Ein Sommer in Brandham Hall - Leslie Poles Hartley - E-Book
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Beschreibung

»Seit ich diesen Roman als Teenager zum ersten Mal las, begleitet mich die Atmosphäre der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und kindlicher Unschuld.«Ian McEwan

Einer der schönsten englischen Romane des 20. Jahrhunderts

Erstmals in adäquater Übersetzung

»Aufwühlend und magisch.«The Independent


Die Vergangenheit ist ein fremdes Land.


Leo Colston ist ein Mann fortgeschrittenen Alters, als er in einem alten roten Karton auf sein Jugendtagebuch stößt. »Tagebuch für das Jahr 1900« steht darauf, und dieser Fund lässt Leo Colston in Gedanken zurückgehen in jenen Sommer 1900, als er dreizehn war:
Während der Ferien auf dem Landgut der Eltern seines Schulfreundes wird Leo zum Überbringer heimlicher Liebesbotschaften zwischen Ted, dem Pächter, und Marian, der schönen Tochter des Schlossherrn, deren Verlobung mit Lord Trimingham kurz bevorsteht. Gegen seinen Willen zieht es Leo immer tiefer in den Strudel des gefährlichen Spiels von Verlangen und Verrat, von versprochener und verbotener Liebe, und schließlich steht er vor der ersten großen Gewissensentscheidung seines jungen Lebens.
Ein Sommer in Brandham Hall ist ein raffiniert konstruierter Roman über die Strapazen des Erwachsenwerdens und die Gefühlswirren der Jugend, eine fein beobachtete Gesellschaftsanalyse und eine wunderbare Liebesgeschichte.

»Aufwühlend und magisch.« The Independent

»Seit ich diesen Roman als Teenager zum ersten Mal las, begleitet mich die Atmosphäre der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und kindlicher Unschuld.« Ian McEwan

»Ein vollkommenes Kunstwerk.« The Times

»Ein Meisterwerk über verlorene Unschuld, Scheinheiligkeit und britische Wesensart.«
The Guardian

»Schon beim ersten Lesen ist Ein Sommer in Brandham Hall die gekonnt erzählte Geschichte eines heranwachsenden Jungen und dessen verlorener Unschuld. Doch das Wissen um eine immer näher rückende, unaufhaltbare Tragödie macht sie beim zweiten Lesen noch ergreifender.« Express

»Wie sein literarischer Vorfahr Henry James spürt Hartley mit verblüffender Genauigkeit den Feinheiten moralischer Sittlichkeit nach und richtet sein Augenmerk dabei auf Figuren wie Leo, den Erzähler in Ein Sommer in Brandham Hall, der gefangen ist in einem Konflikt zwischen seinen Trieben und den gesellschaftlichen Konventionen, denen er sich zu beugen hat.« The New York Times

»Ein Klassiker über Liebe und Verrat in neuer Übersetzung. Wer "Abbitte" mochte, wird "Ein Sommer in Brandham Hall" lieben!« COSMOPOLITAN

»L.P. Hartley malt ein elegisches Bild des viktorianischen England, das seine Unschuld verliert.« Brigitte

»L.P. Hartleys Klassiker ist ein hinreißendes Porträt des britischen Adels um 1900.« Für Sie

»Die drei Dimensionen machen die Geschichte unerwartet elektrisierend. Ich wäre am liebsten mit Leo durch die Büsche gestreift, unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.« emotion

»Ein britisches Meisterwerk!« ORF 2

»Süffig-intelligenter Lesestoff!« DONNA

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EPUB

Seitenzahl:0


Das Buch

Leo Colston kommt im heißen Sommer des Jahres 1900 nach Brandham Hall, um seinen Schulfreund Marcus zu besuchen. Der zaghafte Junge, der mit seiner verwitweten Mutter in bescheidenen Verhältnissen lebt, betritt die schöne neue Welt des englischen Landadels just zu dem Zeitpunkt, als Marian, die Tochter des hochherrschaftlichen Hauses, eine verbotene Affäre mit Ted Burgess beginnt, einem jungen Bauern vom anderen Ende des Klassensystems. Der Außenseiter Leo wird zum Briefboten der beiden Liebenden und beeinflusst unbewusst und ungewollt die Geschehnisse auf eine Weise, die nicht nur das Schicksal der Liebenden, sondern auch sein eigenes auf dramatische Weise verändern wird. Ein Sommer in Brandham Hall ist ein nostalgisch-poetischer Roman über die Strapazen des Erwachsenwerdens und die Gefühlswirren der Jugend, eine fein beobachtete Gesellschaftsanalyse und eine wunderbare Liebesgeschichte.

Der Autor

LESLIE POLES HARTLEY, 1895 in Whittlesey in England geboren, studierte neuere Geschichte in Oxford, schrieb Kurzgeschichten und machte sich einen Namen als Literaturkritiker, bevor er 1916 der Armee beitrat. Nach dem Krieg kehrte er nach Oxford zurück, wo er einen Kreis an Literaten um sich scharte und sich wieder der Buchkritik zuwandte. Nach seinem preisgekrönten Debüt Das Goldregenhaus gelang ihm der eigentliche Durchbruch mit seinem 1953 erschienenen Ein Sommer in Brandham Hall, bis heute einer der schönsten englischen Romane des 20. Jahrhunderts. 1972 starb Hartley im Alter von 76 Jahren in London. WIBKE KUHN, geb. 1972, arbeitete nach dem Studium zunächst im Verlag und machte sich dann als Übersetzerin selbstständig.

L. P. Hartley

Ein Sommer in Brandham Hall

Roman

Aus dem Englischen von Wibke Kuhn

Besuchen Sie uns im Internet:www.eisele-verlag.de

Dieser Roman ist auf Deutsch ehemals unter den Titeln »The Go-Between« und »Der Zoll des Glücks« erschienen. Die Originalausgabe »The Go-Between« erschien 1953 bei Hamish Hamilton, London.

ISBN 978-3-96161-054-9

Inhaltsverzeichnis
Umschlag
Das Buch/Der Autor
Titelseite
Impressum
PROLOG
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
7. KAPITEL
8. KAPITEL
9. KAPITEL
10. KAPITEL
11. KAPITEL
12. KAPITEL
13. KAPITEL
14. KAPITEL
15. KAPITEL
16. KAPITEL
17. KAPITEL
18. KAPITEL
19. KAPITEL
20. KAPITEL
21. KAPITEL
22. KAPITEL
23. KAPITEL
EPILOG

Für Miss Dora Cowell

But, child of dust, the fragrant flowers,

The bright blue sky and velvet sod

Were strange conductors to the bowers

Thy daring footsteps must have trod.

Und doch, du Kind aus Staub, der Duft der Blüten,

Der samtne Rasen, strahlender Azur –

Auf deinen Wegen voller Wagnis waren

Sie fremde Führer in das Dunkel nur.

PROLOG

DIE VERGANGENHEIT ist ein fremdes Land, man macht die Dinge anders dort.

Als ich das Tagebuch fand, lag es auf dem Boden eines ziemlich abgestoßenen roten Kartons, in dem ich als kleiner Junge meine Eton-Kragen aufbewahrte. Irgendjemand, wahrscheinlich meine Mutter, hatte den Karton mit Schätzen aus dieser Zeit gefüllt. Zwei vertrocknete, hohle Seeigel, zwei rostige Magneten, ein großer und ein kleiner, die ihre magnetische Kraft schon fast verloren hatten, ein paar straff aufgewickelte Negative, ein paar Stummel Siegelwachs, ein kleines Kombinationsschloss mit drei Buchstabenreihen, eine sehr dünne Peitschenschnur, und ein oder zwei unidentifizierbare Gegenstände, Bruchstücke von irgendetwas, deren Verwendungszweck sich nicht unmittelbar erschloss. Ich hätte nicht mal sagen können, woher sie eigentlich stammten. Die Erinnerungsstücke waren nicht wirklich schmutzig, aber auch nicht besonders sauber, die Patina des Alters überzog sie, und als ich sie nach fünfzig Jahren zum ersten Mal wieder in die Hand nahm, fiel mir wieder ein, was mir jeder dieser Gegenstände einmal bedeutet hatte – zögerlich und schwach wie die Anziehungskraft der Magneten, aber doch wahrnehmbar. Irgendetwas kam und ging zwischen uns: das intime Vergnügen des Wiedererkennens, der fast mystische Zauber ersten Besitzes – Gefühle, für die ich mich jetzt, mit über sechzig Jahren, schämte.

Es war wie ein umgekehrter Appell: Die Kinder aus der Vergangenheit nannten ihre Namen, und ich sagte: »Hier.« Nur das Tagebuch weigerte sich, seine Identität preiszugeben.

Mein erster Eindruck war der, dass es ein Geschenk gewesen sein musste, das mir jemand von einer Auslandsreise mitgebracht hatte. Die Form, die aufgedruckten Buchstaben, das butterweiche violette Leder, das sich an den Ecken aufbog, verliehen ihm ein ausländisches Flair, und ich sah, dass es sogar einen Goldschnitt hatte. Von allen aufbewahrten Gegenständen war dieses Tagebuch das Einzige, was teuer gewesen sein könnte. Ich musste es geschätzt und gehütet haben, aber warum konnte ich es dann in keinen Zusammenhang einordnen?

Ich scheute mich, es anzufassen, und redete mir ein, das sei, weil es mein Gedächtnis so herausforderte. Ich war stolz auf mein Gedächtnis und mochte es gar nicht, wenn man ihm auf die Sprünge helfen musste. Also starrte ich auf das Tagebuch wie auf die leeren Felder eines Kreuzworträtsels. Ich tappte weiter im Dunkeln, doch dann nahm ich mir das Kombinationsschloss vor und begann daran herumzudrehen, denn mir war wieder eingefallen, dass ich es als Schüler blind öffnen konnte, wenn jemand anders es neu gestellt hatte, rein nach Gefühl. Das war eines meiner Bravourstückchen, und wenn ich es geschafft hatte, erzielte ich dafür einen gewissen Applaus, denn ich behauptete, ich müsse mich dazu in Trance versetzen, und das war gar nicht mal gelogen, denn ich machte meinen Geist bewusst leer und ließ meine Finger von selbst ihre Arbeit tun. Um den Effekt zu steigern, schloss ich meine Augen und wiegte den Oberkörper hin und her, bis die Anstrengung, mein Bewusstsein zu dämpfen, mich fast schon erschöpfte; und nun wiederholte ich diese Bewegungen instinktiv, als hätte ich auch jetzt ein Publikum. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte, aber nach einer Weile hörte ich das leise Klicken und spürte, wie das Schloss nachgab und aufsprang, und im gleichen Moment stand mir jäh wieder vor Augen, was für ein Geheimnis hinter diesem Tagebuch steckte – als hätte sich gleichzeitig auch eine Blockade in meinem Kopf gelöst.

Trotzdem wollte ich es nicht anfassen; in der Tat war mein Widerstreben noch größer, denn jetzt wusste ich ja wieder, woher mein Zögern rührte. Ich schaute weg, und es kam mir vor, als würde jeder Gegenstand im Zimmer die nervenaufreibende Kraft dieses Tagebuchs atmen und mir seine Botschaft von Enttäuschung und Niederlage vermitteln. Und als würde das noch nicht reichen, machten mir die Stimmen Vorwürfe, weil ich nicht die Courage hatte, sie zu überwinden. Unter dieser zweifachen Attacke saß ich da, starrte auf die dicken Kuverts rundherum, die mit rotem Band zusammengehaltenen Papierstapel – die zu sortieren ich mir für meine Winterabende vorgenommen hatte, und der rote Pappkarton war fast der erste Gegenstand, nach dem ich gegriffen hatte. Mit einer bitteren Mischung aus Selbstmitleid und Selbstanklage spürte ich, dass alles anders wäre, wenn da nicht dieses Tagebuch gewesen wäre oder das, wofür das Tagebuch stand. Ich würde nicht in diesem trostlosen, blumenlosen Zimmer sitzen, in dem nicht einmal die Vorhänge zugezogen waren, um den kalten Regen auszublenden, der gegen die Scheibe schlug. Und ich würde auch nicht diese angehäuften Zeugen der Vergangenheit anblicken und über die Pflicht nachdenken, die sie mir auferlegten. Ich würde in einem anderen, regenbogenfarbenen Zimmer sitzen, und ich würde nicht in die Vergangenheit schauen, sondern in die Zukunft, und ich würde auch nicht allein hier sitzen.

Das sagte ich mir, und mit einer Geste, die nicht einer Neigung, sondern schierer Willenskraft entsprang, wie fast alles, was ich tat, nahm ich das Tagebuch aus dem Karton und schlug es auf.

TAGEBUCH FÜR DASJAHR1900

stand dort in Kupfertiefdruckschrift, ganz anders als die Schriften, die man heute benutzt. Und rund um das Jahr, das so zuversichtlich angekündigt wurde, das erste Jahr des Jahrhunderts, auf den Flügeln der Hoffnung, drängten sich die Tierkreiszeichen, von denen jedes dem Betrachter eine Fülle von Leben und Kraft zu vermitteln schien. Alle waren sie herrlich, aber jedes hatte eine andere Art von Herrlichkeit. Wie gut ich mich an sie erinnerte, an ihre Form und ihre Ausstrahlung, und ich erinnerte mich auch wieder an die Magie, mit der sie damals für mich behaftet waren, auch wenn sie heute keine Macht mehr über mich hatte, und das prickelnde Gefühl künftiger Genüsse, das sie vermittelten – die niederen Kreaturen nicht weniger als die erhabenen.

Die Fische sprangen unbekümmert, als gäbe es keine Netze und Haken, der Krebs hatte ein Zwinkern im Augenwinkel, als wäre er sich sehr wohl seiner seltsamen Gestalt bewusst und könnte sich selbst ganz köstlich über den Witz amüsieren; sogar der Skorpion hatte seine schrecklichen Scheren mit einem fröhlichen, heraldischen Flair erhoben, als wären seine mörderischen Absichten bloße Legende. Widder, Stier und Löwe versinnbildlichten herrschaftliche Männlichkeit, sie waren das, was wir alle meinten, in uns zu tragen; unbekümmert, edel, selbstbewusst, herrschten sie über ihre Monate mit königlich lässiger Gebärde. Was die Jungfrau, die einzige eindeutig weibliche Gestalt in dieser Galaxie, für mich bedeutete, vermag ich kaum zu sagen. Sie war geziemend verhüllt, aber nur von den Locken und Strähnen ihres langen Haares, und ich habe meine Zweifel, ob die Schuldirektion es gebilligt hätte, wenn sie gewusst hätte, wie viele Stunden ich tändelnd mit ihr verbrachte, wenngleich diese Spiele sicher noch weitgehend unschuldig waren. Für mich war sie der Schlüssel zu diesem ganzen Arrangement, der Höhepunkt, der krönende Schlussstein, die Göttin – denn damals, im Gegensatz zu heute, ordnete ich die Dinge leidenschaftlich hierarchisch zu einer aufsteigenden Leiter an, Kreis um Kreis, Ebene um Ebene, unbeeinflusst vom jährlichen, mechanischen Kreislauf der Monate. Ich wusste, dass das Jahr wieder zum Winter hinwandern muss und von Neuem beginnen, doch in meiner Vorstellung war die Gesellschaft der Tierkreiszeichen keinerlei solchen Beschränkungen unterworfen: Sie rasten in einer aufsteigenden Spirale Richtung Unendlichkeit.

Und die Ausdehnung, wie von einem göttlichen Gas, das ich für das regierende Prinzip meines Lebens hielt, schrieb ich dem nächsten Jahrhundert zu. Das Jahr 1900 hatte eine geradezu mystische Strahlkraft für mich: »Neunzehnhundert, neunzehnhundert«, sagte ich hingerissen immer wieder vor mich hin, und als das alte Jahrhundert sich seinem Ende zuneigte, begann ich zu überlegen, ob ich seinen Nachfolger wohl noch erleben würde. Das hatte durchaus seine Berechtigung: Ich war krank gewesen und war mit der Vorstellung des Todes vertraut, aber viel mehr noch war es die Angst, etwas unendlich Kostbares zu verpassen – das Heraufdämmern eines Goldenen Zeitalters. Denn das würde das kommende Jahrhundert sein, so glaubte ich: eine Verwirklichung der Hoffnungen, die ich für mich selbst hegte, aber auch für die ganze Welt.

Das Tagebuch war ein Weihnachtsgeschenk meiner Mutter, der ich einige, wenn auch keineswegs all meine Zukunftspläne anvertraut hatte, und sie wollte, dass die Tage in einem würdigen Rahmen festgehalten wurden.

In meinen Tierkreisphantasien gab es jedoch einen Misston, den ich zu überhören versuchte, wenn ich in ihrer Betrachtung schwelgte, denn er verdarb mir das Erlebnis. Und dieser Misston war meine eigene Rolle darin.

Mein Geburtstag fiel in die letzten Julitage, und ich hatte noch einen weiteren Grund, einen ganz hervorragenden, den Löwen als mein Zeichen in Anspruch zu nehmen, obwohl es mir furchtbar peinlich gewesen wäre, das in der Schule zu erwähnen. Doch so sehr ich ihn und das, wofür er stand, bewunderte, ich konnte mich nicht mit ihm identifizieren, denn ich hatte die Fähigkeit verloren, die ich damals, genau wie andere Kinder, gehabt hatte – nämlich so zu tun, als wäre ich ein Tier. Innerhalb von anderthalb Trimestern hatte ich diese Einbildungskraft eingebüßt, aber das hatte auch seine natürlichen Ursachen. Ich war zwischen zwölf und dreizehn und wollte mich gerne als Mann sehen.

An Männern gab es im Tierkreis nur zwei Kandidaten, Schütze und Wassermann, und es erschwerte mir die Wahl noch zusätzlich, dass der Künstler, der wahrscheinlich nur wenige Standardgesichter beherrschte, sie sehr ähnlich gezeichnet hatte. Tatsächlich war es derselbe Mann, nur dass er verschiedene Aufgaben erfüllte. Er war kräftig und stämmig, und das gefiel mir, denn ich hatte unter anderem den Ehrgeiz, eine Art Herkules zu werden. Zum Schützen tendierte ich aus romantischen Gründen, und auch, weil mir das Schießen als Idee gefiel. Doch mein Vater war Pazifist gewesen – ich vermutete, dass der Schütze dem Kriegerhandwerk nachging – und wenn ich an den Wasserträger dachte, wusste ich zwar, dass er ein nützliches Mitglied der Gesellschaft war, aber ich konnte ihn mir einfach nur als Farmarbeiter oder höchstens als Gärtner vorstellen, und keins von beidem wollte ich werden. Die zwei Männer zogen mich an und stießen mich zugleich ab, vielleicht war ich eifersüchtig auf sie. Während ich den Umschlag des Tagebuchs musterte, versuchte ich, die Sagittarius-Aquarius-Kombination auszublenden, und als das gesamte Bild Flügel bekam und sich zum Zenith aufschwang und das zwanzigste Jahrhundert in einem letzten wilden himmlischen Tanz mit sich riss, konnte ich die beiden in Gedanken manchmal zurücklassen. Dann hatte ich die Jungfrau, ein Tierkreiszeichen ohne spezifische Aufgabe, ganz für mich allein.

Dem Tagebuch hatte ich zu verdanken, dass ich Klassenerster wurde, weil ich sämtliche Tierkreiszeichen kannte. In anderer Hinsicht war die Wirkung weniger glückbringend. Ich wollte mich des Tagebuchs würdig erweisen, seines violetten Ledereinbands, des Goldschnitts, seiner ganzen Pracht, und ich fühlte mich berufen, meine Einträge all dem gerecht werden zu lassen. Sie mussten etwas Bemerkenswertes festhalten, und sie mussten einen hohen literarischen Standard erreichen. Meine Vorstellungen davon, was als bemerkenswert gelten konnte, waren doch ziemlich anspruchsvoll, und es kam mir so vor, als würde mein Schulleben nicht genug Ereignisse bieten, die für einen so großartigen Rahmen wie mein Tagebuch geeignet waren, oder überhaupt für das Jahr 1900.

Was hatte ich geschrieben? Ich erinnerte mich gut an die Katastrophe, aber nicht an die Ereignisse, die langsam darauf hinführten. Ich blätterte ein wenig und fand nur spärliche Einträge. »Tee mit Cs Pater und Mater – sehr nett.« Dann, schon etwas gekünstelter: »Verdammt anständiger Tee mit Ls Familie. Muffins, Scones, Kuchen und Erdbeermarmelade.« »Mit drei Kutschen nach Canterbury gefahren. Kathedrale besichtigt, sehr interessant, Thomas A’Becketts Blut. Très beeindruckend.« »Spaziergang zu Kingsgate Castle. M. zeigte mir sein neues Messer.« Die erste Erwähnung von Maudsley, ich blätterte hastig weiter. Ah, da war sie ja – die Geschichte mit Lambton House. Lambton House war eine Privatschule in der Nähe, gegenüber der wir eine besondere Rivalität empfanden – sie war für uns, was Eton für Harrow ist. »Heimspiel gegen Lambton House. Unentschieden 1:1.« »Auswärtsspiel gegen Lambton House. Unentschieden 3:3.« Dann: »Letztes und endgültiges und finales Rückspiel. Lambton House BEZWUNGEN 2:1!!!! McClintock schoss beide Tore!!!!«

Danach folgten eine Weile keine Einträge mehr. Bezwungen! Für dieses Wort musste ich büßen. Meine Einstellung zu meinem Tagebuch war doppelbödig und widersprüchlich: Einerseits war ich extrem stolz darauf und wollte, dass jeder es sah und was ich hineingeschrieben hatte, andererseits hatte ich instinktiv den Wunsch, es geheim zu halten, und wollte nicht, dass es jemand zu Gesicht bekam. Ich verbrachte Stunden damit, das Für und Wider abzuwägen. Ich dachte an den Beifall, den das Tagebuch hervorrufen würde, wenn es voller Bewunderung vom einen zum andern weitergereicht wurde. Ich dachte an die Mehrung meines Ansehens, die Chance zum Angeben, von der ich diskret, aber effektiv Gebrauch machen würde. Andererseits war da das intime Vergnügen, im Geheimen über dem Tagebuch zu brüten wie ein Vogel, der auf seinen Eiern sitzt, bis sein Nachwuchs schlüpft: Ich verlor mich in meinen Träumereien über die Tierkreiszeichen, spekulierte über das gloriose zwanzigste Jahrhundert, war wie berauscht von meinen fast sinnlichen Vorahnungen kommender Ereignisse. Das alles waren Freuden, die nur die Geheimhaltung möglich machte; sobald ich es ihnen verriet oder die Quelle preisgab, würden sie sich in Luft auflösen.

Deswegen versuchte ich, das Beste aus beiden Welten herauszuholen: Ich deutete gegenüber meinen Schulkameraden den Besitz eines geheimen Schatzes an, aber sagte nicht, was es war. Und eine Weile hatte ich mit diesem Vorgehen auch Erfolg, denn die anderen wurden neugierig und stellten Fragen. »Wieso, was ist es denn? Erzähl!« Genüsslich parierte ich: »Das würdet ihr gerne wissen, hm?« Genüsslich stolzierte ich mit einem leisen Lächeln und einer »Wenn ich wollte, könnte ich«-Miene herum. Zuweilen ermutigte ich auch zu Ratespielchen im Stile von »Tier, Pflanze, Mineral«, doch sobald es zu heiß wurde, brach ich ab.

Vielleicht verriet ich zu viel; jedenfalls passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Es kam ohne jede Vorwarnung: Es passierte in der Pause am Vormittag, wahrscheinlich hatte ich an diesem Tag nicht in mein Pult geschaut. Auf einmal war ich umzingelt von einem Mob aus grinsenden Rangen, die mir zuriefen: »Wer hat ›bezwungen‹ gesagt? Wer hat ›bezwungen‹ gesagt?« Und im nächsten Moment fielen sie auch schon über mich her, ich wurde zu Boden geworfen und diversen Formen körperlicher Folter ausgesetzt, und der Peiniger, der mir am nächsten war – er klang fast so atemlos wie ich, weil ihn die Meute genauso zusammenquetschte – schrie: »Bist du jetzt auch bezwungen, Colston? Bist du jetzt auch bezwungen?«

In diesem Augenblick war ich es ganz bestimmt, und die ganze nächste Woche, die mir vorkam wie eine Ewigkeit, ließ man mir mindestens einmal täglich dieselbe Behandlung angedeihen – nicht immer zur gleichen Zeit, denn die Rädelsführer wählten die Gelegenheit mit Bedacht. Manchmal dachte ich schon, ich wäre für den Tag davongekommen, aber dann sah ich, wie sich die bösartige Meute zusammenrottete, die »bezwungen«-Schreie erklangen, und schon stürzte die Horde wieder auf mich los. Ich erklärte mich für bezwungen, so schnell ich konnte, aber meistens war ich schon lädiert von oben bis unten, bevor sie von mir abließen.

So idealistisch ich auch in die Zukunft blicken mochte, so realistisch sah ich seltsamerweise die Gegenwart: Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, mein Schulleben irgendwie mit dem Goldenen Zeitalter in Verbindung zu bringen oder zu glauben, dass das zwanzigste Jahrhundert mich enttäuschen würde. Ich musste auch nicht den Impuls unterdrücken, nach Hause zu schreiben oder bei einem Lehrer zu petzen. Ich wusste, ich hatte mir das alles selbst zuzuschreiben, indem ich dieses prätentiöse Wort benutzt hatte, und ich stellte das Recht der Öffentlichkeit, mich zu bestrafen, nicht in Frage. Aber ich wollte verzweifelt beweisen, dass ich nicht bezwungen war, und da ich das schlecht mit körperlicher Kraft erreichen konnte, musste ich auf eine List zurückgreifen. Ich war ziemlich überrascht, als man mir mein Tagebuch zurückgab. Abgesehen davon, dass man überall das Wort »bezwungen« hineingekritzelt hatte, war es unversehrt. Ich schrieb seine Rückgabe der Großmut der anderen zu, heute glaube ich, dass eher vernünftige Überlegungen dahintersteckten, weil man fürchtete, dass ich das Verschwinden als Diebstahl melden könnte. Einen Diebstahl zu melden verstieß nicht gegen unseren Ehrenkodex, es war kein Petzen, wie es etwa die Klage über meine körperlichen Misshandlungen gewesen wäre. Ich hielt ihnen das zugute, aber mir war sehr daran gelegen, den Verfolgungen ein Ende zu setzen und wieder quitt mit meinen Kameraden zu werden. Quitt, aber auch nicht mehr, denn ich war nicht rachsüchtig. Gott sei Dank waren die höhnischen Worte in Bleistift geschrieben. Ich zog mich mit dem besudelten Tagebuch auf die Toiletten zurück und begann das Gekritzel auszuradieren. Dort, in dem entspannten Geisteszustand, den solch mechanisches Reiben hervorruft, kam mir die Idee.

Ich dachte mir, sie würden glauben, dass das Tagebuch als Talisman für mein Selbstwertgefühl für immer ausgedient hatte – und tatsächlich hatten sie fast Recht, denn im ersten Moment hatte ich das Gefühl, dass es durch die Attacken seine Magie verloren hatte, ich konnte seinen Anblick kaum ertragen. Doch als die höhnischen »bezwungen« eines nach dem anderen verschwanden, begann es seinen Wert für mich zurückzugewinnen, ich spürte, wie seine Kraft zurückkehrte. Wie wunderbar es wäre, es zum Instrument meiner Rache zu machen! Es würde eine geradezu poetische Gerechtigkeit darin liegen. Außerdem würde ich meine Feinde überraschen, sie würden niemals Gefahr von einer Waffe wittern, die sie ihrer Meinung nach so gründlich entschärft hatten. Und gleichzeitig würden sich ihr Gewissen melden, denn es wäre ein Symbol der Kränkung, die sie mir zugefügt hatten, und umso empfindlicher würde sie eine Attacke mit eben dieser Waffe treffen.

Ich zog mich zurück und übte unermüdlich, und dann schnitt ich mich in den Finger, tauchte meine Feder in mein Blut und schrieb die zwei Verwünschungen in mein Tagebuch.

Ich betrachtete sie jetzt, braun und verblichen, noch entzifferbar, aber nicht verständlich, außer den beiden in Blockbuchstaben geschriebenen Namen, JENKINS UND STRODE, die in düsterer Lesbarkeit herausstachen. Die Flüche waren niemals verständlich, weil sie keinen Sinn ergaben: Ich setzte sie aus Figuren und algebraischen Symbolen zusammen und ein paar Sanskrit-Schriftzeichen, die ich einmal in einer Übersetzung von Peau de Chagrin zu Hause gesehen und studiert hatte. Auf FLUCH EINS folgte FLUCH ZWEI. Jeder nahm eine Seite des Tagebuchs ein. Auf die nächste Seite, die ansonsten leer blieb, hatte ich geschrieben:

FLUCH DREI

NACH FLUCH DREI STIRBT DAS OPFER

Geschrieben von meiner Hand und

mit meinem BLUT

DURCH VERFÜGUNG

DER RÄCHER

Obwohl die Buchstaben verblichen waren, atmeten sie immer noch Bösartigkeit, noch immer konnten sie einen abergläubischen Nerv in Schwingung versetzen, und ich hätte mich dafür schämen sollen. Aber ich schämte mich nicht. Im Gegenteil, ich spürte einen gewissen Neid auf das Ich jener Tage, das sich weigerte, sich zu viel gefallen zu lassen, das von Beschwichtigung nichts wissen wollte und bereit war, alles daran zu setzen, um den Respekt der Gemeinschaft zurückzugewinnen.

Was ich mir von diesem Plan erwartete, wusste ich selbst kaum, aber ich legte das Tagebuch in meinen Spind, den ich mit Absicht unverschlossen ließ, sogar nur angelehnt, so dass man den Einband meines Tagebuchs gut sehen konnte, und wartete ab, was geschehen würde.

Ich musste nicht lange warten – das Ergebnis kam sehr prompt und war sehr unangenehm. Innerhalb weniger Stunden fiel man wieder über mich her, und die Prügel, die ich dann bezog, waren die schlimmsten überhaupt. »Bist du bezwungen, Colston, bist du bezwungen?«, schrie Strode, der sich im Kampfgetümmel rittlings auf mich gesetzt hatte. »Na, wer ist jetzt der Rächer?« Und er drückte mir die Finger unter die Augen, ein Trick, mit dem man die Augen aus ihren Höhlen herausdrücken konnte, wie wir glaubten.

Als ich in der Nacht im Bett lag, liefen mir zum ersten Mal Tränen aus den brennenden Augen. Es war mein zweites Trimester in der Schule; ich war nie unbeliebt gewesen, und noch weniger hatte man mich planvoll schikaniert, deswegen wusste ich nicht, was ich in dieser Situation anfangen sollte. Ich hatte das Gefühl, mein Pulver verschossen zu haben. Meine Verfolger waren alle älter als ich, daher konnte ich schlecht meine Freunde um mich scharen, um gegen sie zu kämpfen. Und da ich das nicht konnte, konnte ich auch nicht um Mitleid bitten. Es war absolut korrekt, Verbündete um sich zu sammeln, wenn es darum ging, einen Plan in die Tat umzusetzen; doch sich jemand anzuvertrauen, nur um sich ihm anzuvertrauen – an so etwas war nicht zu denken. Die anderen vier Jungen in meinem Schlafsaal (einer davon Maudsley) wussten natürlich von meinem Kummer, aber niemand hätte auch nur im Traum daran gedacht, darüber zu sprechen, nicht mal, wenn sie meine Narben und blauen Flecken sahen – vielleicht in dem Moment am allerwenigsten. Selbst ein Kommentar wie »Pech gehabt« wäre ganz unangebracht gewesen, denn damit hätte man ja angedeutet, dass ich nicht in der Lage war, auf mich selbst aufzupassen. Das wäre so gewesen, als hätte man auf ein körperliches Gebrechen hingewiesen. Das Gesetz, nach dem jeder für sich selbst einstehen muss, galt unumstößlich, und niemand stand mit größerer Überzeugung dahinter als ich. Da ich später an die Schule gekommen war, hatte ich all ihre Regeln kritiklos akzeptiert. Ich war ein Konformist: Es kam mir nie in den Sinn, an dem System oder dem menschlichen Herzen könne etwas falsch sein, nur weil ich litt.

Nichtsdestoweniger bezeugten mir meine Zimmergenossen eine Art von Rücksicht, und daran denke ich immer noch mit Dankbarkeit zurück. Wenn das Licht gelöscht war, unterhielten wir uns üblicherweise immer noch ein paar Minuten, aus dem schlichten Grund, weil es verboten war, und wenn einer der fünf Bewohner an dieser Unterhaltung nicht teilnahm, erinnerte man ihn ausdrücklich daran und sagte ihm, dass er ein Feigling sei und den guten Namen des Schlafsaals beflecke. Ich weiß nicht, ob man mein Schluchzen hören konnte, aber ich wagte nicht, etwas zu sagen, weil ich befürchtete, dass meine Stimme zittrig klingen könnte, und niemand machte mir Vorwürfe wegen meines Schweigens.

Am nächsten Tag spazierte ich in der Pause alleine herum, wobei ich mich möglichst nahe an der Mauer hielt, weil ich dort immerhin nicht umzingelt werden konnte. Mit einem Auge schielte ich zu der Bande (wo vorher keiner gewesen war, standen plötzlich sechs von ihnen), als auf einmal ein Junge, den ich kaum kannte, mit einem seltsamen Gesichtsausdruck auf mich zukam und sagte:

»Hast du schon gehört, was passiert ist?«

»Was denn?« Ich hatte mit kaum jemand gesprochen.

»Mit Jenkins und Strode.« Er sah mich aus leicht zugekniffenen Augen an.

»Warum, was ist passiert?«

»Sie waren gestern Abend auf dem Dach, und Jenkins ist ausgerutscht, und Strode hat versucht, ihn festzuhalten, aber er ist auch mitgerissen worden. Sie liegen beide mit einer Gehirnerschütterung auf der Krankenstation, man hat ihre Familien schon benachrichtigt. Jenkins’ Mater und Pater sind gerade angekommen. Sie sind in einer Kutsche mit runtergezogenen Rouleaus gekommen, und Jenkins’ Mater trägt jetzt schon Schwarz. Ich dachte, das interessiert dich vielleicht.«

Ich sagte nichts, und der Junge ging pfeifend davon, nicht ohne mir noch einen Blick über die Schulter zuzuwerfen. Ich bekam ganz weiche Knie und wusste nicht, wie mir geschah. Es war so ungewohnt, keine Angst mehr vor der Bande haben zu müssen. Doch ich hatte Angst – davor, was sie mit mir tun würden, wenn ich ein Mörder wäre. Die Pausenglocke läutete, und ich ging auf die Tür in der Ecke zu. Zwei Jungs aus meinem Schlafsaal kamen auf mich zu und gaben mir die Hand. »Glückwunsch«, sagten sie mit respektvollen Mienen. In dem Moment wusste ich, dass alles in Ordnung war.

Danach war ich ein ziemlicher Held, denn wie sich herausstellte, hatte niemand Jenkins und Strode wirklich leiden können, obschon niemand einen Finger gehoben hatte, um sie davon abzuhalten, mich zu piesacken. Sogar die vier Kumpels, die ihnen immer geholfen hatten, mich zu verdreschen, behaupteten jetzt, sie hätten es nur getan, weil Jenkins und Strode sie gezwungen hatten. Jenkins und Strode hatten jedem von den Verwünschungen erzählt, in der Absicht, mich lächerlich zu machen, und nun wollte die ganze Schule nur eines von mir wissen: Hatte ich vor, den dritten Fluch auch noch auszusprechen? Sogar die Jungs aus den obersten Klassen sprachen mich darauf an. Man war sich im Allgemeinen einig, dass es ritterlicher sei, darauf zu verzichten, aber dass es mein gutes Recht sei: »Die Kerle haben eine Lektion verdient«, sagte der Schülerpräses. Ich sprach den Fluch jedoch nicht aus. Insgeheim graute mir vor dem, was ich getan hatte, und wäre die öffentliche Meinung nicht so deutlich zu meinen Gunsten ausgefallen, wäre ich über die Sache vielleicht in krankhafte Düsternis verfallen. Vielmehr ersann ich eine Reihe von Zaubersprüchen, mit denen ich den Opfern Genesung wünschte, aber die schrieb ich nicht in mein Tagebuch, zum einen, weil sie das Gefühl äußersten Triumphes geschmälert hätten, in dem die anderen mich bestärkten, zum andern, weil mein Ruf als Zauberer gelitten hätte, wenn sie nicht gewirkt hätten. Außerdem wäre es auch kein Schachzug gewesen, der mir Beliebtheit eingetragen hätte, denn in den paar Tagen, in denen die Jungen in Lebensgefahr schwebten, liefen wir alle in gedrückter Stimmung und mit langen Gesichtern herum, hofften aber insgeheim das Schlimmste. Gruselige Berichte waren in Umlauf – von Gesichtern unter Laken, in Tränen aufgelösten Eltern –, und die Atmosphäre der Spannung und Krise verlangte nach einer Katastrophe als Ventil. Sie wurde aber darum betrogen, allerdings nur schrittweise, und während des langgezogenen Entspannungsprozesses bekam ich viele ziemlich reuige Glückwünsche zu meiner Voraussicht, den dritten Fluch nicht mehr ausgesprochen zu haben. Die meisten Jungs – und in gewissen Stimmungslagen gehörte auch ich zu ihnen – glaubten, dass dieser Spruch tödlich gewesen wäre.

»Bist du bezwungen, Colston, bist du bezwungen?« Nein, ich war nicht bezwungen, ich war als strahlender Sieger aus diesem Kampf hervorgegangen. Ich war der Held der Stunde, und obwohl die Welle meiner Beliebtheit nicht auf ihrem anfänglichen Hoch blieb, verlor ich sie auch nicht mehr ganz. Ich wurde zur anerkannten Autorität auf zwei Gebieten, die die Herzen der meisten Jungs damals höher schlagen ließen: Schwarze Magie und die Anfertigung von Geheimschriften, und bei beidem wurde ich häufig um Rat gefragt. Ich machte sogar ein bisschen Geld damit, indem ich drei Pence für jeden Ratschlag verlangte, den ich erst erteilte, nachdem gewisse Beschwörungszeremonien abgehalten worden waren, Passwörter ausgetauscht und so weiter. Ich erfand sogar eine Sprache und hatte das berauschende Vergnügen, ein paar Tage lang zu hören, wie sie um mich herum benutzt wurde. Wenn ich mich recht entsinne, bestand sie darin, dass man die Silbe »ski« abwechselnd zum Präfix und Suffix jedes Wortes in einem Satz machte, also: »Skihast duski skideine Hausiski skigemacht?« Die anderen fanden das sehr lustig, also erwarb ich mir auch noch den Ruf eines Witzboldes. Und eines Meisters der Sprache. Man machte sich nicht mehr über mich lustig, wenn ich komplizierte, lange Wörter benutzte, im Gegenteil, man erwartete sie von mir; das Tagebuch wurde zu einer Fundgrube für Synonyme der ehrgeizigsten Art. Damals begann ich davon zu träumen, einmal Schriftsteller zu werden – vielleicht der größte Schriftsteller des größten Jahrhunderts, des zwanzigsten nämlich. Ich hatte keine Ahnung, worüber ich schreiben wollte. Aber ich schrieb Sätze, von denen ich dachte, dass sie gedruckt gut aussehen und gut klingen würden: dass die Produkte meines Schreibens überhaupt in gedruckter Form erscheinen würden, war mein erklärtes Ziel, und ein Schriftsteller war meiner Meinung nach jemand, dessen Werk die Anforderungen des Drucks erfüllte.

Eine Frage wurde mir oft gestellt, aber ich beantwortete sie nie: Was genau bedeuteten die Flüche, die Jenkins und Strode buchstäblich zu Fall gebracht hatten? Wie würde ich sie übersetzen? Natürlich wusste ich selbst nicht, was sie bedeuteten. Ich hätte natürlich jederzeit eine Übersetzung erfinden könnten, aber ich hielt es aus diversen Gründen für klüger, es nicht zu tun. Solange sie ein Geheimnis blieben, würden sie mein Prestige weiter nähren; enthüllt jedoch und von verantwortungslosen Menschen genutzt, die nicht wussten, was für Schaden sie damit anrichten konnten? Da hätte man sie sogar gegen mich wenden können. In der Zwischenzeit wurden allenthalben private Flüche hergestellt: Papierstreifen mit kabbalistischen Zeichen wurden von Hand zu Hand weitergereicht. Aber obwohl ihre Urheber manchmal behaupteten, Erfolg erzielt zu haben, hätte nichts davon jemals meine Vorherrschaft gefährden können.

»Bist du bezwungen, Colston, bist du bezwungen?« Nein, ich war nicht bezwungen, ich hatte gewonnen, und mein Sieg – so unorthodox meine Methoden auch gewesen waren – hatte die wichtigste Anforderung unseres Ehrenkodex erfüllt: Ich hatte ihn allein gewonnen, oder zumindest ohne die Hilfe eines anderen Menschen in Anspruch zu nehmen. Niemand hatte gepetzt. Außerdem war ich innerhalb der traditionellen Grenzen des Schülerkosmos geblieben: so phantastisch in mancher Hinsicht, so sachlich in anderer. Die Flüche waren kein Schuss ins Blaue, obwohl das Resultat schlichtweg eine Sensation gewesen war. Sie zielten auf den Aberglauben, der in meinen Schulkameraden wohnte, wie ich instinktiv gewusst hatte. Ich war realistisch gewesen, ich hatte die Situation genau betrachtet und sie mit den Mitteln gelöst, die mir zu Gebote standen, und ich genoss die Belohnung des Realisten. Wenn ich Southdown Hill School irgendwie als dem zwanzigsten Jahrhundert zugehörig betrachtet hätte, oder den Tierkreiszeichen eng verbunden – eine Hierarchie von ruhmreichen, perfekten Wesen, die langsam in den Äther aufsteigen –, hätte ich eine ganz schöne Schlappe erlitten.

Ich überwand mich, nahm mir das Tagebuch wieder vor und blätterte die eng beschriebenen Seiten um, die beschwingt von meinen Erfolgen berichteten. Februar, März, April – im April hörten die Einträge auf, denn es waren Ferien –, im Mai und der ersten Junihälfte war es wieder voll. Wieder verebbten die Einträge, und dann war ich im Juli. Unter Montag, den 9., hatte ich »Brandham Hall« geschrieben. Es folgte eine Liste mit Namen, die Namen der anderen Gäste dort, und dann »Dienstag, 10., 29 Grad«. Jeden Tag danach hatte ich die Höchsttemperatur notiert und noch vieles mehr, bis »Donnerstag, 26., 27 Grad.«

Das war der letzte Eintrag im Juli, und der letzte Eintrag im ganzen Tagebuch. Ich musste gar nicht weiterblättern, um zu wissen, dass die nächsten Seiten leer waren.

Es war fünf nach elf, fünf Minuten nach meiner üblichen Schlafenszeit. Ich hatte Schuldgefühle, weil ich immer noch auf war. Aber die Vergangenheit quälte mich, und ich wusste, dass die Ereignisse dieser neunzehn Julitage in mir in Aufruhr waren, wie der Schleim, der sich bei einer Bronchitis löst und darauf wartet, hochgehustet zu werden. Ich hatte sie all die Jahre tief in mir vergraben, aber sie waren da, das wusste ich, und da ich sie so sorgfältig einbalsamiert hatte, waren sie umso vollständiger, umso weniger vergessen. Niemals, niemals hatten sie das Tageslicht gesehen, sobald sie sich auch nur ganz leicht regten, hatte ich sie sofort mit einer weiteren Schaufel Erde erstickt.

Mein Geheimnis – die Erklärung meiner selbst – lag dort. Natürlich nehme ich mich selbst viel zu wichtig. Warum sollte es jemand interessieren, wie ich war, damals oder jetzt? Aber jeder Mensch ist sich selbst ab und zu wichtig; mein Problem war es gewesen, dass ich diese Wichtigkeit heruntergespielt und sie so dünn über ein halbes Jahrhundert verteilt hatte, wie ich nur konnte. Dank meiner Begräbnispolitik hatte ich mir mein Leben gut eingerichtet, ich hatte mich auf eine Art arrangiert, die eben funktionierte – und »funktionieren« ist genau der richtige Ausdruck dafür –, unter der Bedingung, dass es keine Exhumierung geben durfte. Stimmte es, was ich mir manchmal sagte, dass ich meine größte Energie auf die Kunst der Leichenbestattung verwendet hatte? Und wenn ja, spielte es überhaupt eine Rolle? Hätte ich mich befreien können, mit dem Wissen, das ich heute hatte? Ich bezweifelte es; Wissen mag Macht sein, aber es ist nicht gleichbedeutend mit Widerstandsfähigkeit oder Findigkeit oder Anpassungsfähigkeit im Leben, und noch weniger ist es instinktives Mitgefühl mit der menschlichen Natur, und all diese Eigenschaften besaß ich im Jahr 1900 in weit höherem Maße als jetzt, 1952.

Wäre Brandham Hall die Southdown Hill School gewesen, hätte ich gewusst, wie ich damit umgehen musste. Meine Schulkameraden verstand ich, der Umgang mit ihnen war mir vertraut. Die Welt von Brandham Hall verstand ich nicht, die Menschen dort erschienen mir überlebensgroß; ihre Bedeutung war mir so schleierhaft wie die Bedeutung der Flüche, die ich auf Jenkins und Strode herabbeschworen hatte; sie hatten die Eigenschaften und Dimensionen von Tierkreiszeichen. Tatsächlich waren sie die Substanz meiner Träume, die Verwirklichung meiner Hoffnungen; sie waren die Inkarnation des glorreichen zwanzigsten Jahrhunderts. Fünfzig Jahre später hätten sie mir nicht gleichgültiger sein können als dem Stahl die Magneten in meiner Kragenschachtel.

Wenn mein zwölfjähriges Ich, das ich ziemlich liebgewonnen hatte, mir vorwerfen würde: »Warum bist du als Erwachsener so ein Langweiler geworden, wo ich dir doch so einen guten Start verschafft habe? Warum hast du dein Leben in staubigen Bibliotheken verbracht und die Bücher anderer Leute katalogisiert, statt deine eigenen zu schreiben? Was ist aus dem Widder, dem Stier, dem Löwen geworden, aus dem Beispiel, das ich dir vorgelebt habe? Und wo ist die Jungfrau mit ihrem strahlenden Gesicht und den langen Locken, die ich dir anvertraut habe?« – was sollte ich dann erwidern?

Ich hätte eine Antwort parat: »Na, du hast mich doch verraten, und ich werde dir auch sagen warum. Du bist zu nah an die Sonne geflogen, und du hast dich versengt. Du hast mich zu diesem ausgebrannten Geschöpf gemacht.«

Worauf er erwidern könnte: »Aber du hattest ein halbes Jahrhundert, um darüber wegzukommen! Ein halbes Jahrhundert, das halbe zwanzigste Jahrhundert, diese glorreiche Epoche, das goldene Zeitalter, das ich dir hinterlassen hatte!«

»Hat das zwanzigste Jahrhundert«, würde ich dann zurückfragen, »sich denn so viel besser geschlagen als ich? Wenn du aus diesem Zimmer hinausgehst, das zugegebenermaßen langweilig und freudlos ist, und den letzten Bus zu deinem vergangenen Zuhause nimmst, wenn du ihn nicht sowieso schon verpasst hast – dann überleg mal, ob das alles so strahlend aussieht, wie du es dir ausgemalt hast. Frag dich, ob es deine Hoffnungen erfüllt hat. Du bist bezwungen worden, Colston, du bist bezwungen worden, und dein Jahrhundert genauso, dein großartiges Jahrhundert, von dem du dir so viel erwartet hattest.«

»Aber du hättest es versuchen können. Du hättest nicht weglaufen dürfen. Ich bin nicht vor Jenkins und Strode davongelaufen, ich habe sie besiegt. Natürlich nicht sofort. Ich habe mich zurückgezogen und lange über sie nachgedacht, denn das eine kann ich dir sagen, die waren sehr real. Ich weiß heute noch, wie sie aussahen. Aber dann habe ich gehandelt. Sie waren meine Feinde, ich habe Flüche auf sie herabbeschworen, und sie sind vom Dach gefallen und haben eine Gehirnerschütterung erlitten. Danach haben sie mir keinen Ärger mehr gemacht. Sie kümmerten mich nicht mehr, der Gedanke an sie stört mich kein bisschen. Hast du irgendwie gehandelt? Hast du Flüche herabbeschworen?«

»Das«, sagte ich, »war deine Aufgabe, und du hast es nicht getan.«

»Doch, das habe ich – ich habe einen Zauber ausgesprochen.«

»Was hat der Zauber genützt, wo es Flüche gebraucht hätte? Du wolltest ihnen nicht wehtun, Mrs. Maudsley oder ihrer Tochter oder Ted Burgess oder Trimingham. Du wolltest dir nicht eingestehen, dass sie dir wehgetan hatten, du wolltest keine Feinde in ihnen sehen. Du wolltest sie unbedingt als Engel sehen, selbst wenn sie gefallene Engel waren. Sie gehörten zu deinem Tierkreis. ›Wenn du nicht nett über sie denken kannst, dann denk gar nicht an sie. Um deinetwillen, denk nicht an sie.‹ So lauteten deine Abschiedsworte an mich, und ich habe mich an sie gehalten. Vielleicht waren sie mir irgendwann nicht mehr freundlich gesonnen. Ich habe nicht an sie gedacht, weil ich nicht freundlich an sie denken konnte, und im Zusammenhang mit ihnen auch nicht freundlich an mich selbst. In dieser ganzen Angelegenheit waltete wenig Freundlichkeit, das kann ich dir versichern, und wenn du das begriffen und Flüche herabbeschworen hättest, statt mich mit deinem letzten Atemzug zu ermahnen, freundlich an sie zu denken …«

»Versuch es jetzt. Versuch es jetzt, es ist noch nicht zu spät.«

Die Stimme erstarb. Doch sie hatte ihre Wirkung getan. Ich dachte an sie. Die Leichentücher, die Särge, die Grüfte, alles, was sie in sich eingeschlossen hatte, brach jetzt auf, und ich musste mich ihm stellen, ich stellte mich ihm, der Szenerie, den Menschen und dem Erlebnis. Eine fast schon hysterische Aufregung stieg in mir auf, wie aus hundert entfesselten Quellen. Wenn es noch nicht zu spät ist, dachte ich verwirrt, ist es ganz sicher auch nicht zu früh: Ich habe nicht mehr viel Lebenszeit zu verschwenden. Es war ein letztes Aufflackern meines Selbsterhaltungstriebs, der mich auf Brandham Hall so eklatant im Stich gelassen hatte.

Es schlug zwölf Uhr. Um mich herum lagen die Papierstöße, schmutzig weiß und mit eingerissenen und abgestoßenen Rändern, wie die Klippen von Thanet. Unter diesen Klippen, dachte ich, liege ich begraben. Aber sie sollten meine Wiederauferstehung miterleben, die Wiederauferstehung, die in der roten Kragenschachtel ihren Anfang genommen hatte, deren Inhalt immer noch auf dem Boden verstreut lag. Ich hob das Schloss auf und musterte es noch einmal. Welche Buchstabenkombination hatte es geöffnet? Ich hätte sie erraten können, ohne mir die Mühe zu machen, mich in Trance zu versetzen: Der Egoismus hätte mir das entscheidende Stichwort geben können. Ich sagte es zögernd vor mich hin, denn jahrelang hatte ich es nur in geschriebener Form gesehen. Es war mein eigener Name: LEO.

1. KAPITEL

DER 8. JULI WAR ein Sonntag, und am darauffolgenden Montag brach ich aus West Hatch, dem Dorf in der Nähe von Salisbury, in dem wir lebten, nach Brandham Hall auf. Meine Mutter hatte mit meiner Tante Charlotte, die in London wohnte, ausgemacht, dass sie mich auf meiner Wegstrecke durch London begleiten sollte. Obwohl es mir zwischendrin in regelmäßigen Abständen den Magen umdrehte vor Aufregung, freute ich mich ganz unbändig auf diesen Besuch.

Die Einladung war folgendermaßen zustande gekommen: Maudsley war nie ein engerer Freund gewesen, was man schon daran merkt, dass ich seinen Vornamen gänzlich vergessen habe. Vielleicht wird er mir später noch einfallen: Das könnte eines dieser Dinge sein, vor denen meine Erinnerung noch zurückscheut. Aber damals redeten sich die Schüler nur selten mit dem Vornamen an. Der galt nur als lästige Bürde, wenn auch keine so schwere Bürde wie der zweite Vorname, den zu verraten schlichtweg dumm gewesen wäre. Maudsley war ein dunkelhaariger, schlanker Junge mit rundem Gesicht und hatte eine vorstehende Oberlippe, die seine Zähne entblößte; er war ein Jahr jünger als ich und tat sich weder in der schulischen Arbeit noch beim Sport hervor, aber er schummelte sich jedes Mal so mit durch, wie man so schön sagt. Ich kannte ihn recht gut, weil wir im selben Schlafsaal waren, und kurz vor der Tagebuchaffäre entdeckten wir, dass wir uns ganz gut leiden konnten, wir gingen immer nebeneinander (im Internat mussten wir nämlich in Zweierreihen gehen), zeigten einander unsere persönlichen Schätze und teilten uns sehr intime und daher prekärere Dinge mit, als Schuljungen sich normalerweise anvertrauen. Zu diesen Informationen gehörten auch unsere Anschriften; er erzählte mir, sein Zuhause heiße Brandham Hall, und ich erzählte ihm, wir wohnten in Court Place. Von uns beiden war er stärker beeindruckt, denn wie ich später entdeckte, war er ein Snob, was mir damals noch fernlag, außer in der Welt der Himmelskörper – da war ich der übelste Snob, den man sich vorstellen konnte.

Der Name Court Place nahm ihn für mich ein, und ich habe den Verdacht, dass sich auch seine Mutter davon beeindrucken ließ. Aber sie täuschten sich, denn Court Place war ein ziemlich gewöhnliches Haus, ein bisschen von der Dorfstraße zurückgesetzt, hinter girlandenartig befestigten Ketten, auf die ich ziemlich stolz war. Nun ja, so ganz gewöhnlich war es auch wieder nicht, denn ein Teil des Hauses war angeblich sehr alt. Es hieß, die Bischöfe von Salisbury hätten dort früher Hof gehalten, daher auch der Name. Hinter dem Haus hatten wir einen Morgen Garten, geteilt von einem Bach, zu dessen Pflege dreimal die Woche der Gärtner kam. Es war kein »Court« in dem volltönenden Sinne, von dem Maudsley wohl ausging.

Nichtsdestoweniger fiel es meiner Mutter nicht leicht, das Anwesen zu halten. Mein Vater war ein Sonderling gewesen, so kann man es wohl ausdrücken. Er hatte einen geschliffenen, präzisen Geist, der alles ignorierte, was ihn nicht interessierte. Ohne wirklich ein Menschenfeind zu sein, war er wenig sozial und unkonformistisch. Er hatte seine eigenen unorthodoxen Theorien zur Erziehung, und dazu gehörte, dass man mich nicht auf ein Internat schicken sollte. Solange er konnte, unterrichtete er mich selbst, mit Unterstützung eines Tutors, der aus Salisbury zu uns kam. Wäre es nach ihm gegangen, ich hätte nie den Fuß in eine Schule gesetzt, aber meine Mutter hatte es immer gewollt, und ich auch, und nach seinem Tod ging ich dann, sowie es möglich war. Ich bewunderte ihn und respektierte seine Ansichten, aber vom Gemüt her ähnelte ich eher meiner Mutter.

Seine Talente ließ er in seine Hobbys fließen, nämlich seine Büchersammlung und den Garten; als Brotberuf hatte er eine Routinebeschäftigung gewählt und war ganz zufrieden mit seiner Position als Bankdirektor in Salisbury. Meine Mutter regte sich über seinen mangelnden Unternehmungsgeist auf und war ein bisschen eifersüchtig und unduldsam gegenüber seinen Hobbys, denn wie es mit Hobbys nun mal so ist, er igelte sich ganz darin ein, und so brachte er es nie zu etwas, wie sie meinte. Wie sich herausstellte, irrte sie hier, denn als Sammler besaß er Geschmack und Voraussicht, und seine Bücher brachten uns eine Summe ein, die uns bei ihrem Verkauf in Staunen versetzte; tatsächlich verdanke ich es ihnen, dass ich von dringenden Geldsorgen im Leben verschont bleibe. Aber das war viel später; damals dachte meine Mutter Gott sei Dank noch nicht daran, seine Bücher zu verkaufen: Sie hielt die Dinge hoch, die er gemocht hatte, zum Teil auch aus dem Gefühl heraus, dass sie unfair zu ihm gewesen war; und wir lebten von ihrem Geld und der Pension von der Bank und dem bisschen Ersparten, das er hatte beiseite legen können.

Meine Mutter war zwar nicht sehr weltgewandt, aber das weltliche Treiben zog sie immer an; sie dachte wohl, dass sie unter anderen Umständen durchaus ihren Platz darin hätte einnehmen können. Aber da mein Vater Gegenstände lieber hatte als Menschen, hatte sie wenig Gelegenheit dazu bekommen. Sie mochte Klatsch, sie mochte soziale Anlässe und sie mochte es, sich passend dafür anzuziehen, sie registrierte sehr deutlich die öffentliche Meinung im Dorf, und eine Einladung zu einem Fest in Salisbury versetzte sie jedes Mal in helle Aufregung. Sich auf einem gepflegten Rasen mit gut gekleideten Menschen zu unterhalten, während der Turm der Kathedrale über uns aufragte, sie zu grüßen und von ihnen gegrüßt zu werden, kleine Familienneuigkeiten auszutauschen und schüchtern ihre Meinung zu politischen Diskussionen beizutragen – bei solchen Gelegenheiten bebte sie vor Vergnügen, sie fühlte sich durch die Anwesenheit dieser Bekannten unterstützt, sie brauchte diesen sozialen Rahmen. Wenn der Landauer eintraf (es gab im Dorf einen Mietstall), bestieg sie ihn mit einem Flair von Stolz und Genugtuung, der ganz anders wirkte als ihre übliche verhuschte, ängstliche Art. Und wenn sie meinen Vater überredet hatte, sie zu begleiten, trat sie beinahe triumphierend auf.

Nach seinem Tod sank das bisschen soziale Gewicht, das wir gehabt hatten, nochmals; aber schon vorher war es nie das, was sich jemand mit einem ausgeprägten Sinn für die feinen Unterschiede erwartet hätte, wenn er den Namen Court Place hörte.

Das erzählte ich Maudsley selbstverständlich nicht – nicht, weil ich ihm etwas hätte verbergen wollen, sondern weil unser Ehrenkodex persönliche Mitteilungen dieser Art verbot. Es war nicht selten, dass jemand mit dem Vermögen und dem gesellschaftlichen Ansehen seiner Eltern angab, aber Maudsley gehörte nicht zu diesen Jungen. In gewisser Hinsicht besaß er eine frühreife Vornehmheit; er musste schon eine gewisse Schule durchlaufen haben, bevor er an unser Institut kam. Die Tiefen seiner Seele verstand ich nie, vielleicht gab es da auch wenig zu verstehen, abgesehen von einem instinktiven Gefühl für die öffentliche Meinung, ein savoir-faire, das es ihm möglich machte, auf der Gewinnerseite zu stehen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er dies irgendwie angestrebt hätte.

Während der Tagebuch-Episode war er neutral geblieben, und mehr hätte niemand von seinen Freunden erwarten können. (Das ist keinesfalls Zynismus – da sie zu einer jüngeren Altersgruppe gehörten, hätten sie letztlich nichts für mich tun können.) Aber als ich am Ende als Gewinner aus der Sache hervorging, machte er keinen Hehl daraus, wie er sich über meinen Erfolg freute, und hinterher erfuhr ich, dass er auch seiner Familie davon erzählt hatte. Er ließ sich von mir in Magie unterrichten, und ich weiß noch, wie ich ihm – kostenlos – bestimmte Flüche aufmalte, die er benutzen konnte, sollte er mal in Schwierigkeiten kommen – obwohl ich nicht davon ausging, dass er je in eine solche Situation geraten könnte. Er schaute zu mir auf, und ich legte wirklich Wert auf seine Anerkennung. In einem vertrauteren Moment verriet er mir, dass er nach Eton gehen würde, und er war tatsächlich wie für Eton gemacht: lässig, wohlerzogen, selbstsicher.

Die letzten Wochen des Ostertrimesters waren die glücklichsten meiner bisherigen Schullaufbahn, und auch die Ferien wurden noch von ihnen angestrahlt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, jemand zu sein. Als ich jedoch versuchte, meiner Mutter meinen veränderten Status zu erklären, war sie ratlos. Erfolg bei der schulischen Arbeit hätte sie verstanden (und glücklicherweise konnte ich ja auch von diesem berichten) oder Erfolg beim Sport (dessen konnte ich mich nicht rühmen, aber ich hoffte auf die Cricketsaison). Aber als Zauberer verehrt zu werden? Sie schenkte mir ihr sanftes, nachsichtiges Lächeln und schüttelte beinahe den Kopf. In gewisser Hinsicht war sie durchaus religiös, sie hatte mich dazu erzogen, mir Gedanken über moralisch gutes Verhalten zu machen und meine Gebete zu sprechen. Und das tat ich auch immer, denn unser Ehrenkodex gestattete das, solange es sachlich getan wurde: Hilfe beim lieben Gott zu suchen galt nicht als Petzen. Vielleicht hätte sie begriffen, was es für mich bedeutete, unter meinen Schulkameraden ein Auserwählter zu sein, wenn ich ihr die ganze Geschichte hätte erzählen können, aber ich musste sie so redigieren und zensieren, dass vom Original nur wenig übrig blieb, und am allerwenigsten eben von diesem berauschenden Übergang vom tiefsten Tal des Verfolgtwerdens auf einen Sockel der Macht. Ein paar Jungen waren ein bisschen unfreundlich zu mir gewesen, jetzt waren sie alle sehr freundlich. Weil ich etwas in mein Tagebuch geschrieben hatte, was einem Gebet nicht ganz unähnlich war, hatten sich die unfreundlichen Jungs wehgetan, und ich konnte nicht aus meiner Haut und freute mich darüber. »Aber war das denn gut, dass du dich darüber gefreut hast?«, fragte sie besorgt. »Ich finde, du hättest Mitleid mit ihnen haben müssen, auch wenn sie ein bisschen unfreundlich zu dir waren. Haben sie sich denn sehr wehgetan?« »Schon ziemlich«, sagte ich, »aber das waren meine Feinde, verstehst du nicht?« Doch sie weigerte sich, meinen Triumph zu teilen, und sagte beunruhigt: »Aber in deinem Alter solltest du wirklich noch keine Feinde haben.« Damals war eine Witwe immer noch eine verzweifelte Gestalt; meine Mutter fühlte sich dafür verantwortlich, mich richtig zu erziehen, und meinte, auch Entschiedenheit zeigen zu müssen, aber sie wusste nie so recht, wann oder wie sie sie einsetzen sollte. »Du musst schon nett zu ihnen sein, wenn sie wieder in die Schule kommen«, seufzte sie. »Ich glaube nicht, dass sie mit Absicht böse zu dir waren.«

Jenkins und Strode, die sich ein paar Knochen gebrochen hatten, kamen tatsächlich erst im Herbst wieder. Sie verhielten sich zurückhaltend, ich ebenfalls, und es fiel uns nicht weiter schwer, höflich zueinander zu sein.

Meine Mutter täuschte sich, wenn sie glaubte, dass ich mich schadenfroh an dem Absturz der Jungen weidete, war es doch vielmehr mein eigener Aufstieg, der meine Stimmung hob. Aber ich war empfänglich für Atmosphäre, und angesichts der halbherzigen Anteilnahme meiner Mutter konnten meine Träume von Größe nicht recht gedeihen. Ich begann mich zu fragen, ob ich mich für sie schämen sollte, und als ich in die Schule zurückkehrte, kam ich als Privatmann, nicht als Zauberer. Doch meine Freunde und Klienten hatten nicht vergessen, dass ich ein Magier war; zu meiner Überraschung waren sie nach wie vor erpicht darauf, von meinen Fertigkeiten in den Schwarzen Künsten zu profitieren. Ich war immer noch angesagt, und wenn ich noch Gewissensbisse gehabt hatte, waren sie schon bald verflogen. Man drängte mich, noch mehr Zaubersprüche auszusprechen, darunter auch einen, der uns schulfreie Tage verschaffen sollte. In diesen setzte ich meine ganze übersinnliche Kraft, und ich wurde belohnt. Anfang Juni hatten wir eine Masernepidemie. Bis zur Mitte des Trimesters lag die halbe Schule damit im Bett, und wenig später kam die dramatische Ankündigung, dass die Schule geschlossen bleiben würde.

Man kann sich sicher vorstellen, wie entzückt die Verschonten waren, zu denen auch Maudsley und ich gehörten. Der geistige und emotionale Rausch, auf den wir normalerweise noch dreizehn Wochen hätten warten müssen, war auf einmal nach sieben Wochen schon da, und dazu kam noch die aufregende Vorstellung, dass wir vom Schicksal begünstigt waren, denn in der Geschichte der Schule war eine solch krönende Gnade bis jetzt erst einmal gewährt worden.

Der Anblick meines glänzenden schwarzen Koffers mit dem beeindruckend gewölbten Deckel, der neben meinem Bett stand, flankiert von der braunen Seemannskiste meines Vaters, auf der ein dunklerer Farbfleck noch immer verriet, wo seine Initialen mit meinen übermalt worden waren – dieser sichtbare Beweis, dass wir tatsächlich heimfuhren, hatte einen mächtigeren Effekt auf mein Gemüt als die kurze Ankündigung des Direktors nach den Gebeten am Vorabend. Und nicht nur der Anblick, auch der Geruch: der Geruch von Zuhause, der aus dem Koffer und der Kiste aufstieg und den Geruch der Schule überlagerte. Einen ganzen Tag lang standen diese Behältnisse unserer Rettung leer, und solange sie leer waren, bestand immer noch die Furcht, dass J. C., wie wir ihn nannten, es sich noch einmal anders überlegen könnte. Die Hausdame und ihre Gehilfin waren in anderen Schlafsälen beschäftigt. Doch irgendwann waren auch wir dran, und dann sah ich, als ich mich neugierig nach oben schlich und spähte, wie der Kofferdeckel offen stand und das Einschlagpapier herausquoll, in dem meine leichteren, zerbrechlicheren Besitztümer eingewickelt wurden. Es war ein köstlicher Moment: Nichts, was danach kam, konnte diese reine Wonne übertreffen, obwohl die Aufregung immer noch stetig zunahm.

Vor dem Schultor fuhren zwei statt drei Kutschen vor. Die Apathie auf den Gesichtern der Kutscher kontrastierte heftig, aber irgendwie angenehm mit der Freude auf unseren Gesichtern. Sie kannten jedoch die Spielregeln und fuhren nicht los, bis nicht der letzte kleine Junge (selbst in meinen Augen sah er extrem klein aus) auf seinen Platz geklettert war. Es gab noch ein letztes Ritual zu erfüllen – die einzige große Geste, die wir uns erlaubten, denn eigentlich war so etwas an unserer Schule nicht üblich. Der Schulpräses stand auf, schaute sich um und rief: »Ein dreifaches Hoch auf Mr. Cross, Mrs. Cross und das Baby!« Warum das Baby auch genannt wurde, wusste ich nicht; vielleicht war es ein spontaner, witziger Einfall eines ehemaligen Schulpräses gewesen. Erst spät im Leben (so kam es uns zumindest vor) waren Mr. und Mrs. Cross mit einer dritten Tochter gesegnet worden. Die anderen beiden waren in unseren Augen schon erwachsen, die ließen wir nicht hochleben. Aber auch das Baby war im Grunde kein Baby mehr, sie war fast schon vier, doch aus unerfindlichen Gründen gefiel es uns, sie hochleben zu lassen, denn man sah ihr deutlich an, wie ihr das gefiel, von ihren Eltern in die Mitte genommen und hochgehoben zu werden und uns zuzuwinken. Wir warteten darauf, und wenn es geschah, lachten wir und stießen einander erleichtert mit den Ellenbogen an und waren, wie alle Engländer, ganz froh, unsere Jubelrufe nicht ganz so ernst nehmen zu müssen.

Im Vergleich zu sonst fiel die Lautstärke eher mäßig aus, aber es mangelte uns weder an Eifer, noch verschwendeten wir einen Gedanken daran, wie es für die leidenden Gefangenen auf der Krankenstation klingen musste. Die Würdigung des »Babys« ließ nichts zu wünschen übrig: sie war auf komische Art feierlich. Die Kutscher hoben ihre Peitschen, ohne die Blicke zu heben, dann fuhren wir ab.

Wie lange hielt die Ekstase des Entkommens an? Im Zug erreichte sie ihren Höhepunkt. Sowohl bei der Anfahrt als auch bei der Abreise bekam unsere Schule einen Extrawaggon. Es war ein Salonwagen, wie man sie heutzutage nicht mehr sieht, mit dunkelroten, plüschbezogenen Sitzen, die sich einander gegenüberliegend durchs ganze Abteil zogen. In den Polstern haftete ein starker Geruch nach Rauch und Tabak, der mir auf der Hinfahrt immer den Magen umdrehte. Aber auf dem Heimweg war er wie der Duft der Freiheit selbst und hatte die Wirkung eines Apéritifs. Alle Gesichter leuchteten vor Freude, man boxte sich spielerisch in die Seite und erfand neue Variationen über das Thema der South-Eastern and Smashem Railway. Lässig holte ich mein Tagebuch hervor und begann das Datum – es war Freitag, der 15. Juni – mit rotem Stift zu verzieren. Meine Sitznachbarn beobachteten mich verstohlen. War das ein neuer Zauberbann? Schließlich war ich die Kringel und Schnörkel leid und beschloss, den ganzen Tag rot anzumalen.

Glaubte ich wirklich, dass ich für die Masernepidemie verantwortlich war? In aller Bescheidenheit erhob ich schon ein bisschen diesen Anspruch, und in manchen Kreisen gestand man mir den durchaus zu. Ich wurde deswegen aber nicht maßlos überheblich, ganz im Gegenteil; doch die Ehrfurcht, mit der man mir begegnet war, wurde jetzt von einem gewissen gutmütigen Gekabbel abgemildert, das allerdings leicht in Spott hätte umschlagen können, wenn das Trimester noch weitergegangen wäre. Ich glaube, ich hatte mich schon ein Stück weit erhoben, aber nicht in meinem Verhalten gegenüber anderen, sondern in meiner Perspektive aufs Leben. Zuvor hatte ich oft an mir selbst gezweifelt, jetzt war mein Vertrauen in mich geradezu übermäßig. Ich erwartete, dass alles so laufen würde, wie ich es wollte, ohne dass ich viel dafür würde tun müssen. Ich musste mir die Dinge nur wünschen, und schon würden sie sich realisieren. Die Zeit der Verfolgungen war vorüber, ich hatte mich entspannt und war nicht mehr auf der Hut. Ich fühlte mich unverwundbar. Ich glaubte nicht, dass mein Glück von äußeren Faktoren abhängig war: Ich war der Überzeugung, dass die Gesetze der Wirklichkeit für mich außer Kraft gesetzt worden waren. Meine Träume für das Jahr 1900 und für das zwanzigste Jahrhundert und mich selbst würden sich erfüllen.

Es kam mir zum Beispiel nie in den Sinn, dass auch ich die Masern bekommen könnte, und ich war erstaunt, dass meine Mutter das nicht nur für möglich, sondern sogar für wahrscheinlich hielt. »Du sagst es mir sofort, wenn du dich nicht wohl fühlst, nicht wahr?«, bat sie mich ängstlich. Ich lächelte. »Ich werde ganz sicher nicht krank«, versicherte ich ihr. »Das hoffe ich auch«, sagte sie. »Aber vergiss nicht, wie krank du letztes Jahr warst.«

Das letzte Jahr, das Jahr 1899, war katastrophal gewesen. Im Januar verstarb mein Vater nach kurzer Krankheit, und im Sommer bekam ich Diphterie, mit Komplikationen obendrein; ich musste fast den gesamten Juli und August das Bett hüten. Diese Monate waren außergewöhnlich heiß; aber was mir von der Hitze im Gedächtnis blieb, war mein eigenes Fieber, die Hitze in meinem Zimmer war nur ein zusätzliches Übel. Die Hitze war mein Feind, die Sonne etwas, was man aussperren musste. Ich fürchtete sie, und wenn ich die Leute sagen hörte, was für ein wunderbarer Sommer es doch gewesen sei, fast der heißeste seit Menschengedenken, wollte mir nicht in den Kopf, was sie meinten – ich konnte nur an meine schmerzende Kehle denken und die verzweifelte Suche meiner unruhigen Glieder nach einer kühlen Stelle auf dem Bettzeug. Ich hatte allen Grund, mir das Ende dieses Jahrhunderts zu wünschen.