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Die Londoner Illustratorin Ella braucht dringend eine Pause – von ihrem aufreibenden Großstadtleben, von ihrer On-Off-Beziehung und von ihrer künstlerischen Krise. Sie will raus aufs Land, den Wind und die Sonne im Gesicht spüren und endlich wieder durchatmen. Für ein halbes Jahr kann sie das Haus ihrer Patentante südlich von London hüten. Der Ort Wilsgrave entpuppt sich als verschlafenes Nest – hier leben mehr Tiere als Menschen. Aber Ella möchte ohnehin lieber allein sein und ihre Wunden lecken. Allerdings hat sie die Rechnung ohne die Dorfbewohner gemacht, die sich durch eine große Neugier sowie eine noch größere Herzenswärme auszeichnen. Auch dass sie sich um den stürmischen Labrador ihrer Tante kümmern soll, ahnte Ella nicht. Aber am allerwenigsten rechnet sie damit, dass sie sich in Wilsgrave verlieben könnte …
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2026
Julie Caplin
Roman
Ella hielt inne und sah in den Himmel. Sonnengelb kontrastierte mit leuchtendem Blau und vereinzelten Schäfchenwolken. Wenn sie doch nur das Talent besäße, die Hoffnung und das Versprechen einzufangen, die in diesen Frühlingsfarben lagen!
Die Londoner Illustratorin Ella braucht dringend eine Pause - von ihrem aufreibenden Großstadtleben, von ihrer On-Off-Beziehung und von ihrer künstlerischen Krise. Zum Glück kann sie für ein halbes Jahr das kleine Cottage ihrer verreisten Patentante in Wilsgrave hüten. Hier in der englischen Countryside versucht Ella zu sich zu finden. Allerdings hat sie die Rechnung ohne die quirligen Dorfbewohner gemacht. Auch von einem vierbeinigen Mitbewohner im Cottage war nicht die Rede – aber die schwarze Labradorhündin Tess hält Ella ziemlich auf Trab. Und leider merkt der grummelige Dorftierarzt Devon sofort, dass sie eigentlich keine Ahnung von Hunden hat. Doch bei ausgiebigen Spaziergängen entdecken die beiden, dass sie mehr gemeinsam haben als erwartet …
Erster Band der neuen Country Escapes-Reihe von Bestsellerautorin Julie Caplin.
Julie Caplin lebt im Südosten Englands, liebt Reisen und gutes Essen. Als PR-Agentin hat sie in zahlreichen Großstädten auf der ganzen Welt gelebt und gearbeitet. Mittlerweile widmet sie sich komplett dem Schreiben. Mit ihrer Romantic Escapes-Reihe landet sie regelmäßig auf den Bestsellerlisten. Der Roman Ein Zuhause im Frühling bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe: die Country Escapes. Die Romane sind auch unabhängig voneinander ein großes Lesevergnügen.
Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «A Girl's Best Friend» bei Little Brown, London.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Februar 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
«A Girl's Best Friend» Copyright © 2018 by Jules Wake
Redaktion Nadia Al Kureischi
Covergestaltung FAVORITBUERO, München
Coverabbildung Shutterstock
ISBN 978-3-644-02519-6
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für Justine – die absolut beste Freundin,
die man sich nur wünschen kann
Als der Zug mit leisem Rumpeln zum Stehen kam, klaubte Ella ihre Sachen zusammen – es war praktisch ihr gesamter Hausstand. Es kam ihr vor, als hätte sich ihr Leben im Kreis gedreht, und nun war sie wieder genau dort angekommen, wo sie angefangen hatte. Weit weg war sie allerdings gar nicht gewesen.
Mit einem Rucksack, zwei Koffern und verschiedenen Taschen kämpfte sie sich in ihrem dunklen Wollponcho behäbig wie eine Schildkröte aus dem Zug und über den Bahnsteig. Sie musste die Treppe dann doch zweimal nehmen, bevor sie endlich über die Brücke zum Parkplatz stapfte, wobei sich jeder Schritt in ihren Wildlederstiefeln schwerer anfühlte als der davor.
«Ella-Schatz!» Ihre Mum eilte über den Parkplatz. «Meine Güte, du siehst erschöpft aus. Wie geht es dir?» Mit ihren hellen, wachen Augen warf sie Ella einen prüfenden Blick zu.
«Mir geht’s gut.» Die knappe Antwort löste bei ihrer Mum ein kurzes, besorgtes Stirnrunzeln aus. Schnell sah Ella weg. Wenn sie sich nur den kleinsten Riss in ihrer mühsam aufrechterhaltenen Fassade gestattete, würde ihre Mutter ihn sofort weiter aufbrechen, wie eine störrische Muschel, um alles aus ihr herauszuzwingen.
«Lass mich dir helfen, Kind.» Trotz ihrer zierlichen Körpergröße versuchte sie, Ella den größeren Koffer abzunehmen. «Du liebe Güte, was hast du denn da drin?»
«Alles», murmelte Ella mit Nachdruck. Sie hatte ihr Gepäck von Shoreditch quer durch London geschleppt und war die letzten dreiundvierzig Minuten im Zug von Euston bis Tring dahinter eingequetscht gewesen. Was kein Wunder war, denn sie hatte so viel eingepackt, wie sie nur konnte, neben ihrer Kleidung auch den Großteil ihrer Malutensilien. Alles andere – nicht mehr viel – hatte sie eingelagert.
Ihre Mum schnalzte mit der Zunge. «Ich begreife nicht, warum du uns nicht gefragt hast, ob wir dich abholen können, das wäre doch viel einfacher gewesen.»
Ella lächelte vage und verkniff es sich, ihre Mutter darauf hinzuweisen, dass sich das für sie dann genauso angefühlt hätte, als würden ihre Eltern sie am Ende eines College-Semesters wieder zurück nach Hause holen. Ein deutliches Eingeständnis des Scheiterns.
Erschöpft ließ sie sich auf dem Beifahrersitz des kleinen Flitzers nieder, der nach wie vor genauso makellos aussah wie an dem Tag, als er vom Band gerollt war. Der Wagen war stets ausgestattet mit Minzbonbons, Eiskratzer, Putztüchern und Lufterfrischer. Aus irgendeinem Grund ärgerte Ella diese saubere Ordnung, und sie empfand das Bedürfnis, mit dem Finger eine fettige Spur durch die leicht beschlagene Windschutzscheibe zu ziehen, nur um ein Zeichen zu hinterlassen. Ella war hier. Sie war weg gewesen. Aber sie war immer noch irgendwo hier drin.
«Also …», begann ihre Mum fröhlich, «dein Vater wird uns beim Cottage treffen. Magda hat alles für dich vorbereitet, und ich habe dir noch ein paar Sachen in den Kühlschrank gestellt. Du sollst dich ganz zu Hause fühlen und dir alles nehmen, was du brauchst, und natürlich gibt es …»
«Mum, ich habe selbst mit Magda gesprochen.»
«Fein. Und wie … ähm …? Du weißt schon … Wie fühlst du dich … so ohne ihn?»
«Du kannst Patricks Namen ruhig aussprechen, ohne dass ich gleich in Tränen ausbreche.» Ella presste die Lippen zusammen und setzte eine ausdruckslose Miene auf. «Wir machen nur eine Beziehungspause. Nehmen uns etwas Zeit, um nachzudenken.»
Mit ruhiger Stimme vorgetragen, klang ihre Erklärung vollkommen normal und wohlüberlegt. Beinahe logisch. Eine erwachsene Art, mit den Dingen umzugehen.
Ella schreckte zusammen, als ihre Mutter vom Parkplatz fuhr und dabei nur knapp am Außenspiegel eines entgegenkommenden Autos vorbeischrammte. Sie seufzte. Ihre Eltern waren durch und durch konventionell und hatten einfach keine Ahnung, wie Beziehungen heutzutage funktionierten. An manchen Tagen fragte Ella sich allerdings, ob sie es eigentlich selbst wusste.
Ella wurde ein bisschen übel, als ihre Mutter auf der Straße beschleunigte, um die Kurven raste und abrupt auf Schneckentempo verlangsamte, sobald die Landstraße sich verengte.
«Schätzchen, bist du sicher, dass du hier draußen so ganz allein zurechtkommst?» Ihre Mutter deutete mit dem Kopf auf das Ortsschild, an dem sie gerade vorbeisausten.
«Mum, nachdem ich in London gelebt habe, würde ich meinen, dass die Kriminalitätsrate in Wilsgrave deutlich niedriger ist. Es sei denn, hier ist gerade ein Serienmörder unterwegs.»
Die erste Reihe kleiner Häuser tauchte auf, und Ellas Mutter drosselte wieder das Tempo. «Ich meinte, allein zu sein. Niemanden zu kennen. Du kannst doch auch zu uns nach Hause.»
«Ich komme schon klar.»
Ella schluckte, denn es fühlte sich bereits jetzt an wie eine Niederlage. Gott sei Dank durfte sie Magdas Auto benutzen. Im Notfall wäre sie in fünfundvierzig Minuten wieder in der Londoner Innenstadt.
Ihre Mutter parkte geschickt vor einem hübschen Cottage.
«Da wären wir. Hier sind die Schlüssel. Aber dein Vater scheint noch nicht da zu sein, er ist bestimmt noch mit Tess zugange.»
War das seine neue Chiropraktikerin? Eine zahmere Version von Miss Whiplash? Ella schnallte sich ab, nahm den Schlüsselbund, den ihre Mum ihr hinhielt, und stieg aus dem Auto.
Narzissen, Tulpen, Krokusse und Anemonen tanzten im gesprenkelten Licht der überhängenden Bäume, und ihr Duft erfüllte die Luft. Die Blumen säumten den schmalen Ziegelweg, der zum Haus führte. Die Eingangstür war in einem geschmackvollen Blassgrün gestrichen.
Für einen Moment hielt Ella inne und sah in den Himmel. Sonnengelb kontrastierte mit leuchtendem Blau und vereinzelten Schäfchenwolken. Wenn sie doch nur das Talent besäße, die Hoffnung und das Versprechen einzufangen, die in diesen Frühlingsfarben lagen! In den Formen und Beschaffenheiten der Blumen, dem wundervoll gebrochenen Licht, in der Essenz dieser Jahreszeit, die neues Leben und neue Kraft verhieß.
Sie fühlte einen Stich in ihrer Brust, der drohte, sich in der quälenden Leere ihres Inneren auszubreiten. Schnell richtete sie den Blick auf die Haustür und marschierte konzentriert den Weg hinauf.
Mit den Schlüsseln jonglierend, betrat sie einen geräumigen Flur mit gefliestem Fußboden. Ella war schon oft bei ihrer Patentante Magda gewesen, aber so ruhig hatte sie das Cottage nicht in Erinnerung. Sie wusste, dass sich links eine große Küche befand – eine hübsche Küche, wenn man auf französischen Landhausstil stand –, die groß genug für einen riesigen Esstisch war. Auf der rechten Seite führte eine Tür in das Wohnzimmer mit Holzbalken, in dem ein offener Kamin den Großteil der hinteren Wand einnahm. Dazu gab es eine bunte Mischung aus Möbeln, die eigentlich nicht zusammenpassten und den Raum kleiner machten. Gleichzeitig wirkte alles wunderbar gemütlich. Im oberen Stockwerk befanden sich zwei Schlafzimmer und das Bad. Eine weitere Treppe darüber lag der ausgebaute Dachboden, ein langer weißer Raum, dessen Fenster das Tageslicht hereinließen. Ein perfektes Atelier.
Das war auch der wichtigste Grund, weshalb Ella eingewilligt hatte, Magdas Haus für sechs Monate zu hüten, während ihre Patentante auf den Ozeanen schipperte. Denn in letzter Zeit war es ihr praktisch unmöglich gewesen zu arbeiten, und sie war zeitlich total im Rückstand. Auf dem Land abgeschottet zu sein, ohne etwas anderes zu tun zu haben, würde ihren kreativen Geist hoffentlich wieder wecken und sie dazu zwingen, sich den leeren Blättern zu widmen.
«Ah, da kommt ja dein Vater.» In der Stimme ihrer Mutter schwang ein Hauch von Nervosität mit – oder war es Unsicherheit?
Ihr Vater schleppte etwas Schweres. Und erst als er eintrat, erkannte sie, dass es ein großer Sack mit der Aufschrift HUNDE-KOMPLETTFUTTER war. Er schob sich damit durch die Eingangstür und marschierte direkt in die Küche.
«Puh, das war schwerer, als ich dachte», sagte er und stellte den Sack auf den Fußboden, während Ella ihm folgte. «Hallo, Schatz.» Er lächelte fröhlich, jetzt, wo er die Last los war.
«Was ist das?», fragte Ella.
«Hundefutter.»
«Das sehe ich.» Es klang schärfer als beabsichtigt. «Ich meinte, wofür ist das?»
Er schaute betreten drein und drehte sich zu ihrer Mutter um, die nun ebenfalls in die Küche trat. Offenbar hoffte er auf Unterstützung.
«Ich dachte, du hättest mit Magda gesprochen, Ella-Schatz.» Sie begann, einen Fleck an einem der Küchenschränke wegzureiben. «Sie hat gesagt, es würde dir nichts ausmachen.»
«Was? Hundefutter zu lagern?»
Ihre Mum lächelte übertrieben breit. «Ich … hole nur den Rest von Tess’ Sachen.» Damit huschte sie über den engen Flur hinaus.
«Mum?» Zu spät, ihre Mutter war bereits aus dem Haus. Wer zur Hölle war Tess? Sollte Ella hier irgendein Lager für sie betreiben? Unsicher sah sie ihren Dad an, doch der zuckte nur mit den Schultern.
Als es ein paar Augenblicke später im Flur polterte, fuhr Ella zusammen. Erschrocken stürzte sie in den Flur und sah, wie ihre Mum ein großes rundliches Stoffkissen sowie eine Tasche und eine Leine hereintrug. Zwei Metallschüsseln kullerten über den Boden, ihre Mutter musste sie fallen gelassen haben.
«Hier.» Sie drückte Ella die Leine in die Hand. Es war definitiv eine Hundeleine.
Was sollte das alles?
Plötzlich war das Tapsen von Pfoten auf dem Steinboden zu hören, dann vernahm Ella das aufgeregte Schnüffeln eines Hundes.
Unwillkürlich wich sie zurück in die Küche. Doch der schwarze Labrador folgte ihr, die Schnauze dicht am Boden. Sein Schwanz klopfte wild gegen die Wand.
Ellas Vater schaute sie erwartungsfroh an.
Ihre Mum versuchte, ein Kichern zu unterdrücken. «Es ist ein Hund, Schatz.»
«Das sehe ich. Aber was macht er hier?»
«Er … ähm …» Ihre Eltern tauschten einen Blick aus. «Er wohnt jetzt hier.»
«Was? Niemals!» Ellas Schultern verkrampften sich, und sie verschränkte die Arme vor der Brust. «Ihr wollt diesen schwarzen Vierbeiner doch nicht hierlassen!?» Die Angst kribbelte in ihrem Magen. Ella holte tief Luft. Sie konnte im Moment unmöglich für irgendjemanden verantwortlich sein.
«Der Hund wird dir keine Mühe machen.» Ihre Mum hob entschlossen das Kinn. «Außerdem wird er dir guttun.»
«Er ist wirklich süß», mischte sich jetzt ihr Dad ein. «Eine sehr nette Gesellschaft.»
Ella sah ihre Eltern herausfordernd an. «Dann nehmt ihr ihn doch.»
«Können wir nicht», erwiderte ihre Mutter. «Aber du bist doch den ganzen Tag zu Hause, Schatz.»
«Mum …!»
Doch ihre Mutter hörte gar nicht zu, sondern hob die Schüsseln im Flur auf und packte die Tasche aus. «Hier, Gassibeutel.» Sie hielt Ella eine Rolle mit kleinen Plastiktüten hin. «Ich habe dir auch eine Schaufel mitgebracht. Es ist bestimmt nicht die angenehmste Aufgabe, aber auch nicht schlimmer als Babywindeln. Du wirst dich schon daran gewöhnen.»
Ella riss die Augen auf, das Adrenalin schoss ihr durch die Adern. «Bestimmt nicht!» In der Familie hatten sie nie Tiere besessen, noch nicht mal einen Hamster. Und sie war definitiv kein Hundetyp.
Der Labrador reckte den Kopf in die Luft, als würde er Beute wittern. Und mit der Präzision eines Metalldetektors steuerte er schnüffelnd auf Ella zu. Plötzlich wurde ihre Hand ausgiebig mit nassem Schlabbern bedacht.
«Igitt! Ehrlich, Mum, du kannst den nicht hierlassen.» Ella wischte sich die Hand an einem Küchentuch ab und verspürte das dringende Bedürfnis, sie zu waschen.
«Das ist eine Hündin», erklärte ihre Mum, «und sie ist ganz brav, stimmt’s, Tess?» Um Ellas offensichtliche Unfähigkeit im Umgang mit Hunden wettzumachen, streichelte sie den Hund übertrieben, wobei sie versuchte, das Fell von ihrer makellosen, cremefarbenen Wollhose fernzuhalten.
«Mum!», jammerte Ella wie ein trotziges Kleinkind, das bereits spürte, dass es verloren hatte.
«Es ist alles ganz einfach, Schatz. Du wirst gar nicht merken, dass sie da ist.»
«Aber ich kann jetzt keinen Hund gebrauchen», seufzte Ella. Sie wollte keinen Hund. Sie wollte niemanden um sich haben. War es denn zu viel verlangt, mal allein sein zu wollen?
«Natürlich kannst du.» Ihre Mum musterte sie von oben bis unten. «Ehrlich, ich verstehe nicht, warum du so ein Theater machst. Du musst sie nur zweimal am Tag füttern, einmal morgens und einmal abends um sechs Uhr. Eine Schüssel voll. In die andere kommt Wasser. Und dann gehst du ein- oder zweimal am Tag mit ihr Gassi. Frische Luft und Bewegung werden auch dir guttun. Du siehst so müde aus und …»
Ella erwartete, dass ihre Mutter jetzt mehr oder weniger diplomatisch die Pfunde erwähnen würde, die sie kürzlich verloren hatte.
Doch stattdessen plusterte sie sich auf wie eine Taube. «Tess wird dir Gesellschaft leisten, und dein Vater wird dann etwas ruhiger sein, weil du nachts nicht allein hier bist.» Sie legte den Kopf schief. «Wir machen uns Sorgen um dich, Schatz.» Der Mund ihrer Mutter zitterte.
Ella seufzte. «Mum, mir geht’s gut. Ehrlich. Ich war beschäftigt, habe viel gearbeitet. Ich habe einen Abgabetermin.» Den einzuhalten, war für sie allerdings genauso unwahrscheinlich wie die Teilnahme an einer Hundeshow. «Mir geht’s gut.»
Ihre Mutter wandte sich ab, doch Ella hatte den leichten Schimmer in ihren Augen sehr wohl bemerkt. Mist! Aber so waren Mütter nun mal, sie machten sich ständig Sorgen.
Sie trat zu ihr und berührte sie beschämt an der Schulter. «Na gut, ich nehme diesen Hund.»
«Das ist toll.» Ihre Mum wirkte schon wieder fröhlich. «Es wird dir guttun, dann kommst du mal raus. Wobei … Dein Dad hat sie vorhin nur kurz ausgeführt.»
«Also eigentlich, Shirley, war es …», begann er vorsichtig.
Sie warf ihm einen strengen Blick zu. «So ein Hund braucht lange Spaziergänge. Nicht wahr, meine süße Tess?» Sie tätschelte dem Hund den Rücken. Dann sah sie Ella aufmunternd an. «Warum gehst du mit ihr nicht nach Wendover Woods, sobald du dich eingerichtet hast?»
Wenig später sah Ella ihren Eltern dabei zu, wie sie in ihre jeweiligen Autos stiegen – Dad in seinen treuen Mercedes und Mum in ihren flotten Flitzer. Jeder wollte dem anderen die Vorfahrt lassen, und es dauerte ein paar Minuten, bis ihre Mutter schließlich nachgab und davonbrauste. Der Vater winkte Ella zu und fuhr auf deutlich ruhigere Art hinterher.
Kaum waren die beiden außer Sicht, fiel Ellas letzter Rest von aufrechter Haltung in sich zusammen. Ein Schluchzen drang aus ihrem Mund. Sie stolperte ins Haus, sackte auf einem der Holzstühle in der Küche zusammen, ließ den Kopf auf den Tisch sinken und weinte hemmungslos. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht, und es war ihr völlig egal, dass die nasse Spur sich mit dem Rotz aus ihrer laufenden Nase vermengte, als sie sich alles mit dem Ärmel abwischte.
Es war so verdammt anstrengend, ständig so zu tun, als wäre alles in Ordnung!
Allmählich spürte sie eine gewisse Erleichterung darüber, dass ihre Eltern endlich weg waren und sie in Ruhe gelassen hatten. Eine sanfte Berührung an ihren Beinen erinnerte sie jedoch daran, dass sie nicht ganz allein war. Aber ein Hund zählte nicht. Ella gab ein letztes unfeines Schniefen von sich und starrte den Vierbeiner zu ihren Füßen an.
«Du bist das Letzte, was ich gerade brauche.»
Dann stemmte sie die Hände auf den Tisch, erhob sich und ging zum Spülbecken. Während das Wasser über ihre Finger rann, sah sie aus dem Fenster. Draußen vor dem länglichen Vorgarten schien die leere, stille Straße sie zu verspotten. Warum hatte sie sich bloß von ihrer Patentante überreden lassen, das Cottage zu hüten? Es dauerte vielleicht nur eine Stunde bis in die Stadt, aber ein Tag hatte 24 Stunden, eine Woche 168 Stunden, ein Monat 672 Stunden – und Ella hatte in den nächsten sechs Monaten 4320 davon zu füllen. Diese deprimierende Zahl hatte sie bereits im Zug auf dem Weg hierher ausgerechnet. Aber wofür sollte sie die Zeit nutzen? Dieser Ort hätte die abgewandte Seite des Mondes sein können, so anders war er als London. Hier gab es nichts.
Der Hund machte sich auf eine Erkundungstour durch die Küche und schnüffelte mit der Begeisterung eines Staubsaugers im Turbogang in allen Ecken herum. Ella folgte ihm mit den Augen und entdeckte dabei einen marineblauen Umschlag, der an einer floralen Pinnwand befestigt war. Ihr Name stand in Magdas unverwechselbarer Schrift darauf – die silbernen Buchstaben flossen wie Mondlicht über dunkles Wasser.
Sie trocknete sich die Hände ab und befreite den Brief von der Stecknadel. Der Umschlag wirkte wie eine Einladung zu einer Party. Obwohl darin wahrscheinlich eher Anweisungen für den Boiler standen oder wie sie das Haus abriegeln sollte. Müde legte Ella ihn auf den Tisch.
«Schau mich nicht so an», maulte sie, als der Hund ihr einen missbilligenden Blick zuwarf – jedenfalls kam es Ella so vor, als er sie mit seinen blinzelnden braunen Augen und den Falten auf seinem Fellgesicht ansah. Sie wunderte sich selbst über ihre alberne Interpretation.
Schließlich griff sie doch nach dem Umschlag und las die Worte auf der Karte.
Mutter Natur hat eine wunderbare Art zu heilen.
Wiederhole diesen Spruch täglich,
um deinen Frieden und deine Mitte zu finden …
Oh Schreck, war Magda etwa auf einem spirituellen Trip? Das war Ella neu. Mit nachsichtigem Lächeln überflog sie die Handschrift auf dem kräftigen blauen Papier. Ihre Patentante meinte es gut, aber mit Sicherheit würde sich Ella dadurch nicht besser fühlen.
Unter dem erwachenden Blick des Frühlings
atme die üppigen Düfte der Erde ein.
Genieße die Tage, die länger werden.
Finde Frieden zwischen den Blüten,
in den wärmeren Strahlen, die das Leben anfachen.
Würdige die Schönheit der Natur
und umkreise täglich die Blumen.
Nimm den Frieden als den deinen an.
Gesegnet seist du.
Magda x
Sie ist verrückt, dachte Ella und schüttelte den Kopf. Definitiv verrückt. Magda hatte etwas von einem Oberfeldwebel in fließenden Gewändern. Und es war eigentlich seltsam, dass Ellas Mutter, dieses unerschütterliche Vorzeigemitglied eines Frauenvereins, seit dreißig Jahren mit ihr befreundet war.
Umkreise täglich die Blumen …
Na, sicher doch. Ella wollte die Karte gerade entsorgen, tippte dann aber nachdenklich mit dem Finger darauf und heftete sie in einem plötzlichen Sinneswandel wieder an die Pinnwand.
«Musst du das unbedingt tun? Es nervt ziemlich», sagte Ella zu dem Hund, ohne von dem Blatt aufzusehen, auf das sie gerade den Umriss einer ihrer Figuren zeichnete. Sie hatte sich gleich am Morgen an den Schreibtisch unterm Dach gesetzt. Stirnrunzelnd überlegte sie jetzt, was mit der Kopfform der Figur nicht stimmte. Aber sie konnte sich nicht konzentrieren. Wenn sie den Hund nicht beachtete, würde er sich hoffentlich langweilen und aufhören, sie mit seinen bernsteinfarbenen Augen anzustarren.
Weil sie sich darüber ärgerte, dass sie sich von ihrer Mutter hatte emotional erpressen lassen, hatte Ella den morgendlichen Spaziergang absichtlich auf später verschoben. Sie musste schließlich Arbeit erledigen. Ihre Verlegerin wartete auf das neueste Buch in der Reihe von Cuthbert Maus – mit schwindender Geduld, wenn Ella die letzte E-Mail richtig deutete. Und bei ihrem derzeitigen Tempo würde sie noch lange warten müssen.
Direkt nach der Abfahrt ihrer Eltern war Ella gestern auf den ausgebauten Dachboden gegangen und hatte ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Das absolute Minimum an Utensilien umfasste: Bleistifte und Papier. Der Rest konnte später folgen. Wenn sie erst mal mit dem Illustrieren der Geschichte angefangen hatte, würde der Druck vielleicht abnehmen.
Der Hund schien zu seufzen. Und hob er gerade wirklich seine Augenbrauen auf amüsant fragende Weise?
Ella versuchte wieder, sich zu konzentrieren, und fuhr fort, Cuthberts Körper mit dem Bleistift zu schraffieren und die schlangenartige Form seines Schwanzes zu ignorieren, die nicht richtig gelungen war.
Der Hund gähnte jaulend, dann tapste er um den Schreibtisch herum.
«Was?», fragte Ella, nachdem er zehn Minuten lang im Raum umhergelaufen war. «Das hier ist schon schwer genug, ohne dass du mich störst.» Sie beugte sich wieder über ihre Zeichnung. Cuthbert sah eher aus wie ein missratener Yoda als eine fröhliche Maus. «Ach, verdammt noch mal.» Mit wilden Strichen kritzelte sie über das kleine Mäuse-Gesicht, dann warf sie den Stift hin. «Na gut. Gehen wir eben spazieren.»
Das Wetter sah allerdings nicht gerade vielversprechend aus. Über Nacht hatten sich die Wolken zugezogen. Die ersten Regentropfen liefen bereits an den Dachfenstern hinunter.
«Wenn ich jetzt auch noch klatschnass werde, kriege ich richtig schlechte Laune», sagte sie zu dem Labrador, als sie den Dachboden verließen.
Die Natur und sie waren ohnehin nicht auf einer Wellenlänge. Ella besaß nicht einmal Gummistiefel. Und ihre Wildlederstiefel taugten bei diesem Wetter sicher nichts. Sollte sie also Winterstiefel oder Turnschuhe anziehen? Was hatte sie bloß geritten, diese beiden Paare überhaupt einzupacken? Nicht dass sie ihre Koffer und Taschen auch nur annähernd methodisch gepackt hätte … Aber Ella war kein Fan von Turnschuhen, erst recht nicht von den grellen Scheußlichkeiten, die sich noch in ihrem Schrank befunden hatten. Und die blöden Winterstiefel hatten ein Vermögen gekostet, dafür, dass sie nur ein einziges Mal im Schnee gewesen waren. Weder sie noch Patrick hatten besonderen Gefallen am Skifahren gefunden.
Dann eben die knallpinken Turnschuhe, dachte Ella. Aber was noch? Es war kalt an diesem Morgen, und es würde oben im Wald in den Ausläufern der Chiltern Hills bestimmt noch kälter sein. Sie würde mehrere Schichten tragen müssen. Strumpfhosen, ausgeleierte Leggings und eine uralte Cargohose, die sie normalerweise nur zum Renovieren anzog. Aber hier konnte sie genauso gut aufs Ganze gehen und sich vollkommen lächerlich machen: Sie krönte das Ensemble noch mit einer türkisfarbenen Skijacke, die mit Sicherheit nie wieder auf irgendeiner Skipiste getragen werden würde.
Als sie die Schnürbänder ihrer Schuhe zugebunden hatte, wartete der Hund bereits mit der Leine im Maul an der Haustür. Sein Schwanz wedelte wie ein Scheibenwischer auf voller Geschwindigkeit hin und her.
Na, zumindest einer von uns freut sich rauszukommen, dachte Ella und erhaschte im Flurspiegel einen Blick auf sich selbst. Beinahe hätte sie gelacht. Ernsthaft? Wie sah sie bloß aus? Zum Glück kannte sie hier niemand.
Sie brauste in Magdas lustigem kleinen roten Auto die kurze Strecke nach Wendover Woods. Während der Fahrt musste sie das Fenster immer wieder nach oben kurbeln, weil es mit jedem Rumpeln runterrutschte.
Sie parkte am Waldrand. Sobald der Kofferraum offen stand, sprang der Hund raus und stürzte so unglücklich an Ella vorbei auf den Kies, dass diese das Gleichgewicht verlor und in einer Pfütze landete.
«Urgh!»
Dunkles, schlammiges Wasser drang sofort in ihre Schuhe und durchnässte ihre Strumpfhose und den unteren Teil von Leggings und Hose. Der Hund schaute nicht einmal zurück. Nein, er lief einfach drauflos und wäre fast vor ein Auto gerannt, das gerade auf den Parkplatz einbog.
Wütendes Hupen ertönte. Verdammt! Nicht einmal ein Tag war rum, und sie hätte das Tier fast umgebracht.
Schwanzwedelnd kam der Hund zu ihr zurück, als wäre nichts passiert. Ella packte ihn am Halsband und versuchte, das kalte Gefühl des nassen Stoffs auf ihren Füßen zu ignorieren. Sie war so gar nicht fürs Landleben gemacht.
Immerhin gelang es ihr, die Blicke des Autofahrers zu ignorieren, aber sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie die Hundeleine am Metallring des Halsbandes befestigt hatte.
«Du verrücktes Tier, du hast mir einen riesigen Schreck eingejagt!» Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Himmel! Wie hätte sie es Magda erklären sollen, wenn sich der Hund gleich bei ihrem ersten Ausflug verletzt hätte? Was machte man überhaupt, wenn ein Hund verletzt war? Gab es Krankenwagen für Tiere? Wo war der nächste Tierarzt? Gab es eine Notaufnahme wie bei Menschen, wo man dann stundenlang mit blutbefleckter Kleidung herumsaß?
Ella zerrte an der Leine. «Komm, lass uns schnell im Wald verschwinden, bevor uns dieser Typ anmeckert.» Sie wollte den Parkplatz verlassen, bevor der Mann aus seinem Auto stieg. Am Ende rannte sie sogar ein gutes Stück. Aber sobald sie außer Sichtweite war, musste sie anhalten. Sie beugte sich vor, um wieder Luft in ihre gequälten Lungen zu bekommen. Ihr Puls pochte so heftig, als könnte er aus ihren Schläfen heraustreten. Plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen. Himmel, hatte sie etwa eine Art Schwächeanfall?
Allmählich kam sie wieder zu Atem und richtete sich auf. Dann machte sie ein paar vorsichtige Schritte und ließ den Hund von der Leine. Zum Glück rannte er nicht wieder weg. Neugierig wie ein eben erst freigelassener Gefangener schnüffelte er rechts und links des Weges, lief mal vor, mal hinter ihr her, immer auf der Jagd nach irgendeinem neuen Geruch.
Der Regen wurde stärker. Ella konnte das stetige, unaufhörliche Tropfen auf den Blättern hören. Und langsam sickerte die Feuchtigkeit in ihre Kleidung und breitete sich bis in ihre kalten Finger aus. Während sie hinter dem Hund hertrottete, schmatzten ihre Füße in den Turnschuhen, die absolut nicht für einen ansteigenden Weg bei nassem Wetter gemacht waren.
Warum in aller Welt hatte ihre Mutter gemeint, dass ihr das guttun würde? Ella wollte eigentlich nichts anderes, als sich unter einer Bettdecke zu verkriechen und zu schlafen. Sich in Erinnerungen zu kuscheln und in ihrem Kopf das imaginäre Gespräch zu führen, in dem Patrick zugeben würde, dass er einen schrecklichen, schrecklichen Fehler gemacht hatte. Und dass er seine Meinung geändert hatte.
Ein flaues Gefühl im Magen brachte sie zum Stehen. Ella sah sich um und beobachtete, wie die Bäume ringsum vom Dunst verschluckt wurden. Wenn sie weiterging, würde sie dann auch im Nebel verschwinden? Sich in der Landschaft auflösen? Sich der kalten Realität nicht mehr stellen müssen und allem, was sie verloren hatte?
Als ein nasser Kopf ihre Hand berührte, zuckte sie zusammen.
«Urgh.» Sie suchte in ihrer Skijacke nach einem Taschentuch.
Der Hund wedelte mit dem Schwanz und lief wieder davon, dann kehrte er zurück und rannte im Kreis um sie herum, wobei er ihr gegen die Beine stupste, als wollte er sie antreiben.
Ella setzte sich steif in Bewegung.
Auf einer Anhöhe blickte sie in die Weite. Der Wald bedeckte die Hügellandschaft wie ein dicker grüner Samtteppich. Die Luft roch nach Torf und Gras, ein moschusartiger, modriger Geruch, der Bilder von matschigen Stiefeln und Pfützen in ihr wachrief. Ihre Schritte wurden vom Waldboden gedämpft. Über ihr entfalteten die noch jungen Blätter einen Fächer aus hellem Frühlingsgrün. Das Rascheln war in einer leichten Brise zu vernehmen, begleitet vom gelegentlichen Knarzen der sich aneinanderreibenden Stämme. Während Ella lauschte, wurde ihr klar, dass der Wald keineswegs still war, sondern von Geräuschen nur so widerhallte. Von Vogelgesang, dem Gurren der Ringeltauben, dem Hecheln des Hundes und dem Patt-Patt seiner Pfoten, während er durch das Unterholz streifte.
Irgendein weitsichtiger Mensch hatte hier auf der Anhöhe eine Bank aufgestellt, von der aus man bei gutem Wetter sicher über das ganze Aylesbury-Tal bis zum Horizont blicken konnte. Heute allerdings nicht. Ella ließ sich auf das nasse Holz plumpsen, sie ignorierte die Nässe. Der Hund legte sich zu ihren Füßen. Einträchtig starrten sie auf die dunstige Ebene.
Das Wetter passte zu ihrer Stimmung, dachte Ella. Der Schmerz, das bleierne Gewicht auf ihrem Herzen, war definitiv immer noch da, zusammen mit der konstanten Enge im Brustkorb, die sie, wenn sie ehrlich war, schon viel länger spürte als nur die letzten paar Wochen. Wann war sie bloß zu einem Teil ihres Lebens geworden? War das schon vor Weihnachten gewesen? Schon an Halloween? Schon in ihrem Rom-Urlaub im September?
Aus irgendeinem dummen Grund fing sie plötzlich an zu schluchzen. Verdammt! Sie hatte gedacht, sie hätte sich bereits alles von der Seele geweint.
Während die Tränen über ihre Wangen strömten, lehnte sich der Hund gegen Ellas Bein. Abwesend streichelte sie seine Ohren.
«Ich wette, du hältst mich für verrückt. Und für eine Heulsuse. Oder, Tess?» Unter ihren Fingern fühlte sich das Fell überraschend weich und samtig an. «Menschen sind so kompliziert. Bestimmt ist es viel einfacher, ein Hund zu sein. Essen, schlafen, laufen. Keine Arbeit. Keine großen Entscheidungen. Keine Menschen, die einen im Stich lassen.»
Der Labrador beobachtete sie mit sanften, warmen Augen, während Ella ihm über den Kopf strich.
«Du hast keine Ahnung, wovon ich rede, oder?»
Er rutschte näher, als würde er jedes Wort verstehen, und blinzelte nur.
Die Kälte hatte sich in ihr eingenistet und war ihr bis in die Knochen gekrochen, sodass Ella eine ganze Zeit brauchte, bis sie die Autoschlüssel aus ihrer Tasche befördert hatte. Schließlich öffnete sie den Kofferraum.
«Na, dann los, rein mit dir», sagte sie.
Der Hund sah genauso erbärmlich, durchnässt und erschöpft aus, wie Ella sich fühlte.
«Na los. Hopp!» Ella klopfte aufs Auto, als ob das helfen könnte, den Hund zu überzeugen. «Je eher du einsteigst, desto schneller können wir uns aufwärmen.»
Sie beugte sich zu ihm runter und bekam einen Schwall nassen Hundegeruch in die Nase, als sie ihre Arme um den runden Bauch des Tieres schlang und den Körper hochzuheben versuchte.
Aber Tess stand stocksteif da, als hätte sie ihre Pfoten in den Boden gegraben und würde nirgendwohin gehen.
Ella ließ von dem Hund ab und öffnete die hintere Beifahrertür. Vielleicht war das für ihn einfacher?
Da hörte sie ein Knirschen auf dem Kies und drehte sich um. Ein Mann stapfte mit schnellen Schritten auf sie zu.
«Sind Sie verrückt?», knurrte er sie an.
«Wie bitte?» Was war denn bloß sein Problem? Sie spähte unter der Kapuze ihrer Skijacke zu ihm auf. Seine dunklen Augenbrauen hatten sich zu zwei wütenden Schlitzen zusammengezogen.
«Haben Sie irgendeine Ahnung, was mit einem Hund auf dem Rücksitz passiert, wenn man plötzlich bremsen muss? Beim Aufprall kann er das Gewicht eines Elefantenbabys haben. Stellen Sie sich mal vor, er fliegt dann durch die Windschutzscheibe! Dazu muss man nicht einmal besonders schnell fahren. Ein Hund dieser Größe kann verdammt viel Schaden anrichten – wenn er den Aufprall überhaupt überlebt.»
Sie warf einen Blick auf Tess und das Auto und wollte gerade erklären, dass sie diesen Job noch nicht lange machte, aber sie bekam gar keine Chance dazu.
Er holte tief Luft, und weiter ging’s: «Leute wie Sie machen mich krank. Das ist doch eigentlich ein kerngesunder Hund, aber man muss sich mal seinen Zustand ansehen: übergewichtig und unterfordert. Ganz zu schweigen davon, dass Sie offensichtlich keine Ahnung haben, wie man ihn artgerecht hält. Der Hund braucht dringend eine Diät und mehr Bewegung.» Er presste die Lippen zusammen, dann fügte er murmelnd hinzu: «Aber das gilt wohl für Sie beide.»
Ella riss den Mund auf. «Was?»
«Sie haben diesem Hund gerade mal fünfzehn Minuten Bewegung gegönnt. Labradore sind Jagdhunde. Sie wurden dazu gezüchtet, um als Arbeitstiere eingesetzt zu werden. Mein Gott, Sie haben all das hier vor der Haustür», er breitete die Arme aus, «und schaffen es kaum, ihn eine Viertelstunde zu beschäftigen.» Er schnaubte. «Unverantwortliche Tierhalter wie Sie machen mich fertig.»
Ella war von diesem Frontalangriff so überrumpelt, dass sie kein Wort rausbrachte. Sie stand vor Schreck wie erstarrt da.
Aber der Typ machte auch keine Anstalten wegzugehen. Er glotzte sie einfach nur an. Was wollte er denn noch?
Ella registrierte, dass der Hund den Typen unheilvoll ansah. Sie berührte Tess’ Kopf. Immerhin war der Vierbeiner auf ihrer Seite.
Plötzlich drehte sich der Mann um. Erst sah es so aus, als würde er gehen, dann wirbelte er wieder herum, ging vor Tess in die Hocke und hob sie hoch. Kurz hielt er inne und blickte Ella an, als wollte er etwas sagen. Doch er schien es sich anders überlegt zu haben, trat zum Kofferraum und bugsierte den Hund vorsichtig hinein. Dann schloss er den Kofferraum, senkte den Kopf und marschierte davon.
Nein, dachte Ella. Sie würde nicht weinen. Jedenfalls nicht vor ihm.
Während der Mann im Dunst verschwand, fiel ihr leider immer noch keine schlagfertige Antwort ein. «Bastard» würde es jedenfalls nicht treffen.
«Aufgeblasener Waldschrat!» Sie straffte den Rücken und fühlte sich schon besser, jetzt, wo sie die Worte laut ausgesprochen hatte. «Verdammte Männer.» Sie waren alle furchtbar.
Im Kofferraum des Autos winselte der Hund.
«Und du bist besser still», erklärte sie. «Das ist alles deine Schuld. Ich hätte gemütlich in einem schönen warmen Haus sitzen können, anstatt bei Regen durch den nassen Wald zu stapfen. Jetzt bekomme ich bestimmt eine Erkältung.»
Die Feuchtigkeit sickerte durch alle Nähte, und die Cargohose rutschte, so schwer war sie von der Nässe.
Diät und Bewegung … ha!
Ella betrachtete ihre wattierte Jacke und die wulstigen Kleiderschichten. Sie war noch nie so untergewichtig gewesen wie momentan.
Der Tag konnte ganz offiziell nicht schlimmer werden.
«Hi, Devon, wie geht’s?»
Bets, die für die Vormittagssprechstunde bereits in der Praxis war, öffnete gerade die Post und war wie so oft bester Laune, als Devon eintrat. Zu schade, dass sie für ihn eher so etwas wie eine Schwester war, noch dazu seine Angestellte. Sein Leben könnte so viel einfacher sein mit einer netten, unkomplizierten Frau wie ihr.
«Ich hoffe sehr, dass es heute besser läuft als gestern.» Er lockerte seine Schultern und versuchte, die Anspannung darin zu lösen. «Du hast den größten Spaß verpasst.»
«Ja, ich hab schon gehört, dass ein ganzer Käfig voller Babyhamster ausgebüxt ist.» Sie kicherte und schaute ihm dann besorgt ins Gesicht. «Du siehst furchtbar aus. Willst du einen Kaffee?»
«Kaffee wäre toll.» Er folgte ihr in den Küchenbereich und sah zu, wie sie mehrere Löffel Instantpulver in einen Becher gab. «Langsam, langsam – bei so viel Koffein hebe ich sonst gleich ab.» Das würde ihm eine weitere schlaflose Nacht bescheren.
«Aber du siehst aus, als bräuchtest du ein zusätzliches Triebwerk, um die nächsten Stunden zu überstehen. Bitte sag mir, dass du heute Abend nicht schon wieder Bereitschaftsdienst hast.»
Devon presste die Lippen zusammen.
«Oh, Mann.» Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre glänzenden Locken hüpften.
Insgeheim dachte Devon, dass sie beide wunderbar den Gegensatz von Leben und Tod verkörperten: Er war dunkeläugig, blass und erschöpft. Sie rosig und voller Vitalität.
«Gönn dir mal eine Pause», sagte Bets.
«Danke, aber mir geht’s gut.»
«Du arbeitest dich noch in ein frühes Grab.» Ihr Blick wurde weicher. «Du musst auf dich aufpassen, Devon. Wann hattest du das letzte Mal einen richtigen freien Abend?»
Er zuckte mit den Schultern. Der Bereitschaftsdienst wurde gut bezahlt, auch wenn die Erlebnisse manchmal traumatisch sein konnten. Letzte Nacht war er zu einer Schafherde gerufen worden, in der einige Tiere so schwer verletzt worden waren, dass er sie einschläfern musste. Ein Raubtier hatte sie gerissen. Das waren die Einsätze, die er hasste.
Bets gab kochendes Wasser in den Becher, dann reichte sie ihm den Kaffee mit einem Augenzwinkern. «Vielleicht gefällt es dir ja, mitten in der Nacht Kätzchen und Welpen zur Welt zu bringen, du Engel von Wilsgrave.» Nach einem prüfenden Blick auf sein Äußeres korrigierte sie: «Nein, eher der Landstreicher von Wilsgrave. Du musst mal zum Friseur.»
«Keine Zeit», brummte Devon. «Außerdem war ich ganz sicher kein Engel, weil ich gestern auch den Hund der Briggs von seinem Leid erlösen musste.» Er zupfte an dem Ärmel seines Pullis unter dem weißen Kittel und versuchte, an etwas anderes zu denken als an die vertrauensseligen Augen des Hundes.
«Oh nein!» Bets machte große Augen. «Nicht die arme Essie! Ethel und William müssen am Boden zerstört sein.» Sie kaute auf ihrer Lippe, und ihr Gesicht war vor Mitgefühl ganz blass.
Devon biss die Zähne zusammen und schluckte den aufsteigenden Zorn hinunter. «Vielleicht hätten sie ihren Hund nicht so verdammt fett werden lassen sollen. Ich hatte es ihnen gesagt – der Hund muss auf Diät. Mit Diabetes und Arthritis hatte das arme Tier keine Chance.»
Bets seufzte und tätschelte ihm den Arm. «Die beiden werden sich deswegen schrecklich fühlen, Devon. Sie sind keine schlechten Menschen. Nur nicht sehr schlau. Sie haben diesen Hund wirklich geliebt, und er hatte ein sehr glückliches Leben.»
«Ja, und ich musste es ihm nehmen.» Devon schluckte erneut. Jetzt fühlte er sich doppelt schuldig, weil er so streng mit den Briggs gewesen war. Man hätte es ihnen früher sagen müssen.
«Vielleicht solltest du noch mal bei ihnen vorbeischauen und sehen, wie es ihnen geht.»
Er starrte sie an. «Was?»
«Das ist gute Patientenfürsorge.»
«Wo zum Teufel hast du das denn gehört? Wir sind eine Tierarztpraxis, kein verdammter Gemeindedienst.»
Bets sah ihn mit unschuldiger Miene an, als sie sagte: «Dein Vater würde das machen.»
Tja, dachte Devon, zu schade, dass Dad nicht vorher strenger zu den Briggs gewesen war.
«Und Jack würde es höchstwahrscheinlich auch tun», fügte Bets mit wehmütigem Blick hinzu, weil sie an Devons jüngeren Bruder dachte, der gerade sein letztes Jahr an der Tierärztlichen Hochschule in Bristol absolvierte.
«Ja, und keiner dieser beiden weichherzigen Kerle hat die Briggs rechtzeitig gewarnt.»
«Sie haben eben ein großes Herz. Jeder im Dorf liebt sie.»
«Das überrascht mich nicht. Mein Vater berechnet ja auch nicht alles, was er hier tut.»
«Sie lieben ihn nicht, weil er bei der Bezahlung nachsichtig ist. Er ist einfach fürsorglich. Während du … Na, du bist eher … praktisch veranlagt.»
Die stets diplomatische Bets.
«Du meinst, ich bin mir zu sehr bewusst, dass ich hier ein Unternehmen leite – wenn auch nur vertretungsweise – und dass es einfach keinen Platz für Sentimentalitäten gibt? Es ist verdammt gut, dass ich so bin, denn sonst gäbe es, wenn du meinen Bruder irgendwann heiratest, keine Praxis mehr, in die er mit einsteigen könnte. Praktisch zu sein, ist also effizient. Wir machen kranke Tiere gesund.»
«Ja, aber …», beharrte Bets, «du könntest dabei auch nett sein.»
«Ich bin nett.»
Sie hob eine Braue. «Das versteckst du aber gut. Meistens bist du ziemlich mürrisch und schlecht gelaunt.» Sie grinste ihn an, und ihre leuchtenden Augen nahmen ihren Worten die Schärfe.
Er schnaubte. «Noch irgendwelche persönlichen Kommentare, bevor ich die Praxis öffne?»
«Nein. Also …» Sie machte eine Pause, als würde sie überlegen. «Heute jedenfalls nicht mehr.»
Ihr freches Grinsen brachte ihn ausnahmsweise zum Lächeln. Denn es war Schwerstarbeit, so zu tun, als sei alles in Ordnung, wenn im Inneren ein schwarzer Morast lauerte, der nur darauf wartete, ihn wieder hinabzuziehen.
Bets war wahrscheinlich eine der besten Tierarzthelferinnen, mit denen er je gearbeitet hatte. Außerdem war sie unglaublich engagiert und hatte unzählige unbezahlte Überstunden geleistet. Er würde es wiedergutmachen, aber vorerst musste er die Kosten so niedrig wie möglich halten. Würde die Praxis ihm gehören, hätte er schon vieles geändert, um die Effizienz zu steigern und das Leben für alle einfacher zu machen. Aber im Moment sprang er nur ein, bis es seinem Vater wieder besser ging. Dennoch … Es gab so vieles, was man hier tun konnte.
«Ich, ähm …» Er wand sich, weil er sie um einen weiteren Gefallen bitten musste. «Ich nehme nicht an, dass du …»
«Dass ich heute mit Dex Gassi gehen kann?», fragte sie, ohne ihm Zeit zum Luftholen zu lassen. «Na klar.»
«Nein. Also, eigentlich wollte ich nach der Arbeit selbst mit ihm gehen, aber ich wollte dich fragen, ob du ihn nächste Woche nehmen könntest? Ich muss nach London, um ein paar Dinge zu regeln. Außerdem würde ich mir dort gern einen Vortrag anhören.» Er würde das Beste aus dem Tag machen, wenn er schon die einstündige Fahrt in die Stadt auf sich nehmen musste, um sich einem weiteren Kräftemessen mit seiner Ex-Freundin Marina zu stellen.
Ein höchst untypisches verschlagenes Funkeln trat in Bets’ Augen. «Nur wenn du mir auch einen Gefallen tust.»
«Welchen?» Er nahm einen großen Schluck Kaffee, wohl wissend, dass es schwierig sein würde, ihr etwas abzuschlagen.
«Du kennst doch das Darts-Team …»
Devon stöhnte. «Ehrlich? Ich –»
«Wir sind unterbesetzt, weil Magda und die Myers-Brüder verreist sind, und ich will das Spiel nicht absagen.»
«Das solltest du aber, denn ich bin nicht gut im Dart.»
«Ach, komm schon. Es wird sicher lustig, und gewinnen ist gar nicht so wichtig. Ohne Dave und Phil verlieren wir sowieso, aber Magda hat mir die Verantwortung übertragen. Ich will sie nicht enttäuschen.»
«Na gut. Aber du nimmst Dexter?»
«Natürlich. Kein Problem. Wir machen dann morgens immer einen schönen langen Spaziergang, dann kann ich auch bei der Neuen vorbeischauen.»
«Der Neuen?»
«Weißt du das noch gar nicht? Magdas Patentochter passt auf ihr Haus auf.»
«Sicher, dass du sie ungefragt besuchen solltest? Die arme Frau will wahrscheinlich einfach in Ruhe gelassen werden.»
«Magda meinte, es sei gut, wenn ich sie hier willkommen heiße. Also kann ich gleich zwei Fliegen mit einem … Hund … schlagen.»
Devon ignorierte das misslungene Wortspiel.
«Soll ich Dex gleich Montagmorgen abholen? Ich habe ja den Schlüssel. Oder …» Ihre Augen leuchteten hoffnungsvoll auf. «Oder ich hole ihn schon am Abend vorher, dann kann er bei mir schlafen.»
Er schuldete ihr wirklich etwas. «Okay, du kriegst deinen Hundeabend.»
«Juhu!»
«Lass ihn aber nicht auf dem Bett schlafen. Das bringt ihn auf dumme Gedanken.»
Bets seufzte gespielt. «Es ist doch nur für eine Nacht!»
«Nichts da. Dexter bleibt im Körbchen.»
«Aber dann fühle ich mich so allein.» Sie bemühte sich um einen Ausdruck, der von Liebeskummer und Einsamkeit getränkt war. Leider war Bets’ hübsches Gesicht aber so gar nicht dafür geeignet. Sie seufzte erneut. «Ich wünschte, Jack würde bald nach Hause kommen. Bis zum Semesterende dauert es noch ewig, und er hat so viel Prüfungsstress, dass ich ihn nicht mal besuchen kommen soll.»
Devon verdrehte die Augen. «Es ist ja nicht für immer.» Er persönlich fand, dass Bets seinem jüngeren Bruder viel zu sehr hinterherlief. Sie waren beide noch so jung, und sicher genoss Jack das Studentenleben in Bristol und dachte vermutlich nur halb so viel an Bets wie sie an ihn. Aber vielleicht schätzte er das Verhältnis zwischen Jack und Bets auch komplett falsch ein, im Moment hatte er sowieso eine ziemlich negative Einstellung zu Beziehungen.
«Stimmt, es ist nur eine Phase.» Sie reckte den Kopf, und ihr Gesicht erhellte sich auf seinen üblichen sonnigen Ausdruck. «Außerdem gibt es immer noch den Willkommens-Sex-in-jedem-Zimmer-Marathon, auf den man sich freuen kann.»
Devon schüttelte sich. «Zu viel Information über meinen Bruder!» Er stöhnte. «Das sind Bilder, die ich ungern im Kopf haben will, wenn ich euch das nächste Mal besuchen komme.»
Ella kämpfte sich aus dem Tiefschlaf ins Bewusstsein. Ihr Herz klopfte wie wild, und ein klagendes Heulen hallte in ihren Ohren wider. Was zum …? Sie starrte in die dunkle Nacht.
Sie lag in dem ihr unbekannten Schlafzimmer, und ihre Brust war kurz davor zu zerspringen. Der Duft von Lavendel kitzelte ihr in der Nase. Magda hatte herzförmige Beutel mit den getrockneten Blütenköpfen auf beiden Seiten des Messingbettgestells aufgehängt. Ein Heizkörper knarrte und tickte, und die Geräusche wurden durch die pechschwarze Dunkelheit und die Stille draußen noch verstärkt. Dieses kokonartige Gefühl von Ruhe machte sie nervös. Wo war das Dröhnen des Londoner Verkehrs? Das Klappern der Fenster, wenn die Busse vorbeirumpelten? Die Betrunkenen, die herumgrölten, und das ständige Sirenengeheul in der Ferne? Das hier war doch nicht normal.
Obwohl sie seit Wochen kaum geschlafen hatte, war das Ins-Bett-Gehen mittlerweile zum Höhepunkt ihres Tages geworden. Denn dann verblassten all die miesen Dinge ihres Alltags, und sie konnte sich auf ihr altes Leben besinnen.
Awuuuuu! Au, au, awuuuu!
Mist! Dieser Hund!
Wieder drang ein herzzerreißendes Wehklagen zu ihr ins Zimmer hinauf. Ella kniff die Augen fester zusammen und hoffte, dass es aufhören würde.
Doch als das Jaulen, das dem Hund von Baskerville alle Ehre gemacht hätte, weiter andauerte, griff sie nach ihrem Bademantel und polterte im Dunkeln die Treppe hinunter.
Sie hatte den Hund in der Küche eingeschlossen, wo sein Körbchen neben dem Heizkörper lag, damit er wenigstens etwas Restwärme bekam. Sie hatte keine Ahnung, ob man das so machte. Fühlten Hunde die Kälte überhaupt?
Als sie die Tür öffnete und Licht machte, stand er schwanzwedelnd da und sah sie mit leuchtenden Augen an.
«Es ist mitten in der Nacht», maulte sie. «Geh schlafen.»
Sie stapfte zu seinem Körbchen und zeigte darauf. «Platz.» Im Fernsehen hatte sie mal eine Sendung über Hunde gesehen, man sollte ihnen zeigen, wer das Alphatier ist. Also wiederholte sie ihre Aufforderung mit entschlossenem Ton. Was offenbar funktionierte, denn der Hund tapste zu seinem Platz, rollte sich darauf zusammen und sah sie mit unschuldigem Gesichtsausdruck an, als wollte er sagen: Was? Ich soll so ein Geräusch gemacht haben? Niemals!
Lob. Das war eine andere Sache, an die sich Ella vage aus der Reportage erinnerte, oder war es da um Kinder gegangen? Der bekannte Stich schoss ihr durch den Magen. Kinder … Über sie wusste Ella auch nicht viel, aber Menschen lernten schließlich dazu, oder etwa nicht?
«Braves Mädchen.»
Der Hund legte den Kopf auf seine Pfoten.
Na also, Hundesitten war doch ein Kinderspiel. Total einfach.
«Okay, also … Gute Nacht.» Ella knipste das Licht aus, zog die Tür hinter sich zu und stieg die schmale Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Hatte sie gerade einem Hund Gute Nacht gesagt? Ehrlich, so langsam drehte sie durch.
Aber kaum steckten ihre Zehen wieder wohlig warm unter der schweren, kuscheligen Federbettdecke, da fing der Hund wieder zu jaulen an.
Ella drückte sich ihr Kissen auf die Ohren und hoffte, dass es das Heulen dämpfen würde, aber umsonst. Das verflixte Tier klang untröstlich. Erneut aus dem schönen warmen Bett zu steigen, war die reinste Qual.
«Das meinst du doch nicht ernst», knurrte sie, als sie ein zweites Mal in der Küche vor dem Hund stand, aber der schaute sie nur glücklich an. In seinem kleinen Gesicht war eindeutig ein Lächeln zu erkennen. «Auf deinen Platz, sofort.»
Der Hund schlich zurück auf seinen Platz, legte sich hin und hob fragend die Augenbrauen.
Sie schloss fest die Tür.
«Tierärztlicher Notdienst, Devon Ashcroft am Apparat.»
Es sollte ein Gesetz geben, dass automatisch Kaffee ausgeschenkt werden musste, wenn das Telefon vor sechs Uhr morgens klingelte. Devon rieb sich die Augen und sah auf die Ziffern der Digitaluhr, die im Dunkeln orange leuchteten. Anrufe um vier Uhr morgens waren furchtbar, weil sie einen aus dem Tiefschlaf rissen. Immerhin hatte er es geschafft, fünf Stunden in seinem eigenen Bett zu schlafen.
«Wie kann ich Ihnen helfen?», fragte er müde.
«Hallo! Zum Glück gehen Sie ran … Dr. Ash – sind Sie ein Doktor? Ich meine, nennt man Tierärzte auch Doktor? Oder ist das nur für Menschen?»
Trotz der frühen Stunde lächelte er amüsiert in sich hinein. «Mr Ashcroft reicht.»
«Aber Sie sind doch ein richtiger Tierarzt, oder?»
Die Frau klang besorgt, aber daran war er zu dieser Tageszeit gewöhnt.
«Ja. Wie kann ich helfen?»
«Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Ich habe hier diesen Hund … Er gehört mir nicht … und ich glaube, mit ihm stimmt etwas nicht.»
«Aha. Können Sie mir die Symptome beschreiben?»
«Symptome?»
«Ja, hat er Schmerzen? Hat er sich übergeben? Hatte er Durchfall? Wann hat er zuletzt gefressen?»
«Schmerzen, es klingt definitiv nach Schmerzen. Er hört einfach nicht auf zu heulen.»
«Okay. Gibt es noch andere Anzeichen von Schmerzen? Windet er sich, bewegt er sich, als hätte er Schmerzen?»
«Nein, wenn er aufhört zu jaulen, scheint alles in Ordnung zu sein.»
«Er jault also in Abständen? Wie lange jault er schon?»
«Seit gestern Abend gegen zehn Uhr. Und dann immer mal wieder.»
«Und könnte es einen Auslöser dafür geben?»
Die Anruferin schnaubte entrüstet in sein Ohr. «Nun, immer wenn ich ihn in der Küche lasse und ins Bett gehe, fängt er wieder an. Ich bin völlig erledigt.»
Devon holte tief Luft. Er hoffte, dass er sich verhört hatte. «Wenn Sie ins Bett gehen? Wenn Sie den Hund allein lassen?»
«Ja.»
«Wo ist der Hund denn?»
«Was, jetzt?»
«Nein, wenn Sie ihn allein gelassen haben, um schlafen zu gehen?»
«Wie gesagt: in der Küche.»
«Und schläft er normalerweise dort?»
«Ich habe keine Ahnung. Ich habe doch gesagt, ich passe nur auf ihn auf. Seine Besitzerin ist weg. Aber jedes Mal, wenn ich gerade einschlafe, fängt er wieder an zu jaulen. Irgendetwas stimmt doch nicht mit ihm.»
Devon lehnte sich zurück in sein Kissen und widerstand dem Drang, die Worte «Gott gebe mir Kraft» laut auszusprechen. Er war ein Profi. Und diese Frau benahm sich idiotisch. «Der Hund jault also nicht ununterbrochen?» Er versuchte, seine Stimme ruhig zu halten.
«Nein, nur wenn ich ihn allein lasse.»
«Aha.» Devon umklammerte das Telefon fester. «Also eher wie ein Weinen? Wie ein Kind, das Angst hat? Vielleicht, weil es sich allein gelassen fühlt?»
«Es … ist ein Hund!» Jetzt klang sie verärgert und beinahe entrüstet.
«Ja, aber komischerweise haben Hunde auch Gefühle …» Devon merkte, wie sich sein Kiefer anspannte und seine Backenzähne aufeinandermahlten, während er die Worte herauspresste: «Gefühle, die sie aus offensichtlichen Gründen nicht aussprechen können, also jaulen oder bellen oder winseln sie.»
«Woher soll ich das wissen? Ich spreche keine Hundesprache. Was … Was soll ich also tun?»
Devon schloss die Augen und zählte bis zehn.
«Hallo? Sind Sie noch da?»
«Ich bin noch da.» Man hatte ihm gesagt, dass er am Telefon lächeln sollte, auch wenn die Leute ihn nicht sehen konnten, um sicher zu sein, dass er den richtigen Ton traf.
«Könnten Sie vielleicht kommen und ihn sich ansehen? Also, um zu schauen, ob er wirklich okay ist? Machen Tierärzte Hausbesuche?»
«Ja, das tun wir – wenn es einen Notfall gibt.» Die letzten Worte hatte er beinahe gefaucht. «Aber Sie werden feststellen, dass das hier ein völlig normales Verhalten ist. Der Hund fühlt sich offensichtlich einsam und ist verängstigt. Es sind soziale Tiere. In der Wildnis leben sie in Rudeln – das Jaulen ist ihre Art, mit anderen Hunden in Kontakt zu treten. Sie müssen ihn trösten.»
«Ich? Und wie soll ich das machen? Ihm eine Gutenachtgeschichte vorlesen?»
Er stöhnte. «Gehen Sie immer wieder zu ihm, damit er weiß, dass Sie da sind. Versichern Sie ihm, dass alles in Ordnung ist. Seien Sie bestimmt. Es kann ein paar Tage dauern, aber dann wird er sich an Sie gewöhnen. Und Sie lernen, ihn besser zu verstehen. Es ist wie mit einem Baby. Die können ja auch nicht sprechen.»
Am anderen Ende herrschte jetzt Stille. Für einen Moment dachte Devon, die Frau hätte aufgelegt.
«Ein paar Tage?» Bei ihrem wehklagenden Ton hielt er sich das Telefon vom Ohr weg. «Bei dem Lärm kann ich aber nicht schlafen. Wie machen andere Leute das? Ich meine, ich habe kaum ein Auge zugetan.»
«Tja … Willkommen in meiner Welt.»
Verdammt, die Worte waren ihm einfach so herausgerutscht.
Die Frau legte auf. Zum Glück hatten weder sein Dad noch Bets das Gespräch mitbekommen. Devon war einfach nicht gut mit diesem Gemeinde-Tierarztzeug.
Warmer Atem strich über Ellas Gesicht, und sie drehte sich glücklich um. Patrick. Seufzend kuschelte sie sich mit flatternden Lidern näher an ihn heran, bis sich in ihrem Hinterkopf eine leichte Beunruhigung regte.
«Aaaagh!» Plötzlich war sie hellwach.
Sie wurde von einem üblen Geruch und einer nassen Zunge, die quer über ihre linke Wange schleckte, begrüßt. Sofort setzte sie sich kerzengerade auf und wäre dabei fast vom Sofa gefallen. «Das ist ekelhaft. Lass das!»
Der Hund schien sich keiner Schuld bewusst zu sein, er platzierte sein Hinterteil auf den Boden neben dem Sofa und wedelte fröhlich mit dem Schwanz.
Ella blinzelte auf die Digitalanzeige des Fernsehers. Sie hatte das Hundekörbchen ins Wohnzimmer geschleppt, in der Hoffnung, dass der Vierbeiner hier einschlafen würde und sie sich dann nach oben schleichen könnte. Aber keine Chance. Ihr Rücken fühlte sich nach der halben Nacht auf Magdas Zweisitzer-Sofa verkrampft und steif an.
«Es ist erst halb sechs.» Sie funkelte den Hund wütend an. «Das kann doch nicht dein Ernst sein!» Erschöpft ließ sie sich wieder auf die Kissen sinken und spürte, wie die Müdigkeit an ihren Augenlidern zerrte. Doch der Hund schnüffelte an ihrer Hand und stupste sie an.
«Lass mich, es ist viel zu früh.»
Aber so dachten offensichtlich nicht alle. Draußen machten die Vögel einen Höllenlärm. Wer hätte gedacht, dass sie zu solchem Krach in der Lage waren?
Stups, stups, stups. Die glänzende schwarze Nase war wie ein Specht, der sie traktieren würde, bis er die gewünschte Aufmerksamkeit erhielt.
«Was willst du? Ich muss noch schlafen.»
Der Hund winselte.
«Oh, verflucht noch mal.» Ella griff nach ihrem Bademantel. Der Hund sprang auf, wedelte mit Turbogeschwindigkeit mit dem Schwanz und trottete eifrig hinter ihr her in Richtung Küche.
Mit noch immer halb geschlossenen Augen schob Ella den Hund hinein und schloss die Tür.
Als sie das nächste Mal aufwachte, war es fast neun. Hinter der Küchentür hörte sie den Hund leise winseln. Sie erhob sich schwerfällig, aber die Aussicht auf eine starke Tasse Kaffee gab ihr Kraft.
Sobald sie die Küchentür öffnete, sauste der Hund an ihr vorbei zur Terrassentür. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ella sprach vielleicht keine Hundesprache, wie sie diesem wenig hilfsbereiten Tierarzt gesagt hatte, aber selbst sie konnte dieses Signal deuten. Schnell ließ sie den Hund hinaus.
Tatsächlich lief er direkt zu den Sträuchern auf der rechten Seite, hob das Bein – und ein ganzer Wasserfall sprudelte aus ihm heraus.
Ella verzog bedauernd das Gesicht. Sie hätte ihn früher hinauslassen sollen. Mist!
Sie beobachtete, wie er neugierig den Garten erkundete und jedes Blatt und jeden Zweig in Nasenreichweite ausgiebig beschnupperte. Man hätte meinen können, es sei völliges Neuland für ihn und der Hund noch nie in seinem Leben dort gewesen.
Als Ella über den gefliesten Boden zurück zur Küche ging, um den Wasserkessel aufzusetzen, trat ihr Fuß in etwas Lauwarmes und leicht Schleimiges. Die Masse drückte sich mit zäher Gründlichkeit zwischen ihren nackten Zehen hindurch.
«Scheiße! Igitt. Igitt!» Auf einem Bein hüpfte sie zum Spülbecken und suchte verzweifelt nach Küchenpapier. Schließlich griff sie nach einem Putzlappen, um damit ihren Fuß abzuwischen. Verdammt, der Gestank war wirklich widerlich.
Ihre Haut juckte und verstärkte das Gefühl, bis in die letzte Pore hinein verunreinigt zu sein. Sie durchwühlte die Produkte im Schrank unter der Spüle. Schmierfett. Ameisenpulver. Scheibenreiniger. Messingreiniger. Feinwaschmittel … Herrgott, nein! Sie brauchte ein hochwirksames – ah! Sie fand ein Desinfektionsmittel!
Sie füllte das Spülbecken mit heißem Wasser und drückte die Hälfte der Flasche hinein. Dann zog sie einen Stuhl heran, kletterte darauf und tauchte den schmutzigen Fuß in die Spüle. Autsch! Zu heiß, aber bestimmt würde es alle Keime abtöten.
Der Stuhl wackelte, als sie anfing zu schrubben. Ella fand es einfacher, sich direkt auf die Abtropffläche zu knien, sich über das Waschbecken zu beugen und mit einer Nagelbürste jeden Zentimeter ihrer Haut zu bearbeiten.
Der Hund hatte seine Marco-Polo-Tour im Garten beendet und war wieder reingekommen, um sie auszulachen – davon war Ella überzeugt. Ganz sicher: Tess hatte einen amüsierten Gesichtsausdruck aufgelegt.
«Sprich mich bloß nicht an, du … Hund», knurrte sie. «Wer weiß, was alles in deinem Kot ist. Sicher alle möglichen Gifte. Was, wenn ich an Ruhr erkranke oder erblinde?»
Ihre Position über der Spüle war nicht besonders bequem, also richtete sie sich auf, einen Fuß auf der Abtropffläche und den anderen im Becken. Da fiel ihr Blick auf den zerdrückten Haufen Hundekot auf den Küchenfliesen.
«Schau dir an, was du gemacht hast.»
Der Hund hatte zumindest den Anstand, den Kopf zu senken.
«Böser Hund.»
Große braune Augen schauten sie an.
Ella seufzte. Sie schaute auf die Küchenuhr. Es war zehn nach neun. Oh, verdammt! Das arme Ding musste stundenlang angehalten haben. Das schlechte Gewissen machte sich in ihr breit. «Okay, vielleicht bist du nicht grundböse. Obwohl du mich die ganze Nacht wach gehalten hast … Und dieses Sofa ist einfach nicht zum Schlafen gemacht. Ich –»
Als sie das Klappern des Briefkastens vernahm, drehte Ella sich um und schaute aus dem Fenster. Der davonschreitende Postbote winkte ihr fröhlich zu. Aber wieso grinste er so?
Oh! Es dämmerte Ella. Da sie direkt vor dem Küchenfenster hockte, hatte sie ihm gerade ihren halb nackten Hintern gezeigt.
Die Scham stieg wie eine Flutwelle in ihr auf und färbte ihr ganzes Gesicht rot.
Nachdem sie den Fußboden gesäubert und sich einen starken Kaffee gemacht hatte, hatte Ella zwei Stunden lang am Schreibtisch gearbeitet – aber nichts erreicht. Cuthbert, seine Brüder und seine Schwester Catherine sahen heute aus wie marodierende Nagetier-Vandalen. Mit schelmischen Mäuse-Persönlichkeiten hatten sie nichts gemein. Im Moment müssten ihre Namen eher lauten: Vampir-Maus, Zombie-Maus und Maus-die-einen-mitten-in-der-Nacht-heimsucht.
Ella senkte den Kopf und klopfte mit der Stirn leicht auf den Tisch.
Neugierig tauchte Tess neben ihr auf, als wolle sie herausfinden, was für ein Problem diese seltsame Frau hatte.
«Bemüh dich nicht», brummte Ella. «Ich habe den Zugang zu meinen Figuren verloren.» Sie schaute wieder aufs Zeichenbrett. Das Licht stimmte nicht, das war es.
Mit einem ärgerlichen Schnauben erhob sie sich vom Hocker. Sofort sprang der Hund auf und wedelte mit dem Schwanz gegen ihre Beine.
«Mach dir keine Hoffnungen. Ich bin beschäftigt.»
Vielleicht wäre es besser, wenn sie das Zeichenbrett direkt unter das Oberlicht schieben würde?
Nachdem sie den Schreibtisch umplatziert und die Höhe des Hockers verändert hatte, setzte sie sich wieder und nahm ihren Bleistift zur Hand. Sie hielt ihn über das Papier und starrte auf ihre Finger. Aber Cuthberts Bild wollte nicht entstehen.
Unvermittelt warf sie den Bleistift auf den Tisch und stand auf. Sofort schoss der Hund aus der Ecke auf sie zu, rannte an einem kleinen Beistelltisch vorbei und warf ihn um.
«Oh, nein!»
Alles, was auf dem Tisch gelegen hatte, rutschte in einem kaleidoskopartigen Muster über den Boden. Der Duft von Lavendel und Rosmarin erfüllte die Luft. Als Ella sich bückte, um die verstreuten Kräutersäcke aufzuheben, die Magda scheinbar überall drapiert hatte, stieß ihr Fuß an ein marineblaues, schuhschachtelgroßes Päckchen, das mit einem silbergrauen Samtband verschnürt war. An einer Ecke stand ihr Name in silberner Schrift.
Für eine Sekunde hob sich ihr Herz. Ein Päckchen! Von Magda?
Der Hund folgte ihren Bewegungen und stupste mit der Nase gegen ihre Beine, als sie den Fund zum Zeichentisch zurücktrug und mitten auf die strahlend weißen Zeichenpapiere legte.
«Ich gehe bald mit dir spazieren», sagte Ella, während sie die Schleife des Bands glatt strich.
