Ein tiefes Geheimnis - Wilkie Collins - E-Book

Ein tiefes Geheimnis E-Book

Wilkie Collins

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  • Herausgeber: FV Éditions
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Eine Landhause an der Westküste von Cornwall...Ein Geheimnisvoller Brief...Und ein schreckliches Geheimnis....Wilkie Collins war ein britischer Schriftsteller und Verfasser der ersten Mystery Thriller.

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Table of Contents

Page de titre

EIN TIEFES GEHEIMNIS

ERSTER BAND

Erstes Kapitel. Der 23. August 1829.

Zweites Kapitel. Das Verbergen des Geheimnisses.

Drittes Kapitel. Fünfzehn Jahre später.

Viertes Kapitel. Der Verkauf von Porthgenna Tower.

Fünftes Kapitel. Die Neuvermählten.

Sechstes Kapitel. Timon von London.

Siebentes Kapitel. Werden sie kommen ?

Achtes Kapitel. Mistreß Jazeph.

Neuntes Kapitel. Die neue Wärterin.

ZWEITER BAND

Erstes Kapitel. Eine Beratung.

Zweites Kapitel. Eine abermalige Überraschung.

Drittes Kapitel. Ein Komplott gegen das Geheimnis.

Viertes Kapitel. Im Freien.

Fünftes Kapitel. Im Hause.

Sechstes Kapitel. Mr. Munder auf dem Richterstuhle.

Siebentes Kapitel. Mozart spielt den Abschiedsgruß.

Achtes Kapitel. Ein alter Freund und ein neues Projekt.

Neuntes Kapitel. Der Anfang des Endes.

DRITTER BAND

Erstes Kapitel. Man nähert sich dem Abgrunde.

Zweites Kapitel. Dicht am Rande.

Drittes Kapitel. Das Myrtenzimmer.

Viertes Kapitel. Die Enthüllung des Geheimnisses.

Fünftes Kapitel. Onkel Joseph.

Sechstes Kapitel. Warten und Hoffen.

Siebentes Kapitel. Die Geschichte der Vergangenheit.

Achtes Kapitel. Das Ende des Tages.

Neuntes Kapitel. Vierzigtausend Pfund.

Zehntes Kapitel. Die Morgenröte eines neuen Lebens.

Copyright © 2012 - FV Éditions

Bild © Cathy [email protected]

übersetzt von August Kretzschmar

ISBN 978-2-36668-035-5

Alle Rechte Vorbehalten

*

EIN TIEFES GEHEIMNIS

William Wilkie Collins

(The Dead Secret - 1856)

ERSTER BAND

Erstes Kapitel. Der 23. August 1829.

„Ich bin neugierig, ob sie den heutigen Tag überlebt.“

„Sieh einmal an die Uhr, Joseph.“

„Zehn Minuten über Zwölf. Dann hat sie ja den Tag schon überlebt, Robert, denn es sind bereits zehn Minuten des neuen vorüber.“

Diese Worte wurde in der Küche eines großen Landhauses gesprochen, welches an der Westküste von Cornwall lag. Die Sprechenden waren zwei der Diener, welche das Hauspersonal des Kapitän Treverton ausmachten, eines Marineoffiziers und des ältesten männlichen Repräsentanten einer alten Familie dieser Provinz.

Beide Diener unterhielten sich zurückhaltend und flüsternd, während sie dicht beisammen saßen und sich, so oft ihr Gespräch ins Stocken kam, erwartungsvoll nach der Tür umblickten.

„Es ist etwas Schauerliches,“ sagte der ältere beiden Männer, „daß wir zwei so allein hier in dieser unheimlichen Stube und die Minuten zählen, welche unsere Herrin noch zu leben hat.“

„Robert,“ sagte der andere, indem er seine Stimme so tief senkte, daß sie kaum zu hören war, „du bist von deinen Knabenjahren an hier im Dienste gewesen – hast du jemals gehört, daß unsere Herrin Schauspielerin war, als unser Herr sie heiratete ?“

„Woher weißt du denn das ?“ fragte der ältere Diener stutzend.

„Still, still !“ rief der andere, indem er sich hastig von seinem Stuhl erhob.

Eine Klingel läutete draußen auf dem Gange.

„Gilt das einem von uns ?“ fragte Joseph.

„Kannst du denn immer noch nicht unsere Klingeln schon am Klange unterscheiden ?“ rief Robert verächtlich. „Diese gilt Sara Leeson. Geh hinaus und sieh nach.“

Der jüngere Diener nahm ein Licht und gehorchte. Als er die Küchentür öffnete, fiel sein Auge auf eine lange Reihe gegenüber an der Wand angebrachter Klingeln. Über jeder derselben stand in saubern schwarzen Buchstaben das unterscheidende Prädikat des Dieners, den sie zu rufen bestimmt war. Die Reihe dieser Überschriften begann mit „Haushälterin“ und endete mit „Küchenmagd“ und „Laufbursche“.

Die Klingeln entlang schauend, bemerkte Joseph mit leichter Mühe, daß eine derselben in Bewegung war. Über derselben stand das Wort „Kammermädchen“.

Nachdem er dies bemerkt, ging er rasch den Gang entlang und pochte am Ende desselben an eine große altväterische Tür von Eichenholz.

Da keine Antwort erfolgte, so öffnete er die Tür und schaute in das Zimmer hinein. Es war finster und leer.

„Sara ist nicht in dem Zimmer der Haushälterin“, sagte Joseph, nachdem er zu seinem Kameraden in die Küche zurückgekehrt war.

„Dann ist sie in ihr Schlafzimmer gegangen“, entgegnete der ältere Diener. „Geh hinauf und sage ihr, daß ihre Herrin sie verlangt.“

Als Joseph hinausging, läutete die Klingel wieder.

„Rasch ! – rasch !“ rief Robert. „Sage ihr, die Herrin verlange sie sofort. Vielleicht“, fuhr er leiser mit sich selbst sprechend fort, „vielleicht zum letzten Mal.“

Joseph stieg drei Treppen hinauf, ging die Hälfte eines langen gewölbten Korridors entlang und pochte an eine zweite altväterische Tür von Eichenholz.

Diesmal ward der Ruf beantwortet. Eine tiefe, aber klare, sanfte Stimme im Zimmer fragte, wer da sei.

Joseph richtete in wenigen Worten seinen Auftrag aus. Ehe er noch ausgeredet hatte, öffnete sich die Tür ruhig und schnell und Sara Leeson trat ihm mit ihrem Lichte in der Hand auf der Schwelle gegenüber.

Nicht groß, nicht schön, nicht in ihrer ersten Jugend, schüchtern und unentschlossen in ihrem Wesen, äußerst schlicht und einfach in ihrer Kleidung, war die Zofe, trotz aller dieser Nachteile, eine Person, die man nicht ohne ein Gefühl von Neugier, ja sogar von Interesse betrachten konnte.

Wenig Männer würden bei ihrem ersten Anblick nicht den Wunsch empfunden haben, zu erfahren, wer sie sei, und wenige würden sich befriedigt gefühlt haben, wenn sie zur Antwort erhalten: „Es ist Mistreß Trevertons Zofe.“ Wenige hätten sich des Versuchs enthalten, aus ihrem Gesicht und ihrem Benehmen irgend einen geheimen Ausschluß zu erlauschen, aber keinem, selbst nicht dem geduldigsten und geübtesten Beobachter, wäre es gelungen, mehr zu entdecken, als daß sie in einer frühern Zeit ihres Lebens die Feuerprobe großer Leiden und Anfechtungen bestanden haben müsse.

Es lag in ihrem Wesen und noch mehr in ihrem Gesicht etwas, was deutlich und wehmütig sagte: „Ich bin das Wrack von etwas, dessen Anblick dir früher zur Freude gereicht haben würde, ein Wrack, welches niemals wieder in Stand gesetzt werden kann – welches unbeachtet, ohne Führer, ohne Mitleid durchs Leben weitertreiben muß, bis es den verhängnisvollen Strand berührt und die Wogen der Zeit diese kümmerlichen Überreste meines Ich für immer verschlungen haben.“

Dies war die Geschichte, die in Sara Leesons Zügen geschrieben stand – dies und nichts weiter.

Von allen, welche diese Geschichte sich selbst zu deuten versucht, würden wahrscheinlich auch nicht zwei eine und dieselbe Ansicht über die Beschaffenheit des Leidens gehabt haben, welches diese Person durchzumachen gehabt.

Erstens war es schwierig zu sagen, ob der Schmerz, welcher ihr sein unauslöschliches Gepräge aufgedrückt, Schmerz des Körpers oder Schmerz der Seele gewesen sei. Von welcher Beschaffenheit aber auch die Heimsuchung, von der sie betroffen worden, gewesen sein mochte, so waren die Spuren, welche dieselbe zurückgelassen, in jedem Teile ihres Gesichts tief und auffallend sichtbar. Ihre Wangen hatten ihre Rundung und natürliche Farbe verloren, ihre in Bezug auf Bewegung eigentümlich biegsamen, zartgeformten Lippen hatten eine ungesunde, blasse Farbe angenommen, ihre großen, schwarzen, von ungewöhnlich dichten Wimpern überschatteten Augen hatten einen seltsamen ängstlichen, scheuen Blick, der sie niemals verließ und die schmerzliche Empfindsamkeit und angeborne Schüchternheit ihrer Gemütsart auf mitleiderregende Weise verriet.

Insoweit waren die Spuren, welche Kummer oder Krankheit an ihr zurückgelassen, ganz dieselben, welche den meisten Opfern geistiger oder physischer Leiden gemeinsam sind.

Eine ganz außerordentliche Veränderung aber, die mit ihr vorgegangen war, bestand in dem unnatürlichen Wechsel, der die Farbe ihres Haars betroffen hatte. Es war so dicht und weich und noch ebenso schön und üppig wie das Haar eines jungen Mädchens, aber grau wie das Haar einer Matrone. Es schien in der auffälligsten Weise jeder Spur von Jugend, die sich noch in den Gesichtszügen vorfand, zu widersprechen.

Trotz der Magerkeit und Blässe des Gesichts hätte man dieses nämlich, sobald man es richtig angesehen, keinen Augenblick für das einer bejahrten Frau halten können. So abgezehrt die Wangen auch waren, so hatten dieselben doch nicht eine einzige Runzel. Ihre Augen besaßen, abgesehen von dem darin vorherrschenden Ausdruck von Unruhe und Schüchternheit, noch jenen feuchtschimmernden Glanz, der an den Augen alter Leute niemals wahrzunehmen ist. Die Haut um die Schläfe herum war zart und glatt wie die eines Kindes.

Diese und noch einige andere nie trügende Anzeichen bewiesen, daß sie in Bezug auf die Jahre noch in der Blüte des Lebens stand. So kränklich und bekümmert sie auch aussah, so hatte sie doch von den Augen abwärts ganz das Ansehen eines Frauenzimmers, welches höchstens dreißig Jahre zählte.

Von den Augen an aufwärts aber war der Eindruck ihres üppigen grauen Haares, in Verbindung mit ihrem Gesicht betrachtet, nicht bloß ein unvereinbarer, sondern auch geradezu befremdender, so befremdend, daß es kein Widerspruch ist, wenn man sagt, daß sie natürlicher ausgesehen haben würde, wenn ihr Haar gefärbt gewesen wäre. Die Kunst hätte in diesem Falle die Wahrheit zu sein geschienen, weil die Natur wie Lüge aussah.

Welche Zauberkraft hatte ihrem Haar in seiner üppigsten Reife die Farbe eines unnatürlichen Greisenalters mitgeteilt ? War es schwere Krankheit, oder furchtbarer Kummer gewesen, der sie in der Blüte ihrer Jahre grau gemacht ?

Diese Frage hatte ihre Dienstgenossen oft beschäftigt, denn alle waren, als sie sie zum ersten Mal gesehen, von der Eigentümlichkeit ihrer persönlichen Erscheinung betroffen und überdies durch ihre eingewurzelte Gewohnheit mit sich selbst zu sprechen, ein wenig argwöhnisch gemacht worden.

Mochten sie sie jedoch fragen, wie sie wollten, so ward ihre Neugier dennoch niemals befriedigt. Man konnte weiter nichts ermitteln, als daß Sara Leeson in Bezug auf ihr graues Haar und ihre Gewohnheit, mit sich selbst zu sprechen, sehr empfindlich war und daß ihre Herrin schon seit langer Zeit jedem im Hause von ihrem Gemahl an verboten hatte, ihre Zofe durch neugierige Fragen zu belästigen.

Schweigend stand sie an jenem verhängnisvollen Morgen des dreiundzwanzigsten August einen Augenblick vor dem Diener, der sie an das Sterbebett ihrer Herrin rief, während die Flamme des Lichts flackernd ihre großen, fragenden, schwarzen Augen und das üppige, unnatürlich graue Haar über denselben beleuchtete. Schweigend stand sie einen Augenblick da, die Hand, welche den Leuchter hielt, zitterte, sodaß das auf dem breiten Fuße desselben liegende Löschhütchen unaufhörlich klapperte; dann dankte sie dem Diener, daß er sie gerufen. Die Unruhe und Furcht, die, während sie sprach, in ihrer Stimme lag, schien den gewohnten Wohlklang derselben noch zu erhöhen, und die Aufgeregtheit ihres Wesens tat ihrer gewöhnlichen Sanftheit und ihrer zarten, einnehmenden weiblichen Zurückhaltung keinerlei Eitnrag.

Joseph, der wie die andern Diener ihr im Stillen mißtraute und abgeneigt war, weil sie von dem gewöhnlichen Kammermädchentypus so gewaltig abwich, ward bei dieser Gelegenheit durch ihr Wesen und durch ihren Ton, indem sie ihm dankte, so seltsam berührt, daß er sich erbot, ihr das Licht bis an die Tür des Schlafzimmers ihrer Herrin zu tragen.

Sie schüttelte jedoch den Kopf und dankte ihm nochmals; dann ging sie rasch an ihm vorüber und aus dem Korridor hinaus.

Das Zimmer, in welchem Mistreß Treverton im Sterben lag, war eine Etage tiefer. Sara zögerte zwei Mal, ehe sie an die Tür pochte. Dieselbe ard von Kapitän Treverton selbst geöffnet.

In dem Augenblick, wo sie ihren Herrn sah, fuhr sie vor ihm zurück. Wenn sie einen Schlag zu bekommen gefürchtet hätte, so hätte sie sich kaum plötzlicher mit dem Ausdruck größeren Schreckens zurückziehen können.

Dennoch lag in Kapitän Trevertons Gesicht durchaus nichts, was die Befürchtung einer übeln Begegnung oder auch nur unfreundlicher Worte hätte rechtfertigen können. Sein Gesicht war gütig, herzlich und offen und es rieselten noch an demselben die Tränen herab, die er an dem Bett seines Weibes vergossen.

„Geht hinein,“ sagte er, das Gesicht abwendend. „Sie will nicht, daß die Wärterin komme; sie wünscht bloß Euch. Ruft mich, wenn der Doktor –“

Die Stimme versagte ihm und er eilte fort, ohne den Redesatz zu vollenden.

Sara Leeson blieb, anstatt in das Zimmer ihrer Herrin zu treten, stehen und sah ihrem Herrn aufmerksam nach solange er sichtbar war. Ihre bleichen Wangen nahmen geradezu die Blässe des Todes an und aus ihren Augen sprach zweifelnde, forschende Unruhe und Angst.

Als er um die Ecke des Korridors verschwunden war, horchte sie einen Augenblick an der Tür des Krankenzimmers und flüsterte furchtsam bei sich selbst:

„Ob sie es ihm wohl gesagt hat ?“

Dann öffnete sie die Tür mit sichtbarer Anstrengung, ihre Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, und nachdem sie argwöhnisch noch einen Augenblick an der Schwelle gezögert, ging sie hinein.

Mistreß Trevertons Schlafzimmer war ein großes, hohes Gemach in dem westlichen Teile des Hauses, sodaß es die Aussicht auf das Meer hatte. Das neben dem Bett brennende Nachtlicht machte die Finsternis in den Ecken des Zimmers eher sichtbar, als daß es dieselbe zerstreut hätte.

Das Bett hatte eine altväterische Form und war mit schweren, dicken, rings herum zugezogenen Vorhängen versehen.

Von den andern Gegenständen im Zimmer ragten bloß die von der größten und massivsten Art genugsam hervor, um in dem düstern Lichte leidlich sichtbar zu sein. Die Schränke, der lange Spiegel, der Armstuhl mit der hohen Lehne und die große, unförmliche Masse des Bettes selbst stellten sich dem Blicke schwerfällig und unheimlich dar.

Die übrigen Gegenstände flossen in der allgemeinen Dunkelheit alle durcheinander. Durch das geöffnete Fenster, welches die frische Lufz des neuangebrochenen Morgens nach der Schwüle der Augustnacht hereinlassen sollte, klang das gleichförmige, dumpfe, ferne Brausen der Brandung an der sandigen Küste in das Zimmer. Jedes andere Geräusch war in dieser ersten unheimlichen Stunde des nahen Tages verstummt.

Innerhalb dieses Zimmers bestand das einzige hörbare Geräusch in dem langsamen, mühevollen Atmen der Sterbenden, welches sich matt, aber dennoch deutlich und grauenerregend, selbst durch den fernen Donner, der aus dem Schoße des ewigen Meeres grollte, hindurch hören ließ.

„Mistreß“, sagte Sara Leeson, als sie dicht an den Vorhängen des Bettes stand, aber ohne dieselben zurückzuziehen, „der Herr hat das Zimmer verlassen und mich an seiner Statt hergeschickt.“

„Licht ! – Gebt mir mehr Licht !“

Die Mattigkeit tödlicher Krankheit lag in der Stimme, aber der Ton der Sprechenden klang dennoch entschlossen – doppelt entschlossen durch den Gegensatz zu dem zögernden Ausdruck, in welchem Sara gesprochen. Das starke Gemüt der Herrin und die Schwäche der Dienerin beurkundeten sich schon bei diesem kurzen Austausch von durch die Vorhänge eines Sterbebettes hindurchgesprochenen Worten.

Sara zündete mit zitternder Hand zwei Kerzen an, stellte sie zögernd auf einen Tisch am Bett, wartete einen Augenblick, während sie sich mit einer gewissen argwöhnischen Schüchternheit ringsum schaute, und zog dann die Vorhänge auf die Seite.

Die Krankheit, durch welche Mistreß Treverton dem Tode entgegengeführt ward, war eines der furchtbarsten aller Übel, welche den Menschen heimsuchen – ein Übel, welchem besonders Frauen unterworfen sind und welches das Leben unterminiert – in den meisten Fällen ohne bemerkenswerte Spuren seines nagenden Fortschritts in dem Gesicht zu zeigen. Kein Uneingeweihter, welcher Mistreß Treverton, als ihre Dienerin den Bettvorhang auf die Seite zog, gesehen hätte, würde geglaubt haben, daß bei ihr alle Hilfe, die durch menschliche Geschicklichkeit gebracht werden könne, vergeblich sei.

Die geringfügigen Spuren von Krankheit in ihrem Gesicht, die unvermeidlichen Veränderungen in Bezug auf die Anmut und Rundung der Umrisse wurden durch die wunderbare Erhaltung ihrer Gesichtsfarbe, welche noch den ganzen zarten Glanz der ersten jungfräulichen Schönheit besaß, fast unbemerkbar gemacht. Ihr Gesicht war, während es so auf dem Pfühle dalag – zart umrahmt von den kostbaren Spitzen ihrer Haube und gekrönt von dem glänzenden braunen Haar – allem äußern Anscheine nach das Gesicht einer schönen Frau, die von einer leichten Krankheit genas oder nach einer ungewohnten Anstrengung ausruhte.

Selbst Sara Leeson, die sie doch während ihrer ganzen Krankheit beobachtet hatte, konnte, während sie jetzt ihre Herrin ansah, kaum glauben, daß die Pforten des Lebens sich hinter ihr geschlossen und daß die Hand des Todes ihr schon von den Pforten des Grabes her zuwinkte.

Einige Bücher mit eingezeichneten Stellen, in Papierumschlägen, lagen auf der Bettdecke. Sobald der Vorhang auf die Seite gezogen war, forderte Mistreß Treverton ihre Dienerin durch eine Gebärde auf, die Bücher wegzunehmen. Es waren Theaterstücke, an gewissen Stellen mit Tinte unterstrichen und an den Rändern mit Anmerkungen versehen, welche Auftreten, Abtreten und Stellungen auf der Bühne andeuteten.

Die Diener, welche unten von der Beschäftigung ihrer Herrin vor ihrer Vermählung gesprochen, waren nicht durch falsche Gerüchte irregeleitet worden. Ihre Herr hatte, nachdem er selbst über die Blüte des Lebens hinaus war, wirklich seine Frau von der obskuren Bühne eines Provinzialtheaters hinweggenommen, während seit ihrem ersten öffentlichen Auftreten kaum zwei Jahre verflossen waren.

Die alten Theaterstücke mit den eingezeichneten Stellen waren einmal ihre wertgehaltene dramatische Bibliothek gewesen; sie hatte um alter Erinnerung willen stets eine große Liebe zu ihnen bewahrt und sie während der letzten Zeit ihrer Krankheit Tage lang hintereinander auf ihrem Bett liegen gehabt.

Nachdem Sara die Bücher weggenommen, kehrte sie zu ihrer Herrin zurück und öffnete, mehr mit dem Ausdruck der Furcht und Verlegenheit als des Kummers, ihre Lippen, um zu sprechen.

Mistreß Treverton hielt aber die Hand empor und deutete dadurch an, daß sie noch einen anderweiten Befehl zu erteilen hatte.

„Verriegele die Tür“, sagte sie mit derselben matten Stimme, aber in demselben entschlossenen Tone, der ihr erstes Begehren, mehr Licht im Zimmer zu haben, so auffällig gemacht hatte. „Verriegele die Tür. Laß niemanden herein, bis ich es erlaube.“

„Niemand ?“ wiederholte Sara schüchtern, „auch nicht den Doktor ? Auch nicht den Herrn ?“

„Auch nicht den Doktor – auch nicht den Herrn !“ sagte Mistreß Treverton und zeigte auf die Tür. Die Hand war schwach, aber selbst in dieser augenblicklichen Bewegung derselben war die befehlende Gebärde nicht zu verkennen.

Sara verriegelte die Tür, kehrte unentschlossen an das Bett zurück, heftete ihre großen, forschenden, unruhigen Augen fragend auf das Gesicht ihrer Herrin, neigte sich plötzlich über sie und sagte flüsternd:

„Haben Sie es dem Herrn gesagt ?“

„Nein“, war die Antwort. „Ich ließ ihn rufen, um es ihm zu sagen – ich bemühte mich, die Worte auszusprechen – schon der Gedanke aber, wie ich es ihm am besten beibringen könnte, erschütterte mich bis in die innerste Seele, Sara – ach, ich habe ihn so lieb ! Trotzdem aber würde ich es ihm gesagt haben, wenn er nicht von dem Kinde gesprochen hätte. Sara, er sprach von weiter nichts als dem Kind und das verschloß mir den Mund.“

Sara warf sich, ihre dienstliche Stellung auf eine Weise vergessend, die selbst der nachsichtigsten Herrin außerordentlich erscheinen würde, bei dem ersten Wort, welches Mistreß Treverton entgegnete, auf einen Stuhl, bedeckte sich das Gesicht mit den zitternden Händen und stöhnte bei sich selbst:

„O, was wird geschehen ! Was wird nun geschehen !“

Mistreß Trevertons Augen waren feucht geworden und hatten einen mildern Ausdruck angenommen, als sie von ihrer Liebe zu ihrem Gatten sprach. Schweigend lag sie einige Minuten da. Das Arbeiten einer starken Gemütsbewegung verriet sich durch das rasche, angestrengte, mühsame Atmen und durch das schmerzliche Zusammenziehen der Augenbrauen.

Es dauerte jedoch nicht lange, so wendete sie ihr Gesicht unruhig nach dem Stuhl, auf welchem ihre Dienerin saß, und sprach wieder, diesmal aber in einem Tone, der nur ein Flüstern zu nennen war.

„Gib mir meine Medizin“, sagte sie. „Ich brauche sie.“

Sara fuhr empor und wischte mit dem raschen Instinkt des Gehorsams die Tränen hinweg, welche ihr immer schneller über die Wangen herabrannen.

„Der Doktor“, sagte sie. „Lassen Sie mich den Doktor rufen.“

„Nein – die Medizin – gib mir die Medizin !“

„Welche Flasche ? Das Opiat, oder –“

„Nein. Nicht das Opiat, die andere Flasche.“

Sara nahm eine Flasche von dem Tisch, sah aufmerksam, was auf dem angehängten Zettel geschrieben stand, und sagte, es sei noch nicht Zeit, diese Medizin wieder einzunehmen.

„Gib mir die Flasche.“

„O, bitte, verlangen Sie dies nicht von mir ! Warten Sie doch ! Der Doktor sagte, es sei so verderblich, als wenn Sie Spiritus tränken, im Fall Sie zu viel davon nähmen.“

Mistreß Trevertons helle graue Augen begannen zu funkeln, die rosige Röte ihrer Wangen ward dunkler; die befehlende Hand ward wieder mit Anstrengung von der Bettdecke emporgehoben, auf welcher sie lag.

„Ziehe den Pfropfen aus der Flasche“, sagte sie, „und gib sie mir. Ich brauche Kräfte. Gleichviel ob ich in einer Stunde oder in einer Woche sterbe. Gib mir die Flasche.“

„Nicht die Flasche,“ sagte Sara, während sie dieselbe doch, von dem Blicke ihrer Herrin bezwungen, hingab. „Es ist bloß noch zu zwei Mal einzunehmen darin. Ich bitte, warten Sie – ich will ein Glas holen !“

Sie wendete sich nach dem Tische. In demselben Augenblick aber hob Mistreß Treverton die Flasche an die Lippen, trank den Inhalt derselben aus und warf sie dann von sich auf das Bett.

„Sie hat sich den Tod gegeben !“ rief Sara, indem sie erschrocken nach der Tür lief.

„Bleib !“ rief die Stimme aus dem Bett schon entschlossener als je. „Bleib ! Komm her und lege meine Kissen höher.“

Sara legte die Hand an den Riegel.

„Komm her“, wiederholte Mistreß Treverton. „So lange als noch ein Funken Leben in mir ist, verlange ich Gehorsam. Komm her !“

Die Farbe begann auf ihrem ganzen Gesicht unverkennbar dunkler und das Licht in ihren weitgeöffneten Augen heller zu werden.

Sara kam an das Bett zurück und fügte mit zitternden Händen den Kissen, welche den Kopf und die Schultern der Sterbenden stützten, noch eins hinzu. Während dies geschah, kam die Bettdecke ein wenig in Unordnung. Mistreß Treverton zog dieselbe schaudernd wieder herauf bis dicht um den Hals herum.

„Hast du die Türe aufgeriegelt ?“ fragte sie.

„Nein.“

„Ich verbiete dir, dich derselben wieder zu nähern. Hole mir aus dem Schranke neben dem Fenster meine Schreibmappe, Feder und Tinte.“

Sara ging an den Schrank und öffnete ihn, hielt aber plötzlich inne, als ob ein plötzlicher Argwohn sie durchzuckte, und fragte, wozu die Schreibmaterialien gebraucht werden sollten.

„Bring sie nur, dann wirst du es sehen.“

Die Schreibmappe ward mit einem Bogen Briefpapier darauf auf Mistreß Trevertons Knie gelegt, die Feder in die Tinte getaucht und ihr in die Hand gegeben.

Die Kranke schloß die Augen eine Minute lang und seufzte tief. Dann begann sie zu schreiben und sagte zu ihrer Zofe, als die Feder das Papier berührte:

„Schau her !“

Sara lugte ihr unruhig über die Schultern und sah die Feder langsam und matt die drei Worte formen:

„An meinen Gatten.“

„O, nein, nein ! Um Gotteswillen, schreiben Sie es nicht !“ rief Sara, indem sie ihre Herrin bei der Hand faßte. In dem Augenblick aber, wo Mistreß Treverton sie ansah, ließ sie die Hand wieder los.

Die Feder schrieb weiter und bildete langsam und immer matter soviel Worte, daß dadurch eine Zeile gefüllt ward – dann machte sie Halt. Die Buchstaben der letzten Silbe waren ganz durcheinander gelaufen.

„Tun Sie es nicht !“ rief Sara wieder, indem sie vor dem Bett auf die Knie niederfiel. „Schreiben Sie es ihm nicht, wenn Sie es ihm nicht sagen können. Lassen Sie mich das, was ich so lange getragen, auch noch ferner tragen. Lassen Sie das Geheimnis mit Ihnen und mit mir sterben und in dieser Welt niemals offenbar werden – niemals ! niemals ! niemals !“

„Das Geheimnis muß offenbar werden“, antwortete Mistreß Treverton. „Mein Gatte muß es wissen und soll es wissen. Ich versuchte, es ihm zu sagen, aber der Mut entsank mir. Daß du es ihm sagen werdest, nachdem ich nicht mehr bin, darauf kann ich mich nicht verlassen. Es muß niedergeschrieben werden. Nimm du die Feder; meine Augen sehen kaum noch, meine Finger fühlen nicht mehr. Nimm die Feder und schreibe, was ich dir sage.“

Sara verbarg, anstatt zu gehorchen, ihr Gesicht in der Bettdecke und weinte bitterlich.

„Du bist seit meiner Vermählung bei mir“, fuhr Mistreß Treverton fort. „Du bist mehr meine Freundin als meine Dienerin gewesen. Willst du mir meine letzte Bitte abschlagen ? Du willst ! Törin, blicke auf und höre mich an. Es geschieht auf deine eigene Gefahr, wenn du dich weigerst, die Feder zu ergreifen. Schreib oder ich habe keine Ruhe im Grabe. Schreib oder, so wahr der Himmel über uns ist, ich suche aus der andern Welt dich heim !“

Mit einem unterdrückten Schrei richtete Sara sich empor.

„Ihre Worte erfüllen mich mit Schaudern“, flüsterte sie, indem sie ihre Augen mit abergläubisch entsetztem Blick auf das Gesicht ihrer Herrin heftete.

In demselben Augenblicke begann die in allzureichlicher Dosis genommene aufregende Medizin ihre Wirkung auf Mistreß Trevertons Gehirn zu äußern. Sie warf ihren Kopf unruhig von einer Seite des Pfühls auf die andere, sprach gedankenlos einige Zeilen aus einem der alten Theaterstücke, die sie von ihrem Bett hatte hinwegnehmen lassen, und hielt der Dienerin plötzlich die Feder hin, indem sie theatralisch die Hand bewegte und einen Blick nach einer eingebildeten Galerie von Zuschauern emporwarf.

„Schreib !“ rief sie mit dem hohlen, schauerlichen Pathos ihrer frühern Bühnenstimme, „schreib !“

Und die schwache Hand bewegte sich wieder mit einer matten, unsichern Nachahmung der alten Theatergebärde. Mechanisch die Finger um die Feder schließend, welche hineingesteckt ward, wartete Sara, deren Augen immer noch die abergläubische Furcht verrieten, welche die Worte ihrer Herrin erweckt hatten, auf den nächsten Befehl.

Es vergingen einige Minuten ehe Mistreß Treverton wieder sprach. Sie war noch hinreichend bei Besinnung, um sich, wenn auch unklar, der Wirkung bewußt zu sein, welche die Medizin auf sie äußerte, und die ferneren Fortschritte zu bekämpfen, ehe sie ihre Ideen gänzlich verwirrte.

Sie verlangte daher zuerst ihr Riechfläschchen und dann Eau de Cologne. Dieses letztere, welches sie sich auf ihr Taschentuch gießen und dann auf die Stirn legen ließ, schien ihre Geisteskräfte zum Teil wieder herzustellen. Ihre Augen gewannen wieder den intelligenten, ruhigen Blick und als sie ihre Zofe wieder anredete und zu ihr nochmals sagte: „Schreib !“ war sie im Stande, dem Befehle dadurch Nachdruck zu geben, daß sie sofort in ruhigem, besonnenem und entschlossenem Tone zu diktieren begann.

Saras Tränen rannen; ihre Lippen murmelten abgebrochene Worte, in welche Bitte und Ausdruck von Reue und Furcht sich auf seltsame Weise mischten, aber sie schrieb gehorsam weiter in schwankenden Zeilen, bis sie beinahe die ersten beiden Seiten des Briefbogens vollgeschrieben hatte.

Dann hielt Mistreß Treverton inne, sah das Geschrieben durch, ergriff die Feder und unterzeichnete es mit ihrem Namen.

Bei dieser Anstrengung schien ihre Macht des Widerstands gegen die aufregende Wirkung der Medizin ihr wieder untreu zu werden. Die tiefe Röte begann wieder ihre Wangen zu färben und sie sprach hastig und unsicher, als sie die Feder wieder ihrer Dienerin einhändigte.

„Unterschreibe !“ rief sie, indem sie mit der Hand matt auf die Bettdecke schlug. „Unterschreibe: ‚Sara Leeson als Zeugin.’ Don nein; schreib: ‚als Mitschuldige.’ Nimm deinen Anteil auf dich; ich will nicht, daß auch dieser mir zugewälzt werde. Unterschreibe ! Ich bestehe darauf; unterschreibe, wie ich dir sage !“

Sara gehorchte und Mistreß Treverton nahm ihr das Papier aus der Hand und zeigte mit derselben wehmütigen theatralischen Geste darauf, die ihr vorhin entschlüpft war. „Dies wirst du deinem Herrn geben, wenn ich tot bin“, sagte sie, „und jede Frage, die er dir vorlegt, so wahrheitsgetreu beantworten, als ob du vor dem Richterstuhl des Höchsten stündest.“

Die Hände faltend, sah Sara ihre Herrin zum ersten Male mit ruhigen Augen an und sprach zum ersten Male in ruhigem Tone mit ihr.

„Wenn ich wüßte, daß ich zum Sterben geschickt wäre“, sagte sie „o wie gern wollte ich mit Ihnen tauschen.“

„Versprich mir, daß du das Papier deinem Herrn geben willst“, wiederholte Mistreß Treverton. „Versprich – doch nein ! Deinem Versprechen traue ich nicht – schwören sollst du es mir. Hole die Bibel – die Bibel, deren sich der Geistliche bediente, als er diesen Morgen hier war. Hole sie oder ich habe keine Ruhe im Grabe. Hole sie oder ich komme aus der andern Welt zu dir.“

Die Herrin lachte, während sie diese Drohung wiederholte. Die Dienerin schauderte, während sie dem Befehl gehorchte, dem diese Drohung Nachdruck geben sollte.

„Ja, ja – die Bibel, deren sich der Geistliche bediente“, fuhr Mistreß Treverton halb gedankenlos fort, als das Buch zur Stelle gebracht war. „Der Geistliche – ein guter schwacher Mann – ich erschreckte ihn, Sara. Er sagte: ‚Sind Sie mir allen Menschen in Frieden ?’ und ich antwortete: ‚Mit allen bis auf einen.’ Du weißt, wen.“

„Des Kapitäns Bruder. O, sterben Sie nicht in Feindschaft mit irgend jemandem. Sterben Sie auch mit ihm in Freundschaft !“ bat Sara.

„Das sagte der Geistliche auch“, entgegnete Mistreß Treverton, indem ihre Augen kindisch im Zimmer herumzuschweifen begannen, während ihr Ton plötzlich leiser und verworrener ward. „ ‚Sie müssen ihm vergebn’, sagte der Geistliche. Und ich sagte: ‚Nein. Ich verzeihe allen Menschen, aber dem Bruder meines Gatten nicht.’ Der Geistliche stand ganz erschrocken von seinem Stuhle auf, Sara. Er sagte, er wolle für mich beten und wiederkommen. Wird er wiederkommen ?“

„Ja, ja“, antwortete Sara, „er ist ein guter Mann – er wird wiederkommen – und o, sagen Sie ihm, daß Sie dem Bruder des Kapitäns verzeihen. Jene schändlichen Worte, die er, als Sie vermählt wurden, von Ihnen sprach, wird er schon einmal entgelten müssen. Vergeben Sie ihm – vergeben Sie ihm, ehe Sie sterben.“

Indem Sara diese Worte sagte, versuchte sie zugleich die Bibel behutsam aus den Augen ihrer Herrin zu entfernen. Diese Bewegung entging aber Mistreß Trevertons Aufmerksamkeit nicht und erweckte ihre sinkenden Kräfte zur Beobachtung der sie umgebenden Dinge.

„Halt !“ rief sie, während wieder ein Schimmer der alten Entschlossenheit aus ihren shcon vom Tode umflorten Augen leuchtete. Sie packte Sara krampfhaft bei der Hand, legte dieselbe auf die Bibel und hielt sie darauf fest. Ihre andere Hand tastete eine Weile auf der Bettdecke umher, bis sie endlich dem an ihren Gatten gerichteten beschriebenen Papier begegnete. Ihre Finger erfaßten es und ein Seufzer der Erleichterung entrang sich ihren Lippen.

„Ha“, rief sie, „jetzt weiß ich, wozu ich die Bibel haben wollte. Ich sterbe bei vollem Verstande, Sara; du kannst mich auch jetzt noch nicht täuschen.“

Sie hielt wieder inne, lächelte ein wenig und flüsterte dann hastig bei sich selbst: „Warte, warte, warte !“

Dann setzte sie laut mit der alten theatralischen Stimme und Gebärde wieder hinzu:

„Nein, auf dein Versprechen hin traue ich dir nicht. Ich will deinen Schwur haben. Knie nieder. Dies sind meine letzten Worte in dieser Welt – sei ihnen ungehorsam, wenn du es wagst !“

Sara sank an dem Bett auf die Knie nieder. Der leichte Wind draußen, der gerade jetzt bei dem langsamen Empordämmern des Morgens stärker ward, teilte die Fenstervorhänge ein wenig und blies einen Hauch seines würzigen Duftes freudig in das Krankenzimmer. Das schwere Dröhnen der fernen Brandung ließ sich ebenfalls vernehmen und seine nimmer ruhende Musik in lautern Tönen erklingen. Dann fielen die Fenstervorhänge schwerfällig wieder zu, die flackernde Flamme des Lichts ward wieder ruhig und stet und das unheimliche Schweigen im Zimmer tiefer als je.

„Schwöre ! Schwöre !“ sagte Mistreß Treverton.

„Die Stimme versagte ihr, als sie dieses Wort ausgesprochen hatte. Sie mühte sich ein wenig, erlangte die Sprache wieder und fuhr fort:

„Schwöre, daß du dieses Papier nicht vernichten willst, wenn ich tot bin.“

Selbst während sie diese feierlichen Worte sprach, selbst bei diesem letzten Kampfe um Leben und Kraft bewies der unausrottbare theatralische Instinkt mit furchtbarer Hartnäckigkeit, wie fest derselbe in ihrem Gemüt wurzelte. Sara fühlte die kalte Hand, die noch auf der ihrigen lag, einen Augenblick sich heben – sie sah wie dieselbe ihr graziös winkte – fühlte, wie sie sich wieder herabsenkte und die ihrige mit zitterndem, ungeduldigem Druck umschloß. Bei dieser letzten Aufforderung antwortete sie mit schwacher Stimme:

„Ich schwöre es !“

„Schwöre auch, daß du dieses Papier nicht mit fortnehmen willst, wenn du, nachdem ich tot bin, dieses Haus verlässest.“

Wieder zögerte Sara, ehe sie antwortete – wieder machte sich der zitternde Druck auf ihrer Hand fühlbar, obschon diesmal schwächer – und wieder stammelten ihre Lippen die Worte:

„Ich schwöre es !“

„Schwöre“, begann Mistreß Treverton zum dritten Male. Die Sprache versagte ihr aber wieder und sie bemühte sich jetzt vergebens, die Herrschaft über dieselbe wiederzuerlangen.

Sara blickte auf und sah, wie Vorläufer von Konvulsionen das schöne Gesicht zu entstellen begannen. Sie sah wie die Finger der weißen, zartgeformten Hand sich krümmten, während sie nach dem Tische hinüberlangten, auf welchem die Medizinflaschen standen.

„Sie haben es ausgetrunken“, rief Sara aufspringend, als sie die Bedeutung dieser Gebärde erriet. „Herrin, liebe Herrin, Sie haben es ausgetrunken, es ist bloß noch das Opiat da. Lassen Sie mich gehen – ich will –“

Ein Blick von Mistreß Treverton tat ihr Einhalt, ehe sie weiter ein Wort sprechen konnte. Die Lippen der Sterbenden bewegten sich rasch.

Sara hielt ihr Ohr dicht an dieselben. Anfangs hörte sie nichts als keuchende, schnell aufeinander folgende Atemzüge, dann einige gebrochene, verworrene, damit gemischte Worte:

„Ich bin noch nicht fertig – du mußt schwören – komm näher heran, näher, näher – noch ein Drittes – dein Herr – schwöre, daß du ihm das Papier geben –“

Die letzten Worte starben leise hinweg. Die Lippen, welche sie so mühsam geformt, teilten sich plötzlich, schlossen sich aber nicht wieder. Sara sprang nach der Tür und rief in den Korridor hinaus nach Hilfe – dann eilte sie an das Bett zurück, ergriff den Bogen Briefpapier, auf welchen sie nach dem Diktat ihrer Herrin geschrieben, und verbarg ihn in ihrem Busen.

Der letzte Blick aus Mistreß Trevertons Augen heftete sich streng und vorwurfsvoll auf sie, indem sie dies tat, und bewahrte während der augenblicklichen Verzerrung der übrigen Züge diesen Ausdruck einen einzigen atemlosen Augenblick lang unverändert.

Dieser Augenblick ging vorüber und mit dem nächsten stahl der Schatten, welcher dem Eintritt des Todes vorangeht, sich herauf und drängte in einer einzigen ruhigen Sekunde das Licht des Lebens von dem ganzen Gesichte hinweg.

Der Arzt trat in Begleitung der Wärterin und eines der Diener in das Zimmer, eilte an das Bett, sah aber auf den ersten Blick, daß die Zeit seiner Dienste hier für immer vorüber war. Er wendete sich zuerst zu dem Diener, der ihm gefolgt war.

„Geht zu Eurem Herrn“ sagte er, „und bittet ihn, in seinem Zimmer zu warten, bis ich zu ihm kommen und mit ihm sprechen kann.“

Sara stand noch, ohne sich zu bewegen oder zu sprechen, oder auf jemand zu achten – am Bett.

Die Wärterin, welche sich näherte, um die Vorhänge zusammenzuziehen, stutzte beim Anblick ihres Gesichts und wendete sich dann zu dem Arzt.

„Ich glaube, es wird gut sein, wenn diese Person das Zimmer verläßt; meinen Sie nicht auch, Herr Doktor ?“ sagte die Wärterin mit einem gewissen Ausdruck von Verächtlichkeit in ihrem Ton und Blick. „Sie scheint durch das, was geschehen ist, über alle Maßen angegriffen und erschreckt zu sein.“

„Jawohl“, sagte der Doktor, „es ist am besten, wenn sie sich entfernt. Ich gebe Euch den Rat, uns auf einige Zeit zu verlassen“, setzte er hinzu, indem er Sara am Arme berührte.

Sie fuhr argwöhnisch zusammen, hob eine ihrer Hände zu der Stelle empor, wo die Schrift verborgen an ihrem Busen lag, und drückte sie fest darauf, während sie die andere Hand nach einem Licht ausstreckte.

„Ihr werdet wohltun, wenn Ihr eine Weile in Eurem Zimmer ausruht“, sagte der Arzt, indem er ihr ein Licht gab. „Doch, wartet“, setzte er, nachdem er einen Augenblick nachgedacht, hinzu: „Ich stehe im Begriff, die traurige Neuigkeit Eurem Herrn mitzuteilen. Vielleicht wünscht er die letzten Worte zu hören, welche Mistreß Treverton in Eurer Gegenwart gesprochen hat. Deshalb ist es vielleicht am besten, wenn Ihr mitkommt und wartet, während ich zu dem Kapitän hineingehe.“

„Nein ! Nein ! – jetzt nicht, jetzt nicht, um des Himmels willen !“

Indem Sara diese Worte in leisem, raschem, bittendem Tone sprach und sich dabei wie erschrocken nach der Tür zurückzog, verschwand sie, ohne einen Augenblick zu warten, was man weiter zu ihr sagen würde.

„Eine sonderbare Person“, sagte der Arzt zu der Wärterin gewendet. „Geht ihr nach und sehr, wohin sie geht, im Fall sie gebraucht wird und wir nach ihr schicken müssen. Ich will hier warten, bis Ihr zurückkommt.“

Als die Wärterin zurückkam, hatte sie weiter nichts zu berichten, als daß sie Sara Leeson bis an ihr Schlafzimmer gefolgt sei – sie in dasselbe habe hineingehen sehen – daß sie an der Tür gehorcht und gehört habe, wie dieselbe von innen verschlossen worden.

„Eine sonderbare Person“, wiederholte der Arzt, „eine von der schweigsamen, geheimnisvollen Sorte.“

„Eine von der nicht guten Sorte“, bemerkte die Wärterin. „Sie spricht immer mit sich selbst und das ist meiner Ansicht ein schlimmes Zeichen. Ihr ganzes Aussehen gefällt mir nicht und ich habe ihr gleich von dem ersten Tage an, wo ich dieses Haus betreten, nicht getrauet.“

Zweites Kapitel. Das Verbergen des Geheimnisses.

In dem Augenblick, nachdem Sara Leeson den Schlüssel in der Tür ihres Schlafzimmers herumgedreht hatte, nahm sie den Bogen Briefpapier aus dem Versteck ihres Busens. Sie schauderte, indem sie ihn herauszog, als ob schon seine Berührung sie verwundete, legte ihn offen auf ihren kleinen Ankleidetisch und heftete ihre Augen neugierig auf die Zeilen, welche der Brief enthielt.

Anfangs schwammen und verschmolzen sich dieselben vor ihren Augen durcheinander. Sie drückte ihre Hände einige Minuten lang auf die Augen und betrachtete dann die Schrift wieder. Die Buchstaben waren jetzt klar – deutlich und klar und, wie ihr vorkam, unnatürlich groß.

Da stand die Überschrift: „An meinen Gatten“ – dann folgten die von ihrer Feder geschriebenen Zeilen mit den Unterschriften am Ende, erst Mistreß Trevertons und dann ihre eigene.

Das Ganze belief sich auf nur sehr wenige Sätze auf einen einzigen vergänglichen Bogen Papier geschrieben, den die Flamme eines Lichts in einem Augenblick verzehrt haben würde.

Und dennoch saß Sara da und las und las immer und immer wieder und rührte das Papier nicht an, ausgenommen wenn es unbedingt notwendig war, um die erste Seite umzuwenden. Sie regte sich nicht, sie sprach nicht, sie hob ihre Augen nicht von dem Papier empor. Wie ein verurteilter Gefangener sein Todesurteil lesen würde, so las jetzt Sara Leeson die wenigen Zeilen, welche sie und ihre Herrin vor kaum einer halben Stunde geschrieben hatten.

Das Geheimnis der lähmenden Wirkung dieser Schrift auf ihr Gemüt lag nicht bloß in dieser selbst, sondern auch in den Umständen, von welchen ihr Zustandekommen begleitet gewesen war.

Der Schwur, welcher von Mistreß Treverton unter keinem ernstern Einfluß als der letzten Laune der zerrütteten, durch verworrene Erinnerungen an Bühnenworte und Bühnensituationen aufgestachelten Geisteskräfte verlangt worden, ward von Sara Leeson als das heiligste und unverletzlichste Gelübde betrachtet, durch welches sie sich jemals hätte binden können.

Die Drohung, Gehorsam gegen ihre letzten Befehle noch vom Jenseits aus zu erzwingen, welche Drohung die sterbende Herrin ausgesprochen, um damit zugleich ein spöttisches Experiment mit der abergläubischen Furcht der leichtgläubigen Zofe anzustellen, schwebte jetzt unheimlich über dem schwachen Gemüte Saras, wie ein Urteilsspruch, der sie sichtbar und unerbittlich in jedem Augenblick ihres künftigen Lebens ereilen könnte.

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