Ein schlechter Geschmack in ihrem Mund - Ruth Shala - E-Book

Ein schlechter Geschmack in ihrem Mund E-Book

Ruth Shala

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Beschreibung

Der Messie Ernst Haberkorn liegt tot inmitten seiner Schätze, erschlagen mit einem Stück aus seiner Sammlung, einem Gurkenglas voller Centmünzen. Beatrix Hellinger, Chefinspektorin mit unkonventionellem Karrierekonzept, ermittelt in diesem spannenden Krimi voller skurriler Figuren aus dem Wiener Alltag.

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Seitenzahl: 131

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Ruth Shala

Ein schlechter Geschmack in ihrem Mund

Wien-Krimi

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Das Schicksal hatte Ernst Haberkorn im Vorzimmer ereilt. In einem anderen Zimmer seiner überfüllten Wohnung wäre das auch kaum möglich gewesen.

Die aufgebrochene Wohnungstür öffnete sich zu diesem großen dämmrigen Vorraum in Haberkorns Altbauwohnung. Die Jalousien waren in der ganzen Wohnung halb heruntergelassen, sodass es diesig wirkte, obwohl es doch gerade erst Mittag gewesen war. Haberkorn lag auf dem Rücken, gestreckt über unterschiedlich hohe Stapel alter Zeitschriften, Knäuel zerknüllter Wäschestücke und zwei verstaubte Kleinregale. Seine fülligen Wangen mit den roten Flecken bildeten ob der schiefen Lage eine breite Hügellandschaft, seine Augen schauten erschreckt zur Decke. Von oben betrachtet, ließ sich kaum ein Grund für seine Unbeweglichkeit erkennen; die tiefe Kopfwunde, die ihn von den Lebenden zu den Toten befördert hatte, versank in den Haufen undefinierbarer Gegenstände, die unter ihm lagerten. Auffällig waren dagegen die Münzen. Hunderte Centstücke lagen verstreut über seinen Körper und alles rundherum, und dazwischen glitzerten Scherben. Den Beamten blieb einen Moment der Mund offen vor Überraschung. Erst dann kam der große Mordalarm.

Für diese Sache war Beatrix Hellinger zuständig. Eine Stunde später betrat sie die Wohnung.

Beatrix war vor Jahren die erste Frau im Landeskriminalamt Wien gewesen. Wie sie es dorthin geschafft hatte, wusste niemand so ganz genau. Sie ging jetzt auf die fünfzig zu, war mittelgroß, hatte inzwischen fast völlig graue, halblange Haare und wirkte irgendwie unscheinbar. An ihrer Garderobe hätte sich keine Frau der Welt ein Beispiel nehmen wollen. Beatrix hatte vor langer Zeit, damals, als sie den uniformierten Dienst hinter sich gelassen hatte und in die Laufbahn der Kriminalbeamtin eingetreten war, eine Entscheidung getroffen, was ihre Kleidung betraf. Sie kam damals zu dem Schluss, dass sie nur zwei Möglichkeiten für ihren Stil hatte, wenn sie als Frau mit Karriereplänen Erfolg haben wollte: Entweder hätte sie eine perfekte Garderobe mit täglichem Haarspray- und Makeup-Einsatz wählen müssen. Oder sie hatte die Möglichkeit, sich absichtlich auf eine nachlässige Erscheinung zurückzuziehen. Da sie den hohen Arbeitsaufwand der ersten Variante scheute, hatte sie sich also für die zweite Möglichkeit entschieden. Sie besaß eine sorgfältig ausgewählte Kollektion an wenig kleidsamen Stücken, die sich nur mangelhaft miteinander kombinieren ließen und die sie im Abstand weniger Tage wiederkehrend anzog. Es kam vor, dass sie eines dieser Teile, wenn es sich als besonders tragbar zeigte, gleich in zwei oder drei Exemplaren kaufte, denn dann ließ es sich vermeiden, die wenigen Stücke pausenlos waschen zu müssen. An guten Tagen wirkte sie wie eine nette ältere Dame, die mit der Mindestsicherung durchkam, an schlechten Tagen hatte man ihr schon auf der Straße Geldspenden angetragen. Beatrix ließ das kalt. Ihr Stil hatte seit langer Zeit Wirkung gezeigt, denn die Menschen pflegten sie zu unterschätzen. Es gelang ihr bisweilen sogar, geradezu unsichtbar zu werden. Vor drei Jahren hatte sie eine der heißbegehrten Stellen in der Mordkommission ergattert, und sie war sehr zufrieden.

Als Beatrix die Wohnung betrat, war es erstaunlich ruhig, einen Moment schien es, als wäre sie allein mit dem Toten, der doch gerade von allen Seiten untersucht werden sollte. Nachdem sie die Wohnungstür geschlossen hatte, hörte sie aber gedämpfte Stimmen. Sie kamen aus einem der hinteren Zimmer der geräumigen Wohnung, die zugehörigen Personen waren durch all den Müll und die Tausenden Schätze des Ernst Haberkorn verdeckt. Vorsichtig schlängelte Beatrix sich an den Stapeln vorbei und strebte, einige unumgehbare Hindernisse übersteigend, dem hinteren Raum zu. Sie fand zwei Kriminaltechniker aus dem Amt, die stöhnend dabei waren, sämtliche Ecken des überfüllten Raumes zu fotografieren.

„Hey!“, sagte Beatrix kurz.

„Hast du schon einmal so eine Sauerei gesehen?“ sagte Hantl, der Cheftechniker, ohne ihren Gruß zu erwidern. „Können sich die Leute nicht an Orten umbringen lassen, die wir auch irgendwie aufarbeiten können?“

„Ja, jammer du nur. So viele Überstunden hättest du sonst in Jahren nicht ergattern können. Haben wir eine Waffe?“

„Such dir was aus von den dreihundertsechsundzwanzig Sachen, die allein im Vorzimmer zur Verfügung stehen. Aber ich tippe doch auf ein Gurkenglas. Hast du die Scherben gesehen?“

Beatrix bahnte sich vorsichtig den Weg zurück ins Vorzimmer und sah sich um. Sie erkannte schnell, was Hantl meinte: Hinter den Haufen achtlos gestapelter Sachen waren an einigen Wänden des Vorzimmers offene Regale erkennbar. Auf den Regalbrettern standen Gläser, tatsächlich. Gurken waren darin aber nicht, die Gläser waren allesamt mit Münzen gefüllt. Es war schwer abzuschätzen, ob hier auch tatsächlich irgendwelche nennenswerten Beträge zusammenkommen würden, denn es gab ausschließlich kleine Münzen. Die meisten Gläser schienen Cent- und Groschenstücke zu enthalten, einige konnte Beatrix nicht direkt zuordnen, das waren offensichtlich Münzen aus anderen Währungen. Neben dem Fuß der Leiche fand sich ein Blechdeckel mit der Aufschrift „Pusztasalat“. Das zugehörige Glas fehlte, war aber wohl die Quelle all der glitzernden Scherben, die den Tatort erfüllten.

„Das kann ja heiter werden“, sagte Beatrix mehr zu sich selbst und begann zu arbeiten.

2

Gegen Abend kam Beatrix endlich ins Büro. Es hatte sie viel Zeit gekostet, die Szenerie am Tatort einigermaßen zu erfassen, denn es war nicht einfach, in dem Gewirr an Hunderten Gegenständen, Hausrat, Gurkengläsern, Müll und Papierstapeln das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Schließlich war es ihr gelungen, am Kühlschrank eingeklemmt zwischen Bohnendosen, Büchern, einigen alten Fernbedienungen und unter einem Kamm ein Handy zu finden, das der Tote wahrscheinlich verwendet hatte. Die Kriminaltechniker waren über das Gerät gegangen und hatten ihr nach der Sicherung allfälliger Spuren erlaubt, es zur Auswertung mitzunehmen. Es war ein älteres Modell und musste nicht mit einem Code oder Muster geöffnet werden. Vorsichtig drückte Beatrix so lange herum, bis sie das Anrufsprotokoll fand. Es war jeweils nur der letzte Anruf jedes Kontaktes mit Datum und Uhrzeit gespeichert, aber die Häufigkeit der Telefonkontakte konnte später über den Handyanbieter erhoben werden. Der letzte Anruf war von diesem Handy ausgegangen und wendete sich an eine österreichische Mobilnetznummer, die mit dem Namen „Iwona“ abgespeichert war. Dann fand sich noch ein weiterer Frauenname, Ilse, es gab einen eingehenden Anruf, der eine Woche zurücklag. Vor vier Tagen hatte ein Jürgen Spitek angerufen, zwei Wochen zurück lag ein Anruf an „Hausverwaltung“. Beatrix notierte alle Nummern aus den letzten vier Wochen. Es war eine sehr überschaubare Liste, sodass sie diese Anrufe wenigstens schnell erledigt hätte. Entweder Iwona oder Ilse würde sich wohl als die nächste Angehörige herausstellen.

Dann legte Beatrix auch den Ausweis ab, den sie in der Geldtasche des Toten in seiner Hosentasche gefunden hatte. Er war auf „Ing. Ernst Haberkorn“ ausgestellt. Das Foto war wohl schon ein paar Jahre alt. Haberkorn hatte darauf noch kaum ergraute hellbraune Haare, die er in nicht gerade modischen Wellen über den Kopf gelegt trug. Aus dem Geburtsdatum errechnete Beatrix, dass Haberkorn 65 Jahre alt gewesen war. Im Übrigen enthielt die Geldtasche einige Straßenbahnfahrscheine, benutzt und unbenutzt, etwa dreißig Euro an Bargeld und keine Hinweise auf den Beruf des Opfers; vermutlich war Haberkorn schon in Pension gewesen.

Das Telefon klingelte. Es war Aufpaß, der Gerichtsmediziner. Sie begrüßten sich höflich, dann sagte Aufpaß: „Ich hab ihn mir soweit angeschaut. Um dreizehn Uhr war er vielleicht sechs oder acht Stunden tot. Die Todesursache kann ich natürlich noch nicht genau sagen, er kommt morgen früh auf den Tisch. Aber das Loch in der Schädeldecke spricht ja Bände. Es würde mich sehr wundern, wenn es etwas anderes gewesen wäre.“ Pause. „Ich melde mich wieder.“ „Danke, auf Wiederhören“, sagte Beatrix geistesabwesend und legte auf.

Sie öffnete die Fallakte im Computer und sah nach, was sich hier schon an Informationen gesammelt hatte. Insbesondere las sie den Bericht der Streife, die zuerst zu dem Todesfall gerufen worden war. Ausgerechnet die bulgarische Putzfrau hatte Haberkorn gefunden. Beatrix fragte sich, was die in der Wohnung gemacht hatte, denn aufgeräumt hatte die Wohnung ja nicht gerade ausgesehen. Allerdings erinnerte sich Beatrix, dass tatsächlich wenig Staub zwischen all den Stapeln herumgekrochen war. Das WC und das Bad hatten, abgesehen von den auch dort vorhandenen „Reichtümern“ des Ernst H., sauber gewirkt. In der Küche hatte es keine vergammelten Lebensmittel gegeben, und nirgends fanden sich Abfälle, die zu stinken begonnen hätten. Anscheinend gab es doch eine Art von Ordnung in diesem Sammlerrefugium, und Maria Stoeva hatte dafür gesorgt, dass diese Ordnung zwischen den Stapeln aufrecht erhalten blieb. Beatrix würde sie am nächsten Tag zur Vernehmung laden. Als erstes musste sie nun die nahen Angehörigen finden. Sie tippte die Nummer von „Iwona“ in ihr Diensttelefon. Es war sieben Uhr abends.

3

Eine halbe Stunde später läutete Beatrix an die Wohnungstür der Iwona Bielinska. Am Telefon hatte sie nur gesagt, dass sie mit ihr über Ernst Haberkorn sprechen wollte. Die Frau, die die Tür öffnete, schien um die 45 Jahre alt zu sein. Bielinska trug ihr Haar hellblond und war sorgfältig geschminkt. Ihr tiefroter Rock lag äußerst knapp über den knackigen Rundungen ihrer Hüften, dazu trug sie eine geschmackvolle cremefarbene Seidenbluse. Sie sah Beatrix kurz überrascht an, dann grüßte sie mit einem Lächeln, das von Herzen zu kommen schien. Sie bat Beatrix herein, bevor diese darum bitten konnte.

„Frau Bielinska, Sie haben gestern mit Ernst Haberkorn telefoniert?“

„Ja, das tun wir jeden Abend. Heute bin ich noch nicht dazu gekommen, ihn anzurufen. Wie schnell die Zeit vergeht. Aber worum geht es denn?“

„Es tut mir sehr leid, aber Herr Haberkorn wurde heute tot aufgefunden.“

Schweigen trat ein. Keine der beiden Frauen rührte sich. Bielinska blinzelte, dann sagte sie: „Was sagen Sie da?“

„Es tut mir sehr leid. Herr Haberkorn ist offenbar nicht eines natürlichen Todes gestorben. Ich leite die Ermittlungen.“

„Das kann nicht sein. Das...“

Wieder breitete sich Stille aus. Die Schultern der Frau hatten sich merklich gesenkt. Sie starrte ins Leere. Beatrix beobachtete, wie sich ein Flecken von Schmerz im Inneren ihres Gegenübers gebildet hatte, der sich von Minute zu Minute weiter ausbreitete.

Schließlich nahm Beatrix das Gespräch wieder auf. Was getan werden musste, musste getan werden.

„Können Sie mir sagen, in welcher Beziehung Sie zu Haberkorn gestanden sind?“

„Ja, wir waren halt Lebensgefährten, oder wie Sie das nennen wollen. Obwohl wir nicht zusammengelebt haben.“

„Wie lange haben Sie sich schon gekannt?“

„Gekannt haben wir uns schon eine Weile, so von ferne. Seit drei Jahren sind wir zusammen.“

„Wo haben Sie sich getroffen?“

„Der Ernst ist oft zu mir gekommen, manchmal war ich auch bei ihm. Wir gehen auch gerne in Lokale, zum Essen und so. Wir trinken manchmal ein bisschen was.“

Nachdem Beatrix schwieg, fuhr die Frau fort: „Sie können sich das alles wohl nicht vorstellen, was? Sie meinen, nur weil die Wohnung etwas unordentlich war... Ich sag Ihnen jetzt mal was: Ich habe sehr jung geheiratet, in Polen, dann hatte ich bald Kinder, es war eine Menge Mühe, ich hatte nicht viel Spaß in meinen jungen Jahren. Sie wissen das vielleicht nicht, aber bei uns erwartet man von einer Frau, dass sie für die Stimmung sorgt im Haus, in jeder Hinsicht. Vom warmen Essen bis zu den ehelichen Beziehungen. Vor fünf Jahren hat sich mein Mann eine Jüngere gefunden, und ich kann sagen, das war wohl einer der glücklichsten Tage in meinem Leben. Vor drei Jahren ist jetzt auch mein jüngster Sohn ausgezogen, und ich kann endlich machen, was mir gefällt.“

Bielinska schaute in das vor der Dunkelheit blinde Fenster. „Sie glauben wohl, dass der Ernst ein komischer Mensch war, aber mir ist das egal. Jeder hat seine Macken. Er ist ein guter Mensch, und er hat mich immer respektiert. Es ist nicht leicht, so einen Mann zu finden. Ich musste ihn ja nicht gleich heiraten. Das wollte ich sowieso nicht wieder tun.“

„Ist ja schon gut. Wann haben Sie Haberkorn das letzte Mal gesehen? Sie haben gesagt, Sie haben gestern Abend telefoniert?“

„Ja, gestern wollte er noch allein um die Häuser ziehen. Ich glaube, er wollte sich mit einem seiner Freunde treffen, im Café Hintermaier. Vorgestern Abend war er bei mir und hat hier übernachtet.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung, wer ihn ermordet haben könnte? Hat er Ihnen von irgendwelchen Schwierigkeiten erzählt, die er mit anderen Leuten hatte?“

„Ich kann da wirklich nichts sagen. Der Ernst war doch so ein gutmütiger Mensch, er hat immer nachgegeben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit irgendjemandem richtig zum Streiten gekommen wäre. Selbst wenn ihn seine Schwester wieder mal sekkiert hat, ist er immer ruhig geblieben und hat ihr in allem recht gegeben.“

„Seine Schwester?“

„Ja, er hat eine ältere Schwester. Sie kann, gelinde gesagt, ganz schön nervtötend sein. Fragen Sie sie zu egal was, sie wird bestimmt eine Meinung dazu haben. Sie heißt Ilse. Ilse Schneider, glaube ich. Sie ist verwitwet.“

„Danke, Frau Bielinska. Ich denke, das ist für heute alles. Wahrscheinlich muss ich aber bald wieder mit Ihnen sprechen. Oder wollten Sie mir noch etwas sagen?“

„Nein. Nur glauben Sie nicht alles, was die Ilse über mich sagt.“

Damit ging Beatrix zur Tür und machte sich auf den Weg zu Ilse Schneider, die sie schon zuvor am Telefon erreicht hatte.

4

Ilse Schneider lebte in einem unscheinbaren Wohnhaus aus der Wiederaufbauphase, Baujahr um 1960. Die meisten Fenster in diesem Haus waren mit ordentlichen Stores verhängt; neben den Wohnungstüren im Stiegenhaus standen keine Schuhe oder Müllsäcke herum. Beatrix war ins Haus gekommen, als gerade jemand die Haustür von innen öffnete, und klingelte dann im ersten Stock an Schneiders Tür. Jemand schien sich von innen der Tür zu nähern, ein Schatten huschte über den Spion. Als nichts weiter passierte, drückte Beatrix erneut den Klingelknopf. Gedämpft durch die Tür war zu hören: „Gehen Sie weg! Ich kaufe nichts!“

„Frau Schneider, ich bin's, Chefinspektor Hellinger. Ich habe angerufen.“

„Gehen Sie weg, sonst rufe ich die Polizei!“

„Frau Schneider! Ich bin die Polizei. Machen Sie die Tür auf!“

Eine kurze Pause. Beatrix schob ihren Dienstausweis vor das Loch in der Tür. Sie ging auf, und eine grauhaarige Dame mit gerötetem Gesicht stand in der Öffnung. Sie hatte die rundlichen Backen ihres Bruders, die ihr das Aussehen einer Großmutter aus dem Rotkäppchenmärchen gaben. Der phantasielose Kurzhaarschnitt und der konservative graue Wollrock passten nicht so gut dazu.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Frau Chefinspektor. Es gibt so viel Gesindel in der Gegend, eine alte Frau wie ich muss einfach aufpassen. Bitte kommen Sie doch herein.“

Ilse Schneider geleitete Beatrix in ein beengtes Wohnzimmer. Beatrix sah sich um. Es herrschte peinliche Ordnung, doch ließ sich die Verwandtschaft mit dem Toten, auch im Geiste, nicht gänzlich verleugnen: Schneider gehörte eindeutig auch zu den Sammlern, nur dass ihre Sammlung einen anderen Charakter hatte. Von allen Ecken, auf allen freien Flächen waagrecht und senkrecht schauten Heiligenfiguren in den Raum. Beatrix nahm am Esstisch auf der Sitzbank Platz. Sie musste ihre Handtasche auf den Boden stellen, weil der Luftraum neben ihrem Oberkörper großteils von einer Madonna mit blauem Mantel eingenommen wurde.

„Ich mache Ihnen einen Kaffee. Milch, Zucker?“

„Nein, danke, ich möchte nichts. Bitte nehmen Sie doch Platz.“

„Aber das ist doch das mindeste.“ Ohne weiter auf Beatrix' Protest zu hören, verschwand Schneider in der Küche, wobei sie sich eine geblümte Schürze umband.

Die Vorbereitungen nahmen viele Minuten in Anspruch. Endlich kam Schneider zurück und stellte ein Heferl Kaffee und einen Teller mit anscheinend steinharten Keksen vor Beatrix auf den Tisch.

„Frau Schneider, ich komme wegen ihrem Bruder Ernst. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass er verstorben ist.“

Ilse Schneider sah sie an und sagte: „Sie haben Ihren Kaffee ja gar nicht probiert.“

„Hören Sie mich, Frau Schneider. Ihr Bruder ist leider nicht mehr am Leben. Er wurde offenbar ermordet. Mein Beileid.“