Ein verfänglicher Augenblick (Die Sullivans 2) - Bella Andre - E-Book

Ein verfänglicher Augenblick (Die Sullivans 2) E-Book

Bella Andre

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Beschreibung

"Reine Sinnesfreude! Ich konnte gar nicht schnell genug lesen. Ich bin richtig süchtig nach den Sullivans!" Marie Force, NYT-Bestsellerautorin 36 Jahre lang war Marcus Sullivan der verantwortungsvolle ältere Bruder, der nach dem frühen Tod seines Vaters einsprang, um sich um seine sieben Geschwister zu kümmern. Aber als klar wird, dass seine perfekte Zukunft nichts anderes als eine Lüge ist, braucht Marcus eine unbekümmerte Nacht, um zu vergessen. Nicola Harding ist wegen ihrer sinnlichen Pop-Songs weltweit nur unter dem Namen Nico bekannt. Niemand weiß, dass die 25-jährige Sängerin keinesfalls das Sex-Häschen ist, für das sie jeder hält. Nach der Trennung von einem Mann, der ihren Ruhm mehr liebte als sie, will sie niemanden mehr an sich herankommen lassen, der ihr wahres Ich entdecken könnte, um sie dann wie der letzte Mann zu verletzen. Insbesondere nicht den umwerfenden Fremden, dem sie in einem Nachtclub begegnet. Und obwohl beide gegen die stärker werdenden Gefühle und die knisternde Anziehung anzukämpfen versuchen, fühlen sie sich immer näher zueinander hingezogen. So nahe, dass ein verfänglicher Augenblick nie genug wäre. "Die Sullivans"-Reihe *** Die Sullivans aus San Francisco *** Liebe in deinen Augen Ein verfänglicher Augenblick Begegnung mit der Liebe Nur du in meinem Leben Sag nicht nein zur Liebe Nur von dir hab ich geträumt Lass dich von der Liebe verzaubern Du gehst mir nicht mehr aus dem Sinn *** Die Sullivans aus Seattle *** Eine perfekte Nacht Nur du allein Deine Liebe muss es sein Dir nah zu sein Ich mag, wie du mich liebst Ohne dich kann ich nicht sein *** Die Sullivans aus New York *** Vier Herzen vor dem Traualtar Bilder von dir Weil es Liebe ist Die Süße der Liebe Das Beste kommt erst noch Liebe ist kein Marchen Wer Liebe sät Irgendwo auf der Welt Halt mich *** Die Sullivans aus Maine *** Mit Leib und Seele Herzbeben

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Ein verfänglicher Augenblick

~ Die Sullivans, 2. Buch ~

Marcus & Nicola

Bella Andre

Inhaltsverzeichnis

Bucheinband

Titelseite

Copyright

Über das Buch

Eine Anmerkung von Bella

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Epilog

Alle Bücher von Bella Andre in deutscher Sprache

Über die Autorin

Ein verfänglicher Augenblick

Marcus & Nicola ~ Die Sullivans

© 2020 Bella Andre

Übersetzung Jo Schwieger – Language+ Literary Translations, LLC

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36 Jahre lang war Marcus Sullivan der verantwortungsvolle ältere Bruder, der nach dem frühen Tod seines Vaters einsprang, um sich um seine sieben Geschwister zu kümmern. Aber als klar wird, dass seine perfekte Zukunft nichts anderes als eine Lüge ist, braucht Marcus eine unbekümmerte Nacht, um zu vergessen.

Nicola Harding ist wegen ihrer sinnlichen Pop-Songs weltweit nur unter dem Namen Nico bekannt. Niemand weiß, dass die 25-jährige Sängerin keinesfalls das Sex-Häschen ist, für das sie jeder hält. Nach der Trennung von einem Mann, der ihren Ruhm mehr liebte als sie, will sie niemanden mehr an sich herankommen lassen, der ihr wahres Ich entdecken könnte, um sie dann wie der letzte Mann zu verletzen. Insbesondere nicht den umwerfenden Fremden, dem sie in einem Nachtclub begegnet.

Trotz des Hungers und der sündhaften Versprechen in dessen dunklen Augen will Nicola nur eine Nacht mit Marcus, obwohl sie versucht ist, ihm all ihre Geheimnisse preiszugeben. Doch nichts läuft wie geplant, denn aus der heißen Liebesnacht entwickelt sich eine tiefere Verbindung, die keiner der beiden erwartet hat.

Und obwohl beide gegen die stärker werdenden Gefühle und die knisternde Anziehung anzukämpfen versuchen, fühlen sie sich immer näher zueinander hingezogen. So nahe, dass ein verfänglicher Augenblick nie genug wäre.

Eine Anmerkung von Bella

Jeden Tag, wenn ich mich an meinen Computer setze, um über die Sullivan-Familie zu schreiben, dann lache ich mit meinen Helden und Heldinnen, weine mit ihnen und am besten von allem, ich verliebe mich mit ihnen.

Obschon ich unmöglich meinen Lieblings-Sullivan auswählen könnte, muss ich doch gestehen, dass ich ohne zu überlegen für Marcus bin. Er ist der Älteste, war immer reif, verantwortlich und von ganzem Herzen um das Glück jedes Mitglieds seiner Familie besorgt. Er ist so sehr darauf bedacht, sich um seine Brüder und Schwestern zu kümmern, dass er manchmal vergessen hat, sein eigenes Glück im Auge zu behalten. Über diesen starken, großzügigen, wunderbaren Helden zu schreiben, war eine Freude vom Anfang bis zum Ende. Es schadete auch nicht, dass er einer der sexysten Helden war, über die ich je das Vergnügen hatte zu schreiben.

In EIN VERFÄNGLICHER AUGENBLICK wollen Marcus und Nicola nur eine gemeinsame Nacht miteinander verbringen. Aber stärker werdende Gefühle – und knisternde Anziehung – führen sie immer näher zueinander. So nahe, dass sie sich fragen, ob es ihnen je genügen können wird, nur noch einen weiteren verstohlenen Augenblick zusammen zu verbringen?

Ich hoffe, Sie können sich einen langen, trägen Tag in der Sonne in Gesellschaft der Sullivans gönnen!

Viel Spaß bei der Lektüre!

Bella Andre

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Kapitel 1

Marcus Sullivan war ein Mann mit einer Mission.

Vor 20 Minuten hatte er die Verlobungsfeier seines Bruders verlassen und war direkt zum Herzen von San Franciscos Mission District unterwegs. Tanzmusik dröhnte auf die Straße heraus, so laut, dass die in der Schlange wartende Menschenmenge bereits mittanzte.

Leder und Piercings, Tattoos und fluoreszierendes Haar waren nicht gängig in Marcus‘ üblicher Clique. Aber die Männer und Frauen mit Ohrringen in ihren Nasen und Augenbrauen sahen zumindest glücklich aus.

Marcus hatte vor, in ein paar Stunden bedeutend glücklicher zu sein als jetzt.

Nicht, dass er eine Chance hätte, dachte er, so glücklich wie sein Bruder Chase zu werden, der jetzt mit der Frau seiner Träume verlobt war. Vor einem Monat war Chase Chloe in Napa Valley begegnet, als ihr Auto von der Straße abgekommen und in einem Graben gelandet war. Sobald Chase Chloe aus dem Unwetter herausgeholt hatte, sah er leider den Bluterguss an ihrer Wange und begriff, dass sie viel größere Probleme hatte als ein kaputtes Auto in einem Graben. Chase hatte mehrere Tage gebraucht, um ihr Vertrauen zu gewinnen, und als sie schließlich gestand, wie ihr Ex-Ehemann sie misshandelt hatte, gab er ihr die Unterstützung, die sie brauchte, um den Übeltäter bei der Polizei anzuzeigen.

Als Marcus Chloe kennenlernte, hatte er sofort gesehen, dass sein Bruder total verliebt war. Er fand auch, dass sein Bruder mit Chloe eine gute Wahl getroffen hatte. Sie war nicht nur schön, sondern auch wirklich reizend, intelligent, tapfer und liebevoll. Sie erwiderte die Liebe seines Bruders offensichtlich mit derselben Leidenschaft und Hingabe.

Die ganze Familie war auf der Verlobungsfeier seines Bruders, sogar Smith, der einer der größten und meistbeschäftigten Filmstars der Welt war. Chase war der erste Sullivan, der sich verlobte und für alle war es eine großartige Sache. Besonders ihre Mutter, die hocherfreut – und sehr erleichtert – war, dass sich eines ihrer acht Kinder endlich zum Sprung in eine Beziehung ‚auf immer‘ entschlossen hatte.

Marcus hatte es genossen, mit seinem Bruder, seinen Geschwistern und ihrer Mutter zu feiern. Aber während der ganzen Party hatte er das Gefühl gehabt, als würden ihn alle ansehen und sich fragen, warum er und seine Freundin Jill sich noch nicht verlobt hatten. Schließlich waren sie schon seit zwei Jahren zusammen. Und er hatte in diesen zwei Jahren an ihre Beziehung geglaubt. Ein Irrglaube.

Sie kannten den Grund nicht, warum Jill nicht zur Verlobungsfeier gekommen war … und er hatte Chases und Chloes Party nicht ruinieren wollen, indem er ihnen berichtete, was geschehen war. Außerdem konnte er es selbst noch kaum glauben.

Obwohl er mit eigenen Augen sehen konnte, was Jill getan hatte.

Die Musik dröhnte vom Club hinaus auf die Straße, als Marcus an der langen Schlange von Leuten vorbeiging, die darauf warteten, eingelassen zu werden. Er hatte den Eindruck, dass alle mindestens ein Jahrzehnt jünger waren als er. Und obwohl ihm der Altersunterschied das Gefühl hätte geben sollen, fehl am Platz zu sein, war er sich noch sicherer, dass er den richtigen Ort gewählt hatte.

Er brauchte heute Abend einen totalen Wechsel von seiner Wirklichkeit, und ein Lokal voll 20-und-etwas-Jähriger im Mission District war für den Anfang ebenso gut wie ein anderer Ort.

Trotz der Tatsache, dass Marcus Anzug und Krawatte trug, warf der Türsteher nur einen Blick auf ihn und löste den Haken des Absperrseils, um ihn einzulassen. Marcus war ein großer Mann mit breiten Schultern und großen Händen, die wehtun konnten, wenn er seine Brüder und Schwestern als Kinder verteidigen musste. Obwohl er seine Körpergröße nicht oft nutzte, um Menschen einzuschüchtern, hatte er nichts dagegen, alle ihm zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen, wenn er sie brauchte.

Der dunkle, schwere Beat hämmerte durch ihn hindurch, als er durch den schwarzen Eingang in den überfüllten Club ging, aber weder die laute Musik noch das zuckende Licht konnten seine Gedanken auch nur im Entferntesten auslöschen.

Das war nicht der Grund, weshalb er hier war. Er war nicht hier, um zu vergessen, was er gesehen hatte.

Nein, dachte Marcus und sein Magen verkrampfte sich, als er ein Pärchen sah, das sich eng umarmte, während es trotz des rasanten Rhythmus des Songs langsam tanzte. Nein, er wollte nicht vergessen, er würde es sich nicht erlauben, denselben Fehler nochmals zu machen. Er würde nicht mehr so dumm, so blind sein wollen, nie mehr.

Marcus war heute Abend hier, um zwei vertane Jahre wettzumachen. Vor 24 Monaten hatte er Jill in San Francisco an einem heißen Augustabend kennengelernt. Er war bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung eingeladen, die ihre Firma ausrichtete. Die Sullivan Winery hatte eine erkleckliche Summe für den Children’s Fund gespendet. Sobald er einen Blick auf ihre kühle, blonde Schönheit geworfen hatte, glaubte er, das in seinem Leben fehlende Puzzle-Teil gefunden zu haben. Er war 34 und hatte begonnen, an eine eigene Familie zu denken, an eine Frau und Kinder.

In Jill hatte er seine Zukunft gesehen: Heirat, Kinder, Dinner Partys auf seinem Weingut mit der perfekten Frau an seiner Seite.

Nur war das alles, wie er heute Nachmittag erkannt hatte, keineswegs perfekt …

Marcus konnte das Stöhnen sogar schon hören, als er seinen Schlüssel zu Jills Wohnung im Schloss umdrehte. Es hätte ein für die sexy Stelle zu laut eingeschalteter Film sein können, aber Marcus wusste es besser – hatte es seit Monaten besser gewusst, wenn er zu sich selbst ehrlich war. Jill war schon seit einer Weile zerstreut und launisch. Er hatte versucht sich einzureden, dass es einfach der Druck in ihrem Job war, der sie ihm gegenüber kurz angebunden machte, ganz zu schweigen, dass sie immer weniger Lust zu Sex hatte. Aber als sie an den Wochenenden nicht mehr nach Napa kam, um sich auf dem Weingut zu entspannen, musste er sich eingestehen, dass ihre Probleme tiefer gingen als zu viel Arbeit. So tief, dass er versucht hatte, mehr als einmal mit ihr darüber zu sprechen, obwohl sie sich immer befleißigte, seine Fragen beiseitezuschieben.

Seine Hände hielten während des Bruchteils einer Sekunde am Türknauf inne, bevor er die Tür aufschob und durch die Wohnung seiner Freundin ging. Das Stöhnen wurde bei jedem seiner Schritte lauter.

„Oooh, so ist es gut! Genau da! Recht so!“

Jill hatte immer im Bett geschrien, aber er hatte nie bemerkt, wie falsch es klang – bis jetzt, wo er sich als Zuschauer auf recht billige Weise ein Bild von ihrer Show machen konnte. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er durch ihre Küche und den Gang hinunter zu ihrem Schlafzimmer ging. Er wollte das nicht wirklich sehen, aber er wusste, dass er es sehen musste. Er hatte so hartnäckig mit ihr zusammenbleiben wollen … und als er hörte, wie sie sich weiter in gespielter Ekstase mit irgendeinem Kerl die Lunge herausschrie, musste sich Marcus plötzlich fragen, warum?

Er hatte sie vor langem gebeten, hinauf nach Napa zu ziehen, um mit ihm auf seinem Weingut zu leben, sie hatte aber immer einen Grund gehabt, es zu verschieben. Der letzte war, dass ihre Wohnung eine seltene Gelegenheit war, kaum einen Häuserblock von ihrem Finanzplanungsunternehmen entfernt, mit den häufigen Weckrufen um 4.40 Uhr morgens. Sie sagte ihm, er könnte, wann immer er wollte, in ihrer Wohnung übernachten.

Nur hatte sich Marcus in ihrer Wohnung nie zu Hause gefühlt. Alles war in einem kalten Weißton gehalten mit Spiegel- und Glasflächen, die bei der kleinsten Berührung verschmiert wurden. Es war kein Zuhause, in dem Kinder je willkommen sein würden. Da er mit acht Geschwistern aufgewachsen war, wusste er genau, was erdige Füße und schmutzige Hände an Möbeln wie diesen anrichten konnten. Es war nicht schön, aber es war das wirkliche Leben. Wirkliches Leben.

Sein Haus in Napa Valley war im Gegensatz dazu voll mit großen, bequemen Sofas, farbigen Teppichen aus Italien importiert und Kunstwerken, die er liebte, ob von einem berühmten Künstler gemalt oder von einem aufstrebenden lokalen Maler.

Aber er hatte sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr gewünscht und hatte angenommen, dass er für die Verwirklichung dieser Zukunft flexibel sein, Kompromisse eingehen musste.

Wie viele Wochenenden war er in die Stadt gekommen, um Jill zu sehen, wenn es ihr passte? Wie oft hatte er von jetzt auf gleich sein ganzes Programm umgekrempelt, wenn sie ihn brauchte?

Er wusste natürlich, dass sich seine Brüder und Schwestern eine Meinung zu Jill gebildet hatten, aber überraschenderweise waren sie ziemlich zögerlich, ihre Nasen in seine Beziehung zu stecken. Vielleicht, weil sie dachten, dass er früher oder später die Augen öffnen würde. Nur Chase hatte kürzlich versucht, mit ihm über Jill zu sprechen. Aber da war das Desaster schon so erheblich, dass Marcus die Fragen und Bedenken seines Bruders nicht gerade ermutigt hatte.

Nun ja, Marcus wusste, dass er öfter, als er zählen konnte, seine Wünsche zurückgestellt hatte, nur weil er versuchte, Jill glücklich zu machen.

Aber nie, nicht ein einziges Mal war er in eine Live Pornoshow, in der seine Freundin die Hauptrolle hatte, hineingeplatzt.

Sie ritt auf dem Kerl, als wäre er ein halbwildes bockendes Pferd und sie der Star-Rodeo-Reiter. Es fehlten ihr nur der Cowboyhut, Stiefel und geflochtene Zügel.

Er sah die nackte Haut und Glieder – natürlich konnte er sie von der Schlafzimmertür aus nicht übersehen – es war aber, als würde er sie aus einer emotionslosen Distanz sehen. Als hätte sich zufällig einer dieser Pornokabelkanäle in einem Hotel eingeschaltet, wenn er gerade keine Lust hatte, Fremde dabei zu beobachten, wie sie fiesen Sex im Fernsehen hatten.

Und dann bemerkte der Typ unter seiner Freundin plötzlich, dass Marcus in der Tür stand.

„Was verdammt nochmal?“ Er sah alarmiert zu Marcus. Er hatte offensichtlich nicht erwartet, dass jemand reinkommen würde.

In dem Augenblick drehte sich Jill leicht, um Marcus über ihre Schulter anzusehen. Ihre Augen weiteten sich in gespielter Überraschung. Er kannte sie aber gut genug, um sie zu durchschauen. So wenig sich ihr Lover erwartet hatte, dass Marcus auftauchen würde, so sehr hatte Jill damit gerechnet.

Wie lange war sie schon mit diesem Kerl zusammen?

Und wie viele andere Bereiche ihrer Beziehung waren eine Lüge?

Ohne die geringste Eile zog Jill ein Laken über sich und ihren Lover. Marcus beobachtete, wie sie sich voneinander lösten, und konnte sehen, dass sie sich bemühte, so verführerisch wie möglich auszusehen, während sie ihre Nacktheit zum Teil bedeckte. Ihr Lover dagegen war ganz offensichtlich bemüht, sich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen.

„Ich hau ab“, sagte der Typ und langte über die Bettkante, um die Jeans vom Boden aufzuheben, aber Jill legte ihre Hand auf seine, damit er im Bett blieb.

„Nein, Rocco, du brauchst nicht zu gehen.“

Rocco? Seine Freundin mit ihrer klassischen Schönheit, die Frau, die er heiraten und mit der er eine Familie gründen wollte, die Frau, mit der er gemeinsam die Sullivan-Weinkellerei leiten wollte, vögelte einen Kerl namens Rocco mit einem scheußlichen Ziegenbart und Piercings, der aussah, als wäre er kaum in seinen Zwanzigern?

Das musste irgendein kranker Witz sein.

Die Augen des Typs wanderten zwischen Jill und Marcus hin und her. Er wurde ein wenig blass, als sein Blick auf Marcus‘ Fäusten hängen blieb und er sah, wie Marcus‘ Schultern den Türrahmen fast ausfüllten, aber er blieb genau dort im Bett, wo Jill es ihm befohlen hatte, wie ein wohlerzogenes Schoßhündchen.

Jill stand vom Bett auf, ließ das Laken fallen und schlüpfte in einen kurzen blauen Seidenmorgenrock, der über einem Stuhl in der Ecke ihres Zimmers hing. Sie näherte sich Marcus und erklärte: „Wir sollten ins Wohnzimmer gehen und miteinander reden.“

Zum Glück schlüpfte sie an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Sie war aber nahe genug, dass Marcus Sex – einen anderen Mann an ihr riechen konnte.

Er hätte gerne seine Faust in Roccos Gesicht geschmettert. Aber Jill hatte das offensichtlich inszeniert. Vom Anfang bis zum Ende.

Also würde er sich stattdessen mit ihr auseinandersetzen.

Marcus ging durch den Gang zurück ins Wohnzimmer, wo Jill auf ihn wartete.

Sie sah nicht aus, als würde sie sich schuldig fühlen. Und zum ersten Mal seit jenem Tag im August vor zwei Jahren, als er sie auf der anderen Seite eines Raums gesehen und beschlossen hatte, dass sie seine Zukunft war, fand er sie auch nicht schön. Ja, sie war immer noch hübsch im klassischen Sinn, groß und schlank … aber ihrem Gesicht war etwas Hässliches aufgeprägt, das er zuvor nie hatte sehen wollen.

„Ich bin drauf und dran, mich in Rocco zu verlieben.“

Ihre Ausflüchte waren ätzend.

Er schwieg und starrte sie einfach hier in ihrem Wohnzimmer an, wo sie gemeinsam gegessen, Filme angesehen, gelacht hatten, was ihm jetzt alles so falsch schien. Sie fuhr fort, defensiv: „Du und ich, wir wissen beide, dass unsere Beziehung zu nichts führte.“

Endlich kam seine Antwort: „Ich war derjenige, der wollte, dass sie zu etwas führte. Du sagtest, dass du Zeit brauchst. Ich habe dir Zeit gelassen, genug Zeit, um herumzuvögeln. Mit Rocco.“

Jills Augen weiteten sich bei seiner kaum unterdrückten Wut. Er hatte noch nie so mit ihr gesprochen, war nie ein Mann, der die Stimme erhob, um seine Argumente vorzubringen, der die anderen einschüchterte, um sich durchzusetzen. Er hatte das erreicht, wo er heute war, durch harte Arbeit, Intelligenz und Vernunft und, wenn nötig, mit ein wenig Sullivan-Charme. Nur als Junge hatte er die Fäuste eingesetzt, um seine Brüder und Schwestern zu verteidigen, wenn einem Raufbold nicht anders beizukommen war.

„Schau“, sagte sie mit einem irritierten Seufzer, als wäre das Debakel ganz und gar seine Schuld, „diese Sache zwischen uns war eine Zeit lang gut, wenigstens ganz am Anfang, wenn wir uns aber wirklich geliebt hätten, dann wären wir jetzt verheiratet.“

Er hob eine Augenbraue und ging darauf ein. „Du weißt, dass ich heiraten wollte.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wir waren zwei Jahre zusammen, Marcus. Wenn du mich wirklich hättest heiraten wollen, hättest du mich im Sturm erobert, so dass ich nicht hätte widerstehen können. Du aber warst immer so beschäftigt mit deinen Brüdern und Schwestern, musstest immer deiner Mutter bei irgendetwas helfen.“

Ihr Ausdruck hatte sich jetzt von kalkulierend zu offenem Zorn verändert. „Ich habe versucht, dich zu lieben, Markus. Wirklich. Aber ich will mehr. Etwas Größeres. Etwas Aufregendes. Und ich will jemanden, für den ich an erster Stelle komme. Immer. Egal, was sonst in seinem Leben geschieht, auch wenn seine Freunde und Familie versuchen, dazwischen zu kommen.“ Ihre Augen leuchteten, als sie sagte: „Ich will, was ich mit Rocco habe, die Art, wie er mich so sexy und wichtig findet. Und nicht bei deinen Weinveranstaltungen an deiner Seite sitzen und Perlen tragen. Und nicht immer in deinem Leben an letzter Stelle kommen.“

Marcus starrte die Frau an, von der er so idiotisch angenommen hatte, dass sie seine Frau, die Mutter seiner Kinder sein würde. Sie trug die Perlenkette, die er ihr geschenkt hatte, noch am Hals. Es war das Einzige, was sie trug, als sie mit einem anderen Mann Sex hatte.

Sie sagte, dass er zu beschäftigt mit seinen Brüdern und Schwestern war, aber was hatte sie sich von ihm erwartet? Dass er sich für sie von seinen Geschwistern abwendete? Das hätte er nie tun können – hätte es nie getan – wo er für seine Geschwister nicht nur der Bruder, sondern in gleichem Maße eine Vaterfigur war. Denn nachdem ihr Vater unerwartet mit 48 starb, war Marcus sofort eingesprungen, um seiner Mutter zu helfen, besonders mit den jüngeren Kindern, die damals erst zwei und vier waren. Er bedauerte keine Sekunde die Zeit, die er mit seiner Familie verbracht hatte.

Verdammt, nie würde er sich bei Jill dafür entschuldigen, dass er seine Familie immer noch liebte.

Besonders, da er im Augenblick nichts anderes im Sinn hatte, als die Perlen von Jills Hals zu reißen und zuzusehen, wie sie sich am Boden verstreuten.

Er sagte stattdessen mit ruhiger, kalter Stimme: „Ich schicke meine Assistentin nächste Woche für meine Sachen vorbei. Sie wird sich bei dir melden, um eine passende Zeit zu vereinbaren.“

„Siehst du?“ Jill näherte sich ihm jetzt, ihr Finger zeigte auf seine Brust, ihr Morgenrock war über ihren Brüsten offen.

Er hatte einmal ihre kleinen Brüste geliebt, gedacht, dass sie ebenso klassisch schön wie alles andere an ihr waren. Jetzt berührten sie ihn überhaupt nicht. Weniger als nicht. Er schwor sich im Stillen, dass die nächste Frau, mit der er zusammen sein würde, der Gegenpol zu ihr sein musste, ebenso wild, wie Jill geschliffen war.

„Deshalb kann ich nicht mit dir zusammen sein“, schrie sie ihn fast an. „Wo sind deine Gefühle? Wo ist deine Leidenschaft? Ich schwöre, dir sind deine verdammten Trauben wichtiger als ich. Und ich bin todsicher, dass dir deine verdammten Brüder und Schwestern auch wichtiger sind als ich.“

Ihr Atem ging schwer, aber alles erschien ihm jetzt wie ein sinnloses Melodrama. Zum Teufel, in dem Augenblick, in dem er die Tür zu ihrer Wohnung geöffnet hatte und hörte, dass sie einen anderen vögelte, war es für ihn bereits vorbei.

„Das ist deine Chance, Marcus! Siehst du nicht, dass du mich für immer verlieren wirst, wenn du jetzt gehst, wenn du mir nicht sagen kannst, dass du wenigstens versuchen wirst, mich an die erste Stelle zu setzen?“

In diesem Augenblick wurde er sich bewusst, dass er nicht um Jill kämpfen wollte, trotz seines Zorns, trotz seiner Wut über ihre Untreue.

Marcus hatte zwei Jahre gebraucht, um sich einzureden, dass er sie tatsächlich liebte … und fünf Minuten, um sich letztendlich bewusst zu werden, dass er sich geirrt hatte.

Er liebte sie nämlich nicht. Er liebte die Vorstellung von ihr.

„Lebwohl Jill.“

Der Song wechselte von einem schnellen Beat zu einer langsameren Melodie und einem langsameren Rhythmus, als Marcus aus seinen dunklen Erinnerungen wieder auftauchte. Er ging zur Bar und bestellte einen Shot Whiskey und trank ihn, ohne ihn zu schmecken. Der Whiskey brannte höllisch in seinem Magen. Marcus entfernte sich von der Bar.

Ursprünglich hatte er geplant, Jill für Chases und Chloes Verlobungsfeier abzuholen, war dann aber alleine hingegangen. Was für ein Trottel war er gewesen, zwei Jahre hatte er gewartet, damit Jill sich entschied. Er hatte gewartet, dass sie ‚bereit‘ war, sich ganz für ihn und das Leben, das ihm für sie beide vorschwebte, zu entscheiden.

Marcus wusste, dass es die Liebe gab. Er hatte sie zwischen seinem Vater und seiner Mutter gesehen. Er sah sie in jedem Blick, den Chase Chloe schenkte, in jeder Berührung zwischen seinem Bruder und seiner neuen Verlobten.

Trotzdem bedeutete das nicht, dass Marcus bereit war, es bald wieder zu versuchen. Was er brauchte, war eine richtig lange Gefühlspause. Eine Pause von seinen Plänen. Eines Tages, hoffte er immer noch, würde er eine Frau finden, die eine gute Ehefrau für ihn, eine gute Partnerin, eine gute Mutter für die Kinder, die er sich wünschte, sein würde.

Aber nicht schon jetzt – oder in der vorhersehbaren Zukunft.

Heute Nacht suchte er nur Vergnügen. Eine lange Nacht mit unbekümmertem, emotionslosem Sex mit einer Person, die seine Hoffnungen, seine Träume nicht kannte. Eine Frau, die ebenso wenig über seine Familie wissen wollte wie er über ihre. Eine Frau, die einfach mit ihm in ein Hotel mitkommen und es mit ihm machen würde. Zum Teufel, wenn sie nicht einmal ihre jeweiligen Namen erfahren würden, wäre das voll in Ordnung für ihn.

Paare rieben sich in dem dunklen Raum aneinander, wo Schweiß und Alkohol und Sex zusammentrafen. Marcus tauchte tiefer in die Dunkelheit ein und stand auf einer Erhöhung, von der er die Tanzfläche überblicken konnte. Er überflog die Menge mit einem distanzierten Blick. Ein Dutzend Pärchen rieb sich auf der Tanzfläche aneinander, Dutzende weitere einzelne Männer und Frauen flirteten miteinander an der Bar, an die Wände des Lokals gelehnt. Wo immer er hinsah, betrachteten sich Menschen gegenseitig mit hungrigen Augen und hofften, dass diese Nacht ihre Glücksnacht sein würde.

Marcus hatte sich geschworen, eine Frau zu finden, die vollkommen anders als Jill war. Eine wilde, ungezähmte Frau, mit der er ein paar heiße Stunden verbringen konnte, bevor er zu seinem wirklichen Leben draußen in den Weingärten von Napa Valley zurückkehren würde.

Er war entschieden am richtigen Ort.

* * *

Nicola Harding stand am Fenster ihrer Penthouse-Suite und blickte hinunter auf die Union Square von San Francisco und beobachtete die Menschen, die unten auf der Straße gingen. An einem Freitagabend kehrten die Menschen von ihrer Arbeit nach Hause zurück, machten sich zurecht für einen Abend mit Freunden in der Stadt oder für ein Date mit dem Jungen oder Mädchen, von dem sie hofften, dass es der oder die Richtige sei. Einige eilten, andere gingen langsam durch die Menge, einige lachten mit so offensichtlicher Fröhlichkeit, dass sie schwören konnte, fast den Klang ihres Lachens durch die geschlossenen Penthouse-Fenster zu hören.

Sie war jung und single. Sie wusste, dass sie bei diesen Menschen da draußen sein und sich vergnügen sollte.

Vor sechs Monaten würde sie in irgendeinem glamourösen Restaurant zu Abend gegessen haben, umgeben von Leuten, die ihr schmeichelten und versuchten, sie zum Lachen zu bringen, sich ihr sympathisch zu machen. Sie hatte aber auf die schmerzliche Art gelernt, dass sie nicht an ihr interessiert waren.

Nicola Harding, die gerne Monopoly spielte und Sandburgen baute und Biographien von erfolgreichen Unternehmern las, war ein unbedeutender Niemand. Alle wollten ein Stückchen von Nico. Sie wollten sagen, dass sie mit einem Pop Star abhingen. Sie wollten mit ihren Mobiltelefonen Fotos von ihr machen und sie ihren Freunden simsen.

Sie drehte sich vom Fenster weg und trat zurück in die riesige Penthouse-Suite.

Sie war zu groß für eine Person, aber ihr Plattenlabel war der Meinung, dass es richtig war, sie für die Dreharbeiten zu einem Videoclip und für ein Konzert hier unterzubringen. Niemand würde je erfahren, wie allein sie sich fühlte, eine kleine Person in einer überdimensionierten Suite, in der ihre ganze Familie untergebracht werden konnte und noch Raum übrig bliebe.

Sie überlegte, ihre alte beste Freundin Shelley von der Highschool anzurufen, um zu sehen, was sie machte, aber verwarf die Idee, bevor sie das Telefon abhob. Die Freundschaft zwischen ihnen hatte ein bisschen gelitten, anfangs als sie berühmt wurde. Und nachdem diese schrecklichen Fotos von Nicola und ihrem Ex-Freund aufgetaucht waren … nun, es war Nicola vollkommen klar, dass ihre Freundin keinen blassen Schimmer haben würde, was sie ihr sagen sollte.

Sie nahm an, dass sie jetzt zu verschieden waren. Shelley war mit ihrem Freund verlobt, einem Jungen, den sie im College kennengelernt hatte. Sie planten, ein Haus zu kaufen, befördert zu werden und sich einen Hund zuzulegen. Während Nicola ständig unterwegs war, an exotische Orte in der ganzen Welt flog, um im Fernsehen Interviews zu geben, für Fotos posierte und für Tausende von Fans in Shows auftrat.

Wäre sie eine Unbekannte gewesen, die die Presse las, wäre ihr in Wirklichkeit bestimmt nie das Wort allein eingefallen, um sich selbst zu beschreiben. Party Girl war schon näher dran. Denn dank der Tabloids und Blogs, die von Promis nie genug bekamen, und Fotografen, die an jeder Ecke lauerten, wurde sie bei jeder einzelnen Veranstaltung mit einem anderen berühmten Mann fotografiert, egal wie sehr sie sich bemühte, nicht in Situationen zu kommen, die die Presse verdrehen konnte.

Unweigerlich erwachte sie morgens und schaltete ihren Computer ein, um von den Entertainment-Blogs zu erfahren, dass sie sich systematisch ihren Weg nicht nur durch die Top 40 Charts, sondern auch durch Hollywood vögelte.

Ihr Plattenlabel und die PR-Leute sowie das Management-Team hatten ihr oft genug gesagt: „Jede Pressemeldung ist eine gute Pressemeldung“, dass sie aufgehört hatte, ihnen gegenüber ihre Unschuld zu beteuern. Außerdem wusste sie, dass sie ihr nicht glaubten, nicht mehr nachdem sie die Fotos gesehen hatten, die während der Ferien im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit gedrungen waren – schreckliche Fotos, die immer wieder aufzutauchen schienen, wenn sie glaubte, dass sie endgültig begraben seien.

Nachdem sie jahrelang daran gearbeitet hatte, die Menschen dazu zu bringen, ihre Musik anzuhören, war sie außer sich vor Freude, als sich ihre Arbeit endlich mit ihrem Nummer-eins-Hit im vergangenen Sommer bezahlt machte. Es hatten sie zwar alle davor gewarnt, dass das Show-Business sie auffressen und dann ausspucken würde, wenn sie nicht vorsichtig war, aber sie hatte geglaubt, dass es für sie anders laufen würde, dass sie smart genug war, um sich mit guten Leuten zu umgeben.

Bis zu dem Tag, an dem sie sich erlaubt hatte, dem Falschen zu vertrauen.

Obwohl er aussah wie ein Bad Boy, war Kenny anfangs so charmant, so lieb, dass sie sich heillos in ihn verliebt hatte. Er war einer der Techniker, die im Studio in Los Angeles arbeiteten, wo sie gewöhnlich die Aufnahmen machte und sie hatte geglaubt, sie seien das perfekte Paar: das Mädchen mit der Gitarre und den Songs und der Typ mit den Piercings und Tattoos.

Anfangs hatte es Blumen gegeben, sie waren abends in schicke Restaurants gegangen, sogar ein Gedicht hatte er ihr geschenkt und behauptet, er hätte es für sie geschrieben. Ihr Manager zusammen mit einigen der Musiker, die mit ihr auf Tournee gingen, waren argwöhnisch gegenüber Kenny und hatten Nicola gewarnt, sich nicht überstürzt in eine Beziehung mit ihm einzulassen. Aber Nicola war wie Tausende andere Mädchen, die sich einredeten, dass ihre Freunde einfach ‚nicht verstanden‘ wurden. Es hatte ihr gefallen, dass sie die Einzige war, die erkannt hatte, welch guter Kerl er wirklich unter seinem Rock-’n-Roll-Äußeren war.

Erst als sie schon zu tief verwickelt war, begann sie zu sehen, wie er Gefühle benutzte, als wären sie ein Druckmittel bei Verhandlungen. Und bald war das einzige Mittel, ihn bei Laune zu halten – und sicher zu sein, dass er sie noch „liebte“ – zuzustimmen, einige Dinge auszuprobieren, die er wollte.

Dummes Mädchen.

Tausendmal seither – nein eher eine Million Mal – hatte sie sich gefragt, wie sie so naiv hatte sein können. So naiv, dass sie tatsächlich schockiert war, als ihr manipulativer Freund seine Story von den wilden Nächten mit dem Pop-Star samt Fotos, die er insgeheim mit seinem Mobiltelefon von ihr gemacht hatte, verkaufte.

Nun, sie hatte ihre Lektion bekommen. Ganz gewaltig.

Sie würde nie wieder jemandem so leicht vertrauen. Besonders keinen gut aussehenden Männern, die darauf aus waren, ihr den Kopf zu verdrehen.

Nicola sah sich in Jogginghosen und Tank Top im hohen Spiegel an der Wohnzimmerwand. Sowas von einem Party Girl! Nach einem aufreibenden Tag, an dem sie die Tanzschritte für das Video, das sie in ein paar Tagen aufnehmen würden, geprobt hatte, sahen ihre großartigen Pläne vor, dass sie sich unter den Decken ihres riesigen Bettes einen CSI-Marathon im Kabelfernsehen ansehen würde. Es war ein Bett, in dem sie sich in jede Richtung ausstrecken konnte, weil sie allein drin schlafen würde, solange sie hier in San Francisco war.

Pfui, der Gedanke, alleine zu schlafen, sollte ihr keine Magenschmerzen verursachen. Schließlich schlief sie lieber alleine als mit einer Schlange wie Kenny. Aber auch wenn sie wusste, dass sie alleine besser dran war, waren deshalb die langen Stunden eines öden Freitagabends nicht leichter auszufüllen …

Sie wusste, dass sie hübsch war, klein, mit den richtigen Kurven und Beinen, die länger waren, als es ihre Größe vorsah. Vielleicht sogar schön mit der richtigen Frisur und Make-up und Kleidern. Aber auch wenn sie richtig aufgedonnert war – oder in einem Outfit, das gerade noch kein knappes Fähnchen war – sie fühlte sich eher wie das Mädchen von nebenan und nicht wie ein Pop-Star.

Weil sie das Mädchen von nebenan war, egal was alle von ihr dachten.

Es klingelte an der Tür und sie erinnerte sich, dass sie Eiscreme beim Zimmerservice bestellt hatte. An einem Abend wie heute hatte sie einfach nicht die Energie, sich darum zu kümmern, dass sie jemand vom Hotelpersonal ohne Make-up sehen und sofort über Twitter der Welt davon berichten würde.

Ohne Frage war das Schokoladeeis ihre letzte Hoffnung heute Abend.

Sie öffnete die Tür. „Hi.“

Der Typ sah sie an, dann blickte er tatsächlich über ihre Schulter, um die echte Nico zu sehen. Schließlich wanderte sein Blick zu ihr zurück und seine Gesichtszüge verzogen sich beim Wiedererkennen. Er starrte.

„Zimmerservice, Nico.“

Sie trat zur Seite, damit er das große Tablett hereinfahren konnte, obwohl sie den Behälter oben leicht hätte herunternehmen können.

„Es ist die Marke, die Sie bestellt haben. Ein Viertel.“

„Danke.“ Sie nahm den Stift, den er ihr reichte, um den Beleg des Zimmerservice zu unterschreiben und fühlte die Augen des Typs wie Laserstrahlen auf ihren Hüften in den enganliegenden Jogginghosen. Sie hatte diese Augen von dem einen oder anderen Kerl in den letzten zehn Jahren immer wieder gefühlt, immer seit sie eines Morgens mit Brüsten und Hüften erwacht war.

Das anzügliche Grinsen störte sie nicht einmal. Was sie störte, war, dass sie bei diesem Grinsen glaubten, sie würde mit jedem ohne Unterschied ins Bett hüpfen, nur weil sie Hintern und Busen hatte, die die Jungs zum Sabbern brachten.

Sie war keine Schlampe, egal was die Welt glaubte.

Sie brachte ihm den Stift zurück, er war aber zu beschäftigt, ihre Titten zu begaffen, um es zu bemerken.

Nicola legte immer Wert darauf, freundlich zum Personal zu sein, wo immer sie abstieg. Es war noch nicht so lange her, dass sie servierte und Hotelzimmer putzte, während sie darauf wartete, ‚entdeckt‘ zu werden.

Heute Abend war nichts mit nett.

„Hier.“ Sie knallte ihm den Stift in die Hand und ging dann zur Tür, um sie für ihn aufzuhalten.

Er ging langsam auf sie zu und sie zählte die Sekunden, bis er weg sein würde, als er sagte: „Sind Sie heute Abend ganz alleine?“

Im Ernst? Sie musste sich das gefallen lassen, nur um eine Eiscreme zu bekommen? Ihre Plattenfirma zog es vor, sie mit einer Assistentin auf Reisen zu schicken, die auf sie aufpassen konnte, aber Nicola mochte das Gefühl gar nicht, dass sie sich auch dann nicht entspannen und sie selbst sein konnte, wenn sie gerade nicht auf der Bühne stand. Heute Abend wünschte sie sich aber, sie hätte so eine Betreuung dabei, um diesem Trottel heimzuleuchten.

„Ich habe bereits etwas vor, danke.“ Der Kerl nickte, aber ihr gefiel nicht, was sie in seinen Augen sah. „Mein Freund wird jeden Augenblick hier sein“, log sie.

„Gut, wenn Sie später noch Gesellschaft möchten …“.

Verflucht, sie hatte es gründlich satt, dass man so mit ihr umsprang!

„Alles, was ich von Ihnen wollte, war, dass sie mir die Eiscreme bringen. Das war’s. Und nicht, dass Sie versuchen, jetzt oder später mit mir abzuhängen. Sie kennen mich nicht“, erinnerte sie ihn, bevor sie sich entschloss zu sagen: „Ich werde mich beim Nacht-Manager über Sie beschweren.“

Sie ging zum nächsten Telefon und wollte eben den Hörer abheben, als er sagte: „Ich habe es nicht so gemeint. Es ist nur, dass Sie ganz alleine sind und …“.

Er hörte mit dem Gelaber auf, als er merkte, dass er sich damit nichts Gutes tat.

„Na und, wenn ich alleine bin?“, gab sie zurück, unerklärlich defensiv, weil er dieses Wort ausgesprochen hatte. Es war fast noch schlimmer, ihre Einsamkeit betont zu bekommen, als ihren Körper begaffen zu lassen. „Nicht alle müssen sich an einem Freitagabend ins Nachtleben stürzen, um sich zu amüsieren.“

Er ging jetzt rückwärts Richtung offene Tür und wünschte ganz offensichtlich, dass er nie den Mund aufgemacht hätte.

„Im Ernst, Nico, es tut mir wirklich leid, Sie verärgert zu haben. Und ich … ich brauche diesen Job wirklich, wenn es also eine Möglichkeit gibt, dass Sie das alles vergessen könnten, das würde ich, äh, echt schätzen.“

Sie seufzte und legte den Telefonhörer zurück, da sie wusste, dass sie es nicht ertragen könnte, wenn er seinen Job ihretwegen verlöre. Auch wenn er sich daneben benommen hatte.

„Gut.“

Er rannte über die Schwelle und sie zögerte nicht, schnell die Tür hinter seinem abziehenden Rücken zuzuwerfen.

Der Eisbehälter begann auf dem großen silbernen Wagen zu schwitzen, aber die Lust auf Eiscreme war ihr vergangen.

Es war nicht fair. Die ganze Welt glaubte, dass sie ohne Unterschied mit jedem herumschlief, dabei hatte sie in Wirklichkeit gerade einmal mit insgesamt zwei Männern Sex gehabt. Brad aus der zwölften Klasse auf dem Rücksitz im Wagen seines Dads. Und dann Kenny, weil sie glaubte, dass sie sich liebten.

Noch ärger, keiner ihrer vergangenen Lover war wirklich großartig gewesen. Brad konnte sie verzeihen, weil es für sie beide das erste Mal war und ihr Liebesnest echt schrecklich. Aber Kenny – das hatte sie letztendlich erkannt – war es einfach nicht wichtig, ob sie sich gut fühlte. Es ging die ganze Zeit nur um ihn und sie hatte das nur noch unterstützt, indem sie ständig versuchte, ihm zu gefallen, damit er sie mehr „liebte“.

Wenn sie wenigstens etwas gehabt hätte, was wahrer Lust nahekam, wäre sie vielleicht wegen ihres schlechten Rufs nicht so bitter gewesen. Vielleicht könnte sie ihn dann einfach ihr Eigen nennen. Vielleicht würde sie sich dann wie diese sexy Frau fühlen, die sie auf ihren Album-Covers und in den Musikvideos darstellte und nicht wie ein Mädchen, das Sichverkleiden spielte.

Und vielleicht hätte sie dann heute Abend ihre Choreographin Lori nicht so lange aufgehalten, lange über die Zeit hinaus, zu der sie die Frau zur Verlobungsfeier ihres Bruders hätte gehen lassen sollen. Plötzlich kam Nicola in den Sinn, dass Lori wahrscheinlich eingewilligt hatte zu bleiben, weil auch ihr Nicola so einsam erschienen war. Verdammt, wenn der doofe Kerl, der ihr das Eis aufs Zimmer servierte, es bemerkt hatte, dann mussten es wohl alle sehen können.

Plötzlich fuhr ihr ein verrückter Impuls quer durch die Magengrube: Da sie ihren Ruf nie mehr loswerden konnte, wie wäre es, wenn sie ausging und ihn sich stattdessen verdiente?

Nicola war immer schon, selbst als kleines Mädchen, impulsiv. In ihren Zeugnissen stand Jahr um Jahr dasselbe: „Nicola ist ein intelligentes Mädchen, handelt aber oft ohne zu überlegen.“

Okay, dachte sie, als sie verschiedene Kleidungsstücke auf das Bett warf und versuchte, genau den richtigen Look für das zu finden, was sie heute Nacht ausführen wollte. Sie hatte ihre Lektion gelernt, wenn es darum ging, einem Dreckskerl zu vertrauen. Und natürlich wollte sie eines Tages Liebe. Richtige Liebe. Wahre Liebe.

Aber heute Nacht wollte sie einfach nur etwas anderes fühlen als Reue und Einsamkeit.

Sie hatte die Nase voll davon, wie eine Nonne zu leben, sie hatte es satt, ständig alle überzeugen zu versuchen, dass sie nicht ein wildes Party-Girl war, da das sowieso alle glaubten. Während nur einer Nacht wollte sie wissen, worum es bei dem ganzen Trara ging. Sie wollte einen Mann finden, mit dem sie ihre Leidenschaften teilen konnte, einen echten Mann, der genug Erfahrung hatte, um sie auf Höhen zu bringen, die sie noch nie gekannt hatte.

Sie überlegte, eine enge, glänzende schwarze Hose anzuziehen mit einem funkelnden Top, das mehrere Zentimeter ihrer Mitte zeigte, warf sie aber dann beiseite. Sie wollte heute Nacht nicht tough aussehen. Sie wollte sexy aussehen. Wild. Und so gefährlich sinnlich, dass den Leuten der Mund offen stehen blieb und keiner sie zähmen konnte.

Ihr Herz klopfte heftig als sie ihre Jogginghose und das Trägertop auszog und in ein kurzes, trägerloses Lederkleid schlüpfte. Eine falsche Bewegung in irgendeine Richtung und der Hintern und Busen, für die sie so berühmt war, würden hervorflutschen und alle könnten sie sehen.

Aber plötzlich war es Nicola egal. Alles war besser als diese knochentiefe Einsamkeit.

Also würde sie wieder auf der Titelseite eines weiteren Boulevardblatts landen. Dieses Mal hätte sie es wenigstens selbst in der Hand.

Ihre Fotos waren auf der Titelseite vieler Zeitungen, sie war an vorderster Front vieler Unterhaltungsblogs mit Titeln, für die sie sich schämte, wenn ihre Eltern sie lasen. Und sie hatte es überlebt.

Großteils wenigstens.

Kapitel 2

Marcus war bekannt für seine Geduld. Da er beim Großziehen seiner sieben Geschwister mitgeholfen hatte, hatte er auch gelernt, abzuwarten bis Trotzanfälle, Faustkämpfe und sogar Tränen vorübergingen.

Heute Abend hatte er keine Geduld.

Er hatte die Frauen auf dem Tanzboden lange genug betrachtet, um zu wissen, dass er kein Interesse hatte, auch nur mit einer von ihnen ins Bett zu gehen. Viele der Frauen hatten in den letzten 30 Minuten versucht, seine Aufmerksamkeit zu gewinnen und mehr als eine war zu ihm herübergekommen, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Aber er hatte nicht einmal mit ihnen zu sprechen brauchen, um zu wissen, dass er die Nacht nicht mit diesen Frauen verbringen würde, vor allem da er praktisch ihre Verzweiflung riechen konnte. Er wusste, wofür er heute Nacht hierher gekommen war, aber es gab einen großen Unterschied zwischen wild und leicht. Und keine der Frauen, die in den letzten 30 Minuten durch den dicken roten Vorhang, der die Eingangstür vom Inneren des Clubs trennte, gekommen war, kam als Anwärterin auf sein Bett in Betracht.

Dann öffnete sich plötzlich der Vorhang … und sie trat ein.

Marcus hatte das Gefühl, als wäre ihm eine Faust direkt in den Magen gerammt worden.

Die Frau war jung, Mitte 20 wahrscheinlich und so verdammt schön, dass es fast schmerzte, sie anzusehen. Ihr schwarzes Lederkleid überließ nichts der Phantasie, fügte sich um ihren Körper wie eine zweite Haut mit tiefen Ausschnitten, die entlang den Seiten ihrer wahnsinnigen Kurven verliefen.

So wie Jill hochgewachsen war, war diese Frau klein. So wie Jill schlank und beherrscht war, war diese Frau sinnlich und … absolut unbezähmt. Und trotz ihres nichts verheimlichenden Outfits und wie viel sie von ihren hinreißenden Beinen zeigte, vom kurzen Ledersaum bis zu den sexy Riemchen ihrer sehr hohen Heels, war doch nichts Leichtes an ihr.

Ein Mann würde sich bemühen müssen, um ihr zu gefallen … und würde nichts dagegen haben, um sein Vergnügen zu betteln, wenn er dann bei ihr sein konnte.

Sie war die Richtige.

Während sie so im Eingang stand und langsam die Menge überflog, waren aller Augen im Raum auf sie gerichtet. Sie war magnetisch, hatte das besondere Etwas, was es unmöglich machte, die Augen von ihr abzuwenden. Weiß der Himmel, er konnte die Augen nicht von ihr abwenden und hätte nie mehr aufhören wollen, ihr Bild in sich aufzunehmen.

Und dann begegneten ihre Augen seinen, beleuchtet von einem Lichtstrahl im dunklen Raum und obwohl Marcus an der Bar bei weitem nicht genug getrunken hatte, um auf seinen Beinen zu wanken, ließ ihn ein Blick in diese klaren blauen Augen um sein Gleichgewicht kämpfen.

Was stimmte mit ihm nicht?

Er musste sich ständig vor Augen halten, worum es heute Nacht ging. Sex. Lust. Keine Gefühle. Keine Beziehung. Es war okay, dass gewisse Teile seines Körpers unter der Taille reagierten, als hätte man ein Streichholz angezündet, allein schon, wenn er diese Frau ansah. Aber alles andere war Off-Limits. Er suchte nicht eine Frau zum Respektieren. Er suchte Sex, schlicht und einfach.

Und er würde sich todsicher nicht verlieben.

Deshalb war er in diesen Teil der Stadt gekommen, in diesen Club. Weil er hier nie im Leben eine Frau treffen könnte, in die er sich schließlich verlieben würde.

Marcus ließ seinen Blick zurück über das kaum vorhandene Lederkleid der Frau wandern. So wie die Dinge aussahen, schien es nicht, als würde Respekt ein großes Thema sein. Es gab nur einen Grund, weshalb eine Frau in einem solchen Kleid in einen Club gehen würde … und er wusste, es war derselbe Grund, weswegen er hier war: für eine wilde Nacht mit einem Fremden, um das wahre Leben während ein paar sündhafter Stunden auszuschalten.

Und dann begannen sich die gefährlichen Kurven unter dem dünnen Leder zu bewegen und er begriff, dass sie zu gehen begann. Direkt auf ihn zu, ohne je, sogar mit den unmöglich hohen Heels, ihre Schritte zu unterbrechen.

Aller Augen im Club, sowohl der Männer als auch der Frauen folgten ihr über den Betonboden, aber sie nahm niemanden sonst zur Kenntnis. Nur ihn.

Marcus hob den Blick von ihrem für-Sex-erschaffenen Körper und konnte die Herausforderung in ihren Augen nicht übersehen, ein Blick, der fragte, ob er Manns genug war, um mit ihr klarzukommen, trotz der Tatsache, dass sie mindestens ein Jahrzehnt jünger als er sein musste. Er konnte es nicht erwarten, ihr zu beweisen, dass er entschieden fähig war, nicht nur mit ihr klarzukommen, sondern ihr mehr Lust zu bereiten, als sie je zuvor empfunden hatte.

Er war heute Nacht hierher gekommen, um eine Frau zu finden, sie anzumachen und sie für eine kompromisslose Nacht für sich zu fordern. Stattdessen sah es so aus, als wäre er es, der angemacht wurde.

Er hatte immer große, schlanke Frauen gemocht, keine, die ihm kaum bis zur Brust reichten, wie diese hier. Und er war noch nie mit einer Frau zusammen, die so viel jünger als er war, er war nicht einmal versucht gewesen.

Eine Stimme in seinem Kopf flüsterte ihm zu, dass sie viel zu jung für ihn war, so jung, dass er sich in jeder anderen Nacht von ihr abgewandt hätte, aber dann dachte er unwillkürlich, dass er jetzt ja nicht einmal hier wäre, wenn die Dinge so gelaufen wären, wie er sie in den letzten beiden Jahren geplant hatte.

Aber er war hier.

Und er plante auch nicht, das auszuschlagen, was diese unglaublich verführerische Frau zu bieten hatte. Nicht bis zur Morgendämmerung.

Jedenfalls bestimmt nicht, ohne seinen Teil von diesen Rundungen abbekommen zu haben.

* * *

Mein Gott, war er schön.

Von wegen groß und stark – wenn die breiten Schultern und sein umwerfendes Gesicht nicht schon genug gewesen wären, stach er in seinem gebügelten Hemd und langen Hosen aus der übrigen kümmerlichen Menge hervor und scherte sich keinen Deut darum, dass er anders als alle anderen war. Sein dunkles Haar war gerade eine Spur zu lang und streifte über seinen Kragen, sein Kinn war kantig und mit einem Bartschatten bedeckt, der in ihr den heftigen Wunsch weckte, hochzulangen und die Stoppeln an ihren empfindlichen Fingerkuppen zu fühlen. Seine Lippen waren voll, aber überaus männlich.

Es war aber sein dunkler, hungriger Blick, der sie vom ersten Augenblick verzaubert hatte.

Er war der Richtige.

Die Schererei, hier hereinzukommen mit all den Leuten in der Schlange, die Fotos mit ihr machen und Autogramme wollten, sobald sie aus dem Taxi ausgestiegen war, reichte aus, dass sie gleich wieder in das Taxi springen und sich in ihrem Hotel verstecken wollte.

Was hatte sie sich dabei gedacht, in einen Club zu gehen, um einen Mann zu finden? Besonders, da sie genau wusste, dass Fotos von ihr und dem Typen innerhalb von Stunden im Internet auftauchen würden. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ihr Label und Manager durchdrehen würden, wenn sie herausfanden, dass sie allein sogar ohne einen Leibwächter hierher gekommen war.

Aber sie hatte es leid, sich wie eine Gefangene in ihrem goldenen Penthouse-Käfig zu fühlen. Sie erinnerte sich, dass einige der Tänzer, die an den Aufnahmen für ihren Video-Clip mitarbeiteten, von diesem Club gesprochen hatten und er schien der perfekte Ort zu sein, um für eine Nacht einmal loszulassen.

Obwohl sie es besser wusste, scherte sie sich also heute Nacht nicht um den Preis ihres Ruhms oder um die unvermeidlichen Folgen ihres Handelns. Da sie nur eine lange, einsame Nacht in ihrer Hotelsuite erwartete, wenn sie sich auf den Absätzen umdrehte und davonlief.

Und Gott sei Dank hatte sie ihren Mut bewahrt, weil sie kaum den Club betreten hatte, als sie ihn sah. Nicola war froh, nicht in letzter Sekunde Reißaus genommen zu haben, sie leckte sich sogar praktisch die Lippen, als sie sich dem Mann näherte, der jedes Quäntchen ihrer Aufmerksamkeit auf sich zog.

Er war das genaue Gegenteil von Kenny, breitschultrig und muskulös, während ihr Ex mager und schmal war. Kenny hatte oft hautenge lange Lederhosen getragen und in einem Club wie diesem hätte er wahrscheinlich im Augenblick, in dem er hereinkam, sein Shirt ausgezogen, um mit seinen Tattoos anzugeben. Dagegen sah dieser Mann mit diesem teuren Anzug, der eindeutig genau nach Maß geschneidert war, aus wie in einer Werbezeitschrift von Hugo Boss.

So sah ein echter Mann aus, dachte sie unwillkürlich. Kenny – das erkannte sie plötzlich – war nichts anderes als ein Junge, der sich als Rocker verkleidet hatte.