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»Wie weit werden wir reisen?«, fragte Thea. Der Mann zeigte wortlos mit einem Finger nach oben. »Werden wir ferne Dörfer sehen? Fremde Orte, wo andere Menschen leben?« Er zeigte weiter nach oben. »Orte, wo Menschen noch nicht gewesen sind?« Der Mann zeigte energischer nach oben. »Du willst …«. Sie verstummte, gestikulierte vage und zeigte schließlich ebenfalls nach oben. »In … in den … Himmel?« Der Mann namens Gale zuckte mit den Schultern. »Er ist von manchen so genannt worden.« Thea starrte ihn an. »Was werde ich dort finden?« Gale lächelte sie an. »Exakt das, was du mitbringst.« Ein neues Meisterwerk von Sven Haupt – Gewinner des Deutschen Sciencefiction-Preises 2021, 2022 und 2024!
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Seitenzahl: 251
Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein Übermaß von Welt
von Sven Haupt
Sciencefiction
Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe
ISBN 978-3-946348-58-0
ISBN 978-3-946348-57-3 (Print Ausgabe)
© Eridanus Verlag | Jana Hoffhenke
Hastedter Heerstr. 103 | 28207 Bremen
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Helga Sadowski | Christine Jurasek
Korrektorat: Anke Tholl
Umschlaggestaltung | Illustration: Detlef Klewer
Satz | Gestaltung: Jana Hoffhenke
Ebook-Realisierung: Jana Hoffhenke
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https://www.instagram.com/eridanus.verlag.sf
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Der Himmel, groß, voll herrlicher Verhaltung,
in Vorrat Raum, ein Übermaß von Welt.
Und wir, zu ferne für die Ausgestaltung,
zu nahe für die Abkehr hingestellt.
Rainer Maria Rilke
Nachthimmel und Sternenfall (1924)
01 | Minus 100.000
Die Zeit, in der Thea dem Fremden begegnete, war auch die, in der sie beinahe gestorben wäre. Das einmal im Zyklus wiederkehrende Ballonfest stand kurz bevor, außerdem hatte man ihr beiläufig mitgeteilt, dass sie jetzt eine Frau sei. Sie konnte sich nicht erinnern, um irgendetwas davon gebeten zu haben.
Alles in allem wurde es ein bisschen viel auf einmal. Es erschien ihr vage unfair, dass ihre gesamte Existenz fast vierzehn Zyklen lang ein gleichförmiger Brei aus Leid und Trostlosigkeit gewesen sein sollte – und nun staute sich das vollständige Drama ihres Lebens auf den letzten Metern vor der Klippe. Metaphorisch, sinnbildlich und auch wörtlich, denn gerade rutschte sie über den Rand, hing für einen gefühlt endlosen Moment über dem Abgrund … und fiel.
Der zeitlose Moment des Falls reichte für eine letzte tiefe Einsicht.
Dieses ganze Leben zeugt mindestens von schlechtem Management, und ich bin geneigt, mich zu beschweren.
Seit dem Aufwachen waren nicht einmal volle fünf Minuten vergangen. Dessen wurde sie sich gerade schmerzhaft bewusst, denn sie zogen nun noch einmal in Zeitlupe an ihrem inneren Auge vorbei.
Thea musste die Worte des Mannes im Traum gehört haben, denn sie wachte bereits voller Panik auf. Sie kannte diese Stimme – und deren Besitzer stritt mit ihrer Mutter.
Verdammt, fluchte sie innerlich. Ich hatte gehofft, ich hätte noch ein bisschen mehr Zeit.
Thea hätte sich denken können, dass er vor Schichtbeginn auftauchen würde. Männer waren immer langsam und träge – es sei denn, sie konnten Anspruch auf ein junges Mädchen erheben.
Sie flog geradezu aus dem Bett, warf sich das grobe Wollkleid über, griff Noni vom Nachttisch und schlich auf nackten Füßen in die Lagerhöhle. Die Stimmen aus der Wohnhöhle wurden lauter. Sie kletterte im Dunkeln über die gestapelten Vorräte und zwängte sich in der hintersten Ecke durch einen Spalt in der Wand, den nur sie kannte. Er hatte sich nach einem der letzten Beben gebildet, aber bis jetzt wusste niemand davon, denn dazu hätten mehrere Männer erst die schweren Metallkisten wegräumen müssen. Sie selbst hatte es herausgefunden, als sie das letzte Mal hier eingesperrt gewesen war und aus purer Langeweile den Weg in die hinterste Ecke des Lagers gefunden hatte. So dünn sie auch war, musste sie sich dennoch mit Gewalt durch den Spalt zwängen. Der scharfkantige Fels konnte der groben Wolle ihres Kleides nichts anhaben, doch dort, wo die Haut ungeschützt gegen den scharfkantigen Felsen drückte, wurden ihre nackten Arme übel zerkratzt.
Als es zu eng wurde, um auch nur Luft zu holen, schob sie Noni mit den Fingerspitzen vor sich her durch den Spalt und hörte, wie er schließlich krachend auf dem Boden aufschlug.
Ein lautes, protestierendes Klickern ertönte auf der anderen Seite, wie ein Becher voll Kieselsteine, die eine Treppe hinunterrollten.
»Still, Noni! Willst du uns verraten?«
Ein mauliges Klacken war die Antwort.
Thea schlängelte sich aus der Felsenlücke und kugelte über den Boden der dunklen Höhle, hob ihren Freund auf, der gedämpft protestierte, und suchte in der Finsternis nach einem Orientierungspunkt. Sie kniff die Augen zusammen und erkannte einen schwachen Lichtschein.
Okay, dachte sie. Okay … Keine Panik. Ich weiß, wo ich bin. Das hier ist ein totes Ende jenseits des Hauptpfades. Die Decke wird bei Erdbeben instabil und deswegen wurde der Gang aufgegeben.
Thea musste blind über mehrere große Felsbrocken klettern, bis der Lichtschein hell genug wurde, um damit den Tunnel zum Hauptweg zu finden. Dort rannte sie auf vertrauten Wegen, so schnell ihre Beine es zuließen, dem roten Schein entgegen, welcher den ganzen Felsenhimmel ihrer Welt überstrahlte. Dem Schacht entgegen.
Sie sprintete den Pfad entlang und hielt dabei Noni an sich gedrückt. Der beißende Schmerz in ihren Füßen erinnerte sie daran, dass sie nicht einmal Schuhe trug.
Scharfkantiger Fels, nackte Füße, fluchte sie innerlich. Denkst du eigentlich jemals mit?
Rufe wurden hinter ihr laut. Erst überrascht, dann fordernd. Du rennst auf dem Hauptpfad, dumme Göre.
Natürlich hatte jemand sie gesehen. Dabei dauerte es noch mindestens eine Stunde bis zum Beginn des Arbeitszyklus. Thea eilte an mehreren Abzweigungen vorbei, entlang eines Wohnbereichs mit zahlreichen Fensteröffnungen, und bog nur einmal ab, um den Verwaltungsbereich zu vermeiden, der, auf mehrere Etagen verteilt, einen weiten Platz überblickte.
Nebengassen – ermahnte sie sich. Im Schatten bleiben.
Als die Rufe hinter ihr zu Schreien wurden, konnte sie den Rand des Dorfes erkennen. Der Schein der Lavafälle, welcher über den Rand strahlte, glühte noch schwach. Die Luft wehte ihr fast schon kühl entgegen. Die Seitenströme der starken aufsteigenden Winde aus dem großen Lebensstrom jenseits der Klippe erfrischten sie noch. Eigentlich liebte Thea dieses Gefühl, das anhielt, bis die Hitze kam.
Keine Zeit. Weiter.
Sie bemerkte flüchtig, dass die Fahnen und Girlanden für das Ballonfest bereits aufgehängt waren. Über allem lag eine gedämpfte Ruhe, während sich das Dorf vom Schlaf erhob. Der Rand kam in Sicht und sie suchte hektisch ihre Umgebung nach einem Fluchtweg ab.
Und jetzt? Wie kann man so dumm sein? Einen Moment lang füllte sie die panische Leere in ihrem Kopf mit farbigen Flüchen. Rennt um ihr Leben und flüchtet in gerader Linie auf einen Abgrund zu!
Die Transportkäfige standen leer, mit gähnend offenen Klappen am Rand der Klippe. Die langen Eisenketten verloren sich hoch oben im rötlichen Zwielicht des Schachtes. Die Vorarbeiter würden gleich die Ersten sein, welche die Schicht offiziell starteten und mit ihren Hörnern das offizielle Erwachen verkündeten. Wenn sie recht hatte, lag das noch einige Minuten in der Zukunft – und mehr benötigte Thea nicht.
Sie beschleunigte auf die Klippe zu, bog um einige Stapel Metallkisten herum und sah hektisch zwischen den Hindernissen umher, auf der Suche nach einem Pfad, der nicht in den Abgrund führte. Sie roch den Tabak, bevor sie den erstaunten Ausruf hörte.
Großartig! Ausgerechnet jetzt!
Einer der Vorarbeiter, seine schwarze Zigarre rauchend, hatte außer Sicht hinter den Kisten gesessen. In ihrer Erinnerung würde von der Begegnung nur eine graue Rauchwolke bleiben, aus der stechende, brutale Augen hervorsahen. Thea schlug einen wilden Haken, sah von der anderen Seite Gestalten herbeirennen, wandte sich um und sprintete den einzigen Weg entlang, der ihr noch blieb. Die Rampe am Rand der Klippe entlang hinab zu den Mineneingängen.
Was für eine brillante Idee, du dummes Kind, fluchte sie innerlich. Das sind alles Sackgassen.
Doch jetzt war es zu spät, und ihr blieb nur noch der Weg nach vorn. Sie versuchte gleichzeitig zu rennen und sich dabei an die schützende Felswand zu pressen. Nicht genug, dass dies ihren Sprint verlangsamte – sie registrierte mit wachsender Panik, dass der Pfad immer näher zum Rand hin verlief. Thea konnte die Aufwinde schon spüren und versuchte voller Schrecken den gähnenden Abgrund des Schachtes zu ignorieren. Die Rufe hinter ihr kamen immer näher und in ihrer Verzweiflung beschleunigte sie noch einmal. Der schmale Pfad schmiegte sich eng an die Felswand und verschmälerte sich zur Kante hin noch einmal.
Irgendwann müssen doch die verdammten Mineneingänge kommen, … habe ich etwa die falsche Rampe erwischt? Bin ich schon an den Eingängen vorbeigelaufen und habe es in meiner Angst nicht bemerkt?
Sie folgte dem Pfad um eine Ecke herum und zu jedem anderen Zeitpunkt hätte sie den Boden voller losem Geröll sicher gesehen. Wäre ihr Hirn nicht vor Angst gelähmt gewesen und hätte sie sich nicht in ihrer Panik nach ihren Verfolgern umgewandt – ihr Hirn hätte sie daran erinnern können, dass im letzten Ruhezyklus der Hang nachgegeben hatte. Ihre Mutter hatte es während ihrer Schicht gesehen und ihr sogar davon erzählt. Sie spürte ihre Füße wegrutschen und hätte sich sicher mit den Händen abgestützt, wenn sie nicht Noni umklammert gehalten hätte.
Zu viele »hätte« und zu wenig Halt.
Thea rutschte über den Rand … und fiel.
Die Rückblende ihres Lebens wäre sicherlich länger ausgefallen, doch sie schlug schon nach zwei Metern auf einem Vorsprung auf. Thea blieb keine Zeit, sich aufzurappeln, denn das lose Geröll vom Hangrutsch über ihr beförderte sie direkt weiter eine abfallende Schräge hinab, die sich zu einem breiten Spalt erweiterte. In den fiel sie ebenfalls.
Später konnte Thea beim besten Willen nicht sagen, wie sie diesen Sturz überlebt hatte.
Als sie schließlich die Augen aufschlug, lag sie benommen auf einem Felsvorsprung. Die Winde des Schachts heulten um ihre schmale Gestalt, die zu ihrer Verblüffung noch in einem Stück zu sein schien. Sie betastete sich vorsichtig, doch außer blauen Flecken fanden sich keine Verletzungen. Thea schaute nach oben und erlaubte sich ein schwaches Grinsen, denn das Beste war: Wer auch immer sie hatte stürzen sehen, würde mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie noch immer fiel. Einem bodenlosen Abgrund entgegen, getragen von den endlosen Winden des Schachtes.
Doch ich lebe noch und hier herumliegen ist keine Option.
Sie zog sich auf die Beine, ignorierte die Schmerzen und erkannte, dass sie Noni nicht mehr hielt. Vorsichtig lehnte sie sich gegen den Felsen und blickte sich um.
Ein zerklüfteter Felsspalt im Dunkeln auf der einen Seite, der Abgrund des Schachtes auf der anderen.
Thea stöhnte und wandte sich zögernd erst der Dunkelheit zu, dann wieder dem Schacht.
»Sieht so aus, als hätte ich die freie Wahl, wie ich heute doch noch sterben werde«, murmelte sie leise.
Sie trat sehr vorsichtig an den Abgrund und wappnete sich innerlich gegen den Anblick, der ihr ganzes Leben – und das Leben aller anderen Menschen ihrer Welt – dominiert hatte. Es war dennoch immer wieder von Neuem ein Schock. Ein senkrechter Schacht durch massiven Fels. Ein gewaltiger Brunnen voll heulender Aufwinde. Hunderte Meter im Durchmesser.
Sie sah hinter sich am Fels entlang nach oben, doch zerklüftete Felsvorsprünge versperrten ihr die Sicht.
Wie tief bin ich wohl gefallen?
Irgendwo da oben klammerte sich ihr Dorf an die Seite des Schachtes und bohrte sich in die Felswände, zwängte sich in jede verfügbare Spalte im harten Granit. Löcher und Galerien, Balkone und künstliche Klippen, dem unnachgiebigen Felsen abgerungen – im Zuge der zähen Evolution ihrer Gemeinschaft. Tausende Generationen, in denen Menschen am Granit nagten und dem abweisenden, zornigen Gestein einen Lebensraum abzuringen versuchten.
Ihr Blick schweifte über die endlosen Felswände, die sie in der Ferne umgaben. Die dunklen Klippen verloren sich in der dämmrigen Unendlichkeit und Thea erinnerte sich an Worte ihrer Mutter, als sie klein gewesen war:
»Sieh nicht hinaus, Schatz! Der Schacht fühlt unsere Blicke und es provoziert ihn nur, uns auf unseren Platz zu verweisen.«
Thea hatte erschrocken den Blick abgewandt und zu Boden gesehen – wie es erwartet wurde. Doch nun blickte sie den unendlichen Felswänden in einer trotzigen Geste der Herausforderung entgegen. Ein winziges Insekt, das sich gegen die Macht eines gewaltigen Monsters stellte. Doch die gefürchtete Fontäne aus glühender Lava blieb aus. Alles, was sie sah, war absurd viel Stein, der mehr Fragen aufwarf, als er beantwortete.
Von Weitem gesehen wirkten die Schachtwände wie das Fundament der ganzen Welt, unverrückbar und stark genug, alles zu tragen. Kam man dem Felsen nahe, gab es zahllose Spalten, Lücken und Bruchstellen, die natürliche Höhlen bildeten, und Risse, die zu zerklüfteten Gängen wurden und erstaunlich oft in gut ausgebaute Tunnel führten.
In all diesen Lücken, Hohlräumen, Spalten und Löchern hausen wir wie die Maden.
Thea kniete sich nieder und griff wahllos nach einem Stein aus dem losen Geröll zu ihren Füßen. Instinktiv inspizierte sie ihn und drehte ihn dabei in ihrer Hand, wie sie es an den Förderbändern getan hatte, kaum dass sie hatte stehen können.
Das war sie, die Welt der Menschen, dachte Thea. Als hätten sich lichtscheue Tiere in blinder Panik in die Wand genagt und würden nun in dunklen Löchern auf Beute lauern. Keine schlechte Beschreibung meiner Welt.
Sie blickte nach oben, blickte nach unten und sah, was alle sahen – Dunkelheit. Sie unterdrückte Tränen, als die Stimme ihrer Mutter erklang, die erneut weit aus der Vergangenheit zu ihr sprach. In ihrer Erinnerung stand Mutter immer neben ihr. Leise, unterwürfig und über das Förderband gebeugt.
»Mama«, flüsterte Thea, »wozu ist der Schacht?«
»Der Schacht enthält das ganze Universum«, flüsterte ihre Mutter zurück.
»Aber er ist doch leer.«
»Seine Form definiert unsere Welt. So wissen wir, wo wir hingehören. Hinter uns der Fels und vor uns die Winde. Das ist unser Universum. Das ist alles, was ist. Der Schacht ist ewig und unveränderlich.«
»Aber Mama, ein Schacht führt doch immer irgendwo hin.«
Ihre Mutter schwieg eine Weile.
»Ja, mein Schatz. Er führt in den Himmel. Dort kommen wir hin, wenn wir sterben und gute Menschen waren.«
»Himmel.« Thea schien das Wort zu kosten. »Ist es schön im Himmel?«
»Wunderschön. Im Himmel gibt es Licht, das nicht rot ist, und keinen Hunger.«
»Warum gehen wir dann nicht schon jetzt hin?«
»Weil unsere Körper zu schwer sind, Kind. Der Weg ist zu lang und zu hart.«
»Mama, unser Leben ist auch zu lang und zu hart.«
Hier hatte die Frau innegehalten und ihr diesen seltsamen Blick zugeworfen, den Thea ihr ganzes Leben lang bei ihr gesehen hatte.
»Der Aufstieg würde länger dauern als du lebst, mein Schatz. Dann hast du dein ganzes Leben damit verbracht, nur an dich zu denken, und was machen wir in der Zwischenzeit?«
Thea war zu jung gewesen, gegen diese Logik argumentieren zu können, doch sie hatte es dennoch nicht eingesehen.
»Aber es gibt doch Wege. Ich weiß es. Warum gibt es denn Wege, wenn niemand sie geht?«
»Sie stammen aus einer Zeit, als das Reisen im Schacht noch nicht so gefährlich war. Bevor alles zu zerfallen begann.«
»Du hast doch eben gesagt, dass der Schacht ewig ist und sich niemals verändert.«
»Sei still, Schatz. Die Männer werden uns noch hören.«
Thea blinzelte Tränen fort, wandte den Blick nach unten und sah immer noch Dunkelheit.
Sie kniff die Augen zusammen. Diese Dunkelheit war anders. Sie wog schwerer. Eine verbotene Dunkelheit.
Eine lebendige Finsternis. So stark, dass sie das Licht erdrückte.
Die zahllosen Lavafälle, die unterhalb des Dorfes aus den Wänden sprudelten und als leuchtender Regen ins Nichts fielen, machten es nicht besser. Selbst zu den Zeiten des Arbeitszyklus, wenn der Druck der Lava so hoch anstieg, dass das ganze Dorf hell erleuchtet war, wich die Dunkelheit nicht aus der Tiefe. Einmal hatte sie einen Mann sagen hören, die Dunkelheit dort unten sei so schwer, dass Licht ihr nichts anhaben könne. Wo das Licht herabfiel, wurden die Schatten nur tiefer.
Niemand ging dort hinab. Niemand traute sich, auch nur dort hinabzusehen. Und doch erinnerte sie sich, dass ihre Mutter ihr einmal etwas erzählt hatte. Thea war krank gewesen und musste das Bett hüten. Zwischen den Fieberträumen lag sie, wie so oft von Angst gelähmt, im Bett ihrer Mutter. Furcht vor der Tiefe, wie sie alle kleinen Kinder bekamen. Damals hatte ihre Mutter ihr erzählt, dass manchmal Menschen in die Tiefe gingen.
»Sie gehen, ohne Angst zu haben, auf der Suche nach Wissen. Sie nehmen die alten Tunnel, die sich weit abseits der Lava im Schacht in die Tiefe schrauben. Dorthin gehen sie allein, ohne Licht und ohne Schutz. Wer lange genug dort ohne Angst durch die Dunkelheit schreitet, der kann den Herzschlag des Schachts spüren, kann seine trägen Gedanken durch die Tunnel hallen hören und wenn er lange genug zuhört, dann kann er verstehen.«
Thea hatte der Mut dieser Menschen derart eingeschüchtert, dass sie tatsächlich ihre Angst vergaß. Danach versuchte sie immer wieder, den Blick in die Tiefe zu richten, wenn sie dem Rand nahekam. Vielleicht, um einen Gedanken des Schachtes zu erhaschen. Doch sie hatte es nie geschafft, etwas anderes zu empfinden als eine tiefe, entsetzliche Angst vor dem, was dort unten lauerte. Thea konnte es sogar auf ihrer Haut spüren, wenn sie sich über den Rand beugte. Der Blick von etwas Altem und Bösen, das auf seine Chance wartete, aus der Tiefe heraufzusteigen und jeden Menschen in dunklem Entsetzen zu ertränken.
»Ich hasse die Tiefe«, murmelte sie, schauderte und wandte den Blick ab. »Dann doch lieber die Dunkelheit einer Höhle.«
Sie drehte sich um, musterte die Schatten vor sich und bewegte sich langsam und vorsichtig tiefer in den Spalt hinein. »Eins nach dem anderen«, erklärte sie sich selbst, um sich davon abzulenken, dass sie nichts mehr sah und sich vorantasten musste. »Erst einmal finden wir Noni. Er muss einen Weg gefunden haben, sonst wäre er schon wieder hier, um sich zu beschweren. Es kann also nicht weit sein.« Sie starrte in das schwarze Nichts voraus. »Bitte lass es keine Bruthöhle voller Felsenspinnen sein«, murmelte sie und atmete kurz darauf erleichtert auf, als sie weit entfernt im Dunkeln den Schein einer Laterne wahrnahm.
»Na also. Es muss einer der vielen Versorgungstunnel unter dem Dorf sein. Alles ist gut.«
Es dauerte nur wenige Minuten, bevor sie sich auch schon leise fluchend durch ein kleines Loch in der Wand gezwängt hatte. Thea richtete sich in einem geräumigen Tunnel neben einer der großen Kristalllaternen auf und klopfte sich das Kleid ab, während sie bereits suchend umherspähte. Schließlich fand sie am Boden den einen, etwas größeren Stein, der nicht ganz so aussah wie alle anderen Steine.
»Hier bist du! Was machst du denn nur? Weißt du nicht, wie gefährlich es hier ist?«
»Genau das könnte ich dich auch fragen«, erklärte eine Männerstimme neben ihr.
Thea erschrak furchtbar und stolperte so schnell zurück, dass sie über ihre eigenen Füße fiel und unsanft auf dem Hintern landete. Sie hatte den Mann überhaupt nicht bemerkt und das war auch kein Wunder. Er erwies sich als untersetzt und breit. In den formlosen, sehr abgetragenen grauen Kleidern sah er aus wie die Felsbrocken, neben denen er stand. Selbst seine Haare und der Bart waren grau. Sein Gesicht, von tiefen Falten durchzogen, sah so verwittert aus, als wäre es dem Felsgestein entsprungen.
Thea überlegte, ob sie in Panik ausbrechen sollte. Immerhin war sie gerade erst vor Männern geflohen, nur um im ersten Tunnel ihrer Flucht direkt in den nächsten hineinzurennen. Sie zögerte, denn in dem grauen Schatten neben dem grauen Mann bewegte sich etwas. Als die Erkenntnis in ihrem Kopf zündete, vergaß sie schlagartig alles andere.
»Gütige Winde! Das … das ist ein … ein Roboter«, flüsterte sie atemlos.
Der Mann sah sich um und betrachtete das große mechanische Pferd, als würde er es selbst zum ersten Mal sehen.
»Ja, sag bloß, … du hast recht!«
»Es ist einer der alten, nicht wahr?«, fragte Thea aufgeregt. »Er sieht aus wie einer der alten.«
Der Mann tätschelte die graue Stahlhülle des Roboterpferdes, das gleichgültig neben ihm stand.
»Ja, einer der ganz alten. Er dient im Schacht schon seit mindestens eintausend Generationen.«
Das Pferd schien dies gehört zu haben und quittierte die Aussage mit einem Schnauben, das verblüffend überzeugend klang für etwas, das aus einem Metallkörper hallte.
Der Mann hatte derweil die Augen nicht von dem Mädchen genommen.
»Suchst du hier etwas Bestimmtes?«
»Ich wollte nur meinen Freund retten«, erklärte sie und zeigte auf den Boden.
»Ein nobles Unterfangen an einem gefährlichen Ort«, entgegnete der Mann. Er sah hinab und legte den Kopf schief. »Dein Freund ist ein Stein?« Er lächelte. »Ich komme nicht viel unter Leute und bin deswegen kein Experte für ihre Wünsche und Bedürfnisse, aber ein Stein als Freund erscheint mir doch sehr … genügsam.« Er nickte bedächtig. »Geradezu meditativ.«
»Er ist gar kein Stein«, erklärte Thea und kniete sich hin. »Er tut nur so. Er ist ein bisschen schüchtern.« Sie stupste den Stein mit einem Finger an. »Komm schon, der Mann denkt sonst ernsthaft, ich rede mit Steinen.«
Der Stein hob vorsichtig seine gesichtslose Vorderseite, schien einen Moment lang kritisch zu dem Fremden aufzusehen und klackerte dann eine kurze Begrüßung. Danach erst richtete er sich auf vier Beinen auf, die wie kurze Ketten dicker Kieselsteine aussahen, und tanzte ein wenig auf der Stelle.
»Ich habe ihn in einem Tunnel gefunden, als ich klein war«, erklärte Thea und streichelte ihrem Freund den Rücken. »Sie sind sehr selten und mögen eigentlich keine Menschen. Kann ich auch verstehen, denn sie schlafen viel, und wenn mich jemand im Schlaf mit einer Hacke bearbeiten würde auf der Suche nach wertvollen Mineralien, dann wäre ich auch ein wenig reserviert.«
Sie wurde sich dessen bewusst, dass sie plapperte, und verstummte.
Der Mann hatte sie weiter ruhig angesehen.
»Hast du einen Namen?«, fragte er nicht unfreundlich.
Thea schluckte.
Meine Bestimmung ist: a1-TH€€-u|-|.
Der Mann sah nach oben zur Tunneldecke und schien nachzudenken.
»Ah, … warte, es ist schon eine Weile her. Also, die einzige Tochter der Unterfamilie Zwei, Subeinheit Drei, unterste Ebene.« Er sah sie eine Weile nachdenklich an. »Ich vermute, dann bist du ohne Rechte und Privilegien aufgewachsen. Dir wurde also nicht viel geschenkt.«
»Eine Menge Vorschriften und Regeln«, entgegnete Thea säuerlich.
»Und was ist dein tatsächlicher Name?«
»Namen sind verboten«, kam Theas Antwort sofort und mit der Geschwindigkeit erbarmungsloser Vorschriften.
Der Mann nickte.
»Ich erinnere mich, aber ich kenne auch die geheimen Traditionen. Deine Mutter hat die Bestimmung als Vorlage benutzt, dir einen Namen zu schenken.«
Er formulierte es als Feststellung, nicht als Frage. Sie zögerte lange.
»Sie nannte mich Althea«, entgegnete sie leise.
»Ah«, entgegnete der Mann leise und wie zu sich selbst. »Mit heilenden Kräften. Die unbewusste Weisheit einer Mutter.« Er lächelte sie an und erklärte: »Dann wirst du vielleicht ‚Thea‘ gerufen.«
Wieder diese Gewissheit in seiner Aussage.
Sie nickte.
»Ein schöner Name«, erklärte er.
Sein Blick fiel auf Theas kleinen Gefährten, der gerade erfolglos versuchte, Kontakt mit dem großen Lastroboter aufzunehmen, indem er ihm immer wieder mit einem seiner kurzen dicken Beine gegen die Fessel stupste.
»Und dein kleiner Freund?«
Thea stöhnte.
»Es tut mir leid, er ist sehr neugierig.« Sie stolperte vor und nahm ihren kleinen, strampelnden Gefährten auf den Arm. »Seine Bestimmung ist: n0n1.nu1.«
Der Mann lachte leise.
»Der Erste in einer Gemeinschaft von Eins?«
Thea nickte.
»Sein geheimer Name ist Noninui, aber ich nenne ihn immer Noni. Eigentlich darf ich keine Freunde haben, aber niemand kümmert sich um ihn. Alle denken, ich rede mit Steinen.«
»Und? Redest du mit Steinen?«
»Natürlich rede ich mit Steinen!«, entgegnete Thea hitzig. »Sie sind sehr interessant.«
»Manche sagen, sie wären ein wenig langsam.«
»Ich bin geduldig.«
»Eine sehr nützliche Eigenschaft.«
Sie schwiegen eine Weile, bevor Thea so beiläufig wie möglich fragte: »Hast du auch einen Namen?«
Der Mann blinzelte und wirkte ehrlich verblüfft.
»Ah, Namen. Ja. Ich glaube, so tief hier unten ist mein Name … Gale. Ja, das klingt richtig. Es ist manchmal schwer zu sagen. Ich komme viel rum.«
»Du hast keine Bestimmung?«
Der Mann namens Gale schüttelte den Kopf.
»Dort, von wo ich herkomme, gibt es so etwas nicht.«
Thea klappte vor Verblüffung der Mund auf. Er hätte auch sagen können, dass an diesem Ort Steine fliegen konnten.
Der Mann schien in seinen eigenen Gedanken gefangen, denn es dauerte einen Moment, bevor er den Kopf schüttelte und Thea ansah.
»Hat dein kleiner Ausflug hier ein bestimmtes Ziel?«
Thea spürte wieder Panik aufsteigen.
»Wirst du mich wieder nach Hause bringen?«
»Kommt drauf an. Wo ist dein Zuhause?«
Sie zeigte nach oben.
»Das Dorf, aus dem ich gerade, ähm, rausgefallen bin.«
Der Mann folgte ihrem Finger und sah die Felsdecke an.
»Bist du sicher?«
Thea zuckte mit den Schultern.
»Ein anderes Zuhause habe ich nicht. Leider.«
»Wenn du das sagst. Soll ich dich dorthin zurückbringen?«
Thea erschrak, trat einen Schritt zurück und hob abwehrend eine Hand.
»Nein, auf keinen Fall, ich hasse diesen Ort!«
Gale nickte.
»Stark, stur und verwirrt. Der Inbegriff des Menschseins.«
Sie verstand nicht, was das heißen sollte, und fragte stattdessen: »Wohin willst du denn?«
Er zeigte ebenfalls nach oben.
Thea sah verblüfft zur Felsendecke auf, dann schaute sie den Mann Gale verwirrt an.
»Höher als mein Dorf?«
Er nickte.
»Wieviel höher?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Ist das wichtig?«
Thea blinzelte irritiert.
»Du weißt nicht, wohin und wie lange du reisen willst?«
»Das hängt nicht wirklich von mir ab.«
Thea sah zu Boden, während sie darüber nachdachte.
»Kann ich mitkommen?«, fragte sie schließlich.
»Woher soll ich das wissen?«
Sie schwieg, dann versuchte sie es noch einmal: »Ich will mit dir mitkommen.«
Er nickte.
Das war alles. Der Mann wandte sich ab und schritt, ohne sich umzusehen, den Gang entlang. Das Roboterpferd sah ihm einen Moment nach, dann trottete es ihm langsam hinterher. Jetzt bemerkte Thea auch die großen, vollgepackten Taschen, welche das künstliche Lasttier trug.
»Also würdest du mich mitnehmen?«, rief sie ihm nach.
»So kann man es auch sagen.«
»Aber du weißt nicht, wohin?«
»Macht das einen Unterschied?«
»Findest du nicht«, rief sie, »du solltest über diese Aspekte nachgedacht haben, bevor du zu einer Reise aufbrichst?«
Der Mann hielt inne.
»Du musst nie wieder in dein Dorf zurückkehren und der wichtigste Aspekt deiner Reise ist: von hier weg.« Er sah sie über die Schulter hinweg an. »Besser?«
»Das ist ein guter Punkt.« Sie legte den Kopf schief und musterte den Mann aufmerksam. »Nimmst du öfters vollkommen fremde Menschen mit auf eine Reise?«
»Du wärest verblüfft.«
»Und ich soll mit einem völlig fremden Mann davonziehen? Das erscheint mir nicht sonderlich schlau.«
»Möchtest du lieber bei den Männern in deinem Dorf bleiben?«, fragte Gale zurück.
Thea schüttelte den Kopf.
»Das erscheint mir noch viel weniger schlau. Aber wie kann ich sicher sein, dass du mir nicht Furchtbares antust?«
»Weil du schon die ganze Zeit darüber nachdenkst, was du mir Furchtbares antun würdest.«
Thea nickte bestätigend.
»Das ist wahr, ja.«
Sie grübelte eine Weile vor sich hin, während ihr altes Leben bereits in der Dunkelheit des Tunnels hinter ihr zurückfiel. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und machte Anstalten, dem Mann zu folgen.
Ihr Körper jedoch wählte genau diesen Moment, um seine lange Liste von Schulden einzulösen, die Thea während ihrer Flucht und dem folgenden Sturz hatte auflaufen lassen. Ihre Beine versagten und sie fiel mehr in sich zusammen, als sie stürzte.
Sie fluchte, als alle Wunden, welche bis jetzt geduldig abgewartet hatten, gleichzeitig darum wetteiferten, mit Schmerzen auf sich aufmerksam zu machen.
Der Mann Gale war stehengeblieben und sah auf sie herab. Er kam langsam zurück, trat auf sie zu, und bevor Thea Gelegenheit hatte, zu protestieren, hob er sie vom Boden auf, als wäre sie gewichtslos, und setzte sie oben auf das Packpferd.
Als Thea in ihrer vollständigen Verblüffung ihre Stimme wiederfand, waren sie schon eine Weile unterwegs.
»Müssen wir nicht durch das Dorf?«, fragte sie hauptsächlich, um etwas zu sagen.
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Die Gänge sind sehr weitläufig. Wir können es vermeiden, gesehen zu werden.«
Thea erlaubte es sich, erleichtert auszuatmen. Sie stellte fest, dass sie, wenn sie es schaffte, ihren schmerzenden Körper zu ignorieren, diese Art des Reisens eigentlich ganz angenehm fand.
Was ihr von diesem ersten Abschnitt der Reise jedoch am nachdrücklichsten in Erinnerung blieb, waren die endlosen Tunnel.
Sie hatte natürlich gewusst, dass das Dorf auf allen Seiten von Gängen im Felsen umgeben war, doch sie hatte die Weitläufigkeit dieser Wege vollständig unterschätzt. In regelmäßigen Abständen erzeugten die großen Kristalllaternen Inseln aus Licht und kennzeichneten darüber hinaus Abzweigungen.
»Wohin führen all diese Gänge?«, wollte Thea irgendwann wissen.
»Der Hauptweg führt in einer langgezogenen Spirale um den Schacht herum«, erklärte Gale. »So weit unten liegen die Wege tief im Felsen. Die Magma-Aktivität im Schacht selbst ist viel zu hoch für offene Pfade. Die Abzweigungen wiederum führten früher zu anderen Siedlungen.«
»Anderen Siedlungen?«, fragte Thea tonlos.
Der Mann nickte langsam.
»Damals gab es zahlreiche Gemeinschaften, die am Rand des Schachts lebten. Das ist jedoch schon lange her. Heute gibt es nur noch dein Dorf.«
»Was ist passiert?«
»Zeit ist passiert. Der Schacht ist alt geworden«, erklärte der Mann. »Er existiert schon sehr lange. Alles geht irgendwann zu Ende.«
Thea dachte darüber nach.
»Werden deswegen die Erdbeben häufiger?«
»Genau«, bestätigte Gale, ohne sie anzusehen.
»Und die zerfallenden Wege? Weniger Tiere zum Jagen? Die erschöpften Minen?«
»Auch das alles, ja.«
Sie schwieg eine Weile und versuchte, die neuen Informationen zu verarbeiten.
»Wo sind denn dann all die Menschen hingegangen, die hier früher gelebt haben?«
Der Mann zögerte lange, bevor er antwortete.
»Viele sind weitergezogen.«
»Wohin?«, fragte Thea. »In den Himmel?«
»Kommt darauf an, wo sie ihn gesucht haben.«
Thea sah den Mann verdutzt von hinten an.
»Na, oben natürlich.«
»Das ist eine mögliche Richtung, ja.«
Thea schaukelte einen Moment lang sprachlos auf dem Pferd hinter dem Mann her, während sich ihr Mund mehrmals öffnete und schloss.
»Moment. Soll das heißen, manche machen sich auf die Suche nach dem Himmel und gehen nach unten? Ist das dein Ernst?«
Der Mann zuckte mit den Schultern.
»Es hängt ganz davon ab, wie du Himmel definierst.«
»Nun, meine Mutter hat gesagt, dass im Himmel Licht strahlt, das nicht rot ist. Dass es dort genug Essen für alle gibt. Dass Menschen dort tun können, was immer sie wollen. Ohne Regeln und Vorschriften.«
Der Mann lachte leise.
»Du wärst verblüfft, auf wie viele verschiedene Orte das zutrifft.«
Das ließ Thea verstummen.
Sie sprach auch nicht, als der Mann Gale das Ruhelager aufschlug. Er hatte sie mit dem Pferd zusammen in eine große Halle geführt, in der große Stapel schwarzer Feuersteine lagerten. Der Mann kochte das Essen und Thea staunte über die hohe Qualität seiner Ausrüstung. Seine Werkzeuge und Töpfe waren aus edlem Metall, unversehrt und frei von Rost. Kein Vergleich zu den alten gusseisernen Kesseln und Blechlöffeln zu Hause. Auch seine Vorräte waren besser als alles, was Thea zu Hause selbst zu hohen Festen sah. Er briet große Stücke Fleisch, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt. Sie musterte das Essen kritisch.
»Das ist Wurmfleisch«, kommentierte sie irgendwann.
Der Mann nickte.
»Es lässt sich gut lagern.«
»Woher hast du es? Hast du selbst gejagt?«
Der Mann schüttelte den Kopf.
»Ich komme durch viele Orte. Meist handele ich ein, was ich brauche.«
»Handeln gegen was?«, fragte Thea und starrte hungrig das Fleisch an.
»Meistens biete ich Wissen. Wissen ist sehr wertvoll.«
»Das Wissen von fernen Orten?«
Er nickte.
Sie aßen schweigend, während Thea zu verstehen versuchte, wie es möglich war, nur mit Wissen zu reisen.
