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In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie ist Denise überall im Einsatz. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Doch auf Denise ist Verlass. In der Reihe Sophienlust Extra werden die schönsten Romane dieser wundervollen Erfolgsserie veröffentlicht. Warmherzig, zu Tränen rührend erzählt von der großen Schriftstellerin Patricia Vandenberg. Die Morgensonne am wolkenlosen Himmel überschüttete Sophienlust mit einem rotgoldenen Licht, und der Nebel über den Wiesen verwandelte sich in glitzernde Tautropfen. Der Frühlingstag versprach wunderschön zu werden. Lena erschien auf der Terrasse, um das Staubtuch auszuschütteln. Tief atmete sie den schweren, süßen Fliederduft ein. Ein kleines Lächeln erhellte ihr runzliges Gesicht. Erinnerungen wurden in ihr wach. Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit, an die Zeit, als sie ihren Dienst bei Sophie von Wellentin eben angetreten hatte. Um die gleiche Zeit waren auch die Köchin Magda und der damalige Verwalter Justus nach Sophienlust gekommen. Viele Jahre lang hatten diese drei Freud und Leid mit ihrer Herrschaft geteilt und schließlich schluchzend am Grab der alten Dame, Sophie von Wellentin, gestanden. Misstrauisch hatten sie danach die neuen Erben erwartet. Doch als sie Denise von Wellentin, die heutige Frau von Schoenecker, und deren damals fünfjährigen Sohn Dominik, den Urenkel der Verstorbenen kennengelernt hatte, waren ihre Herzen den Erben sogleich zugeflogen. Anfänglich hatte es ihnen zwar gar nicht gepasst, dass das Herrenhaus in ein Kinderheim umgestaltet worden war, heute wäre es ihnen ohne die lärmende Fröhlichkeit der Kinder undenkbar. Sie waren noch einmal jung geworden mit den Kindern. »Lena, du träumst ja mit offenen Augen!« Erschrocken fuhr die alte Frau herum. »Ach, du bist es, Nick! Guten Morgen, mein Junge. Du hast mich aber erschreckt«, fügte sie lächelnd hinzu. »Das tut mir aber leid, Lena.
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Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Morgensonne am wolkenlosen Himmel überschüttete Sophienlust mit einem rotgoldenen Licht, und der Nebel über den Wiesen verwandelte sich in glitzernde Tautropfen. Der Frühlingstag versprach wunderschön zu werden.
Lena erschien auf der Terrasse, um das Staubtuch auszuschütteln. Tief atmete sie den schweren, süßen Fliederduft ein. Ein kleines Lächeln erhellte ihr runzliges Gesicht. Erinnerungen wurden in ihr wach. Erinnerungen an eine längst entschwundene Zeit, an die Zeit, als sie ihren Dienst bei Sophie von Wellentin eben angetreten hatte.
Um die gleiche Zeit waren auch die Köchin Magda und der damalige Verwalter Justus nach Sophienlust gekommen. Viele Jahre lang hatten diese drei Freud und Leid mit ihrer Herrschaft geteilt und schließlich schluchzend am Grab der alten Dame, Sophie von Wellentin, gestanden. Misstrauisch hatten sie danach die neuen Erben erwartet. Doch als sie Denise von Wellentin, die heutige Frau von Schoenecker, und deren damals fünfjährigen Sohn Dominik, den Urenkel der Verstorbenen kennengelernt hatte, waren ihre Herzen den Erben sogleich zugeflogen.
Anfänglich hatte es ihnen zwar gar nicht gepasst, dass das Herrenhaus in ein Kinderheim umgestaltet worden war, heute wäre es ihnen ohne die lärmende Fröhlichkeit der Kinder undenkbar. Sie waren noch einmal jung geworden mit den Kindern.
»Lena, du träumst ja mit offenen Augen!«
Erschrocken fuhr die alte Frau herum. »Ach, du bist es, Nick! Guten Morgen, mein Junge. Du hast mich aber erschreckt«, fügte sie lächelnd hinzu.
»Das tut mir aber leid, Lena. Das wollte ich wirklich nicht.« Dominik lachte an diesem Morgen mit der Sonne um die Wette. Mit beiden Händen glättete er sein schwarzes Haar, dabei blitzte ihm der Schalk aus den dunklen Augen.
Lena konnte sich kaum sattsehen an dem bildhübschen Jungen. Wie alle Menschen, die mit ihm zusammenkamen, hatte sie ihn tief in ihr Herz geschlossen. Unvergesslich würde ihr der Tag bleiben, als er an der Hand seiner Mutter das Herrenhaus besichtigt hatte. Schon damals hatte er diesen unwiderstehlichen Charme besessen, ein Erbteil seiner schönen Mutter.
»Nick, es ist ja noch nicht mal sieben Uhr«, wunderte sich Lena über sein frühes Kommen. »Es ist doch Sonntag.«
»Und was für ein Sonntag.« Dominik breitete die Arme aus, so, als wollte er die ganze Welt umarmen. »So einen herrlichen Maienmorgen haben wir seit Jahren nicht mehr erlebt. Ich habe einfach nicht mehr im Bett bleiben können. Außerdem wollte ich auch pünktlich hier sein, um mit den Kindern in die Kirche zu fahren. Isabel singt doch heute zusammen mit Anja Lachner, die am Konservatorium Gesang studiert. Im Augenblick ist die für einige Wochen zu Besuch bei ihrer Großmutter.«
»Ach ja, bei Frau Magdalena Lachner. Sie stammt aus Ostpreußen und soll einmal enorm reich gewesen sein.«
»Ja, Lena, das stimmt. Ihr Mann besaß ein Rittergut in der Nähe von Königsberg. Als sie im Krieg fliehen mussten, fand er den Tod. Sie ist dann mit ihren beiden Kindern allein in den Westen geflohen und hat später das kleine Anwesen hinter der Kirche gekauft. Sag, Lena, wann gibts denn Frühstück? Ich habe einen Mordshunger. Daheim haben noch alle geschlafen, als ich losgeradelt bin.«
»Am Sonntag frühstücken wir ja erst so um acht Uhr herum. Geh halt zu Magda in die Küche. Sie hat bestimmt etwas für dich.«
»Mach ich.«
»Hallo, Nick!« Pünktchens rotblonder Haarschopf erschien an einem Fenster des oberen Stockwerks.
»Hallo, Pünktchen.« Nick winkte ihr vergnügt zu. »Wenn du dich beeilst, können wir noch vor dem Frühstück zu den Pferden und Ponys laufen!«, rief er zurück.
»Ich bin gleich unten.« Pünktchens strahlendes Gesicht verschwand wieder.
»Ich geh inzwischen in die Küche. Sag bitte Pünktchen, dass ich dort auf sie warte.«
Lena nickte und kehrte dann ebenfalls ins Haus zurück, um die anfallenden Hausarbeiten zu erledigen.
Zehn Minuten später liefen Dominik und Pünktchen zu den Stallungen, während die anderen Kinder aufstanden. Das Haus wurde lebendig. Schwester Gretli deckte bereits den langen Tisch im Speisesaal. Im Augenblick hatte sie viel Arbeit, weil Carola mit ihren Zwillingen beschäftigt war. Andreas und Alexandra waren der ganze Stolz der jungen Eltern Rennert. Glücklicherweise absolvierten neuerdings Schülerinnen der Schule für Wirtschaftsleiterinnen und Wirtschaftslehrerinnen ihr praktisches Jahr in Sophienlust, sodass die fest angestellten Mitarbeiterinnen doch etwas entlastet waren.
Wie meist beim Frühstück am Sonntagmorgen, ging es auch heute fröhlich im Speisesaal zu. Nur Isabel war auffallend still. In dem lichtblauen Kleid sah sie bezaubernd aus. Das dunkle Haar war in der Mitte gescheitelt und fiel ihr glatt bis auf die Schultern. Ihre dunklen Augen zeigten einen verträumten, abwesenden Ausdruck. Wenn sie so aussah, sagten die anderen Kinder, Isabel habe wieder einmal ihre Traumstunde.
Isabel träumte tatsächlich von der Zukunft. Obwohl sie vor Jahren einmal ein bekannter Gesangskinderstar gewesen war, hatte sie später die Absicht gehabt, bis an ihr Lebensende in Sophienlust zu bleiben. Doch seit Kurzem schmiedete sie Zukunftspläne, die sich in einer anderen Richtung bewegten. Seitdem sie Anja Lachner kannte, war sie von dem Ehrgeiz besessen, einmal eine große Sängerin zu werden. Im Augenblick aber konnte sie es kaum erwarten, mit Anja im Kirchenchor zu singen.
»Wir müssen uns beeilen!«, rief Malu nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. »Sonst kommen wir zu spät in die Kirche. Nein, Benny, du kannst nicht mit«, wandte sie sich an ihren kleinen Wolfsspitz, der zu ihren Füßen lag und beim Klang ihrer Stimme sogleich die Ohren spitzte. »Ein Hund darf nicht mit in die Kirche. Das sage ich dir doch jeden Sonntag.«
»Später kann er mitlaufen!«, rief Dominik über den Tisch. »Wir haben nämlich soeben beschlossen, nachher Maikäfer zu suchen!«
»Maikäfer!« Ein größerer Junge schüttelte den Kopf. »Die sind doch seit Jahren ausgestorben! Es gibt keine mehr.«
»Das ist nicht wahr!«, mischte sich Angelika lebhaft ein. »Noch gestern haben meine Schwester und ich zwei gesehen. Nicht wahr, Vicky?«, fragte sie ihre kleinere dunkelhaarige Schwester.
»Und ob«, bestätigte das Mädchen eifrig. »Und später ist einer vor uns hergeflogen.«
»Sei es, wie es sei«, bemerkte Dominik. »Auf alle Fälle suchen wir nach Maikäfern. Ich weiß auch, wo es vielleicht welche geben könnte. Wir müssen am Ufer des Forellenbaches entlanglaufen. Aber nun nichts wie los!« Er stand auf. Auch die anderen Kinder erhoben sich sofort.
Der Chauffeur Hermann stand wartend am VW-Schulbus und half den Kindern dann beim Einsteigen. Auch das junge Ehepaar Rennert fuhr an diesem Morgen mit zur Kirche. Sie hatten die Zwillinge in der Obhut ihrer Großmutter, der Heimleiterin, zurückgelassen, die von den Kindern liebevoll Tante Ma genannt wurde.
Anja Lachner, ein auffallend hübsches Mädchen mit strahlenden blauen Augen und wundervollen blonden Haaren, die im Sonnenlicht wie Metall schimmerten, wartete bereits mit ihrer Großmutter vor der Kirchentür auf Isabel.
Anja war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hatte eine wunderschöne Sopranstimme und würde vermutlich eine gute Sängerin werden. Für das Gesangsstudium hatte sie sich aber erst vor knapp zwei Jahren entschieden, denn sie hatte durchaus Stewardess werden wollen. Doch ihre Eltern, deren einziges Kind sie war, hatten ihr diesen gefährlichen Beruf ausgeredet. Anfangs waren sie auch dagegen gewesen, dass ihre Tochter Gesang studieren wollte, doch diesmal hatte Anja nicht nachgegeben.
Anja liebte ihre Großmutter innig. Bei ihr fand sie das Verständnis, das sie vonseiten ihrer Eltern vermisste. Ihre Eltern dachten etwas engstirnig, Magdalena Lachner aber hatte ein turbulentes Leben hinter sich und zeigte dementsprechend auch viel Verständnis für menschliche Schwächen oder Wünsche. Obzwar sie, einmal eines der reichsten Mädchen Ostpreußens, heute in einem kleinen Haus lebte, war sie stets guter Laune. Auch war sie mit ihrer hohen schlanken Gestalt noch immer eine auffallende Erscheinung. Etwas Majestätisches ging von ihr aus. Was die einfachen Dorfleute mit Respekt erfüllte.
Anja war sehr stolz auf ihre Großmama. Auch Isabel, die Vollwaise war, fühlte sich zu Frau Lachner stark hingezogen. Sie war es auch gewesen, die ihr gesagt hatte, die dürfe die Ausbildung ihrer Stimme keine Stunde vernachlässigen.
So war zwischen der alten Frau Lachner, deren Enkelin Anna und Isabel ein reizendes Freundschaftsverhältnis entstanden, das alle drei mit stillem Glück erfüllte.
Auch heute begrüßte Isabel Magdalena Lachner voller Freude.
»Komm, Isabel, wir gehen schon hinauf«, schlug Anja vor. »Der Organist ist bereits da. Hast du Lampenfieber?«, fragte sie, als sie die geschwungene Treppe zum Chor hinaufstiegen.
»Ich glaube, ich werde mein ganzes Leben lang Lampenfieber haben. Schon früher ist mir vor jedem Auftritt immer ganz schlecht geworden.«
»Ehrlich gesagt, ich habe auch ein bisschen Lampenfieber. Aber das vergeht wieder. So, da sind wir. Herr Hechler, guten Morgen«, begrüßte sie mit ihrer frischen Stimme den jungen blondhaarigen Mann an der Orgel.
»Guten Morgen, Fräulein Anja.« Klaus Hechler erhob sich sofort. Seine Augen hinter den Brillengläsern bekamen einen fast demütigen Ausdruck, als er Anja ansah. Ganz fest schlossen sich seine Finger um ihre schmalen Hände.
Anja ahnte, was er für sie empfand, und seine Nähe machte sie deshalb auch leicht verlegen. Sie fand Klaus Hechler sehr nett, aber mehr nicht. Trotz ihrer fünfundzwanzig Jahre war sie noch nicht dem Mann begegnet, der ihr Herz hätte höherschlagen lassen.
Klaus Hechler begrüßte nun auch Isabel. Danach nahm er wieder vor der Orgel Platz. Bald erschienen auch die Buben und Mädchen des Kirchenchors.
Die Kirche füllte sich. Viele Blicke suchten die beiden ungleichen Mädchen im Chor. Für die einfachen Leute aus dem Dorf war es noch immer wie ein Wunder, dass ein ehemals so bekannter und auch beliebter Kinderstar fast jeden Sonntag die Solopartien im Kirchenchor sang. Natürlich bewunderten sie Anja Lachner nicht minder, die ebenfalls schon einige Male in der Kirche gesungen hatte.
Der Pfarrer sprach, wie stets, zu Herzen gehende Worte. Als dann der Chor zu singen begann und die beiden Mädchen einfielen, blieb kaum ein Auge trocken. Wie gebannt lauschten die Kirchenbesucher dem Gesang.
Pünktchen, die neben ihrem Dominik saß, suchte verstohlen nach seiner Hand. Mit jungenhafter Verlegenheit erwiderte er den Druck, ließ die Hand des kleinen Mädchens jedoch gleich wieder los.
Dann wurde das letzte Gebet gesprochen. Der Organist spielte noch einmal, dann begannen die Glocken zu läuten. Füßescharren war zu hören, Räuspern und Schnäuzen. Die Kirche leerte sich nach und nach.
Isabel stand noch immer mit einem wie von innen erleuchteten Antlitz an der Balustrade. Wie häufig nach einer solchen Stunde, fiel sie auch jetzt in einen traumähnlichen Zustand, aus dem sie sich nur schwer lösen konnte.
»Ich komme schon. Ich habe nur geträumt.« Isabel fuhr sich verwirrt über die Augen. »Nick möchte mit uns Maikäfer fangen. Kommst du mit, Anja?« Auf einmal war alles Schwere von ihr abgefallen.
»Heute kann ich leider nicht. Großmama und ich sind in der Kreisstadt bei Bekannten eingeladen. Viel Spaß, Isabel.«
Magdalena Lachner wartete bereits auf die beiden Mädchen. Sie machte Isabel noch ein hübsches Kompliment über ihren Gesang und sagte dann:
»Wenn du Lust hast, besuche uns doch morgen nachmittag zum Kaffee.«
»Ich komme gern. Vielen Dank.« Isabel verabschiedete sich von Frau Lachner und Anja.
Etwas später fuhr der VW-Schulbus wieder in den Gutshof ein. Die Kinder kletterten aus dem Wagen und liefen schnell in Haus, um sich umzukleiden. Denn für den sonntäglichen Gottesdienst zogen sie ihre besten Kleider an, die für einen Ausflug, wie er nun geplant war, nicht geeignet waren.
Aber nicht alle Kinder schlossen sich der »Expedition«, wie Wolfgang Rennert scherzhaft sagte, an. Einige von den Großen zogen es vor, bei diesem schönen Wetter mit Andrea von Schoenecker auf den Tennisplätzen in Schoeneich Tennis zu spielen. Andere wiederum zog es in den Park. Letzten Endes blieben nur Malu, Isabel, Pünktchen, Angelika, Vicky und außer Nick noch zwei ältere Jungen, Jürgen und Klaus, übrig, die voller Spannung am Ufer des Forellenbachs entlangliefen.
Ein lauer Wind strich über die am Ufer stehenden Weiden und drückte die Spitzen der langen Zweige auf die Wasserfläche. Hin und wieder deuteten die Kinder begeistert auf die Forellen, die wie braungoldene Schatten unter der Wasseroberfläche hin und her flitzten.
»Aber Maikäfer seh ich keine«, stellte Pünktchen enttäuscht fest.
»Es gibt bestimmt noch keine.« Malu hielt Benny am Halsband fest, als zwei Rehe aus dem Wald traten und zu ihnen herüberäugten. »Ich lege ihn vorsichtshalber an die Leine«, erklärte sie, als der Hund aufgeregt zu ziehen begann.
»Ja, Malu, tu das auf alle Fälle«, riet Dominik. Er seufzte auf. »Mit den Maikäfern sehe ich ebenfalls schwarz. Aber deshalb brauchen wir uns nicht zu ärgern. Zumindest haben wir einen tollen Spaziergang gemacht.«
»Ja, Nick. Hier am Bach ist es wunderschön.« Vicky kniete sich nieder, um Blumen zu pflücken.
Isabel und Malu setzten ihren Weg langsam fort.
Doch plötzlich blieben sie stehen und lauschten, als zarte Töne an ihr Ohr klangen.
»Was ist denn das?«, fragte Angelika, die angelaufen kam. »Ein Vogel?«
»Nein, das ist keine Vogelstimme«, meinte Isabel.
Die anderen Kinder gesellten sich zu ihnen. Malu legte den Zeigefinger an die Lippen. »Pst«, wisperte sie.
Alle verstummten.
»Da spielt jemand Geige«, meinte Nick nach einer Weile.
»Ja, natürlich, das ist eine Geige«, stimmte Isabel ihm lebhaft bei. »Aber wer spielt hier Geige?«
»Das werden wir gleich sehen.« Dominik lief schon neugierig weiter.
An dieser Stelle machte der Bach einen Bogen. Weiden standen dort, und hinter den Weiden erblickte Dominik ein ungefähr fünfzehnjähriges Mädchen, das auf einem Stein saß. Das schulterlange goldblonde Haar fiel dem Mädchen bis auf die Schultern, dessen reizendes Profil mit den noch kindlichen Rundungen sich silhouettenhaft gegen den Hintergrund abzeichnete.
Selbstvergessen strich die kleine Unbekannte mit dem Geigenbogen über die Saiten, ein Anblick, der die Kinder faszinierte. Sie trug alte Bluejeans und einen ausgebeulten hellgrauen Pullover.
Als Malu bemerkte, dass das Mädchen weinte, gab es für sie kein Halten mehr. Impulsiv ging sie zu dem fremden Mädchen hin.
Erschrocken ließ die Unbekannte die Geige sinken, als plötzlich ein Schatten über sie fiel. Sie hob den Kopf, wobei sie sich verstohlen über die Augen wischte.
Einen Augenblick sahen sich die beiden fast gleichaltrigen Mädchen verlegen an. Dann ergriff Malu das Wort. »Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte sie leise. »Hast du Kummer?«
Das Mädchen nickte. Dabei traten ihm von neuem Tränen in die Augen.
Inzwischen waren auch die anderen Kinder näher gekommen. Nick bohrte seine Hände tief in die Taschen, als er sagte: »Ich glaube, wir kennen uns schon von irgendwoher. Ja, ich habe dich schon mal gesehen.«
»Ich dich auch«, erwiderte das Mädchen. »Du bist doch Dominik von Wellentin-Schoenecker, nicht wahr?«
»Klar, der bin ich.« Dominik machte sie nun mit den anderen Kindern bekannt. »Und wer bist du?«, fragte er neugierig.
»Winny Thornau.«
»Thornau? Winny Thornau«, wiederholte Nick. »Der Name ist mir nicht bekannt. Wo wohnst du denn?«
Winny legte die Geige behutsam in den Kasten zurück. »Mein Vater und ich wohnen seit einigen Monaten auf einem Bauernhof in der Nähe von Bachenau. Mein Vater ist Komponist, aber er verdient nicht sehr viel«, bekannte sie leise. »Eigentlich im Augenblick keinen Cent«, gab sie schließlich mit einem Seufzer kleinlaut zu.
»Das ist allerdings schlimm.« Malu musterte Winny ernst. Es entging ihr nicht, wie mager das Mädchen war. Wahrscheinlich konnte Winny sich nicht einmal richtig sattessen.
Dominiks Interesse an dem Mädchen bewegte sich in einer ganz anderen Richtung. Wieder einmal machte ihm seine Neugierde zu schaffen. Künstler interessierten ihn immer. Auch hatte er bis jetzt noch keinen Komponisten persönlich kennengelernt. Außerdem bewunderte er Winny, weil sie so gut Geige spielen konnte. Darum wollte er auch mehr über die Verhältnisse der Thornaus erfahren.
Winny sehnte sich danach, jemandem ihr Herz auszuschütten. Die Kinder von Sophienlust gefielen ihr so gut, dass sie das Gefühl hatte, sie schon seit Langem zu kennen. In gewisser Weise stimmte das auch. Denn von Anfang an hatte das schlossähnliche Gebäude eine starke Anziehungskraft auf sie ausgeübt. Die Leute in dieser Gegend erzählten viel und nur Gutes von Sophienlust. Deshalb war Winny auch einige Male bis zum Hoftor gelaufen. Sie hatte fragen wollen, ob man nicht Arbeit für sie habe, damit sie ihrem Vater finanziell helfen konnte. Aber dazu hatte ihr dann doch immer der Mut gefehlt.
»Bei wem wohnt ihr denn?«, fragte Dominik.
»Bei den Hofmeisters. Aber nicht mehr lange. Vati ist ihnen die Miete schuldig. Für einen ganzen Monat. Die Bäuerin ist sehr wütend auf uns. Anfangs war sie sehr freundlich zu uns. Wir haben die Zimmer bei den Hofmeisters gemietet, weil in dem einen ein Klavier stand. Vati braucht doch ein Klavier. Doch gestern hat sie ihren Knecht und eine Magd beauftragt, das Klavier zu holen. Dabei spielt keiner von den Bauern Klavier.« Winny unterdrückte nur mühsam die Tränen, die unter ihren Lidern brannten. »Seitdem ist Vati sehr unglücklich. Er kann nicht mehr arbeiten. Dabei bin ich ganz sicher, dass er mit seinem Musical, das er komponiert, großen Erfolg haben wird.«
Nun flossen Winny doch wieder die Tränen über die Wangen.
»Ausgerechnet bei den Hofmeisters müsst ihr wohnen«, brummte Dominik. »Sie sind als die geizigsten Leute in dieser Gegend bekannt.«
»Ja, sie wollen uns ja auch an die Luft setzen. Und nun will Vati daheim zu Kreuze kriechen. Darüber bin ich am meisten traurig.«
»Zu Kreuze kriechen? Bei wem?«
»Ich kann nicht darüber sprechen«, erklärte Winny etwas abweisender, »weil Vati nicht will, dass unsere Familienverhältnisse breitgetreten werden.« Winny erhob sich. »Ich muss jetzt gehen. Vati wartet auf mich. Ich muss ihm etwas zu essen machen.«
Winny blickte die Kinder unglücklich an. Sie gab niemandem die Hand, sondern rief ihnen nur zu: »Auf Wiedersehen.« Dann lief sie davon.
Die Kinder blickten der schlanken Mädchengestalt sinnend nach. Malu kraulte ihren Hund hinter den Ohren. »Arme Winny«, sagte sie traurig. »Irgendwie müssen wir ihr doch helfen.«
»Ja, das müssen wir!«, rief auch Pünktchen.
»Na klar, wir werden den Thornaus helfen.« Dominik legte seine Stirn in Falten. »Meiner Meinung nach ist dieser Thornau ein Genie.«
»Warum glaubst du das?« Isabel musterte ihn nachdenklich.
»Warum? Weil jeder Künstler, der Armut und Hunger auf sich nimmt, um etwas Großes zu erreichen, ein wirklicher Künstler ist.«
»Wie du das sagst«, staunte Pünktchen und erstarrte wieder einmal in Bewunderung für ihren großen Freund.
»Ich muss es so sagen, weil es so ist. Und wir werden ihm und seiner Tochter helfen. Das ist klar. Aber wie? Na ja, es gibt nur einen Menschen, der hier helfen kann.«
»Tante Isi!«, riefen alle wie aus einem Mund.
»Ja, meine Mutti. Sie wird schon einen Weg finden, dem Komponisten zu helfen, ohne seinen Stolz zu verletzen. Wir müssen sofort mit ihr reden.«
»Aber wir wollten doch noch Maikäfer suchen«, schmollte Vicky.
