Ein X für ein U - Christoph Dien - E-Book

Ein X für ein U E-Book

Christoph Dien

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Beschreibung

Aufregung in der Norddeutschen Werft in Kiel: Ein milliardenschwerer griechischer Regierungsauftrag über vier Boote der neuen Klasse U 311 droht zu scheitern. Der Kunde spricht von Zahlungsstopp und Kündigung. Um die Wogen zu glätten, reist Werftchef Dr. Überall nach Athen und merkt bald, dass sein U-Boot in den Irrungen und Wirrungen der griechischen Politik auf Abwege geraten ist. Zu allem Überfluss wird Kapitänin Andrea Pamboulis, Mitglied des griechischen Bauaufsichtsteams, erdrosselt in ihrer Wohnung aufgefunden und der Verdacht fällt schnell auf den deutschen U-Boot-Projektleiter. Wird es Dr. Überall gelingen, sein Unternehmen heil durch den Strudel der Ereignisse zu steuern? Die Handlung dieses Romans hat Anknüpfungspunkte an eine reale Geschichte, ist aber in weiten Teilen der Gedankenwelt des Autors geschuldet.

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

I. Ein Tag leicht getrübter Freude

II. Commander Nautarakis im Ministerium

III. SM DYTIS auf Testfahrt zum Skagerrak

IV. Dr. Überall erhält ein Schreiben

V. Eulen nach Athen tragen oder dort abholen

VI. Der Gipfel des Athen-Programms

VII. Fortsetzung mit anderen Mitteln

VIII. Ein Höllentag

IX. Mehr Dichtung und Wahrheit

X. Was jetzt zu tun wäre

XI. Stylianos Elephantinou, der Hilfreiche

XII. Athen mit vorweihnachtlicher Botschaft

XIII. Unerwartete Weihnachtspost

XIV. Commander Nautarakis wieder im Ministerium

XV. „Panta rhei“ und die Wahl fest im Blick

XVI. Die Qual (nach) der Wahl

Der Autor

Danksagung

Personenregister

Impressum

I. Ein Tag leicht getrübter Freude

Es war einer dieser schönen, klaren Herbsttage an der Kieler Förde. Anderswo hätte man „goldener Oktober“ gesagt, aber im Kieler Yacht-Club, dem Wilhelm II. einst den Titel „Kaiserlicher Yacht-Club“ verliehen hatte, hieß es immer noch „Kaiserwetter“: strahlender Sonnenschein, mittags fast zwanzig Grad und eine frische Brise, die selbst an diesem ganz normalen Donnerstag etliche Segler auf die Kieler Förde lockte.

Die Mitarbeiter des Kieler Yacht-Clubs hatten dafür allerdings jetzt keinen Blick. Sie waren damit beschäftigt, in der großen, mit dunkler Holzvertäfelung und Vitrinen voller Regatta-Pokale ausgestatteten Traditionsbar die Tafel für ein festliches Mittagessen vorzubereiten.

Gastgeber war Dr. Heino Laurenz Überall, Chef der Kieler Norddeutsche Werft AG, kurz NDW. Dort liebte man keine langen Worte, alle nannten ihn „Helü“. Heute galt es, die Taufe des ersten für die Griechische Marine bestimmten Unterseeboots aus der neuen Baureihe U 311 zu feiern.

Hajo Meyer, Hoteldirektor im Kieler Yacht-Club, trieb seine Mitarbeiter an, die Ausrichtung der Gedecke und die Position der Stühle an den Längsseiten des Tisches noch einmal genauestens zu kontrollieren. An der schon vor Wochen übermittelten Gästeliste hatten sich in den letzten Tagen laufend Änderungen ergeben, stets mit der Folge umfangreicher Verschiebungen in der Tischordnung. Die letzte Änderung war Hajo Meyer erst am Morgen von Dr. Überalls Presse- und Protokollmitarbeiterin Inka Kohlweder mitgeteilt worden. Der griechische Verteidigungsminister Troianides hatte abgesagt. Prompt hatte sich auch der Parlamentarische Staatssekretär aus dem deutschen Verteidigungsministerium „krankheitshalber“ entschuldigen lassen.

Höchstrangiger griechischer Taufgast war nun der Chef der griechischen Marine, Vizeadmiral Stephanos Papadopoulos. Mit ihm wurde Dr. Eleonore Dytis aus Athen erwartet, die als Taufpatin des neuen U-Bootes vorgesehen war. Es sollte nach ihrem verstorbenen Schwiegervater SM DYTIS heißen. Kapitän Apostolos Dytis war im Zweiten Weltkrieg U-Boot-Kommandant der Griechischen Marine und später deren Chef gewesen – einen würdigeren Namensgeber für das erste von Deutschen und Griechen gemeinsam geplante U-Boot hätte man kaum finden können.

Auf deutscher Seite vertrat der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Kornelius Glückauf, seine Streitkraft und zugleich das Bundesministerium der Verteidigung. Außerdem hatten der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Dr. Lutz Detlefsen und der griechische Botschafter Professor Aristoteles Myrtis zugesagt.

Für Kiel und die Norddeutsche Werft war diese Bootstaufe ein Meilenstein. Das Programm U 311 stellte den Beginn einer ganz neuen technologischen Entwicklung dar. U-Boote müssen lange tauchen können, ohne Geräusche zu verursachen, die zu ihrer Entdeckung führen. Hierzu hatten die Ingenieure der Norddeutschen Werft einen U-Boot-Antrieb mit Brennstoffzelle entwickelt, um alle Bordsysteme ohne heiße Abgase und deutlich länger mit Energie zu versorgen als ein herkömmlicher Diesel-Motor.

Allerdings hatte sich die griechische Regierung bei ihrer Beschaffungsentscheidung nicht allein von der wegweisenden Technologie überzeugen lassen. Es bedurfte auch des guten Vorbildes des deutschen Verteidigungsministeriums, das sich schon Jahre zuvor für diese Art der Bordstromversorgung entschieden hatte.

Außerdem hatte die Norddeutsche Werft Anteile an der seinerzeit stark heruntergewirtschafteten Hellenic Dockyards S.A. (HDY) im Hafen von Piräus übernehmen müssen. Dies wiederum war mit einer Investitionszusage in dreistelliger Millionenhöhe einhergegangen, bevor die Griechen ihre Unterschrift unter den Beschaffungsvertrag für insgesamt vier Einheiten der neuen Bootsklasse gesetzt hatten. Maßgeblicher Verhandler des Vertragswerks war niemand anderes als Dr. Heino Laurenz Überall gewesen, damals noch einfaches Vorstandsmitglied der Norddeutschen Werft, nun ihr Chef.

Während Hajo Meyer die Halle des Kieler Yacht-Clubs mit dem großen, goldgerahmten Ölgemälde der kaiserlichen Yacht HOHENZOLLERN einer letzten Überprüfung unterzog, wurde ein roter Teppich zwischen der Eingangstür und dem Rezeptionstresen ausgerollt, neben dem einige Stufen in die Halle hochführten. Nachdem er seinen Rundgang mit zufriedener Miene abgeschlossen hatte, rief der Hoteldirektor seine Mitarbeiter zu einem letzten Einsatzgespräch zusammen.

Auf dem Werftgelände am anderen Fördeufer standen Chef „Helü“, Pressesprecherin Inka Kohlweder und Werftfotograf Ewald Fischmann erwartungsvoll auf der obersten Stufe zum Haupteingang des NDW-Verwaltungsgebäudes. Gleich um Punkt zehn sollte die minutiös geplante Taufzeremonie mit dem Eintreffen der Ehrengäste beginnen.

Inka Kohlweder, eine Mittdreißigerin mit brünetter Kurzhaarfrisur, hatte sich ins bewährte kleine Schwarze geworfen, darüber einen feuerroten Wollmantel.

Dr. Überall, ein graumelierter, auch jetzt im Herbst noch braungebrannter hochgewachsener Endfünfziger, hatte einen nachtblauen Zweireiher gewählt. Ein weißes Hemd, Werft-Manschettenknöpfe, heute natürlich mit U-Boot-Motiv, und eine dezent gestreifte blau-weiße Krawatte komplettierten den betont formellen Auftritt. Sein Gesicht mit der markanten Nase und den buschigen Augenbrauen zeigte Anspannung, denn vor ihm lag ein Tag unter seiner Regie, an dem nichts schiefgehen durfte.

Um fünf vor zehn bogen drei schwarze Mercedes-Limousinen auf das Werftgelände ein und kamen vor dem Verwaltungsgebäude zum Stehen. Als aus der mittleren Limousine ein uniformierter Beifahrer ausstieg, um Eleonore Dytis die Fondtür zu öffnen, eilte Dr. Überall die Stufen hinunter und begrüßte die Taufpatin mit einer tiefen Verbeugung. Währenddessen trat der griechische Marinechef Stephanos Papadopoulos hinzu, der neben ihr im Fond des Wagens gesessen hatte. Der protokollarisch ranghöchste Ehrengast war ein sehr schlanker, großer, weißhaariger Mann mit dickem Schnauzbart.

Dr. Überall begrüßte ihn wie einen vertrauten Freund:

„Willkommen zurück in Kiel, Herr Admiral!“

Aus den anderen Autos stiegen der Botschafter der Republik Hellas in Deutschland, Professor Aristoteles Myrtis, und der deutsche Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Glückauf, mit seinem Adjutanten. Er stellte sich wie immer mit „Glückauf wie Schluckauf“ vor, da er großen Wert darauf legte, im Gegensatz zum bekannten Ruhrgebietsgruß seinen Namen auf der ersten Silbe betont zu hören.

Nach den Begrüßungen bat Dr. Überall die Gäste, sich vor den Treppenstufen für ein Foto aufzustellen, zu seiner Rechten die Taufpatin und der Botschafter, zur Linken die beiden Marinechefs. Werftfotograf Fischmann ließ es sich nicht nehmen, zahlreiche Haltungsverbesserungen zu erbitten, bevor er mit dem Gesamtbild zufrieden war und gefühlt hundert Mal den Auslöser seiner Kamera betätigte.

Dann ging es mit dem Fahrstuhl in den obersten, fünften Stock des Gebäudes, wo im Besprechungsraum ein maritimes, sprich fischlastiges Empfangsbuffet aufgebaut war.

Hier warteten die wichtigsten Kieler Mitarbeiter des Programms U 311, Holger Gross und Thorsten Schnabel, sowie die Leiter der griechischen U-Boot-Bauüberwachung, Fregattenkapitän Evangelos Nautarakis und seine Stellvertreterin, Korvettenkapitänin Andrea Pamboulis. Die beiden waren von der Griechischen Marine gleich zu Beginn des Projekts nach Kiel entsandt worden, um jeden Schritt der Entstehung des neuen Bootes genau zu beobachten.

Als Admiral Papadopoulos mit den anderen Gästen und Dr. Überall im Gefolge den Raum betrat, begrüßte er seine Untergebenen mit einem seemännisch lauten Kalimera, hetairoi, „Seid gegrüßt, Kameraden!“, und stellte sie der Taufpatin als die wesentlichen Stützen der Griechischen Marine in Kiel vor. Er wirkte leutselig und gut aufgelegt, so als habe er sich wirklich auf diesen Tag gefreut. Zwar würde es bis zu den Probefahrten und der militärischen Indienststellung noch mehr als ein Jahr dauern, aber immerhin war bei der Taufzeremonie das Boot schon in einem weit fortgeschrittenen Fertigstellungsgrad zu besichtigen.

Indessen wandte sich Dr. Überall dem griechischen Botschafter und dem deutschem Marine-Inspekteur zu. Als guter Gastgeber betonte er gegenüber Professor Myrtis, welche Ehre es für die Werft sei, dass beide Repräsentanten des griechischen Staates an dieser Taufe teilnähmen. Es sei immerhin fast zehn Jahre her, dass er zusammen mit seinem damaligen Chef den Beschaffungs-, Erwerbs- und Kooperationsvertrag mit der griechischen Regierung unterschrieben habe. Seitdem habe die Norddeutsche Werft die griechische Neuerwerbung Hellenic Dockyards mit umfangreichen Investitionen teilweise sogar auf einen besseren Stand gebracht, als man ihn in Kiel habe.

„Verehrter Herr Dr. Überall“, sagte Botschafter Myrtis, der eine Mimik zwischen Anteilnahme und Amüsiertheit aufgesetzt hatte, „nicht dass wir uns um unseren heutigen Täufling noch Sorgen machen müssen, wenn Ihre Werft in einem so bemitleidenswerten Zustand ist!“

„So nun auch wieder nicht“, gab Dr. Überall gezwungen lachend zurück. „Immerhin haben wir den neuen Bootstyp von Grund auf neu konstruiert – eine außerordentliche Leistung unserer Ingenieure. Auf sie bin ich wirklich stolz.“

Er bedeutete seinen etwas verlegen in der Nähe stehenden Mitarbeitern, näher zu ihm und Botschafter Myrtis und Admiral Glückauf zu kommen, und stellte sie vor:

„Das hier ist der Leiter des gesamten Programms U 311, Herr Holger Gross. Er hat bereits andere große Exportaufträge abgewickelt, etwa mit Norwegen. Und Herr Thorsten Schnabel ist der Kopf unserer technischen Projekttruppe. Beide werden Ihnen sicher gern von den Herausforderungen der U-311-Entwicklung erzählen.“

Damit überließ er sie ihrem Smalltalk-Schicksal, denn er hatte nun der Taufpatin, die etwas beunruhigt wirkte, ihre Rolle bei der Zeremonie zu erläutern.

„Sehen Sie, Frau Dr. Dytis, es ist eigentlich ganz einfach. Auf der vor dem Boot aufgebauten Taufkanzel steht ein Pult, über das ein Seil führt. Es ist mit der Flasche verbunden, die Sie nach Aufsagen des Taufspruchs am Rumpf des U-Bootes zerschellen lassen werden. Sie durchtrennen es mit einem beilartigen Werkzeug, das wir Dexel nennen. Je weniger Hiebe Sie mit diesem Ding ausführen müssen, umso mehr Glück soll es dem Boot bringen.“

Dr. Eleonore Dytis blickte immer noch etwas besorgt.

„Ich bin schon über achtzig und möglicherweise nicht allzu geschickt“, sagte sie.

„Es wird schon alles gut gehen“, versicherte Dr. Überall. „Nach Durchtrennen des Seils schwingt die Flasche an den Rumpf und alle Zuschauer werden Ihnen applaudieren und dreimal ‚Hipp-Hipp-Hurra‘ rufen. Dann erklingen die beiden Nationalhymnen und schon ist die Zeremonie zu Ende.“

Dr. Überall lächelte ihr nur nochmals ermutigend zu und wandte sich dann zum griechischen Marinechef Papadopoulos.

„Herr Admiral, wie wir ja beide wissen, ist dies beileibe nicht Ihr erster Besuch auf unserer Werft. Der letzte muss vor rund acht Jahren gewesen sein, als Sie Chef der griechischen U-Boot-Flottille waren. Ich erinnere mich noch gut daran.“

„Ja, Sie haben Recht“, sagte Papadopoulos, „aber anders als heute, wo wir den herrlichen Blick auf die Förde genießen können, war das Wetter vor acht Jahren entsetzlich.“ Der Marinechef verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Was war denn damals los?, versuchte sich Dr. Überall zu erinnern, während er den Admiral aufforderte, sich am Buffet zu bedienen. Irgendwie musste er dem Gespräch wieder eine heitere Wendung geben.

„Herr Admiral“, sagte er, „lassen Sie es mich so ausdrücken: Das heutige Wetter ist hell und sonnig wie hoffentlich auch die Zukunft unserer U-Boot-Zusammenarbeit! Wir freuen uns auf weitere gemeinsame Taufzeremonien, dann hoffentlich in Ihrem heimatlichen Hafen Piräus!“

Beim Reden schoss ihm durch den Kopf, was für ein nichtssagendes Vertriebler-Gewäsch er hier eigentlich losließ. Ein bisschen schämte er sich auch vor der ihm recht intellektuell erscheinenden Taufpatin. Andererseits war so ein Tag nun mal dazu da, gute Stimmung zwischen Kunden und Werft zu produzieren.

Immerhin hatte sich die Miene von Admiral Papadopulos wieder normalisiert.

Die letzten Monate waren für die Werftmannschaft recht anstrengend gewesen. Denn der Chef der Bauaufsicht, Fregattenkapitän – in der Rangordnung der Griechischen Marine „Commander“ – Evangelos Nautarakis, ein in Deutschland aufgewachsener und mit deutschem Schiffbaustudium ausgerüsteter Fachmann, hatte sich bei Sachfragen als sehr detailfreudig, bisweilen sogar pedantisch erwiesen.

Dr. Überall bezog ihn nun bewusst in das Gespräch ein:

„Kapitän Nautarakis, bei Ihnen möchte ich mich für die gute Kooperation, aber auch für Ihren kritischen und fachmännischen Blick auf den Bauprozess bedanken. Sie haben meinen Leuten das Leben nicht immer leichtgemacht. Aber nur durch gegenseitige Herausforderung wird man besser. So jedenfalls sehe ich unsere Zusammenarbeit, nämlich als herausforderndes Teamwork.“

„Herr Dr. Überall“, antwortete Nautarakis artig, „auch für mich und unsere kleine Bauaufsichtstruppe ist dieser Tag ein wichtiger und erfreulicher Zwischenschritt auf dem Weg zur Vollendung dieses ersten, wegweisenden Bootes. Ein solches ‚First-of-class‘-Abenteuer schafft immer besondere Herausforderungen, auf allen beteiligten Seiten. Insofern kann ich den Dank nur an Ihr Team zurückgeben.“ Inka Kohlweder klatschte nun in die Hände und forderte die Anwesenden auf, sich auf den Weg zur Taufzeremonie zu begeben. „Helü“ wurde etwas nervös. Es war schon viertel vor elf und immer noch fehlten Ministerpräsident Detlefsen und der Vorsitzende des NDW-Aufsichtsrats, Dr. Alexander Geldmacher. Hatten sie etwa auch „krankheitshalber“ abgesagt?

In diesem Moment kamen beide mit wehendem Mantel herein. Eilig machte Dr. Überall sie mit den anderen Ehrengästen bekannt und drängte dann selbst zum Aufbruch.

Am Platz für die Taufzeremonie direkt am Fördeufer war alles vorbereitet. Auf dem Shiplift, einer bis auf Wasserebene absenkbaren Plattform, lag das U-Boot mit seinen fast siebzig Metern Länge und seinem Durchmesser von mehr als sechs Metern. Bug und Rumpf waren geschmückt mit einer überdimensionalen griechischen Nationalflagge und Girlanden aus Tannengrün. Neben dem Shiplift befand sich eine Tribüne mit sechs Sitzreihen, auf der bereits Gäste Platz genommen hatten. Vor der Tribüne stand das Rednerpult. Daneben hatten eine Abordnung des Marinemusikkorps Kiel und die etwa dreißig Mann starke Besatzung des U-Bootes mit ihrem Kommandanten Aufstellung genommen.

Dr. Überall geleitete Taufpatin, Ministerpräsident und Botschafter zu den in der ersten Tribünenreihe für sie reservierten Plätzen und nahm selbst neben der Taufpatin Platz.

Um Punkt elf Uhr trat Inka Kohlweder ans Rednerpult und kündigte den ersten Programmpunkt an. Während das Musikkorps den Präsentiermarsch der I. Matrosendivision von Prinz Heinrich von Preußen spielte, schritten die Marinechefs nebeneinander die angetretene Formation der U-Boot-Besatzung ab. Dann nahmen auch sie ihre Plätze in der ersten Sitzreihe ein, um der Rede des Gastgebers und Werftchefs zu lauschen.

„Schiffstaufen sind immer ganz besondere Momente, in denen einem Stück Materie, wie Sie es hier vor uns sehen können“ – Dr. Überall deutete auf das hinter ihm liegende U-Boot –, „gleichsam eine Seele eingehaucht wird. Schiffe sind nach herkömmlicher Vorstellung so etwas wie Persönlichkeiten. Verehrte griechische Gäste, schon Ihre Vorfahren, die Griechen der Antike, haben ihren Schiffen durch die Taufe einen besonderen Segen der Götter verschaffen wollen. Erst danach wurden sie dem für sie bestimmten Element übergeben.“

Mit leichtem Bedauern verzichtete Dr. Überall auf weitere philosophische Rede-Ausschmückungen, wie er sie so liebte, und würdigte nun die Taufpatin als Schwiegertochter des Bootsnamensgebers. Neben der Griechischen Marine und ihrem Bauaufsichtsteam sprach er auch den Mitarbeitern der Norddeutschen Werft seinen Dank aus. Er wartete ab, bis hierfür gebührend Beifall gespendet worden war, und wünschte dann der Crew des neuen Bootes allzeit gute Fahrt.

Die Reden des deutschen Marine-Inspekteurs Glückauf und seines griechischen Amtskollegen Papadopoulos folgten diesem Schema. Nur die Musikstücke unterschieden sich: erst „Anchors Aweigh“, dann „Alexis Sorbas“. Man sprach von einem besonderen Tag der Freude, gratulierte sich gegenseitig zu dem neuen, wegweisenden Bootstyp, den nun die Griechische Marine als erste der Welt nutzen würde, und richtete Grüße der jeweiligen Minister aus. Marine-Inspekteur Glückauf wünschte der Crew kameradschaftlichen Zusammenhalt auch in stürmischen Zeiten und illustrierte dies schmunzelnd mit der autobiografischen Anekdote einer Überwasserfahrt, bei der sich das alte U 306 alpha bei Sturm heftig auf die Seite gelegt hatte. Nur ein energischer Aufruf zur Disziplin durch den Kommandanten und die verschworene Gemeinschaft an Bord hätten ihn als seekranken Kadetten bei der Stange – und somit der Marine – gehalten. Admiral Papadopoulos fiel durch den unbewegten Gesichtsausdruck auf, mit dem er abschließend sagte: „Möge dieser Tag ein glücklicher Auftakt für Sie alle im Umgang mit diesem Boot sein und möge der weitere Weg bis zu seiner Indienststellung ein kurzer und reibungsloser sein!“

Nach der Melodie von „Muss i denn zum Städtele hinaus“ trat mit etwas mühsamen Schritten die Taufpatin ans Rednerpult. An ihrem guten Deutsch war zu merken, dass sie an der Seite ihres verstorbenen Ehemanns, eines deutsch-griechischen Rechtsprofessors, lange in Deutschland gelebt hatte.

Allerdings, wie die alte Dame da stand, ganz in Schwarz, mit schneeweißem schulterlangem Haar, nahezu kreideweißem Gesicht und einer auffälligen schwarz gerahmten Brille, wirkte sie auf Dr. Überall fast ein wenig unheimlich. Unwillkürlich kam ihm Pythia, die Wahrsagerin aus dem Orakel von Delphi, in den Sinn. Vielleicht hätte er bei seiner Redevorbereitung nicht so viel über die alten Griechen lesen sollen. Immerhin würde es hier anders als in Delphi wohl keine aufsteigenden Gase geben, die Dr. Eleonore Dytis in Trance versetzen könnten.

Er versuchte sich wieder auf ihre Rede zu konzentrieren.

„… mir niemals träumen lassen, dass ich einmal in Kiel ein Unterseeboot zu taufen hätte“, sagte die Taufpatin mit leiser, aber fester Stimme. „Nein, die Ehre gebührt in erster Linie meinem Schwiegervater, Kapitän Apostolos Dytis. Er wäre stolz gewesen, Namensgeber dieses neuen Bootes zu sein. Lassen Sie mich der Crew Worte mit auf den Weg geben, die ich unserem antiken Geschichtsschreiber Herodot entlehnt habe: Lasset nichts unversucht, denn nichts geschieht von selbst, sondern alles pflegt vom Menschen her zu geschehen. Und: Die Herrschaft ist ein schlüpfriges Ding. Darum gilt: Der Erfolg bietet sich meist denen, die kühn handeln, nicht denen, die alles wägen und nichts wagen wollen. Damit nun auf zur Tat!“

Dr. Überall bot der Taufpatin seinen Arm, um sie noch während des Applauses zu der um einige Stufen erhöhten Taufkanzel zu geleiten.

Die vor dem Boot aufgebaute Gerüstplattform war ebenfalls mit Tannenzweigen und mit einer Banderole in den schleswig-holsteinischen Landesfarben blau-weiß-rot dekoriert. Über ein Pult verlief die dünne Leine, deren Durchtrennen nach einem vielfach erprobten Mechanismus eine Magnum-Champagner-Flasche am Rumpf des Bootes zerschellen lassen würde.

Beide Marinechefs schauten besorgt zu, wie sich die zartgliedrige Dr. Eleonore Dytis vom Werftchef in die Handhabung des beilähnlichen Dexels einweisen ließ und dann von einem Zettel ablesend ins Mikrofon sprach:

„Ich taufe dich auf den Namen SM DYTIS und wünsche dir und deiner Crew allzeit gute Fahrt!“

Bei dem letzten Wort ergriff sie den Dexel und ließ ihn – offenbar zu einer Ein-Hub-Strategie entschlossen – aus größerer Höhe kraftvoll auf das Seil niedergehen. Es zerteilte sich sofort und die Flasche schwang in Richtung Rumpf, wo sie effektvoll zerschellte. Am Turm des Bootes wurde gleichzeitig ein Holzschild mit dem Namen SM DYTIS enthüllt.

Dr. Überall und die Marinechefs stimmten in den aufbrandenden Beifall und das dreifache „Hipp-Hipp-Hurra“ ein und gratulierten Dr. Eleonore Dytis zu dem denkwürdigen, mit nur einem Dexelschlag vollendeten Taufakt. Nachdem die Nationalhymnen erklungen waren, bat Inka Kohlweder alle Gäste zum Empfang in das neben der Tribüne aufgebaute Festzelt.

Dr. Überall geleitete die Taufpatin die Kanzelstufen hinunter, wo sie sich mit allen Ehrengästen noch einmal zum Gruppenfoto aufstellten.

Wie immer bei solchen Anlässen war er froh, dass bis hierhin alles gut gegangen war. Was hatte er nicht schon für Überraschungen erlebt. Ein Ausfall der Mikrofonanlage war noch harmlos. Es hatte auch genau in dem Moment, als die Zeremonie auf der Taufkanzel anstand, einen Wolkenbruch gegeben oder der Dexel war so stumpf, dass er partout das Seil nicht zerteilen wollte – ein Grund böser Vorahnungen.

Während des Geklickes der Fotokamera kam Dr. Überall das von Eleonore Dytis gewählte Herodot-Zitat in den Sinn: Lasset nichts unversucht, denn nichts geschieht von selbst, sondern alles pflegt vom Menschen her zu geschehen.

Auf dem Parkplatz des Kieler Yacht-Clubs wartete bereits Hoteldirektor Hajo Meyer, um die zum Festessen geladenen Ehrengäste sowie die NDW-Spitze in Gestalt der Herren Geldmacher und Dr. Überall, das Bauteam und den Bootskommandanten zu begrüßen. Auf der Treppe zur Eingangshalle imponierte den griechischen Gästen besonders das überdimensionale Gemälde mit der Kaiseryacht HOHENZOLLERN. Hoteldirektor Meyer nahm dies zum Anlass, ihnen die Geschichte des ehrwürdigen, 1887 gegründeten Yacht-Clubs zu erläutern, in der Kaiser Wilhelm II. eine so besondere Rolle gespielt hatte.

Währenddessen wurde ein Aperitif gereicht. Nachdem sie sich schon beim Empfang im Festzelt mit dem Sekt zurückgehalten hatte, lehnte Dr. Eleonora Dytis dieses Mal Alkohol ganz ab.

„Geben Sie mir einfach nur ein Glas Wasser“, bat sie, „ich fühle mich ein bisschen schwindelig.“

„Brauchen Sie vielleicht etwas Ruhe?“, erkundigte sich Dr. Überall besorgt.

„Nein danke, alles in Ordnung, ich würde mich nur gern hinsetzen“, erwiderte die alte Dame.

Dr. Überall gab Inka Kohlweder einen Wink, die Gäste schon zur Tafel zu geleiten. Gemäß der Tischordnung wurde die Taufpatin mit dem Blick auf die Förde genau in der Mitte, zwischen Dr. Überall zu ihrer Linken und dem Ministerpräsidenten zu ihrer Rechten, platziert. Ihr gegenüber saßen Marinechef Papadopoulos und Botschafter Myrtis, umrahmt von Dr. Geldmacher und Inka Kohlweder.

Dr. Eleonora Dytis’ Gesicht wirkte noch bleicher als während der Zeremonie, sodass Inka Kohlweder ihr anbot, schon einen Tee oder Kaffee zu bestellen.

„Nein danke“, sagte die Taufpatin mit matter Stimme, „vermutlich sind es nur die Aufregung und die Anstrengung. Wenn ich etwas esse, wird es besser werden.“

Inka Kohlweder wies einen Ober an, schnell den ersten Gang, eine Kraftbrühe, auftragen zu lassen. Die Taufpatin schien danach wieder etwas aufzuleben und ließ sich von Ministerpräsident Detlefsen in Smalltalk über lang vergangene Ostsee-Urlaubstage in Timmendorfer Strand verwickeln.

Nach der Suppe erhob sich der Ministerpräsident für seine Rede. Er begann mit einem Hinweis auf Schleswig-Holsteins dynastische Verbindung zu Griechenland. Bei dieser Anspielung auf die Abstammung des letzten griechischen Königs Georgios II. huschte ein Lächeln über das immer noch kreideweiße Gesicht der Taufpatin.

„Ich freue mich“, sagte Dr. Lutz Detlefsen, „dass über die Beziehung zwischen Kiel und der Griechischen Marine diese Verbindung nunmehr mit neuem Leben erfüllt wird.“

Er proklamierte den schleswig-holsteinischen Wahlspruch Up ewig ungedeelt als passendes Motto für die Beziehung der NDW-Standorte Kiel und Piräus und erhob dann sein Weinglas mit den Worten: „Auf die deutsch-griechische Freundschaft!“

Nun signalisierte auch Dr. Überall die Absicht, einige Worte zu sagen. Mit einem Blick auf den hinter ihm stehenden Beistelltisch versicherte er sich, dass dort alles Nötige lag.

In seiner Rede dankte er Dr. Eleonore Dytis für ihren beherzten Dexelschlag. Dann überreichte er ihr als traditionelles Erinnerungsstück das Werkzeug, mit dem sie das Seil zertrennt hatte, und den Kopf der zerborstenen Champagnerflasche. Die Gegenstände hatten helfende Hände inzwischen auf kleinen Mahagonipaneelen mit erläuternden Messingschildchen befestigt.

Die Taufpatin nickte dankend.

„Darüber hinaus“, fuhr Dr. Überall fort, „ist es guter Brauch, der Patin ein Geschenk zu machen, das einem von ihr gewählten wohltätigen Zweck dient. Frau Dr. Dytis hat sich eine Spende an das Veteranenhilfswerk der Griechischen Marine gewünscht, dessen Präsident ihr Schwiegervater lange gewesen ist. Dies ist uns eine besondere Freude, sodass ich Sie, verehrte Taufpatin, nun bitten möchte, sich für die feierliche Scheckübergabe zu erheben.“

Dr. Eleonore Dytis stand etwas mühsam von ihrem Stuhl auf.

Der NDW-Chef bot ihr erneut seinen Arm, um sie zur Stirnwand des Raumes zu führen, wo man für die Scheckübergabe samt obligatorischem Beweisfoto Aufstellung nahm. Inka Kohlweder, einen überdimensionalen Demo-Scheck unterm Arm, folgte mit Fotograf Fischmann.

Als Dr. Überall eben den Scheck in die Kamera halten wollte, bemerkte er auf einmal, wie das Gewicht an seinem rechten Arm schwerer wurde. Die Taufpatin begann zu schwanken und sank zu Boden. Obwohl er alles versuchte, die an seinem Arm hängende zierliche Person aufzufangen, gelang es ihm nicht. Lediglich einen abrupten Fall konnte er gerade noch verhindern.

Urplötzlich veränderte sich die Lage im Raum völlig. Alle am Tisch sprangen alarmiert auf. Evangelos Nautarakis versuchte zusammen mit Dr. Überall die Taufpatin wieder aufzurichten – vergeblich. Sie hatte einen entrückten, nicht mehr fixierten Blick, war also wohl ohnmächtig.

Der Ministerpräsident kniete sich neben sie. Er war vor seiner politischen Laufbahn Labormediziner gewesen und übernahm nun das Kommando, rief, man solle den Notarzt holen, den im Hotel vorhandenen Defibrillator herbeibringen und erst einmal nur das tun, was er sage. Dann drehte er die Ohnmächtige vorsichtig auf den Rücken und fühlte den Puls. Als er die Atmung kontrollierte, schien er zu zweifeln und begann sofort in geübter Form mit einer Herzdruckmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung.

Noch während man ein Martinshorn näherkommen hörte, schien die Taufpatin das Bewusstsein wiederzuerlangen.

Dr. Überalls Erleichterung war riesig. Unausdenkbar, was es für das Vorhaben der neuen Bootsklasse und die Zusammenarbeit mit den Griechen bedeutet hätte, wenn hier Schlimmeres passiert wäre.

Kurz darauf trafen der Notarzt und zwei Rettungssanitäter mit Trage und Aluminiumkoffern voller medizinischer Geräte ein. Der Ministerpräsident, in diesem Moment ganz Mediziner, machte dem Kollegen Meldung über die durchgeführten Maßnahmen und den Zustand der Patientin, die nun, ihren Kopf auf Commander Nautarakis’ Uniformjacke gebettet, Notarzt und Ministerpräsident anblickte.

„Was ist passiert?“, fragte sie mit schwacher Stimme.

„Liebe Frau Dr. Dytis“, erklärte ihr Ministerpräsident Detlefsen, „Sie hatten einen Schwächeanfall, aber wir haben alles unter Kontrolle. Wir haben Sie stabilisiert und nun ist ein Arzt hier, der sich um Sie kümmern wird.“

Nachdem die Taufpatin, begleitet von Inka Kohlweder, zur Beobachtung ins Krankenhaus abtransportiert worden war, musste die Veranstaltung dennoch irgendwie weitergehen. Dr. Überall bat den griechischen Botschafter Professor Myrtis, anstelle von Dr. Eleonore Dytis die kurze Erwiderung zu übernehmen, die im Programm nach dem Hauptgang vorgesehen war.

Alle setzten sich wieder auf ihre Plätze.

Seezungenfilet mit Blattspinat und Rosmarin-Drillingen wurde aufgetragen, doch niemand widmete dieser köstlichen Spezialität des Kieler Yacht-Clubs auch nur eine Bemerkung. Alle Gespräche bei Tisch drehten sich immer noch um den Schwächeanfall der Hauptperson.

Nach dem Hauptgang erhob sich Botschafter Myrtis für seine Rede. „Lieber Herr Dr. Überall, sehr geehrter Herr Ministerpräsident, meine Herren Admirale, hoch geschätzte Gäste dieses denkwürdigen …“

Dr. Überall hob die Hand, um zu unterbrechen.

„Gute Nachrichten! Gerade bekam ich per SMS die Information, dass die Ärzte in der Uniklinik nichts Ernstes bei unserer Taufpatin festgestellt haben. Sie war dehydriert und wird nun heute Nachmittag noch aufgepäppelt und beobachtet. Also Entwarnung!“

„Großartig, dies gerade jetzt zu hören“, sagte Professor Myrtis. „Lassen Sie mich als Germanist aus Schillers ‚Ring des Polykrates‘ die berühmten Zeilen zitieren: Noch keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streun. Lieber Herr Dr. Überall, bisher haben Sie und Ihre Mannschaft alles mit Bravour erledigt. Heute stand dieses höchst beachtliche neue Boot vor unseren Augen und wir glaubten, einen Tag der ungetrübten Freude miteinander zu erleben. Doch ungetrübte Freude gibt es eben nicht und so mussten wir mit dem heutigen Zwischenfall den Göttern unseren Tribut zollen. Ich wünschte, dieser kleine, ich möchte sagen milde Tribut möge das einzige Opfer gewesen sein, welches zu einem ansonsten glücklichen Ausgang dieses gemeinsamen Vorhabens zu bringen war.“

Der Botschafter ließ weitere warme Worte über die SM DYTIS als Symbol der Verbundenheit von Griechenland, Deutschland, Schleswig-Holstein, der Norddeutschen Werft, der griechischen Marine, Kiel und Piräus folgen, und die Tischrunde spendete großzügig Beifall für seine gekonnt improvisierte Rede.

Nach dem Dessert – geeistes Lübecker Marzipan mit Roter Grütze – meldete sich letztmalig Dr. Überall zu Wort.

„Wenn ich richtig erinnere, geht es im ‚Ring des Polykrates‘ am Ende darum, dass die Götter das Opfer, das man ihnen bringen will, nicht annehmen. Wenn wir, oder besser unsere Taufpatin, heute schon ein Opfer bringen mussten, dann sollte es die Götter zumindest so gnädig stimmen, dass sie dem weiteren Weg der SM DYTIS bis zu ihrer Ablieferung bei Ihnen, Herr Admiral“ – er blickte zu Marinechef Papadopoulos und erhob sein Glas –, „einen guten oder, wie ich hoffe, idealen Verlauf gönnen. Auf gutes Gelingen und natürlich auf die Griechische Marine!“

Während er das Glas ansetzte, prostete ihm der Admiral zu.

Dr. Überall hatte den Eindruck, dass auch Papadopoulos gern noch etwas gesagt hätte, aber nun näherte sich die Veranstaltung ihrem Ende. Nachdem er den Ehrengästen noch je ein Modell-U-Boot und einen NDW-Bildband mit der SM DYTIS auf dem Cover überreicht und sie verabschiedet hatte, wies er seinen Fahrer Frido Hansen an, ihn schnell zur Klinik zu fahren.

Während er im Fond seines Audi A8 saß, fühlte Dr. Überall wieder die große Erleichterung, dass die Sache so glimpflich ausgegangen war. In ihm lief die dramatische Phase des Essens noch einmal wie ein Film ab.

Er überlegte, was passiert wäre, wenn der Notarzt nur noch den Tod der Taufpatin hätte feststellen können. Welche diplomatischen Verwicklungen es gegeben hätte, welche Verdächtigungen man gegen den Kieler Yacht-Club ausgestreut hätte, welche Ermittlungen hätten angestellt werden müssen.

Auch die SM DYTIS ging ihm durch den Kopf. Für die Norddeutsche Werft war eine solche neue U-Boot-Serie ein Generationenprojekt. Boote dieses Typs würden sich über die nächsten Jahrzehnte verkaufen müssen.

Er dachte zurück an die Vertragsunterzeichnung mit den Griechen vor fast zehn Jahren. Langsam senkten sich seine Augenlider und er fiel in einen erholsamen Kurzschlaf.

II. Commander Nautarakis im Ministerium

An einem sonnigen Mittwochmorgen im September des folgenden Jahres saß Fregattenkapitän Evangelos Nautarakis in seinem Büro mit Blick auf die Kieler Förde und beobachtete wie fast jeden Tag um kurz nach zehn das Anlegen der großen Color-Line-Fähre aus Oslo. Viele Passagiere standen auch heute an Deck, um das Anlegemanöver mitzubekommen.

Jedes Mal nahm sich Evangelos Nautarakis bei diesem Anblick vor, die Überfahrt endlich selbst einmal zu machen. Bisher war es dazu aus unerfindlichen Gründen nicht gekommen.

Darüber wunderte er sich umso mehr, als er nun schon über vier Jahre in diesem Büro seinen Dienst versah, was ihm manchmal unglaublich vorkam. Von ihm als Fregattenkapitän der Griechischen Marine würde man eigentlich erwarten, dass er ein größeres Marineschiff wie die HYDRA oder die SALAMIS durch die Ägäis manövrierte. Stattdessen hockte er in seiner üblichen Kieler Bürouniform – Jeans, kariertes Hemd und Sneakers – an seinem Schreibtisch in einem kleinen Büroraum auf der Norddeutschen Werft. Vor sich zwei Computer, einen von der Werft zur Verfügung gestellten PC und einen Laptop der Griechischen Marine mit der einschlägigen Sicherheitssoftware der griechischen Streitkräfte.

Aber Evangelos Nautarakis haderte nicht mit seinem Schicksal. Sein Karriereweg in der griechischen Marine, auf Griechisch Polemiko Naftiko, Kriegsflotte, hatte ihn bisher durchaus begünstigt.

Dabei hatte sich positiv ausgewirkt, dass er als Sohn eines in den Sechzigerjahren aus Kreta nach Deutschland ausgewanderten Gastwirts in Düsseldorf aufgewachsen und zur Schule gegangen war. Nach dem Abitur wurde er zur Griechischen Marine eingezogen. Eigentlich wollte er nur den Grundwehrdienst ableisten und dann in Deutschland ein Ingenieurstudium beginnen, doch zufällig wurde er der griechischen U-Boot-Flotte zugeteilt. Schnell entwickelte er eine Faszination für die Technologie der hochkomplexen Unterwasserfahrzeuge und ließ sich überreden, per Verpflichtung bei der Marine ein Schiffbaustudium in Hamburg zu absolvieren, das ihm der griechische Staat finanzierte.

Seine neue Kapitänsuniform hing auf einem Bügel an seinem Büroschrank. Er war jetzt dreiundvierzig Jahre alt und hatte sich eingestehen müssen, dass er mit seinen ein Meter achtzig zwar groß, aber nicht mehr schlank zu nennen war und allmählich die gastronomisch geprägte Figur seines Vaters annahm. Er versuchte, durch regelmäßiges Jogging entlang der Förde dagegen anzuarbeiten, leider bisher ohne Erfolg. Dies hatte es notwendig gemacht, vor etwa sechs Monaten zwei neue Ausgeh-Uniformen anzuschaffen. Die eine hing hier im Büro und die andere, an der er auch seine noch nicht allzu breite Ordensspange angebracht hatte, bei seinen Verwandten nahe Athen, wo er bei dortigen Dienstaufenthalten übernachtete.

Onkel Ioannis und Tante Fanni betrieben ein Hotel mit Restaurant auf der für ihre schönen Sonnenuntergänge bekannten Halbinsel Kap Sounion. Für Evangelos Nautarakis war der Aufenthalt dort schon als junger Marineoffizier immer ein besonderes Erlebnis gewesen. Der unvergleichliche Blick über das Meer ließ in ihm stets das Gefühl aufkommen, mit seiner Verpflichtung bei der Marine genau das Richtige getan zu haben. Diesen Anblick konnten der Rhein in Düsseldorf-Kaiserswerth oder die Kieler Förde nicht ersetzen.

Das hatte wohl mit seinen griechischen Wurzeln zu tun.

Am nächsten Tag stand für Evangelos Nautarakis wieder eine Dienstreise an. Der Chef der griechischen U-Boot-Flottille, Commodore Theodoros Lapis, hatte ihn für Freitag ins Hauptquartier der Griechischen Marine im Ministerium für Nationale Verteidigung in Athen beordert.

Die Fahrt mit seinem alten Mercedes nach Hamburg-Fuhlsbüttel und der Flug verliefen problemlos. Nach der Ankunft am Athener Flughafen Venizelos fuhr ihn Dimitrios Malenos, ein befreundeter Taxifahrer, zum Vorzugspreis die gut sechzig Kilometer nach Kap Sounion.

Dort kam Evangelos Nautarakis abends um sieben an. Tante Fanni begrüßte ihn wie jedes Mal mit einer Umarmung, während der in der Küche beschäftigte Onkel Ioannis nur von weitem Kalimera rief.

Evangelos Nautarakis freute sich, noch die letzten Minuten des Sonnenuntergangs mitzubekommen, der wie immer die griechische Seele in ihm ansprach.

Das ist eben doch etwas anderes als der Sonnenuntergang an der Förde oder am Rhein, dachte er wieder einmal, ohne genau zu wissen, warum er das eigentlich so empfand.

Vielleicht hing es auch mit dem Glas kretischen Weißweins zusammen, das seine Tante ihm in die Hand gedrückt hatte. Sie wusste genau, dass ihr Neffe im Angesicht des Sonnenuntergangs seine griechischen Momente hatte. Da die Familie Nautarakis ursprünglich aus Kreta stammte, hoffte sie, dass der Wein das Bewusstsein für seine griechischen Wurzeln noch verstärkte.

Nachdem die Sonne verschwunden war, begann Evangelos Nautarakis an den morgigen Tag zu denken. Er würde Commodore Lapis um neun Uhr in dessen Büro treffen. Auf keinen Fall durfte er zu spät kommen. Sein Vorgesetzter war ein sehr ehrgeiziger Offizier, dessen Karriere sicher noch nicht am erstrebten Ziel angelangt war. Ihm eilte der Ruf besonderer Ansprüche an seine Mitarbeiter voraus, dazu der Ruf absoluter Pünktlichkeit. Auf der Position als Kommandeur der U-Boot-Flottille der Griechischen Marine war er erst seit drei Monaten. Evangelos Nautarakis würde nun sein zweites Einzelgespräch bei ihm haben.

Das erste Gespräch war vor etwas mehr als zwei Monaten in kühler Atmosphäre vonstattengegangen. Commodore Lapis hatte wissen wollen, wie die Tests des ersten in Kiel gebauten U-Boots der neuen Klasse U 311 verlaufen waren, und er hatte auffallend intensiv nach möglichen Mängeln gefragt, obwohl doch alle Eindrücke von den ersten Testfahrten, die an die Griechische Marine weitergegeben worden waren, positiv ausgefallen waren.

Insgesamt hatte Evangelos Nautarakis sich bei diesem ersten Gespräch nicht recht wohlgefühlt. Umso sorgfältiger hatte er sich nun auf das zweite Gespräch vorbereitet und verschiedene Unterlagen eingepackt, um bei Bedarf konkrete Testdaten erläutern und fachlich einordnen zu können.

Nachdem Tante Fanni ihm den Schlüssel gegeben hatte, ging er in sein Hotelzimmer, wo wie immer sein „kleines Sturmgepäck“ bereitstand: eine Reisetasche mit frischer Wäsche und soldatisch sparsamen Übernachtungsutensilien. Am Schrank hing seine zweite Uniform, die mit den Orden.

Um seine heile Ankunft zu melden, rief er seine Frau Anke in Kiel an. Sie hatten sich schon während der Kaiserswerther Schulzeit in Düsseldorf kennengelernt und waren, wie es für Soldatenfamilien typisch ist, mehrfach gemeinsam umgezogen. In Griechenland hatten sie im Raum Athen gewohnt, nun lebten sie seit gut vier Jahren wieder in Deutschland, an der Kieler Förde.

Evangelos Nautarakis erkundigte sich nach dem Schultag ihrer Kinder Georgi und Alici, war aber mit seinen Gedanken mehr bei seiner Vorbereitung auf den nächsten Tag.

Während er telefonierte, klopfte Tante Fanni an, um zu signalisieren, dass das Essen fertig sei. Er verabschiedete sich von Anke mit Gute-Nacht-Grüßen an die Kinder und ging einen Stock tiefer in den Speiseraum des Hotels, wo ein Drei-Gänge-Menü für ihn aufgetischt war.

Tante Fanni setzte sich gleich zu ihm.

„Warum bist du denn dieses Mal nach Athen gekommen?“, fragte sie.

„Du weißt ja, dass ich in Kiel bin, weil ich dort den Bau des ersten für unsere Marine bestimmten U-Bootes der Klasse 311 überwache“, antwortete Evangelos. „Das Boot kommt jetzt in die Erprobung – kleinere und größere Testfahrten, alle unter der Regie der Werft. Wir sind sozusagen nur als Gäste dabei, die Fragen stellen und ihre eigenen Beobachtungen machen und festhalten. Bei offiziellen Statusgesprächen können wir dann aufgetretene Mängel ansprechen. Manchmal sind das Dinge, die sofort für alle Beteiligten offensichtlich sind, manchmal ist es weniger eindeutig. Diese Dinge müssen von der Werft zufriedenstellend beantwortet werden. Über die bisherigen Beobachtungen und die Position unseres Ministeriums will mein Chef mit mir reden.“

„Die Deutschen sind doch Spitzeningenieure“, meinte Tante Fanni, „kannst du dir vorstellen, dass da etwas nicht funktioniert?“ „Die deutschen Schiffbauer sind schon gut, das weiß ich ja aus dem Studium“, sagte Evangelos. „Aber ein U-Boot ist eines der komplexesten technischen Erzeugnisse, das man sich vorstellen kann. Es hat verglichen mit einem Großraumflugzeug ein Mehrfaches an Einzelteilen, alle auf engstem Raum verbaut, sodass jedes kleine Teil für ein ganzes Bootsleben halten und seine Funktion erfüllen muss.“

Er erzählte seiner Tante mit der Begeisterung des Ingenieurs von der anspruchsvollen Verarbeitung dieser vielen Einzelteile, aber auch, dass ein solches Boot keinerlei Schwachstellen toleriert. Nichts darf irgendwelche Geräusche verursachen. Nicht erkannt und detektiert zu werden, ist einer der absolut wichtigsten Parameter für ein U-Boot. Schon der kleinste Verarbeitungsfehler macht unter Umständen die komplette Funktion des Bootes im Einsatz zunichte.

„Du musst dir das so vorstellen“, erklärte er, „wenn getestet wird, ob das Boot auch wirklich keine unzulässigen Geräusche verursacht, dann fährt es in dreißig Meter Wassertiefe an sehr empfindlichen Mikrofonen vorbei. Wenn alles in Ordnung ist, nehmen sie die über dem Wasser kreischenden Möwen lauter wahr als das vorbeifahrende Boot.“

„Das hätte ich nicht gedacht“, sagte Tante Fanni, „weil das Boot doch allein schon durch seine Fortbewegung im Wasser eine Druckwelle und damit Geräusche verursachen muss. Aber das ist eben Hightech made in Germany.“

Sie hatte schon seit ihrer Zeit als Au-pair-Mädchen in Deutschland eine große Bewunderung für die Technik, den Fleiß und die Genauigkeit der Deutschen.

Ihr Neffe hatte mittlerweile den gebratenen Ziegenkäse mit Salat, die mit Käse überbackenen Makkaroni und den Pistazienpudding zum Nachtisch verspeist, dazu ein weiteres Glas von dem kretischen Weißwein. Hoffentlich passte ihm die neue Uniform morgen noch.

Er entschuldigte sich recht bald und zog sich in sein Zimmer zurück, da er pünktlich und gut ausgeschlafen vor Commodore Lapis erscheinen wollte.

Als Evangelos Nautarakis am nächsten Morgen um kurz nach sechs den Speiseraum betrat, wartete Tante Fanni schon mit einem leckeren kontinentalen Frühstück auf ihn.

„Schade, dass du gleich nach deinem Termin wieder nach Hause fliegst“, sagte sie. „Wer weiß, wann du das nächste Mal kommst. Wenn du wiederkommst, denk daran, dir eine Uniform mitzubringen. Ich habe sonst keine mehr für dich parat.“

„Gut, dass du mich erinnerst“, erwiderte Evangelos und machte sich über das Frühstück her. „An sich müsste ich mal eine dritte in Auftrag geben, aber damit warte ich, bis ich zum Kapitän zur See befördert werde. Das müsste eigentlich in den nächsten zwölf Monaten passieren. Zumindest, wenn sie im Ministerium nicht an mir rummeckern und mir eine schlechte Bewertung in die Personalakte drücken.“

„Umso wichtiger, dass du mit diesem Lapis klarkommst“, meinte Tante Fanni. „Tu bloß, was er von dir will, und meine nicht immer, dass du ihm mit deiner deutschen Ausbildung überlegen bist. Da sind sie empfindlich, das führt zu nichts Gutem.“ „Du sagst es, einige Leute hier sind schon speziell. Ob Lapis dazugehört, habe ich noch nicht herausgefunden. Wir werden sehen. Nun muss ich schnell meine Uniformjacke und mein Gepäck holen, draußen steht das Taxi.“

Evangelos Nautarakis eilte auf sein Zimmer und kam in formvollendetem Marinedress wieder herunter. Zum Glück passte noch alles, obwohl er auch vom Frühstück nicht viel übrig gelassen hatte.

Tante Fanni musterte ihn anerkennend.

„Uniform hebt doch immer und macht außerdem schlank! Alles Gute heute und lass hören, wie es gelaufen ist.“

Sie winkte ihm fröhlich hinterher, als er das Taxi bestieg.

Auf dem Beifahrersitz umfing Evangelos Nautarakis Lavendelduft, denn sein Freund, der Taxifahrer, legte Wert darauf, dass stets ein angenehmes Raumklima im Wagen herrschte.

Dimitrios Malenos gab Gas und sie fuhren in schneller Fahrt über die E089 in Richtung Athen. Schon um kurz vor acht kamen sie an der Hauptwache des Verteidigungsministeriums am Mesogeion 227 an.

„Wann soll ich dich wieder abholen?“, fragte Dimitrios.

„Mein Rückflug geht um dreizehn Uhr“, antwortete Evangelos, „also komm bitte gegen elf. Wenn etwas dazwischenkommt, rufe ich dich an.“

Evangelos Nautarakis trat in die Wache ein. Mit seinem Dienstausweis konnte er sofort durch ein Drehkreuz auf das Ministeriumsgelände gehen. Die Räume des Marinehauptquartiers im zweiten Stock erreichte er über einen altmodischen engen Aufzug. Vor dort aus betrat er einen langgestreckten Flur, an dessen Wänden große Ölbilder von Marineschiffen hingen.

Da er bei Commodore Lapis keinesfalls zu spät, aber auch nicht zu früh erscheinen durfte, ging er durch die „Beletage“ der Marine in einen dahinter liegenden Bürotrakt, um seinen Crew-Kameraden Commander Christos Papanikolis zu treffen, der inzwischen Adjutant von Marinechef Stephanos Papadopoulos war.

„Hi Chris“, sagte Evangelos Nautarakis betont fröhlich, als er unangemeldet das kleine Büro seines Kameraden betrat. „Wie ist das Leben, nachdem ihr gerade wieder einen neuen Minister bekommen habt? Hast du den überhaupt schon mal gesehen?“

„Und ob“, antwortete Christos Papanikolis, „eine von Troianides’ ersten Amtshandlungen war, dass er Papadopoulos samt engsten Mitarbeitern zu sich einbestellt hat, um uns zu erklären, was die neue Regierung von uns erwartet.“ „Und – was erwartet sie?“ „Och, eigentlich ganz einfach: Dass wir bestmöglich ausgestattet sind und möglichst wenig dafür bezahlen. Aus Sicht eines Politikers, der neu ins Amt kommt, ist das doch legitim. Der Mann ist eben Ökonom durch und durch. Wie wir das praktisch hinbekommen, kann ihm wurscht sein. Dafür hat man ja seine Leute. Verstehst du, was ich meine?“

„Ich geb’ mir Mühe!“, antwortete Evangelos etwas gequält.

„Und was treibt dich heute her?“, fragte Christos.

„Ich muss gleich zu Lapis. Muss berichten, wie’s mit der DYTIS so läuft und wie schnell wir die Tests hinbekommen. Ich denke, der kann es gar nicht erwarten, dass das Boot Teil seiner U-Boot-Flottille wird.“

„Dass du dich da mal nicht täuschst“, sagte Christos nachdenklich. „Lapis gehört zur selben Partei wie unser Minister und hat vor, unter dessen Ägide weiter Karriere zu machen. Ich wette, du hörst von ihm eine Variation des Themas, von dem ich dir gerade erzählt habe: Wir müssen bestens ausgerüstet sein, aber dürfen nichts dafür bezahlen. Wie du das hinbekommst, ist dir überlassen.“

„Klasse Einstimmung“, entgegnete Evangelos, „dann gehe ich jetzt mal rüber zu ihm. Mal sehen, ob du recht behältst.“

„Good luck“, rief ihm Christos hinterher.

Nachdem er vor dem Spiegel der Herrentoilette noch einmal den Sitz von Krawatte und Frisur überprüft hatte, klopfte Evangelos Nautarakis genau eine Minute vor neun an die Tür zum Vorzimmer seines Vorgesetzten. Er trat ein und begrüßte die beiden Sekretärinnen.

Die ältere führte ihn sogleich in Commodore Lapis’ Büro.

Der Kommandeur der U-Boot-Flottille erhob sich von seinem Schreibtisch. Mit ein Meter neunzig war Theodoros Lapis ein für griechische Verhältnisse und auch für U-Boot-Leute ungewöhnlich hoch gewachsener Mann, dabei ausgesprochen schlank. Sein dunkles Haar war militärisch kurz geschnitten und sein strenger, prüfender Gesichtsausdruck wurde durch eine randlose Brille noch verstärkt.

Er begann das Gespräch mit einer jovialen Begrüßung.

„Evangelos, gut, dich zu sehen! Ich hoffe, du hast in Kiel alles im Griff. Wie geht es sonst? Was macht die Familie?“

„Gut geht’s“, sagte Nautarakis, während er auf dem kleinen Sofa der Sitzgruppe Platz nahm, da er wusste, dass sein Vorgesetzter den mit dem Rücken zum Fenster stehenden Sessel bevorzugte, „mit der Familie ist alles okay.“

„Heißt das, dass mit deinem U-Boot nicht alles okay ist?“, setzte Lapis sofort nach. „Ich habe mir vorige Woche euren Zeitplan für die Tests der SM DYTIS angesehen. Dies ist auch der Grund, warum ich dich dringend sprechen wollte.“

„Aus meiner Sicht sind wir auf gutem Wege“, entgegnete Nautarakis, der sich schon wieder auf dem Prüfstand sah. „Wir haben in den letzten vier Wochen alle Tests nach unserem aktuellen Zeitplan mit der Werft abgearbeitet, teils im Dock, teils schon mit kurzen Fahrten auf die Kieler Förde. Dabei sind die üblichen Nacharbeitspunkte aufgetreten, die wir mit dem Werftteam einvernehmlich identifizieren und dokumentieren konnten. Mit meinem Counterpart auf der Werft, Projektleiter Holger Gross, gibt es nie Probleme. Er ist Schiffbauer, ich bin Schiffbauer, sodass wir uns bei Auftreten von Mängeln immer schnell einig sind.“

„Aber jetzt habt ihr in der zweiten Oktoberwoche die erste mehrtägige Fahrt Richtung Skagerrak geplant. Was steht da an Tests an?“