Ein MORDs-Team - Band 3: Eine verhängnisvolle Erfindung (All-Age Krimi) - Ute Bareiss - E-Book
Beschreibung

Randy arbeitet daran, den vier Freunden eine sichere digitale Kommunikation zu ermöglichen. Plötzlich scheint es jedoch so, als habe jemand seine Idee gestohlen. Oder ist der geheimnisvolle Graf den Freuden auf die Schliche gekommen? Gleichzeitig versuchen Mason, Olivia, Randy und Danielle dem Rätsel um Marietta King ein weiteres Fragment zu entreißen. Was geschah mit dem Baby der Schülerin, auf das die Zirkusleute hingewiesen haben? Dies ist der dritte Roman aus der Serie "Ein MORDs-Team." Die Serie "Ein MORDs-Team" startet ab August 2014 in der Greenlight Press und erscheint monatlich als E-Book. Alle zwei Monate werden zwei Geschichten gesammelt als Taschenbuch veröffentlicht. Andreas Suchanek (Heliosphere 2265, Professor Zamorra, Maddrax - Die dunkle Zukunft der Erde, PERRY RHODAN-Stardust) ist der kreative Kopf hinter den Abenteuern der vier Jugendlichen aus Barrington Cove. Als Gastautoren setzen Nicole Böhm (Band 2) und Ute Bareiss (Band 3) ein Abenteuer in Szene.

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Ein MORDs-Team

Band 3

»Eine verhängnisvolle Erfindung«

 

von Ute Bareiss

 

Barrington Cove, 1984

Rektorat der Barrington High

 

Das Sekretariat wurde nur vom Licht der Straßenlaternen und der mageren Funzel erhellt, die Marietta in der Hand hielt. Gespenstische Schatten tanzten an den Wänden. Billy wischte die vor Aufregung schweißfeuchten Hände an seiner Jeans trocken und versuchte erneut vergeblich, den Schlüssel, den Shannon hatte nachmachen lassen, im Schloss der Tür zum Rektorat zu drehen.

Verdammt! Irgendwie schien ihr ganzer Plan, die Prüfungsfragen für morgen kurz und unkompliziert abzugreifen, in die Hose zu gehen.

»Hast du eine Nagelfeile in deiner Tasche?«

Marietta reagierte nicht auf seine Frage, blickte nur gedankenverloren zur Tür, durch die Jamie und Shannon Arm in Arm verschwunden waren.

Er stupste sie an. »Hallo! Nagelfeile?« Sie feilte doch öfter im Unterricht unter dem Pult die Nägel, bestimmt hatte sie auch jetzt eine dabei.

Marietta zuckte zusammen, legte die Taschenlampe auf das Sideboard und machte sich daran, in ihrer bunten Stofftasche zu wühlen. »Glaubst du, das funktioniert?«

Billy zuckte die Schultern. »Einen Versuch ist es allemal wert. Ich denke, es wird nicht viel fehlen, dass er passt, die Kopie des Schlüssels kann ja nicht so falsch sein.«

Außerdem musste er sich irgendwie beschäftigen, während Jamie und Shannon nach dem Ersatzschlüssel suchten. Die nächtliche Stille im Schulgebäude, das Wissen um das Verbotene, das sie taten, die Schatten an den Wänden – das alles verursachte ein Grummeln in seiner Magengegend.

Auch Marietta wirkte nervös, ihre Hand zitterte, als sie ihm die Nagelfeile reichte.

Der Schlüssel wurde warm in seiner Hand. Billy wischte mit dem Daumen ein paar Metallspäne weg und hobelte mit der feinen Seite der Feile die Unebenheiten glatt.

Warum hatte Marietta den beiden so wehmütig nachgesehen?

»Macht es dir was aus, dass deine beste Freundin jetzt mit Jamie zusammen ist?« Am liebsten hätte er sich auf die Zunge gebissen – was war das denn für eine bescheuerte Frage?

Marietta kicherte fast schrill. »Wie kommst du denn darauf?«

Billy hoffte, dass die Hitze, die in seine Wangen schoss, im Halbdunkel nicht zu sehen war. Er beugte den Kopf und ließ die schulterlangen dunklen Locken über sein Gesicht fallen, während er eingehend die Schlüsselkanten prüfte. »Nur so. Du hast so geguckt.«

Marietta pustete ihren Pony aus dem Gesicht. »Quatsch. Im Gegenteil. Ich hoffe, die beiden werden glücklich.«

Billy hätte beinahe den Schlüssel fallenlassen, den er gerade wieder zur Probe ins Schloss stecken wollte. Damit hätte er nun definitiv nicht gerechnet.

Als würde sie eher mit sich selbst sprechen, fuhr sie, mit dem Blick gegen die Decke gerichtet, fort. »Jeder hat doch sein Glück verdient …« Sie brach ab und das darauffolgende Lachen klang verbittert.

»Was …« Mitten im Satz erstarrte Billy. War da ein Geräusch auf dem Flur gewesen? Geistesgegenwärtig legte er seine freie Linke auf Mariettas Mund und deutete mit dem Kopf gegen die Tür. Ihm wurde eiskalt.

»Das sind doch bestimmt Shannon und Jamie«, hauchte sie fast lautlos.

Billy schüttelte den Kopf. Die wären doch lauter, Jamie kannte keine Vorsicht. Fieberhaft schaute er sich um, sein Blick flog über den großen, penibel aufgeräumten Schreibtisch, die Sideboards, einige Aktenschränke an den Wänden, eine große Zimmerpalme. Es gab kein vernünftiges Versteck.

Wieder dieses seltsame Scharren.

»Unter den Schreibtisch«, wisperte er.

Hoffentlich würden diese verfluchten Rollen nicht quietschen, wenn er den Stuhl zurückzog. In einem Bruchteil von Sekunden, der ihm wie Stunden erschien, zog er den Stuhl unter dem Schreibtisch hervor. Millimeter um Millimeter. Das leichte Kratzen auf dem Linoleum erfüllte den kompletten Raum. Billy biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten. Endlich konnte er den Stuhl anheben und beiseitestellen.

Falls ihnen jemand auf die Schliche kommen wollte, verhielt­­ sich derjenige jedenfalls äußerst leise. Wieder nur ein Klacken, es schien von draußen zu kommen. Gerade so, als wollte ihnen jemand auflauern. Warum gab sich derjenige nicht zu erkennen, wenn er sie erwischen wollte? Das war das Unheimlichste, was Billy je in seinem Leben widerfahren war. Es schlug die Story um Längen, als ihn auf dem Friedhof um Mitternacht plötzlich eine Katze von hinten angesprungen hatte.

Billy quetschte sich zwischen Marietta und den Papierkorb unter den Schreibtisch. Sie war nicht groß, aber er musste seinen Kopf gewaltig einziehen. Plötzlich überkam ihn die Angst, sein lautes Herzklopfen könnte bis auf den Flur zu hören sein.

Was, wenn sie erwischt wurden? Würden sie alle von der Schule fliegen? Collegepläne adieu? Was war das eigentlich für eine schwachsinnige Idee gewesen, die Prüfungsfragen zu klauen?

Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Schon nach kurzer Zeit schmerzte jeder Körperteil.

Draußen blieb es ruhig.

Seine Anspannung ließ nach, dafür fing sein rechtes Bein an zu kribbeln, gleich würde es einschlafen. Marietta bewegte sich auch unruhig, ihre Brust drückte gegen sein Knie. Er musste raus hier.

Gerade als er sich daran machte, unter dem Schreibtisch hervorzukriechen, klopfte es gegen das Fenster. Billy zuckte zusammen, schlug mit dem Kopf gegen die Schreibtischplatte. Der Schlag hallte durch den Raum, während der Schmerz in seinen Schädel schoss. Marietta gab einen unterdrückten Laut von sich. Dann war es wieder still. Erst als er das Gefühl hatte zu platzen, merkte Billy, dass er die Luft angehalten hatte.

Verdammt, er ertrug das nicht mehr.

Ein Klacken gegen die Fensterscheibe jagte ihm einen Heidenschreck ein. Dann folgte ein lautes Gurren. Plötzlich wallte ein hysterisches Kichern in ihm auf. Er schlug die Hand vor den Mund. Tauben vor dem Fenster. Es waren wohl nur die Tauben, die den Lärm gemacht hatten!

Marietta schien es ebenfalls realisiert zu haben, denn auch sie prustete heraus, während sie unter dem Tisch hervorkroch. Sie konnten sich beide nicht mehr einkriegen vor Lachen, die Anspannung entlud sich in albernem Gekicher, das nicht enden wollte.

Nach einer Weile stöhnte Billy auf. »Boah, ich dachte echt, die erwischen uns.«

Marietta winkte ab. »Ach was, dann wären wir halt davongelaufen. Einfach weg. Weit, weit weg.« Ein sehnsüchtiger Ausdruck trat auf ihr Gesicht, das von den Schatten weichgezeichnet wurde. Sie bückte sich, um einen imaginären Faden von ihrer schwarzen Cordhose zu zupfen, die sie wahrscheinlich, wie alle Mädels zurzeit, selbst noch mal ein Stück enger genäht hatte; sie klebte an ihr wie eine zweite Haut.

Bevor Billy antworten konnte, fing sie an leise zu singen.

»Ooh, she's a little runaway,

Daddy's girl learned fast,

All those things he couldn't say,

Ooh, she's a little runaway …”

Das Lied von Bon Jovi, das Anfang des Jahres die Charts gestürmt hatte. Es würde Billy zukünftig immer an diesen Moment erinnern, verbunden mit dem Bild, wie Marietta mit angehobenen Armen durch den Raum tanzte und sang.

Sie stoppte und wischte sich eine Träne unter dem Auge weg. Kam das jetzt noch vom unkontrollierten Lachen? Er trat unbehaglich von einem Bein aufs andere.

Sie blickte prüfend den schwarzen Strich auf ihrer Fingerkuppe an. »Bin ich verschmiert?« Ihre Stimme klang belegt.

Vorsichtig drehte er ihr Gesicht zum Fenster und tupfte einen Punkt schwarzer Wimperntusche mit der Spitze seines kleinen Fingers unter ihrem Auge weg. Dann schüttelte er wortlos den Kopf. Sie wirkte so traurig.

Marietta blinzelte. Es wurde wieder ganz still im Raum.

Billy schluckte. Räusperte sich. Schluckte wieder. »Ich gehe trotzdem mal draußen schauen, ob alles okay ist.« Fast fluchtartig verließ er den Raum. Und nahm Mariettas Wimperntusche auf seinem Finger als letztes Lebenszeichen von ihr mit nach draußen.

 

*

 

Gegenwart, Haus der Familie Collister

Ein Montagabend

 

Randy schob seinen Laptop weg und lehnte sich in Masons Schreibtischstuhl zurück. Die Zahlen und Buchstaben auf dem Bildschirm verschwammen vor seinen Augen. Verdammt, irgendwie musste er das hinkriegen, dass der Quellcode …

Dops.

Er zuckte zusammen.

Mason und sein verdammter Basketball. Randys Blick fiel auf die Zimmerdecke. Kreisrunde Abdrücke zeichneten sich auf dem Weiß ab.

Wieder donnerte Mason seinen Basketball gegen die Decke.

Das Geräusch konnte einem wirklich jeden Nerv rauben.

»Sag mal, wolltest du nicht gerade Sozialkunde lernen?«, beschwerte er sich.

Dops.

»Bin fertig.« Achtlos feuerte Mason sein Heft in den Eastpack neben dem Bett und griff wieder nach dem Ball.

Dops.

Super! So kam er nie dazu, hier weiter zu programmieren. Resigniert klappte Randy seinen Laptop zu. Vielleicht könnte Masons Vater ihm nachher weiterhelfen. »Boah, hier riecht es so geil, was kocht denn deine Mutter? Echt der Hammer!« Er rieb sich den Bauch. Wie gut, dass sie gefragt hatte, ob er zum Essen bleiben wollte, seine Tante würde heute später nach Hause kommen – es wartete lediglich Tiefkühlkost auf ihn.

»Weiß nicht, mir auch wurst, ich hoffe nur, es ist bald fertig. Ich hab solchen Kohldampf«, knurrte Mason und zog eine Grimasse.

Dops.

Randy lachte auf. »Den Tag möchte ich mal erleben, an dem du keinen Hunger hast.«

»Ich bin ja auch Sport …« Masons Stimme erstarb.

Randy biss sich auf die Unterlippe. Sein Freund hatte sich immer noch nicht an das abrupte Ende seiner vielversprechenden Karriere als Profibasketballer gewöhnt. »Na ja, so verrückt wie du Skateboard fährst, verbrennst du wahrscheinlich auch alles wieder, zumindest sieht man deinem gestählten Astralkörper die Fresserei nicht an«, versuchte er zu witzeln.

Mason warf ihm einen dankbaren Gut-dass-du-das-Thema-wechselst-Blick zu und poste elegant. Sein Freund hasste Mitleid. Lachend warf er ihm einen Radiergummi an den Kopf.

Gerade als Mason sich auf ihn stürzte, rief Mrs. Collister zum Essen.

Mason boxte ihn auf den Arm. »Da hast du ja noch mal Glück gehabt.«

Möglichst würdevoll richtete Randy sich auf und bändigte mit der Hand das Haar.

»Hey, da brauchst du nichts mehr zu richten, die sind doch eh immer verstrubbelt«, zog Mason ihn auf.

»Idiot! Das gehört so, du hast doch keine Ahnung mit deinen sich selbst frisierenden Blondlocken«, brummte Randy.

Gemeinsam verließen sie das Zimmer.

Martha Collister drückte Randy einen Stapel Teller und Besteck in die Hand, als er an der Küche vorbeiging. »Hier, du kannst schon mal den Tisch decken.«

Randy grinste. Im letzten Jahr war das sein zweites Zuhause geworden und die Collisters behandelten ihn wie einen weiteren Sohn.

»Es riecht hervorragend, Mrs. Collister. Und ich bin sicher, es wird wie immer genauso gut schmecken.«

»Du alter Schmeichler«, sagte sie und lachte, doch man sah ihr an, dass sie sich freute. Sie strich die Schürze glatt, die sie über ihr Business-Kostüm gezogen hatte.

»Schleimer!«, erklang es aus dem Wohnzimmer.

»Sag Mason, er soll dir beim Tischdecken helfen, bevor er sich wieder nur bedienen lässt. Ich geh mich schnell umziehen, ich wollte nur erst das Essen aufsetzen, bevor Mason …«

»… zum Werwolf wird«, ergänzte Randy.

Ihr Lachen hallte durchs Treppenhaus.

»Dad, Ran ist dabei, eine neue App zu entwickeln«, erzählte Mason kauend und schaufelte sich noch eine Portion Kartoffeln auf seinen Teller, auf dem sich bereits ein Berg Kidneybohnen mit Hackfleisch in Tomatensauce auftürmte. »Mit der man sicher chatten kann, ohne dass die großen »Ms«, »Gs«, NSAs und wie sie alle heißen mitlesen.«

Jamie Collister stellte sein Weinglas ab und hob interessiert den Kopf. Das hatte natürlich den Nerv des IT'lers getroffen. »Das klingt gut. Erzähl mal, Randy.«

Verlegen wischte sich Randy mit der Serviette Sauce vom Mundwinkel und schluckte eilig. »Na ja, im Grunde haben wir doch alle heute keine Privatsphäre mehr. Für jede App müssen wir all unsere Daten auf dem Handy – für welchen Anbieter auch immer – freigeben, und die nutzen sämtliche Infos schamlos für Werbezwecke aus.« Randy merkte, wie die Empörung wieder in ihm aufstieg, doch Jamie nickte ihm aufmunternd zu. »Eigentlich gibt es solche Apps mit Verschlüsselung ja auch schon für Privatleute, dennoch ist es mir lieber, eine eigene zu haben, bei der wir sicher sein können, dass …« Er stoppte und verbiss sich ein »… uns der Graf nicht belauschen kann …« und sagte stattdessen »… man sich keinen Zwängen unterwerfen muss.«

Anerkennend hob Jamie die Augenbrauen. »Das klingt tatsächlich vielversprechend, ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass solch eine Anwendung gefragt ist, wenn man sie gut vermarktet. Der kommerzielle Nutzen, der auch ohne Datenverkauf erzielt werden kann, wurde meiner Meinung nach noch nicht erkannt.«

Randy legte seine Gabel nieder und hob abwehrend die Hand. Bei den Worten »kommerzieller Nutzen« sträubten sich schon wieder seine Nackenhaare. »Nein, ich wollte sie nur für den Privatgebrauch entwickeln …«

Jamie Collister lachte auf. »Ich kenne ja deine Einstellung, keine Sorge. Auch wenn ich sie schade finde.«

»Allerdings könnten auch …«

»Mason, mach erst den Mund leer, bevor du sprichst«, warf Martha Collister mit einem Stirnrunzeln ein.

Doch Mason schluckte nur kurz und sprach ungerührt weiter. »… noch andere davon profitieren.«

Randy stieß Mason mit dem Fuß unter dem Tisch an. Dass Mason, Olivia, Danielle und er sich mit der App bei ihrer Suche nach dem Mörder von Marietta King absprechen konnten, brauchte er Masons Dad ja nicht auf die Nase zu binden. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die App für alle zum Schutz vor dem Grafen, dem Untergrundkönig von Barrington Cove, dienen könnte, der die ganze Stadt fest im Griff hatte. Jamie Collister war ein hellwacher Geist, den brauchten sie nicht auf den Plan zu rufen. So freizügig die Collisters auch waren und so jugendlich sie sich verhielten: Wenn sie wüssten, dass sich Mason und er durch ihre Recherchen am Mord an Marietta King selbst in die Schusslinie des Grafen brachten, wäre die Kacke am Dampfen. Es hatte schon gereicht, dass Mason als Werkzeug des Grafen gegen Jamie benutzt wurde, als ihm Drogen in seinen Schulspind untergejubelt worden waren.

Doch Masons Dad schien sich aktuell mehr auf sein Spezialgebiet, die technische Seite der App, zu fixieren und sie fachsimpelten eine Weile miteinander. Randy erhielt eine ganze Reihe nützlicher Tipps von ihm über neue Quellcode-Bibliotheken, die ihm weiterhalfen.

Mason ergriff das iPad seines Vaters und vertiefte sich in die neuesten Nachrichten der NBA, der National Basketball Association. Auch wenn er sich selbst damit quälte, konnte er es anscheinend nicht lassen.

Als Randy nach dem Essen aufstand und beim Abräumen half, schob Mason murrend seinen Stuhl zurück.

»Schleimer«, zischte er Randy erneut zu.

Doch Randy nahm es ihm nicht übel, er grinste nur. »Nach der Portion schadet dir ein bisschen Bewegung nichts.«

»Mason, du kannst gleich noch die Spülmaschine einräumen, ich muss noch ein paar Telefonate führen«, rief seine Mutter beim Hinauslaufen aus der Küche. Die Leitung des Touristikbüros der Stadt ließ ihr auch keinen Feierabend.

»Danke für die Einladung zum Essen«, rief Randy ihr hinterher, doch sie winkte nur ab und lächelte.

Mason räumte mürrisch das Besteck in den Spülkorb. Vermutlich würde seine Mum später alles noch einmal umräumen müssen, weil die Hälfte falsch verstaut worden war.

Als sie fertig waren, gab Mason Randy einen Schubs in Richtung Treppe und grinste. »Lass uns hochgehen, ich hab dir die neue Linkin Park noch gar nicht vorgespielt, oder?«

Randy lachte auf. Sie hatten den Song heute schon gefühlte hundert Mal als Stream laufen lassen. »Nee, da bin ich ja schon echt gespannt drauf.«

Lachend stiegen sie die Treppe hinauf.

 

*

 

Barrington Cove Highschool

Ein Dienstagvormittag

 

Mason zog sein Smartphone aus der Hosentasche und linste auf das Display. Shit, immer noch zehn Minuten! Verging die Zeit eigentlich gar nicht? Er ließ sich wieder nach hinten sinken, streckte die Füße unter dem Pult aus und schloss für einen Moment die Augen. Diese »Miss« (auf das sie in ihrem steinzeitlichen Alter unbedingt bestand) Fuller konnte sich so an ihrem Stoff aufgeilen. Die Kathedralen-Kurzgeschichte von Raymond Carver mochte ja nicht schlecht sein, aber warum konnten sie die nicht einfach lesen und es gut sein lassen, anstatt dass die Fuller nun schon seit zwei Stunden an einem drei-oder-wie-viel-auch-immer-seitigen Ding rumlaberte? Er zuckte zusammen, als ihn etwas Spitzes in den Arm stach, und fuhr herum.

Randy legte sein Geodreieck wieder vor sich und deutete mit den Augen nach vorne.

Die Fuller stand mit verschränkten Armen da und schaute ihn grimmig an. »So, Mr. Collister, hatten Sie letzte Nacht nicht genug Schlaf?«

»Ich habe nur gerade versucht, mir vorzustellen, wie es ist, nichts sehen zu können, wie dieser …« Verdammt, wie hieß der Blinde in der Geschichte? Hatte er überhaupt einen Namen? »… ein blinder Typ, der die Kathedrale malt«, improvisierte er und lächelte sie strahlend an.

Aus den Pultreihen drang ein unterdrücktes Lachen.

»Miss« Fuller schnaubte, dann wandte sie sich wieder ihrem Buch zu und laberte etwas von Syntax. Er versuchte, seinem Gesicht einen interessierten Ausdruck zu geben, während er seine Gedanken schweifen ließ.

Endlich wurde er von der Schulglocke erlöst. Ein ohrenbetäubendes Geschrei brach los. Er trat ans Fenster, öffnete es, steckte den Kopf hinaus und ließ sich die Sonnenstrahlen aufs Gesicht scheinen. Obwohl der Autolärm hier überwog, bildete er sich ein, das Meer rauschen zu hören und die salzige Luft über den Abgasdunst hinweg zu riechen. Es dauerte einen Moment, bis Mason registrierte, dass es hinter ihm ruhiger geworden war. Er drehte den Kopf. Samsbury, der Direx, stand in der Tür! Ausgerechnet!

Unwillkürlich fing sein Herz an zu rasen. Er presste die Lippen zusammen. Verdammt! Dass dieser Sack ihn immer noch so aus der Ruhe bringen konnte! Doch dieses Mal hatte er es wohl nicht auf ihn abgesehen.

Samsbury klatschte in die Hände, dann spreizte er sie, dass sich nur noch die Fingerspitzen berührten. »Ladies and Gentlemen! Einen Augenblick Ruhe, bitte!«

Oh, wie er diese näselnde Stimme mit diesem fürchterlichen englischen Akzent hasste! Nicht umsonst hatte er den Spitznamen »Der Prinz«! Doch die nächsten Worte ließen Mason aufhorchen.

»Leider ist Mr. Johnson ausgefallen und wir konnten für die nächste Stunde so kurzfristig keinen Ersatz aufbringen, Sie haben die nächste Stunde also eine Freistunde.« Gleich hob er die Hand, um das Stimmengemurmel zu stoppen, und fuhr fort. »Was nicht bedeuten soll, dass Sie frei haben. Nehmen Sie ihre Mathematikbücher und arbeiten Sie den Stoff der letzten Stunde nochmals durch.«

Ja, klar! Und sonst fehlte dem nichts?

Wie geil war das denn? Einige konnten ihre Freudenbekundungen nicht unterdrücken.

Der Prinz hob die Hand. »Auch das Lernen im Hof ist gestattet. Aber vergessen Sie nicht: Es ist Ihnen strengstens untersagt, das Schulgelände zu verlassen!«

Is' klar!

Er würde erst mal zu »Brown's« an der Ecke gehen und sich einen Bagel holen, sein Magen knurrte schon wieder.

Als hätte der Direx die Gedanken gespürt, bohrte sich sein Blick in Masons Augen. Er konnte direkt ein Ziehen im Kopf spüren. Mühsam versuchte er, seine Verachtung und das Unwohlsein zu unterdrücken und dem Blick ungerührt standzuhalten.

Der Prinz drehte sich zur Tür und sagte im Hinauslaufen: »Und keinen Lärm! Wenn ich etwas höre, kann sich derjenige gleich heute Nachmittag im Anschluss an den Unterricht noch eine Stunde lang Gedanken machen, was er hätte anders machen sollen.«

Kaum war er draußen, brach der Jubel los.

Mason stieß Randy den Ellbogen in die Rippen. »Los, Alter, bloß raus hier!«

Randy schnappte seinen Eastpack. Klar, ohne den ging er nirgendwo hin, er musste ja seinen Laptop dauernd mit sich rumschleppen. Er schloss das Teil auch während des Sports nur sehr widerwillig in den Spind.

Sie strömten in einer dichten Traube auf den Hof. Einige verzogen sich gleich in die Raucherecke hinter dem Gebüsch, andere liefen lachend zum Basketballfeld. Mason drehte den Kopf weg. Früher wäre er mit dorthin gestürzt.

Er zog Randy am Ärmel. »Los, komm, ich brauch was zu futtern.«

Sein Freund hob die Augenbrauen. »Du willst raus?«

Mason grinste. »Klar doch.«

Randy schüttelte den Kopf. »Wenn wir nachsitzen müssen, bist du Schuld«, murrte er, doch er trabte mit ihm zum Seitenausgang, der nicht vom Fenster des Rektorats einsehbar war.

»Wir flitzen nur kurz zu ›Brown's‹, sind ja gleich wieder da.« Mason spürte ein aufregendes Kribbeln in seinen Gliedern. Irgendwie hatte er das Bedürfnis, es dem Direx zu zeigen.

Sie kamen ungesehen zum Laden an der Ecke. Zischend öffnete Mason seine Pepsi, als sie den Lebensmittelmarkt wieder verließen. Ah, eiskalt, herrlich. Wie geil war das denn, bei dem Wetter einfach so eine Stunde frei zu haben, anstatt sich im stickigen Klassenzimmer zu quälen? Genussvoll streckte er das Gesicht in die Sonne.

Doch gleich darauf blieb ihm vor Schreck der Bissen seines mit Vanillecreme gefüllten Bagels im Hals stecken, als er den dunkelblauen BMW von Pratt Thompkins entdeckte, der in diesem Moment vor dem Seitenausgang vorfuhr. Er hatte auch noch die Scheibe heruntergelassen. Was für eine Scheiße! Ausgerechnet der Drecksack! Auch Randy erstarrte, als er gerade in seine Lakritzstange beißen wollte. Dessen letzte Begegnungen mit Thompkins waren definitiv nicht gut für ihn ausgegangen – einmal hatte der Riese ihn durchs geschlossene Fenster aus dem ersten Stock geworfen, was Randy nur durch Glück überstanden hatte, und beim nächsten Mal wurde seine Nase von Pratts Kumpel zu Matsch geschlagen. Als Lakai des Grafen stand Thompkins unter dessen Schutz, da kam keiner dagegen an.

Mason schluckte und schielte zu Randy. Der war weiß wie eine Küchenrolle.