhe, das Trikot von Olympique Marseille oder rosafarbene Hemden, und zig Finger spielen unentwegt mit zig Schlüsseln für Autos oder Motorroller mit drei Rädern, fast so, als wären sie der Rosenkranz. Der selbstverliebte Càcou ist eine Art postmoderne und postindustrielle Version des Dorfdeppen, eine Art Serienmodell. Er ist außerdem die allerletzte und vergangene Figur des neofolkloristischen Antipop unserer Dritte-Welt-Metropole, Beweis genug, dass die Herstellung von Utopien in dieser Stadt und in dieser Welt ein bankrottes Handwerk ist.
Ich habe mich auf der Terrasse der Kneipe, die sie mir genannt hat, niedergelassen, ich weiß nichts über diese Frau. Nur, dass sie meinen Namen und meine Telefonnummer wusste und dass ich Fotoreporter war, fünfzehn Jahre lang über Kriege berichtet habe, besonders aus Afrika. Was mich für sie eingenommen und dazu bewogen hat, sie zu treffen, war ihre Überzeugung, ich würde zustimmen, ihr zu helfen.
»Sie werden sehen, Sie können nicht ablehnen«, hatte sie mit hoher Stimme und leicht schwarzafrikanischem Akzent entschieden, bevor sie das Gespräch abbrach.
Natürlich sitze ich jetzt hier wie ein Volltrottel, und es liegt auf der Hand, dass sie mich sehr gut kennt, denn sie weiß, dass ich es nicht schaffen würde, ein solches Treffen abzulehnen. Sie ahnt wohl, dass ihre gepresste Stimme, kristallin und feucht, sofort in die Lenden schießt. Ich vermute, einen so hohen Grad an Sinnlichkeit zu entwickeln, gelingt nur dann, wenn man seine ganze Jugend bei den Schwestern der Unbefleckten Empfängnis in der Kultur des Schweigens, der Sünde und des Gebetes erzogen wurde.
»Grégoire Lang? Darf ich mich setzen?«
Sie steht mir gegenüber, riesig, dünn, helle Haut, in den grünen, mandelförmigen Augen Pupillen, die mit glitzernden Sternen durchsetzt sind.
»Sie sind nicht sicher, dass ich es bin? Kennen Sie mich denn nicht vom Sehen?«
»Ich hatte Angst, Sie nach all den Jahren nicht wiederzuerkennen.«
Ich zucke offensichtlich zusammen.
»Wie heißen Sie?«
»Awa. Darf ich mich setzen, auch wenn Ihnen mein Vorname nichts sagt?«
Ich deute auf den Stuhl mir gegenüber, ich weiß, dass ich ein Rüpel geworden bin, ich beglückwünsche mich nicht dazu, ich hätte aufstehen müssen, aber irgendetwas klebt mir den Hintern an meinem Stuhl fest.
Sie ist etwas über dreißig, der Kopf aufrecht, der Blick stolz, die Gesichtszüge gespannt. Sie trägt die entkrausten, glatten Haare kurz und ein Kreuz auf einer olivgrünen, leicht durchsichtigen
