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In Norddeutschland tobt ein heftiger Herbststurm. Der Personalberater Leon Gekas ist nach dem unerlaubten Nutzen von Daten in seinem Auto auf der Flucht. Er verfährt sich und landet abends im Dunkeln auf einer mit Löchern übersäten Straße. Dort platzt ein Reifen. Da er keine Spuren hinterlassen will, kann er nicht mit einer Werkstatt in der Stadt Kontakt aufnehmen. Er muss die Nacht in seinem Wagen verbringen. Am nächsten Morgen entdeckt er, etwa zweihundert Meter entfernt, ein einsames Haus. Hier bittet er um Hilfe. Die Bewohner sind nicht erfreut über den Fremden, denn auch sie haben Geheimnisse. Jedoch, um ihn so schnell wie möglich wieder loszuwerden, erklären sie sich bereit, ihm zu helfen. Bis der bestellte Reifen geliefert wird, nehmen sie den Unbekannten in ihrem Haus auf …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Friedlinde Aden
Ein unbekannter Gast
Roman
Selbstverlag
Dieses Buch ist ein Roman.
Personen, Institutionen und Handlungen sind frei erfunden, ebenso die hier beschriebenen Orte.
1. Auflage 2025 ISBN: 978-3-9826463-2-9 © 2025 Selbstverlag Friedlinde Aden Hafenstraße 19 a 22880 Wedel, [email protected]
Text: Friedlinde Aden, Wedel Lektorat: Susanne Görsdorf-Kegel Umschlaggestaltung: Friedlinde Aden Satz: Friedlinde Aden
Donnerstag, 14. Oktober, 21.00 Uhr
Verdammt! Er konnte kaum zwei Meter weit sehen.
Verkrampft umfassten Leons Hände das Lenkrad, sein Oberkörper war nach vorne gebeugt, seine Augen versuchten, das zu erfassen, was vor ihm lag.
Der Sturm peitschte über ihn hinweg. Klatschte Unmengen von Wasser auf die Frontscheibe. Die Scheibenwischer mühten sich ab, die Massen zur Seite zu schieben, schafften es aber nur für Sekunden. Wütend schüttelte die nächste Windböe das Auto hin und her. Ein Klacken, ein Schatten, der über die Scheibe fiel. Wieder ein heruntergebrochener Ast.
Schon seit einiger Zeit keine Straßenbeleuchtung weit und breit, nur Dunkelheit. Das Licht der Autoscheinwerfer versuchte vergeblich, den vor ihm liegenden Weg sichtbar zu machen.
Erneut eine Böe. Sie packte den Wagen, er kam leicht ins Schlingern, aber Leon hatte ihn sofort wieder im Griff.
Für einen kurzen Moment blitzte Freude in ihm auf: Er hatte es geschafft! Hatte den Aufruhr wegen des Hochwassers genutzt und die Stadt verlassen. Die laut heulenden Sirenen. Die rasenden selbstfahrenden Feuerwehrautos. Die über die Straßen hastenden Menschen.
Er hatte ohne Probleme die versenkten Poller an der Ausfallstraße passiert. Sie wurden hauptsächlich hochgefahren, wenn es Großveranstaltungen in der Stadt gab. Um das Eindringen von Flüchtlingen zu verhindern. Was für ein Quatsch! Es gab genug Nebenstrecken ohne Poller. Er hatte auch keine Kontrolleure gesehen, alle Hilfsdienste waren am Fluss, um seine eindrängenden Wassermassen aufzuhalten.
Noch heute wollte er bis zur Grenze fahren und dann ins Nachbarland. Angeblich, um seinen Urlaub zu nehmen. Aber im Grunde hatte er vor, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Wie er das bewerkstelligen könnte, wusste er noch nicht. Erst einmal weg, dann würde er schon sehen.
Rumms. Wieder ein Schlagloch. Auf was für einer Straße war er bloß unterwegs? Er hatte sich den Weg vor dem Wegfahren doch auf dem Navi angeschaut. Bevor er es ausgeschaltet hatte. War er vorhin falsch abgebogen? Auf einer Hauptstraße gab es nicht so einen Schlaglochsalat.
Was war das? Im Scheinwerferlicht tauchte plötzliche ein sich bewegendes Etwas mitten auf der Straße auf.
Leon trat instinktiv auf die Bremse und kam ins Rutschen. Touchierte, bevor er stand, noch einen Fahrradanhänger.
Dieser kam ein bisschen ins Schlingern, aber die Person auf dem Rad hatte ihn schnell wieder eingefangen. Blickte sich kurz um – helles Gesicht unter dunkler Kapuze - und schickte Leon einen erhobenen Mittelfinger. Dann verschwand sie wieder im Regennebel.
Puh, Glück gehabt.
Leon wartete einen Moment, bis sich sein Herzschlag normalisiert hatte. Dann ließ er langsam das Bremspedal wieder los, und der Wagen setzte sich erneut in Bewegung.
Bis zum nächsten Schlagloch. Denn dies besiegelte die weitere Fahrt.
Donnerstag, 14. Oktober, 21.25 Uhr
Hinter dem Deich trotzte ein einzelnes Haus dem Sturm. Das letzte Gebäude des Dorfes, das stehen geblieben war. Mit Efeu überwuchert, nur die Fenster fein säuberlich freigeschnitten. Sandsäcke in dieser Nacht schützend an seinen Mauern. Eine kleine Treppe führte zur Haustür hoch.
In der Finsternis des ehemaligen Dorfes verbargen sich die Überreste einer Kirche. Direkte Nachbarn des Hauses. Eingestürzte Mauern, nur der Kirchturm ragte noch stolz in die Luft.
Dahinter, zur Marsch hin, ein alter Friedhof, die meisten Grabsteine umgeworfen, einige völlig zerfallen mit verwitterten, unleserlichen Buchstaben auf ihrer bemoosten Oberfläche.
Weiter die holprige Straße runter Reste von Mauern der übrigen Häuser des Dorfes. Man konnte von ihnen auf sechs Gebäude schließen, drei im Anschluss an das Haus, das noch stand, drei auf der anderen Straßenseite. Vor einem von ihnen in leichter Schräglage ein Schild: Zu verkauf ... Der Rest des Wortes war abgebrochen, lag davor auf dem Boden, teilweise vom Regen verrottet.
Der Ort war schon durch fehlgeleitete Bomben im Zweiten Weltkrieg in Mitleidenschaft gezogen worden. Dann wieder mühsam und mit unendlichem Fleiß der Bewohner aufgebaut zu einem blühenden Dorf, nur, um vor zwei Jahren durch einen Deichbruch erneut zerstört zu werden. Einzig das ehemalige Pfarrhaus, errichtet Anfang der Sechzigerjahre, hatte wie ein Wunder dem Wind und den Wassermassen standgehalten.
In Gedanken versunken stand Henriette am Wohnzimmerfenster. Sie schaute in die Dunkelheit des Marschlandes: Wiesen, Knicks, etwas, das wie ein Graben aussah mit Weiden zu beiden Seiten, dazwischen Schilfrohr, jetzt versunken in der Finsternis, aber in ihren Gedanken lebendig.
Erst durch Isabel hatte sie dieses Dorf kennengelernt. Isabel, ihre Ärztin und Mutter von zwei Kindern, dem achtjährigen Jona und der elfjährigen Fenja.
Das helle Licht aus dem Zimmer reichte nicht ganz bis zu dem kleinen Häuschen, das sich im Dunkel des Gartens versteckte.
Henriette drehte sich um. »Ich bin nur froh, dass du wieder da bist.«
»Ja, und ich bin froh, dass mich dieser trottelige Autofahrer nicht stärker gerammt hat«, sagte Felix, ihr Enkelsohn.
»Welcher Autofahrer?«, fragte Henriette erstaunt. Hierher verirrte sich niemand.
»Egal. Ist ja nichts passiert. Hält der Deich?« Ihr Enkel trat neben sie. Er rubbelte sich mit einem Handtuch die rostroten Haare trocken. War trotz des beginnenden Sturms aus der Stadt zurückgefahren, um, wenn nötig, im und am Haus zu helfen.
»Wir werden es sehen.«
Der Wind heulte um das Gebäude, rüttelte an den Fenstern. Leider konnten die alten hölzernen Fensterläden nicht geschlossen werden, die Halterungen waren eingerostet und ließen sich nicht mehr bewegen.
Das Licht der Deckenlampe flackerte kurz, dann brannte es wieder gleichmäßig.
»Habt ihr die Kerzen bereitgestellt?«, fragte Felix.
»Sicher, schon zu Beginn des Sturms. In jedem Zimmer, zusammen mit einem Anzünder. Und noch dazu jeweils eine Taschenlampe.«
Poltern auf der Holztreppe, die aus dem Obergeschoss herunterführte. Leichtere Schritte, fast schon wie hüpfend, gefolgt von einem festeren Trappeln.
»Puh, ist das aufregend!« Jona stürmte ins Zimmer. Schmiegte sich an Henriette, die die Kinder Oma Heni nannten.
Seine Schwester Fenja stellte sich neben Felix. Der ließ sein nasses Handtuch auf ihren Kopf fallen.
»Ih!« Sie warf es angewidert zurück.
»Wo ist eure Mutter?«, fragte Henriette.
»Sie kontrolliert noch mal den Kellereingang.« Fenja zog ihre Schultern hoch und schlang die Arme um ihren Oberkörper.
»He, wieso hast du keine Jacke an?«, fragte Felix sie.
»Ach, ich dachte, hier unten wäre es wärmer.«
»Also, in T-Shirt und Shorts würde ich auch frieren«, Felix grinste und legte die Arme um sie.
»So, alles ist sicher.« Mit diesen Worten betrat Isabel das gemeinschaftliche Wohnzimmer. »Warum schaut ihr alle nach draußen ins Dunkel?«
Henriette drehte sich um. »Keine Ahnung. Ich koche uns noch mal Tee.«
Damit verließ sie den Raum und ging über den Flur in die angrenzende offene Küche.
Das Wasser im Teich auf der anderen Straßenseite wurde vom Wind über die Ufer gedrückt. Suchte sich seinen Weg durch die dicht gedrängt stehenden Rohrkolben. Überflutete den kleinen Pfad, der zum Deich führte. Aber vor dem Tor zu den Steinstufen den Hang hoch blieb es stehen.
Auf der anderen Seite bedrängte das Wasser des Flusses den Schutzdamm. Schlug seine Wellen immer wieder gegen das schon von Feuchtigkeit durchtränkte Gras.
Noch hielt der Deich.
Donnerstag, 14. Oktober, 21.25 Uhr
Leon knallte die Wagentür wieder zu und ließ sich erschöpft auf den Fahrersitz sinken. Mit der Hand wischte er sich die Nässe aus dem Gesicht. Schüttelte im Sitzen seine Jacke aus, Tropfen flogen durch die Luft, verteilten sich im Inneren des Wagens.
Er saß fest. Bei Sturm und Regen. Mit einem platten Reifen. In einer unbekannten Gegend, irgendwo auf dem Land. Eine solch durchlöcherte Fahrbahn konnte es auf der Hauptstraße Richtung Grenze nicht geben.
Leon schüttelte seinen Kopf. Nein, bestimmt nicht.
Nach dem letzten Schlagloch hatte sein Lenkrad eigenartig nach rechts gezogen. Ein kleines Stück war er noch weitergefahren, hatte dann aber vorsichtshalber angehalten und nachgeschaut.
Schon in der Stadt war ihm kurz aufgefallen, dass das rechte Vorderrad weniger Luft zu haben schien als die anderen, aber er hatte die Beobachtung zur Seite geschoben, würde schon nichts bedeuten. Er hatte nur weggewollt, weg von seinen Schwierigkeiten.
Nun hatte er ein neues Problem und durfte hier übernachten. Denn bei dem Wetter würde er nicht wieder nach draußen gehen und den Reifen wechseln. Und wie auch? Das Auto hatte doch gar keinen Reservereifen.
Verdammt! Verzweifelt schlug er auf das Lenkrad ein. Traf dabei versehentlich die Hupe, deren Ton im Tosen des Sturms aber unterging. Ha! Er könnte soviel Lärm machen wie er wollte, hier draußen würde ihm keiner helfen. Schon gar nicht bei diesem Unwetter. Wütend hieb er noch einmal auf die Hupe. Ließ sich dann frustriert zurückfallen.
Wohin der Radfahrer wohl entschwunden war? Irgendwo mussten hier Menschen wohnen.
Aber er würde sein Auto jetzt nicht mehr verlassen, morgen früh konnte die Welt wieder anders aussehen.
Leon schaltete die Innenbeleuchtung ein. Dann ließ er die Lehne seines Fahrersitzes etwas nach hinten fallen und rückte den Sitz ein Stück vom Lenkrad weg.
Er zog den Reißverschluss seiner dicken Jacke hoch bis zum Hals, drehte sich nach hinten, griff sich die hellbraune Flanelldecke, die er in weiser Voraussicht vor der Abfahrt auf die Rückbank geworfen hatte, und schlang sie um sich. Kurz schaltete er noch einmal sein Handy an, das neben ihm auf dem Beifahrersitz lag: einundzwanzig Uhr dreißig. Schnell drückte er wieder den Ausschalter.
Das zweite Handy lag tief verborgen und ebenfalls ausgeschaltet in seinem Rucksack.
Der Regen prasselte ohne Pause auf das Autodach, der Sturm brachte das Fahrzeug ins Schaukeln. Dunkle Schatten beugten sich immer wieder über den Wagen. Als wollten sie ihn in ihre Arme nehmen. Ab und zu klopfte ein herabfallender Ast an die Karosserie.
Leon schauderte.
Er schaltete die Innenbeleuchtung aus und schloss die Augen. Er musste nur die Nacht überstehen.
Donnerstag, 14. Oktober, 22.30 Uhr
Unruhig ging Felix in seinem Zimmer auf und ab. Was suchte der Mann in dem Auto auf ihrer Straße? War er allein oder hatten noch andere im Wagen gesessen?
Am Anfang des Weges stand ein Schild Durchfahrt nur bis Haus 7. Okay, bei dem Wetter hatte er es wahrscheinlich übersehen. Und trotzdem ...
Das Gefühl der Angst, das er in der Stadt immer verspürt hatte, war wieder da. Sie waren hierher gezogen, um wenigstens einige Zeit ohne Furcht leben zu können. In einer Gemeinschaft, wo jeder jedem vertraute.
Und nun tauchte dieser Wagen auf. Mitten im Sturm, am späten Abend. Bisher waren die Männer am Tage gekommen. Hatten sich besorgt erkundigt, ob alles in Ordnung sei. Hier in der Einsamkeit.
Das musste jetzt jemand anderes sein.
Felix öffnete noch einmal seine Zimmertür, ging nach rechts in den Flur und prüfte, ob die Tür nach draußen sicher verschlossen war.
Er blieb kurz stehen und lauschte. Im Haus war Ruhe eingekehrt. Henriette hatte Jona und Fenja noch etwas vorgelesen und war dann in ihrem Zimmer, das neben dem von Felix lag, verschwunden. Isabel und die Kinder schliefen im ersten Stock.
Am liebsten würde er noch einmal nach oben ins Dachgeschoss gehen, seine neuen Bilder von der Kamera auf den Computer ziehen und die Karte ergänzen.
Nein, Schluss jetzt, ermahnte er sich, er war zu müde und würde nur Fehler machen.
Außerdem fror er. Eine Wärmflasche würde ihm guttun.
Felix tappte aus dem Flur nach rechts in die Küche und schaltete die kleine Lampe über der Arbeitsfläche ein. Stellte den Wasserkocher an.
Fünf Minuten später löschte er das Licht in der Küche wieder und verzog sich in sein Zimmer.
Der Wind peitschte den Regen gegen die Fenster, er pfiff um das Haus.
Vorsichtshalber schaute Felix noch einmal auf die Handy-Wetter-App: Das Schlimmste schienen sie überstanden zu haben. Für die nächsten Stunden wurde ein leichtes Abklingen des Sturms vorausgesagt.
Schnell verkroch er sich in seinem Bett und drückte die Wärmflasche in Katzenform an seine kalten Füße.
Geborgenheit. Seine Oma hatte ihm immer so eine Wärmekatze gemacht, wenn er sich als Kind einsam gefühlt hatte. Die Mutter hatte ihn im Alter von zwei Jahren verlassen, er war bei seinem Vater aufgewachsen. Den Grund für ihre Entscheidung konnte ihm bis heute niemand nennen. Zwischendurch stieg, wenn er an sie dachte, auch mit dreißig Jahren noch Wut in ihm auf. Der Vater war kurz nach Felix Abitur gestorben. Seine Oma war immer für ihn da gewesen. Was fast zur Scheidung von ihr und ihrem zweiten Mann geführt hätte. Aber auch das hatte Oma mit ihrer diplomatischen Art gemeistert.
Felix lächelte.
Morgen würde er den Deich überprüfen.
Freitag, 15. Oktober, 7.30 Uhr
Verwirrt wachte Leon auf.
Einen Moment lang suchte er nach seiner kuscheligen Bettdecke, er fror erbärmlich. Dann wurde ihm bewusst, wo er sich befand. Zitternd zog er die leichte Flanelldecke, die heruntergefallen war, noch einmal über sich.
Er hatte unruhig geschlafen. War immer wieder von irgendeinem Geräusch oder der Kälte aufgewacht.
Draußen dämmerte es. Der Wind hatte sich gelegt. Ein feiner Nieselregen besprühte jetzt die Landschaft. Die Frontscheibe des Autos war bedeckt mit kleinen Blättern und Zweigen. Zwischen ihnen hindurch sah er in der Ferne auf einen Vorgarten, vom Licht des zu ihm gehörenden Hauses beschienen. Das musste das Anwesen sein, zu dem der Radfahrer gestern unterwegs gewesen war.
Es gab keine andere Möglichkeit: Er musste in diesem Haus um Hilfe bitten. Denn mit einer Werkstatt oder einem Abschleppdienst aus der Stadt wollte er keinen Kontakt aufnehmen, dann könnten seine Spuren zurückverfolgt werden. Wer aber hier in dieser Einöde wohnte, hatte sicher gute Gründe, sich von allem in der Stadt fernzuhalten.
Leon schaltete das Innenlicht ein, klappte die Sonnenblende herunter und hob sein Gesicht dem Spiegel entgegen. Er fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Kinn. Als Erstes rasieren. Sobald er wieder einen Bart hätte, wäre er auf einer Überwachungskamera schnell zu erkennen.
Er schob die Decke von sich, knüllte sie zusammen und warf sie auf die Rückbank. Dann stieg er aus, ging frierend zur Tür hinten links, öffnete diese und kramte in seiner Reisetasche, die im Fußraum stand. Was für ein Durcheinander! Er hatte in Hektik gepackt, das rächte sich jetzt. Verzweifelt suchte er nach seiner Kulturtasche – bis ihm einfiel, dass er sie in den Kofferraum geworfen hatte. Warum auch immer. Wütend knallte er die Tür wieder zu.
Er ging an den Straßenrand, öffnete den Reißverschluss seiner Hose und erleichterte sich erst einmal von dem Druck auf seine Blase.
Dann ließ er den Deckel des Kofferraums hochfahren. Schob die Tasche mit den Dokumenten, die Ordner und den Rucksack hastig zur Seite sowie diverse Schuhe und das Notebook. Schließlich fand er seine Kulturtasche in der hintersten Ecke des Kofferraums.
Der Rasierer war ebenso kalt wie seine Hände.
Wieder im Inneren des Wagens, zog Leon den Reißverschluss seiner Jacke etwas auf. Er hob seinen Kopf dem Spiegel entgegen und versuchte, wie ein zitternder alter Mann, ein bartfreies Gesicht zu produzieren.
In seiner erneut aufkommenden Verzweiflung schaute Leon wieder aus der Frontscheibe. Es blieb ihm nichts anderes übrig: Er musste in dem unbekannten Haus an der Straße um Hilfe bitten.
Freitag, 15. Oktober, 7.50 Uhr
Felix schob die Gardine zur Seite und schaute aus dem Fenster seines Zimmers in den Vorgarten. Er lächelte zufrieden.
Der Sturm hatte sich gelegt. Wie in einer Collage war die Straße bestreut mit kleinen Zweigen. Die große Birke vor dem Haus hatte sich einiger Äste entledigt und sie wie ein Geschenk auf den Vorgarten gelegt. Und von der Kastanie auf der anderen Straßenseite war ein dicker Ast abgebrochen.
Felix holte seine Kamera vom Tisch, öffnete kurz das Fenster und nahm die Ansicht auf. Dann schloss er es schnell wieder, um den Nieselregen nicht ins Zimmer zu lassen. Aus dem Foto würde seine Großmutter Henriette malerisch etwas Neues zaubern.
Dann sah er von links einen Mann die Straße entlang kommen. Gebeugt, die Arme um den Körper geschlungen, als könne er sich so warmhalten.
Der Mann näherte sich dem Haus. Kapuze über dem Kopf, dicke dunkle Winterjacke.
Felix fotografierte ihn schnell durch die Scheibe hindurch, trat einen Schritt ins Zimmer zurück und legte die Kamera wieder auf den Tisch. Dann wandte er seinen Blick erneut nach draußen.
Der Mann blieb stehen. Schaute kurz zur Haustür. Zögerte. Ging ein paar Schritte weiter. Hielt in Höhe der Garage wieder an. Hob den Kopf und sah suchend in die Ferne. Kehrte um. Und betrat den Weg, der zur Eingangstür führte.
Felix streifte sich einen Hoodie über, zog seine Jeans noch einmal hoch und verließ sein Zimmer. Bevor der Fremde klingeln und dadurch alle wecken konnte, öffnete Felix die Haustür.
»Moin!«
Der Fremde zuckte zusammen. »Äh, ja, moin. Entschuldigen Sie, wenn ich so zeitig störe.« Er stand auf der untersten der drei Stufen, die zur geöffneten Haustür führten. »Ich wollte Sie um Hilfe bitten.«
»Aha. Und wir sind Sie?«
»Mein Name ist Leon Gekas.«
»Felix. Wie kann ich helfen?« Irgendetwas stimmt mit dem nicht, dachte Felix. Immer wieder schaute der Mann sich unruhig um, als würde er jemanden suchen oder hätte Angst, entdeckt zu werden.
»Ich habe eine Panne. Diese Schlaglöcher. Und jetzt brauche ich dringend einen neuen Reifen.«
»Aber Sie wissen schon, dass das hier keine Werkstatt ist.«
Gekas lachte verlegen auf. »Ja, natürlich, aber ...«
»Guten Morgen.« Hinter Felix tauchte Isabel auf.
Kurz war Leon irritiert, mindestens zehn Jahre Unterschied, er schätzte sie auf Ende dreißig, welliges dunkelbraunes Haar, dicke bunte Strickjacke, dunkelblaue Jeans. Etwa seine Größe.
»Dieser Mann braucht einen neuen Reifen«, erklärte Felix ärgerlich.
»Leon Gekas. Bitte entschuldigen Sie, dass ich so hereinplatze.«
»Also hereingeplatzt sind Sie noch nicht, aber das kann ja noch kommen«, meinte Felix kurzangebunden.
»Ich bin Isabel. Sie sehen durchgefroren aus«, bemerkte sie.
»Ja, ich habe die letzte Nacht im Auto verbracht.«
»Aha.« Damit war für Felix klar, dass dieser Mann seinen Anhänger touchiert hatte.
Im Inneren des Hauses knallte eine Tür zu. Leon erschrak. Wie viele Menschen wohnten hier?
Kurz tauschte Isabel einen Blick mit Felix. »Okay, bitte warten Sie hier einen Moment.« Sie schloss die Eingangstür wieder.
Verdutzt blieb Leon Gekas davor stehen.
»Was machen wir?« Fragend schaute Isabel Felix an. Sie hatten sich vom Eingang zurückgezogen und standen im Wohnzimmer. »Er scheint Angst zu haben.«
»Ja, sieht ganz so aus. Aber wir können den nicht hier in der Pampa stehen lassen. Mit plattem Reifen kommt der nicht weg. Und er scheint ja niemanden zu haben, der ihm helfen könnte.«
»Oder er will unerkannt weiter«, Isabel zog sorgenvoll die Stirn in Falten.
»Genau. Und wenn wir Pech haben, wird er noch durch Drohnen beobachtet und wir damit auch.«
»Gut. Beziehungsweise nicht gut. Also werden wir dafür sorgen, dass er möglichst schnell seinen Reifen bekommt und wieder weg ist.«
Felix fuhr sich mit den Händen durch seine Haare und holte tief Luft. »Ich werde als erstes mit ihm zu seinem Auto gehen und mir den Wagen anschauen.«
»Soll ich nicht vorsichtshalber mitkommen?«
