Eine Frauenfahrt um die Welt - Ida Pfeiffer - E-Book

Eine Frauenfahrt um die Welt E-Book

Ida Pfeiffer

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Beschreibung

Ida Pfeiffers Werk 'Eine Frauenfahrt um die Welt' bietet einen faszinierenden Einblick in das Reisen im 19. Jahrhundert. Der Bericht einer allein reisenden Frau, die Abenteuer in fremden Ländern erlebt, fesselt den Leser von Anfang an. Pfeiffer kombiniert detaillierte Beschreibungen von Landschaften und Kulturen mit persönlichen Reflexionen. Ihr Schreibstil ist prägnant und direkt, ohne dabei an Emotionalität zu verlieren. Das Buch zeugt von einer unkonventionellen Lebensweise und unterscheidet sich dadurch von den Reiseberichten ihrer Zeitgenossen. Ida Pfeiffers Blick auf die Welt ist kritisch und reflektiert, wodurch ihr Werk einen wichtigen literarischen Beitrag darstellt.

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Ida Pfeiffer

Eine Frauenfahrt um die Welt

Reise von Wien nach Brasilien, Chili, Otahaiti, China, Ost-Indien, Persien und Kleinasien
            Books

Inhaltsverzeichnis

Eine Frauenfahrt um die Welt
Biographische Skizze: Ida Pfeiffer, nach ihren eigenen Aufzeichnungen

Eine Frauenfahrt um die Welt

Inhaltsverzeichnis
Vorrede.
Erster Band.
Reise nach Brasilien.
Ankunft und Aufenthalt in Rio de Janeiro.
Vorzügliche Partien um Rio de Janeiro.
Reise in das Innere von Brasilien.
Abreise von Rio de Janeiro.
Ankunft und Aufenthalt in Valparaiso.
Reise von Valparaiso über Taiti nach Canton.
Zweiter Band
China
Ost-Indien.
Bengalen.
Benares.
Allahabad, Agra und Delhi.
Dritter Band
Reise von Delhi nach Bombay.
Fortsetzung der Reise und Aufenthalt in Bombay.
Von Bombay nach Bagdad.
Mesopotamien, Bagdad und Babylon.
Mossul und Ninive.
Persien.
Aufenthalt in Tebris.
Asiatisches Rußland.
Eurpäisches Rußland.
Constantinopel und Athen.

Vorrede.

Inhaltsverzeichnis

Schon in mehreren Zeitungen ward ich Touristin genannt; dieser Name gebührt mir indessen, seiner gewöhnlichen Bedeutung nach, leider nicht. Einerseits besitze ich zu wenig Witz und Laune, um unterhaltend schreiben, und andrerseits zu wenig Kentnisse, um über das Erlebte gediegene Urtheile fällen zu können. Ich vermag nur schmucklos das zu erzählen, was mir begegnet, was ich gesehen, und will ich etwas beurtheilen, so kann ich es blos von dem Standpuncte einfacher Anschauung aus.

Manche glauben vielleicht, Eitelkeit sei die Veranlassung zu dieser großen Reise gewesen. Ich kann darauf nichts erwiedern, als: wer dies denkt, möge selbst eine ähnliche Reise unternehmen, um zu sehen, daß solche Beschwerden, solche Entbehrungen und Gefahren nur durch angeborne Reiselust, durch unbegränzte Mißbegierde überwunden werden können.

Wie es den Maler drängt, ein Bild zu malen, den Dichter, seine Gedanken auszusprechen, so drängt es mich die Welt zu sehen. — Reisen war der Traum meiner Jugend, Erinnerung des Gesehenen ist nun das Labsal meines Alters.

Freundlich und gütig hat das geehrte Publicum meine ungeschmückten Reiseberichte "nach dem heiligen Lande, nach Island und Scandinavien" aufgenommen, und dies ermuthigt mich, abermals mit dem Tagebuch dieser meiner letzten und größten Reise in Oeffentlichkeit zu treten.

Möchte die Erzählung meiner Erlebnisse den geehrten Lesern und Leserinnen nur einen Theil jenes Vergnügens bieten, das die Reise selbst mir in großem Maße gewährte!

Wien, den 16. März 1850.

Die Verfasserin.

Erster Band.

Inhaltsverzeichnis

Reise nach Brasilien.

Inhaltsverzeichnis

Abreise von Wien. Aufenthalt in Hamburg. Dampfschiffe und Segelschiffe. Abfahrt. Kurhaven. Der Kanal la Manche. Die fliegenden Fische. Die Phisolide. Sternbilder. Das Ueberschreiten der Linie. Die Vampero's. Die starke Briefe und der Sturm. Kap Frio. Einfahrt in den Hafen von Rio de Janeiro.

Am 1. Mai 1846 verließ ich Wien und ging, einige kleine Unterbrechungen zu Prag, Dresden, Leipzig abgerechnet, gerade nach Hamburg, um mich von da nach Brasilien einzuschiffen. In Prag hatte ich das Vergnügen, den Grafen Berchthold, einen Gefährten auf einem Theile meiner orientalischen Reise, zu sehen und von ihm zu hören, daß er Lust habe, die Reise nach Brasilien mitzumachen. Ich versprach, in Hamburg auf ihn zu warten.

Ein zweites interessantes Zusammentreffen hatte ich auf dem Dampfboote zwischen Prag und Dresden, und zwar mit der Witwe des Professors Mikan, die im Jahre 1817, bei Gelegenheit der Vermälung der österreichischen Prinzessin Leopoldine mit Don Pedro I., ihrem Gemale nach Brasilien gefolgt war und später mit ihm auch das Innere des Landes wissenschaftlich bereiste. Oft schon hatte ich von dieser Frau sprechen gehört, und groß war meine Freude, sie nun persönlich kennen zu lernen. Die liebenswürdige Greisin theilte mir freundlich viele ihrer Erfahrungen mit, und gab mir manche Rathschläge und Verhaltungsregeln, die mir in der Folge sehr nützlich waren.

Am 12. Mai kam ich in Hamburg an, und schon am 13. hätte ich Gelegenheit gehabt, mich einzuschiffen und zwar auf einer herrlichen, schnellsegelnden Brigg, die noch dazu meinen Namen "Ida" trug. Mit schwerem Herzen sah ich das schöne Schiff absegeln — ich mußte zurückbleiben, da ich meinem Reisegefährten versprochen hatte, ihn hier zu erwarten. Woche um Woche verging, und nur das Zusammensein mit meinen Verwandten verkürzte mir die lange Zeit des Erwartens. Endlich, Mitte Juni, kam er an, und bald darauf war auch ein Schiff gefunden, eine dänische Brigg "Caroline," Kapitän Bock, die nach Rio de Janeiro unter Segel ging.

Mir stand nun eine lange Seereise bevor, eine Seereise, die unter zwei Monaten nicht zu machen war, die aber auch drei und vier Monate dauern konnte. Zum Glück hatte ich schon auf meinen frühern Reisen ziemlich bedeutende Fahrten auf Segelschiffen gemacht, und war dadurch mit deren Einrichtung bekannt geworden, die von jener auf Dampfschiffen gänzlich verschieden ist.

Auf einem Dampfschiffe ist alles luxuriös und bequem, die Fahrt selbst geht bei jedem Winde rasch vorwärts, und der Reisende findet frische und gute Nahrung, geräumige Kajüten und gute Gesellschaft.

Anders ist es auf Segelschiffen; diese sind, mit Ausnahme der großen Ostindienfahrer, für Reisende selten eingerichtet. Als Hauptsache werden die Waaren betrachtet, und die Reisenden sind eine dem Schiffspersonale sehr unangenehme Zugabe, auf die gewöhnlich nur wenig Rücksicht genommen wird. Der Kapitän ist der einzige, der sich für sie interessirt, da ihm von dem Passagiergelde ein Drittheil, ja auch die Hälfte zufällt.

Die Räume sind meist so beschränkt, daß man sich in der Schlafcabine kaum umwenden, in der Coje (Schlafstelle) nicht einmal aufrichten kann. Außerdem ist auch auf einem Segelschiffe die Bewegung weit stärker als auf einem Dampfschiffe, — dagegen behaupten aber wieder Viele, daß auf letzterem das ewig gleichmäßige Erzittern, sowie der üble Geruch des Oeles und der Steinkohlen unerträglich sei. Ich fand dies nicht; es ist wohl unangenehm, doch viel leichter zu ertragen als die vielen Unannehmlichkeiten, die man auf einem Segelschiffe trifft.

Da ist man der Laune des Kapitäns ganz und gar anheim gegeben. Er ist unumschränkter Gebieter und herrscht über Alles. Auch die Kost hängt von seiner Großmuth ab; sie ist zwar für gewöhnlich nicht ganz schlecht, doch im besten Falle nicht so gut, als auf einem Dampfer.

Die gewöhnlichen Gerichte sind: Thee und Kaffee ohne Milch, Speck und Salzfleisch, Erbsen- oder Kohlsuppen, Kraut, Kartoffeln, harte Klöse, Stockfische und Schiffszwieback. Ausnahmsweise findet man auch Schinken, Eier, Fische, Pfannkuchen, oder wohl gar magere Hühner. Brot wird auf kleineren Schiffen nur höchst selten gebacken.

Um sich die Kost zu verbessern, besonders bei einer längeren Reise, thut man sehr wohl, sich mit einigen Aushilfsmitteln zu versehen. Die zweckmäßigsten sind: Suppenglace mit feiner Zwieback; beide verwahre man in Blechkästchen, um Feuchtigkeit und Ameisen davon abzuhalten — ferner eine tüchtige Portion Eier, die man aber, wenn die Reise in südliche Gegenden geht, zuvor in starkes Kalkwasser tauchen oder in Steinkohlenstaub verpacken muß; dann Reis, Kartoffeln, Zucker, Butter, und alle Ingredienzien zur Bereitung von Weinsuppe und Kartoffelsalat. Erstere ist sehr stärkend, letzterer sehr kühlend. Dem, welcher mit Kindern reist, würde ich ganz besonders eine Ziege mitzunehmen empfehlen.

In Betreff des Weines muß man ja nicht vergessen, den Kapitän zu fragen, ob dieß Getränk in der Zahlung mit begriffen ist, da man es sonst um theures Geld von ihm kaufen muß.

Aber auch noch andere Sachen als Lebensmittel sind da mitzunehmen, und zwar vor Allem eine Matratze sammt Polster und Decke, da man gewöhnlich nur eine leere Coje vorfindet. Man bekömmt diese Gegenstände in jeder Hafenstadt billig zu kaufen.

Außerdem thut man auch gut, sich mit farbiger Wäsche zu versehen. Die Stelle des Wäschers vertritt ein Matrose, und daß man da die Wäsche nicht im besten Zustande zurückbekömmt, ist leicht begreiflich.

Sind die Matrosen gerade mit der Stellung der Segel beschäftiget, so muß man außerordentlich Acht haben, von einem herabfallenden Taue nicht beschädiget zu werden.

Doch all' diese Unannehmlichkeiten sind noch sehr gering — die wahre Qual beginnt gegen das Ende der Reise. Des Kapitän's Geliebte ist sein Schiff. Auf dem Meere gestattet er ihr das bequeme Negligée; aber im Hafen muß sie geputzt und geschmückt erscheinen. Keine Spur der weiten Reise, der Stürme, der glühenden Sonnenhitze darf man an ihr gewahren. Da beginnt denn ein unaufhörliches Hämmern, Hobeln und Sägen; jeder Sprung, jede Fuge und Beschädigung wird ausgebessert und am Ende das ganze Schiff mit Oelfarbe übermalt. Am ärgsten ist das Gehämmer, wenn die Fugen des Deckes ausgebessert und mit Theer eingelassen werden. Dies ist beinahe unerträglich.

Aber genug von den Unannehmlichkeiten. Ihre Beschreibung soll nur dazu dienen, jene, die noch nie zur See gereist sind, einigermaßen vorzubereiten. Leute, die in Seehäfen wohnen, bedürfen dieser Andeutungen freilich nicht, denn die hören ja täglich davon sprechen; — nicht so wir armen Binnenstädter. Wir wissen oft kaum, wie ein Segel- oder Dampfschiff aussieht, viel weniger, wie man darauf lebt. Ich spreche aus Erfahrung, und weiß nur zu gut, was ich bei meiner ersten Seereise litt, weil ich, von nichts unterrichtet, außer einiger Wäsche und Kleidung, nichts mit mir nahm.

Nun zu dem weiteren Verlaufe meiner Reise. Am 28. Juni Abends schifften wir uns ein, und am 29. vor Sonnenaufgang wurden die Anker gelichtet. Die Reise begann eben nicht sehr ermuthigend; wir hatten höchst flauen, beinahe gar keinen Wind, jeder Fußgänger ward, im Vergleiche zu uns, ein Schnellläufer — wir legten die 8 Meilen [Auf der See wie auf Flüssen rechne ich immer nach Seemeilen, von welchen vier auf eine geographische Meile kommen.] bis Blankenese in sieben Stunden zurück.

Zum Glücke ward uns diese Langsamkeit nicht so lästig, da wir Anfangs noch lange die herrliche Hafenstadt im Gesichte behielten, und später an der holsteinischen Küste an den schönen Landhäusern der reichen Hamburger, die auf reizenden Hügeln gelegen, und von zierlichen Gärten umgeben sind, fortwährend unser Auge ergötzten. So schön dieses Ufer ist, so einfach und langweilig ist das linke, das Hannoveranische. Die Elbe hat an manchen Stellen schon eine Breite von 3 bis 4 Meilen.

Unterhalb Blankenese versehen sich die Schiffer mit Wasser aus der Elbe, das zwar schmutzig und trübe aussieht, doch die gute Eigenschaft haben soll, jahrelang der Fäulniß zu widerstehen.

Glückstadt (32 Meilen von Hamburg) erreichten wir erst am 30. Morgens. Der Wind hörte hier ganz auf, die Fluth gewann die Oberhand, und wir trieben zurück. Der Kapitän ließ daher die Anker fallen, und benützte diese aufgedrungene Ruhe, die Kisten und Koffer auf und unter dem Decke befestigen zu lassen. Uns Müßiggängern wurde erlaubt an's Land zu gehen und das Städtchen zu besehen, an dem wir jedoch wenig zu bewundern fanden.

Die Reisegesellchaft bestand aus 8 Personen. Die vier Cajütenplätze waren, außer dem Grafen B. und mir, noch von zwei jungen Leuten besetzt, die in Brasilien schneller Glück zu machen hofften als in Europa. — Der Preis eines Cajütenplatzes betrug 100, jener des Zwischendeckes 50 Dollars.

Im Zwischendecke befand sich, außer zwei achtbaren Bürgersmännern, noch ein altes Mütterchen, die dem Rufe ihres einzigen, in Brasilien angesiedelten Sohnes folgte, und eine Frau, deren Mann bereits 6 Jahre in Rio de Janeiro das Schneiderhandwerk betrieb. Man lernt sich auf Schiffen schnell kennen und hält so viel als möglich zusammen, um dadurch die Einförmigkeit einer langen Seereise erträglich zu machen.

Am 1. Juli gingen wir bei ziemlich stürmischem Wetter wieder unter Segel. Wir gewannen einige Meilen; mußten uns aber alsbald wieder vor Anker legen. Die Elbe ist nun schon so breit, daß man ihrer Ufer kaum mehr ansichtig wird. Durch die Heftigkeit des Wellenschlags zeigte sich bereits bei einigen aus unserer Gesellschaft die Seekrankheit. Auch am 2. Juli versuchten wir die Anker zu lichten, es war jedoch so erfolglos wie Tags zuvor. Gegen Abend sahen wir einige Delphine, auch Tummler genannt, nebst mehreren Möven — Verkünder der nahen See.

Viele Schiffe zogen gar eilig an uns vorüber, — ach, sie konnten Sturm und Wind benützen, ihnen schwellte er die Segel, und trieb sie eilend der nahen Stadt zu. Wir mißgönnten ihnen dies Glück, und vielleicht hatten wir es dieser christlichen Liebe zu danken, daß wir auch am 3. Juli nicht weiter als bis Kurhaven (64 Seemeilen von Hamburg) kamen.

Der 4. Juli war ein schöner, herrlicher Tag — für Jene, die ruhig am Lande bleiben konnten; aber für Seefahrer war er sehr schlecht, denn es ging auch nicht das kleinste Lüftchen. Am unsern Klagen zu entgehen rühmte uns der Kapitän das niedliche Städtchen, und ließ uns an's Land setzen. Wir besahen sowohl das Städtchen als auch das Badehaus und den Leuchtthurm, und gingen dann sogar nach dem sogenannten "Busch", wo wir, wie man uns sagte, eine große Menge von Erdbeeren finden würden. — Nachdem wir bei glühender Hitze eine gute Stunde über Felder und Wiesen gestrichen waren, fanden wir wohl den Busch, aber statt der Erdbeeren nur Frösche und Nattern.

Wir drangen nun in den magern Hain, und sahen bei 20 Zelte aufgeschlagen; ein geschäftiger Wirth trat hervor, und während er uns einige Gläser schlechter Milch kredenzte, erzählte er, daß hier im Busche alljährlich durch 3 Wochen, oder eigentlich besser gesagt, an drei Sonntagen (denn unter der Woche blieben die Zelte geschlossen) Markt gehalten werde. Auch die Frau Wirthin trippelte herbei, und lud uns gar freundlich ein, ja nur den nächsten Sonntag hier zuzubringen. Wir würden uns, wie sie sagte, gewiß "köstlich amüsiren"; wir älteren hätten Unterhaltung an den erstaunlichen Künsten der Seiltänzer und Taschenspieler, und die jungen Herren würden schmucke Dirnen zum Tanze finden.

Wir thaten sehr erfreut über diese Einladung, versprachen ganz sicher zu kommen, und gingen dann noch nach Ritzebüttel, wo wir ein Schlößchen und einen Miniaturpark bewunderten.

5. Juli. Nichts ist so veränderlich als das Wetter; gestern schwelgten wir im Sonnenscheine, heute umgab uns dichter, finsterer Nebel, — und doch war uns das heutige schlechte Wetter lieber als das gestrige schöne, denn es erhob sich etwas Wind, und um 9 Uhr Morgens hörten wir die Ankerwinde knarren.

Unsere jungen Leute mußten sich nun die Parthie nach dem Busche aus dem Kopfe schlagen, und das Tanzen mit hübschen Mädchen bis zur Ankunft in dem neuen Welttheile verschieben, — in Europa sollte kein Fuß mehr an's Land gesetzt werden.

Der Uebergang von der Elbe in die Nordsee ist kaum bemerkbar, da sich die Elbe nicht in Arme theilt, und bei ihrem Ausflusse eine Breite von 8 — 10 Meilen hat. Sie bildet selbst ein kleines Meer, und hat auch schon die grüne Farbe desselben angenommen. Wir waren daher sehr überrascht, als uns der Kapitän freudig zurief: "Nun haben wir den Strom übersegelt!" — wir meinten, schon lange auf dem Meere zu schiffen!

Nachmittags sahen wir die Insel Helgoland (den Engländern gehörig), die wirklich zauberhaft aus dem Meere emporsteigt. Sie ist ein nackter, kolossaler Fels, und hätte ich nicht aus einer der neuesten Geographien gewußt, daß sich bei 2500 Menschen darauf aufhalten, ich hätte die ganze Insel für unbewohnt betrachtet. Auf drei Seiten steigen die Felsenwände so schroff aus dem Meere, daß man gar nicht anlanden kann.

Wir schifften in ziemlicher Ferne vorüber, und sahen nur den Kirch- und Leuchtturm und den sogenannten "Mönch," einen freistehenden, senkrecht abfallenden Fels, der von dem eigentlichen Stammfels getrennt ist und einen Streifen des Meeres durchschimmern läßt.

Die Einwohner sind sehr arm. Die einzigen Quellen ihres Erwerbes sind der Fischfang und die Badegäste, deren jährlich Viele kommen, da die hiesigen Seebäder, ihres außerordentlichen Wellenschlages wegen, von großer Wirkung sein sollen. Leider besorgt man, daß dieser Badeort nicht sehr lange mehr existiren dürfte, — alljährlich soll die Insel kleiner werden, bedeutende Felstrümmer lösen sich beständig ab, und das ganze Eiland kann einstens in die Tiefe des Meeres versinken.

Vom 5. bis 10. Juli hatten wir beständig stürmische und kalte Witterung, hohe See und starkes Rollen des Schiffes. Unter uns armen "Landkrabben" (so nennen die Seeleute die Landbewohner) herrschte allgemein die Seekrankheit. Den Kanal von England, auch Kanal la Manche genannt (360 Meilen von Kurhaven), erreichten wir erst in der Nacht vom 10. auf den 11.

Wir erwarteten mit Sehnsucht die aufgehende Sonne, — sie sollte uns zwei der mächtigsten Reiche Europas zeigen. Zum Glücke bekamen wir einen schönen heitern Tag, und die beiden Reiche lagen vor unsern Blicken so nahe und herrlich, daß man zu glauben geneigt war, ein Schwestervolk bewohne die beiden Länder.

An Englands Küste sahen wir North—Foreland, das große Castell Sandowe, und die sich am Fuße der mehrere Meilen langen, etwa 150 Fuß hohen Kreidewände ausbreitende Stadt Deal; ferner South—Foreland, und endlich das antike Castell Dover, das ächt ritterlich auf einer Anhöhe thront und die Umgegend Dover gegenüber, wo der Kanal am schmälsten ist, sahen wir an Frankreichs Küste Cap Grisnez, wo Napoleon ein kleines Gebäude errichten ließ, um, wie man sagt, nach England wenigstens sehen zu können — weiterhin den Obelisk, welchen Napoleon zur Erinnerung eines Lagers bei Boulogne setzen ließ, der aber erst unter Louis Philipp beendet wurde.

In der Nacht mußten wir in der Gegend von Dover kreutzen, da der Wind nicht zu unserm Vortheil war. Bei der tiefen Finsterniß, die Land und Meer bedeckte, war dieß sehr gefährlich, einerseits wegen der nahen Küste, andererseits wegen der Menge von Schiffen, die den Kanal befahren. Um das Zusammenstoßen zu vermeiden, wurde auf dem Fokmaste eine Laterne aufgehangen, zeitweise eine Fakel angezündet und über Bord gehalten, und manchmal mit der Schiffsglocke geläutet — lauter sehr beängstigende Zeichen für einen der Seefahrt noch Ungewohnten.

Vierzehn Tage hielt uns der 360 Meilen lange Kanal gefangen; oft blieben wir 2 — 3 Tage an einer und derselben Stelle wie festgebannt, oft mußten wir Tagelang kreutzen, um nur einige Meilen zu gewinnen. In der Nähe von Start überfiel uns sogar ein tüchtiger Sturm. In der Nacht wurde ich plötzlich auf das Deck gerufen. Schon wähnte ich, es sei irgend ein Unglück geschehen. Ich warf nur einige Kleider um, und eilte hinauf, — da hatte ich den überraschenden Anblick eines Feuermeeres; das Kielwasser bildete einen so starken Feuerstreif, daß man dabei hätte lesen können, die Wogen an der Seeseite glichen glühenden Lavaströmen, und jede aufspringende Welle warf Feuerfunken aus. Die Züge der Fische umgab ein unnachahmliches Licht, — weit und breit erschimmerte Alles.

Dieses außerordentliche Leuchten des Meeres gehört zu den seltenen Erscheinungen, und es ereignet sich höchstens nach anhaltenden, heftigen Stürmen. Der Kapitän erzählte mir, daß er selbst noch nie das Meer in solcher Art habe leuchten gesehen. Mir wird dieser Anblick ewig unvergeßlich bleiben.

Eine andere, kaum minder schöne Erscheinung bot uns einst, nach einem Gewitter, das Wiederspiegeln der sonnebeglänzten Wolken auf der Meeresfläche. Sie schimmerten und prangten in einem Farbenspiele, das noch jenes des Regenbogens übertraf.

Eddystower, den berühmtesten Leuchtthurm Europa's, konnten wir mit voller Muße betrachten, da wir zwei Tage in seinem Angesichte kreutzten. Die Höhe, Kühnheit und Stärke seines Baues ist wirklich wunderbar, noch wunderbarer aber seine Lage auf einem gefährlichen Riffe; vier Meilen von der Küste, entfernt erscheint er wie in das Meer hinein gemauert.

Wir schifften häufig so nahe an der Küste von Cornwallis, daß wir nicht nur jedes Dörfchen genau betrachten konnten, sondern selbst die Menschen auf den Straßen und Feldern sahen; das Land ist hügelig und üppig, und scheint sehr sorgfältig kultivirt.

Die Temperatur war während der ganzen Fahrt im Kanal ziemlich kalt und rauh; nur selten stieg der Thermometer über 15 Grad [Ich rechne stets nach Reanmur, und zwar in Schatten.].

Endlich, am 24. Juli, erreichten wir das Ende des Kanales, und kamen in die hohe See; wir hatten ziemlich guten Wind, und befanden uns an 2. August schon auf der Höhe von Gibraltar, wo uns eine Windstill überfiel, die 24 Stunden anhielt. Der Kapitän warf einige Stücke weißen Geschirres, so wie einige große Knochen in das Meer, um uns zu zeigen, wie wunderschön grün derlei Gegenstände erscheinen, wenn sie langsam in die Tiefe sinken; natürlich kann man dies nur bei gänzlicher Windstille bemerken.

Des Abends erfreuten uns viele Mollusken durch ihr schönes Leuchten im Meere; sie sahen aus wie handgroße, schwimmende Sterne; auch bei Tage sahen wir sie häufig unter dem Wasser. Bräunlichroth gefärbt glichen sie an Form einem Fliegenschwamme; manche hatten einen dicken Stengel, der unter etwas ausgefranzt war; bei andern hingen statt des Stengels viele Fäden hinab.

4. August. Heute war der erste Tag, der sich durch Hitze als südlich kund gab, doch fehlte ihm, wie auch den folgenden, jener reine, dunkelblaue Himmel, der sich so unnachahmlich schön über das Mittelmeer wölbt. Eine kleine Entschädigung gewährten die Auf- und Untergänge der Sonne, die oft von den seltsamsten Wolkenbildungen und Farbenmischungen begleitet waren.

Wir befanden uns auf der Höhe von Marokko, und waren an diesem Tage so glücklich, eine große Menge Boniten zu sehen. Das ganze Schiffspersonale kam in Bewegung, und von allen Seiten wurden Angeln ausgeworfen, — leider ließ nur ein einziger sich von unsern freundlichen Lockungen verführen, er biß an, — und sein gutmüthiges Vertrauen verschaffte uns ein langentbehrtes frisches Gericht.

Am 5. August sahen wir nach 12 Tagen wieder einmal Land, und zwar schon bei Sonnenaufgang das Inselchen Porto Santo, das aus spitzen Bergen besteht, die in ihren Formen vulkanischen Ursprung verrathen. Einige Meilen vor dieser kleinen Insel steht gleich einem Vorposten der schöne Fels Falcon.

Noch am selben Tage kamen wir an Madeira vorüber, (20 Meilen von Porto Santo), aber leider in solcher Ferne, daß wir nichts als den langen Bergrücken sahen, der diese Insel durchschneidet. Unweit Madeira liegen die gebirgigen Inseln Desertas, die bereits zu Afrika gehören.

Wir begegneten nahe diesen Inseln einem Schiffe, welches mit kurzen Segeln unter dem Winde ging, woraus unser Kapitän schloß, daß es ein Kreutzer sei, der Seeräuber auf der Fährte habe.

Am 6. August sahen wir die ersten fliegenden Fische, doch in solcher Entfernung, daß wir sie kaum ausnehmen konnten.

Der 7. August brachte uns in die Nähe der canarischen Inseln, die aber leider, des starken Nebels wegen, für uns unsichtbar blieben. — Nun empfing uns der Passatwind, der von Osten bläst und allen Schiffern erwünscht ist.

In der Nacht vom 9. auf den 10. August traten wir in den Wendekreis der Tropen [Die Tropen erstrecken sich auf 23 Breitengrade südlich und nördlich von der Linie.]. Wir erwarteten nun von Tag zu Tag glühendere Hitze und heiteren Himmel, — und fanden keines von beiden. Die Atmosphäre war düster und neblich und der Himmel so umwölkt, wie dies in unserm rauhen Vaterlande höchstens an einem Novembertage statt hat. Alle Abende thürmten sich die Wolken der Art auf, daß wir stets einem Wolkenbruche entgegen sahen; erst nach Mitternacht heiterte sich der Himmel gewöhnlich wieder auf, und ließ uns die schönen hellglänzenden Sternbilder des Südens bewundern.

Der Kapitän erzählte uns, daß er nun schon zum 14. Mal die Reise nach Brasilien mache, stets die Hitze sehr erträglich gefunden; und den Himmel nie anders als im düstersten Gewande gesehen habe. Dies rühre von der feuchten, ungesunden Küste von Guinea her, deren böse Wirkung sich noch weit über uns hinaus erstrecke; — wir waren 300 Meilen von ihr entfernt.

In den Tropen macht sich der schnelle Uebergang vom Tage zur Nacht schon sehr bemerkbar; 35 — 40 Minuten nach Untergang der Sonne herrscht schon tiefe Finsterniß. Der Unterschied zwichen Tag- und Nachtgleiche vermindert sich noch mehr, je näher man der Linie kömmt. Unter der Linie selbst ist der Tag und die Nacht gleich lang.

Den 14. und 15. August segelten wir parallel mit den Cap-Verdi'schen Inseln. Wir waren kaum 20 Meilen von ihnen entfernt; konnten sie aber des düstern Dunstkreises wegen nicht erblicken. Nun erfreuten uns schon häufig kleine Schwärme fliegender Fische, die sich oft so nahe der Schiffswand erhoben, daß wir sie vollkommen genau betrachten konnten. Sie haben beiläufig die Größe und Farbe der Häringe, nur daß ihre Seitenflossen länger und breiter sind, und sie dieselben öffnen und schließen können, wie kleine Flügel. Sie erheben sich bei 12 — 15 Fuß in die Höhe und fliegen oft über 100 F. weit, worauf sie auf Augenblicke untertauchen, um sich dann neuerdings zu erheben; letzteres geschieht besonders häufig, wenn sie von Boniten oder andern Feinden verfolgt werden. Wenn man sie etwas entfernt vom Schiffe auffliegen sieht, gleichen sie wirklich zierlichen Luftbewohnern. Gar oft sahen wir auch Boniten hinter den Armen herjagen, die dann ebenfalls versuchten, sich über das Wasser zu erheben; selten kam aber mehr als der Kopf zum Vorschein.

Sehr schwer hält es, einen dieser Luftsegler zu erhaschen, da sie sich weder mit Netzen noch Angeln fangen lassen; nur zufällig treibt der Wind manchmal in den Nächten einige auf's Deck oder in den Rost [Rost nennt man den Vorsprung an den äußern Schiffswand, in welchem die Mast-Taue befestigt sind.], wo man sie dann des Morgens todt findet, da sie auf trocknen Stellen nicht die Kraft haben, sich zu erheben. Auf diese Art erhielt ich einige Exemplare.

Heute den 15. August ward uns ein höchst interessantes Schauspiel zu Theil: wir befanden uns gerade um die Mittagsstunde in Zenithe der Sonne, deren Strahlen so senkrecht herabfielen, daß kein Gegenstand den geringsten Schatten warf. Wir stellten Bücher, Stühle, uns selbst in die Sonne, und ergötzten uns ungemein an diesem seltsame Spiele — Dank dem Zufalle, der uns zur rechten Zeit an den rechten Ort führte; — wären wir zur selben Stunde nur Einen Grad näher oder entfernter gewesen, so würde die ganze Erscheinung für uns verloren gegangen sein. — Unsere Lage war: 14 Grad 6 Minuten der Breite; — ein Grad hat 60 Minuten; eine Minute ist gleich einer Seemeile.

Das Messen mit dem Sextanten [Der Sextant ist ein mathematisches Instrument, mittelst welchem berechnet wird, unter welchen Breiten- und Längengraden man sich befindet, und wie man in der Zeit steht. Nach ihm werden auch die Uhren gerichtet. Um die Breitengrade zu bestimmen, mißt man Mittags, aber nur wenn die Sonne scheint, denn sie ist unbedingt nöthig hiezu, weil nach dem Schatten, den sie auf die unten bemerkten Zahlen wirft, die Berechnung gemacht wird. Die Längengrade kann man Vor- oder Nachmittags messen, hiezu ist die Sonne nicht nöthig.] mußte unterbleiben, bis wir uns wieder einige Grade von dem Zenithe der Sonne entfernt hatten.

17. August. Ganze Schaaren von Springern (4 — 5 Fuß lange Fische, zum Geschlechte der Delphine gehörig) tummelten um unser Schiff umher. Schnell wurde eine Harpune zurecht gemacht und eine Matrase damit auf das Bugsprit geschickt, um einen zu harpuniren. Entweder hatte der Bursche kein Glück oder er war in der Kunst des Harpunirens zu unerfahren, der Wurf ging fehl, und das Wunderbare dabei war, daß die Thiere wie mit einem Zauberschlage verschwanden, und auf mehrere Tage nicht mehr zum Vorscheine kamen; es war, als ob sie sich einander zugeflüstert und vor der drohenden Gefahr gewarnt hätten. Desto häufiger kam ein anderes Geschöpf des Meeres zum Vorscheine, die herrliche Molluske Physolide, in der Schiffersprache "portugiesisches Segelschiff" genannt. Auf der Oberfläche des Meeres schwimmend gleicht sie mit ihrem länglichen Kamme, den sie auf- und niederlegen kann, wirklich einem kleinen, zierlichen Segler. Ich hätte mir gerne eines dieser Thierchen verschafft; aber es zu erhaschen war nur mittelst eines Netzes möglich, und ich hatte keines, auch nicht einmal Nadel und Bindfaden, um mir schnell eines zu verfestigen. Die Noth aber macht erfinderisch, ich schnitzte eine Nadel aus Holz, drehte einen groben Bindfaden auf, und nach einigen Stunden hatte ich ein Netz. Bald war auch eine Molluske gefangen und in ein mit Seewasser gefülltes Gefäß gesetzt. Der Körper des Thierchens ist bei 6 Zoll lang und 2 Zoll hoch; über den ganzen Rücken zieht sich der Kamm, der in der Mitte, wo er am höchsten ist, bei 1 1/2 Zoll mißt. Kamm und Körper sind durchsichtig und wie angehaucht von blasser Rosafarbe; an dem Unterkörper, der violett gefärbt ist, hängen viele Fäden oder Arme von derselben Farbe.

Ich hing das Thierchen außerhalb des Schiffes am Stern auf, um es zu trocknen; einige der Fäden reichten bis in die See (eine Tiefe von wenigstens 12 Fuß), fielen aber meist ab. Der Kamm blieb nach dem Tode aufgerichtet und der Körper vollkommen ausgedehnt; die schöne Rosafarbe aber ging in weiß über.

18. August. Heute wurde uns ein heftiges Donnerwetter zu Theil. Es war uns sehr erwünscht, da es die Luft bedeutend kühlte. Zwischen dem 11. und dem 2. bis 3. Breitengrade nördlich der Linie (Aequator) finden überhaupt häufige Veränderungen in Luft und Wetter statt. So überfiel uns auch am Morgen des 20. ein bedeutender Wind, der die Wogen des Meeres stockhoch aufthürmte, und bis Abend anhielt, wo ihn ein tropischer Regen, den man bei uns einen Wolkenbruch nennen würde, ablöste. Unser Deck war augenblicklich in einen See verwandelt, dabei trat solche Windstille ein, daß selbst das Steuerruder vollkommen Ferien hatte.

Mich kostete dieser Regen eine Nacht, denn als ich Besitz von meiner Koje nehmen wollte, fand ich das Bettzeug ganz durchnäßt, und mußte mein Lager auf einer hölzernen Bank suchen.

Am 27. August kamen wir aus dem Bereiche dieser uns so feindlichen Grade, und wurden nun von dem sehnlich erwünschten Süd-Ost-Passat empfangen, der uns rasch vorwärts brachte.

Wir waren nun schon der Linie sehr nahe, und hätten gerne, gleich andern Reisenden, die gepriesenen Sternbilder des Südens gesehen. Am begeistertsten hörte ich immer von dem südlichen Kreuze sprechen. Da ich selbes aus den Sternen nicht heraus fand, so bat ich unsern Kapitän, es mir zu zeigen. Er meinte, nichts davon gehört zu haben, ebenso der Obersteuermann, nur dem Untersteuermanne schien es nicht ganz unbekannt. Mit seiner Hülfe fanden wir auch wirklich am sternbesäeten Firmamente vier Sterne, die ungefähr die Form eines etwas schiefen Kreuzes bildeten, aber durchaus nichts besonderes an sich hatten und uns gar keine Begeisterung einflößten. — Herrlich dagegen waren: der Orion, der Jupiter und die Venus; letztere erglänzte der Art, daß ihr Licht eine schöne Silberfurche über das Meer zog.

Das Fallen vieler und großer Sternschnuppen kann ich ebenfalls nicht bestätigen. Es fielen wohl mehr als in kalten Ländern; aber gar zu häufig kommen sie auch nicht vor, und was ihre Größe betrifft, so sah ich nur eine, welche die unsern übertraf; sie erschien ungefähr dreimal so groß als ein gewöhnlicher Stern.

Seit einigen Tagen bemerkten wir auch schon die "magellanischen oder Cap-Wölkchen", und die sogenannte "schwarze Wolke", — erstere sind licht und werden, gleich der Milchstraße, durch zahllose kleine Sterne gebildet, die dem entwaffneten Auge nicht sichtbar sind; letztere erscheint schwarz, da an dieser Stelle des Firmamentes gar keine Sterne sein sollen.

Alle diese Zeichen machten uns auf den interessantesten Moment dieser Fahrt aufmerksam, — auf das Ueberschreiten der Linie.

Am 29. August Nachts 10 Uhr begrüßten wir, die südliche Hemisphäre! Ein beinah stolzes Gefühl bemächtigte sich Aller, aber besonders jener, die zum ersten Mal die Linie überschritten. Wir schüttelten einander freudig die Hände, und beglückwünschten uns, als hätten wir eben eine Heldenthat vollbracht. Einer der Reisenden hatte für diese Feierlichkeit ein Paar Flaschen Champagner mitgenommen. Lustig flogen die Stöpfsel in die Luft, und ein fröhliches Lebehoch wurde der neuen Hemisphäre zugetrunken.

Unter dem Schiffsvolke fand keine Feierlichkeit statt; es ist dieß auf den wenigsten Schiffen mehr gebräuchlich, da dergleichen Feste selten ohne Unordnung und Trunkenheit ablaufen. — Unserm Schiffsjungen, der die Linie zum erstenmale passirte, konnten es aber die Matrosen doch nicht ganz schenken, und er wurde mit einigen Eimern Seewasser tüchtig getauft.

Schon lange vor Erreichung der Linie hatten wir Reisende von all' den Leiden und Qualen gesprochen, die wir unter dem Aequator würden auszustehen haben. Jeder hatte irgend etwas Fürchterliches gelesen oder gehört, und theilte es den Andern mit. Der Eine erwartete Kopfschmerzen oder Magendrücken, der Zweite sah die Matrosen vor Mattigkeit dahin sinken, der Dritte fürchtete eine glühende Hitze, die nicht nur den Theer schmelzen [Zur Schmelzung des Theers in den Fugen des Schiffes, braucht die Hitze eben nicht sehr bedeutend zu sein; ich sah ihn schon bei 22 Graden in der Sonne weich werden und Blasen aufwerfen.], sondern das ganze Schiff derart austrocknen werde, daß nur beständiges Begießen mit Wasser das Entzünden desselben werde verhüten können, — der Vierte sah wieder alle Lebensmittel verderben und uns dem Hungertode nahe.

Was mich nun selbst betraf, so freute ich mich schon außerordentlich auf die tragischen Erzählungen, die ich meinen theuren Lesern würde auftischen können; ich sah sie Thränen vergießen über unsere ausgestandenen Leiden, — ich kam mir schon vor wie eine halbe Märtyrerin!

Ach! ich hatte mich bitter getäuscht. Wir blieben Alle gesund, — von den Matrosen sank keiner hin, — das Schiff verbrannte nicht, und die Lebensmittel verdarben nicht, — sie blieben so schlecht wie zuvor.

3. September. Vom 2. bis zum 8. Breitengrade, südlich der Linie, sind die Winde unregelmäßig, und oft sehr ungestüm. Wir hatten eben heute den 8. Grad zurückgelegt, und zwar ohne Land zu gewahren, was den Kapitän in die heiterste Laune versetzte. Er erklärte uns, daß wir, wenn Land sichtbar geworden wäre, bis beinah' an die Linie zurückgemußt hätten, weil die Strömung dem Lande zu ungeheuer heftig sei, und man die Fahrt nur in der gehörigen Entfernung vom Lande ungehindert fortsetzen könne.

7. September. Zwischen dem 10. und 20. Grade herrschen wieder ganz eigenthümliche Winde. Sie heißen Vamperos und zwingen den Seefahrer zu immerwährender Aufmerksamkeit, da sie plötzlich kommen und oft sehr heftig sind. Diese Nacht überfiel uns ein solcher, aber glücklicherweise keiner der heftigsten. Nach einigen Stunden war alles vorüber, — nur die See wollte sich lange nicht beruhigen.

Auch am 9. und 11. September hatten wir kurze Anfälle des Vampero zu überstehen; die stärksten kamen aber zum Schlusse am:

12. und 13. September. Den einen bezeichnete der Kapitän zwar nur als "eine starke Briese," den 2. trug er aber schon als "Sturm" in's Logbuch [Das Logbuch ist das Tagebuch des Schiffers. Alle 4 Stunden wird darin genau verzeichnet, welche Winde man hatte, wie viele Meilen man gesegelt u.s.w., kurz alle Begebenheiten. Mit diesem Buche muß sich der Kapitän beim Schiffseigenthümer ausweisen.]. Die starke Briese kostete uns ein Segel, der Sturm zwei. Die See ging fortwährend so hoch, daß uns das Essen die größte Mühe kostete. Mit einer Hand mußte man den Teller und zugleich sich selbst am Tische festhalten, während man mit der andern die Speisen dem Munde höchst mühsam zuführte. Des Nachts mußte ich mich in der Coje mit Mantel und Kleidern fest stauen (packen), um meinen Körper vor blauen Flecken zu schützen.

Am Morgen des 13. war ich schon mit Tagesanbruch auf dem Decke. Der Steuermann führte mich an die Schiffswand und hieß mir, den Kopf darüber hinaus zu halten und die Luft einzuathmen; — ich sog den herrlichsten Blüthenduft ein. Ueberrascht blickte ich umher und meinte das Land sehen zu müssen. Es lag jedoch noch weit entfernt, und nur der Sturm wehte den zarten Duft vom Lande her. Sonderbar war es, daß er innerhalb des Schiffes ganz verloren ging.

Das Meer selbst war bedeckt mit unzähligen Leichen armer Schmetterlinge und Nachtfalter, die ebenfalls der Sturm in's Meer getragen. Auf einer der Schiffsraaen ruhten zwei niedliche Vögelchen, noch ganz matt und erschöpft von dem ungewohnten weiten Fluge.

Für uns, die wir 2½ Monate lang nichts als Himmel und Wasser gesehn hatten, waren all' diese Erscheinungen höchst ergötzlich, und wir spähten nun sehnsüchtig nach dem Cap Frio, welchem wir schon sehr nahe waren. Der Horizont war aber wolkig und neblig, und die Sonne hatte keine Kraft den trüben Schleier zu zerreißen. Wir hofften auf den nächsten Morgen, — da brach in der Nacht ein neuer Sturm aus, der bis 2 Uhr anhielt. Das Schiff wurde so weit als möglich in die offene See gesteuert, und wir waren am Ende noch glücklich, am Tage dieselbe Höhe und Breite wieder zu erreichen, die wir Abends zuvor gehabt hatten.

Auch heute, den 14. September, gelang es der Sonne nur selten, das düstere Gewölke zu durchbrechen; dabei war es sehr kalt, der Thermometer stieg nur auf 14 Grade. Nachmittags waren wir endlich so glücklich, die Umrisse des Cap Frio (60 Meilen von Rio de Janeiro entfernt) zu erblicken, doch nur auf einige Stunden, denn ein abermaliger Sturm zwang uns wieder die hohe See zu suchen.

Am 15. September war und blieb alles Land unsern Augen entrückt, und nur einige Möven, Wassertauben von Cap Frio, verriethen uns die Nähe desselben, und gewährten uns einige Zerstreuung. Sie schwammen dicht an der Seite des Schiffes und verschlangen begierig jedes Stückchen Fleisch oder Brot, das wir ihnen zuwarfen. Die Matrosen fischten mit Angeln nach ihnen, und waren wirklich so glücklich, welche zu fangen. Sie setzten sie auf das Deck, und da sah ich zu meinem Erstaunen, daß sie sich vom Boden gar nicht erheben konnten. Wenn wir sie berührten, schleppten sie sich nur höchst mühsam einige Schritte weiter, während sie sich von der Wasserfläche mit bedeutender Schnelligkeit erhoben, und sehr hoch fliegen konnten.

Gerne hätte einer der Herren einen getödtet, um ihn auszustopfen; allein der Aberglauben der Schiffer protestirte dagegen. Sie sagten: Wenn man auf dem Schiffe Vögel tödtet, fallen dauernde Windstillen ein. Wir folgten ihrem Wunsche und übergaben sie wieder ihrem Luft- und Wasser-Elemente.

Es war uns dieß ein neuer Beweis, daß der Aberglaube unter den Seeleuten noch sehr heimisch ist. In der Folge kamen mir noch viele Beispiele vor. So sah es auf einem Schiffe der Kapitän sehr ungern, daß sich die Reisenden mit Karten- oder andern Spielen erluftigten, — auf einem andern Schiffe sollte Niemand des Sonntags schreiben, u.s.w. Bei Windstillen wurden häufig leere Tonnen oder Stücke Holz in das Meer geworfen — vermuthlich, um dadurch den Göttern der Winde Opfer zu bringen.

Am 16. September. Morgens waren wir endlich so glücklich, die vor Rio de Janeiro gelegenen Gebirge zu erblicken, unter welchen wir auch sogleich den Zuckerhut herausfanden. Schon um 2 Uhr Mittags fuhren wir in die Bucht und in den Hafen von Rio de Janeiro ein.

Gleich am Eingange dieser Bucht liegen mehrere Bergkegel, die sich theils, gleich dem Zuckerhute, einzeln aus der See erheben, theils am Fuße mit andern zusammenhängen und beinah' unbesteigbar sind [Vor mehreren Jahren hat ein Matrose den Versuch gemacht, den Zuckerhut zu erklimmen; es gelang ihn zwar dessen Höhe zu erreichen, aber nicht, wieder herabzukommen. Wahrscheinlich glitt er aus und stürzte in die See.]. Durch dieses "Meergebirge", wie ich es nennen möchte, bilden sich die überraschendsten Ansichten, indem man bald wunderbare Schluchten, bald einen reizend gelegenen Theil der Stadt, bald wieder das hohe Meer, bald wieder eine herrliche Bucht erblickt. Aus der Bucht selbst, an deren Ende die Hauptstadt liegt, entsteigen Felsmassen, die Festungswerken als Grundlagen dienen. Auf einigen der Bergkuppen oder Hügel liegen Kapellen und auch Festungswerke. An eines der größten der letzteren, an St. Cruz, muß man so nahe als möglich heranfahren, um die nöthigen Auskünfte zu ertheilen.

Von dieser Festung rechts zieht sich der schöne Gebirgsrücken Serados-Orgôas hin, der, nebst andern Bergen und Hügeln, eine herrliche Bucht umsäumt, an deren Ufer das Städtchen Praya-grande, einige Dorfschaften und einzelne Gehöfte liegen.

Am Ende der Hauptbucht breitet sich Rio de Janeiro aus, von einer mittelhohen Gebirgskette umgeben (worunter der Corcovado, von 2100 Fuß), hinter welcher sich auf der Landseite des Orgelgebirge erhebt, das seinen Namen den vielen riesigen, gleich Orgelpfeifen in Reih und Glied aufgestellten Zacken verdankt. (Die höchste Spitze darunter von 5000 Fuß.)

Ein Theil der Stadt ist, wie bereits bemerkt, durch den Telegraphenberg und mehrere Hügel verborgen, auf welchen nebst dem Telegraphen, ein Kapuzinerkloster und andere kleine Gebäude liegen. Von der Stadt sieht man mehrere Häuserreihen und Plätze, das große Spital, die Klöster St. Luzia und Moro do Castella, das Convent St. Bento, die schöne Kirche St. Candelaria und einige Theile der wahrhaft großartigen Wasserleitung. Knapp an der See liegt der öffentliche Stadtgarten (Passeo publico), der durch seine hübschen Palmen, wie durch eine elegante, gemauerte Gallerie mit zwei Pavillons sehr in die Augen fällt. — Links stehen auf Anhöhen einzelne Kirchen und Klöster, als St. Gloria, St. Theresia u.s.w. An diese reihen sich die Praya Flamingo und Botafogo, ausgedehnte Dörfer mit schönen Villen, niedlichen Gebäuden und Gärten, die sich bis in die Nähe des Zuckerhutes verlieren, und so das wundervollste Rundgemälde schließen. — Zu all diesem geben nun noch die vielen Schiffe, die theils im Hafen vor der Stadt, theils in den verschiedenen Buchten vor Anker liegen, — die reiche, üppige Vegetation, das viele fremdartige und überseeische ein Bild, dessen Reize umfassend zu schildern meiner Feder leider nicht möglich ist.

Selten ist man so glücklich, sich gleich bei der Einfahrt eines so schönen ausgedehnten Anblickes zu erfreuen, wie er mir zu Theil wurde, — Nebel, Wolken, oder ein feuchter Dunstkreis verdecken häufig einzelne Partien und stören dadurch den wunderbaren Eindruck des Ganzen.

In solch' einem Falle rathe ich jedem, der einige Zeit in Rio de Janeiro bleibt, an einem vollkommen heiteren Tage mit einem Kahne bis St. Cruz zu fahren, um sich diesen einzig schönen Anblick zu verschaffen.

Es wurde beinahe dunkel bis wir den Ankerplatz erreichten. Erst mußten wir bei St. Cruz anhalten und Auskunft geben, dann auf einen Offizier warten, der die Pässe und versiegelten Briefe in Empfang nahm, dann auf den Arzt, der uns betrachtete, ob wir vielleicht nicht die Pest oder das gelbe Fieber mitbrächten, und endlich wieder auf einen Offizier, der verschiedene Pakete und Kistchen in Empfang nahm, und uns den Ankerplatz anwies.

So war es für uns zu spät geworden, und es ging nur der Kapitän allein an's Land. Wir aber blieben auf dem Decke, und betrachteten noch lange das wunderherrliche Bild, bis die hereinbrechende Nacht Land und Meer tief überschattete.

Wir Alle gingen heute fröhlich zur Ruhe, wir hatten das schöne Ziel der langen Reise ohne große Unfälle glücklich erreicht, — nur die arme Schneidersfrau erwartete eine herbe Nachricht, die ihr der gute Kapitän heute noch verschwieg, um sie der Nachtruhe ungestört genießen zu lassen. — Als nämlich der Schneider Kunde erhielt, daß sich seine Frau wirklich auf der Reise befände, ging er mit einer Negerin durch, und hinterließ nichts als — Schulden.

Die arme Frau hatte ihr sicheres Brod im Vaterlande aufgegeben (sie ernährte sich durch Spitzen- und Kleiderputzen), ihr Erspartes der Reise geopfert, und nun saß sie verlassen und hilflos in einem fremden Welttheile [Tage nach ihrer Ankunft nahm sie die würdige Familie Lallemand bei sich auf.].

Von Hamburg bis Rio de Janeiro gegen 7500 Seemeilen.

Ankunft und Aufenthalt in Rio de Janeiro.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung. Ankunft. Beschreibung der Stadt. Die Schwarzen und ihre Verhältnisse zu den Weißen. Künste und Wissenschaften. Kirchenfeste. Taufe der kaiserlichen Prinzessin. Feste in den Kasernen. Klima und Vegetation. Sitten und Gebräuche. Einige Worte an die Auswanderer. Statistische Notizen über Brasilien.

Ich hielt mich, die kürzeren und längeren Ausflüge in das Innere des Landes abgerechnet, über zwei Monate in Rio de Janeiro auf; will aber meine Leser durchaus nicht mit einem vollständigen Verzeichnisse aller geringfügigen, alltäglichen Ereignisse ermüden, sondern ihnen nur im Allgemeinen das Hervorragende der Stadt, und der Sitten und Gebräuche ihrer Einwohner erzählen, wie ich Gelegenheit hatte es während meines Aufenthaltes kennen zu lernen; die Beschreibung meiner Ausflüge werde ich in der Form eines Anhanges folgen lassen, und erst dann wieder den Faden meines Tagebuches ergreifen.

Es war am 17. September Morgens, als ich nach beinahe 2 1/2 Monaten zum erstenmale wieder festen Boden betrat. Der Kapitän geleitete uns Reisende selbst an's Land, nachdem er noch Jedem angelegentlich empfohlen hatte, ja nichts einzuschmuggeln und ganz besonders keine versiegelten Briefe. "Nirgends," versicherte er, "seien die Zollbeamten so strenge und die Strafen so groß."

Als wir das Wachtschiff erblickten, waren wir daher beinahe ängstlich, und meinten vom Kopfe bis zu den Füßen untersucht zu werden. Der Kapitän bat um die Erlaubniß, mit uns an's Land gehen zu dürfen. Dies wurde sogleich bewilligt, — und damit war die ganze Sache abgethan. So lange wir auf dem Schiffe wohnten, und nach der Stadt hin- und herfuhren, wurden wir nie einer Untersuchung ausgesetzt; nur als wir Kisten und Koffer mitnahmen, mußten wir nach dem Zollhause fahren, wo die Untersuchung strenge, und der Zoll für Waaren, Bücher, u.s.f. sehr groß ist.

Wir landeten an der Praya dos Minieros, einem schmutzigen, ekelhaften Platze, bevölkert mit einigen Dutzenden eben so schmutziger, ekelhafter Schwarzen, die auf dem Boden kauerten, und Früchte und Näschereien zum Verkaufe laut schreiend und preisend anboten. — Von da kamen wir gleich in die Hauptstraße (Rua direita), deren einzige Schönheit ihre Breite ist. Sie enthält mehrere öffentliche Gebäude, wie das Zollhaus, die Post, die Börse, Wache u.s.w., die aber Alle so unansehnlich sind, daß man sie gar nicht bemerken würde, ständen nicht immer viele Leute davor.

Am Ende dieser Straße liegt das kaiserliche Schloß, ein ganz gewöhnliches großes Privatgebäude, ohne Ansprüche auf Geschmack und schöne Architektur. Der Platz davor (Largo do Paco), mit einem einfachen Brunnen geziert, ist sehr unrein, und dient des Nachts vielen armen, freien Negern zur Schlafstelle, die dann des Morgens ihre Toilette ganz ungenirt vor aller Leute Augen machen. Ein Theil des Platzes ist von einer Mauer umfaßt, und wird als Fisch-, Obst-, Gemüse und Geflügel-Markt verwendet.

Von den übrigen Straßen sind noch die Rua Misericorda und Ouvidor die interessantesten, letztere enthält die reichsten und größten Waarenlager, doch darf man weder die schönen Auslagen europäischer Städte erwarten, noch findet man besonders viel Schönes oder Kostbares. Das einzige, was mich besonders anzog, waren die Blumen-Magazine, in welchen die herrlichsten Blumen, künstlich aus Vogelfedern, Fischschuppen und Käferflügeln verfertiget, zur Schau gestellt waren.

Unter den Plätzen ist der Largo do Rocio der schönste, der Largo St. Anna der größte. Auf ersterem, der auch stets ziemlich reinlich gehalten wird, stehen das Opernhaus, das Regierungsgebäude, die Polizei u.s.f. Von hier gehen auch die meisten Omnibus aus, welche die Stadt in allen Richtungen durchkreuzen.

Der letztere ist unter allen Plätzen der schmutzigste; als ich ihn das erstemal betrat, sah ich halbverweste Hunde und Katzen, — ja selbst ein derartiges Maulthier darauf liegen. — Ein Brunnen ist die einzige Zierde dieses Platzes, und beinah möcht' ich es vorziehen, diesen Brunnen hier auch nicht zu sehen, denn, da das Süßwasser in Rio de Janeiro eben nicht in Ueberfluß vorhanden ist, so schlägt die edle Wäscherzunft ihre Stätte auf, wo sich eben Wasser findet, und ganz besonders gerne, wo dabei auch gleich ein Platz zum Trocknen ist. Da wird also gewachsen und getrocknet, geschrien und gelärmt, daß man froh ist, den Platz hinter sich zu bekommen.

Die Kirchen bieten nichts Sehenswerthes, weder von Außen noch von Innen. Am meisten täuschen noch die Kirche und das Kloster St. Bento, und die Kirche Candelaria, die sich von der Ferne besonders gut machen.

Der einzig wahrhaft schöne und großartige Bau ist die Wasserleitung, die an manchen Stellen wirklich einem ächt römischen Werke gleicht.

Die Häuser sind nach europäischer Art gebaut, aber klein und unansehnlich; die meisten haben nur ein Erdgeschoß, oder ein Stockwerk, — zwei Stockwerke sind eine etwas seltene Sache. Auch findet man hier nicht, wie in andern heißen Ländern, Terrassen und Veranden mit schönen Geländern und Blumen geziert. Geschmacklose und kleine Balkone hängen an den Wänden, und plumpe hölzerne Läden schließen die Fenster, um der Sonne jeden Blick in die Zimmer zu verwehren. Man sitzt beinahe in vollkommener Dunkelheit, was übrigens den brasilianischen Damen, die sich im Arbeiten oder Lesen gewiß nie übernehmen, höchst gleichgültig ist.

Die Stadt bietet also an Plätzen, Straßen und Gebäuden dem Fremden durchaus nichts Anziehendes; wahrhaft abschreckend sind aber die Menschen, welchen man begegnet — beinahe durchgehends nur Neger und Negerinnen mit den plattgedrückten, häßlichen Nasern, den wulstigen Lippen und kurz gekrausten Haaren. Dazu sind sie meist noch halb nackt, mit elenden Lumpen bedeckt, oder sie stecken in europäisch geformten, abgetragenen Kleidungsstücken ihrer Herren. Auf 4-5 solche Schwarzen kommt dann ein Mulatte, und nur hie und da leuchtet ein Weißer hervor.

Noch widerlicher wird das Bild durch die häufigen Gebrechen, die man überall gewahrt, und worunter ganz besonders die Elephantiasis in schreckliche Klumpfüße ausartet; an Blindheit und andern Uebeln ist auch kein Mangel vorhanden. Ja sogar auf Hunde und Katzen, die in großer Anzahl in den Gassen umher laufen, erstreckt sich die allgemeine Häßlichkeit — auch diese sind meist schäbig, oder voll Wunden und Räuden.

Hierher möchte ich jeden Reisenden zaubern, der vor dem Betreten der Gassen Konstantinopels zurückschreckt, der von dieser Stadt behauptet, der Anblick des Innern zerstöre den Eindruck des Aeußern.

Es ist wahr, daß das Innere Konstantinopels auch höchst unrein ist, daß die vielen kleinen Häuser, die engen Gassen und holprigen Wege, die gartigen Hunde u.s.w. dem Beschauer nicht sehr malerisch erscheinen; — doch bald stößt er wieder auf herrliche Bauten maurischer und römischer Zeiten, auf wundervolle Moscheen und majestätische Palläste, und setzt seine Wanderungen fort durch unermeßliche Friedhöfe und träumerische Cypreseen-Wälder. Er tritt ausweichend zur Seite vor einem Pascha oder hohen Priester, der auf stolzem Rosse reitet und von glänzender Dienerschaft umgeben ist, — er begegnet Turken, in edle Tracht gehüllt, Türkinnen, deren Feueraugen durch den Schleier glänzen, — er sieht Perser mit hohen Mützen, Araber mit edlen Gesichtsbildungen, dazwischen Derwische mit Narrenmützen und gefalteten Weiberröcken, und von Zeit zu Zeit herrlich bemalte, vergoldete Wagen, von prächtig geschirrten Ochsen gezogen. — Dies Alles sind Erscheinungen, die reichlich entschädigen für das Häßliche, das man hie und da erschaut. Dagegen findet man im Innern Rio de Janeiro's nichts, das erfreuen und entschädigen kann, sondern überall tritt hier nur Ekelhaftes und Widerliches vor die Augen.

Erst, nachdem ich manche Woche hier verbracht hatte, war ich in etwas an den Anblick der Schwarzen und Mulatten gewöhnt, und ich fand dann auch unter den jungen Negerinnen artige Gestalten, und unter den etwas dunkelgefärbten Brasilianerinnen und Portugiesinnen hübsche, ausdrucksvolle Gesichter; minder scheint die Gabe der Schönheit dem männlichen Geschlechte verliehen zu sein.

Die Lebhaftigkeit auf den Straßen ist bei weitem nicht so groß, als man nach so vielen Beschreibungen vermuthen würde, und durchaus nicht mit jener in Neapel oder Messina zu vergleichen. Den meisten Lärm machen die lasttragenden Neger, und darunter besonders Jene, welche die Kaffeesäcke an Bord der Schiffe schleppen; sie stimmen dabei einen eintönigen Gesang an, der ihnen zum Takte dient, um gleichen Schritt zu halten, übrigens sehr widrig klingt; doch hat er das Gute, daß der Fußgänger dadurch aufmerksam gemacht wird, und bei Zeiten aus dem Wege gehen kann.

In Brasilien werden alle schweren und unreinen Arbeiten in und außer dem Hause durch Schwarze verrichtet, die hier überhaupt die Stelle des niederen Volkes vertreten. Doch lernen auch viele Handwerke, und manche derselben sind dabei den geschicktesten Europäern gleichzustellen. Ich sah in den elegantesten Werkstätten Schwarze mit Verfertigung von Kleidern, Schuhen, Tapezier-, Gold-, Silber-Arbeiten u.s.w. beschäftiget, und traf manch zierlich gekleidetes Negermädchen, am feinsten Damenputze, an den zartesten Stickereien arbeitend. Ich glaubte fürwahr oft zu träumen, wenn ich diese armen Geschöpfe, die ich mir als freie Wilde in ihren heimathlichen Wäldern vorstellte, in den Läden und Zimmern solch' feine Geschäfte vollbringen sah! Und dennoch scheint es ihnen nicht so schwer zu fallen, als man glauben sollte. Sie verrichteten stets scherzend und munter ihre Arbeiten.

Unter der hiesigen sogenannten gebildeten Klasse sind manche, die, nach all' den Beweisen mechanischer Geschicklichkeit und auch geistiger Auffassung, welche die Schwarzen häufig entwickeln, noch immer behaupten, dieselben ständen an Geisteskraft so tief unter den Weißen, daß man sie nur als einen Uebergang vom Affen- zum Menschengeschlechte betrachten könnte. Ich gebe zu, daß sie einigermaßen entfernt von der geistigen Bildung der Weißen sind; finde aber die Ursache nicht in dem Mangel an Verstand, sondern in dem gänzlichen Mangel an Erziehung. Für sie ist keine Schule errichtet, sie bekommen keinen Unterricht, — kurz es geschieht nicht das Geringste, ihre geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Man hält ihren Geist wie in alten despotischen Staaten vorsätzlich in Fesseln, denn das Erwachen dieses Volkes dürfte den Weißen fürchterlich sein. An Zahl ist es ihnen um das Vierfache [Man rechnet durchgehends auf 4 Schwarze einen Weißen.] überlegen, und käme es zu dem Bewußtsein dieser Ueberlegenheit, dann könnten leicht die Weißen in jenen Zustand versetzt werden, in welchem sich bisher die unglücklichen Schwarzen befanden.

Aber ich versteige mich in Vermuthungen und Abhandlungen, die wohl gelehrten Männern zukommen, nicht aber mir, die ich die dazu nöthige Bildung durchaus nicht besitze; mein Zweck ist: nur einfach meine Anschauungen darzulegen.

Obwohl in Brasilien die Zahl der Sclaven sehr groß ist, so findet man doch nirgends einen Sclavenmarkt. Ihre Einfuhr ist öffentlich verboten, — doch werden alljährlich viele Tausende eingeschmuggelt und verkauft auf ganz geheimen Wegen, die Jedermann kennt und Jedermann benützt. Englands Schiffe kreuzen wohl beständig an der afrikanischen und brasilianischen Küste; kommt ihnen aber auch ein Sclavenschiff in die Hände, so sind die armen Schwarzen, wie man mir sagte, eben so wenig frei, als wären sie nach Brasilien gekommen. Sie werden alsdann nach den englischen Kolonien gebracht, wo sie nach zehn Jahren frei sein sollten. Die Besitzer lassen aber während dieser Zeit die Meisten sterben, — natürlich nur auf dem Papiere in ihren Ausweisen, und die armen Sclaven — bleiben Sclaven. — Doch wiederhole ich, daß mir dieß nur durch Erzählungen bekannt wurde.

Uebrigens ist das Loos der Sclaven nicht gar so schlecht, als viele Europäer glauben; sie werden in Brasilien im Durchschnitte ziemlich gut behandelt, man überhäuft sie nicht mit Arbeit, sie haben eine gute, kräftige Kost, und die Strafen sind weder gar so häufig noch strenge; nur das Entlaufen wird hart geahndet. Außer einer tüchtigen Tracht Schläge bekommen sie noch Hals- oder Fußeisen, die sie ziemlich lange tragen müssen. Eine andere art Strafe ist das Tragen von Blechlarven, die rückwärts durch ein Schloß gesperrt sind. Es werden damit die Säufer und die Erd- oder Kalkfresser bestraft. Während meines langen Aufenthaltes in Brasilien kam mir ein einziger Neger vor, der mit einer solchen Larve umher ging. Ich möchte beinah zu behaupten wagen, daß das Loos der Sclaven im Ganzen minder schlecht ist, als jenes der russischen, polnischen oder ägyptischen Bauern, die man nicht Sclaven nennt.

Interessant war es mir, daß ich einst von einem Neger zur Pathin gebeten wurde, dabei aber weder einer Taufe noch einer Firmung beiwohnte. Es herrscht hier nämlich die Sitte, daß ein Sclave, der irgend etwas gethan hat, wofür er einer Züchtigung gewärtig ist, zu einem Freunde seines Besitzers zu fliehen sucht, und selben um ein Briefchen bittet, worin um Nachlaß der Strafe angesucht wird. Der Aussteller eines solchen Briefes erhält den Titel eines Pathen, und es würde für die größte Unart angesehen werden, die Bitte des Pathen nicht zu erfüllen. Ich war so glücklich, auf diese Art einen Sclaven von einer Strafe zu retten.

Die Stadt ist ziemlich gut beleuchtet, und zwar bis zu einem bedeutenden Umkreise, eine Maßregel, die der vielen Schwarzen wegen eingeführt wurde. Auch darf nach 9 Uhr kein Sclave auf der Straße getroffen werden, ohne von seinem Herrn einen Schein zu haben, daß er in dessen Auftrage gehe. Ertappt man ihn ohne Schein, so kommt er augenblicklich in das Strafhaus, wo ihm der Kopf geschoren wird, und er so lange bleiben muß, bis ihn sein Herr gegen Erlegung von 4-5 Milreis [Ein Milreis ist nach österreichischem Gelde 1 fl. 8 kr.] auslöst. In Folge dieser Einrichtung kann man mit ziemlicher Sicherheit zu jeder Stunde der Nacht auf der Straße gehen.

Eine der größten Unannehmlichkeiten Rio de Janeiro's ist der gänzliche Mangel an Abzugsgräben. Bei starken Regengüssen ist jede Straße ein förmlicher Strom, über welchen man zu Fuß nicht setzen kann; man muß sich von Negern hinüber tragen lassen. Gewöhnlich hört da aller Verkehr auf, die Straßen sind verödet, keiner Einladung wird Folge geleistet, ja selbst die Wechsel werden an solchen Tagen nicht eingelöst. Einen Wagen zu miethen entschließt man sich sehr schwer, da hier der alberne Gebrauch herrscht, für eine kurze Fahrt eben so viel zu bezahlen, als benütze man den Wagen für den ganzen Tag; eines wie das andere kostet 6 Milreis. Die Wagen sind halbgedeckt, mit einem Sitze für zwei Personen, mit zwei Maulthieren bespannt, auf deren einem der Kutscher reitet. Nach englischer Art und mit Pferden findet man Wagen und Bespannung nur sehr selten.

Was die Künste und Wissenschaften betrifft, so will ich nur mit wenigen Worten der Akademie der bildenden Künste, des Museums, des Theaters u.s.w. erwähnen. In der Akademie der bildenden Künste sieht man von Allem etwas, und doch eigentlich nichts, — einige Figuren und Büsten, größtentheils von Gips, einige Baupläne, Handzeichnungen und eine Sammlung sehr alter Oelgemälde. Bei diesen kam es mir wahrhaftig vor, als sei irgend eine Privatgallerie gemustert, und der Ausschuß hieher bei Seite gestellt worden. Die meisten der Oelgemälde sind so arg beschädiget, daß man kaum mehr erkennt, was sie vorstellen sollen, was übrigens nicht sehr schade ist. Das einzige Interessante besteht in ihrem ehrwürdigen Alter. Einen grellen Gegensatz bilden die von den Schülern verfertigten Copien. Waren in den alten Bildern die Farben schon verblichen, so glänzten sie hier dafür im Ueberflusse. Da erscheinen alle Farben, roth, gelb, grün, u.s.w. in ihrer vollsten Reinheit, nirgends war an ein Mischen, Dämpfen oder Verschmelzen derselben zu denken. Ich weiß noch heut zu Tage nicht, hatten die guten Schüler im Sinne, eine neue Schule für das Colorit zu gründen, oder wollten sie nur an ihren Copien das gut machen, was die Zeit an den Originalien verdorben hatte!

Unter den Schülern gab es so viel Schwarze und Mulattten, als Weiße; doch war im Ganzen die Anzahl ziemlich klein.

Auf einer beinahe noch niedrigeren Stufe steht die Musik, besonders was Klavierspiel und Gesang anbelangt. In jeder Familie hört man die Töchter spielen und auch singen; aber die guten Leute haben von Takt, Vortrag, Eintheilung, Tempo u.s.w. gar keinen Begriff, so daß selbst die leichtesten gesangvollsten Stücke oft gar nicht zu erkennen sind. Die Kirchenmusik ist etwas weniges besser; indessen läßt die Hofkapelle noch Manches zu wünschen übrig. Am besten ist noch die Militärmusik, die meist von Negern und Mulatten aufgeführt wird.

Das Opernhaus verspricht von Außen nicht viel des Schönen und Ueberraschenden, und man ist daher sehr erstaunt, im Innern herrliche, große Räume, eine breite und tiefe Bühne zu erblicken. Es mag wohl über 2000 Personen fassen. Vier Reihen geräumiger Logen erheben sich über einander, deren Balustraden, aus zierlich gearbeiteten, eisernen Gittern bestehend, dem Theater ein geschmackvolles Aussehen verleihen. Das Parterre wird nur von Männern besucht. Ich sah die Oper Lucrezia Borgia von einer italienischen Gesellschaft ziemlich gut aufführen; auch die Dekorationen und das Kostüm waren nicht übel.

So wie ich beim Besuche des Theaters angenehm enttäuscht wurde, so erfolgte beim Besuche des Museums gerade das Gegentheil. Ich erwartete in einem, von der Natur so reich und üppig ausgestatteten Lande, auch ein großes, reiches Museum, und fand — zwar viele große Säle, die einst vielleicht einmal angefüllt werden mögen, jetzt aber noch sehr leer waren. Am vollständigsten und wirklich schön fand ich nur die Sammlung der Vögel; mangelhaft ist die der Mineralien, und armselig jene der vierfüßigen Thiere und der Insekten. Am meisten beschäftigten meine Neugierde vier recht wohl erhaltene Köpfe von Wilden, wovon zwei dem Stamme der Malaien, und zwei jenem der Neuseeländer angehörten; besonders die Letzteren konnte ich mir nicht genug besehen, da sie ganz tätowirt, mit den schönsten, kunstvollsten Zeichnungen überdeckt und so gut erhalten waren, als hätten sie erst aufgehört zu leben.

Zur Zeit meines Aufenthaltes in Rio de Janeiro wurden die Säle des Museums gerade ausgebessert, und man sprach auch von einer neuen Eintheilung. Es war daher dem Besuche nicht geöffnet, und ich verdankte nur der Güte des Herr Direktor Riedl, daß ich es besehen konnte. Er machte selbst meinen Führer und bedauerte gleich mir, daß in diesem Lande, wo es so leicht wäre, ein reichhaltiges Museum zusammenzustellen, so wenig dafür geschehe.

Noch besuchte ich das Atelier des Bildhauers Petrich, eines gebornen Dresdners, der eigens aus Rom nach dem hiesigen Hof berufen wurde, um eine Statue des Kaisers in Carrara-Marmor auszuführen. Der Kaiser ist in Lebensgröße, in stehender Haltung, im vollen Ornate, den Hermelin-Mantel über die Schultern geworfen, dargestellt. Der Kopf ist treffend ähnlich und das ganze Bild mit künstlerischer Geschicklichkeit dem Steine abgerungen. — Ich glaube dies Monument war für ein öffentliches Gebäude bestimmt.

Ich war so glücklich, während meiner Anwesenheit zu Rio de Janeiro Zeuge mehrerer Feste zu sein.