Eine Spur von Hoffnung (Keri Locke Mystery—Buch 5) - Blake Pierce - E-Book
Beschreibung

“Eine dynamische Story, die Sie vom ersten Kapitel an fesselt und nicht mehr loslässt.”--Midwest Book Review, Diane Donovan (über Once Gone) Mystery und Spannung im neuen Meisterwerk vom #1 Bestseller-Autor Blake Pierce. EINE SPUR VON HOFFNUNG ist das letzte Buch der Keri Locke Reihe, die eine dramatische Auflösung verspricht. In EINE SPUR VON HOFFNUNG (Buch #5 in der Keri Locke Reihe) hat Keri, Detective bei der Einheit für Vermisste Personen beim LAPD, fast geschafft, ihre lange vermisste Tochter wieder zu finden. Eine neue Spur verspricht viel und Keri wird nichts unversucht lassen, sie endlich zu retten. Gleichzeitig wird ihr ein neuer, dringender Fall zugeteilt. Eine Achtzehnjährige wird vermisst, seit sie von einer Studentinnenverbindung schikaniert wurde. Keiner weiß, wie viel Zeit noch bleibt und Keri findet sich auf einem scheinbar perfekten Campus wieder. Doch nichts ist so, wie es scheint. Ein dunkler Psychothriller mit Spannung und Herzklopfen. EINE SPUR VON HOFFNUNG ist Buch #5 dieser fesselnden Serie. Die lebendig gestalteten Figuren und die packende Story werden Sie fesseln. „Ein Meisterwerk von Thriller! Der Autor erschafft gekonnt die Charaktere und deren Psyche und beschreibt sie so gut, dass man sich direkt in ihrer Gedankenwelt wiederfindet, ihre Ängste miterlebt und auf ein Happy End hofft. Der intelligente Plot wird Sie bestens unterhalten und mit seinen unerwarteten Wendungen bis zur letzten Seite fesseln.” --Buch und Filmkritiker, Roberto Mattos (über Once Gone)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl:416

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi ohne Limit+” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Beliebtheit


EINE SPURVON HOFFNUNG

(KERI LOCKE MYSTERY—BUCH 5)

B L A K E   P I E R C E

Blake Pierce

Blake Pierce ist der Autor der zwölfteiligen RILEY PAIGE Mystery-Bestsellerserie (Fortsetzung in Arbeit). Blake Pierce hat außerdem die MACKENZIE WHITE Mystery-Serie, die aus acht Büchern (Fortsetzung in Arbeit), die AVERY BLACK Mystery-Serie, bestehend aus sechs Büchern, und die KERI LOCKE Mystery-Serie, die vier Bücher umfasst (Fortsetzung in Arbeit), geschrieben.

Blake, der selbst ein begeisterter Leser und lebenslanger Fan von Mystery- und Thriller-Romanen ist, freut sich, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie gern www.blakepierceauthor.com um mehr zu erfahren und auf dem Laufenden zu bleiben.

BÜCHER VON BLAKE PIERCE

RILEY PAIGE KRIMI SERIE

VERSCHWUNDEN (Band #1)

GEFESSELT (Band #2)

ERSEHNT (Band #3)

GEKÖDERT (Band #4)

GEJAGT (Band #5)

VERZEHRT (Band #6)

VERLASSEN (Band #7)

ERKALTET (Band #8)

VERFOLGT (Band #9)

VERLOREN (Band #10)

BEGRABEN (Book #11)

GEBUNDEN (Book #12)

MACKENZIE WHITE KRIMI SERIE

BEVOR ER TÖTET (Band #1)

BEVOR ER SIEHT (Band #2)

BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)

BEVOR ER NIMMT (Band #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)

BEVOR ER FÜHLT (Band #6)

AVERY BLACK KRIMI SERIE

GRUND ZU TÖTEN (Band #1)

GRUND ZU FLÜCHTEN (Band #2)

GRUND ZU VERSTECKEN (Band #3)

GRUND ZU FÜRCHTEN (Band #4)

GRUND ZU RETTEN (Band #5)

KERI LOCKE MYSTERY SERIE

EINE SPUR VON TOD (Buch #1)

EINE SPUR VON MORD (Buch #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Buch #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Buch #4)

INHALT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITAL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHSZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL EINS

Als Detective Keri Locke ihre Augen öffnete, spürte sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Erstens fühlte sie sich nicht, als habe sie lange geschlafen. Ihr Herz raste und ihr Körper fühlte sich klamm an. Es war eher, als sei sie bewusstlos gewesen, anstatt dass sie lange geschlafen hatte.

Zweitens befand sie sich nicht im Bett. Statt dessen lag sie auf dem Rücken auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres Apartments und Detective Ray Sands, ihr Partner, und seit neuestem auch ihr Freund, beugte sich mit besorgtem Gesichtsausdruck über sie.

Sie versuchte zu sprechen, wollte ihn fragen, was los war, aber ihr Mund war trocken und außer einem heiseren Krächzen brachte sie keinen Laut heraus. Sie konnte sich nicht erinnern, wie sie hierher gekommen war, und was passiert war, bevor sie das Bewusstsein verloren hatte. Aber um bei ihr solch eine Reaktion hervorzurufen, musste es eine große Sache gewesen sein.

An seinen Augen konnte sie Ray ansehen, dass er nicht wusste, was er sagen sollte. Das passte nicht gerade zu ihm. Als 1,94 Meter großer, afro-amerikanischer LAPD Polizist und ehemaliger professioneller Boxer, der sein linkes Auge während eines Kampfes verloren hatte, war er in fast allem, was er tat, direkt.

Keri versuchte, sich auf ihre Arme aufzustützen, um in eine etwas höhere Position zu gelangen, aber Ray hinderte sie daran, indem er sanft eine Hand auf ihre Schulter legte und seinen Kopf schüttelte.

„Lass dir einen Moment Zeit“, sagte er. „ Du scheinst mir noch etwas wackelig zu sein.“

„Wie lange war ich bewusstlos?“

„Nicht ganz eine Minute“, erwiderte er.

„Warum bin ich umgekippt?“, wollte sie wissen.

Rays schaute sie mit großen Augen an. Er öffnete den Mund um zu antworten, doch er fand offensichtlich keine Worte.

„Was?“

„Du erinnerst dich nicht?“, fragte er ungläubig.

Keri schüttelte den Kopf. Sie meinte, ein Surren in ihren Ohren zu hören, aber dann merkte sie, dass es eine andere Stimme war. Sie blickte hinüber zum Wohnzimmertisch und sah dort ihr Telefon liegen. Es war eingeschaltet und sie hörte jemanden sprechen.

„Wer ist da am Telefon?“, fragte sie.

„Oh, du hast es fallengelassen, als du umgekippt bist, und ich habe es dort hingelegt, bis ich dich wiederbelebt habe.“

„Wer ist dran?“, fragte Keri noch einmal, sich sehr wohl dessen bewusst, dass er der Frage ausgewichen war.

„Es ist Susan“, sagte er widerstrebend. „Susan Granger.“

Susan Granger war eine fünfzehnjährige Prostituierte, die Keri im vorigen Jahr vor ihrem Zuhälter gerettet und ihr einen Platz in einem Heim für junge Mädchen besorgt hatte. Die beiden hatten sich seitdem angefreundet. Keri war für das traumatisierte, aber starke, junge Mädchen zu einer Art Mentorin geworden.

„Warum ruft Susan a-?“

Und dann brach die Erinnerung über sie herein, wie eine Woge, die ihren ganzen Körper erfasste. Susan hatte angerufen um ihr mitzuteilen, dass Evie, Keris eigene Tochter, die vor sechs Jahren entführt worden war, die zentrale Rolle in einer grotesken Zeremonie spielen sollte.

Susan hatte herausgefunden, dass Evie morgen Abend in einem Haus irgendwo in den Hollywoold Hills an den Höchstbietenden versteigert werden sollte. Derjenige, der sie ersteigerte, durfte mit ihr sexuell machen, was er wollte, bevor er sie als eine Art rituelles Opfer umbrachte.

Deshalb bin ich umgekippt.

„Gib mir das Telefon“, wies sie Ray an.

„Ich bin mir nicht sicher, ob du damit schon klarkommst“, meinte er. Er merkte offensichtlich, dass sie sich nun an alles erinnerte.

„Gib mir das verdammte Telefon, Ray.“

Ohne ein weiteres Wort gab er es ihr.

„Susan, bist du noch da?“

„Was ist passiert?“, wollte Susan wissen, ihr Stimme leicht panisch. „Du warst da, und plötzlich nichts mehr. Ich konnte hören, dass etwas passiert ist, aber du hast nicht geantwortet.“

„Ich bin umgekippt“, gab Keri zu. „Ich habe einen Augenblick gebraucht, um wieder zu mir zu kommen.“

„Oh“, sagte Susan leise. „Es tut mir leid, dass ich der Auslöser dafür war.“

„Es ist nicht deine Schuld, Susan. Ich fühlte mich nur so überrumpelt. Das war viel auf einmal zu verdauen, vor allem, da ich mich nicht besonders fühle.“

„Wie geht es Dir?“, fragte Susan, die Sorge in ihrer Stimme fast greifbar.

Sie sprach von Keris Verletzungen, die sie sich nur zwei Tage zuvor in einem Kampf auf Leben und Tod mit einem Kindesentführer zugezogen hatte. Erst gestern Morgen war sie aus dem Krankenhaus entlassen worden.

Die Ärzte waren sich einig, dass die Blutergüsse in ihrem Gesicht, in das der Entführer sie zweimal geschlagen hatte, ihre Brust mit schweren Hämatomen sowie das geschwollene Knie keine ausreichenden Gründe waren, sie noch einen weiteren Tag dazubehalten.

Der Entführer, ein geistesgestörter Fanatiker namens Jason Petrossian, hatte den Kürzeren gezogen. Er befand sich noch immer unter Bewachung im Krankenhaus. Das entführte Mädchen, die zwölfjährige Jessica Rainey, erholte sich zu Hause bei ihrer Familie.

„Ich bin okay“, versicherte Keri. „Nur ein paar Beulen und Kratzer. Ich bin froh, dass du angerufen hast, Susan. Egal, wie schlecht die Nachrichten sind, sie zu erfahren ist besser als sie nicht zu erfahren. Jetzt kann ich versuchen, etwas daran zu ändern.“

„Aber was können Sie tun, Detective Locke“, fragte Susan mit schriller werdender Stimme, als die Worte nur so aus ihr herausbrachen. „Wie ich schon sagte, ich weiß, dass Evie der Blutpreis ist auf der Vista. Aber wir wissen nicht, wo genau es stattfindet.“

„Immer langsam, Susan“, sagte Keri streng, während sie sich in eine sitzende Position hochzog. Ihr war schwindelig und sie protestierte nicht, als Ray eine stützende Hand auf ihren Rücken legte, als er sich neben sie auf dem Sofa niederließ. „Wir bekommen heraus, wie wir sie finden. Aber zuerst musst du mir alles erzählen, was du über die Vista weißt. Kümmer dich nicht darum, falls du dich wiederholst. Ich will jedes Detail hören, an das du dich erinnern kannst.“

„Sind Sie sicher?“, fragte Susan zögernd.

„Mach dir keine Sorgen. Mir geht es gut. Ich brauchte nur einen Moment, um all das zu verdauen. Aber ich bin Detective für Vermisste Personen. Dies ist meine Arbeit. Nur weil ich nach meiner eigenen Tochter suche, ändert sich nichts an meinem Job. Also sag mir alles, was du weißt.“

Sie stellte das Telefon auf laut, damit Ray mithören konnte.

„Okay“, sagte Susan. „Wie ich schon sagte, es gibt einen Club mit reichen Freiern, die  spontane Sex-Partys in den Hollywood Hills veranstalten. Die werden die Hill House Partys genannt. Das Haus ist voller Prostituierter, fast alle minderjährig, so wie ich es auch war. Normalerweise gibt es diese Partys alle paar Monate und meist werden die Details nur einige Stunden vorher bekannt gegeben, normalerweise per SMS. Verstehen Sie mich?“

„Absolut“, sagte Keri. „Ich erinnere mich, dass du mir davon erzählt hast. Also hilf mir noch einmal auf die Sprünge hinsichtlich dieses Vista Events.“

„Die Vista ist sozusagen deren größte Party. Sie findet nur einmal im Jahr statt, und keiner weiß, wann.  Dieses Event wird gern etwas früher angekündigt, weil niemand es verpassen will. Deshalb hat wahrscheinlich mein Freund davon gehört, obwohl es erst morgen Abend stattfindet.“

„Und die Vista unterscheidet sich von den anderen Hill House Partys, richtig?“, versuchte Keri ihr auf die Sprünge zu helfen, wohl in dem Wissen, dass Susan sich nicht gern an die Details erinnerte, und ihr gleichzeitig zuredete, es doch zu tun.

„Ja, bei den anderen Partys zahlt der Freier für das Mädchen, das er will und darf dann mit dem Mädchen anstellen, was er will. Die Männer können sich jede aussuchen und das jeweilige Mädchen kann von jedem benutzt werden, die ganze Nacht hindurch. Aber bei der Vista läuft es anders. In dieser Nacht wird ein Mädchen von den Organisatoren ausgewählt – sie hat normalerweise etwas ganz Besonderes an sich – und wird zum Blutpreis ernannt.“

Sie hielt inne und Keri spürte, dass sie nicht weitersprechen wollte, dass sie der Frau, die sie gerettet hatte, und die ihr gezeigt hatte, dass sie noch eine Zukunft hatte, nicht wehtun wollte.

„Es ist okay, Susan“, meinte Keri. „Erzähl weiter. Ich muss alles wissen.“

„Also, das Event beginnt um circa neun Uhr abends. Erstmal ist es wie bei einer normalen Hill House Party. Aber dann bringen sie das Mädchen rein, das sie als Blutpreis ausgewählt haben. Wie ich schon sagte, sie hat meistens etwas Besonderes an sich. Vielleicht ist sie noch Jungfrau; vielleicht wurde sie erst an diesem Tag entführt und ist somit auf allen Nachrichtensendern. Einmal war es ein ehemaliger Kinderstar, der auf Drogen gekommen und auf der Straße gelandet war.“

„Und dieses Jahr ist es Evie“, bohrte Keri weiter.

„Ja, da gibt’s ein Mädchen namens Lupita aus der Zeit, als ich noch angeschaffen ging, mit der habe ich noch Kontakt. Sie arbeitet immer noch auf der Straße und hörte ein paar Typen darüber reden, dass sie dieses Jahr die Tochter einer Polizistin nehmen. Sie benutzten den Ausdruck „Mini Pig“, um sie zu beschreiben.

„Sehr kreativ“, murmelte Keri bitter. „Und du sagtest, dass sie sie ausgesucht haben, weil  ich ihnen zu dicht auf den Fersen bin?“

„Genau“, bestätigte Susan. „Die, die das Sagen haben, hatten keine Lust mehr, sie von A nach B zu bringen. Sie sagten, sie wurde zur Belastung, mit Ihnen auf ihren Fersen, immer auf der Suche nach ihr. Sie wollen sie einfach plattmachen und ihre Leiche irgendwo abwerfen, damit Sie wissen, dass sie tot ist und somit aufhören, nach ihr zu suchen. Es tut mir so leid, Detective.“

„Erzähl weiter“, sagte Keri. Ihr Körper fühlte sich taub an und ihre Stimme klang, als käme sie von weit her, außerhalb ihrer selbst.

„Also ist es im Grunde eine Auktion. All die mit Kohle bieten auf sie. Das läuft manchmal in die Hunderttausende. Diese Typen überbieten einander. Außerdem geht es darum, indem sie ihr wehtun, tun sie auch Ihnen weh. Das treibt den Preis hoch. Und ich glaube, die sind alle angetörnt davon, wie diese Sache endet.“

„Erinnere mich nochmal an diesen Teil“, bat Keri, die Augen fest geschlossen gegen das, was da noch kommen sollte. Sie spürte Susans Zögern, aber sie wollte sie nicht weiter bearbeiten, sondern ließ dem Mädchen Zeit, sich zu sammeln um sagen zu können, was gesagt werden musste. Ray rückte auf dem Sofa etwas dichter an sie heran, und nahm dabei seinen Arm von ihrem Rücken und legte ihn um ihre Schultern.

„Wer auch immer die Auktion gewinnt, wird in einen separaten Raum gebracht, während der Blutpreis in Stellung gebracht wird. Sie wird gebadet und in ein schickes Kleid gesteckt. Jemand kümmert sich um ihr Makeup wie bei einem Filmstar. Dann wird sie in einen Raum gebracht, wo der Typ mit ihr machen kann, was er will. Es gibt nur eine Regel: er darf ihr keine sichtbaren Wunden im Gesicht zufügen.“

Keri bemerkte, wie kalt Susans Stimme geworden war, als habe sie diesen Teil ihrer Gefühle abgestellt, damit sie dies beenden konnte. Keri konnte es ihr nicht verdenken. Das Mädchen erzählte weiter.

„Ich meine, er kann ihr etwas antun. Er darf sie nur nicht oberhalb des Halses schlagen. Sie muss gut aussehen für das große Event später. Keinem macht es etwas aus, wenn ihre Wimperntusche zerlaufen ist, weil sie geweint hat. Das kommt gut für das Drama. Nur keine blauen Flecken.“

„Was passiert dann?“

„Der Typ muss kurz vor Mitternacht fertig sein, denn dann wird das letzte Opfer gebracht. Ihr wird ein frisches Kleid angezogen und sie wird festgeschnallt, damit sie sich nicht so wehren kann. Die mögen das. Aber nur in Maßen.“

Keri konnte spüren, wie Ray sich neben ihr versteifte, obwohl ihre Augen geschlossen waren. Er schien den Atem anzuhalten. Sie merkte, dass sie das gleiche tat und zwang sich, auszuatmen, als sie hörte, wie Susan schwer schluckte.

„Der Typ zieht sich eine schwarze Robe mit Kapuze an, um seine Identität zu verschleiern“, fuhr sie fort. „Der Grund dafür ist, dass alles per TV ins Nebenzimmer übertragen wird, wo alle anderen sind. Ich glaube, es wird auch aufgenommen. Logischerweise will keiner dieser Typen Videomaterial von sich selbst, wie sie einen Teenager ermorden.

Wenn beide hergerichtet sind, kommt der Typ rein und stellt sich hinter sie. Er sagt etwas auswendig gelerntes, ich weiß nicht, was. Dann wird ihm ein Messer gereicht, und genau um Mitternacht schlitzt er ihre Kehle auf. Sie stirbt, genau dort vor der Kamera. Alle rezitieren etwas. Dann wird der Fernseher ausgemacht und die Party geht weiter. Das war’s im Großen und Ganzen.“

Schließlich öffnete Keri ihre Augen. Sie fühlte eine Träne ihre Wange hinunter laufen, wollte sie aber nicht abwischen. Sie mochte das Gefühl, wie die Träne fast ihre Haut verbrannte, wie eine nasse Flamme.

KAPITEL ZWEI

Lange sprach niemand. Keri meinte, es nicht zu können. Stattdessen ließ sie sich durch die immer größer werdende Woge der Wut erfüllen; ihr Blut kochte; ihre Finger kribbelten.

Schließlich räusperte sich Ray.

„Susan, ich bin Detective Lockes Partner, Ray Sands. Darf ich dir eine Frage stellen?“

„Natürlich, Detective.“

„Woher weißt du das alles? Ich meine, warst du auf einer dieser Partys dabei?“

„Wie ich Detective Locke schon gesagt habe, ich bin einmal auf eine Hill House Party mitgenommen worden, als ich elf war. Ich bin nie wieder dagewesen, aber ich kenne die Mädchen, die nochmal da waren. Eine meiner Freundinnen wurde zweimal dorthin gebracht. Sie können sich vorstellen, wie die Buschtrommeln funktionieren. Jedes Mädchen, das mitten drin steckt in LA, weiß Bescheid über die Vista. Es ist schon fast eine Legende.  Zuhälter machen sie diese Legende zunutze, um Druck auf ihre Pferdchen auszuüben. ‚Wenn du rum zickst, könntest du der diesjährige Blutpreis werden.‘ Nur, dass die Legende tatsächlich wahr ist.“

Etwas in Susans Tonfall – eine Mischung aus Angst und Traurigkeit – riss Keri aus ihrer Schweigsamkeit. Dieses Mädchen hatte soviel Fortschritte gemacht in den letzten Monaten. Keri fürchtete, das Mädchen zu bitten, zurückzukehren in die dunklen Ecken ihres Lebens, und sei es auch nur gedanklich, könnte unfair und fies sein. Susan hatte alles erzählt, auf Kosten ihres eigenen Wohlbefindens. Es wurde Zeit, sie wieder Kind sein zu lassen.

Nun mussten die Erwachsenen das Ruder übernehmen.

„Susan“, sagte sie, „vielen Dank, dass du mir all dies erzählt hast. Ich weiß, das war nicht leicht für dich. Mit deiner Info haben wir, glaube ich, einen guten Start, Evie zu finden. Ich möchte nicht, dass du dir noch weiterhin Sorgen machst um diese Sache.“

„Ich könnte mich noch ein wenig umhören“, beharrte das Mädchen.

„Nein. Du hast genug getan. Zeit, in dein neues Leben zurückzukehren. Ich verspreche, dass ich mich bei dir melde. Aber jetzt musst du dich erstmal auf die Schule konzentrieren. Vielleicht ein neues Nancy Drew Buch lesen, über das wir nächste Woche quatschen können. Ab hier übernehmen wir.“

Sie verabschiedeten sich und Keri legte auf. Sie schaute Ray an.

„Glaubst du, wir haben einen guten Ausgangspunkt, um Evie zu finden?“ Er war skeptisch.

„Nein, aber das konnte ich ihr nicht sagen. Kein toller Anfang. Aber es ist ein Anfang.“

*

Gedankenversunken saßen Keri und Ray in Ronnies Diner. Der morgendliche Andrang in dem unscheinbaren Lokal in Marina del Rey war abgeklungen und die meisten noch vorhandenen Gäste genossen ihr entspanntes Frühstück.

Ray hatte unbedingt das Apartment verlassen wollen und Keri hatte eingewilligt. Sie hatte lässigere Kleidung als sonst gewählt, ein langärmeliges Shirt und ausgeblichene Jeans, und eine leichte Jacke, die Schutz geben sollte vor der Kühle dieses Januarmorgens.

Sie trug eine Baseballkappe, die sie tief ins Gesichts gezogen hatte. Ihr schmutzig-blondes Haar, das sie normalerweise in einem professionell aussehenden Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, hatte sie absichtlich offen gelassen, damit es die Blutergüsse in ihrem Gesicht verdeckte. Sie war sich bewusst, dass andere sie anstarren würden.

Indem sie sich so tief wie möglich in ihrer Nische über ihren Kaffee beugte, versteckte sie ihren schmalen Körper noch mehr. Keri, fast sechsunddreißig Jahre alt, war unscheinbare 1,67 Meter. In jüngster Zeit hatte sie angefangen, eng anliegende Kleidung zu tragen, hatte ihren Alkoholkonsum heruntergefahren und war zu ihrer alten Form zurückgelangt. Doch nicht heute. Heute Morgen hoffte sie, nicht aufzufallen.

Es war schön, einfach einmal rauszukommen nach zwei Tagen ärztlich verordneter Bettruhe. Doch Keri hoffte auch, dass ein Tapetenwechsel ihre eine neue Perspektive eröffnete, wie sie Evie finden konnte. Und bis zu einem gewissen Grad klappte dies auch.

Bis ihr Essen kam, hatten sie sich darauf geeinigt, ihr Team, die Einheit für Vermisste Personen der LAPD, nicht in die Suche mit einzubeziehen. Immer wieder über die Jahre hatte ihre Einheit Keri bei der Suche nach ihrer Tochter geholfen, ohne Erfolg. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass das Ergebnis ohne eine neue Spur anders aussehen würde.

Aber es gab noch einen Grund, den Ball flach zu halten. Dies war Keris letzte wirkliche Chance, ihre Tochter zu finden. Sie kannte den genauen Zeitpunkt, zu dem Evie in einem bestimmten Teil LAs sein würde – nämlich morgen um Mitternacht in den Hollywood Hills – auch wenn sie den genauen Ort noch nicht kannte.

Aber wenn das Team anfing, sich umzuhören und bekannt würde, dass sie Bescheid wussten über das Vista Event, dann würden diejenigen, die Evie festhielten, das Event womöglich absagen, oder sie gleich umbringen, um Komplikationen zu vermeiden. Keri musste die Füße stillhalten.

Ein anderer Punkt blieb unausgesprochen, war jedoch den beiden Partnern und neuem Paar klar. Nämlich, dass sie sich nicht sicher sein konnten, nicht unter Beobachtung zu stehen durch diejenige Person, die am meisten nichts davon erfahren durfte – Jackson Cave.

Letztes Jahr hatte Keri einen Serienkindesentführer namens Alan Jack Pachanga überführt und ihn im Zuge der Rettung eines Teenagers letzten Endes umgebracht. Und während Pachanga kein Problem mehr darstellte, so galt dies nicht für seinen Anwalt.

Jackson Cave, Pachangas Anwalt, war ein bekannter Anwalt für Gesellschaftsrecht mit schicken Büros in einem Hochhaus in der City. Allerdings verteidigte er auch den Abschaum der Gesellschaft mit einer besonderen Vorliebe für Kinderschänder. Er behauptete, dass ein Großteil davon pro-bono-Arbeit sei und dass auch die schlimmsten Individuen eine gute Verteidigung verdienten.

Doch Keri hatte Informationen ausgegraben, die ihn mit einem riesigen Netzwerk von Kindesentführern in Verbindung brachten; ein Netzwerk, von dem sie annahm, dass er daraus Profit schlug und das er mit leitete. Einer der Entführer innerhalb dieses Netzwerks war ein Mann, der sich der Sammler nannte.

Als Keri letzten Herbst herausbekommen hatte, dass der Sammler Evies Entführer war, hatte sie ihn in eine Falle gelockt und ihn dazu bewegt, sich mit ihr zu treffen. Doch der Sammler, der mit richtigem Namen Brian Wickwire hieß, bemerkte ihre List und griff sie an. Am Ende hatte sie ihn während ihres Kampfes umgebracht, aber erst, nachdem er geschworen hatte, dass sie Evie niemals finden würde.

Leider hatte sie keine Beweise für die Verbindung von Jackson Cave zu dem Mann, der ihre Tochter entführt hatte oder zu dem Netzwerk, dem er scheinbar vorstand. Jedenfalls keine, an die sie auf legale Weise gekommen war.

In ihrer Verzweiflung war sie einmal in sein Büro eingebrochen und hatte eine verschlüsselte Akte gefunden, die ihr eine Hilfe gewesen war. Aber weil sie sie gestohlen hatte, war sie vor Gericht nicht verwendbar. Ansonsten war die Verbindung zwischen Cave und dem Netzwerk so gut verborgen und so spärlich, dass es fast unmöglich war, seine Verwicklung darin zu beweisen. Er hatte seine Top Position in der juristischen Welt von Los  Angeles nicht dadurch erreicht, indem er schlampig oder nachlässig war.

Sie hatte sogar versucht, ihren Ex-Mann Stephen, einen erfolgreichen Hollywood Talentsucher, dazu zu überreden, sich an den Kosten für einen Privatdetektiv, der Cave beschatten sollte, zu beteiligen. Sie selbst konnte sich einen guten Privatdetektiv nicht leisten. Doch Stephen weigerte sich, da er im Grunde glaubte, dass Evie tot war und Keri sich etwas vormachte.

Cave hatte natürlich keine derartigen finanziellen Einschränkungen. Und als er mitbekommen hatte, dass Keri ihm auf den Fersen war, ließ er sie beschatten. Sowohl sie selbst als auch Ray hatten Wanzen in ihren Häusern und Autos gefunden. Beide untersuchten regelmäßig alles, von ihrer Kleidung bis hin zu ihren Telefonen und Schuhen auf Wanzen, bevor sie Vertrauliches besprachen. Sie nahmen an, dass sogar ihre LAPD-Büros überwacht wurden und verhielten sich entsprechend.

Deshalb saßen sie in einem lauten Lokal, trugen Kleidung, die sie vorher auf Wanzen gefilzt hatten und stellten sicher, dass niemand an den Tischen in der Nähe zuhörte, während sie ihren Plan ausarbeiteten. Wenn es eine Person gab, die nicht wissen durfte, dass sie über die Vista Bescheid wussten, dann war es Jackson Cave.

Während ihrer mehrfachen verbalen Auseinandersetzungen mit ihm war Keri klar geworden, dass sich Cave`s Haltung verändert hatte. Anfangs hatte er sie nur als Bedrohung seines Business angesehen, ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden galt. Aber nun nicht mehr.

Schließlich hatte sie zwei seiner Großverdiener umgebracht, Akten aus seinem Büro gestohlen, Codes geknackt, und sein Business und vielleicht sogar seine Freiheit aufs Spiel gesetzt. Natürlich tat sie all dies, um ihre Tochter zu finden.

Doch sie spürte, dass Cave in ihr jetzt mehr als nur eine Gegnerin sah, eine Polizistin, die verzweifelt ihr Kind finden wollte. Er sah sie jetzt eher als seinen Erzfeind, als eine Art Todesfeind. Er wollte sie nicht mehr nur besiegen. Er wollte sie zerstören.

Keri war sicher, dass Evie deshalb der Blutpreis bei der Vista war. Sie bezweifelte, dass Cave wusste, wo Evie festgehalten wurde, oder wer sie festhielt. Ganz sicher kannte er die Leute, die wiederum die Leute kannten, die über diese Dinge Bescheid wussten. Und mit ziemlicher Sicherheit hatte er angeordnet, zumindest indirekt, dass Evie auf der morgigen Party geopfert werden sollte, um Keri unwiederbringlich zu brechen.

Es hatte keinen Sinn ihn zu beschatten oder ihn offiziell zu vernehmen. Er war viel zu schlau und vorsichtig, um Fehler zu machen, vor allem, da er wusste, dass sie ihm auf den Fersen war. Aber er steckte hinter alldem – da war sich Keri sicher. Sie musste nur einen anderen Weg finden, ihn zu überführen.

Mit neuer Entschlossenheit blickte sie auf und sah, wie Ray sie beobachtete.

„Wie lange starrst du mich schon so an?“, fragte sie.

„Mindestens ein paar Minuten. Ich wollte dich nicht stören. Du sahst aus, als ob du ernsthaft am nachdenken warst. Hattest du irgendwelche Eingebungen?“

„Eigentlich nicht“, gab sie zu. „Wir wissen beide, wer dahinter steckt, aber ich glaube nicht, dass uns das großartig weiterhelfen wird. Ich muss nochmal von vorne anfangen und darauf hoffen, neue Spuren zu finden.“

„Du meinst wir, nicht wahr?“, meinte Ray.

„Musst du dich nicht heute bei der Arbeit blicken lassen? Du arbeitest schon länger nicht, damit du dich um mich kümmern kannst.“

„Du machst wohl Witze, Tinker Bell“, sagte er mit einem Lächeln, anspielend auf ihren riesigen Größenunterschied. „Meinst du, ich gehe einfach ins Büro, während all das hier läuft? Zur Not nutze ich jeden Krankheits- und Urlaubstag, den ich habe.“

Keri merkte, wie die Freude sich in ihrer Brust ausbreitete, versuchte es jedoch zu verstecken.

„Das weiß ich zu schätzen, Godzilla“, sagte sie. „Aber wo ich noch beurlaubt bin wegen der internen Ermittlungen, müssen wir vielleicht auf deinen Zugang auf offizielle polizeiliche Ressourcen zurückgreifen.“

Keri war beurlaubt, während die internen Ermittlungen hinsichtlich der Umstände zum Tod von Brian „dem Sammler“ Wickwire liefen. Ihr Vorgesetzter, Lieutenant Cole Hillman, hatte angedeutet, dass diese wahrscheinlich bald zu Keris Gunsten eingestellt würden. Doch bis dahin hatte Keri keine Polizeimarke, keine Dienstwaffe, keine offizielle Handhabe und keinen Zugang zu polizeilichen Ressourcen.

„Gibt es deiner Meinung nach etwas Bestimmtes, das ich mir näher ansehen sollte?“ fragte Ray.

„Tatsächlich ja. Susan erwähnte, dass eine der vergangenen Blutpreise eine ehemalige Kinderschauspielerin war, die süchtig geworden und auf der Straße gelandet war. Falls sie vergewaltigt und umgebracht wurde, muss es dazu doch etwas in den Akten geben, vor allem, wenn ihr die Kehle durchgeschnitten wurde. Ich kann mich nicht erinnern, etwas dazu in den Nachrichten gesehen zu haben, aber vielleicht habe ich es verpasst. Vielleicht kannst du dazu etwas aufspüren, zum Beispiel einen forensischen Bericht mit der DNA der Spermien des Mannes, der sie vergewaltigt hat.“

„Möglich, dass es niemanden in den Sinn gekommen ist, die DNA zu überprüfen“, fügte Ray hinzu. „Wenn sie das Mädchen mit durchtrennter Kehle gefunden haben, sah vielleicht niemand die Notwendigkeit, Weiteres zu veranlassen. Wenn wir rausbekommen, wer sie war, dann kann man vielleicht eilig weitere Tests durchführen lassen, und die Identität des Mannes feststellen, der mit ihr zusammen war.“

„Genau“, stimmte Keri zu. „Denk nur daran, diskret zu sein. Zieh so wenige Leute wie möglich ins Vertrauen.“

„Verstanden. Und was hast du vor, während ich alte Akten über ermordete Teenie Mädchen wälze?“

„Ich werde eine mögliche Zeugin vernehmen.“

„Wen denn?“, fragte Ray.

„Susans Prostituiertenfreundin, Lupita – die, die sagte, sie hat diese Typen über die Vista reden hören. Vielleicht erinnert sie sich mit ein bisschen Hilfe an noch an etwas mehr.“

„Okay, Keri, aber vergiss nicht, dich zu schonen. Diese Gegend von Venice ist rau und du bist noch nicht wieder bei vollen Kräften. Außerdem bist du nicht einmal mehr eine Polizistin, im Moment jedenfalls.“

KAPITEL DREI

Als Keri vor der Adresse in Venice hielt, die Susan ihr getextet hatte, zwang sie sich, nicht auf die anhaltenden Schmerzen in ihrer Brust und ihrem Knie  zu achten. Sie betrat jetzt potentiell gefährliches Terrain. Und da sie offiziell nicht im Dienst war, musste sie besonders wachsam sein. Niemand hier war im Zweifelsfall auf  ihrer Seite.

Es war erst mitten am Vormittag und als sie die Pacific Avenue in dieser zwielichtigen Gegend von Venice überquerte, waren die einzig anderen auf der Straße die tätowierten Surfer, die der Kälte keine Beachtung schenkten und dem nur einen Block entfernten Meer zustrebten, sowie obdachlose Männer, die sich in den Eingangsbereichen von noch nicht geöffneten Läden herumdrückten.

Sie erreichte das verwahrloste Mietshaus, ging durch die offene Tür und stieg die drei Treppen hinauf zu dem Zimmer, in dem Lupita sie angeblich erwartete. In dieser Gegend kamen die Kunden erst nach dem Mittag, so dass dies eine gute Zeit war, bei ihr vorbeizuschauen. 

Keri näherte sich der Tür und wollte gerade anklopfen, als sie von drinnen ein Geräusch vernahm. Sie untersuchte die Tür und fand sie unverschlossen, öffnete sie leise und steckte den Kopf hindurch.

Auf dem Bett in dem kargen Raum lag ein Mädchen, das aussah wie fünfzehn. Auf ihr war ein nackter, drahtiger Mann in den Dreißigern. Laken verdeckten, was genau vor sich ging, aber er schein aggressiv in sie hineinzustoßen. Alle paar Sekunden schlug er dem Mädchen ins Gesicht.

Keri widerstand dem starken Verlangen, den Kerl von ihr herunterzuziehen. Auch ohne Dienstmarke war dies ihre natürliche Reaktion. Sie hatte jedoch keine Ahnung, ob dies ein Freier war und ob das, was hier vor sich ging, die normale Vorgehensweise war.

Ihre traurige Erfahrung hatte sie gelehrt, dass es langfristig kontraproduktiv sein konnte, jemandem zu Hilfe zu eilen. Wenn dies hier ein Freier war und Keri dazwischen funkte, würde sich der Kerl womöglich bei Lupitas Zuhälter beschweren, der es dann an ihr ausließ. Wenn das Mädchen nicht bereit war, dieses Leben hinter sich zu lassen, so wie Susan Granger es getan hatte, könnte ein Einschreiten Keris, und sei es juristisch noch so legitim, ihr das Leben nur noch schwerer machen.

Keri trat etwas weiter in den Raum hinein und Lupita sah Keri an. Das zerbrechlich aussehende Mädchen mit dunklen Locken schaute sie mit einem ihr bekannten Blick an, einer Mischung aus Flehen, Angst und Überdruss. Keri wusste fast sofort, was dies bedeutete. Sie brauchte Hilfe, aber nicht zu viel.

Dies war ganz klar ein Freier, vielleicht ein neuer, auf die  letzte Minute, denn er war hier, obwohl Lupita bereit gewesen war, Keri zu treffen. Aber ihr wurde befohlen, ihn trotzdem zu bedienen. Wahrscheinlich war das Schlagen nicht vereinbart. Aber sie war nicht in der Position sich zu wehren, falls ihr Zuhälter dem zugestimmt hatte.

Keri wusste, was sie zu tun hatte. Schnell tat sie einen Schritt nach vorne und zog leise ihren Gummiknüppel aus der Innentasche ihrer Jacke. Lupitas Augen weiteten sich und Keri konnte sehen, dass der Freier etwas bemerkt hatte. Er wollte sich gerade umgucken, als der Knüppel seinen Hinterkopf traf. Er fiel nach vorne auf das Mädchen drauf, bewusstlos.

Keri legte ihren Finger an die Lippen, damit Lupita leise blieb. Sie ging um das Bett, um sich zu vergewissern, dass der Freier wirklich bewusstlos war. Er war es.

„Lupita?“ fragte sie.

Das Mädchen nickte.

„Ich bin Detective Locke“, sagte sie, fügte allerdings nicht hinzu, dass sie genau genommen momentan gar kein Detective war. „Mach dir keine Sorgen. Wenn wir uns beeilen, muss dies nicht zum Problem werden. Wenn dein  Zuhälter fragt, was hier passiert ist: ein kleiner Typ mit Kapuze kam herein, hat den Freier niedergeschlagen und sein Portemonnaie gestohlen. Du hast sein Gesicht nicht gesehen. Er drohte dir, dich umzubringen, wenn du auch nur einen Mucks von dir gibst. Wenn ich hier herausgehe, dann zählst du bis zwanzig und fängst dann an zu schreien. Auf keinen Fall wird man dir die Schuld geben. Verstanden?“

Lupita nickte wieder.

„Okay“, sagte Keri, während sie die Jeans des Mannes durchforstete und sein Portemonnaie herauszog. „Ich glaube nicht, dass er länger als eine Minute bewusstlos sein wird, also lass uns loslegen. Susan sagte, du hättest einige Typen über das Vista Event morgen Abend reden hören. War einer davon dein Zuhälter?“

„Nee“, flüsterte Lupita. „Ich habe ihre Stimmen nicht erkannt. Und als ich in den Flur geguckt habe, waren sie weg.“

„Das ist okay. Susan hat mir erzählt, was sie über meine Tochter gesagt haben. Ich will, dass du dich auf den Ort konzentrierst. Ich weiß, dass dieses Vista Event immer in den Hollywood Hills stattfindet. Aber haben sie genaueres gesagt? Haben sie einen Straßennamen genannt? Irgendwelche Anhaltspunkte?“

„Sie haben keine Straße genannt. Aber einer von ihnen meinte, es sei schwieriger als letztes Jahr, weil es ein Tor gibt. Er sagte ‚in einem eingezäunten Komplex‘.  Deshalb nehme ich an, dass es sich um mehr als nur ein Haus handelt.“

„Das ist wirklich hilfreich, Lupita. Weißt du noch mehr?“

„Der eine sagte, er ist genervt, weil sie nicht nahe genug sein würden, um das Hollywood Schild zu sehen. Ich nehme an, letztes Jahr waren sie dicht dran. Aber dieses Jahr werden sie zu weit entfernt sein. Hilft Ihnen das?“

„Ja, das tut es. Das heißt, dass es wahrscheinlich dichter an West Hollywood dran ist. Das grenzt es ein. Das ist eine Hilfe. Noch etwas?“

Der Mann auf ihr stöhnte leise und rührte sich.

„Ich kann mich sonst an nichts erinnern“, murmelte Lupita kaum hörbar.

„Das ist okay. Das ist mehr, als ich vorher hatte. Du warst eine große Hilfe. Und wenn du dich jemals dafür entscheidest, dieses Leben hinter dir zu lassen, dann kannst du mich über Susan erreichen.“

Trotz ihrer misslichen Lage lächelte Lupita. Keri nahm ihre Kappe ab, zog eine Skimaske aus ihrer Tasche und zog sie über.

„Nicht vergessen“, sagte sie mit tiefer Stimme, die ihre eigene verschleierte, „warte zwanzig Sekunden, oder ich bringe dich um.“

Der Mann, der auf Lupita lag, kam zu sich, daher wandte sich Keri um und verließ den Raum. Sie war schon den halben Flur hinunter, als sie die Hilfeschreie hörte. Sie ignorierte sie und lief zur Eingangstür, wo sie ihre Maske auszog, sie in ihre Tasche stopfte und ihre Kappe aufsetzte.

Sie durchforstete das Portemonnaie des Kerls, und schmiss es in die Ecke neben der Tür, nachdem sie das Bargeld herausgenommen  hatte – ganze dreiundzwanzig Dollar. So lässig wie möglich überquerte sie die Straße und ging zu ihrem Auto. Als sie einstieg, konnte sie Schreie von wütenden Männern hören, die zu Lupitas Zimmer stürzten.

Als sie die Gegend verlassen hatte, rief sie Ray an, um zu sehen, ob er weitergekommen war mit seiner Spur. Er ging nach dem ersten Klingeln ran und an seiner Stimme hörte sie, dass es nicht gut gelaufen war.

„Was ist los?“, fragte sie.

„Das war eine Sackgasse, Keri. Ich bin zehn Jahre zurück gegangen und kann nichts finden über einen ehemaligen Kinderstar, der mit durchtrennter Kehle gefunden wurde. Ich habe einen Eintrag einer ehemaligen Kinderschauspielerin namens Carly Rose gefunden, mit der es bergab gegangen war und die als Teenager verschwand. Sie müsste jetzt ungefähr zweiundzwanzig sein. Das könnte sie sein. Oder sie hat einfach in einem U-Bahnschacht eine Überdosis genommen und ist niemals gefunden worden. Schwer zu sagen. Ich habe auch Einträge über andere Mädchen zwischen elf und vierzehn gefunden, auf die die Beschreibung zutrifft. – durchtrennte Kehlen. Leichen, die im Müll abgeladen wurden oder einfach an Straßenecken. Das sind aber meist Mädchen, die eine Weile auf der Straße gelebt haben. Und die erstrecken sich über einen längeren Zeitraum.“

„Für mich macht das Sinn“, meinte Keri. „Diese Leute hatten wahrscheinlich keine Skrupel, die Leichen von Mädchen, die auf der Straße arbeiteten oder keine Familie hatten, loszuwerden. Aber sie würden keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, indem sie die Leichen von bekannten Mädchen loswerden oder von denen, die aus gutem Hause kommen und die erst kürzlich entführt worden waren. Das würde richtige Ermittlungen nach sich ziehen. Ich wette, dass diese Mädchen verbrannt, verscharrt oder ins Meer geworfen wurden. Es sind die Mädchen, nach denen niemand sucht, die sie einfach irgendwo liegenlassen.“

Keri ignorierte, dass sie dies alles so sachlich hervorbrachte. Wenn sie darüber nachgedacht hätte, hätte sie sich daran gestört, wie abgehärtet sie geworden war hinsichtlich dieser Grausamkeit.

„Das haut hin“, stimmte Ray zu, genauso sachlich. „Es könnte auch die Jahre dazwischen erklären. Wenn sie das eine Jahr eine Prostituierte von der Straße genommen haben, und dann einige gekidnappte Vorortkids, dann wieder eine Teenager-Nutte, dann kann man schwerer ein Muster erkennen. Ich meine, wenn einmal pro Jahr eine Teenie-Nutte mit aufgeschlitzter Kehle gefunden wird, das würde doch auffallen.“

„Das stimmt“, sagte Keri. „Also hast du damit nichts anfangen können.“

„Nee. Sorry. Hattest du mehr Glück?“

„Ein bisschen“, meinte sie. „Nachdem, was Lupita gesagt hat, hört es sich so an, als sei der Ort der Vista vielleicht in West Hollywood, in einem dieser eingezäunten Komplexe.“

„Das hört sich vielversprechend an“, bemerkte Ray.

„Vielleicht. Davon gibt es aber Tausende dort oben in den Hills.“

„Wir können Edgerton bitten zu prüfen, ob die Eigentumstitel mit jemandem übereinstimmen, der uns bekannt ist. Mit Strohfirmen ist das sicherlich schwierig. Aber man weiß nie, was Edgerton so ausgräbt.“

Das stimmte. Detective Kevin Edgerton war ein Genie in Sachen Technologie. Wenn irgendjemand eine Verbindung ausgraben konnte, dann er.

„Okay, setzen wir ihn darauf an“, meinte Keri. „Aber er soll den Ball flach halten und diskret vorgehen. Und gib ihm nicht zu viele Einzelheiten. Je weniger Leute  Bescheid wissen, desto geringer die Gefahr, dass jemand versehentlich etwas ausplaudert und dadurch die falschen Leute warnt.“

„Alles klar. Was machst du jetzt?“

Keri dachte einen Moment nach und erkannte, dass sie keine neuen Spuren hatte, denen sie nachgehen konnte. Das bedeutete, sie musste das tun, was sie immer tat, wenn sie nicht weiterkam – von vorne anfangen. Und es gab jemanden, mit dem sie definitiv einen neuen Anfang machen musste.

„Überhaupt“, meinte sie,  „kannst du Castillo bitten mich anzurufen, aber nicht offiziell, sondern über ihr Handy?“

„Okay. Was denkst du?“, fragte Ray.

KAPITEL VIER

Angespannt wartete Keri in ihrem Auto, die Uhr im Auge behaltend, während sie vor den Geschäftsräumen der Weekly L.A. saß. Dies war eine alternative Zeitung, wo sie sich mit Officer Jamie Castillo verabredet hatte. Und ihre Freundin, Margaret „Mags“ Merrywether, arbeitete hier als Kolumnistin.

Die Zeit wurde knapp. Es war schon 12:30 Uhr am Freitag, knappe sechsunddreißig Stunden, bevor ihre Tochter vergewaltigt und in einem Ritualmord geopfert werden sollte zum Vergnügen wohlhabender Männer mit kranken Seelen.

Keri sah Jamie die Straße hinunterkommen und schüttelte die dunklen Gedanken ab. Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, wie sie den Tod ihrer Tochter verhindern konnte, statt sich hineinzusteigern, auf welch furchtbare Weise es passieren konnte.

Wie sie es angewiesen hatte, trug Jamie einen Mantel über ihrer Polizeiuniform, um weniger Aufmerksamkeit zu erregen. Keri winkte ihr vom Fahrersitz aus zu. Jamie lächelte und kam auf das Auto zu. Ihre dunklen Haare wehten im schneidenden Wind, obwohl sie sie in einen Pferdeschwanz zusammen gebunden hatte. Sie war einige Zentimeter größer als Keri und hatte eine athletischere Figur. Sie war Parkour-Fan und Keri hatte schon gesehen, was sie unter Druck leisten konnte.

Officer Jamie Castillo war noch kein Detective. Doch Keri war sich sicher, wenn sie erst einer war, würde sie großartig sein. Zusätzlich zu ihren körperlichen Fähigkeiten war sie zäh, smart, unnachgiebig und loyal. Sie hatte schon ihre eigene Sicherheit und sogar ihren Job für Keri aufs Spiel gesetzt. Wenn nicht schon Ray ihr Partner wäre, dann wäre Keris Wahl auf sie gefallen.

Vorsichtig stieg Jamie ins Auto, unfreiwillig zusammenzuckend, und Keri erinnerte sich, warum. Im Zuge der Jagd auf den Verdächtigen, der Keri ihre Verletzungen zugefügt hatte, hatte sie sich in nächster Nähe der Bombe befunden, die in seinem Apartment hochgegangen war. Ein FBI Agent war durch die Bombe ums Leben gekommen, ein weiterer hatte sich schwere Verbrennungen zugezogen, und Ray hatte eine Glasscherbe ins Bein abbekommen, was er aber seitdem nicht erwähnt hatte. Jamie hatte eine Gehirnerschütterung und schlimme Blutergüsse davongetragen.

„Bist du nicht gerade heute aus dem Krankenhaus entlassen worden?“, fragte Keri  ungläubig.

„Ja“, sagte sie, und Stolz schwang in ihrer Stimme mit. „Ich durfte heute Morgen gehen. Ich bin nach Hause, hab meine Uniform angezogen und war zehn Minuten zu spät bei der Arbeit. Lieutenant Hillman hat mir das allerdings nachgesehen.“

„Wie geht es deinen Ohren?“, fragte Keri, bezugnehmend auf den Verlust ihres Gehörs, den Jamie direkt nach der Bombenexplosion erlitten hat.

„Ich kann dich gut hören. Ich habe immer wieder ein Klingeln in den Ohren. Die Ärzte meinen, das geht in ein oder zwei Wochen wieder weg. Keine langfristigen Schäden.“

„Ich kann kaum glauben, dass du heute arbeitest“, meinte Keri kopfschüttelnd. „Und ich kann kaum glauben, dass ich dich bitte, am ersten Tag gleich so viel zu tun.“

„Kein Problem“, versicherte Jamie ihr. „Ich musste eh‘ mal raus. Alle haben mich mit Samthandschuhen angefasst. Aber ich muss gleich zurück, sonst halte ich das nicht durch. Ich habe aber bei mir, worum du mich gebeten hast.“

Sie zog eine Akte aus ihrer Tasche und gab sie Keri.

„Danke.“

 „Kein Problem. Und bevor du fragst, ich habe die „allgemeine“ User ID benutzt, um die Datenbank zu durchforsten, damit man es nicht nachverfolgen kann. Ich gehe davon aus, dass du deine Gründe hast, weshalb du nicht willst, dass ich meine eigene User ID benutze. Und ferner gehe ich davon aus, dass du deine Gründe dafür hast, warum du nicht freiwillig erzählst, warum du diese Infos brauchst?“

„Da hast du recht“, sagte Keri und hoffte, dass Jamie es damit gut sein ließ.

„Und ich nehme an, dass du mir nicht sagst, worum es hier geht oder mich in irgendeiner Form helfen lässt?“

„So ist es am besten, Jamie. Je weniger du weißt, desto besser. Und je weniger Leute wissen, dass du mir geholfen hast, desto besser ist es für mich.“

„Okay. Ich vertraue dir. Aber wenn du irgendwann meinst Hilfe zu benötigen, du hast meine Nummer.“

„Die habe ich“, sagte Keri und drückte Castillos Hand.

Sie wartete, bis Officer Castillo wieder bei ihrem Wagen und damit weggefahren war, bevor sie aus ihrem eigenen ausstieg. Die Akte, die Castillo ihr gegeben hatte, fest in der Hand, stieg sie die Stufen hinauf zu den Geschäftsräumen der Weekly L.A., wo Mags, und mit ihr hoffentlich ein paar Antworten warteten.

*

Zwei Stunden später klopfte es an der Tür zum Konferenzraum, in dem Keri  sich eingerichtet hatte und Akten sichtete. Der große Tisch in der Mitte des Raumes war komplett mit Papieren bedeckt.

„Wer ist da?“ fragte sie. Die Tür öffnete sich eine Handbreit. Es war Mags.

„Ich wollte mich nur mal melden“, sagte sie. „Ich wollte sehen, ob ich dir irgendwie behilflich sein kann, meine Liebe.“

„Ich könnte eigentlich eine kleine Pause gebrauchen. Komm rein.“

Mags kam herein, machte die Tür zu, schloss sie hinter sich ab und stellte sicher, dass die Jalousien geschlossen waren, damit niemand hereinschauen konnte. Einmal mehr staunte Keri, wie sie sich angefreundet hatte mit der Frau, die quasi die Live-Action Version von Jessica Rabbit war.

Margaret Merrywether war über 1,80 Meter groß, selbst ohne die Stöckelschuhe, die sie normalerweise trug. Von toller Statur, mit milchig weißer Haut, reichlich Kurven, flammend roten Haaren, die toll zu ihrem rubinroten Lippenstift passten, und strahlend grünen Augen, schien sie gerade einem Modemagazin für Amazonen entstiegen zu sein.

Und all das, bevor sie auch nur ihren Mund öffnete, mit einen Akzent wie Scarlett O`Hara, unterlegt mit einer scharfen Zunge wie Rosalind Russell in His Girl Friday. Nur der leicht bissige Ton gab Aufschluss auf Margarets (von ihren Freunden Mags genannt) Persönlichkeit. Wie sich herausgestellt hatte, war sie auch bekannt unter dem Pseudonym „Mary Brady“, die sensationsmachende Kolumnistin, die Lokalpolitiker zu Fall gebracht, Amtsvergehen großer Firmen aufgedeckt und bestechliche Polizisten bloß gestellt hatte.

Mags war auch glücklich geschiedene Mutter zweier Kinder, die durch die Trennung von ihrem Ex-Mann, einem Banker, noch wohlhabender geworden war. Keri hatte sie während einer Ermittlung kennengelernt, und nach ihrer anfänglichen Skepsis, dass sich hinter ihrer Person nur eine große Show verbarg, hatte sich eine Freundschaft entwickelt. Keri, die nicht viele Freunde außerhalb ihres Jobs hatte, war froh, dass sie einmal die Langweilige war.

Mags setzte sich in einen Sessel neben Keri und begutachtete die Collage aus Polizeidokumenten und Zeitungsausschnitten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen.

„So, meine Liebe, du hattest mich gebeten, alle Zeitungsartikel, in denen es jemals um Jackson Cave ging, zusammen zu sammeln. Und wie ich sehe, hast du jemand anderen in der Abteilung gebeten, das gleiche zu tun mit allem, was sie zu ihm haben. Dann hast du dich für zwei Stunden hier eingeschlossen. Bist du jetzt soweit mir zu sagen, was hier vor sich geht?“

„Bin ich“, sagte Keri. „Gib mir einen Moment.“

Sie stand auf, holte einen Wanzendetektor aus ihrer Tasche und fing an, den gesamten Konferenzraum nach Wanzen abzusuchen. Mags zog die Augenbrauen hoch, schien aber nicht weiter erstaunt.

„Weißt du, meine Liebe“, begann sie, „ich bin die letzte, die dir sagt, dass du übervorsichtig bist. Aber ich lasse so eine Suche zweimal pro Woche professionell durchführen.“

„Ohne Zweifel“, sagte Keri. „Aber danke, dass du mich machen lässt, wie ich möchte. Dies wurde mir von einem befreundeten Nerd gegeben, dem ich vertraue.“

„Jemand aus der Abteilung?“, fragte Mags.

„Nein, er ist ein Security-Mann aus dem Shopping Center. Es ist eine lange Geschichte, aber man kann sagen, dass der Typ sich wirklich auskennt, und er schuldete mir einen Gefallen. Als ich ihn nach einer Empfehlung für deinen guten Wanzendetektor fragte, hat er mir diesen geschenkt.“

„Das hört sich nach einer langen Geschichte an, die ich gern hören würde, wenn ich etwas mehr Zeit habe“, meinte Mags.

Gedankenversunken nickte Keri, während sie fortfuhr, den Raum zu abzusuchen. Mags lächelte und wartete geduldig. Als Keri fertig war und nichts gefunden hatte, setzte sie sich wieder.

„Also, es ist so“, sagte sie und erzählte, was sich zugetragen hatte mit Cave, wovon Mags schon vieles kannte.

Tatsächlich hatte ihre Freundin ihr erst kürzlich geholfen, Informationen von einem Auftragskiller zu bekommen, der eine Verbindung zu Cave hatte. Dieser Mann war nur bekannt unter dem Namen Schwarzer Witwer, eine mysteriöse Figur, der einen schwarzen Lincoln Continental ohne Nummernschilder fuhr.

Vor Monaten hatte Keri in Aufnahmen einer Überwachungskamera gesehen, wie er ganz locker den Mann umbrachte, der Evie festgehalten hatte, wie er Evie  in seinen Kofferraum gedrängt und mit ihr in die Nacht verschwunden war, alles, wie Keri vermutete, auf Befehl von Cave.

Irgendwie hatte Mags es geschafft, anonym Kontakt zu dem Schwarzen Witwer  aufzunehmen. Wie sich herausstellte, hatte er kein Problem damit, für einen gesalzenen Preis Informationen über Evies Aufenthaltsort preiszugeben. Er schien niemandem gegenüber loyal zu sein, was Keri gut passte, denn durch seine Informationen hatte Keri ultimativ von dem Vista-Event erfahren.

Obwohl einige Details, so wie die Verbindung zum Schwarzen Witwer, nichts Neues waren für Mags, sagte sie nichts. Sie unterbrach kein einziges Mal, zog aber einen Schreibblock heraus und  machte sich gelegentlich Notizen. Sie hörte aufmerksam zu, vom Anfang bis zu dem Punkt, als Susan Granger an diesem Morgen angerufen hatte, um von Evie als Blutpreis bei der Vista zu berichten.

Als sie sicher war, dass Keri alles erzählt hatte, stellte sie eine Frage.

„Ich verstehe dein Dilemma, Keri. Und ich bin genauso  entsetzt wie du. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum du über Hunderten von Papieren über Mr. Cave sitzt?“

„Weil ich nicht mehr weiter weiß, Mags. Ich habe keine Spuren mehr. Ich habe keine Anhaltspunkte mehr. Das einzige, was ich weiß,  ist, dass Jackson Cave irgendwie in den Fall meiner Tochter verwickelt ist.“

„Und da bist du dir sicher?“, fragte Mags.

„Ja“, sagte Keri. „Nicht anfangs, glaube ich. Er hatte wahrscheinlich keine Ahnung, dass eins der Opfer seiner Entführer meine Tochter ist. Schließlich war ich zu der Zeit nicht einmal Detective. Ich war Professorin am College. Ihr Verschwinden ist der Grund, warum ich Polizistin geworden bin. Ich weiß nicht einmal, wann genau ich seine Aufmerksamkeit auf mich gezogen habe. Aber irgendwann muss er sich zusammengereimt haben, dass das Kind, nach dem die Polizistin sucht, von jemandem entführt worden war, den er selbst beauftragt hat.“

„Und du glaubst, er hat ihren Aufenthaltsort herausbekommen?“, fragte Mags. „Du glaubst, dass er weiß, wo sie jetzt ist?“

„Das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Ich bin sicher, dass er irgendwann ihren Aufenthaltsort ermittelt hat. Es wäre ihm zugute gekommen, ihre Umstände zu kennen. Aber das muss gewesen sein, lange bevor ich anfing, bei ihm herumzuschnüffeln. Ich bin sicher, er hat sichergestellt, dass er nicht mit ihr in Verbindung gebracht werden kann, als er merkte, dass ich ihn näher unter die Lupe nehme. Er wusste, dass ich ihm Tag und Nacht folgen würde, wenn ich denke, er könnte mich zu Evie führen. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich ihn entführe und foltere, um an ihren Aufenthaltsort zu kommen.“

„Würdest du?“, fragte Mags, mehr neugierig als anklagend.

„Das würde ich. Millionenfach würde ich das tun.“

„Ich auch“, flüsterte Mags

„Deshalb glaube ich nicht, dass er weiß, wo meine Tochter ist oder wer sie festhält. Aber ich denke, dass er Leute kennt, die wiederum Leute kennen, die wissen, wo sie ist. Ich denke, er könnte ihren Aufenthaltsort herausbekommen, wenn er wollte. Und ich denke, er könnte sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort bringen lassen, wenn er es wollte. Genau das läuft hier gerade, denke ich. Ich glaube, Evie ist deshalb der Blutpreis, weil er es so will. Und irgendwie ist sein Wunsch an die Leute übermittelt worden, die dies einrichten können.

„Also willst du der Spur folgen?“

„Nein. Das Labyrinth von ihm zu ihr ist zu kompliziert, als dass ich da durchsteige, auch wenn ich unbegrenzt Zeit hätte, die ich ja nicht habe. Darauf lasse ich mich nicht ein. Aber ich merke jetzt, dass ich Jackson Cave immer als Gegner gesehen habe, als den Drahtzieher, der mich von meiner Tochter fernhält, diese böse Kraft, die meine Familie zerstören will.“

„All dies ist er nicht?“, fragte Mags, und hörte sich dabei überrascht, ja, fast beleidigt an.