Der Himmel wird zur See - Sven Haupt - E-Book

Der Himmel wird zur See E-Book

Sven Haupt

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Beschreibung

Die Raumschiffpilotin Hannah Riley bestreitet zusammen mit ihrem Roboterfreund Andy einen Lebensunterhalt durch illegale Frachtflüge im äußeren Sonnensystem. Von einem geheimnisvollen Auftraggeber erhalten die beiden eine schier unmögliche Mission. Sie sollen zur zerstörten Erde reisen, um eine Bibliothek voller medizinischem Wissen zu bergen, das angeblich den Untergang der menschlichen Rasse aufhalten kann. Unterwegs müssen sich die beiden dem Wahnsinn stellen, der ihnen in Form von gefakten Vampiren, verrückten KIs und mörderischen Robotern begegnet. Sie finden die Wahrheit - aber auf gänzlich andere Art als erwartet... Nach »Stille zwischen den Sternen« (Gewinner des Deutschen Science-Fiction Preises 2022), »Wo beginnt die Nacht« und »Niemandes Schlaf« (Gewinner des Deutschen Science-Fiction Preises 2024) ein ganz neues SF-Abenteuer aus der Feder von Sven Haupt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Der Himmel wird zur See

 

von Sven Haupt

 

 

Sciencefiction

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

ISBN 978-3-946348-48-1

ISBN 978-3-946348-47-4 (Print Ausgabe)

© Eridanus Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Heerstr. 103 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat: Helga Sadowski | Christine Jurasek

Korrektorat: Anke Tholl

Umschlaggestaltung | Illustration: Detlef Klewer

Satz | Gestaltung: Jana Hoffhenke

Ebook-Realisierung: Jana Hoffhenke

 

https://eridanusverlag.de

https://www.instagram.com/eridanus.verlag.sf

https://www.facebook.com/eridanusverlag

 

»Follow the madness,

Alice, you know once did.«

 

(Nightwish – Storytime)

 

 

»When the day becomes the night,

and the sky becomes the sea,

when the clock strikes heavy,

and there’s no time for tea;

and in our darkest hour,

before my final rhyme,

she will come back home to Wonderland,

and turn back the hands of time.«

 

(Alice Through The Looking Glass, 2016)

01 | Der späte Anruf

 

Von ungewöhnlichen Geschäftszeiten – Ein intimes Rauschen auf größte Entfernung – Fragen der temporalen Perspektive – Ein erstaunlich talentierter Vogel

 

 

Das Telefon klingelte pünktlich nach einhundert Jahren.

Als die lauten Glocken in die Stille hinein schallten, schien selbst die dicke Schicht aus Staub zu erschrecken. Sie stob in einer dichten, vibrierenden Wolke auf, als wollte sie den ungebetenen Ruhestörer vor neugierigen Blicken verbergen. Doch das Gerät, frisch befreit von der dämpfenden Last, schrillte nur umso lauter.

Man sah dem klobigen Ding sein Alter kaum an, denn wer auch immer es auf dem Schreibtisch platziert hatte, musste gewusst haben, dass sehr lange Zeiträume im Spiel sein würden. Es war eines dieser Retro-Modelle aus Bakelite, die aussahen, als hätten sie eine Wählscheibe. Zum Glück steckte trotzdem modernste, wenn auch jetzt vergessene Technik darin. Andernfalls hätte die Person, die jetzt mit eleganten, wenn auch völlig lautlosen Schritten in das Büro trat, große Schwierigkeiten bekommen, das Gespräch anzunehmen.

Die Abendsonne ließ lange Lichtspeere durch das Zimmer wandern, welche sich in funkelnden Regenbögen auf den Pailletten ihres Kleides brachen, als sie langsam eine Hand hob und mit einer lässigen Bewegung das Klingeln beendete.

Ein Rauschen drang aus dem Lautsprecher und füllte die neugewonnene Stille. Es schwebte unaufdringlich und verzaubernd durch den Raum, alles umarmend und einhüllend, als wolle es Nähe herstellen, während es gleichzeitig von gewaltigen Entfernungen flüsterte.

Eine leise Stimme gewann im Rauschen Form.

»Es ist so weit. Ich sende sie morgen auf den Weg.«

»Gut«, antwortete die Angesprochene und trat hinter die Jalousie. »Ich werde nicht undankbar sein für ein wenig Abwechslung.«

»Ich hoffe, ihr wisst, was ihr tut«, fügte die Stimme hinzu. »Manche sagen, es ist schon zu spät.«

Die Person lächelte und sah sich in dem von Staub bedeckten Raum um. Ihr Blick blieb an dem großen Ledersessel hängen, der am Schreibtisch stand. Da er gewissermaßen besetzt war, neigte sie kurz den Kopf zur Begrüßung. Sie tat sogar einen Schritt hinüber und ließ liebevoll einen Finger über den blanken Kopf des Skelettes im Stuhl streifen. Wo sie es berührte, tanzten winzige Funken über den Knochen.

»Für manche mag es so aussehen«, antwortete sie schließlich. »Aber meiner Meinung nach ist alles eine Frage der Perspektive. Davon abgesehen liegen wir im Zeitplan.«

Ein feines Klicken verriet ihr, dass die Verbindung unterbrochen worden war.

Langsam wandte sie sich wieder dem Fenster zu und vernahm die Stimme des Nachtrufers. Wie jeden Abend. Er liebte seine Routine und begrüßte Pünktlichkeit. Sie sah ihn zwischen den Lamellen hindurch am Rande der Ruine auf seiner Lieblingsmauer sitzen. Immer, wenn der Abend kam, ließ er sich dort nieder. In seiner gewohnt dramatischen Art schüttelte er seine Metallflügel und sah sich fragend um, wie um sicherzustellen, dass sein Publikum respektvolle Stille wahrte.

Schließlich erhob er seine Stimme.

Heute sang er eine Arie.

Die Person im Büro lächelte. Sie wusste, er tat es, um ihr eine Freude zu machen.

Sie schloss die Augen und lauschte noch lange, während die Lanzen aus Licht ihre Wanderschaft im Raum langsam einstellten und der Nachtrufer mit seinem getragenen Nessundorma die Dunkelheit begrüßte.

02 | Das dunkle Café

 

Die Heldin unter einem weißen Himmel – Vom Ende einer Zivilisation ohne Kaffee – Kontrolle durch Cartoon-Figuren – Ein ominöser Klient – Plötzliche Dunkelheit

 

 

»Ich glaube nicht«, erklärte Hannah nachdenklich, »dass wir eine Zivilisation als untergegangen bezeichnen können, solange sie noch Kaffee serviert.«

»Du und deine anthropozentrischen Argumente«, erwiderte Andys stark verrauschte Stimme genervt. Hannah hob ihren linken Am, bis sie den klobigen Computer, den sie um den Unterarm geschnallt trug, vor ihrem Gesicht hatte. Sie lauschte angestrengt am Lautsprecher und klopfte gelegentlich mit der flachen Hand gegen das Gehäuse.

»Ich bin auch Teil dieser Gesellschaft«, fuhr Andy aufgebracht fort, »und ich trinke nichts. Ich verwalte jedoch große Mengen an Daten und die Netzabdeckung hier ist in einem Wort: tragisch. Selbst die Ortung ist lückenhaft. Wie soll ich so arbeiten? Wo zur Hölle bist du? So weit ist es gekommen, ich muss fragen!«

»Hör auf, dich zu beschweren«, entgegnete Hannah und drehte an einem der großen Knöpfe des Gerätes. Der kleine Röhrenbildschirm erwachte mit dem leisen ‚Flopp‘ und dem Knistern einer Entladung zum Leben. »Warum kommst du überhaupt aus dem Lautsprecher?«

»Ich versuche meinen Audiokanal wie immer in deine Implantate zu speisen, aber für ein 5-Sterne-Ressort ist die Bandbreite hier beklagenswert. Wechsel bitte mal den Kanal und geh‘ zwei hoch.«

Hannah nickte, während sie darauf wartete, dass sich das Bild stabilisierte. Ihr Arm begann zu zittern und ihre Rechte griff hart nach ihrem Handgelenk, während sie alle Muskeln anspannte. Die grüne Schrift flackerte einen Moment und fing sich dann. Hannah drehte an einem der großen Steuerknöpfe und das System wechselte mit lautem Klacken den Kanal.

»Besser«, kommentierte Andy. »Die Verschlüsselung läuft. Du kannst dich einhängen.«

Hannah trat unauffällig hinter eine Werbetafel, sah sich nach allen Seiten um und zog dann ein langes Kabel aus dem Gerät, welches sie ungeschickt mit stark zitternden Händen durch den Ärmel ihres Hemdes fädelte und hinten aus dem Kragen zog, wo sie es in die Buchse stöpselte, die dicht hinter ihrem linken Ohr im Knochen verankert war. Wie immer glitten ihre Finger danach sanft über die beiden Stahlringe, die sich seitlich an ihrem Kopf aus den kurz geschorenen Haaren erhoben und wie immer schauderte sie sanft bei dem Gefühl.

[Sehr gut.]

Andys Stimme hallte, klang klar und deutlich durch ihren Kopf.

[Weißt du, wenn sie in den Urlaubsprospekten für das Luxusressort auf Enceladus werben, würde man meinen, dass sich die fünf Sterne auf mehr beziehen als nur die Qualität der Prostituierten und der Casinos. Wie wäre es mit einer vernünftigen Breitbandanbindung?]

Hannah kämpfte mit dem leichten Schwindel, der sie immer überfiel, wenn Andy in ihrem Kopf auftauchte. Sie hielt sich an der Werbetafel fest und lehnte sich vorsichtig mit dem Rücken dagegen. Sie sah nach oben. Über ihr spannte sich der ewig gleiche, milchig weiße Himmel.

»Wen interessieren Sterne? Ich habe das Werbeprospekt auch gelesen, Andy. Überall Bilder vom berühmten Eismond, der, malerisch in funkelnde Kristalle gebadet, durch die schillernde Pracht der Saturnringe gleitet. Wie ein weiß glänzender Edelstein, der in einem himmlischen, endlosen Regenbogen schwimmt. Regenbogen, Andy. Der Regenbogen ist der einzige Grund, warum ich überhaupt zugestimmt habe, herzukommen. Was meinem Leben mehr als alles andere fehlt, sind Regenbögen. Was einem aber keiner sagt, ist, dass man von den mit Stahl überdachten Landeplattformen umgehend mit einem Aufzug durch die zwanzig Meter dicke Eisdecke fährt und dann in einer Unterwasserstation hockt. Wenn man dann hochschaut, sieht man genau so viele Regenbögen wie im Innern eines Tischtennisballs. Es ist doch irgendwie symbolisch für unsere Gesellschaft, findest du nicht? Sie versprechen Regenbögen und man bekommt Packeis.«

[Du wirst wieder poetisch und zynisch. Ich hatte gebeten, dass du nur eines davon bist, wenn wir arbeiten. Wo bist du denn überhaupt?]

»Ich stehe an der Treppe zum Promenadendeck und starre durch die Panoramafenster in den verdammten Ozean hinaus. Er ist grau, öde und voller Quallen. Sie leuchten grün und machen beunruhigend organische Bewegungen, Andy. Ich hasse Quallen, Andy. Habe ich das erwähnt? Ich habe Regenbögen bestellt und bekomme Quallen. Die Story meines Lebens. Erklär‘ mir nochmal, warum ich hier bin.«

[Weil unser Klient uns die höchste Anzahlung geleistet hat, die jemals auf unserem Konto eingegangen ist und wir sie nicht mehr zurückgeben können, da wir sie für die Reparatur unseres Schiffes ausgegeben haben. Ohne das wir, nebenbei erwähnt, niemals hierhergekommen wären. Der Treffpunkt ist in einem Café. Die Onlinebewertungen sagen, der Kaffee ist besonders gut. Vielleicht steigert das deine Laune.]

»An diesem Punkt müsste eine extrem gutaussehende Kellnerin eine halbe Stunde zwischen meinen Beinen knien, um meine Laune zu steigern.«

[Hannah Riley! Wir haben darüber gesprochen! Ich bin ein künstliches Wesen und selbst mir ist deine Ausdrucksweise zu farbenfroh. Bitte, bitte verschrecke nicht wieder einen Klienten. Und wo wir von Abschreckung reden. Ich sehe auf den Überwachungsbildern eine Patrouille. Aktiviere deinen gefälschten Ausweiscode.]

»Verdammte Drecksbande«, murrte Hannah.

[Atmen, Riley. Atmen. Es wird alles glattgehen. Ich habe die Daten heute Nacht erst aktualisiert. Alle deine Parameter werden grün angezeigt. Keine Sorge.]

Hannah stieg die letzten Stufen hinauf und scannte sofort mit einem geübten Blick den Platz, auf dem sich um diese Zeit kaum Menschen bewegten. Ihr Blick blieb an zwei Gestalten in grauen Uniformen hängen, die so groß, breit und blond waren, dass sie aussahen wie Cartoon-Figuren.

Die beiden Männer standen mit auf dem Rücken gefalteten Armen am Rande des Platzes und ließen betont entspannte und überaus beiläufige Blicke über die Promenade streifen. Ihre gleichgültige Präsenz machte es für Hannah nur noch offensichtlicher, dass sie tatsächlich jede einzelne Bewegung registrierten. Sie grunzte langgezogen, verzog das Gesicht und blickte zu Boden, während sie den Kopf einzog.

[Was? Was? Ich sehe doch nichts! Gott, ich hasse das!]

»Da sind sie«, knirschte sie und vermied es, auch nur in die entsprechende Richtung zu schauen.

Manchmal, dachte Hannah, wenn man ihnen keine Beachtung schenkt …

Eine helle Tonfolge schallte aus ihrem Armcomputer. Das Gerät schaltete sich selbstständig an und der Bildschirm zeigte eine stark verpixelte Hand, über der ein Planet schwebte, das Symbol der Hüter. Die leicht verrauschte und etwas verzerrte Stimme einer Frau dröhnte quakend aus dem eingebauten Lautsprecher.

»Bürger! Die Hüter der Ordnung erbitten deine vollständige Kooperation. Bereithalten für eine Inspektion!«

[Und täglich grüßt die Ordnung.]

»Natürlich«, kommentierte Hannah trocken. »Schließlich hatte ich noch keinen Kaffee. Wir können Bull­shit-Bingo spielen, wenn du möchtest. Was glaubst du? Halten Sie mich an, weil ich braun bin, eine Frau bin, oder weil ich kein Kleid trage?«

[Du hast ‚klein‘ und ‚unverschämt‘ vergessen. Mach dich nicht so wichtig. Egal, wie verfolgt du dich fühlst, zumindest musstest du deinen Körper noch nicht aufgeben.]

»Bring sie nicht auch noch auf dumme Gedanken«, murmelte Hannah, während sie düster verfolgte, wie die beiden Männer auf sie zukamen.

[Sie halten dich an, weil sie entweder den Anblick deiner alten Latzhose mit dem ollen Shirt darunter nicht ertragen konnten, oder aber, weil sie deine Implantate gesehen haben und jetzt wissen wollen, ob du mit Maschinen sympathisierst.]

»Ich muss mit einer zusammenarbeiten«, flüsterte Hannah, ohne die Lippen zu bewegen, »aber sie ist mir nicht sympathisch. Erleichtert das die Umstände?«

[Sehr lustig. Aber mach dir keine Sorgen, ich habe deine Unterlagen gerade erst auf den neusten Stand gefälscht. Deine Akte ist sauber. Du musst nur lächeln. Ich weiß, ich weiß. Schau, mit wem ich rede. Sind es Standard-Menschen?]

»Nein«, wisperte Hannah. »2.0 Modelle. Müssen aus der gleichen Reihe sein, sehen praktisch identisch aus. Bis runter zu den extra breiten Unterkiefern und der lächerlichen Haartolle.«

[Ach, die Reihe. Wie praktisch. Die sind ein bisschen dämlich. Waren für die Zucht bestimmt und erwiesen sich alle als steril. Jetzt schieben sie Wachdienst auf den Kolonien, wo man nicht denken muss. Versuch sie nicht zu provozieren, bitte! Sie sind nicht sehr kreativ.]

»Ich könnte sie eine Runde an meinen Vorurteilen teilhaben lassen oder an einer Statistik. Wie wäre die hier: Nur drei von zehn Festgenommenen versterben in Haft während der Befragungen. Aber neun von zehn der Verstorbenen sind Frauen und die Körper werden niemals zur Obduktion freigegeben.«

[Hannah, du kannst dich nicht mit den Ordnungshütern anlegen.]

»Natürlich kann ich. Du meinst wahrscheinlich, ich sollte nicht.«

[Ein einziges Mal möchte ich einen Auftrag erledigen, ohne dass du uns in Schwierigkeiten bringst.]

Hannah wollte etwas entgegnen, doch nun warf einer der beiden Hüter bereits seinen Schatten auf sie. Er musste zwei Köpfe größer sein und einen Kopf breiter und sie wusste, dass sie nicht schmal gebaut war. Während sie mit ihrer aufkeimenden Panik kämpfte, überlegte sie zerstreut, ob es die Uniformen waren, welche die beiden Männer so eckig aussehen ließen, oder ob es die genveränderten Menschen selbst waren, welche die Uniformen eckig machten. Hannah rief sich zur Ordnung und bemühte sich um einen demütigen Ausdruck, während sie dem Mann gehorsam ihren Arm mit dem Computer hinhielt. In letzter Sekunde erinnerte sie sich noch daran, einen halbherzigen Knicks hinterherzuschieben, von dem sie wusste, dass er an einer Person in ölverschmierter Hose und Stiefeln vollkommen bescheuert aussah. Der Hüter fixierte sie aus beunruhigend blauen Augen, zog routiniert ein Kabel aus seinem eigenen Armcomputer und stöpselte sich in ihren externen Port ein. Der Anblick des fremden Kabels in ihrem Armcomputer ließ Übelkeit in ihr aufsteigen.

[Ach schau mal, jetzt funktioniert auf einmal auch das Netz. Ah, wie erwartet. Retrovirus. Sie versuchen, dein System zu infiltrieren und Spyware zu installieren sowie eine Hintertür. Ich melde ihrer Zentrale einen gefakten Erfolg zurück und antworte unsererseits mit einem kleinen Geschenk, welches in zwölf Stunden dafür sorgt, dass ihr Zentralsystem nicht mal mehr als Raumheizung funktionieren wird.]

Der Mann vor Hannah sah derweil konzentriert auf seinen Bildschirm.

[Er sucht in deinen medizinischen Daten nach etwas Kompromittierendem. Keine Sorge, alle deine Organ-Codes sind auf dem neusten Stand. Er wird nur das Lob deiner Vorgesetzten beim Militär finden.]

Hannah schloss die Augen, spannte ihren ganzen Körper an und versuchte mit aller Kraft, das Zittern in ihrem Arm zu unterdrücken.

Das Nächste, was sie hörte, war das Schnappen, mit dem das Transferkabel wieder im Computer des Hüters verriegelte. Als sie die Augen öffnete, sah sie, wie beide Männer salutierten und ihr ein zackiges: »Habt Dank, Bürger!« entgegenschmetterten. Ihre Bewegungen waren so synchron und perfekt, dass jeder Ausbilder in der Armee in Tränen ausgebrochen wäre. Hannah antwortete halblaut mit der offiziellen Protokollantwort.

»Für die Ordnung«, murmelte sie, doch die Männer hatten sich schon wieder abgewandt.

Hannah atmete tief und stockend durch.

»Was für eine entsetzliche Art, auf dem Weg zum ersten Kaffee unterbrochen zu werden«, flüsterte sie leise. »Ich hoffe, dieser ominöse Klient ist den ganzen Stress wert.«

[Hey, wie wäre es vielleicht mal mit einem ‚Danke‘? Ist ja nicht so, als würde es einen monströsen Aufwand an Zeit und Geld kosten, deine Organscans zu fälschen und jeden Monat den neuen Anforderungen der Ordnung anzupassen. Immerhin ist das nicht zuletzt der Grund, warum wir exzentrische Klienten mit tiefen Taschen wirklich brauchen können.]

Hannah schnaufte bitter und lief mit entschlossenen Schritten über den Platz.

»Oh, wäre ich doch wie du und könnte meinen Körper einfach verlassen. Leider könnte ich dann auch nicht mehr vor die Tür gehen. Wo sagtest du gleich, ist der Treffpunkt?«

[Du stehst praktisch davor. Dreh‘ mal den Arm, sodass ich was sehe. Ja, genau, da hinten. Das kleine Café neben dem Friseur und dem Chipankauf.]

»Was die mir wohl für dich bieten?«

[Sehr lustig. Wenn du das nächste Mal um drei Uhr morgens wach liegst und dich fragst, warum dich niemand liebt, dann hätte ich eine Arbeitsthese. Und Hannah, Schatz, ich flehe dich nochmals an, verärgere nicht wieder einen Klienten!]

»Das war nicht meine Schuld«, erklärte Hannah unschuldig. »Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass sein Outfit ihn aussehen lässt wie einen Zuhälter, während seine Schuhe ihn als Maschinenfetischist ausweisen. Es hätte ja sein können, dass Roboter neuerdings eine eigene Form der Prostitution haben. Ich meine, jetzt, wo der Besitz von Androiden bei Todesstrafe verboten ist. Es war ehrliche Neugier.«

[Seltsam, dass er so sauer geworden ist.]

»Ich weiß, die Leute sind einfach viel zu empfindlich«, murmelte sie und trat in den kleinen Laden. Der Raum erwies sich als sehr schmal. Neben der Theke blieb nur ein enger Durchgang, dafür reichte das Café tief in den Block hinein. Sie bestellte einen synthetischen Kaffee, schwarz und mit einem extra Beutel Koffeinpulver, bei einer gelangweilt aussehenden Frau, die fast an den Hebeln der Maschine einzuschlafen schien. Mit der dampfenden Tasse vor dem Gesicht, scannte Hannah schnell den Raum und drängte sich an den zumeist leeren Tischen vorbei in eine Ecke neben eine leere Kuchenvitrine. Am hinteren Ende des Raumes erspähte sie noch zwei geschlossene Türen. Zwei weitere Gäste lagen halb auf dem Tisch und schliefen entweder einen Rausch aus oder kamen von einer Nachtschicht. Beide trugen die billigen Mäntel, welche gerade in Mode waren. Bei Menschen, die keine Freunde hatten. Weder in der Ordnung noch unter den unzähligen Überwachungskameras. Hannah zählte drei in den Ecken der Wände und eine hinter der Theke. Ein betagter Röhrenbildschirm stand auf der Theke und zeigte dem Raum ein flackerndes, schwarz-weißes Bild, welches in unruhigen Streifen von oben nach unten über das staubige Display lief. Hannah registrierte beiläufig die Wiederholung einer uralten Fernsehserie von der alten Erde.

Sie senkte den Blick und sprach wieder, ohne die Lippen zu bewegen.

»Charmanter Ort. Frühe Suizid-Klassik. Was ist der Zeitplan?«

[Du hast noch eine Minute. Der Auftrag kommt mit einem geradezu anstößig hohen Honorar, ich wäre also wirklich dankbar, wenn du …]

Hannah hob die Tasse vor das Gesicht und zischte leise:

»Ist ja gut. Ist ja gut. Samthandschuhe. Ich habe es verstanden. Alles, was dazu führt, dass ich diesen Ort schnellstmöglich wieder verlassen kann. Ich hoffe, es ist genug Geld im Angebot, um unsere Vorräte und den Treibstoff wieder aufzufüllen, denn diese Plörre hier schmeckt wie ein Ölwechsel in …«

Sie verstummte, denn der Monitor auf der Theke hatte sich gerade mit einem dumpfen ‚Pfump‘ ausgeschaltet. Sie starrte auf den kleinen glühenden Lichtfleck, während sich die Röhre entlud, und suchte Augenkontakt zu der müden Bedienung hinter der Theke. Dort stand jedoch niemand mehr. Hannahs Blick schweifte über die leeren Tische, an denen eben noch Menschen gesessen hatten und sie flüsterte ein leises: »Oje.«

Das Wort verhallte genau in dem Moment, als sich alle drei Überwachungskameras synchron zur Wand drehten.

Sie flüsterte: »Andy, siehst du das auch? Andy … ?«

Doch ihr Kopf blieb leer, wenn man von der sich ausbreitenden Panik absah.

Okay, ganz ruhig, dachte sie, ohne sich im Geringsten zu überzeugen. Es sind nicht die Wächter. Die hätten mich eben einfach mitnehmen können. Das sieht mehr nach einem wirklich wohlhabenden Klienten aus, der uns beeindrucken will.

Die Tür des Cafés schwang von allein zu und verriegelte sich mit einem lauten Klicken.

Es gelingt ihm.

Das Licht ging aus.

Scheiße.

Sie sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel und erkannte eine dunkle Gestalt, die aus dem hinteren Bereich des Cafés langsam nach vorne geschritten kam.

Wirklich?, dachte Hannah. Schwarze Kleidung? So langsam übertreiben wir aber. Sie wusste, sie würde das bereuen, aber sie wollte verflucht sein, wenn sie anfing, dumme Spiele dieser Art wehrlos hinzunehmen. Sie hob ihren Arm und drehte den Computer dem Schatten entgegen, bis der Bildschirm auf die Gestalt zeigte. Mit einer lässigen Bewegung drückte sie den Scheinwerferknopf und kniff kurz die Augen zu zusammen, als der Bildschirm grellgrün aufflammte.

Die Gestalt blieb vor ihrem Tisch stehen. Sie trug tatsächlich schwarze Kleidung inklusive Handschuhe und einer Stoffhaube, welche das ganze Gesicht bedeckte. Die Augen blieben hinter einer dicken Brille verborgen, die an den Seiten geschlossenen war. Hinter den Gläsern war nichts zu sehen, denn in dem Moment, da das Licht auf­flammte, surrte es leise, und zwei Irisblenden schlossen sich.

Hannah sperrte den Mund auf.

Die Gestalt jedoch schien überhaupt nicht beeindruckt.

Mit einer fast liebevollen Geste legte sie einen Brief vor ihr auf den Tisch, wandte sich wieder ab und verließ mit überaus entspannten Schritten den Raum.

Hannah starrte volle zwei Minuten auf den Brief vor sich, bevor sie das Licht wieder ausschaltete. Genug Zeit für das Café, um wieder aus seinem Schlaf zu erwachen. Als sie blinzelnd wieder zu sich kam, hatten sich alle Geräte erneut eingeschaltet und die anderen Gäste hüllten sich in die überzeugende Aura von Menschen, die niemals ihren Tisch verlassen hatten. In ihrem Kopf fluchte Andy bereits über instabile Netze, doch erst als die Tür aufging und ein Kunde auf der Suche nach Kaffee den Laden betrat, schüttelte Hannah langsam den Kopf und fragte: »Hast du das gerade gesehen?«

[Ich habe nichts gesehen. Das ganze Netz ist für eine halbe Minute einfach weggewesen. Was ist das da auf dem Tisch? Dreh mal den Arm. Ist das ein Umschlag aus Papier? Großer Gott, ist das retro! Wie ist der da hingekommen?]

»Das würdest du mir sowieso nicht glauben.«

[Auch gut. Na los, mach ihn auf.]

Hannah öffnete ungeschickt den Umschlag und nestelte umständlich eine Karte aus dickem Papier hervor. Dabei zitterte sie so stark, dass das Papier auf den Boden fiel und sie erst einmal fluchend unter den Tisch krabbeln musste. Als sie es schließlich vor das Kameraauge des Armcomputers hielt, schwieg Andy lange.

»Was denn?«, fragte Hannah und ballte die zitternde Hand zur Faust. »Seit wann kannst denn du schweigen? Das ist doch nur ein QR-Code und ein seltsames Symbol darunter.« Sie blinzelte das Bild kurzsichtig an. »Sieht aus wie ein sehr hässlicher nackter Vogel mit zwei Köpfen.«

Als Andy wieder sprach, klang seine Stimme seltsam hohl.

[Das ist kein Symbol, Hannah, das ist ein Wappen.]

Sie zuckte mit den Schultern.

»Was auch immer, mir doch egal. Wem sein Wappen ist es denn?«

[Wessen Wappen. Egal, das würdest du mir sowieso nicht glauben. Es ist besser, du kommst zum Hangar zurück. Sofort.]

03 | Der oxidierte Code

 

Fliegende Konservendosen und römische Salate – Definitiv niemand an Bord, der denkt – Kaffee und handgeschriebene Verschlüsselungen – Von nackten Hühnern und was sie uns bedeuten

 

 

Das Tor des alten Hangars schob sich mit dem schmerzhaft lauten Kreischen gequälten Stahls zur Seite und erlaubte einem langen Spalt Licht, in die vollkommen finstere Halle zu fallen.

»Aha!«, rief Hannah erleichtert, während sie sich durch die schmale Öffnung zwängte und auf den langen, zylindrischen Schatten zulief, der als dunkler Umriss in der Mitte der Halle kaum zu erkennen war. Die Luft brannte eiskalt in ihrem Gesicht und ihr Atem kondensierte in langen Fahnen vor ihrem Mund. Sie blickte umher und versuchte aus den Tiefen der Düsternis irgendetwas zu erkennen. Die Halle musste gewaltig sein, wenn ihr dreißig Meter langes Schiff derart verloren darin aussah.

»Hallo?«, rief sie zu dem altersschwachen Frachter empor. »Komm schon, ich weiß, dass du mich hören kannst. Was soll das, schläfst du? Hast du irgendeine Vorstellung davon, wie lange ich gebraucht habe, um dich zu finden? Der Hafenverwalter hat sich vollkommen dumm gestellt und ich musste erst einem Wartungstechniker mit Prügel drohen, bevor er zugegeben hat, dass sie dich in einen alten Hangar im Außenbezirk versteckt haben. Als du plötzlich verstummt bist, dachte ich schon, jemand hätte dich entführt. Weißt du eigentlich, wie weit weg von der Station wir hier sind? Ich dachte, ich traue meinen Implantaten nicht, als der Dock-Arbeiter sagte, die letzten fünf Hangars ganz am Ende wären der verdammte Friedhof.«

[Woher bitte soll ich wissen, wo ich bin?]

Andy Stimme klang verdrossen und gekränkt.

»Wie in aller Welt kannst du nicht wissen, wo du bist?«

[Nun, sie haben das Netz abgeschaltet und der Funk funktioniert nur, solange man nicht auf allen Seiten von Stahlwänden umgeben ist und wie du siehst, haben sie sogar das Licht ausgeschaltet. Ich bin sicher, dass es ein internationales Abkommen zur Haltung von Raumschiffen gibt, welches hier gerade grob missachtet wird.]

Hannah blieb unter der versiegelten Schleuse stehen, verschränkte die Arme und trat fröstelnd von einem Fuß auf den anderen.

»Was sie wohl gegen dich haben? Wir haben doch sonst nicht solche Probleme.«

[Naja, sonst sind wir auch nur an illegalen Docks unterwegs und löschen Fracht, die in keinem Verzeichnis auftaucht. Wenn man zudem auf allen Seiten von Schrott umgeben ist, wird einem die eigene Hässlichkeit vielleicht nicht so bewusst.]

»Jetzt wirst du aber langsam unverschämt.«

[Nun, ich konnte mich aus offensichtlichen Gründen nicht an den Gesprächen der Wartungstechniker beteiligen, aber die vorherrschende Meinung scheint zu sein, dass die Cecilia aussieht wie eine Reihe zusammengelöteter Konservendosen, mit denen jemand ein paar Jahre lang Fußball gespielt hat.]

»Das ist nicht sehr freundlich. Es ist verblüffend akkurat, aber nicht sehr freundlich.«

[Und sie haben den Namen der Cecilia wieder falsch eingetragen.]

»Was diesmal?«

[Cäsars Lilien.]

»Für einen Haufen misogyner Hafenarbeiter ist das schockierend kreativ. Ich glaube, sie machen das mit Absicht, um die Kaution für die Wartung behalten zu können.«

[Warum nur bei dir?]

Sie zuckte mit den Schultern.

»Weibliches Schiff, weiblicher Kapitän, es ist wahrlich ein Rätsel.«

[Du könntest dich bei der Hafenleitung beschweren.]

»Damit sie die Hüter rufen und die mit Pinzetten durch unsere Bordpapiere gehen?«

[Du hast ja recht. Dennoch, das Problem ist hausgemacht.

Ich weiß, du willst ihre Erinnerung in Ehren halten, aber meinst du nicht, ein Name, der ein klein wenig konventioneller …]

»Wie wäre es, wenn du dich um deinen eigenen Kram kümmerst?«

[Soll ich das machen bevor oder nachdem ich die Rampe für dich ausgefahren habe?]

»Lass mich erst rein und dann sag mir, was du rausgefunden hast. Du bist doch dem QR-Code mit Sicherheit schon lange gefolgt.«

[Naja, bis zu dem Moment, wo sie mir das Netz abgedreht haben.]

Die Ausstiegsluke entriegelte sich mit dem ohrenbetäubenden Zischen eines ungeplanten und mangelhaft regulierten Druckausgleichs. Etwas krachte in einer überforderten Mechanik, während sich die Rampe stockend und in Zeitlupe aus dem Rumpf schob. Sie blieb einen Meter über dem Boden quietschend stehen.

Hannah seufzte.

»Ich dachte, wir hatten für Reparaturen bezahlt?«

[Sie fliegt. Kosmetik kommt dann, wenn wir uns Kosmetik leisten können.]

Hannah kletterte erstickt fluchend an Bord und stampfte mit schweren, genervten Schritten in die kleine Messe, wo sie auf den Esstisch neben der winzigen Küchenzeile zusteuerte. Sie hielt inne und sah noch oben.

»Was quietscht da? Sind wir das?«

[Festgerostetes Schiebedach des Hangars.]

»Aha. Haben wir es eilig?«

Sie langte in die Brusttasche ihrer Latzhose, warf den Brief nachlässig auf den Tisch und ließ sich daneben auf eine Bank fallen. Sie wäre fast direkt wieder heruntergepurzelt, denn das Schiff hob im gleichen Moment ab und beschleunigte in einem steilen Anstieg in den Himmel empor, kaum dass das Schiebedach weit genug offenstand.

»He!«, rief Hannah und hielt sich am Tisch fest. »Gibt es einen Bonus für Tollkühnheit? Lass mich doch erst mal ankommen.«

[Es tut mir leid, aber ich habe die Schnauze voll davon, in dieser Kiste festzustecken. Ich will mir die Beine vertreten.]

»Dann komm doch einfach raus. Es ist ja nicht so, als wären wir hier so beliebt, dass die Fans sich an der Schleuse die Nase plattdrücken.«

[Ich bin gerne vorsichtig. Zum Glück ist die Startfreigabe gerade durchgekommen, wir sind grün, den Mond zu verlassen, und ich will nur noch hier weg.]

Hannah stand auf und begann mit geübten Bewegungen die Kaffeemaschine zu bearbeiten, indem sie Druckventile schloss, die Wassertemperatur hochregulierte und riesige Mengen Kaffeepulver in die Mechanik schaufelte.

»Ich vermute stark, dass der QR-Code auf unserer Einladung unsere Zielkoordinaten enthält?«

Es zischte neben ihr, gefolgt vom Rumpeln sich entriegelnder Metallbolzen. Der große Stahlkühlschrank bebte kurz und die Tür des Eisfachs schwang langsam auf. Eine dichte Wolke aus weißer Kondensation flutete über den Boden der Messe.

Ein kleiner Androide von nicht einmal zwanzig Zentimetern Körpergröße hüpfte zu Boden, klopfte sich theatralisch die weiße Verschalung an Armen und Beinen ab und wandte zwei blau leuchtende Augen zu Hannah empor.

»Tut er, aber ich entschlüssele noch«, erklärte er. »Und es ist entwürdigend, hinter deinen Tiefkühlbrötchen zu leben. Ich werde niemals müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen.«

Hannah hatte sich nicht einmal umgedreht. Sie rammte einen Hebel in eine neue Position, schlug dann mit der flachen Hand auf die Maschine und grunzte zufrieden, als diese sich ergab und mit einem tiefen, zischenden Gurgeln antwortete. Kurz darauf drehte sie sich triumphierend mit der Kaffeetasse in der Hand zu Andy um.

»Jammer nicht so viel.« Sie nippte an dem Getränk, seufzte zufrieden und machte es sich erneut am Tisch bequem. »Ich verstehe immer noch nicht, warum du nicht einfach dabeibleibst, ein großer Frachter zu sein. Viele deiner Artgenossen haben sich so eine neue Identität geschaffen. Es muss doch cool sein, sich immer als gewaltiges Raumschiff zu spüren. Mit großen, mächtigen Düsen und so.«

Andy sah sie regungslos an, dann wandte er sich mit einem gemurmelten »Menschen!« ab, kletterte auf einen Stuhl und von dort auf die Tischfläche, wo er es sich bequem machte.

»Wenn man zu lange im System bleibt«, erklärte er schließlich, »versucht man hinterher ständig, die Beine in den Bauch zu klappen und in den Himmel zu springen. Ganz zu schweigen von dem vagen Wunsch, mit großen Tankschiffen zu kopulieren.«

Hannah erstarrte.

»Mit großen … was zu … was?«

Doch Andy hob eine Hand und zeigte zur Decke empor.

»Hier, hör mal. Sicherheitsinspektion der Handelsroutengilde. Die Typen sind so doof, es bricht einem das Herz.«

Eine von Rauschen unterlegte, gelangweilte Männerstimme hallte träge durch den Raum.

»Sind Sie sicher, dass Sie keine denkende Maschine sind?«

»Ich bin so organisch wie deine Mama«, intonierte Andy fröhlich.

»Das werden wir sehen«, entgegnete der Mann noch langsamer. »Hier Ihre Testfrage: Sie sehen ein Kind, das ein Eis isst. Es stolpert und fällt in den Weg einer sich schnell nähernden, gefährlichen Maschine. Wie verhalten Sie sich? A) Sie retten das Kind B) Sie retten das Eis C) Sie warnen die Maschine.«

Andy hob wieder die Hand und der Lautsprecher schaltete sich mit einem Klicken aus.

Hannah sah erstaunt zu dem Lautsprecher auf.

»He, warte doch! Was ist denn die richtige Antwort?«

Andy zuckte mit den Schultern.

»Keine Ahnung, ich rette immer das Eis, und bis jetzt hat mich nie einer aufgehalten.«

Hannah schüttelte den Kopf und griff nach dem Brief, der neben Andy auf dem Tisch lag. Sie entnahm die Karte und legte sie demonstrativ vor sich auf die Tischplatte.

Andy beute sich vor und inspizierte das Objekt.

Dünne blaue Laser tanzten aus seinen Augen und zeichneten jede Linie auf der Karte nach.

»Das ist kein Imitat, das ist echtes Papier. Leinen. Handgeschöpft. Sollte es nicht mehr geben. Kann man nicht einmal mehr kaufen. Antik. Vor dem Zusammenbruch. Und willst du noch was wissen?« Er wartete nicht auf eine Antwort. »Der QR-Code und das Wappen sind nicht gedruckt worden, sondern per Hand geschrieben.«

»Und?«, fragte Hannah und trank unbeeindruckt von ihrem Kaffee.

»Die Tinte ist braun«, fuhr Andy interessiert fort. Er beugte sich tiefer über die Karte. »Sie war ursprünglich rot und ist oxidiert. Seltsam. Ah, die sechste Ebene der Verschlüsselung ist offen. Lieber Himmel …«

Hannah blickte auf, als sie hinter den durchsichtigen Scheiben der gegenüberliegenden Wandverschalung Bewegung wahrnahm. Sie neigte dazu zu vergessen, dass die lange Reihe von Computerschränken überhaupt existierte, bis die großen Magnetbänder sich plötzlich zu drehen begannen. Andy summte leise vor sich hin, ein sicheres Zeichen, dass er große Mengen von Daten verarbeiten musste. Schließlich legte er den Kopf schief und äußerte ein bedeutungsvolles: »Hm.«

»Hm, was?«, fragte Hannah.

»Das sind tatsächlich Koordinaten. Asteroidengürtel. Da haben wir Glück, es ist nicht weit. Ich lege den Kurs fest. Ah und eine Netz-Adresse. Nochmal verschlüsselt. Gut, dass wir noch in Reichweite des Saturn-Netzes sind. Und hier ist das Passwort. Wow.«

»Was? Was denn?«, fragte Hannah, die gegen ihren Willen interessiert die Tasse sinken ließ.

»Ich bekomme hier Zugriff auf eine Datenbank mit einer genauen Karte des Asteroidenfelds, durch das wir müssen. Inklusive der Vektoren aller Objekte, die größer sind als eine Haselnuss!«

Hannah sperrte den Mund auf und starrte den kleinen Androiden an.

»Das kann nicht sein, Andy. Niemand hat so viele Daten.«

Der kleine Androide nickte.

»Dem würde ich zustimmen. Krass, ich kann auf keinen Fall all diese Informationen runterladen. Kein Rechenzentrum hat so viel Speicher. Jemand muss das gewusst haben, denn der für uns optimierte Kurs liegt bei. Live optimiert. Anhand von Realdaten. Wahnsinn.«

Er sah die Frau aufmerksam an.

»Das gab es nur auf der alten Erde«, fügte Andy hilfreich hinzu.

Sie kniff die Augen zusammen.

»Was weißt du, was du mir nicht sagen willst, du clevere Blechdose? Und glaub nicht, dass mir nicht aufgefallen ist, wie laut du zu dem hässlichen Wappen mit dem nackten, mutierten Huhn schweigst.«

Andy sah verlegen umher.

»Spuck es aus, Blechmann.«

Der kleine Androide seufzte.

»Es ist kein nacktes Huhn. Es ist eine Fledermaus mit zwei Köpfen.«

»Eine was mit was?«

»Eine Fledermaus, Hannah. Außerdem sind doppelköpfige Tiere in der Heraldik keine Seltenheit. Habe ich zumindest mal gelesen. Aber das ist nicht der Punkt. Die Fledermaus war ein fliegendes Säugetier, dass sich in völliger Dunkelheit bewegen konnte, wo sie …«

»Das ist doch Unsinn«, unterbrach Hannah ihn. »Das ist garantiert wieder so ein mythisches Geschöpf wie Einhörner und die fiesen Drachendinger ohne Beine. Man hört doch schon, dass das erfunden ist.«

Andy schwieg und schüttelte langsam den Kopf.

»Das ist jetzt auch nicht wirklich relevant, Hannah. Früher auf der alten Erde benutzten adlige Familien diese Bilder als Symbole für ihre Familien. Dies hier ist jedoch etwas, hm, anders. Es ist ein … Clan-Wappen.«

»Also doch eine Familie?«

»Nein, nicht direkt. Es ist ein Wappen, welches kurz vor dem Untergang sehr berühmt war. Es ist das legendäre Wappen eines, ähm, … Gamer-Clans.«

04 | Die binären Legenden

 

Spiele, realer als Pong – Die offizielle Geschichte, und die andere – Was sie in den Schatten tun – Gotische Enthüllungen an ungewöhnlichen Orten

 

 

Hannah blinzelte.

»Eines … was?«

Andy seufzte. Es klang wie das Ausatmen einer elektronischen Harmonika.

»Okay, das könnte ein bisschen schwerer zu erklären sein.« Er starrte einen Moment lang vor sich hin, dann verkündete er: »Es gab vor dem Untergang eine sehr komplexe und weitverbreitete Kultur von Computerspielen.«

Hannah sah auf ihren Armcomputer.

»So was wie Pong oder Tetris? Ich habe die Magnetbänder dafür gekauft, aber es ist nicht wirklich sehr interessant.«