Ein Porträt des Künstlers als junger Mann - Joyce James - E-Book

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann E-Book

Joyce James

4,8
14,99 €

Beschreibung

Der beste Einstieg in die Welt des James Joyce

Mit dieser in Dublin spielenden, autobiografisch gefärbten Coming-of-Age-Geschichte schrieb sich James Joyce in die Weltliteratur ein. Thematisch steckt in diesem aufsehenerregenden Roman schon ein Großteil dessen, was den berühmten Iren ausmacht: Kunst, Sex, Religion, Rebellion und all die damit einhergehenden Verwicklungen.

Ein Junge macht sich auf die Suche nach sich selbst. Anfangs noch ganz im Bannkreis von Konventionen und Autoritäten, entdeckt er nach und nach seine geistigen Fähigkeiten, seine zwiespältige Gefühlswelt und seine Sexualität. Die Hürden seiner Selbstfindung sind vielfältig, muss er sich doch als angehender Künstler von Übervätern emanzipieren. Auch mit der puritanischen Rolle der katholischen Kirche setzt er sich auseinander. Zwischen Moral und Amoral, Anpassung und Auflehnung entwickelt er schließlich den Mut, eigene Wege zu beschreiten.

Joyce’ Roman ist ein Spiegelbild der politischen Situation seiner Epoche und ein grandioses Bekenntnis zum freiheitsstiftenden Potenzial der Kunst.

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Seitenzahl: 478

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Inhaltsverzeichnis

InschriftIIIIIIIVVAnmerkungenNachwortEditorische NotizCopyright

Et ignotas animum dimittit in artes.1

Ovid, Metamorphosen. VIII.188.

I

Es war einmal zu einer Zeit und eine sehr gute Zeit war’s da kam eine Muhkuh die Straße entlang und diese Muhkuh die da die Straße entlangkam traf ein feinches kleinches Jungchen das hieß Baby Tuckuck .....

Sein Vater erzählte ihm diese Geschichte: sein Vater kuckte ihn an durch ein Glas: er hatte ein haariges Gesicht.

Er war Baby Tuckuck. Die Muhkuh kam die Straße entlang wo Betty Byrne wohnte: sie verkaufte Zitronenbonschen.

O die wilde Rose blühtAn diesem kleinen grünen Platz.2

Er sang das Lied. Das war sein Lied.

O die güne Wose bütet.

Wenn man ins Bett macht ist’s erst warm dann wird es kalt. Seine Mutter legte das Öltuch auf. Das hatte den komischen Geruch.

Seine Mutter hatte einen feineren Geruch als sein Vater. Sie spielte auf dem Klavier den Matrosen-Hornpipe für ihn zum Tanzen. Er tanzte:

Tralala lalaTralala tralaladdiTralala lalaTralala lala.

Onkel Charles und Dante klatschten. Sie waren älter als sein Vater und seine Mutter aber Onkel Charles war älter als Dante.

Dante hatte zwei Bürsten in ihrem Schrank. Die Bürste mit maronenbraunem Samt auf der Rückseite war für Michael Davitt und die Bürste mit grünem Samt auf der Rückseite war für Parnell.3 Dante gab ihm jedes Mal ein Lakritzdragee wenn er ihr ein Stück Seidenpapier brachte.

Die Vances wohnten in Nummer sieben. Sie hatten einen anderen Vater und eine andere Mutter. Das waren Eileens Vater und Eileens Mutter. Wenn sie erwachsen waren würde er Eileen heiraten.

Er versteckte sich unter dem Tisch. Seine Mutter sagte:

– Oh, Stephen entschuldigt sich – komm raus!

Dante sagte:

– Oh, wenn nicht, kommen die Adler und hacken ihm die Augen aus.

Ihm die Augen aus,Schuldigt sich komm raus,Schuldigt sich komm raus,Ihm die Augen aus.

Schuldigt sich komm raus,Ihm die Augen aus,Ihm die Augen aus,Schuldigt sich komm raus.

Die weitläufigen Spielfelder wimmelten von Jungs. Alle brüllten, und die Präfekten trieben sie mit lauten Schreien an. Die Abendluft war blässlich und kühl, und nach jedem Angriff und Abschlag der Rugbyspieler flog die glitschige Lederkugel wie ein schwerer Vogel durch das graue Licht. Er hielt sich am Rand seiner Stufe, außer Sichtweite des Präfekten, außer Reichweite der brutalen Füße, tat hin und wieder so, als renne er. Er spürte seinen Körper klein und schwach mitten im Getümmel der Spieler, und seine Augen waren schwach und wässrig. Rody Kickham war ganz anders: er würde Kapitän der dritten Stufe4 werden, sagten alle Kameraden.

Rody Kickham war ein anständiger Kamerad, aber Nasty Roche war ein Stinksack. Rody Kickham hatte Schienbeinschoner in seiner Nummer5 und einen Esskorb im Refektorium. Nasty Roche hatte große Hände. Er nannte den Freitagspudding Hund-im-Schlafrock. Und eines Tages hatte er gefragt:

– Wie ist dein Name?

Stephen hatte geantwortet:

– Stephen Dedalus.

Dann hatte Nasty Roche gesagt:

– Was ist das denn für ein Name?

Und als Stephen zu keiner Antwort imstande gewesen war, hatte Nasty Roche gefragt:

– Was ist dein Vater?

Stephen hatte geantwortet:

– Ein Gentleman.

Dann hatte Nasty Roche gefragt:

– Ist er Friedensrichter?

Er schlich am Rande seiner Stufe von Stelle zu Stelle herum, machte hin und wieder kleine Sprints. Aber seine Hände waren bläulich vor Kälte. Er behielt seine Hände in den Seitentaschen seiner grauen Schultracht. Das hieß Tracht, was er da trug. Und Tracht war auch, jemandem eine Tracht zu verpassen. Eines Tages hatte ein Kamerad zu Cantwell gesagt:

– Ich verpass dir auf der Stelle eine Tracht.

Cantwell hatte geantwortet:

– Such dir mal einen passenderen Gegner zum Verprügeln. Verpass lieber Cecil Thunder eine Tracht. Da möcht ich dich mal sehen. Der würd dir selber mal richtig in den Arsch treten.

Das war gar kein schöner Ausdruck. Seine Mutter hatte ihn angehalten, nicht mit den ruppigen Jungs im College zu sprechen. Feine Mutter! Am ersten Tag in der Halle vom Schloss beim Verabschieden, da hatte sie, um ihn zu küssen, ihren Schleier doppelt hochgeschlagen bis zur Nase: und ihre Nase und ihre Augen waren rot. Aber er hatte so getan, als ob er nicht sehen würde, dass sie gleich weinen musste. Sie war eine feine Mutter, aber sie war nicht so fein, wenn sie weinte. Und sein Vater hatte ihm zwei Fünfshillingstücke als Taschengeld gegeben. Und sein Vater hatte ihn angehalten, ihm nach Hause zu schreiben, wenn er irgendwas brauchte, und niemals, ganz egal, was er anstellte, einen der anderen Kameraden zu verpetzen. Dann hatte an der Tür vom Schloss der Rektor seinem Vater und seiner Mutter die Hand geschüttelt, während seine Soutane im Luftzug flatterte, und der Wagen war weggefahren, sein Vater und seine Mutter obendrauf. Mit den Händen winkend, hatten sie ihm vom Wagen aus zugerufen:

– Wiedersehen, Stephen, Wiedersehen!

– Wiedersehen, Stephen, Wiedersehen!

Er geriet in den Wirbel eines Ballgerangels und bückte sich aus Angst vor den blitzenden Augen und schlammigen Stiefeln, um durch die Beine zu schauen. Die Kameraden rackerten und stöhnten, und ihre Beine rieben sich und traten und stampften. Dann bugsierten Jack Lawtons gelbe Stiefel den Ball heraus, und alle anderen Stiefel und Beine rannten hinterher. Er rannte ihnen ein kleines Stück nach und blieb dann stehen. Es war nutzlos, weiterzurennen. Bald würden sie über die Ferien heimfahren. Nach dem Abendessen im Studiersaal würde er die Nummer, die innen an seinem Pult festgeklebt war, von siebenundsiebzig in sechsundsiebzig ändern.

Besser wär’s, im Studiersaal zu sein, als da draußen in der Kälte. Der Himmel war blässlich und kühl, aber im Schloss, da gab es Lichter. Er fragte sich, aus welchem Fenster Hamilton Rowan seinen Hut in den Ha-Ha geschmissen hatte,6 und waren da zu jener Zeit wohl Blumenbeete unter den Fenstern gewesen? Eines Tages, als er ins Schloss gerufen worden war, hatte der Kellermeister ihm die Einschusslöcher von den Kugeln der Soldaten gezeigt und ihm ein Stück von dem Spritzgebäck gegeben, das die Gemeinschaft aß. Es war fein und warm, die Lichter im Schloss zu sehen. Das war wie etwas in einem Buch. Vielleicht war Leicester Abbey so ähnlich. Und da gab es feine Sätze in Doctor Cornwells Buchstabierbuch. Die waren wie Gedichte, aber es waren bloß Sätze, um zu lernen, wie man richtig buchstabierte.

Wolsey7starb in Leicester Abbey,Wo die Äbte ihn begruben.Krebs heißt ein Tier am Meeressaum,Krebs heißt ein übles Leiden.

Es wäre fein, auf dem Kaminvorleger vorm Feuer zu liegen, den Kopf auf die Hände gestützt, und an diese Sätze zu denken. Ihn schauderte, als wäre da kaltes schleimiges Wasser direkt an seiner Haut. Das war fies gewesen von Wells, ihn in den Lokusgraben zu schubsen, weil er seine kleine Schnupftabakdose nicht gegen Wells’ bewährte Hackkastanie hatte tauschen wollen, den vierzigfachen Sieger. Wie kalt und schleimig das Wasser gewesen war! Ein anderer Kamerad hatte mal eine dicke Ratte in die Kloake springen sehen. Ihn schauderte, und er hätte am liebsten geweint. Es wäre fein, zu Hause zu sein. Mutter saß mit Dante am Feuer und wartete drauf, dass Brigid den Tee reinbrachte. Sie hatte die Füße auf dem Kaminvorsetzer, und ihre Juwelenpuschen waren so heiß, und sie hatten so einen herrlichen warmen Geruch! Dante wusste viele Sachen. Sie hatte ihm beigebracht, wo die Straße von Mosambik lag und welcher der längste Fluss von Amerika war und wie der höchste Berg auf dem Mond hieß. Pater Arnall wusste mehr Sachen als Dante, weil er Priester war, aber sein Vater und Onkel Charles sagten alle beide, dass Dante eine kluge Frau war und eine belesene Frau. Und wenn Dante nach dem Essen dieses eine Geräusch machte und dann ihre Hand vor den Mund hielt: das war Sodbrennen.

Eine Stimme rief weit draußen auf dem Spielfeld:

– Alle rein!

Dann riefen andere Stimmen aus der Unterstufe und der dritten Stufe:

– Alle rein! Alle rein!

Die Spieler sammelten sich, hitzegerötet und verschlammt, und er ging mit ihnen mit, froh, wieder reinzudürfen. Rody Kickham hielt den Ball an seinem glitschigen Gummi. Ein Kamerad bat ihn, ihm noch einen zum Abschluss zu verpassen: aber er ging weiter, ohne dem Kameraden auch bloß eine Antwort zu geben. Simon Moonan sagte ihm, er solle nicht, weil der Präfekt kuckte. Der Kamerad wandte sich zu Simon Moonan um und sagte:

– Wir wissen doch alle, warum du quatschst. Du bist Mc-Glades Schmarotzer.

Schmarotzer war ein komisches Wort. Der Kamerad nannte Simon Moonan so, weil Simon Moonan immer dem Präfekten die falschen Ärmel hinter dem Rücken zusammenband und der Präfekt immer so tat, als wär er böse. Aber es hörte sich hässlich an. Einmal hatte er sich in der Toilette im Wicklow Hotel die Hände gewaschen, und sein Vater zog anschließend den Stöpsel an der Kette raus, und das schmutzige Wasser lief durch das Loch im Waschbecken ab. Und als es dann langsam ganz abgelaufen war, hatte das Loch im Waschbecken ein Geräusch gemacht, das so klang: schmarotz. Bloß lauter.

Von der Erinnerung daran und dem weißen Aussehen der Toilette wurde ihm kalt und dann heiß. Da waren zwei Hähne, an denen man drehte, und dann kam Wasser raus: heiß und kalt. Ihm war kalt und dann ein bisschen heiß: und er konnte die Namen sehen, die auf den Hähnen aufgeprägt standen. Das war etwas sehr Seltsames.

Und die Luft im Korridor machte ihn auch fröstelig. Die war seltsam und feucht. Aber bald würde das Gas angemacht werden, und beim Brennen machte es ein schwaches Geräusch wie ein kleines Lied. Immer dasselbe: und wenn die Kameraden im Spielsaal zu reden aufhörten, konnte man’s hören.

Es war die Rechenstunde. Pater Arnall schrieb eine schwere Rechenaufgabe an die Tafel, und dann sagte er:

– Nun denn, wer gewinnt? Auf ins Gefecht, York! Auf ins Gefecht, Lancaster!8

Stephen mühte sich redlich, aber die Aufgabe war zu schwer, und er fühlte sich konfus. Das kleine Seidenabzeichen mit der weißen Rose drauf, das ihm auf Brusthöhe an der Jacke steckte, fing zu flattern an. Er war nicht gut im Rechnen, aber er mühte sich redlich, damit York nicht verlor. Pater Arnalls Gesicht sah ganz finster aus, aber er war nicht bei übler Laune: er lachte. Dann schnippte Jack Lawton mit den Fingern, und Pater Arnall kuckte in sein Heft und sagte:

– Richtig. Bravo Lancaster! Die rote Rose siegt. Los doch, York! An die Front!

Jack Lawton schaute von seiner Seite aus herüber. Das kleine Seidenabzeichen mit der roten Rose darauf sah sehr üppig aus, weil er ein blaues Matrosenhemd anhatte. Stephen fühlte, dass auch sein eigenes Gesicht rot war, als er an all die Wetten dachte, wer Erster im Elementarunterricht würde, Jack Lawton oder er. In manchen Wochen kriegte Jack Lawton die Karte für den Ersten, und in manchen Wochen kriegte er die Karte für den Ersten. Sein weißes Seidenabzeichen flatterte und flatterte, als er an der nächsten Rechenaufgabe arbeitete und Pater Arnalls Stimme hörte. Dann legte sich sein Eifer vollständig, und er fühlte, dass sein Gesicht ganz kalt war. Er dachte, sein Gesicht müsse weiß sein, weil es sich so kalt anfühlte. Er konnte die Lösung der Aufgabe nicht rauskriegen, aber das machte gar nichts. Weiße Rosen und rote Rosen: das waren schöne Farben, um dran zu denken. Und die Karten für den ersten Platz und den zweiten Platz und den dritten Platz waren auch schöne Farben: rosa und cremefarben und lavendel. Lavendelfarbene und cremefarbene und rosa Rosen waren schön, um dran zu denken. Vielleicht war eine wilde Rose wie diese Farben: und er erinnerte sich an das Lied mit den wilden Rosenblüten an dem kleinen grünen Platz. Aber eine grüne Rose kriegte man nirgendwo. Aber vielleicht doch irgendwo auf der Welt.

Die Glocke läutete, und dann begannen die Klassen, in Reih und Glied aus den Räumen und durch die Korridore in Richtung Refektorium zu gehen. Er saß da und besah sich die beiden Butterkleckse auf seinem Teller, konnte aber das klamme Brot nicht essen. Das Tischtuch war klamm und schlaff. Aber er trank von dem heißen dünnen Tee, den der unbeholfene Küchenjunge, der eine weiße Schürze umgebunden hatte, ihm in die Tasse goss. Er fragte sich, ob die Schürze des Küchenjungen auch klamm war und ob alle weißen Sachen kalt und klamm waren. Nasty Roche und Saurin tranken Kakao, den ihre Leute ihnen in Dosen schickten. Sie sagten, sie könnten den Tee nicht trinken; der sei Jauche. Ihre Väter waren Friedensrichter, sagten die Kameraden.

Die Jungs kamen ihm allesamt sehr seltsam vor. Sie hatten alle Väter und Mütter und verschiedene Kleider und Stimmen. Er sehnte sich danach, zu Hause zu sein und seinen Kopf der Mutter in den Schoß zu legen. Aber das konnte er nicht: und drum sehnte er sich danach, dass Spiele und Unterricht und Gebete vorbei wären und er im Bett läge.

Er trank noch eine Tasse heißen Tee, und Fleming sagte:

– Was is’ denn los? Hast du Schmerzen, oder was is’ mit dir los?

– Weiß nicht, sagte Stephen.

– Dir ist flau im Futterwams, sagte Fleming, weil dein Gesicht weiß aussieht. Geht schon vorüber.

– O ja, sagte Stephen.

Aber da war ihm nicht flau. Er dachte, ihm wär flau im Herzen, wenn einem an der Stelle überhaupt flau sein konnte. Das war ziemlich anständig von Fleming, sich zu erkundigen. Er hätte am liebsten losgeheult. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch und schloss und öffnete die Läppchen an den Ohren. Dann hörte er jedes Mal, wenn er die Läppchen an den Ohren öffnete, die Geräusche des Refektoriums. Dabei entstand ein Gebrause wie von einem Zug in der Nacht. Und wenn er die Läppchen verschloss, dann war das Gebrause schlagartig weg wie bei einem Zug, der in einen Tunnel fährt. Damals nachts in Dalkey hatte der Zug so ein Gebrause gemacht, und dann, als er in den Tunnel fuhr, hatte das Gebrause aufgehört. Er schloss die Augen, und der Zug fuhr weiter, brauste dahin und hörte auf: brauste wieder, hörte auf. Es war eine feine Sache, ihn brausen und aufhören zu hören und dann wieder aus dem Tunnel gebraust kommen und dann wieder aufhören.

Dann ging es los, dass die Kameraden aus der Oberstufe die Läufer in der Mitte des Refektoriums entlang kamen, Paddy Rath und Jimmy Magee und der Spanier, dem es erlaubt war, Zigarren zu rauchen, und der kleine Portugiese, der die Wollmütze trug. Und dann die Tische aus der Unterstufe und die Tische aus der dritten Stufe. Und jeder einzelne Kamerad hatte eine andere Art zu gehen.

Er saß in der Ecke des Spielsaals, tat so, als würde er bei einer Partie Domino zuschauen, und ein- oder zweimal konnte er einen Augenblick lang das kleine Lied des Gases hören. Der Präfekt war mit einigen Jungs an der Tür, und Simon Moonan verknotete ihm die falschen Ärmel. Er erzählte ihnen was über Tullabeg.9

Dann ging er von der Tür weg, und Wells kam zu Stephen rüber und sagte:

– Erzähl uns doch mal, Dedalus, küsst du deine Mutter jeden Abend, bevor du zu Bett gehst?

Stephen antwortete:

– Ja, mach ich.

Wells wandte sich an die anderen Kameraden und sagte:

– O lasst euch sagen, hier haben wir einen Kamerad, der sagt, er küsst seine Mutter jeden Abend, bevor er zu Bett geht.

Die anderen Kameraden unterbrachen ihre Partie und drehten sich lachend um. Stephen errötete unter ihren Blicken und sagte:

– Nein, mach ich nicht.

Wells sagte:

– O lasst euch sagen, hier haben wir einen Kamerad, der sagt, er küsst seine Mutter nicht, bevor er zu Bett geht.

Alle lachten sie erneut. Stephen versuchte, mit ihnen zu lachen. Augenblicklich spürte er seinen ganzen Körper heiß und konfus werden. Wie lautete die richtige Antwort auf die Frage? Er hatte zwei gegeben, und Wells lachte immer noch. Aber Wells musste doch die richtige Antwort kennen, schließlich war er schon in Grammatik Dritte. Er versuchte, an die Mutter von Wells zu denken, aber er traute sich nicht, seinen Blick zu heben und Wells ins Gesicht zu schauen. Er mochte das Gesicht von Wells nicht. Wells war derjenige, der ihn am Tag zuvor in den Lokusgraben geschubst hatte, weil er seine kleine Schnupftabakdose nicht gegen Wells’ bewährte Hackkastanie hatte tauschen wollen, den vierzigfachen Sieger. Das war fies, so was zu tun; das sagten die Kameraden alle. Und wie kalt und schleimig das Wasser gewesen war! Und ein anderer Kamerad hatte mal eine dicke Ratte in die Kloake springen sehen.

Der kalte Schleim aus dem Graben überzog seinen ganzen Körper; und als die Glocke zum Unterricht läutete und die Stufen in Reih und Glied aus den Spielsälen marschierten, spürte er die kalte Luft von Korridor und Treppe inwärts in seinen Kleidern. Er versuchte immer noch, drauf zu kommen, wie die richtige Antwort lautete. War es richtig, seine Mutter zu küssen, oder falsch, seine Mutter zu küssen? Was bedeutete das, zu küssen? Man kam mit dem Gesicht hoch, so, um Gute Nacht zu sagen, und dann kam seine Mutter mit ihrem Gesicht runter. Das war küssen. Seine Mutter drückte ihre Lippen an seine Wange; ihre Lippen waren weich, und sie machten ihm die Wange feucht; und sie machten ein winziges kleines Geräusch: küss. Warum machten Leute solche Sachen mit ihren zwei Gesichtern?

Während er im Studiersaal saß, öffnete er den Deckel seines Pults und änderte die Nummer, die innen daran festgeklebt war, von siebenundsiebzig in sechsundsiebzig. Aber die Weihnachtsferien waren noch sehr fern: aber eines Tages würden sie kommen, weil die Erde sich immer drehte.

Da war ein Bild von der Erde auf der ersten Seite seines Geografiebuchs: ein großer Ball inmitten von Wolken. Fleming hatte einen Kasten mit Buntstiften, und eines Abends in der Freibeschäftigung hatte er die Erde grün angemalt und die Wolken maronenbraun. Das glich den beiden Bürsten in Dantes Schrank, die Bürste mit grünem Samt auf der Rückseite für Parnell und die Bürste mit maronenbraunem Samt auf der Rückseite für Michael Davitt. Aber er hatte Fleming nicht gesagt, er solle sie in diesen Farben anmalen. Fleming hatte das von sich aus so gemacht.

Er schlug das Geografiebuch auf, um die Lektion durchzunehmen; aber er konnte die Namen von Orten in Amerika einfach nicht behalten. Jedenfalls waren das alles unterschiedliche Orte, die diese unterschiedlichen Namen trugen. Sie waren alle in verschiedenen Ländern, und die Länder waren in Kontinenten, und die Kontinente waren in der Welt, und die Welt war im Universum.

Er blätterte zurück zum Vorsatzblatt des Geografiebuchs und las, was er da draufgeschrieben hatte: sich selber, seinen Namen und wo er war.

Stephen DedalusElementarklasseClongowes Wood CollegeSallinsCounty KildareIrlandEuropaDie WeltDas Universum

Das stand da in seiner Handschrift geschrieben: und Fleming hatte eines Abends aus Jux auf die Seite gegenüber geschrieben:

Stephen Dedalus heiße ich,Irland heißt mein Heimatland.Clongowes ist mein Wohnsitz hier,Der Himmel wird mein Ruhestand.

Er las die Verse rückwärts, aber dann ergaben sie kein Gedicht. Dann las er das Vorsatzblatt von unten nach oben, bis er zu seinem eigenen Namen kam. Das war er: und er las die Seite wieder nach unten. Was kam nach dem Universum? Nichts. Aber war da irgendetwas um das Universum rum, um anzuzeigen, wo es aufhörte, bevor der Nichtsort anfing? Es konnte keine Mauer sein, aber es könnte da eine dünne Linie um alles drum herum geben. Es war gewaltig groß, so über alles und überall nachzudenken. Nur Gott konnte das. Er versuchte, drüber nachzudenken, was für ein gewaltig großer Gedanke das sein musste, aber er konnte nur an Gott denken. Gott war Gottes Name, ganz so, wie sein Name Stephen war. Dieu war französisch für Gott, und das war ebenfalls Gottes Name; und wenn irgendwer zu Gott betete und Dieu sagte, dann wusste Gott sofort, dass es ein französischer Mensch war, der betete. Aber obwohl es verschiedene Namen für Gott in all den verschiedenen Sprachen der Welt gab und Gott verstand, was all die Leute, die da beteten, in ihren verschiedenen Sprachen sagten, blieb Gott doch immer derselbe Gott und war Gottes wirklicher Name Gott.

Es ermüdete ihn sehr, so nachzudenken. Ihn überkam davon das Gefühl, sein Kopf werde gewaltig groß. Er schlug das Vorsatzblatt um und blickte erschöpft auf die grüne runde Erde mitten in den maronenbraunen Wolken. Er fragte sich, was wohl richtig sein mochte, für das Grün zu sein oder für das Maronenbraun zu sein, weil Dante eines Tages mit der Schere die grüne Samtrückseite von der Bürste gerissen hatte, die für Parnell war, und ihm gesagt hatte, Parnell sei ein schlechter Mensch. Er fragte sich, ob sie zu Hause wohl darüber stritten. Das nannte man Politik. Dabei gab es zwei Seiten: Dante war auf der einen Seite und sein Vater und Mr Casey waren auf der anderen Seite, aber seine Mutter und Onkel Charles waren auf keiner Seite. Jeden Tag stand etwas in der Zeitung darüber.

Es schmerzte ihn, dass er nicht genau wusste, was Politik bedeutete, und dass er nicht wusste, wo das Universum aufhörte. Er fühlte sich klein und schwach. Wann würde er so sein in Poesie und Rhetorik wie die Kameraden? Die hatten gewaltige Stimmen und gewaltige Stiefel, und sie lernten Trigonometrie. Das lag in sehr weiter Ferne. Erst kamen die Ferien und dann das nächste Trimester und dann wieder Ferien und dann wieder ein weiteres Trimester und dann wieder Ferien. Es war wie ein Zug, der in Tunnels rein- und wieder rausfuhr, und das war wie die Geräusche der essenden Jungs im Refektorium, wenn man die Läppchen an den Ohren öffnete und wieder schloss. Trimester, Ferien; Tunnel, raus; Geräusch, aufhören. In wie weiter Ferne das lag! Es war besser, zu Bett zu gehen, um zu schlafen. Bloß noch Gebete in der Kapelle und dann ab ins Bett. Er erschauderte und gähnte. Es würde herrlich sein im Bett, nachdem die Laken einigermaßen warm geworden waren. Zuerst waren sie so kalt beim Reinkriechen. Ihn schauderte, als er dran dachte, wie kalt sie zuerst waren. Aber dann wurden sie warm, und dann konnte er schlafen. Es war herrlich, müde zu sein. Er gähnte wieder. Nachtgebete und dann Bett: er erschauderte und wollte gähnen. In ein paar Minuten würde es herrlich sein. Er spürte ein wohliges Glühen von den kalten schaudernden Laken hochkriechen, wärmer und wärmer, bis er sich überall warm anfühlte, so ungemein warm; so ungemein warm, und doch erschauderte er ein bisschen und wollte immer noch gähnen.

Die Glocke läutete zu den Abendgebeten, und er lief in Reih und Glied hinter den anderen her aus dem Studiersaal und die Treppe runter und durch die Korridore zur Kapelle. Die Korridore waren schwach erleuchtet, und die Kapelle war schwach erleuchtet. Sehr bald würde alles dunkel sein und schlafen. Es war kalte Nachtluft in der Kapelle, und der Marmor hatte die Farbe, die das Meer bei Nacht hatte. Das Meer war bei Tag und bei Nacht kalt: aber bei Nacht war es kälter. Es war kalt und dunkel unter dem Meeresdeich neben dem Haus seines Vaters. Aber der Kessel würde auf der Herdplatte stehen für den Punsch.

Der Präfekt der Kapelle betete über seinem Kopf, und sein Gedächtnis wusste die Antworten:

Herr, öffne Du meine Lippen,So wird mein Mund Dein Lob verkünden.Gott, komm mir zu Hilfe!Herr, eile, mir zu helfen!

Es war ein kalter Nachtgeruch in der Kapelle. Aber es war ein heiliger Geruch. Es war nicht wie der Geruch der alten Bauern, die bei der Sonntagsmesse hinten in der Kapelle knieten. Das war ein Geruch von Luft und Regen und Torf und Cord. Aber das waren sehr heilige Bauern. Sie atmeten ihm von hinten in den Nacken und seufzten, während sie beteten. Sie wohnten in Clane, sagte einer der Kameraden: da waren so kleine Hütten, und er hatte eine Frau in der Halbtür einer Hütte stehen sehen mit einem Kind in den Armen, als die Wagen von Sallins vorbeigekommen waren. Es wäre herrlich, mal eine Nacht in jener Hütte vor dem Feuer aus rauchendem Torf zu schlafen, in der vom Feuer erleuchteten Dunkelheit, in der warmen Dunkelheit, und den Geruch der Bauern einzuatmen, Luft und Regen und Torf und Cord. Aber oh, die Straße dorthin zwischen den Bäumen war dunkel! Man würde sich verirren in der Dunkelheit. Es machte ihm Angst, nur dran zu denken, wie das war.

Er hörte die Stimme des Präfekten der Kapelle das letzte Gebet sprechen. Er betete es auch gegen die Dunkelheit draußen unter den Bäumen.

Suche heim, wir bitten Dich, o Herr, dieses Haus und halte fern von ihm alle Nachstellungen des bösen Feindes. Deine heiligen Engel mögen in ihm wohnen und uns in Frieden behüten und Dein Segen sei über uns immerdar durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Seine Finger zitterten, als er sich im Dormitorium auszog. Er wies seine Finger an, sich zu beeilen. Er musste sich ausziehen und dann niederknien und seine eigenen Gebete sprechen und im Bett sein, bevor das Gas runtergedreht wurde, damit er nicht womöglich, wenn er starb, in die Hölle musste. Er streifte sich die Strümpfe ab und zog hastig sein Nachthemd an und kniete sich zitternd neben sein Bett und wiederholte seine Gebete hastig vor Angst, das Gas könne ausgehen. Er spürte seine Schultern zittern, während er murmelte:

Gott segne und behüte mir meinen Vater und meine Mutter!

Gott segne und behüte mir meine kleinen Brüder und Schwestern!

Gott segne und behüte mir Dante und Onkel Charles!

Er bekreuzigte sich und kletterte hastig ins Bett und rollte sich, nachdem er sich das Ende des Nachthemds unter die Füße geschlagen hatte, unter den kalten weißen Laken zusammen, zitternd und bebend. Aber er würde, wenn er starb, nicht in die Hölle müssen; und das Zittern würde aufhören. Eine Stimme gebot den Jungs im Dormitorium Gutnacht. Er linste einen Moment lang über die Bettdecke und sah die gelben Vorhänge ringsherum und vorn vor seinem Bett, die ihn nach allen Seiten abschirmten. Das Licht wurde still runtergedreht.

Die Schuhe des Präfekten gingen davon. Wohin? Die Treppe runter und die Korridore entlang oder zu seiner Kammer an dessen Ende? Er sah die Dunkelheit. Stimmte das mit dem schwarzen Hund, der nachts da herumging mit Augen, so groß wie Kutschenlampen? Sie sagten, das sei der Geist eines Mörders. Ein langer Schauer von Furcht ergoss sich über seinen Körper. Er sah die dunkle Eingangshalle des Schlosses. Alte Diener in alter Kluft waren im Bügelzimmer über der Treppe. Das war lange her. Die alten Diener waren still. Es war da ein Feuer, aber die Halle war immer noch dunkel. Eine Gestalt kam die Treppe von der Halle herauf. Er trug den weißen Umhang eines Marschalls; sein Gesicht war blass und seltsam; er hielt die Hand in die Seite gestemmt. Er schaute die alten Diener aus seltsamen Augen an. Sie sahen ihn an und erkannten Gesicht und Umhang ihres Herrn und wussten, dass er seine Todeswunde davongetragen hatte. Doch nur die Dunkelheit war da, wohin sie sahen: nur dunkle schweigende Luft. Ihr Herr hatte seine Todeswunde auf dem Schlachtfeld von Prag weit in der Fremde jenseits des Meeres davongetragen. Er stand auf dem Feld; seine Hand hielt er in die Seite gestemmt; sein Gesicht war blass und seltsam, und er trug den weißen Umhang eines Marschalls.

O wie kalt und seltsam es war, daran zu denken! Die ganze Dunkelheit war kalt und seltsam. Es waren da blasse Gesichter, große Augen wie Kutschlampen. Es waren die Geister von Mördern, die Gestalten von Marschällen, die ihre Sterbewunden auf Schlachtfeldern weit in der Fremde jenseits des Meeres davongetragen hatten. Was versuchten sie nur zu sagen, dass ihre Gesichter so seltsam waren?

Suche heim, wir bitten Dich, o Herr, dieses Haus und halte fern von ihm alle ....

Nach Hause fahren über die Ferien! Das wäre herrlich: so hatten die Kameraden ihm gesagt. Die Wagen besteigen am frühen winterlichen Morgen draußen vor dem Tor des Schlosses. Die Wagen rollten auf dem Kies. Dreifach Hoch dem Rektor!

Hurra! Hurra! Hurra!

Die Wagen fuhren an der Kapelle vorbei, und alle Mützen wurden gelüpft. Sie fuhren fröhlich die Landstraßen entlang. Die Kutscher zeigten mit ihren Peitschen Richtung Bodenstown. Die Kameraden brachen in Hochrufe aus. Sie kamen am Gehöft des Jolly Farmer vorbei. Hochruf um Hochruf um Hochruf. Die Bauersfrauen standen in den Halbtüren, die Männer standen hier und da. Der herrliche Geruch, der da in der winterlichen Luft lag: der Geruch von Clane: Regen und winterliche Luft und schwelender Torf und Cord.

Die Bahn war voller Kameraden: ein langer langer Schokoladenzug mit Cremeverblendungen. Die Schaffner gingen hin und her, öffneten und schlossen und verriegelten und entriegelten die Türen. Das waren Männer in Dunkelblau und Silber; sie hatten silberne Trillerpfeifen, und ihre Schlüssel machten eine muntere Musik: klick, klick: klick, klick.

Und der Zug flitzte übers flache Land weiter und am Hill of Allen vorbei. Die Telegrafenmasten sausten vorüber, vorüber. Der Zug fuhr weiter und weiter. Der wusste Bescheid. Es waren bunte Laternen im Flur von seines Vaters Haus und Gebinde aus grünen Zweigen. Es waren Stechpalme und Efeu rings um den Wandspiegel und Stechpalme und Efeu, grün und rot, um die Kronleuchter gewunden. Es waren rote Stechpalme und grüner Efeu rings um die alten Porträts an den Wänden. Stechpalme und Efeu für ihn und für Weihnachten.

Herrlich ... ...

All die Leute. Willkommen zu Hause, Stephen! Willkommensgeräusche. Seine Mutter küsste ihn. War das richtig? Sein Vater war jetzt Marschall: stand höher als ein Friedensrichter. Willkommen zu Hause, Stephen!

Geräusche .....

Da war ein Geräusch von Vorhangringen, die an den Stangen zurücksausten, von Wasser, das in die Becken platschte. Da war ein Geräusch des Aufstehens und Anziehens und Waschens im Dormitorium: ein Geräusch des Händeklatschens, als der Präfekt auf und ab marschierte und den Kameraden sagte, sie sollten sich ranhalten. Ein blässliches Sonnenlicht zeigte die zurückgezogenen gelben Vorhänge, die zerwühlten Betten. Sein Bett war sehr heiß, und sein Gesicht und sein Körper waren sehr heiß.

Er stand auf und setzte sich auf die Kante seines Betts. Er war geschwächt. Er versuchte, sich den Strumpf anzuziehen. Der fühlte sich grässlich grob an. Das Sonnenlicht war komisch und kalt.

Fleming sagte:

– Geht’s dir nicht gut?

Er wusste es nicht; und Fleming sagte:

– Geh ins Bett zurück. Ich erzähl McGlade, dass es dir nicht gut geht.

– Er ist krank!

– Wer denn?

– Erzähl’s McGlade.

– Geh ins Bett zurück.

– Ist er krank?

Ein Kamerad hielt seine Arme, während er den Strumpf lockerte, der an seinem Fuß festsaß, und wieder in das heiße Bett kletterte.

Er krümmte sich zwischen den Laken zusammen, froh über ihr laues Glühen. Er hörte die Kameraden untereinander über ihn reden, während sie sich für die Messe anzogen. Das war fies gewesen, ihn in den Lokusgraben zu schubsen, sagten sie.

Dann verstummten ihre Stimmen; sie waren gegangen. Eine Stimme an seinem Bett sagte:

– Dedalus, verpetz uns nicht – tust du doch nicht, oder?

Das Gesicht von Wells war da. Er blickte es an und sah, dass Wells Angst hatte.

– Ich wollte das nicht. Tust du doch nicht, oder?

Sein Vater hatte ihm gesagt, ganz egal, was er anstellte, nie sollte er einen der anderen Kameraden verpetzen. Er schüttelte den Kopf und antwortete Nein und fühlte sich froh. Wells sagte:

– Ich wollte das nicht, großes Ehrenwort. Das war bloß so aus Jux. Tut mir echt leid.

Das Gesicht und die Stimme verschwanden. Tat ihm leid, weil er Angst hatte. Angst, dass es eine üble Krankheit war. Krebs hieß ein Tier am Meeressaum, und Krebs hieß ein übles Leiden: oder noch was anderes. Das war schon eine ganze Zeit her, damals da draußen auf dem Spielfeld im Abendlicht, als er am Rande seiner Stufe von Stelle zu Stelle schlich, ein schwerer Vogel tief durch das graue Licht flog. Leicester Abbey, hell erleuchtet. Wolsey starb da. Die Äbte selbst begruben ihn.

Es war nicht das Gesicht von Wells, es war das des Präfekten. Er markierte nicht. Nein, nein: er war wirklich krank. Er markierte nicht. Und er spürte die Hand des Präfekten auf seiner Stirn; und er spürte seine Stirn warm und klamm unter der kalten klammen Hand des Präfekten. Das war, wie Ratten sich anfühlten, schleimig und klamm und kalt. Jede Ratte hatte zwei Augen zum Rausgucken. Geschmeidige schleimige Felle, kleine kleine Füße sprungbereit eingezogen, schwarze glänzende Augen zum Rausgucken. Die wussten, wie man sprang. Aber die Hirne von Ratten konnten keine Trigonometrie verstehen. Wenn sie tot waren, lagen sie auf der Seite. Ihre Felle trockneten dann. Sie waren dann bloß tote Dinger.

Der Präfekt war wieder da, und es war seine Stimme, die sagte, dass er aufstehen musste, dass Pater Kanzler gesagt hatte, dass er aufstehen und sich anziehen und zum Infirmarium gehen musste. Und während er sich, so flink er konnte, anzog, sagte der Präfekt:

– Wir müssen abzischen zu Bruder Michael, weil wir den Blubberbauch haben. Üble Sache, den Blubberbauch zu haben! Was wir doch blubbern, wenn wir den Blubberbauch haben!

Das war sehr anständig, dass er so was sagte. Das alles bloß, um ihn zum Lachen zu bringen. Aber er konnte nicht lachen, weil seine Wangen und Lippen ganz fröstelig zitterten: und so musste der Präfekt ganz alleine lachen.

Der Präfekt schrie:

– Marschtritt! Heufuß! Strohfuß!10

Sie gingen zusammen die Treppe runter und durch den Korridor und am Bad vorüber. Als er an der Tür vorbeikam, erinnerte er sich mit einem vagen Gefühl von Furcht an das warme torffarbene Moorwasser, die warme feuchte Luft, die Geräusche von Bauchklatschern, den Geruch der Handtücher, wie Medizin.

Bruder Michael stand an der Tür zum Infirmarium, und aus der Tür des dunklen Schränkchens zu seiner Rechten kam ein Geruch wie Medizin. Das kam von den Flaschen auf den Regalen. Der Präfekt sagte etwas zu Bruder Michael, und Bruder Michael antwortete und nannte den Präfekt Sir. Er hatte rötliches Haar, gemischt mit grau, und sah komisch aus. Es war komisch, dass er immer ein Bruder sein würde. Es war ebenfalls komisch, dass man ihn nicht Sir nennen konnte, weil er ein Bruder war und ein andersartiges Aussehen hatte. War er nicht heilig genug, oder warum konnte er mit den anderen nicht mithalten?

Es waren zwei Betten im Raum, und in einem Bett lag ein Kamerad: und als sie reingingen, rief der:

– Hallo! Der junge Dedalus! Was’n los?

– Was nicht fest ist, sagte Bruder Michael.

Er war ein Kamerad aus Grammatik Dritte, und während Stephen sich auszog, bat er Bruder Michael, ihm ein Butterbrot zu bringen.

– Ach bitte doch!, sagte er.

– Alles in Butter!, sagte Bruder Michael. Du kriegst deinen Entlassungsschein morgen früh, wenn der Doktor kommt.

– Echt?, sagte der Kamerad. Bin doch noch gar nicht auf’m Damm.

Bruder Michael wiederholte:

– Du kriegst deinen Entlassungsschein, wenn ich’s dir doch sag.

Er bückte sich, um das Feuer zu schüren. Er hatte einen langen Rücken, wie der lange Rücken eines Straßenbahnpferdes. Er fuchtelte mit dem Schürhaken bedeutungsschwer herum und nickte dem Kameraden aus Grammatik Dritte zu.

Dann ging Bruder Michael weg, und nach einer Weile drehte sich der Kamerad aus Grammatik Dritte zur Wand und schlief ein.

Das war das Infirmarium. Er war also krank. Hatten sie nach Hause geschrieben, um es seiner Mutter und seinem Vater mitzuteilen? Aber es wär schneller, einer von den Priestern ginge selbst los, um es ihnen zu sagen. Oder er schriebe einen Brief, den der Priester überbringen könnte.

Liebe Mutter

Ich bin krank. Ich will nach Hause. Bitte komm und hol mich nach Hause. Ich bin im Infirmarium.

Dein liebevoller Sohn Stephen

Wie weit entfernt sie waren! Es war kaltes Sonnenlicht draußen vor dem Fenster. Er fragte sich, ob er sterben würde. Man konnte auch an einem sonnigen Tag sterben. Er könnte sterben, bevor seine Mutter kam. Dann würde er eine Totenmesse in der Kapelle kriegen, genau so, wie die Jungen ihm gesagt hatten, dass es gewesen war, als Little starb. Alle Kameraden würden bei der Messe sein, schwarz angezogen, alle mit traurigen Gesichtern. Auch Wells würde da sein, aber keiner der anderen Kameraden würde ihn eines Blickes würdigen. Der Rektor würde da sein, in einem schwarzen und goldenen Chormantel, und es würden hohe gelbe Kerzen auf dem Altar und um den Katafalk herum stehen. Und sie würden den Sarg langsam aus der Kapelle tragen, und er würde in dem kleinen Friedhof der Gemeinschaft in der Nähe der lindengesäumten Hauptallee begraben werden. Und Wells würde dann leidtun, was er getan hatte. Und die Glocke würde langsam läuten.

Er konnte das Läuten hören. Er sagte sich das Lied vor, das Brigid ihm beigebracht hatte.

Dingdong! Das Schlossgeläut!Leb wohl, o Mutter mein!Begrabe mich im alten KirchhofBeim großen Bruder mein.Mein Sarg ist schwarz wie Raben,Sechs Engel werd’ ich haben,Zwei beten und zwei singen im Chor,Zwei tragen die Seele zum Himmel empor.

Wie wunderschön und traurig das war! Wie wunderschön die Worte waren, wo es hieß Begrabe mich im alten Kirchhof! Ein Beben wallte über seinen Körper hinweg. Wie traurig und wie wunderschön! Er wollte leise weinen, doch nicht um seinetwegen: der Worte wegen, so wunderschön und traurig, wie Musik. Die Glocke! Die Glocke! Leb wohl! O leb wohl!

Das kalte Sonnenlicht war schwächer geworden, und Bruder Michael stand mit einer Schale Kraftbrühe an seinem Bett. Er freute sich darüber, denn sein Mund war heiß und trocken. Er konnte sie auf den Spielfeldern spielen hören. Es war nach der Mittagszeit. Und der Tag ging im College ganz genauso weiter, als wäre er dabei.

Dann ging Bruder Michael davon, und der Kamerad aus Grammatik Dritte sagte ihm, er solle unbedingt wiederkommen und ihm alle Nachrichten aus der Zeitung berichten. Er erzählte Stephen, sein Name sei Athy und sein Vater halte massig viele Rennpferde, die supertolle Springer waren, und sein Vater gebe Bruder Michael immer, wenn der das wolle, einen sicheren Tipp, weil Bruder Michael sehr anständig sei und ihm immer die Nachrichten aus der Zeitung berichtete, die sie jeden Tag oben im Schloss kriegten. Es standen alle möglichen Arten von Nachrichten in der Zeitung: Unfälle, Schiffbrüche, Sport und Politik.

– Im Moment geht’s in der Zeitung andauernd um Politik, sagte er. Sprechen deine Leute da auch drüber?

– Ja, sagte Stephen.

– Meine auch, sagte er.

Dann überlegte er einen Augenblick und sagte:

– Du hast ’nen komischen Namen, Dedalus, und ich hab auch einen komischen Namen, Athy. Mein Name ist der Name von ’ner Stadt. Dein Name ist wie Latein.

Dann fragte er:

– Kannst du gut Rätsel raten?

Stephen antwortete:

– Nicht besonders gut.

Dann sagte er:

– Kannst du das hier beantworten? Warum ist die Grafschaft Kildare wie das Hosenbein von einem der Kameraden seinen Kniebundhosen?

Stephen überlegte, wie die Antwort lauten mochte, und sagte dann:

– Ich geb auf.

– Weil da ein Schenkel drinsteckt, a thigh, sagte er. Kapierste den Witz? Athy ist die Stadt in der Grafschaft Kildare, und a thigh ist der andere Schenkel.11

– O verstehe, sagte Stephen.

– Das ist ein altes Rätsel, sagte er.

Einen Augenblick später sagte er:

– Pass auf!

– Was denn?, fragte Stephen.

– Weißt du, sagte er, wie man das Rätsel auch andersrum stellen kann?

– Du etwa?, sagte Stephen.

– Dasselbe Rätsel, sagte er. Weißt du, wie man’s andersrum stellen kann?

– Nein, sagte Stephen.

– Kommst du nicht drauf, wie’s andersrum geht?, sagte er.

Er sah Stephen über die Bettdecke hinweg an, während er redete. Dann lehnte er sich auf das Kissen zurück und sagte:

– Man kann’s andersrum machen, aber ich erzähl dir nicht, wie das geht.

Warum erzählte er es nicht? Sein Vater, der die Rennpferde hielt, musste wohl auch ein Friedensrichter sein wie Saurins Vater und Nasty Roches Vater. Er dachte an seinen eigenen Vater, dachte daran, dass der Lieder sang, während seine Mutter dazu spielte, und dass er ihm immer einen Shilling gab, wenn er ihn um Sixpence bat,12 und er tat ihm leid, weil er kein Friedensrichter war wie die Väter der anderen Jungs. Warum hatte man ihn denn dann mit ihnen an diesen Ort geschickt? Aber sein Vater hatte ihm erzählt, er würde da kein Fremdling sein, weil sein Großonkel dort fünfzig Jahre zuvor eine Grußadresse an den Befreier13 gerichtet hatte. Die Leute jener Zeit konnte man an ihrem altertümlichen Aufputz erkennen. Ihm schien das eine ehrwürdige Zeit: und er fragte sich, ob das die Zeit gewesen sein mochte, da die Kameraden in Clongowes blaue Mäntel mit Messingknöpfen trugen und gelbe Westen und Mützen aus Kaninchenfell und Bier tranken wie erwachsene Leute und sich eigene Windhunde hielten, um die Hasen damit zu jagen.

Er blickte zum Fenster und sah, dass das Tageslicht schwächer geworden war. Es würde ein wolkiges graues Licht über den Spielfeldern sein. Es war kein Lärm auf den Spielfeldern. Die Klasse musste wohl einen Aufsatz schreiben, oder vielleicht las Pater Arnall eine Heiligenlegende aus dem Buch vor.

Es war komisch, dass sie ihm überhaupt keine Medizin gegeben hatten. Vielleicht würde Bruder Michael welche mitbringen, wenn er wiederkam. Es hieß, man bekomme widerliches Zeugs zu trinken, wenn man im Infirmarium war. Aber er fühlte sich jetzt besser als vorher. Es wäre fein, wenn die Besserung langsam vor sich ginge. Da könnte man vielleicht ein Buch kriegen. Es gab ein Buch über Holland in der Bibliothek. In dem gab es prächtige ausländische Namen und Abbildungen von seltsam aussehenden Städten und Schiffen. Davon wurde einem ganz glücklich zumute.

Wie blässlich das Licht am Fenster doch war! Aber das war fein. Das Feuer hob und senkte sich an der Wand. Das war wie Wellen. Irgendwer hatte Kohlen nachgelegt, und er hörte Stimmen. Sie sprachen. Es war das Geräusch von Wellen. Oder die Wellen unterhielten sich miteinander, während sie sich hoben und senkten.

Er sah das Meer von Wellen, lange dunkle Wellen, die sich hoben und senkten, dunkel unter der mondlosen Nacht. Ein winzig kleines Licht funkelte am Molenkopf, wo das Schiff einfuhr: und er sah eine Riesenschar von Menschen am Rand der Wasser versammelt, um das Schiff zu sehen, das in ihren Hafen einlief. Ein großer Mann stand an Deck, hielt Ausschau in Richtung des flachen dunklen Landes: und in dem Licht am Molenkopf sah er sein Gesicht, das kummervolle Gesicht von Bruder Michael.

Er sah ihn seine Hand den Menschen entgegenrecken und hörte ihn in einer lauten Kummerstimme über die Wasser hinweg sagen:

– Er ist tot. Wir haben ihn auf dem Katafalk liegen sehen.

Ein Wehklagen des Kummers erhob sich von den Menschen.

– Parnell! Parnell! Er ist tot!

Sie sanken auf die Knie, stöhnten vor Kummer.

Und er sah Dante in maronenbraunem Samtkleid und einem grünen Samtumhang, der ihr von den Schultern wallte, stolz und schweigend an den Menschen, die am Rande der Wasser knieten, vorüberschreiten.

Ein großes Feuer, hoch aufgeschichtet und rot, flammte im Kaminrost, und unter den efeuumrankten Armen des Kronleuchters war der Weihnachtstisch gedeckt. Sie waren ein wenig verspätet nach Hause gekommen, und dennoch war das Essen noch nicht fertig: aber in null Komma nichts würde es fertig sein, hatte seine Mutter gesagt. Sie warteten drauf, dass die Tür aufging und die Dienstmädchen reinkamen, die riesigen, mit ihren schweren Metalldeckeln abgedeckten Platten in Händen.

Alle warteten sie: Onkel Charles, der abseits im Schatten des Fensters saß, Dante und Mr Casey, die in den Sesseln beiderseits des Feuers saßen, Stephen auf einem Stuhl zwischen ihnen, die Füße auf der Flauschfußbank. Mr Dedalus betrachtete sich im Wandspiegel über dem Kaminsims, zwirbelte seine Schnurrbartspitzen und stellte sich dann, die Rockschöße teilend, mit dem Rücken zum glühenden Feuer: und immer noch nahm er von Zeit zu Zeit eine Hand vom Rockschoß, um sich eine der Schnurrbartspitzen zu zwirbeln. Mr Casey legte den Kopf auf die Seite, und lächelnd tätschelte er mit den Fingern die Lymphdrüse in seinem Nacken. Und Stephen lächelte ebenfalls, denn jetzt wusste er, dass es nicht wahr war, dass Mr Casey eine Silberbörse in der Kehle hatte. Er lächelte, während er dran dachte, wie das silbrige Geräusch, dass Mr Casey zu machen pflegte, ihn getäuscht hatte. Und als er versucht hatte, Mr Caseys Hand aufzukriegen, um nachzuschauen, ob die Silberbörse da versteckt war, hatte er gesehen, dass die Finger sich nicht strecken ließen: und Mr Casey hatte ihm erzählt, diese drei verkrüppelten Finger habe er davon bekommen, dass er der Königin Victoria ein Geburtstagsgeschenk gemacht hatte.14

Mr Casey tätschelte seine Halsdrüse und lächelte Stephen mit schläfrigen Augen an: und Mr Dedalus sagte zu ihm:

– Ja. Nun denn, schon recht. Oh, wir sind hübsch spazieren gegangen, nicht wahr, John? Ja ... ... Ich frag mich bloß, wie die Chancen stehen, dass wir heute Abend noch was zu essen kriegen. Ja ..... Oh, nun denn, jedenfalls haben wir eine gute Mütze voll Ozon gekriegt ums Kap15 rum heute. Tja, fürwahr.

Er wandte sich Dante zu und sagte:

– Sie haben überhaupt keinen Schritt raus getan, Mrs Riordan?

Dante runzelte die Stirn und sagte knapp:

– Nein.

Mr Dedalus ließ die Rockschöße fahren und ging zum Büfett rüber. Er holte einen großen steinernen Krug Whisky aus dem Schrankfach hervor und füllte langsam die Karaffe, wobei er sich hin und wieder runterbeugte, um zu schauen, wie viel er reingegossen hatte. Nachdem er dann den Krug in den Schrank zurückgestellt hatte, goss er ein bisschen von dem Whisky in zwei Gläser, gab etwas Wasser zu und kam damit zum Kamin zurück.

– Ein Fingerhut voll, John, sagte er. Bloß, um bei dir den Appetit anzuregen.

Mr Casey nahm das Glas, trank und stellte es neben sich auf den Kaminsims. Dann sagte er:

– Also, ich kann mir nicht helfen, dabei fällt mir unser Freund Christopher ein, wie er ....

Er brach in einen Anfall von Lachen und Husten aus und fuhr fort:

– ... wie er diesen Champagner da für diese Kerle fabrizierte.

Mr Dedalus lachte laut.

– Dieser Christy, nicht?, sagte er. In einer einzigen von den Warzen auf seinem Glatzkopf steckt mehr abgefeimte Raffinesse als in ’nem ganzen Rudel Fuchsrüden.

Er legte den Kopf schief, schloss die Augen, und indem er sich heftig die Lippen leckte, begann er mit der Stimme des Hotelbesitzers zu sprechen.

– Und der hat so ein Schlabbermaul, wenn der mit dir reden tut, weißte. Der ist ganz feucht und wässrig um die Wamme, Gott behüt ihn.

Mr Casey kämpfte sich immer noch durch einen Anfall von Gehuste und Lachen. Stephen, der durch Gesicht und Stimme seines Vaters hindurch den Hotelbesitzer sehen und hören konnte, lachte.

Mr Dedalus setzte sein Augenglas auf, starrte zu ihm runter und sagte dann still und freundlich:

– Worüber lachst du da, du kleiner Schnösel, du?

Die Dienstmädchen kamen herein und stellten die Platten auf dem Tisch ab. Mrs Dedalus kam hinterdrein, und die Plätze wurden zugewiesen.

– Bitte Platz zu nehmen, sagte sie.

Mr Dedalus ging zum Kopfende des Tisches und sagte:

– Also, Mrs Riordan, bitte Platz zu nehmen. John, bitte Platz zu nehmen, mein Wackerer.

Er schaute sich um, sah, wo Onkel Charles saß, und sagte:

– Nun denn, Sir, hier ist ein Kumpel, der auf dich wartet.

Als sich alle gesetzt hatten, legte er seine Hand auf den Deckel und sagte dann rasch, während er sie wieder wegzog:

– Jetzt, Stephen.

Stephen erhob sich an seinem Platz, um das Tischgebet zu sprechen:

Segne, o Herr, uns und diese Deine Gaben, die wir von Deiner Güte empfangen werden durch Christus, unsern Herrn. Amen.

Alle bekreuzigten sich, und mit einem Seufzer der Beglückung hob Mr Dedalus den schweren, um den Rand herum mit glitzernden perligen Tropfen besetzten Deckel von der Platte.

Stephen schaute sich den prallen Puter an, der geschnürt und aufgespießt auf dem Küchentisch gelegen hatte. Er wusste, dass sein Vater bei Dunn’s aus der D’Olier Street eine Guinee dafür bezahlt hatte und dass der Mann ihm mehrfach aufs Brustbein gestupst hatte, um zu zeigen, wie gut er war: und er erinnerte sich an die Stimme des Mannes, als er gesagt hatte:

– Nehmen Sie den da, Sir. Der ist tipptopp.

Warum nannte Mr Barrett in Clongowes seinen Zuchtriemen einen Puter? Der war kein bisschen wie ein Puter. Aber Clongowes war weit weg: und der warme schwere Geruch von Puter und Schinken und Sellerie stieg von den Tellern und Platten auf, und das große Feuer war hoch aufgeschichtet und rot im Kaminrost, und vom grünen Efeu und von der roten Stechpalme wurde einem so glücklich zumute, und wenn das Festmahl zu Ende war, würde der große Plumpudding hereingetragen werden, gespickt mit geschälten Mandeln und Zweiglein von der Stechpalme, mit einem bläulichen Feuer, das drum herum lief, und einer kleinen grünen Flagge, die vom Gipfel wehte.

Es war sein erstes Weihnachtsmahl, und er dachte an seine kleinen Brüder und Schwestern, die im Kinderzimmer warteten, wie auch er oft gewartet hatte, bis der Pudding kam. Von dem tiefen flachen Kragen und dem Eton-Jackett wurde ihm ganz komisch und ältlich zumute: und an diesem Morgen, als seine Mutter ihn in die Stube runtergeführt hatte, angezogen für die Messe, hatte sein Vater geweint. Und zwar, weil er an seinen eigenen Vater dachte. Und Onkel Charles hatte das auch gesagt.

Mr Dedalus deckte die Platte zu und fing an, begierig zu essen. Dann sagte er:

– Der arme alte Christy; ist schon ganz schief gewachsen von seinem Hang zu Schurkenstücken.

– Simon, sagte Mrs Dedalus, du hast Mrs Riordan gar nicht von der Sauce gegeben.

Mr Dedalus griff nach der Sauciere.

– Hab ich nicht!, rief er. Mrs Riordan, haben Sie Erbarmen mit den armen Blinden.

Dante bedeckte ihren Teller mit den Händen und sagte:

– Nein danke.

Mr Dedalus wandte sich Onkel Charles zu.

– Wie liegst du auf Kurs, Sir?

– Korrekt wie die Post, Simon.

– Du, John?

– Bestens versorgt. Greif nur selbst zu.

– Mary? Hier, Stephen, hier ist was, dass dir die Haare zu Berge stehen.

Er goss reichlich Sauce über Stephens Teller und setzte die Sauciere wieder auf dem Tisch ab. Dann fragte er Onkel Charles, ob es auch zart sei. Onkel Charles konnte nichts sagen, weil er den Mund voll hatte, aber er nickte, dass ja.

– Das war eine prima Antwort, die unser Freund dem Kanonikus gegeben hat. Was?, sagte Mr Dedalus.

– Ich wusste gar nicht, dass der zu so was imstande ist, sagte Mr Casey.

– Ich werd Ihnen das Ihrige schon zahlen, Pater, wenn Sie aufhören, aus dem Hause Gottes eine Wahlkabine zu machen.

– Eine feine Antwort an einen Priester, sagte Dante, für einen jeglichen Mann, welcher sich Katholik nennt.

– Da haben sie schon selber schuld, sagte Mr Dedalus verbindlich. Wenn sie den Rat eines Narren annehmen würden, würden sie sich drauf beschränken, ihre Aufmerksamkeit der Religion zu widmen.

– Das ist Religion, sagte Dante. Sie tun ihre Pflicht, indem sie das Volk warnen.

– Wir suchen das Haus Gottes auf, sagte Mr Casey, um in aller Demut zu unserem Schöpfer zu beten, und nicht, um Wahlreden zu hören.

– Das ist Religion, sagte Dante wiederum. Sie haben recht. Sie müssen ihre Herden lenken.

– Und Politik vom Altar herab predigen, so sieht’s aus?, fragte Mr Dedalus.

– Gewiss doch, sagte Dante. Es ist eine Frage der öffentlichen Moral. Ein Priester wäre kein Priester, wenn er seiner Herde nicht sagen würde, was richtig ist und was falsch ist.

Mrs Dedalus legte Messer und Gabel hin und sagte:

– Um Himmels willen aber auch, nun lasst uns doch wenigstens an diesem Tag des Jahres keine politischen Streitereien führen.

– Ganz recht, Ma’am, sagte Onkel Charles. Also, Simon, es reicht jetzt wirklich. Kein Wort mehr dazu.

– Ja, ja, sagte Mr Dedalus hastig.

Er nahm beherzt den Deckel von der Platte und sagte:

– Nun denn, wer will noch Puter?

Niemand antwortete. Dante sagte:

– Feine Ausdrucksweise für einen Katholiken, so zu reden!

– Mrs Riordan, ich flehe Sie an, sagte Mrs Dedalus, lassen Sie von dem Thema ab.

Dante wandte sich ihr zu und sagte:

– Und ich soll hier sitzen und mir anhören, wie die Seelsorger meiner Kirche verunglimpft werden?

– Niemand sagt ein Wort gegen sie, sagte Mr Dedalus, solange sie sich nicht in die Politik einmischen.

– Die Bischöfe und Priester Irlands haben gesprochen, sagte Dante, und ihnen ist Gehorsam zu leisten.

– Sollen sie sich aus der Politik raushalten, sagte Mr Casey, ansonsten bleiben die Leute womöglich aus der Kirche raus.

– Hören Sie?, sagte Dante, indem sie sich Mrs Dedalus zuwandte.

– Mr Casey! Simon!, sagte Mrs Dedalus. Jetzt aber Schluss damit.

– Übel! Übel!, sagte Onkel Charles.

– Was?, rief Mr Dedalus. Sollten wir ihn auf Geheiß der Engländer im Stich lassen?

– Er war nicht mehr würdig, zu führen, sagte Dante. Er war ein öffentlicher Sünder.

– Wir sind alle Sünder, elende Sünder, sagte Mr Casey kalt.

– Wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt!, sagte Mrs Riordan. Es wäre ihm besser, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, denn dass er dieser Kleinen einen ärgert.16 Dies ist die Sprache des Heiligen Geistes.

– Und eine ganz schön ordinäre Sprache, wenn Sie mich fragen, sagte Mr Dedalus kühl.

– Simon! Simon!, sagte Onkel Charles. Der Junge.

– Ja, ja, sagte Mr Dedalus. Ich meinte wegen der .... Ich dachte an die ordinäre Sprache dieses Gepäckträgers da. Nun denn, ist schon gut. Hier, Stephen, lass mal deinen Teller sehen, alter Kumpel. Nun iss mal ordentlich was. Hier.

Er häufte Essen auf Stephens Teller und tat Onkel Charles und Mr Casey große Stücke Puter und reichlich Sauce auf. Mrs Dedalus aß kaum etwas, und Dante saß mit den Händen im Schoß da. Sie war rot im Gesicht. Mr Dedalus pulte mit dem Tranchiermesser am Ende der Platte herum und sagte:

– Hier hätten wir noch einen Leckerbissen, das, was wir das Pfaffenstück nennen. Falls einer von den Damen oder Herren .....

Er hielt ein Stück Geflügel am Zinken der Tranchiergabel in die Höhe. Niemand sagte etwas. Er legte es sich auf den eigenen Teller und sagte:

– Na, dass mir hinterher jedenfalls keiner sagt, ich hätte ihn nicht gefragt. Ich denk, ich sollte es wohl besser selber essen, wo ich doch neuerdings nicht so richtig auf dem Damm bin.

Er zwinkerte Stephen zu und begann, nachdem er die Platte wieder abgedeckt hatte, von Neuem zu essen.

Es herrschte Schweigen, während er aß. Dann sagte er:

– Nun denn, das Wetter hat jedenfalls über den Tag gut gehalten. Unten waren auch eine Menge Fremde zugange.

Niemand sprach. Er sagte wiederum:

– Ich meine, es wären mehr Fremde da gewesen als letzte Weihnachten.

Er schaute reihum die anderen an, deren Gesichter starr auf die Teller gerichtet waren, und als keine Antwort kam, wartete er erst einen Augenblick und sagte dann bitter:

– Na, mein Weihnachtsessen hat man mir jedenfalls gründlich vergällt.

– Es kann weder Glück noch Gnade geben, sagte Dante, in einem Hause, wo es keinen Respekt vor den Seelsorgern der Kirche gibt.

Mr Dedalus schmiss Messer und Gabel geräuschvoll auf seinen Teller.

– Respekt!, sagte er. Etwa vor Billy mit der dicken Lippe oder vor der Fettsackwurst in Armagh oben?17 Respekt?

– Fürsten der Kirche, sagte Mr Casey langsam in höhnischer Verachtung.

– Kutscher von Lord Leitrim,18 ja, sagte Mr Dedalus.

– Sie sind Gesalbte des Herrn, sagte Dante. Sie sind ihrem Lande eine Ehre.

– Eine Fettsackwurst, sagte Mr Dedalus barsch. Ein hübsches Gesicht hat er, wohl wahr, wenn er ruht. Den Knaben muss man einfach gesehen haben, wie er am kalten Wintertag seinen Kohl mit Speck schmatzt. Du liebes bisschen!

Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse tierischster Roheit und machte ein Schmatzgeräusch mit seinen Lippen.

– Also wirklich, Simon, sagte Mrs Dedalus, so solltest du nicht vor Stephen reden. Das ist nicht richtig.

– Oh, er wird sich an das alles erinnern, wenn er erwachsen wird, sagte Dante erhitzt, die Sprache, die er in seinem eigenen Heime gegen Gott und Religion und die Priester hat anhören müssen.

– Und erinnern soll er sich auch, sagte Mr Casey quer über den Tisch hinüber zu ihr, an die Sprache, mit der die Priester und die Büttel der Priester Parnell das Herz gebrochen und ihn ins Grab gehetzt haben. Erinnern soll er sich auch daran, wenn er erwachsen wird.

– Hurensöhne!, rief Mr Dedalus. Als er am Boden lag, haben sie sich gegen ihn gewandt, um ihn zu verraten und zu zerreißen wie Ratten in der Gosse. Hundsfotte! Und so sehen sie auch aus! Bei Jesus, sie sehen auch so aus!

– Sie haben das einzig Richtige getan, rief Dante. Sie haben ihren Bischöfen und ihren Priestern gehorcht. Ehre sei ihnen!

– Also, es ist doch absolut scheußlich festzustellen, sagte Mrs Dedalus, dass wir nicht mal einen einzigen Tag im Jahr von diesen scheußlichen Auseinandersetzungen verschont bleiben können!

Onkel Charles erhob begütigend die Hände und sagte:

– Nun kommt, nun kommt, nun kommt! Können wir nicht alle unsere Ansichten haben, ganz gleich, wie die aussehen mögen, ohne diese ordinäre Anwandlung und diese ordinäre Sprache? Es ist einfach nur ordinär.

Mrs Dedalus sprach leise mit Dante, aber Dante sagte laut:

– Ich werde nicht schweigen. Ich werde meine Kirche und meine Religion verteidigen, wenn sie beleidigt und bespuckt werden von abtrünnigen Katholiken.

Mr Casey schob seinen Teller unsanft in die Mitte des Tisches und sagte, die Ellbogen vor sich aufgestützt, mit schroffer Stimme zu seinem Gastgeber:

– Sag mal, hab ich dir eigentlich schon mal diese Geschichte über einen höchst berühmten Spuckvorfall erzählt?

– Hast du nicht, John, sagte Mr Dedalus.

– Also denn, sagte Mr Casey, es ist eine überaus lehrreiche Geschichte. Sie ereignete sich unlängst in der Grafschaft Wicklow, in welcher wir uns nunmehr befinden.

Er brach ab und sagte, indem er sich Dante zuwandte, mit stiller Empörung:

– Und darf ich Ihnen wohl sagen, Ma’am, dass ich, falls Sie mich gemeint haben, kein abtrünniger Katholik bin. Ich bin Katholik, wie mein Vater einer war und sein Vater davor und dessen Vater wiederum davor, dieweil wir unser Leben aufs Spiel setzten, statt unsern Glauben zu verkaufen.

– Umso schändlicher von Ihnen, sagte Dante, nun solche Reden zu schwingen.

– Die Geschichte, John, sagte Mr Dedalus lächelnd. Lass uns jedenfalls die Geschichte hören.

– Katholik fürwahr!, wiederholte Dante ironisch. Der schwärzeste Protestant im ganzen Land würde nicht solche Reden schwingen, wie ich sie heute Abend mit angehört habe.

Mr Dedalus fing an, seinen Kopf hin- und herzuwiegen, und summte dazu wie ein Dorfsänger.

– Ich bin kein Protestant, um’s Ihnen noch mal zu sagen, sagte Mr Casey errötend.

Mr Dedalus, der immer noch summte und den Kopf wiegte, fing an, in grunzend nasalem Ton zu singen:

O kommt all herbei, ihr Katholiken,Die nie zur Mess’ gegangen.19

Er griff wieder gut gelaunt zu Messer und Gabel und machte sich ans Essen, wobei er zu Mr Casey sagte: