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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Mami, was ist denn los? Was hast du? Mamilein, so sag doch etwas!«, bettelte die kleine Netta. Mit vollem Namen hieß das kleine Mädchen Antonietta Isabella Caroline Resch und zählte ganze drei Jahre. Netta war ein hübsches Kind mit einem runden Gesichtchen, graubraunen Augen, hellbraunen Haaren und einem anschmiegsamen, vertrauensvollen Wesen. Ihr bisheriges Leben war heiter und behütet verlaufen. Von ihrer noch sehr jungen Mutter erfuhr sie nichts als Liebe, Fürsorge und Zärtlichkeit. Papa kam zwar nur selten, aber wenn er kam, dann brachte er ihr und Mami schöne Sachen mit. Mami war dann besonders fröhlich und Papa ebenfalls. Jetzt aber war Mami gar nicht fröhlich. Sie war in einem Zustand, der Netta fremd war, der ihr Angst einjagte. Mamis Gesicht war blass und seltsam starr. Sie saß regungslos auf dem Küchenhocker, und die Zeitung, in der sie eben gelesen hatte, war ihren Händen entglitten. »Mami! Bitte schau mich an!«, rief Netta angstvoll aus. Als ihre Mutter wiederum nicht reagierte, kletterte sie auf deren Schoß und legte ihr die Arme um den Hals. Mit einem plötzlichen heftigen Aufschluchzen presste Bettina Resch das Kind fest an sich – so als ob es ihr Halt geben könne. Doch diese abrupte Bewegung versetzte das kleine Mädchen erst recht in Schrecken.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2022
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»Mami, was ist denn los? Was hast du? Mamilein, so sag doch etwas!«, bettelte die kleine Netta.
Mit vollem Namen hieß das kleine Mädchen Antonietta Isabella Caroline Resch und zählte ganze drei Jahre. Netta war ein hübsches Kind mit einem runden Gesichtchen, graubraunen Augen, hellbraunen Haaren und einem anschmiegsamen, vertrauensvollen Wesen. Ihr bisheriges Leben war heiter und behütet verlaufen. Von ihrer noch sehr jungen Mutter erfuhr sie nichts als Liebe, Fürsorge und Zärtlichkeit. Papa kam zwar nur selten, aber wenn er kam, dann brachte er ihr und Mami schöne Sachen mit. Mami war dann besonders fröhlich und Papa ebenfalls.
Jetzt aber war Mami gar nicht fröhlich. Sie war in einem Zustand, der Netta fremd war, der ihr Angst einjagte. Mamis Gesicht war blass und seltsam starr. Sie saß regungslos auf dem Küchenhocker, und die Zeitung, in der sie eben gelesen hatte, war ihren Händen entglitten.
»Mami! Bitte schau mich an!«, rief Netta angstvoll aus. Als ihre Mutter wiederum nicht reagierte, kletterte sie auf deren Schoß und legte ihr die Arme um den Hals.
Mit einem plötzlichen heftigen Aufschluchzen presste Bettina Resch das Kind fest an sich – so als ob es ihr Halt geben könne. Doch diese abrupte Bewegung versetzte das kleine Mädchen erst recht in Schrecken. Die Mutter war bisher immer sanft und zärtlich mit ihm umgegangen. Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Das fühlte Netta instinktiv. Sie begann leise zu weinen.
»Ach Netta, was sollen wir jetzt machen?«, flüsterte Bettina tonlos vor sich hin. Es klang nicht wie eine Frage, sondern eher wie die verzweifelte Feststellung, dass alles sinnlos geworden war.
Netta antwortete auch nicht. Sie weinte, ohne eigentlich zu wissen, weshalb. Auf merkwürdige Weise hatte sich die Verzweiflung ihrer Mutter auf sie übertragen.
Bettina strich ihrer kleinen Tochter über die Haare, blickte jedoch über sie hinweg ins Leere. Sie war außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen. Zu groß war der Schock, den die kurze, knapp gehaltene Zeitungsnotiz ihr bereitet hatte.
»Wiederum forderte der Feiertagsverkehr einen hohen Blutzoll auf Österreichs Straßen«, hatte da gestanden. Bettina hatte den Artikel flüchtig überflogen, aber dann waren ihr die Namen Antonio und Carla Masini förmlich ins Auge gesprungen. Frontalzusammenstoß mit einem Sattelschlepper, der rote Sportwagen total zertrümmert, das Ehepaar Masini sofort tot, der Chauffeur des Sattelschleppers mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.
Zuerst hatte Bettina das Gefühl gehabt, unter einem Albtraum zu leiden. Was da in der Zeitung stand, konnte einfach nicht wahr sein. Sie hatte die wenigen Zeilen wieder und wieder gelesen, doch nichts hatte sich daran verändert. Antonio und Carla Masini – beide tot.
Nein, sie träumte nicht, und es war auch kein Irrtum, keine zufällige Namensgleichheit, Tonio hatte ihr ja selbst erzählt, dass er die Absicht habe, für ein paar Tage zu seinen Eltern nach Padua zu fahren. Allerdings hatte er nicht erwähnt, dass seine Frau mitkommen sollte. Im Gegenteil, er hatte versprochen, auf der Heimfahrt sie, Bettina und Netta, zu besuchen. Wahrscheinlich hatte Carla diese Absicht gewittert und sie mit allen Mitteln zu vereiteln versucht. Sicher hatte sie sich Tonio aufgedrängt, sodass ihm keine andere Wahl geblieben war, als sie mitzunehmen. Jetzt waren sie beide tot – und alles zu Ende.
Wider Willen kam Bettina der Gedanke, dass Carla letztlich doch noch gesiegt hatte. Tonio war ihr Ehemann geblieben – bis in den Tod.
Bettina schrak zusammen. Nein, jetzt war nicht der richtige Moment für Eifersuchtsanwandlungen. Tonio hatte sie geliebt, nur sie. Er war lediglich aus Mitleid bei Carla geblieben, hatte seiner Frau nicht wehtun wollen. Carla hatte seinen guten Charakter ausgenützt und war wie eine Klette an ihm kleben geblieben, anstatt ihn freizugeben.
Wer weiß, vielleicht war Carla auch an dem Autounfall schuld. Vielleicht hatte sie Tonios Aufmerksamkeit mit dummem Geschwätz abgelenkt, oder sie hatte ihn zu einer überhöhten Geschwindigkeit verleitet, und dann …
Bettina schauderte. Sie wünschte, sie wäre anstelle von Carla an Tonios Seite gewesen. Dann wäre sie jetzt endlich und für immer mit Tonio vereint. Sie müsste nicht diesen schrecklichen Schmerz ertragen, diese innere Leere und diese Verzweiflung, die immer stärker von ihr Besitz ergriff. Ohne Tonio, ohne seine Liebe, ohne die Hoffnung auf eine glückliche gemeinsame Zukunft war das Leben wertlos für sie.
»Mami, warum …, warum sind wir so traurig?«, schluchzte Netta.
Die Frage ihres Kindes brachte Bettina halbwegs wieder zu sich. Sie riss sich zusammen und antwortete leise: »Papa ist tot.«
»Tot?« Das kleine Mädchen konnte mit diesem Wort nichts anfangen.
»Er ist – er wird nie wieder zu uns kommen«, versuchte Bettina ihrer Tochter das Schreckliche begreiflich zu machen.
»Das glaube ich nicht!«, rief Netta. »Papa hat uns lieb. Er kommt sicher bald und bringt mir eine große Puppe mit blonden Zöpfen mit. Die hat er mir versprochen und ein neues Kleid und Lackschuhe …«
»Ach, Netta, sei still«, bat Bettina. Die Erinnerung an ihr letztes Zusammensein mit Tonio stand überdeutlich vor ihr. Tonio war so lustig gewesen, beinahe ausgelassen. Sie hatten alle drei einen kleinen Ausflug ins Grüne unternommen. Auf einer Wiese hatte Tonio mit Netta herumgetollt, und das Kind hatte vor Vergnügen gequietscht. Danach waren sie in einem schattigen Gasthausgarten eingekehrt. Bettina war mit zwei älteren Damen ins Gespräch gekommen. Die beiden hatten bewundernde Bemerkungen über ihre niedliche kleine Tochter und ihren sympathischen Ehemann geäußert. Bettina hatte die irrige Meinung der beiden Damen natürlich nicht korrigiert. Sie selbst hatte Tonio ja nicht bloß als ihren Geliebten angesehen. Sie war seiner so sicher gewesen, hatte nie daran gezweifelt, dass er und sie eines Tages auch vor dem Gesetz als Mann und Frau gelten würden.
»Papa wird wiederkommen. Ganz bestimmt!«, rief Netta und drückte ihre tränenfeuchte Wange an die ihrer Mutter, die trocken geblieben war. Bettina konnte nicht weinen.
»Nein, Netta. Papa ist tot – begreifst du denn nicht? Nein, du kannst es ja nicht begreifen. Entschuldige«, fuhr Bettina nach einer kurzen Pause fort. Gewaltsam zwang sie sich zur Beherrschung. Das Kind sollte nicht so leiden, wie sie litt.
»Es stimmt, Papa hat uns sehr, sehr lieb«, sagte Bettina langsam. »Aber er kann nicht mehr zu uns kommen. Er ist weit, weit fort – im Himmel. Wir wollen oft an ihn denken und … und …« Bettinas Stimme versagte.
Netta wartete ein Weilchen, dann meinte sie hoffnungsvoll: »Vielleicht irrst du dich. Er kommt sicher wieder.«
Bettina schwieg. Sie wusste nicht, wie sie dem Kind den Verlust, der sie beide getroffen hatte, klarmachen sollte. Möglicherweise war es sogar besser, Netta die Hoffnung nicht zu rauben. Sie war ja noch so klein! Mit der Zeit würde das Bild ihres Vaters verblassen, und vielleicht würde sie ihn ganz vergessen. Tiefgreifende Erklärungen über ihre Herkunft waren wahrscheinlich erst dann nötig, wenn sie älter und verständiger geworden war.
Bettina seufzte tief auf. Bisher hatte sie derartige Überlegungen weit von sich gewiesen. Tonio hatte ihr ja versprochen, Netta nach ihrer Heirat zu adoptieren, und mit diesem Schritt wäre Nettas uneheliche Geburt gegenstandslos geworden. Nun war alles anders gekommen. Schwierigkeiten tauchten auf, mit denen niemand hatte rechnen können. Oder doch? Tief in Bettinas Innerem regten sich Zweifel, ob sie sich nicht zu sorglos verhalten hatte, aber sie verdrängte diese Zweifel rasch.
*
Schließlich ging auch dieser für Bettina Resch so schreckliche Tag zu Ende. Dem Kind zuliebe hatte sie sich zusammengenommen und ihren Schmerz und ihre Trauer unterdrückt. Mechanisch hatte sie die täglichen Handgriffe ihres kleinen Haushalts besorgt, war mit Netta spazieren gegangen, hatte das Kind am Abend gebadet und zu Bett gebracht.
Erst als auch Bettina in ihrem Bett lag, kamen die Tränen. Sie krümmte sich zusammen und weinte hemmungslos. Das Ausmaß ihres Kummers erschien ihr ungeheuerlich. Sie war überzeugt, dass mit Tonios Tod auch ihr eigenes Leben seinen Sinn verloren hatte. Warum hatte nicht sie an seiner Seite in dem Unglückswagen gesessen? In diesem Falle hätte auch sie jetzt ihren Frieden gefunden, und angesichts des offenen Grabes hätten die Eltern ihr sogar ihren Fehltritt vergeben. Netta aber …
Abrupt hörte Bettina auf zu weinen. Es war ihr plötzlich zum Bewusstsein gekommen, wie unverzeihlich ihre Todessehnsucht war. Sie hatte ja Netta. Dem Kind zuliebe musste sie sich zusammennehmen und ihr seelisches Tief überwinden. Es war dringend notwendig, einen Weg zu finden, um sich und ihr Kind ernähren zu können, nachdem sie nun nicht mehr auf Tonio bauen konnte.
Bettina fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Ihre Tränen waren versiegt, aber dafür hatte lähmende Angst von ihr Besitz ergriffen. Was sollte aus ihr und dem Kind werden?
Bettina Resch entstammte einer alteingesessenen Tiroler Bauernfamilie. Ihr Vater besaß ein gutgehendes Hotel, einer ihrer Onkel hatte den Hof geerbt, ein anderer Onkel betrieb eine Bäckerei und war außerdem Bürgermeister einer größeren Gemeinde. Ein dritter Onkel war Apotheker. Da er kinderlos war, hätte Bettina in seine Fußstapfen treten sollen, denn ihr einziger und wesentlich älterer Bruder würde einmal das väterliche Hotel erben.
Bettinas Zukunft war also gesichert und vorausgeplant gewesen. In der Schule hatte sie so leicht und rasch gelernt, dass sie sich schon auf das Studium gefreut hatte. Doch dann hatte sie – knapp vor dem Abitur – Antonio Masini kennengelernt, und damit war eine Wende in ihrem Leben eingetreten. Sie hatte sich Hals über Kopf in den um etliche Jahre älteren Mann verliebt, ohne über etwaige Folgen nachzudenken. Anfangs hatte sie sich nur selten mit ihm getroffen, da ihre Freiheit begrenzt gewesen war. Ihre Mutter hatte streng darauf geachtet, dass sie nicht zu lange ausblieb, und sie beim Heimkommen stets einem peinlichen Verhör unterzogen, wo sie gewesen war. Aus irgendeinem Grund, über den sie sich selbst keine Rechenschaft ablegen konnte, hatte sie den Eltern ihre Bekanntschaft mit Antonio Masini verschwiegen, obwohl sie damals noch keine Ahnung gehabt hatte, dass er verheiratet war.
Ihr Abitur hatte sie später mit gutem Erfolg absolviert und danach einen wundervollen, beschwingten Sommer in Tonios Gesellschaft verbracht. Ihren Eltern hatte sie vorgeschwindelt, mit einigen Klassenkameradinnen nach Griechenland zu reisen. Aber statt dessen war sie mit Tonio in die Schweiz gefahren und hatte zwei herrliche Sommermonate lang am Vierwaldstätter See gelebt. Sie hatte zwar erwartet, dass er mit ihr nach Italien fahren und sie seinen Eltern vorstellen würde, aber sie hatte seine Ausflüchte, dass es noch zu früh für einen solchen Schritt sei, arglos hingenommen. Auch die Tatsache, dass Tonio sie zeitweise allein gelassen hatte und nach Deutschland gefahren war, hatte nicht ihren Argwohn erregt. Tonio hatte sein zeitweiliges Verschwinden mit der Notwendigkeit erklärt, sich um seinen Betrieb kümmern zu müssen. Bettina hatte diese Erklärung akzeptiert und darin einen Beweis für Tonios berufliche Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit gesehen. Sie war so unerfahren gewesen, dass sie nicht im Traum daran gedacht hatte, er könnte bereits anderweitig gebunden sein.
Doch schon gegen Ende der Ferien hatte es für sie ein unsanftes Erwachen gegeben. Bei aller Unerfahrenheit hatte sie doch über die Symptome einer beginnenden Schwangerschaft Bescheid gewusst. Sie hatte in einer Apotheke einen Test durchführen lassen und war nicht einmal sonderlich bestürzt gewesen, als das Ergebnis positiv ausgefallen war. Im Gegenteil, sie hatte sich auf das Kind, das ihre Liebe zu Tonio nur noch vertiefen würde, gefreut.
Leider hatte Tonio anders reagiert, als sie sich vorgestellt hatte. Noch einmal erlebte sie nun diese Szene.
Anstatt sie liebevoll in seine Arme zu schließen, wich Tonio vor ihr zurück und warf ihr einen verstörten Blick zu. »So was Dummes!«, rief er. »Wie konnte das passieren? Nimmst du denn nicht regelmäßig deine Pille?«
»Nein …, ich …, wieso?«, stotterte Bettina.
Tonio stieß einen italienischen Fluch aus, fasste sich dann jedoch. Er war nicht der Mensch, der unangenehme Zwischenfälle tragisch nahm. Irgendwie würde sich auch diese dumme Geschichte wieder einrenken lassen. Mit vorsichtig gewählten Worten schlug er Bettina eine Abtreibung vor.
Nun war Bettina diejenige, die verstört reagierte. »Du …, du willst unser Kind ermorden?«, fragte sie fassungslos.
»Ich …, hm – ermorden ist ein harter Ausdruck«, erwiderte Tonio voll Unbehagen. »Mir fällt nur keine andere Möglichkeit ein.«
Sie saßen auf einer Bank auf der Seepromenade. Es war ein warmer Spätsommertag. Dennoch lief es Bettina bei Tonios Worten kalt über den Rücken. »Keine andere Möglichkeit?«, flüsterte sie. »Aber ich dachte …, wir …, wir würden heiraten.«
»Mein armes Kleines«, seufzte er und zog sie an sich. »Ich würde nichts lieber tun als dich heiraten, aber es geht nicht. Ich bin schon verheiratet.«
»Was?« Entsetzt rückte Bettina von Tonio ab. »Du bist verheiratet? Dann war ich für dich also nur …, nur ein Spielzeug … Du liebst mich überhaupt nicht! Oh – das ist schrecklich!«
»Aber nein, ich liebe dich. Ich liebe dich vom ganzem Herzen«, beteuerte Tonio. Er zog Bettina erneut an sich und flüsterte ihr zärtlich italienische Kosenamen ins Ohr.
Bettina war hin und her gerissen. Einerseits wollte sie ihm nur zu gern Glauben schenken, andererseits war sie tief enttäuscht und verunsichert. »Warum hast du es mir nicht gesagt?«, fragte sie leise.
»Dass ich verheiratet bin? Ich konnte es dir nicht sagen. Ich hatte Angst, du würdest mich sofort verlassen. Außerdem ist es unwichtig. Meine Frau bedeutet mir nichts, überhaupt nichts. Carla ist nicht mit dir zu vergleichen. Sie ist kalt und arrogant. Ich liebe nur dich, dich allein. Ich werde mich von Carla scheiden lassen – so bald wie möglich.«
Jetzt, beinahe vier Jahre später, während Bettina sich ruhelos in ihrem Bett herumwälzte, stand diese Szene am Seeufer so deutlich vor ihren Augen, als ob sie sich erst gestern abgespielt hatte. Sie fühlte wieder die abgrundtiefe Enttäuschung, die sie bei Tonios Geständnis, dass er verheiratet sei, erfasst hatte, und die aufkeimende Hoffnung, als er von Scheidung gesprochen hatte. Von einer Abtreibung war nicht mehr die Rede gewesen. Sie waren übereingekommen, dass Bettina ihren Zustand einstweilen vor ihren Eltern verheimlichen sollte.
Im Herbst hatte Bettina an einer Universität inskribiert, die weit genug von ihrem Heimatort entfernt lag. Aber ihr Studium hatte sie nur halbherzig betrieben. Die Vorfreude auf das Kind und die Hoffnung auf eine baldige Heirat hatten sie viel mehr in Anspruch genommen. Tonio hatte sie in dieser Zeit oft besucht, allerdings ohne ihr von einer erfolgten Scheidung berichten zu können. Seine Frau mache ihm Schwierigkeiten, hatte er behauptet und Bettina vertröstet.
Schließlich hatte sich bei Bettina, die sowieso zur Rundlichkeit neigte, die Schwangerschaft nicht länger verbergen lassen. Ihre Eltern waren aus allen Wolken gefallen und hatten der missratenen Tochter im ersten Sturm der Entrüstung das Haus verboten.
Der einzige Rückhalt, der Bettina somit geblieben war, war Tonio gewesen. Er hatte ihr eine hübsche kleine Wohnung in Innsbruck eingerichtet und sie mit Geldbeträgen laufend unterstützt. Bettina hatte eine Tochter zur Welt gebracht, und da sie ihr nicht den Zunamen ihres Vaters hatte geben können, hatte sie sie Antonietta genannt, da dieser Name seinem Vornamen entsprach, und die wohlklingenden Namen Isabella Carolina hinzugefügt.
Eigentlich hatte Bettina vorgehabt, ihr Studium wiederaufzunehmen, um eines Tages unabhängig zu sein und eigenes Geld zu verdienen, aber diesen Plan hatte sie bald aufgegeben. Sie hatte mit Nettas Betreuung genug zu tun gehabt. Und schließlich hatte ja Tonio ausreichend für sie gesorgt.
Doch jetzt lag Bettina im Dunkeln und zermarterte sich den Kopf, wie es weitergehen sollte. Allmählich wurde ihr klar, dass sie mit Tonios Tod auch ihren finanziellen Rückhalt verloren hatte. Mit den laufenden Unterstützungen war es nun vorbei.
»Wir werden verhungern«, murmelte Bettina im Dunkeln vor sich hin. »Wenn Tonio das wüsste! Dabei war er so reich. Oft und oft hat er mir erzählt, welch großen Gewinn seine Mühle abwirft, dass sie ein krisensicherer Betrieb sei. Brot und Getreideprodukte würden die Menschen immer brauchen, da sie nicht verhungern wollten. Ach Tonio. Vielleicht werde ich Netta bald nicht einmal mehr ein Stückchen Brot kaufen können!«
Bei dieser traurigen Aussicht füllten sich Bettinas Augen erneut mit Tränen. Diesmal jedoch gab sie ihrem Kummer keinen Raum. Sie wischte die Tränen mit dem Handrücken weg und zwang sich dazu, logisch zu überlegen. Sie musste eine Lösung finden. Verhungern lassen würde sie ihr Kind nicht. Eine Möglichkeit war, sich reumütig an ihre Eltern zu wenden. Netta war ein so entzückendes kleines Mädchen. Nur ausgesprochen hartherzige Großeltern würden sie von sich weisen.
Vielleicht, wenn Papa und Mama ihr Enkelkind erst einmal sahen …
Nein! Bettina presste ihre Lippen fest zusammen. Sie wollte nicht zu Kreuze kriechen, mit Vorwürfen überschüttet und gnadenhalber wieder aufgenommen werden. Es musste noch eine andere Möglichkeit geben.
Wenn Tonio nur besser vorgesorgt hätte! Aber ein Testament hatte er bestimmt nicht abgefasst. Netta war zwar unehelich geboren, aber besaßen uneheliche Kinder in Erbschaftsangelegenheiten nicht die gleichen Rechte wie eheliche?
Bettina setzte sich in ihrem Bett auf, zog die Knie an und schlang die Arme um ihre Beine. So konnte sie besser nachdenken. Wer beerbte Tonio? Wahrscheinlich Gian-Carlo, der Sohn aus seiner Ehe mit Carla. Tonio hatte häufig von Gian-Carlo gesprochen. Er war stolz auf seinen Sohn gewesen. Auch Bettina hatte den Jungen, ohne ihn persönlich zu kennen, in ihr Herz geschlossen. Sie hatte davon geträumt, ihn später einmal, wenn sie endlich mit Tonio verheiratet sein würde, zu sich zu nehmen. Durfte sie überhaupt den Versuch unternehmen, das Erbe des Jungen zu schmälern? Aber da war Netta! Sie war ebensogut Tonios Kind wie Gian-Carlo. Tonio würde sicher gewünscht haben, dass Netta den ihr zustehenden Anteil bekam.
Bettina kämpfte mit sich selbst. Sie fand es widerlich, so knapp nach Tonios Tod an Erbansprüche zu denken. Umgekehrt hielt sie es für notwendig, Nettas Rechte zu wahren.
Im Morgengrauen fasste sie endlich einen Entschluss. Sie wollte einen Rechtsanwalt konsultieren und ihm den Fall vortragen.
*
