Ein skandalöser Mord - Janet Laurence - E-Book

Ein skandalöser Mord E-Book

Janet Laurence

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Beschreibung

Mörderische See: Darina Lisle ermittelt auf einer Luxuskreuzfahrt
Der kulinarische Cosy Krimi für Fans von Rhys Bowen

Als Darina Lisle das Angebot bekommt, auf einem Luxuskreuzfahrtschiff den Smutje bei skandinavischem Essen zu beraten, erscheint es ihr wie eine wundervolle Chance: Sie kann zwei Wochen lang dem Alltag entfliehen und mit ihrem Ehemann, Detective Chief Inspector William Pigram, jeglichen Luxus genießen. Die Reise bietet neben der Pracht der norwegischen Fjorde eine interessante Auswahl an Passagieren und eine Crew, die sich nur deren Unterhaltung verschrieben hat. Es scheint eine wunderbare Zeit zu werden. Doch dann verschwindet einer der Schiffsoffiziere und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat er sich selbst ins Meer gestürzt oder wurde er gestoßen?
William beteiligt sich an der Ermittlung und verbringt seine Zeit damit, Crew und Offiziere zu befragen. So zurückgelassen, nähert Darina sich den anderen Passagieren an und entdeckt unter ihnen unerwartete Spannungen. Unruhestifter, Vorurteile, Ehrgeiz und Gier drohen in einem Skandal zu enden und führen schließlich zu einer weiteren Tragödie …

Dies ist die Neuauflage des beliebten Darina Lisle-Krimis Mord mit Fischgeschmack.

Erste Leserstimmen
„Cosy Crime mit typisch britischem Humor“

„für alle, die heimelige Krimis mit spannender Story lieben“
„ein klassisch gestrickter Krimi mit Schmunzel-Garantie“
„Darina Lisle, eine Tasse Tee und Kekse: der perfekte Sonntag“
„Mörderische Passagiere, erlesene Gerichte und die atemberaubende Landschaft machen dieses Buch so lesenswert.“

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Seitenzahl: 500

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Über dieses E-Book

Als Darina Lisle das Angebot bekommt, auf einem Luxuskreuzfahrtschiff den Smutje bei skandinavischem Essen zu beraten, erscheint es ihr wie eine wundervolle Chance: Sie kann zwei Wochen lang dem Alltag entfliehen und mit ihrem Ehemann, Detective Chief Inspector William Pigram, jeglichen Luxus genießen. Die Reise bietet neben der Pracht der norwegischen Fjorde eine interessante Auswahl an Passagieren und eine Crew, die sich nur deren Unterhaltung verschrieben hat. Es scheint eine wunderbare Zeit zu werden. Doch dann verschwindet einer der Schiffsoffiziere und plötzlich steht die Frage im Raum: Hat er sich selbst ins Meer gestürzt oder wurde er gestoßen? William beteiligt sich an der Ermittlung und verbringt seine Zeit damit, Crew und Offiziere zu befragen. So zurückgelassen, nähert Darina sich den anderen Passagieren an und entdeckt unter ihnen unerwartete Spannungen. Unruhestifter, Vorurteile, Ehrgeiz und Gier drohen in einem Skandal zu enden und führen schließlich zu einer weiteren Tragödie …

Dies ist die Neuauflage des beliebten Darina Lisle-Krimis Mord mit Fischgeschmack.

Impressum

Erstausgabe 2000 Überarbeitete Neuausgabe März 2021

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-616-1

Copyright © 2000 by Janet Laurence, first published by MacMillan London Limited Titel des englischen Originals: The Mermaid's Feast

Copyright © 2018, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2018 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Mord mit Fischgeschmack (ISBN: 978-3-96087-571-0).

Übersetzt von: Lennart Janson Covergestaltung: Buchgewand unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Jacob_09, © Oleksandr Zaichuk depositphotos.com: © oporkka Korrektorat: Martin Spieß

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Ein skandalöser Mord

Vorwort

Ich wollte immer sehr gerne die norwegischen Fjorde sehen. Meine Mutter war Schwedin und ich habe Schweden und Dänemark häufig besucht. Aber bis auf eine Reise in den Süden war mir Norwegen unbekannt. Einige Freunde verbrachten einen wundervollen Urlaub mit einem Segeltörn zum Polarkreis. Sie erzählten uns davon und bald hatte mein Ehemann eine P&O-Kreuzfahrt ins Land der Mitternachtssonne gebucht. Sofort offenbarte sich mir eine Gelegenheit. Was wäre, wenn Darina Lisle von einer Firma für Norwegen-Kreuzfahrten beauftragt wird, um den Smutje bezüglich skandinavischen Essens zu beraten? Mit einer kostenlosen Kabine für sie und ihren Ehemann. Sobald wir für unsere Kreuzfahrt an Bord der Victoria gingen, nahm ich Kontakt zum Chefsteward auf, erzählte ihm von meiner Idee und fragte, ob ich das Leben hinter den Kulissen des Schiffes kennenlernen dürfte. Er hätte nicht entgegenkommender sein können. Ich lernte in allen Details, wie ein Kreuzfahrschiff betrieben wird, und während ich mich auf der Victoria bewegte, flogen mir schnell und üppig Ideen zu. Doch diese Nachforschungen beeinträchtigten unseren Genuss der Kreuzfahrt und des Gebotenen nicht zu sehr. Der Anblick der perlmuttfarbenen Sonne, die zur Mitternacht den Horizont streift, war etwas ganz Besonderes.

Das Schreiben von Ein skandalöser Mord ließ mich all das Erlebte ein zweites Mal genießen. Perfekt!

Janet Laurence, 2017

Für meine entzückende Nichte Julie,

mit viel Liebe

Kapitel 1

Eine klauenartige Hand griff über den Tisch. „Haben Sie Erdbeeren da, Liebes?“ Die Hand wühlte zwischen den Honig- und Marmeladenpäckchen herum. „Bei Scones tut es nur Erdbeere, finden Sie nicht?“

Heitere Augen blinzelten unter wie mit einem Stift gezogenen Bögen von Augenbrauen hervor. Das Haar hatte einen geschmackvollen Violett-Ton und war in steife Locken gedreht. Lange Ohrläppchen trugen riesige Ohrringe mit falschen Diamanten. Die konnten nicht echt sein, dachte Darina.

„Sind Sie schon früher mit der Empress of India gefahren?“ Die forschenden Finger fanden eine Packung der gewünschten Marmelade. „Ich glaube, das machen sie absichtlich, die mit Erdbeere zu verstecken, meine ich. Nur um einen zu testen. Alfredo!“ Die Hand winkte gebieterisch einem beschäftigten Kellner zu. Allerdings war er nicht zu beschäftigt, um beinahe umgehend zum Tisch herüber zu gleiten.

„Mrs. Carter, die Dame?“

„Wo verstecken Sie die mit Erdbeere, hm? Sie wissen, dass ich Erdbeere mag.“

„Haben Sie denn keine, die Dame?“ Der Kellner blickte betont auf die Packung auf ihrem Teller.

„Natürlich habe ich welche, Alfredo, aber der Rest des Tisches nicht. Bringen Sie mehr Erdbeere.“

Eine leichte Neigung des Kopfes und ein schmales Lächeln, als sich zwei Blicke aus braunen Augen im perfekten Einverständnis trafen. Ein paar Minuten später wurde in einer anmutigen Zeremonie ein Teller mit Erdbeermarmeladen-Päckchen in der Mitte des Tisches platziert.

„Alfredo weiß, was ich mag“, sagte die Frau zufrieden. Sie zerteilte ihren Scone und bestrich ihn großzügig mit Butter und Marmelade.

„Dann haben Sie schon zuvor eine Kreuzfahrt auf diesem Schiff gemacht?“, vermutete William Pigram, Darinas Ehemann, höflich.

„Acht Mal.“ Das Scone verschwand mit enormer Geschwindigkeit in kleinen, wirkungsvollen Bissen. „Sobald George, er war mein Ehemann, sich zur Ruhe setzte, sagte er: ‚Enid, mein Mädchen, ich habe mich von der Hetze des Geschäfts verabschiedet, wir machen eine Kreuzfahrt.‘ Und das taten wir. Beim ersten Mal rund um die Welt, das hat einen Haufen Geld gekostet“, fügte sie hinzu.

„Auf diesem Schiff?“, fragte William.

„Nein, das war auf der Catriona, sehr viel größer. Die Empress haben wir erst kurz vor Georges Tod vor drei Jahren ausprobiert. Er hat sie geliebt und seitdem fahre ich mit ihr.“

„Wir lieben die Empress auch“, sagte eine stille Frau neben Enid von sich aus. „Das hier ist unsere vierte Fahrt.“ Sie lächelte den Mann an, der sie begleitete. Sie schienen mindestens siebzig zu sein, ein unscheinbares Paar, ordentlich, aber nicht modisch gekleidet.

„Wir sind William und Darina Pigram“, sagte Darina fröhlich zu den fünf Personen am Tisch.

Enid Carter hatte sich vorgestellt, als sie sich zu ihr gesetzt hatten. Jetzt räumte das unscheinbare Paar ein, dass sie Mary und Jim French aus den Midlands seien. „Jim macht in Fenstern“, sagte Mary.

„Fenster bis zum Boden“, stimmte Jim mit einem strahlenden Lächeln zu, das den Anschein der Bedeutungslosigkeit vertrieb. „Das habe ich zu meinem Werbespruch gemacht, aber wir machen alle möglichen Fenster. Wir sind Spezialisten für das Baugewerbe. Wobei ich jetzt mehr oder weniger im Ruhestand bin – die Söhne haben das Geschäft übernommen.“ Und ihm damit reichlich Freizeit verschafft, war die Schlussfolgerung.

„Auf welchen Schiffen haben Sie Kreuzfahrten gemacht?“, fragte Mary Darina.

„Ich fürchte, das ist unsere erste“, sagte sie mit einem Lächeln.

„Sie sind sehr jung“, sagte die andere Frau argwöhnisch. „Die nördlichen Häfen ziehen normalerweise keine jungen Leute an, die fahren eher in die Karibik oder ans Mittelmeer. Sie lieben die Sonne, wissen Sie.“

„Werden wir auf dieser Kreuzfahrt nicht die Mitternachtssonne sehen?“, fragte William. „Die interessiert mich.“

„Das hängt vom Wetter ab“, sagte Jim freundlich. „Aber die Chancen stehen gut, ziemlich gut.“ Das Pärchen, das als letztes am Tisch eingetroffen war, sagte nichts. Sie sahen aus wie Ende fünfzig, vielleicht Anfang sechzig. Sie waren stabil gebaut und hatten Gesichter, die eher fürs Lächeln gemacht waren, als ihren momentanen, düsteren Gesichtsausdruck. Während es Marys und Jims Kleidern an Stil fehlte, sahen ihre aus wie aus einem wohltätigen Second-Hand-Laden – der Mann in einem abgetragenen Cardigan über einem Hemd ohne Krawatte, die Frau trug ein schlecht gemachtes, ärmelloses Oberteil, dass die Aufmerksamkeit unvorteilhaft auf ihre schlaffen Oberarme lenkte.

Darina Lisle ermahnte sich, nicht gehässig zu sein. Es gab wichtigere Dinge im Leben, als sich um die aktuellste Mode Gedanken zu machen. Aber warum in aller Welt hatte sie sich so lange mit ihrer Garderobe für die Kreuzfahrt gequält? Sie sah sich im Raum um. Wie viele Passagiere könnten in einer Modezeitschrift auftauchen? Wo waren Glanz und Glamour, wie sie es sich vorgestellt hatte? War ihre Vorstellung einer Kreuzfahrt ein Rückblick in ein goldenes Zeitalter von Luxus und Muße gewesen, in dem wenige Passagiere große Summen zahlten und alle schick gekleidet und gesellschaftlich versiert waren? Die Wirklichkeit reichte wie so oft nicht an die fortschrittliche Werbung heran. Doch eine gespannte Erwartung brodelte in ihr. Eine Kreuzfahrt würde eine völlig neue Erfahrung sein.

Sie wollte dieses Pärchen fragen, warum sie zu Beginn von vierzehn Tagen des Vergnügens so unglücklich aussahen. Ihre wettergegerbten Gesichter erinnerten sie an die Landwirte aus Somerset, die sie häufig getroffen hatte, als sie nicht weit entfernt von Taunton aufgewachsen war, und wo sie und William ein Jahr in dem Cottage nahe seiner ersten Polizeistation, ein paar Meilen vor Frome, gelebt hatten.

Darina hatte mittlerweile völlig vergessen, dass sie das Schiff erkunden wollte und dass es William gewesen war, der dringend eine Tasse Kaffee trinken wollte und vorschlug, ob sie ihre Tour nicht im Restaurant beginnen könnten. Ein Kellner in einer roten Jacke hatte sie an einem großen Tisch bei Enid Carter platznehmen lassen. Die anderen waren umgehend dazugestoßen, waren aber einer Unterhaltung nicht zugetan gewesen.

„Warum mögen Sie dieses Schiff so sehr?“, fragte William, als die Unterhaltung drohte, zum Erliegen zu kommen.

„Oh, die Empress ist wunderschön!“, rief Enid. „All die hölzernen Vertäfelungen und die Messing-Armaturen. So traditionell. Und nur siebenhundert Passagiere, es ist wirklich gemütlich.“

„Heutzutage bauen sie richtige Monster“, seufzte Mary French, während Jim fröhlich nickte. „Von Bug bis Heck meilenlang und mit so vielen Decks und Salons. Man kann jemanden am ersten Tag kennenlernen und für den Rest der Kreuzfahrt nicht mehr wiedersehen.“

Darina betrachtete den Bereich des Speisesaals, den sie von ihrer leicht erhöhten Position auf einer Plattform neben einer Reihe von Bullaugen aus einsehen konnte. Draußen hatte man einen großartigen Blick auf die Docks von Southampton, das Schiff sollte erst in etwa einer Stunde ablegen. Ja, das Schiff war wunderschön, aber würde es sie kümmern, diese Menschen nicht mehr wiederzusehen? Neben ihnen wirkten sie und William mit Mitte dreißig unmöglich jung. Doch wie oft musste man erste Eindrücke später korrigieren. Es mussten Menschen an Bord sein, mit denen sie gerne Zeit verbringen würden. Immerhin waren es nur zwei Wochen und sie hatte William dabei.

Als Darina ihrem Ehemann von dem Angebot einer kostenlosen Kreuzfahrt erzählt hatte, war es unerwartet aufwändig gewesen, ihn zum Mitkommen zu überreden. Zu viele Menschen, nicht sein Ding, und außerdem gäbe es zu viel Arbeit, hatte er gesagt.

„Wer will denn immer wegfahren und entspannen und sagt dann, dass ihn Strandurlaub langweilt?“, fragte Darina. „Wer mag denn Abwechslung, will viele Orte besuchen und liebt Essen? Komm schon, du hast die Urlaubstage und du wirst mit niemanden reden müssen.“

Irgendwann hatte er zugestimmt und bislang keine Abneigung gezeigt, sich mit den anderen Passagieren zu unterhalten. Hier waren sie gemeinsam auf einem Luxusliner, und zwei Wochen lang konnte sie Williams Gesellschaft ohne die Gefahr genießen, dass er weggerufen würde. Zwei Wochen, in denen er nichts zu tun hatte, außer zu genießen. Zwei Wochen, in denen er am Ende des Tages nicht erschöpft sein würde und sich mit seiner Ehefrau unterhalten könnte, ohne dass ihnen die Arbeit dazwischenkam. Es sei denn, die Arbeit, für die Darina angeworben wurde, stellte sich als zeitaufwändiger heraus, als ihr beschrieben worden war. Sie hoffte inständig, dass es nicht viel Zeit in Anspruch nehmen würde. William und sie brauchten diesen Freiraum in ihrem Leben.

Enid musterte Mary French mit offener Neugier. „Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?“, fragte sie unvermittelt. „Waren Sie nicht vor drei Jahren auf der Empress of China? Die Kreuzfahrt zu den Schätzen des Mittelmeers?“

Mary wirkte überrascht. Sogar nervös. „Ich, ich glaube wir waren dort“, sagte sie.

Enid sah zufrieden aus. „Dachte ich mir. Ich vergesse nie ein Gesicht. War das nicht die Kreuzfahrt, auf der das Gerücht umging, wir hätten einen Pädophilen unter uns?“

Jetzt wirkte Mary beunruhigt. „Ich glaube nicht. Ich erinnere mich an nichts dergleichen.“ Sie blickte zu ihrem Ehemann. Er trank Tee und schien von der Unterhaltung nichts mitzubekommen.

„Das war kurz nach diesem scheußlichen Gerichtsverfahren. Erinnern Sie sich, eine Enkelin warf ihrem Großvater vor, sie sexuell belästigt zu haben? Es wurde nichts bewiesen, aber das war alles sehr erschütternd. Dann sagte jemand, er würde unter anderem Namen mit uns reisen. Bestimmt erinnern Sie sich.“

Mary schüttelte bestimmt den Kopf. „Das muss eine andere Fahrt gewesen sein“, sagte sie endgültig.

„Was gefällt Ihnen so gut an Kreuzfahrten?“, fragte William sie.

„Was uns an Kreuzfahrten gefällt?“, wiederholte Mary. Sie sah sich am Tisch um, als könnte jemand anderem eine gute Antwort einfallen.

„Wir kamen her, um von allem wegzukommen, geht es bei Kreuzfahrten nicht genau darum? Irgendwo zu sein, wo einen niemand erreichen kann, während man umsorgt wird und nicht nachdenken muss? Es ist eine Flucht.“ Ihre Stimme zitterte leicht. Ihr Ehemann sah noch missmutiger aus.

Sie hatte einen breiten, ländlichen Dialekt, der aus den östlichen Midlands, Cambridge oder Norfolk stammen musste, dachte Darina. „Sind Sie Landwirte?“, fragte sie freundlich.

„Ja“, sagte die Frau und schien dann zu begreifen, dass sie die einzigen waren, die sich noch nicht vorgestellt hatten.

„Joyce und Michael Harwood“, sagte sie. „Zumindest“, fügte sie abgehackt hinzu, während sie zu ihrem Ehemann blickte, „waren wir Landwirte.“

„Wir wurden aus dem Markt gedrängt“, sagte der Mann barsch.

Mit diesem Eindringen der hässlichen Realität fiel Schweigen über den Tisch.

„Das tut mir so leid“, sagte Darina mitfühlend. „Ich weiß, dass es in der Landwirtschaft zurzeit schwierig ist. Haben Sie Vieh gehalten? War es BSE?“

In diesem Augenblick warf ein junger Mann die mit einem Fenster versehene Tür zum Restaurant auf, er war Anfang zwanzig und trug eine Jeans und ein T-Shirt, auf dem der Schriftzug „Set my Willie Free“ prangte. Er war unsicher auf den Beinen, obwohl das Schiff noch am Dock lag, klammerte sich an das kleine Geländer am Fuß der schmalen Treppenflucht, die hinauf ins Hauptgeschoss des Speisesaals führte, und betrachtete die Anordnung von Tischen. „Man bekommt noch was“, trällerte er über seine Schulter, während er sich weiter am Geländer festhielt. Er hatte einen Schopf prächtiger, dunkler Locken, dunkle Augen und Wimpern, für die jede Frau morden würde. Dazu ein Gesicht, das mit der mächtigen Nase und dem Mund, der fast wie Amors Bogen aussah, eine seltsame Mischung aus machohaft und feminin ergab. Er sah eindrucksvoll aus, während er sich auf das Geländer schwang, um auf den Rest seiner Gruppe zu warten, und leise eine Melodie pfiff.

Enid Carter sah ihn an und die herbe Realität verschwand zum Bullauge hinaus. „Oh, meine verlorene Jugend! Noch einmal zwanzig sein und zusammen mit diesem jungen Mann auf einem Schiff festsitzen“, sagte sie lüstern. „Bordromanzen – jeder sollte eine haben. Was für ein Traumschiff!“ Ihre dunklen Augen leuchteten vor Freude.

Mary French sah ausgesprochen empört aus. „Meine Enkelin hält Leonardo DiCaprio für wunderschön, aber ist Aussehen wirklich alles?“, fragte sie tugendhaft und tätschelte ihrem düster dreinblickenden Ehemann die Hand.

Die Harwoods sagte nichts.

William seufzte. „Ich glaube, er steht unter Drogen“, flüsterte er Darina zu.

„Du bist hier nicht im Dienst“, sage sie bedeutungsvoll in gedämpftem Ton.

Hinter dem jungen Mann erschien jemand, der nur sein Vater sein konnte – dieselben dunklen Locken, dieselben dunklen Augen, das Gesicht derber, ohne die feminine Note, aber trotzdem sehr attraktiv. Seine Lippen allerdings bildeten eine dünne Linie der Missbilligung. Er packte seinen Sohn an der Achsel, führte seinen Mund dicht an sein Ohr und stieß Worte durch die zusammengebissenen Zähne, die nur eine Warnung sein konnten.

Stets aufmerksam, ließ der Oberkellner sie an einem nahen Tisch Platz nehmen, ehe sie auch nur Luft holen oder der Rest der Gruppe die schmale Treppe herabsteigen konnte. Als erstes kam eine kleine, schlanke Frau mittleren Alters mit schmalem Gesicht und wachsamem Blick. Alles an ihr war kontrolliert; ihre Kleidung sprach dafür, dass sie sich sorgfältig um alles kümmerte, von dem kleinen Tuch, das sie sich ordentlich um den Kragen ihres gewöhnlichen, cremefarbenen Pullovers gebunden hatte, bis zu ihrem gut geschnittenen, aber sehr einfachen, marineblauen Hosenanzug. Das einzige Auffallende an ihr war ihr Haar. Es war früh silbergrau geworden und lag in kurzen Strähnen an ihrem Kopf, in einem Stil, der jugendlich wirkte und ihr sehr gut stand. Sie hielt auf der Treppe inne und griff nach hinten, um etwas zu betonen, das sie zu der Frau hinter ihr gesagt hatte, wobei sie ihre wohlgeformte Hand auf den Arm der Anderen legte. Es war etwas Leichtes und Vertrautes an dieser Geste – wir sind Freundinnen, vermittelte sie.

Lachend, über was auch immer gesagt worden war, zeigte sich das letzte Mitglied der Gruppe von ihrer besten Seite. Ebenfalls in mittlerem Alter, aber elegant und selbstbewusst, war sie auffallend attraktiv. Sie war durchschnittlich groß und ihr wehendes, blondes Haar rahmte ein begehrenswertes Gesicht ein, während exzellent geschnittene Jeans und ein Pullover in passendem Blauton, der mit cremefarbenen Blüten bestickt war, ihre gute Figur zur Schau stellten.

Der ältere Mann erhob sich, als sie sich dem Tisch näherten und zog der Frau mit silbergrauem Haar einen Stuhl heraus. Sie lächelte ihn mit ihrem plötzlich strahlenden Gesicht an. Die andere Frau warf dem Mann ein diskretes Lächeln zu und ignorierte bewusst den Jüngeren. Er saß krumm und beleidigt auf seinem Stuhl, hatte den Kopf zurückgeworfen, während eine Hand auf der Tischdecke mit einem Messer spielte.

„Mein Gott“, sagte Enid Carter in ehrfurchtsvollem Ton. „Das ist die Lottogewinnerin!“

„Wirklich? Welche?“, fragte Darina, die sich immer für solche Informationshappen über ihre Mitmenschen interessierte.

„Die Grauhaarige. Ich habe alles über sie gelesen. Das sind ihr Ehemann und ihr Stiefsohn. Sie ist Wissenschaftlerin und wird die ganzen sieben Millionen Pfund der Forschung spenden!“ Enid schmunzelte düster. „Ich frage mich, was ihre Familie davon hält!“

Kapitel 2

Phil Burell, Assistent des Chefstewards und Lagermeister auf der Empress of India, ließ sich mit einem erleichterten Seufzer in seinen Drehstuhl fallen. Er streckte die Arme aus und lockerte seine Schultern. Das Laden und Verstauen der Lebensmittelvorräte für eine zweiwöchige Kreuzfahrt zu beaufsichtigen war der schlimmste Teil seiner Arbeit. Aber das war jetzt geschafft und sie befanden sich auf See. Er konnte bereits spüren, wie eine leichte Dünung das Schiff bewegte. Aber das würde die gewaltigen Vorräte nicht ins Rutschen bringen, die er den ganzen Tag lang hatte verladen lassen. Er gähnte ausgiebig und ging in Gedanken noch einmal alles durch, was sie erreicht hatten. Unter den Decks befanden sich genug Lebensmittel in einer Reihe großer Backskisten, um eine kleine Stadt durch eine mehrmonatige Belagerung zu bringen. Die Passagiere der Empress of India würden das Meiste davon in zwei Wochen verspeisen.

Das war eine beängstigende Aussicht. Bei jeder Kreuzfahrt kam Phil an diesem Punkt nicht umhin, mit der Vorstellung wohlgekleideter Schweine zu spielen, die sich um Designer-Tröge drängten und unter unersättlichem, freudigem Quieken einen nicht enden wollenden Schwall an Feinkost hinunterschlangen. Dann fühlte er sich schuldig. Das musste die Erschöpfung sein, sagte er sich jedes Mal. Passagiere waren wichtig. Eines Tages wäre er Chefsteward eines Schiffes und müsste im Restaurant an einem Tisch den Gastgeber spielen. Und die Passagiere an diesem Tisch würden von ihm erwarten, weltmännisch, liebenswürdig und charmant zu sein.

Die Aussicht war beängstigend. Phil wusste, dass er gute Arbeit machte. Vorausgesetzt er würde weiterhin hart arbeiten und es gäbe keine Unfälle, könnte er seinen Traum erreichen. Aber gesellschaftliches Geplauder war nicht seine Stärke.

Seine Ex-Frau Lizzie hatte gesagt, dass das Leben mit ihm wie ein Leben mit einem Buch in einer fremden Sprache sei. Man müsse sich sehr anstrengen, um irgendwelche Informationen herauszuziehen und man habe dabei keinen Spaß. Phil fand das lächerlich, wenn man bedachte, dass ihr Gesprächstalent nicht einmal einen Vierjährigen herausfordern konnte. Aber immerhin habe sie ihn wissen lassen, was sie dachte, hatte sie gesagt. Phil war häufig unter der Kraft ihrer Gefühle ins Wanken geraten.

Sie hätten nie heiraten sollen. Phil stellte fest, dass es eine Büro-Romanze gewesen war, umso intensiver, weil sie zusammen auf einem Schiff gewesen waren. Aber sie hatte all ihre Anziehungskraft verloren, als sie in einer offiziellen Beziehung gefangen waren. Es war eine solche Erleichterung gewesen, als die Scheidung endlich überstanden war.

War er dabei, denselben Fehler noch einmal zu begehen? Nein, definitiv nicht! Karen war alles, was er sich von einer Frau wünschen konnte: liebevoll, herzlich, lustig und sie besaß gesunden Menschenverstand. Sie schaffte es, dass er positiv von sich dachte. Später, wenn sie ihre Pflichten für den Abend hinter sich hatte, würde er sie suchen. Vielleicht war heute die Nacht, in der ihre Beziehung wirklich Fahrt aufnehmen würde.

Sein Eifer vermischte sich sofort mit Lampenfieber. Was, wenn er die Zeichen falsch interpretiert hatte? Wenn er doch nur gleich zu ihr gehen könnte, um das herauszufinden. Warten war die Hölle. Während er an einem Finger knabberte, rief Phil auf seinem Computer „Solitär“ auf und versuchte sich in den Feinheiten der Kartenzüge zu verlieren, um eine weitere der Patiencen zu lösen, die er für die befriedigendsten ihrer Art hielt. Es kam so viel mehr auf das eigene Können an als darauf, wie die Karten ausgelegt waren. Doch beinahe sofort merkte er, dass er einen falschen Zug gemacht hatte. Er nagte an seinen Knöcheln, während er den Bildschirm betrachtete und herauszufinden versuchte, wie er das Spiel noch retten konnte.

Die Tür zu seinem Büro öffnete sich. „Haben Sie eine Minute?“, fragte sein Assistent Roger Coutts gutgelaunt.

„Sechzig Sekunden, ja“, sagte Phil, winkte Roger herein und klickte auf das Feld, dass das Spiel in ein Icon am unteren Rand seines Bildschirms verbannte. „Eine Sekunde mehr und ich brauche einen Schnaps. Eigentlich ist das gar keine schlechte Idee.“ Er griff in die unterste Schublade seines Schreibtisches und zog eine Flasche Whisky mit zwei Gläsern heraus. „Wollen Sie einen?“

„Und ob!“ Roger ließ sich in den Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches fallen. „Ich bin ausgebrannt!“ Er strich sich mit einer Hand durch sein kurzes, blondes Haar. Roger hatte ein breites, offenes Gesicht, das immer fröhlich wirkte, doch Phil fand, dass er noch etwas Feinschliff brauchte, wenn er mit seiner Karriere vorankommen wollte. Phil schenkte großzügig ein, gab einen Schuss Wasser hinzu und reichte ein Glas hinüber.

„Dennoch, wir haben jetzt alles verstaut“, sagte Roger und trank mehr als die Hälfte seines Drinks in einem Zug.

„Sie können morgen früh Zeit am Computer verbringen und die Inventarliste auf den neuesten Stand bringen“, sagte Phil mit einem leichten Lächeln.

Roger betrachtete den Bildschirm auf Phils Schreibtisch und nickte niedergeschlagen. „Trinken Sie heute Abend einen mit uns?“

Phil schüttelte den Kopf. „Ich hau mich früh aufs Ohr“, verdrehte er die Tatsachen.

„Ach ja? So nennen Sie das also?“

Phil errötete leicht. Wenn es eine Sache gab, die ihn nicht kalt ließ, dann war es, dass alle an Bord eines Schiffes immer alles über alle anderen zu wissen schienen.

„Das können Sie nicht verstecken, wissen Sie?“, fügte Roger unnötigerweise hinzu. „Aber wenn der himmelhohe Harry davon erfährt, ist das Ihr Untergang, das ist Ihnen klar, oder?“

Der Erste Offizier hatte diesen Spitznahmen erhalten, lange bevor Phil von der Empress of China auf dem Schwesternschiff, der Empress of India, angeheuert hatte. Er hatte nie herausgefunden, woher er kam, fand aber, dass er Harry Summers gut beschrieb. Viel zu verbissen darauf, eine große Nummer zu sein.

Phil grunzte etwas in sein Getränk. Dann beschloss er, dass er nichts zu verbergen hatte. „Ich schaue später vielleicht, ob Karen frei hat“, gab er zu.

Roger schenkte ihm ein breites Grinsen. „So wird was draus!“, sagte er ermutigend. „Wer nicht wagt, und so weiter. Das soll aber nicht heißen, dass Sie nicht wagemutig wären, nicht nach der letzten Fahrt.“

Phil füllte ihre Gläser wieder auf und sagte nichts. Er hatte keinen Bedarf, diesen kleinen Zwischenfall erneut zu erörtern. Er hatte zur Genüge unter den Konsequenzen gelitten und würde sich nicht auf eine Wiederholung einlassen.

Roger hob anerkennend sein Glas. Das bedeutete wohl, dass er aus Dank für den Drink mit der Stichelei fertig war. Mehr Whisky verschwand in seinem geräumigen Hals, dann griff er hinter den Computer. „Ich dachte, das könnte Sie interessieren. Hat meine Schwester geschickt, sie hat es extra für mich aufgehoben.“ Er zog eine sechs Wochen alte Ausgabe einer Boulevardzeitung hervor. „Das fiese, alte Ding, das sie ist. Sie hätte es zu einem unserer Häfen schicken können, aber sie spart das Porto lieber. Ich hatte nur Zeit für einen kurzen Blick, nachdem wir heute Morgen reinkamen.“ Er faltete die Zeitung auf und reichte Phil die innere Seite.

Lotteriegewinner wählt Kreuzfahrt, verkündete die Schlagzeile.

Phil ließ den Blick über den Artikel schweifen und pfiff. „Also ist eine Berühmtheit mit uns an Bord, ja? Ich beneide Sie nicht um die Mitläufer, die versuchen werden, kostenlosen Champagner abzustauben, wenn sie bemerken, dass sich eine Millionärin unter ihnen befindet.“

„Klingt als wären Mitläufer schnell abgefertigt“, sagte Roger träge und leerte sein Glas. „Na ja, ich genehmige mir ein bisschen Entspannung, ehe ich in die Heia gehe. Danke für den Grog.“ Er verschwand zur Tür hinaus.

Phil hörte kaum, dass er ging. Seine Aufmerksamkeit war auf die Zeitung geheftet. Er vergaß völlig, seinen Computer auszuschalten, während sich die Puzzleteile zusammenfügten und er verstand, wer die Lottogewinnerin war. Entsetzen überflutete ihn, als er in Erinnerungen versank.

Er saß da und starrte auf den Artikel. Hatte ihn die Vergangenheit wirklich eingeholt?

Kapitel 3

William lehnte sich über die Reling eines der Oberdecks der Empress of India. Feuchte Luft blies ihm ins Gesicht und eine breite Woge ließ das Schiff sanft und langsam schaukeln. Tief im Inneren hämmerten die Maschinen. Er sah zu, wie die Isle of Wight achtern verschwand und spürte eine gewisse Zufriedenheit. Vierzehn Tage lang konnte er alle Schwierigkeiten des Lebens auf dem Festland vergessen, die Spannungen und Konkurrenzkämpfe unter seinen Mitarbeitern, die Hindernisse bei der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung, und das Böse, das Menschen ihren Mitmenschen antun konnten. Vierzehn Tage lang würde ihn nichts stören können, und er hatte seine Frau ganz für sich allein. Abgesehen von den siebenhundert anderen Passagieren natürlich.

Am Horizont fuhr ein großes Containerschiff gemächlich in die entgegengesetzte Richtung.

„Bei einer Backpfeife wird sogar die linke Backe rot“, murmelte William vor sich hin. Backbord, links, rot ... Steuerbord, rechts, grün.

Diese Seefahrerweisheit hatte sein Vater ihm beigebracht. Als Offizier der Armee war sein Vater kein großer Seefahrer gewesen. Doch die Familie Pigram hatte sich mal während eines Urlaubs auf der Isle of Wight mit einigen Freunden ein Haus geteilt, und Schlauchbootfahren hatte einen Großteil der Aktivitäten ausgemacht. William hatte es geliebt. Er hatte gehofft, dass sie wieder dorthin fahren würden, doch die nächste Versetzung seines Vaters führte ihn nach Deutschland und seine Mutter hatte aus irgendeinem Grund die Freundschaft zu der Seefahrer-Familie nicht aufrechterhalten wollen.

Rückblickend erinnerte sich William jetzt an eine Bemerkung von ihr an seinen Vater, die er mit angehört hatte. „Andy Wright wird es nie zum Partner bringen, er hat nicht genug Ehrgeiz. Nicht dass eine Partnerschaft bei dieser lächerlichen Anwaltskanzlei auf dem Land irgendetwas zu bedeuten hätte. Hast du denn keine alten Schulfreunde, die der Welt ihren Stempel aufgedrückt haben, John?“

William konnte sich nicht daran erinnern, was sein Vater geantwortet hatte, falls er es überhaupt getan hatte. John Pigram war sehr gut darin gewesen, zu ignorieren, was er von seiner Frau nicht hören wollte. Außerdem war er sehr gut darin gewesen, seinen Kindern nicht zuzuhören. Ganz anders als Darinas Vater; laut ihren Erzählungen hatte Dr. Lisle immer Zeit gehabt, sich mit seiner Tochter zu unterhalten. Oh, Vater sein! William sehnte sich nach der Erfahrung und fürchtete gleichzeitig, sich als mangelhaft herauszustellen. Wie gut würde er die Bedürfnisse eines Kindes erkennen können?

Aber das war nichts, womit er sich in der nahen Zukunft herumschlagen musste. Bei zahllosen Diskussionen zu dem Thema hatte Darina klargestellt, dass sie erst Zeit brauchte, um sich in ihrer Arbeit zu etablieren. Er hoffte, dass sie entweder bald erreichte, was sie wollte, oder aufgab. Während er sich jetzt an die Reling lehnte und beobachtete, wie die See hypnotisierend gegen das Schiff brandete als würde die glasklare Oberfläche eine Macht zurückhalten, die noch ihre Kräfte sammelte, dachte William über Karrieren nach. Die Anforderungen seiner eigenen bedeuteten, dass er selten zu einer Zeit zu Hause sein konnte, zu der er Kleinkinder baden oder ihnen Gutenachtgeschichten vorlesen konnte. Er konnte nicht einmal garantieren, dass die Wochenenden frei von plötzlichen Einsätzen waren. Aber immerhin war seine Arbeit wichtig und notwendig.

Das Schiff wogte leicht, die Macht unter der glasklaren Oberfläche schien sich bemerkbar zu machen.

Natürlich wollte er sehen, dass Darina ihre Ziele erreichte, sagte William sich. Die Tage waren längst vergangen, in denen eine Frau damit zufrieden war, sich um ihren Ehemann zu kümmern, den Nachwuchs aufzuziehen und ein Zuhause zu gestalten, so wie seine Mutter es noch getan hatte.

„Sagen Sie dem Festland Lebwohl?“ Jim French lehnte sich neben William an die Reling und zog seine Pfeife heraus.

William blickte aufs Meer hinaus, dort waren jetzt viele Schiffe zu sehen, aber angenehm wenig Land. Eine Komposition in grau, kein Sonnenuntergang an diesem Abend, zu viele Wolken. Das Schiff bewegte sich langsam unter seinen Füßen. „Glauben Sie, es wird regnen?“, fragte er.

Jim zuckte mit den Schultern. „Ich war noch nie ein Wetterfrosch, trotzdem würde ich sagen: sehr wahrscheinlich. Aber die Empress hat gute Stabilisatoren.“

William folgte seiner elliptischen Aussage ohne Probleme. „So schlimm, ja?“

„Es heißt, dass es morgen etwas windig wird.“ Er paffte stillvergnügt an seiner Pfeife.

William fragte sich, ob Darina eine gute Seefahrerin war. Dann fragte er sich, ob er selbst einer war. „Sollte im Sommer nicht so schlimm werden“, bot er an.

Jim sagte nichts, doch die Art, mit der er das tat, beunruhigte William.

Jim zeigte mit seiner Pfeife auf eine Kanalfähre, die gerade in Sicht kam. „Erinnern Sie sich an die Zeit, als die noch halb so groß waren, mit wenig Komfort und voller betrunkener Randalierer, die das meiste aus dem zollfreien Verkauf machen wollten? Da musste man noch die Zähne zusammenbeißen, ehe man unter Deck ging. Jetzt bieten Sie den puren Luxus, liegen stabil im Wasser und die Überfahrt ist Teil des Urlaubs, statt etwas, das man vergessen will, sobald man auf der anderen Seite angekommen ist.“ Er hielt inne, dachte nach und fügte dann hinzu: „Aber es gibt keinen Duty-Free-Shop mehr.“

„Das scheint keinen großen Unterschied zu machen“, kommentierte William, während sie zusahen, wie die riesige Fähre durch das Wasser pflügte. Als er die Überfahrt verfolgte, fiel Williams Blick auf den ehemaligen Landwirt Michael Harwood, der ein Stück weiter an der Reling lehnte.

„Schlimme Geschichte“, stieg Jim ein. „Zu viele Landwirte nagen heutzutage am Hungertuch. Die Regierung mischt sich zu sehr ein, das ist das Problem“, fügte er klug hinzu. „Einer der Gründe, warum ich an die Jungs übergeben habe, war der ganze Papierkram, mit dem man sich heutzutage herumschlagen muss.“

William dachte verzweifelt an all den Papierkram, der ihn in seinem Leben verfolgte.

„Also, was führt Sie und Ihre Lady bei dieser Reise zu uns an Bord?“

„Darina ist Köchin“, sagte William. „Sie ist Expertin für skandinavisches Essen und die Betreibergesellschaft hat sie darum gebeten, dem Smutje dabei zu helfen, ein paar regionale Gerichte auszuarbeiten.“

„Ich esse gerne Steak“, sagte Jim. „Ich habe für diesen fremdländischen Mist nichts übrig. Obwohl das Curry, das sie uns zum Mittagessen vorgesetzt haben, gar nicht schlecht war“, fügte er nachdenklich hinzu. „Mary versucht sich manchmal daran, aber das ist nicht dasselbe. Sie meint, dass sie hier nicht das fertig gemischte Pulver verwenden. Viele der Mitarbeiter in der Bordgastronomie kommen aus Goa, also ist das kein Wunder.“

„Darina wird den Passagieren zeigen, wie man Canapés macht“, sagte William.

„Canapés, ja?“, fragte Jim nachdenklich. „Also ein Sandwich ohne Oberseite?“

„Ja.“

„Das ist bestimmt schwer zu essen.“

„Man benutzt Messer und Gabel.“

„Dann hat das ja wohl kaum etwas von einem Sandwich.“

William beschloss, dass er Darina nicht von dieser Unterhaltung berichten würde.

„Immerhin mal was anderes, schätze ich. Das sollte einem doch gefallen, oder?“ Jim zog an seiner Pfeife und erzeugte damit ein seltsames, blubberndes Geräusch. „Es klingt, als wären Sie ein glücklicher Mann, mit einer Essens-Expertin zusammenzuleben.“

William dachte daran, dass er widerholt heimgekehrt war, die Küche mit allerlei Kochgerätschaften vollgestellt vorfand, überall Geschirr herumstand und es trotzdem nichts zu essen gab. Alles war entweder nicht fertig, oder für den Tiefkühler bestimmt und Darina saß an ihrem Computer und braute einen Artikel oder den Abschnitt eines Buches zusammen. Wenn er Essen vorgesetzt bekam, wartete Darina immer unruhig auf seine Kommentare, es waren Gerichte mit fremden Gewürzen, seltsames Gebäck oder sogar rohes Gemüse. Nie schien es gewöhnliches Essen wie Shepherd’s Pie, Gebratenes oder Kedgeree – ein Gericht aus Reis mit Fisch und Ei – zu geben.

William rutschte unbequem am Geländer herum. Natürlich genoss er häufig, was Darina produzierte, dachte er, wie seltsam es auch war; sie war auf jeden Fall eine brillante Köchin.

„Sind Sie beim ersten oder beim zweiten Abendessen?“

„Beim zweiten.“

„Dafür hat Mary uns auch eingetragen“, sagte Jim niedergeschlagen. „Ich esse gerne früh, dann hat man noch den ganzen Abend Zeit, aber sie sagte, das spätere Essen sei stilvoller. Was arbeiten Sie, wenn ich fragen darf?“

„Beamter im öffentlichen Dienst“, sagte William prompt.

„Ich dachte mir, dass Sie nicht in der Industrie sind“, sagte Jim zufrieden.

„Warum?“ William war neugierig.

Jim betrachtete ihn eingehend. „Ich schätze, es hat etwas mit der Art zu tun, wie Sie Menschen betrachten. Als würden Sie uns einschätzen, beobachten, wie wir ticken. Ich wette, Sie sind Polizist.“

William lachte. Jim war scharfsinniger, als er auf den ersten Blick wirkte. „Erwischt!“

„Ich kann übrigens verstehen, warum Sie das nicht an die große Glocke hängen wollen.“

„Können Sie?“

„Natürlich, jedes Mal, wenn einer einem Polizisten begegnet, fühlt er sich schuldig.“

„Ich fürchte, das ist ein Hinweis auf Ihr Alter, heutzutage bringen uns nur wenige Menschen überhaupt Respekt entgegen.“

„Das macht die Arbeit sicher mühsamer.“

„Das können Sie laut sagen!“

„Ihr Geheimnis ist bei mir sicher“, sagte Jim beruhigend.

Michael Harwood blickte immer noch trostlos auf den Ozean hinaus, der jetzt eine etwas stärkere Dünung entwickelte.

„Er sieht aus als würde er sich im Meer wohler fühlen als darauf.“ Jim klang besorgt. „Ich denke, ich werde mal Hallo sagen.“

William fragte sich einen Augenblick lang, ob er auch die Hand zur Freundschaft austrecken sollte, dann dachte er, dass der ältere Mann allein eine bessere Chance hätte, Kontakt aufzunehmen. Als er sich umdrehte, um sich unter Deck zu begeben, stieß er mit einem großen, uniformierten Mann zusammen. Mit einer mechanischen Entschuldigung auf den Lippen realisierte William plötzlich, dass er ihn kannte. „Sergeant Dobson!“

Der Mann trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn genauer. „Also wenn das nicht Detective Sergeant Pigram ist. Nur dass ich nicht glaube, dass Sie noch Sergeant sind, Sir, habe ich recht?“

„Ich bin vor Kurzem Chief Inspector geworden“, gestand William mit abwehrend verzogenen Lippen. „Hatte Glück.“

„Oh ja, Sie waren immer ein verdammter Glückspilz. Es ist beeindruckend, wie Sie immer mehr Glück hatten, je härter Sie gearbeitet haben.“

„Haben Sie jetzt den Dienst gewechselt?“, fragte William, als er das goldene Flechtband an der dunklen Marineuniform seines ehemaligen Sergeants betrachtete. „Ich dachte, Sie wären mit der Familie Ihrer Frau rauf nach Liverpool gezogen.“

Sergeant Dobson trat zur Seite, um eine Gruppe Passagiere an diesem schmalen Teil des Decks passieren zu lassen. „Ich habe meine dreißig Jahre gedient, Sir. Und gerade als ich ausschied, hörte ich, dass es offene Stellen als Sicherheitsbeamter an Bord von Linienschiffen gebe. Meine Frau starb vor einigen Jahren und ich wollte schon immer reisen, also bin ich hier. Schön, Sie wiederzusehen, Sir. Ich freue mich, dass es Ihnen so gut ergangen ist.“ Der ehemalige Sergeant hatte offensichtlich Pflichten zu erfüllen.

„Das mit Ihrer Frau tut mir leid. Ich hoffe, wir können uns mal zusammensetzen, wenn Sie nicht im Dienst sind und Zeit haben“, sagte William. „Es wäre schön, alte Zeiten aufzufrischen.“

Das furchige Gesicht des großen Mannes erhellte sich. „Das wäre es, Sir. Wir sehen uns dann.“ Er salutierte beinahe. William sah zu, wie er zielstrebig das Deck hinablief und dachte reumütig daran, dass man die Polizeiarbeit nie ganz hinter sich lassen konnte. Doch er hatte Stan Dobson immer gemocht und es wäre angenehm, etwas Zeit mit ihm zu verbringen. Konnte es bei Kreuzfahrten kriminelle Elemente geben?

Unter Deck hatte Darina bereits ausgepackt. „Ich habe noch nie so einen gut genutzten Raum gesehen“, rief sie aufgeregt, als William in die Kabine kam. „Ich hätte viel mehr Anziehsachen mitbringen können.“

William dachte an die Zeit, die sie zum Einpacken dessen gebraucht hatte, was ihm wie ein Großteil ihrer Garderobe erschien, und betrachtete das Ende eines Koffers, dass unter einem der Betten hervorschaute. „Du hättest aber die Koffer nicht mehr verstauen können, wenn wir noch mehr mitgebracht hätten“, sagte er und hielt sich an der Kante des Schminktisches fest, als das Schiff im Seegang wankte. „Jim French sagt, dass wir uns auf einen Sturm einstellen können“, fügte er hinzu und ließ sich schwer auf das Bett fallen.

Darina blickte auf die graue See hinaus, kleine, weiße Kronen auf den Wellen waren das einzige, was sie vom ebenso grauen Himmel unterschied. „Das ist in Ordnung, ich bin eine gute Seefahrerin“, sagte sie fröhlich. „Ich werde jetzt duschen und mir dann etwas anderes anziehen.“

„Ich dachte, das macht man beim ersten Abendessen nicht.“ William erinnerte sich an mehrere Hollywood-Filme mit peinlich berührten, neureichen Passagieren, die in voller Montur im Speisesaal auftauchten, während alle anderen Alltagskleidung trugen.

„Nichts Förmliches, aber ich dachte, ich ziehe eine andere Hose an, und das Oberteil, das dir so an mir gefällt.“ Darina legte Jeans und Sweatshirt ab und verschwand im Badezimmer.

„Ah!“, sagte William und nahm sich den Aktivitätenplan des Schiffes.

„Oh, und wir wurden von der Kreuzfahrtdirektorin zu einer Cocktail-Party eingeladen“, fügte Darina hinzu, indem sie ihren mit einer Duschhaube bedeckten Kopf noch einmal in die Kabine streckte. „Das ist vor dem Abendessen. Halt dich an mich und du wirst nicht für deine Getränke zahlen müssen!“

Kapitel 4

„Bist du bereit für die Drinks vor dem Abendessen?“, fragte Paul Mallory, während er seinen sehr zerknitterten Cardigan glattstrich, den er über einer Moleskin-Hose und einem Wildleder-Hemd trug, alles in dunklen bis hellen Pfauenblau-Tönen. Er sah über den Kopf seiner Frau hinweg in den Spiegel und strich sich auf der Suche nach den ersten Anzeichen von Grau mit einer Hand durch seine fast schwarzen Locken. Er konnte nichts finden.

Seine braunen Augen blickten in die haselnussbraunen Augen seiner Frau. „Ich kann es nicht erwarten, dass du graue Haare bekommst“, sagte sie. „Du wirst hervorragend aussehen.“

„Ich dachte, das tue ich schon.“

„Selbstverständlich, aber ich dachte, du würdest es trotzdem gerne hören.“

„Ein Mann hört immer gerne, dass seine Frau ihn bewundert.“

„Schluss damit“, sagte sie ernst. „Du wirst noch ganz aufgeblasen.“ Doch ihre Stimme war neckend.

Er legte seine Hände auf ihre Schultern. „Ganz im Ernst, Shona, ich werde auf ewig verblüfft sein, dass du dich für mich entschieden hast.“ Sein Blick war ernst, seine Lippen zart. Ihr Blick traf seinen im Spiegel und ihre Züge wurden weicher. „Ich meine, du bist so intelligent, so clever, hast deine ganzen Abschlüsse, deine Arbeit und alles. Und ich bin nur ein gewöhnlicher Kerl, der ein erfolgloses Geschäft leitet.“ Er setzte sich abrupt auf eines der kleinen Sofas in ihrer Kabine. „Ich könnte es mir nie leisten, dich auf eine so luxuriöse Kreuzfahrt einzuladen.“ Er umfasste mit einer Handbewegung die geräumige Kabine mit Blumen, Champagnerflasche, Obstkorb und Panoramafenstern – niemand konnte die als Bullaugen bezeichnen –, und jetzt, da die Vorhänge das Grau des Abends aussperrten, leuchtete die Ausstattung in gelben, bernstein- und cremefarbenen Tönen.

Sie schenkte ihm über den Spiegel ein herzliches Lächeln. „Ich freue mich, dass es dir gefällt. Es schien eine so gute Idee zu sein. Aber gewöhn dich nicht an all das, wir werden uns eine solche Unterbringung nicht noch einmal leisten können.“

Seine Lippen wurden schmaler, doch er sagte nichts.

„Das soll aber nicht heißen, dass wir keine weitere Kreuzfahrt unternehmen können. Immerhin bewegen wir uns nicht gerade am Existenzminimum, oder?“, fügte sie heiter hinzu. Sie hatte sich auf dem Hocker zu ihm gedreht, ihr Gesicht wirkte besorgt, das Lächeln war verschwunden.

Er konnte sich nicht dazu überwinden, anzuerkennen, dass das beträchtliche Einkommen, das ihr aktuelles Leben finanzierte, von ihr kam. Nicht so lange sie all ihre Leben so einfach verändern konnte.

„Du verstehst, warum ich das tue, oder?“, drängte sie.

Er griff nach vorn und schenkte den Rest des Champagners aus. „Du hast es mir gesagt und ich habe es akzeptiert. Ich verstehe es nicht, aber mach dir nicht die Mühe, es noch einmal durchzugehen. Ich dachte, dass dir deine Familie etwas bedeutet, also, etwas mehr als eine Luxuskreuzfahrt.“ Er ließ sich lässig in einer Ecke des Sofas nieder und trank aus dem Glas, als wäre es Wasser.

Sie beobachtete ihn für einen Augenblick, drehte sich dann wieder um und beendete die Reparatur ihres Make-ups, ihre Lippen formten eine dünne Linie.

„Wirst du dich nicht umziehen?“, fragte er, als ihm plötzlich klar wurde, dass sie denselben Hosenanzug trug, den sie schon den ganzen Tag anhatte. Der einzige Unterschied war, dass sie statt des kleinen Halstuchs, das sie umgebunden hatte, die Perlenkette trug, die er ihr geschenkt hatte.

„Nein, es ist der erste Abend“, gab sie zurück und legte korallenroten Lippenstift auf. Er fand die Farbe zu hell, zu auffällig, kommentierte es aber nicht.

„Trotzdem hättest du etwas anderes anziehen können.“

Sie sagte nichts.

Er fühlte sich von ihrem Verhalten herabgewürdigt und erniedrigt. Warum nahm man das ganze Theater auf sich, die Luxus-Kabine zu buchen, alles sehr stilvoll zu gestalten, in einem Stil, den er versuchte, ihr seit ihrer Hochzeit anzuerziehen, und sich dann nicht darum zu bemühen, zum Abendessen eine andere Garderobe anzulegen?

War sie wegen Julians Verhalten beleidigt? Vielleicht sollte er deshalb etwas sagen. „Es tut mir leid, dass der Junge so ein Esel ist“, sagte er verlegen.

Sie warf ihm einen ihrer nivellierenden Blicke zu. „Ich kann verstehen, warum er es tut, obwohl ich nichts daran ändern kann. Doch er steuert auf eine Katastrophe zu, Paul.“

Er zog die Schultern hoch. Warum zur Hölle musste sie ihm Schuldgefühle einreden? Nichts davon war seine Schuld. „Wenn du nur verstehen könntest, dass dein Weg ...“, hob er gekränkt an.

Sie unterbrach ihn, indem sie sich mit erhobenem Lippenstift umdrehte. „Nicht, Paul“, sagte sie. „Lass es einfach. Du weißt, warum.“

Frustration baute sich in ihm auf, doch er wusste, dass er es sich nicht leisten konnte, außer Kontrolle zu geraten. Er trat zu ihr und legte die Arme um sie. „Ich weiß“, sagte er sanft und ließ zu, dass sie sich mit dem zunehmenden Schaukeln des Schiffes gemeinsam hin und her bewegten. „Ich weiß. Ich bin nur nicht so ein Altruist wie du. Ich bin eigennützig, das gebe ich zu.“ Er küsste sie von oben auf den Kopf und spürte, wie sie sich an ihm entspannte. „Du bist mein größtes Geschenk und musst mich lehren, ein besserer Mensch zu sein.“

„Was für ein Unsinn“, sagte sie scharf. „Ich bin keine Heilige und das weißt du. Aber ich tue mein Bestes, für uns alle.“

Obwohl sie sich an ihn lehnte, bemerkte Paul, dass sie sich nicht völlig entspannt hatte, ihre Schultern waren noch immer angespannt, als könnte oder wollte sie nicht völlig nachgeben. Er drückte sie fester. „Ich liebe dich“, raunte er ihr ins Ohr. „Liebe dich, liebe dich, liebe dich.“

Er spürte, wie die Anspannung von ihr abließ und sich ihre Gliedmaßen sanft an ihn schmiegten. Sie streckte ihre Arme nach oben, legte sie um seinen Kopf und zog ihn in die Wölbung ihres Halses hinunter. Er konnte einen zarten Hauch der Olivenöl-Seife riechen, die sie immer verwendete. Plötzlich verspürte er einen Schwall purer Lust. Er zog sie vom Hocker und hinüber zu dem großen Doppelbett.

Sie lachte, ein ausnahmsweise ungeniertes Lachen, das über die Gefühle jubelte, die sie in ihm ausgelöst hatte. Ihre Hände tasteten nach seinen Hemdknöpfen, während er mit dem Verschluss ihrer Hose rang.

Das Telefon klingelte.

„Geh nicht ran“, brachte er knirschend hervor, während es ihm endlich gelang, den marineblauen Stoff von ihrer Hüfte zu lösen.

„Sei nicht albern“, sagte sie, wand ihren Körper aus seiner Umarmung und griff nach dem Hörer.

Es hatte keinen Zweck, wenn Shona überzeugt war, dass man ans Telefon gehen müsse, dann würde es so geschehen. Außerdem merkte er, dass das Verlangen jetzt verschwunden war.

Paul setzte sich auf die Bettkante und knöpfte sein Hemd wieder zu.

„Daphne! Ja, natürlich. Komm vorbei, dann können wir etwas trinken, ehe wir zum Abendessen gehen. Nein, natürlich störst du uns nicht!“ Shona lachte fröhlich, den Augenblick ihrer freudigen Reaktion hatte sie offensichtlich schon vergessen. Sie legte auf, rollte sich vom Bett und verschloss mit sparsamen Bewegungen ihre Hose.

Paul erhob sich, als sie an der gesteppten Tagesdecke zupfte. Er schüttelte die leere Flasche in ihrem Kühler. „Wir sollten besser noch eine vom Steward bestellen, wenn Daphne vorbeikommt“, sagte er und drückte den Knopf neben dem Bett.

„Ruf Julian an und frag, ob er sich uns anschließen möchte.“ Shona sah sich in der Kabine um. Gewiss wusste sie, dass sie tadellos war, dachte Paul gereizt, während er die Nummer der Kabine seines Sohnes wählte. Niemand ging ran.

Der Steward traf ein. Er hatte ihnen bereits seine Karte gegeben. Er hieß Manuel und war ein großer, lächelnder, dunkelhäutiger Mann, der sich langsam aber zielstrebig bewegte. Bis Daphne Rawlings eintraf, hatte er eine weitere Flasche Champagner und saubere Gläser besorgt.

„Meine Güte, das ist ja was“, sagte Daphne und sah sich beim Hereinkommen um. Shonas einzige Begrüßung war ein Lächeln. Es amüsierte Paul, dass seine Frau sich nie den leichten Küssen hingab, die die meisten Frauen für einen notwendigen Teil der Freundschaft zu halten schienen. Daphne hatte es ihm einmal erklärt. „Das hat alles mit ihrer Angst vor Ablehnung zu tun. Sie ist so daran gewöhnt, beherrscht zu sein, dass es ihr sehr schwerfällt, sich zu öffnen.“ Für Paul ergab das einen gewissen Sinn.

Daphne hatte sich umgezogen, ganz wie Paul erwartet hatte. Perfekt sitzende, beige Hose mit einem passenden Strickoberteil, ein langer Seidenschal in Beige und Gold, der oberhalb ihrer Brust verknotet war, und Goldketten, die sich um ihren Hals wanden.

„Wie ist deine Kabine?“, fragte Shona besorgt.

„Wunderschön“, versicherte Daphne. „Sie ist drüben auf der anderen Seite des Schiffes. Ist das hier Steuerbord oder Backbord? Wie auch immer, ich bin auf der anderen. Und in der Nähe des spitzen Endes.“

„Ich hoffte, wir wären näher beisammen“, klagte Shona.

„Wir waren spät dran“, erklärte Paul, ließ den Korken knallen, goss den schäumenden Champagner sauber in die Gläser und reichte Daphne eines. „Julian ist von dir aus gesehen am anderen Ende des Schiffs“, fügte er hinzu. „Ein Deck höher, aber auf derselben Seite wie wir.“

Daphne nahm sich eine Handvoll der Cocktail-Snacks die mit dem Champagner geliefert worden waren. „Also sind wir verstreut“, sagte sie beiläufig, während sie sich die knusprigen Häppchen in den Mund warf.

„Ich fürchte, ja“, stimmte Paul zu und setzte sich neben Shona auf eines der Sofas. Er hob sein Glas und lächelte seine Geliebte an.

Kapitel 5

Karen Geary, die Kreuzfahrtdirektorin, knüllte ihren Wasserfall aus roten Haaren zusammen und ließ sie locker fallen. Legere Eleganz war ihr Stil. Sie lehnte sich zum Spiegel vor und trug grauen Lidschatten auf, der ihre recht blassen, grauen Augen definierte und größer wirken ließ. Sie seufzte.

Es war beinahe Zeit für ihre Willkommens-Party für all die Darsteller. Je mehr sich die Entertainer geschätzt fühlten, desto besser würden sie die ungleiche Mischung der Passagiere unterhalten, die sich auf der Empress eingeschifft hatten. Sie waren selbst eine abwechslungsreiche Mischung: Komiker, ein Magier, Tänzerinnen und Sänger, Musiker aller Art und auf dieser Kreuzfahrt sogar eine Köchin. Eine Köchin als Entertainerin, was kam als Nächstes?

Die Party war außerdem eine Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen, wobei nicht alle Langzeitverträge hatten, manche waren nur für diese Kreuzfahrt angestellt. Karen wollte gerne glauben, dass sie es ihnen ermöglichte, Freundschaften unter Kollegen zu schließen, anstatt das während der Kreuzfahrt aus ihnen herauskitzeln zu müssen.

Wenn die Party überstanden war, könnte Karen sich um die Passagiere kümmern, die sie sich auf dieser Kreuzfahrt zu Freunden machen musste. Langsam empfand sie das als harte Arbeit. Die Richtigen auszuwählen konnte kompliziert sein, und man musste immer Reserven haben, falls sich ein Auserwählter am Ende als schwierig herausstellte. Und die verfügbare Zeit schien immer kürzer zu werden.

Wurde ihr das langsam alles zu viel?

Karen betrachtete ihr Spiegelbild und rückte ihren Anzug mit der taillierten, grünen Brokat-Jacke mit Schößchen und Strassknöpfen zurecht. Hatten sie Glück gehabt, bislang mit allem durchgekommen zu sein? Oder war das System wirklich idiotensicher?

Harry behauptete das. Aber es war auch Harry, der in Lissabon die Beherrschung verloren hatte.

Er musste zur Vernunft gebracht werden. Wenn er so weitermachte, konnte das nur ins Unglück führen.

Sie nahm das Telefon ab und wählte eine Nummer. „Könnte ich bitte mit dem Ersten Offizier Summers sprechen?“ Während sie wartete, ließ Karen ihre Lippen spielen und betrachtete im Spiegel die Kontur ihres Lippenstiftes. „Harry? Ich bin’s. Wir müssen reden. Treffen an unserem üblichen Ort, sagen wir, halb eins? Okay, bis dann.“ Sie legte auf.

Harry war nicht begeistert gewesen, während seines Dienstes einen Anruf zu erhalten. Aber er musste begreifen, dass sie eine gleichberechtigte Partnerin war. Er konnte nicht alle Ansagen machen. Wenn sie sich weigerte, zu kooperieren, wo wäre er dann?

Auf jeden Fall blieb ihnen jetzt nicht mehr allzu viel Zeit.

Phil hatte etwas davon gesagt, dass er sie nach ihrer Arbeit am Abend auf einen Drink treffen wollte. Karen glich mit geübtem Finger ihren Lidschatten aus. Phil war auf so viele Arten ein Schatz, ruhig und charakterfest. Es war erfrischend, mit einem Mann zusammen zu sein, der so ehrlich und geradeheraus war. Der nie zögerte, seine Pflicht zu erfüllen. Zu schade, dass Harry sich gegen ihn gestellt hatte. Aber sie würde Harry nicht ihr Leben bestimmen oder ihn entscheiden lassen, wen sie treffen sollte und wen nicht.

Ja, wenn Phil sie für den Abend auf einen Drink einlud, würde sie darauf eingehen, und wenn Harry sie zusammen sah, sollte er da hineinlesen, was er wollte. Karen käme auch ohne Harry Summers aus – würde sie sogar müssen. Aber noch nicht.

Lulu Prentice beendete die Überprüfung ihrer Ausrüstung. Ihr kleines Reich befand sich auf dem untersten Deck der Empress. Trainingsgeräte, Räumlichkeiten für Massagen, Equipment für Bodybuilder, ein winziger Pool – sollten die Passagiere sich schuldig fühlen, weil sie all das Essen und den Alkohol genossen, konnten sie die schlimmsten Folgen hier abtrainieren.

Lulu, getauft auf Lucinda, ein Name, der in der Schule bald abgekürzt wurde, hob einige nasse Handtücher auf. Es waren schon ein paar der neuen Passagiere für einen kurzen Sprung ins Wasser hier unten gewesen. „Wir dachten, wir regen mal den Appetit fürs Abendessen an“, hatten sie gesagt. Andere hatten einen Kennenlern-Termin ausgemacht, um ihren Stoffwechsel und ihre Fitness einschätzen zu lassen. Kurios, wie sie auf der einen Seite so eifrig ihre Gesundheit verbessern wollten, und dann auf der anderen Seite ihr Schlimmstes taten, um sie zu ruinieren! Lulu fragte sich, wie viele sie dieses Mal für ihren Meilen-Lauf über die Decks begeistern konnte.

Schließlich war alles tadellos für den nächsten Morgen vorbereitet. Lulu sah auf ihre Uhr und fragte sich, was sie mit dem Rest des Abends anfangen könnte. Es befanden sich sicher einige unterhaltsame Crewmitglieder in der Messe, aber sie hatte keine Lust, sich ihren Aktivitäten anzuschließen, was auch immer sie heute Abend trieben. Sie wären ohnehin alle erschöpft, der Übergangstag von einer Kreuzfahrt zur nächsten war immer kraftraubend.

Lulu war eine kleine, junge Frau, mit einem stämmigen, kompakten Körper und kurzen, dunklen Haaren, neben denen eine Klobürste seidig weich wirkte. Sie war keine Femme fatale. Doch sie war trotzdem sehr beliebt. Der Spaß, den alle mit ihr hatten, schien sich jedoch auf Albernheiten in der Messe oder auf Unfug in den Häfen zu beschränken, während der Freizeit. Niemand machte sich an Lulu ran.

Was ihr aber keine Sorgen bereitete. Männer bedeuteten in ihren Augen nur einen Haufen Ärger. Alle bis auf einen.

Wie standen die Chancen, dass sie Phil Burrell finden würde, um vorzuschlagen, dass sie sich für den Rest des Abends in seine Kabine zurückzogen?

Gut, er hatte gesagt, dass der Spaß, den sie zusammen hatten, vorbei war, dass sie eine tolle Freundin sei, sie in ihm aber nicht mehr sehen solle. Und sie war es, die in ihrer Beziehung die Führung übernommen hatte – aber wenn sie das nicht getan hätte, hätte es gar keine Beziehung gegeben. Doch Lulu konnte nicht recht glauben, dass er wirklich meinte, zwischen ihnen sei alles vorbei. Die Geschichte mit Karen Geary konnte nichts Ernstes sein. Das ganze Schiff wusste, dass Karens Ansprüche weit über einen einfachen Lagermeister hinausgingen. Sie spielte mit ihm. Es war an Lulu, Phil zu zeigen, was er tief in seinem Herzen schon wissen musste, dass sie die Richtige für ihn war, nicht Karen.

Sie machte die Tür zum Trainingsbereich zu, schloss ab und fuhr mit dem Lift auf Deck B. Phil war nicht in seinem Büro. Lulu dachte kurz nach und machte sich auf den Weg zum Empfangsbereich. Dort lief sie ihm über den Weg, als er ihr aus der Richtung seines Büros entgegenkam.

„Himmel, Phil, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte sie.

„Was?“, fragte er und schien dann aus großer Entfernung zurückzukehren. „Oh, Lulu, du bist es.“ Er wischte ihren Kommentar beiseite. „Ein Geist, na ja, das könnte man so sagen.“

„Hey, wir suchen uns ein stilles Plätzchen und du erzählst mir alles.“

Sein Gesicht nahm einen gequälten Ausdruck an. „Lulu, ich dachte, wir hätten das geklärt.“

„Oh, ich meine nicht, du weißt schon – nur dass wir reden und etwas trinken könnten, entspannen, abschalten, verstehst du? Wer ist deine beste Freundin?“ Lulu vergrub die Hände in den Taschen, stand da und versuchte munter auszusehen, als wäre alles halb so wild.

„Ein anderes Mal Lulu, okay?“

Sie fand, dass er sehr müde und besorgt aussah. Sie wollte ihm über die Stirn streichen, sich in seine Arme kuscheln und ihm sagen, dass sie ihn liebte und alles gut werden würde. Doch sie erkannte, dass sie die Gelegenheit dazu nicht bekommen würde. Zumindest nicht heute Abend.

„Hey, okay, kein Problem, wir sehen uns!“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging geradewegs auf den Aufzug zu, während sie mit den Tränen kämpfte. Es war dumm, so sehr daran zu hängen. Dumm, dumm, dumm. Es war das letzte Mal, sagte sie sich, das wirklich allerletzte Mal.

Stabskapitän Alan Greenham tippte gereizt mit seinem Bleistift auf den Kartentisch, als sein Erster Offizier den Anruf entgegennahm. Es war etwas Persönliches, das konnte er daran erkennen, dass Harry sich so drehte, dass er beim Sprechen dem Großteil der Brücke den Rücken zuwandte.

„Welche Ihrer Liebschaften wartet heute Abend auf Sie?“, wollte er mit rauem Unterton wissen, als Harry aufgelegt hatte.

Harry zuckte abwehrend mit den Schultern. „Kann ich was dafür, dass ich so unwiderstehlich bin?“

Der Wachoffizier kicherte, während er das Radar beobachtete.

„Ich würde es an Ihrer Stelle nicht zu weit treiben“, sagte Alan um ihn zu bremsen, und richtete seinen Blick fest auf die verkehrsreichen Fahrrinnen des Ärmelkanals. Er stand immer unter Druck, wenn er das Schiff zur Nordsee durchbringen musste. Zusammen mit dem ganzen Papierkram der letzten Fahrt machte das den Abreisetag zu einem Tag, den er so schnell und erfolgreich wie möglich hinter sich bringen wollte.

Der einzige Vorteil der endlosen Angelegenheit, das Schiff aufs Meer hinaus zu bringen, war, dass die Offiziere nicht mit den Passagieren zu Abend essen mussten.

Oh, es war so anstrengend, eine freundliche Unterhaltung zu führen und die Leute dazu zu bringen, miteinander zu reden! Man betete, dass wenigstens eine extrovertierte Person am Tisch saß, was üblicherweise der Fall war, denn es waren eher die Extrovertierten, die darum baten, an einen Offizierstisch gesetzt zu werden – dann hoffte man, dass keiner der Passagiere zu dominant war, was allzu wahrscheinlich war, und dass die Frauen attraktiv, aber nicht zu verführerisch waren.

An einem Tisch der Gastgeber zu sein gehörte dazu, wenn man einer der Rangältesten auf einem Kreuzfahrtschiff war. Und falls er Glück hatte, würde man Alan in ein paar Jahren zum Kapitän berufen. Das würde noch sehr viel mehr Geselligkeit mit sich bringen. Allerdings hätte er dann einen Stabskapitän unter sich. Der dem Ranghöchsten die operative Leitung abnahm und einige der Verantwortlichkeiten des Kapitäns für Notfälle mittrug.

Alan betete, dass es auf dieser Fahrt keine großen Probleme geben würde. Auf der letzten hatten sie eine Passagierin in einem der Häfen zurückgelassen. Es war natürlich ihre Schuld gewesen, hatte aber trotzdem einiges Hin und Her zwischen dem Schiff, der Zentrale und der britischen Botschaft mit sich gebracht, bis organisiert war, wie die leidige Frau in einem anderen Hafen wieder auf die Empress of India zurückkehren konnte. So viele Anfragen, bis die Verantwortlichkeiten geklärt waren, so viele Formulare, die ausgefüllt werden mussten.

Alan beäugte die gepflegte Gestalt seines Ersten Offiziers. Immerhin musste er sich nicht mehr lange mit Henry Summers herumschlagen, er war fast am Ende seiner zwei Jahre auf diesem Schiff angekommen. Er war natürlich ein fähiger Offizier. Er war auch großartig im Umgang mit den weiblichen Passagieren. Ganz zu schweigen von den attraktiveren Mitarbeiterinnen auf dem Schiff. Als er noch verheiratet war, blieb er immerhin diskret. Doch seit er sich von seiner Frau getrennt hatte, schien auch zwischen Harry und der Diskretion Funkstille eingetreten zu sein. Es wäre schade, wenn seine Anstellung vorzeitig beendet werden müsste.

Kapitel 6

Die Party der Kreuzfahrtdirektorin fand in einer kleinen Lounge statt, die von einem großen Unterhaltungsbereich mit Bar abging, welcher auch Spieltische enthielt.

„Ich bin wirklich froh, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sagte eine sinnlich aussehende, rothaarige Frau mit ungeheurer Begeisterung zu Darina, als William sie in den Raum begleitete, der schon vor Menschen brummte. Karen Geary, Kreuzfahrtdirektorin, stand auf einem Namensschild an ihrem schicken, grünen Zweiteiler. Die Rothaarige winkte eine quirlige, dunkelhaarige, junge Frau in der Uniform eines Chefstewards herbei. „Meine Assistentin wird Sie mit einigen Ihrer Mitdarsteller bekannt machen. Sie alle werden diese Fahrt für uns zu etwas ganz Besonderem machen.“ Ein weiteres charmantes Lächeln und sie wurden an die andere junge Frau übergeben.

„Darina Lisle!“, rief die Assistentin begeistert. „Sie sind die Köchin, nicht wahr? Ich liebe es, zu kochen, nicht dass ich viel Gelegenheit dazu hätte, wenn wir nicht gerade im Urlaub sind. Ich verbringe meine Zeit mit dem Versuch, nichts zu essen“, kicherte sie und wackelte liebenswert mit ihrem winzigen Hintern. „Also, wen würden Sie gerne kennenlernen? Wir haben eine großartige Auswahl bei uns an Bord.“ Sie deutete schnell auf einige der anderen Darsteller: Ein großer, südländisch aussehender Magier mit einer sehr glamourösen Assistentin; ein Komiker und ein Sänger, den man früher wohl als Schnulzensänger bezeichnet hätte, dachte Darina – beide Gesichter glaubte sie aus dem Fernsehen zu kennen, und ihre Namen kamen ihr ebenfalls bekannt vor. Dann gab es eine Gruppe weit jüngerer Männer und Frauen, die anscheinend die Tanztruppe des Schiffes waren. „Das ist eine reizende Gruppe“, sagte die Assistentin der Kreuzfahrtdirektorin. „So talentiert, und sie haben ein wundervolles Programm, auf dieser Fahrt erwartet Sie etwas Besonderes. Das ist unsere Bridge-Dame, falls Sie an Ihrer Technik am Tisch feilen wollen.“ Sie wies auf eine ältere Frau in einem schicken Kostüm, die sich mit einem Mann mit sorgfältig beherrschtem Gesichtsausdruck unterhielt. Darina ging davon aus, dass sie auch ihn übers Fernsehen kannte. Oder vielleicht in der Vergangenheit gekannt hatte, denn sicherlich hatte sie ihn länger nicht gesehen, oder? „Sie unterhält sich mit unserem Spezialisten für klassische Musik. Wussten Sie, dass dies eine Klassik-Kreuzfahrt ist?“ Darina hatte es nicht gewusst. Sie hatte nicht die Zeit gehabt, viel mehr zu tun, als der ihr zugeschickten Hochglanzbroschüre die Häfen zu entnehmen, die sie anlaufen würden. Sie fragte sich, wie viel klassische Musik man ihnen anbieten würde.

„Oh, da ist unser ganz besonderer Bariton, Mervyn Pryde, Sie müssen ihn kennenlernen.“

Der Sänger war ein dicker Mann mit blondem Schopf und einem Gesicht, als hätte er ein Rugby-Gedränge erlebt und verloren. Als sie einander vorgestellt wurden, streckte er eine Hand aus, die so groß war wie ein Tennisschläger. „Schön Sie kennenzulernen“, sagte er und zeigte seine blendend weißen Zähne.

„Mervyn Pryde, ich kann es nicht glauben“, sagte Darina begeistert. „Ich bin ein großer Fan von Ihnen. Wir haben Sie in Yeovil gesehen, als Sie vor ein paar Jahren mit dem Figaro