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Die beiden Cousins Jeremiah und Will werden während des Zweiten Weltkriegs Zeugen, wie ein deutsches Kampfflugzeug über dem Südosten Englands abgeschossen wird und der Pilot schwer verletzt in einem Baum landet. Dieses Ereignis verändert das Leben der beiden für immer – während Jeremiah durch einen Glassplitter ein Auge verliert, beteiligt sich Will am Mord an dem Deutschen. Nicht zuletzt die Erfahrung dieser rohen Lynchjustiz löst in Jeremiah das Bedürfnis aus, Todgeweihten in ihren letzten Lebensmomenten beizustehen: Er bewirbt sich um die Stelle als Henker Ihrer Majestät, um Verurteilte so human wie möglich zu töten. Bis in die Sechzigerjahre übt er diesen Beruf im Geheimen aus und findet für sich eine Balance zwischen Mitgefühl und Gerechtigkeit. Bis ein Mordfall dieses Gleichgewicht ins Wanken bringt und sich eine Kain-und-Abel-Geschichte um Liebe und Tod entspinnt ...
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Seitenzahl: 564
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Tim Binding
Eine Tadellose
Vollstreckung
ROMAN
Aus dem Englischen von Gottfried Röckelein
ars vivendi
Die Übersetzung beruht auf der Picador-Ausgabe des Originals von 1996.
Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel A Perfect Execution
Copyright © 1996 by Tim Binding
International Right management: Susanna Lea Associates
Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Deutschen Originalausgabe (1. Auflage September 2017)
© 2017 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg
Alle Rechte vorbehalten
www.arsvivendi.com
Umschlaggestaltung: FYFF, Nürnberg
Motivauswahl: ars vivendi
Coverfoto: © plainpicture/Benjamin Harte
Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag
eISBN 978-3-86913-867-1
FÜR SIMON GIBBS,
DEN FREUND VIELER JAHRE
Inhalt
EINS
ZWEI
DREI
Der Autor
Der Übersetzer
Man entnehme ein Seil aus Vollzugskiste B und vergewissere sich, dass die Guttapercha-Schutzüberzüge der Spleiße an beiden Seilenden nicht durch den vorherigen Gebrauch des Seiles beschädigt wurden.
Aus der »Amtlichen Tabelle der Falltiefen« ist die dem jeweiligen Alter und der jeweiligen Statur des Verurteilten angemessene Falltiefe zu entnehmen.
An dem Ende des Seiles, an dem sich die Schlinge befindet, sind (für den Halsumfang) vom Mittelpunkt der Messingöse dreizehn Zoll abzumessen. Der so erhaltene Messpunkt ist mittels eines Stückes Zwirn aus Vollzugskiste B, das an dieser Stelle um das Seil gebunden wird, zu markieren.
Von dieser Markierung ausgehend, messe man entlang des Seiles nach oben die ermittelte Falltiefe bis auf einen Viertelzoll genau ab und markiere den Punkt erneut mit einem um das Seil zu bindenden Stückes Zwirn.
Danach ist das Seil mittels Bolzen und Schäkel an der von dem Querbalken über der Falltüre herabhängenden Kette unter Zuhilfenahme der Verstellschelle so zu befestigen, dass sich die Falltiefenmarkierung genau auf Höhe der Schädeldecke des Verurteilten befindet.
Aus Vollzugskiste B ist ein Stück Kupferdraht zu entnehmen, dessen eines Ende am Schäkel am Ende der Kette zu befestigen, das andere Ende so zu biegen ist, dass es sich mit der Falltiefenmarkierung trifft.
Anschließend wird der Sandsack aufrecht auf die Falltüre gestellt. Man vergewissere sich dabei, dass die Sandfüllung dem Körpergewicht des Verurteilten entspricht.
Die Schlinge wird nun um die den Hals darstellende Einbuchtung des Sandsacks gelegt und die Falltüre in Anwesenheit des Gefängnisdirektors betätigt.
Der Sack bleibt bis eine Stunde vor dem Hinrichtungstermin am nächsten Morgen hängen. Dann wird durch Vergleich der Markierung am Seil und dem Ende des Kupferdrahtes geprüft, um ein Wievieles sich das Seil gelängt hat. Eine allfällige Längung ist durch Anpassung der Falltiefe zu korrigieren.
Danach ist der Sandsack zu entfernen, die Falltüre mittels der Ketten und des Flaschenzuges hochzuziehen, der Auslösehebel einzurasten und der Sicherungsstift so durchzustecken, dass eine versehentliche Betätigung des Hebels ausgeschlossen ist.
Das Seil wird so weit aufgeschossen, dass die Schlinge in Höhe des Nackens des Verurteilten hängt, und in dieser Länge mittels Zwirn fixiert.
Damit sind die Vorbereitungen abgeschlossen.
EINS
ZUR ARBEIT PFLEGTE er stets unter einem Decknamen anzureisen, doch bezeichnenderweise war es einer, den er nie veränderte. Jahre später, nachdem er in den Ruhestand gegangen und dieser Name allgemein bekannt geworden war, geschah es hin und wieder, dass kleine Kinder auf ihren betonierten Spielplätzen umherhüpften und Lieder sangen, in denen er in seiner berüchtigten falschen Identität ebenso vorkam wie jene Begebenheit, die ihm letztlich, wie es eine Zeitung taktlos formulierte, »das Genick brach«. Im Öffentlichen Dienst sowie in allen Dienststellen der Justiz war dieser Name geläufiger als jener, den der Gemeindepfarrer bei der Taufe salbungsvoll intoniert hatte, und obgleich er als Neugeborener in ein Kupferbecken getaucht wurde, das mit dem Namen Jeremiah Bembo versehen war, und obwohl er, als er das entsprechende Alter erreicht hatte, eine gestärkte weiße Serviette aus einem silbernen Ring zu ziehen pflegte, auf dessen ornamentierter Oberfläche Jeremiah Bembo eingraviert war, und trotz der Tatsache, dass die einzigen drei Bücher, die er bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr besaß – seine Bibel, sein Gebetbuch und eine bebilderte Geschichte Englands –, alle auf der Titelseite mit einem Jeremiah Bembo in der kunstvollen und peniblen Handschrift seines Vaters geschmückt waren, beschloss er, als er sich schließlich seinen eigentlichen Beruf erwählte, diesen Namen abzulegen, nicht aus Schamgefühl oder vorsätzlicher Auflehnung, sondern eher aus einem angeborenen Sinn für Anstand und einem geübten Blick für künftige Eventualitäten, um der Söhne und Töchter willen, die er noch zu zeugen hatte. Solomon Straw lautete der Name seiner Wahl, wobei Solomon dafür stehen sollte, dass diese Welt der unentwegt wachsamen Weisheit einer letzten Autorität bedurfte, und Straw für das Wissen um die Labilität des menschlichen Charakters und die Erkenntnis, dass es im ganzen Land keinen Mann und keine Frau gab, die nicht, unter bestimmten Umständen, in seinen Händen landen konnten. Rief ihn die Pflicht nach Leeds oder Cardiff oder einem anderen der fünfzehn infrage kommenden Orte der Britischen Inseln, so trat er seine Reise stets mit den beiden Gepäckstücken an, die mit einer Solomon-Straw-Prägung versehen waren, und Solomon Straw stand auch im Innern seines beigen Filzhutes, und Solomon Straw war auf der Innenseite des Deckels des Mahagonikästchens eingraviert, in dem er seinen geladenen Revolver aufbewahrte. Er war eine der wenigen Personen in Großbritannien, die eine Erlaubnis des Innenministeriums zum Führen einer Waffe unter einem falschen Namen besaßen, was jedoch in der Praxis ohne Bedeutung war. Im ganzen Land gab es schließlich nicht einen Polizisten, der den Namen Solomon Straw nicht gekannt beziehungsweise der nicht gewusst hätte, womit dieser Mann einen Teil seines Lebensunterhalts verdiente.
Er lebte jetzt im Südwesten Englands, hatte aber seine Kindheit in der Nähe des Ortes verbracht, an dem das Verbrechen geschah. Als Junge hatte er jeden Fußbreit dieses Geländes mit dem Rad abgefahren, hatte sich sogar mit seinen Freunden exakt auf dem kleinen Rastplatz Wettrennen geliefert, wo sich der Mann mit den lackierten Fingernägeln als Erstes mit Gewalt in das Auto gedrängt hatte. Weil er die Gegend so gut kannte, hatte er den Fall mit noch größerem Interesse als sonst verfolgt. Er konnte sich ganz genau an den Rastplatz erinnern, der zur linken Seite des staubigen Hügels eine Schleife bildete und den Blick auf die zartgrüne Ebene des Tales freigab. Er konnte sich an die ausgedehnte Schotterfläche erinnern, an das schmale, schwarz-gelbe AA-Häuschen am Ende und den feuchten, unansehnlichen Salzhaufen daneben, aus dem sich die Gemeindearbeiter beim ersten Frost zu bedienen pflegten.
*
Als der vertraute braune Umschlag durch die Tür fiel und ihn zu einem Termin in drei Wochen bestellte, überkam ihn das Gefühl einer gewissen Komplizenhaftigkeit, das er sich nicht richtig erklären konnte, denn dort war es gewesen, oder jedenfalls ganz in der Nähe, dort unten im Tal, wo die lange Reihe der Gewächshäuser seines Großvaters stand und wo er selbst sein Auge verloren hatte. Nach mehr als drei Jahren würde es das erste Mal sein, dass er wieder nach Oxford käme, wo er zuvor ohnehin nur zweimal in amtlicher Eigenschaft gewesen war, einmal 1952, als er sich Albert Fowlers annehmen musste, der den Besitzer eines Juweliergeschäfts erschossen hatte, und vier Jahre später, um Francis Wickert aus dem Leben zu befördern, den Oxforder Studenten, der drei Kommilitonen aus der Oxforder Rudermannschaft vergiftet hatte in dem törichten Versuch, selbst für das jährliche Boat Race nominiert zu werden (Oxford verlor). Immerhin hatte Wickert, obgleich durch hemmungslosen Geltungsdrang zu seiner Tat getrieben, ein nachvollziehbares Motiv. Eigentlich hätte man ihn aufstellen müssen. Seine soziale Herkunft war es gewesen, wegen der er nicht nominiert worden war, nicht mangelnde sportliche Eignung, obwohl nach seiner Verurteilung Stimmen laut geworden waren, die argumentierten, die Tötung dreier Mitruderer beweise, dass die Auswahlkommission ihn völlig zu Recht nicht aufgestellt habe, weil er eben nicht teamfähig gewesen sei. Wickert hatte eine wunderbare Statur, die schönste, die Solomon je unter die Augen gekommen war. Schon der bloße Anblick seines Körpers schien zu suggerieren, dass man hier ein zu Ruhm und Ehre bestimmtes Leben vor sich hatte, eines, das aus der Masse heraus- und über sie hinausgehoben zu werden verdiente. Ein strahlend schönes Geschöpf mit goldblondem Haar und goldbraunem Teint; jetzt aber wartete er nur noch darauf, dass man ihm im Morgengrauen das Genick brach. Nach getaner Arbeit entkleidete Solomon den Burschen und verfolgte, wie ihn sein Assistent Alf wieder nach oben holte, wie Wickerts Kopf unter der weißen Kapuze hin- und herpendelte und seine Gliedmaßen schlaff herabhingen. Sobald er vom Seil befreit war, legte Alf den nackten warmen Körper Solomon über die Schulter, damit dieser ihn hinüber in den engen Vorraum tragen konnte, wo das Messer und der nasskalte Rinnstein auf ihn warteten. Zum ersten Mal in seiner beruflichen Laufbahn stand Solomon kurz davor, die Kontrolle über sich zu verlieren. Er wollte seine Arme um Wickert legen und den anderen sagen: »Nein. Den hier dürft ihr nicht verstümmeln. Den hier dürft ihr nicht in Stücke reißen.« Aber er tat es nicht. Was hätte das für einen Sinn gehabt? Keinen, außer dass er selbst unwiderruflich in Ungnade gefallen wäre. Ein einziger Fehler, eine einzige Abweichung von der vorgeschriebenen Routine seines Amtes, und schon wäre seine Laufbahn beendet gewesen. Aus und vorbei. So lautete die Regel. Also legte er Wickerts Leichnam auf dem Seziertisch ab und stieg durch die Fallöffnung wieder hinauf, um Ketten und Flaschenzug zu verstauen, und während des Aufräumens konnte er das Knacken der Rippen hören, als man den Körper öffnete, um das Herz zu untersuchen, hörte er das Raspeln der Knochensäge, als sie sein Schädeldach öffneten und abnahmen, hörte sogar das durch Mark und Bein gehende Geräusch, als sie ihm die Haut vom Genick abzogen, um sich zu vergewissern, dass er, Solomon Straw, seine Arbeit ordentlich gemacht hatte.
»Sehr sauber«, ließ sich der amtliche Leichenbeschauer zehn Minuten später vernehmen, stellte sich noch mit Gummihandschuhen unter die Tür und sah durch das kreuz und quer verlaufende Gebälk nach oben. »Wirbel zwei und drei. Und schnell ging’s auch, oder?«
»Ich hatte schon Schnellere«, antwortete Solomon Straw gelassen.
Für Alf war es das erste Mal gewesen, weshalb dieser unbedingt einen guten Eindruck machen wollte.
»Das kann ja schon sein«, sagte er, »aber ich wette, Sie mussten noch keinem von diesen Kerlen vorher die Frisur richten.«
»Das war genau das, was er brauchte, Alf«, erklärte Solomon Straw. »So habe ich es leichter für ihn gemacht.«
»Und abgespritzt hat er auch nicht«, beschwerte sich Alf. »Bei dem Apparat, den der dranhängen hat, hätten wir ganz schön was aufwischen müssen«, und er brach in schallendes Gelächter aus, das von den Wänden der leeren Grube widerhallte.
Solomon Straw fuhr auf seinen eleganten, polierten Schuhen herum und brachte ihn mit einem vernichtenden Blick zum Schweigen, ehe er davonschritt.
»Schau dir alles noch mal genau an, mein Junge«, sagte der Leichenbeschauer und zog sich unter lautem Schnalzen die Gummihandschuhe von den Händen. »Denn heute hast du Mr Straw zum letzten Mal gesehen, und einen Ort wie diesen auch. Er wird dafür sorgen, dass du rausfliegst, so sicher wie meine Frau Migräne hat.«
Damit hätte er normalerweise recht gehabt. Derartige Witzchen, eine schnodderige Bemerkung, ein ordinärer Kommentar, irgendetwas, das auf frivolen Unernst schließen ließe, hätten Alfs Karriere auf der Stelle beendet. Man hätte ihm niemals eine Begründung gegeben. Er wäre einfach nie mehr eingeplant worden. Es hätte keinerlei Verbindung mehr mit ihm gegeben, keine schriftlichen Einbestellungen mehr, keine per Post zugesandten Dienstausweise. Nur eine absurd geräuschlose Suspendierung für alle Zeiten. Doch dieses Mal gab ihm Solomon Straw eine zweite Chance, nicht etwa, weil Alf ihm leid tat oder er ihn mochte (Er mochte ihn nicht. Er hielt ihn für aufdringlich und ungehobelt und unwürdig für diesen Beruf.), sondern weil er selbst es gewesen war, der als Erster die Beherrschung verloren hatte, der eine Sekunde lang einen Anflug von Betroffenheit in den Raum hatte entweichen lassen, welcher dann wie ein Virus durch die Luft gewandert und bereitwillig aufgenommen worden war. Daher sagte er nichts, sprach keinen Tadel aus und schrieb keine Briefe, sondern nahm lediglich sein Gepäck auf und marschierte davon. Als er am Abend zu Hause ankam, holte er sein Vollzugsbuch heraus und fügte unterhalb der einzelnen Angaben von Namen, Körpergröße, Gewicht, Falltiefe, Namen des Assistenten und benötigter Zeit hinzu: »Ein ganz junger Mensch, der aus seiner Bahn geworfen wurde, wie es mir beinahe selbst passiert wäre.« Jahre danach erzählte er Jack Edge in einem seltenen Moment von Vertraulichkeit, dass er, als das Schreiben kam und ihm mitteilte, sein Erscheinen in Oxford sei erneut vonnöten, es eigentlich hätte ahnen müssen. Wickert war ein Vorgeschmack auf das gewesen, was ihn noch erwartete. Er hätte den Auftrag ablehnen sollen. Aber selbstverständlich hat er nie einen Auftrag abgelehnt. Keiner hat das je getan.
Er reiste stets mit dem Zug an, in einem Erste-Klasse-Abteil, das ausschließlich für ihn reserviert war. Er war durchaus kein Snob, doch hätte er es seinen jeweiligen Assistenten nie gestattet, ihm Gesellschaft zu leisten. Die hatten in einem anderen Waggon mitzufahren, weiter hinten. Der vorgebrachte – und akzeptierte – Vorwand lautete, das sei aus Sicherheitsgründen nötig, doch in Wirklichkeit hatte es damit nichts zu tun, und hin und wieder hätte er eine hilfreiche Hand sehr wohl gebrauchen können. Es waren die Einzigartigkeit und Besonderheit seines Amtes und dessen rigorose Abgehobenheit vom Rest des normalen Lebens, die ein solches Verfahren unausweichlich bedingten. Niemand sonst im ganzen Land konnte vollbringen, was er vollbrachte, und so bewegte er sich auf seinen Bestimmungsort zu, als umhüllte ihn ein unsichtbarer, heiliger Kokon. Da war eine Aura um ihn herum, ein vielleicht zwei Fuß messender magischer Bereich, den zu betreten nur wenige von denen wagten, die um seinen Beruf wussten, und diesen Bereich hätte er genauso akkurat mit Kreide markieren können, wie er die Stelle auf der Falltür markierte, wo die Füße des Häftlings zu stehen kommen mussten. Ein flüchtiges Schulterklopfen und ein schneller Schritt zur Seite, um ihm den Vortritt zu lassen – mehr konnte er auch nicht von alten Freunden wie Peter Alcott oder Fabian erwarten. So unterwarf er sein gesamtes Verhalten dem Diktat dieser notgedrungenen Absonderung und hielt sich abseits, selbst dann, wenn er froh um ein wenig Gesellschaft gewesen wäre. Zudem: Seine Assistenten kamen und gingen. Keiner blieb auf Dauer. Einige tranken zu viel und stiegen mit einer Fuselfahne aus dem Zug; andere gaben mit ihrer Tätigkeit in Wirtshäusern und Klubs an; wieder andere brachen zum kritischen Zeitpunkt zusammen. Einige, wie Alf, mochte er einfach wegen ihres groben Machogehabes nicht, wegen ihres Mangels an Achtung und wegen ihrer Unfähigkeit, jene stumme Demut an den Tag zu legen, die der Beruf erforderte. Üblicherweise wurden sie nie wieder angefordert. Er aber musste immer derselbe sein. Es war seine unerschütterliche Beständigkeit, die das Schmiermittel dieser furchtbaren Maschinerie darstellte, seine unbeirrbare Konzentration auf die Aufgabe, von der auf dieser leeren Bühne eine solche Ruhe ausging. Niemand sonst war dazu in der Lage. Folglich saß der Assistent weiter hinten im Zug, in einem Abteil zweiter Klasse, und stieß erst am Ende der Fahrt an der Sperre zu ihm, wo er von einem knappen Nicken des Henkerkopfes begrüßt wurde, bevor Solomon hinaus zum wartenden Auto ging.
Wenn es sich um eine längere Anfahrt handelte, nahm er immer das elfenbeinerne Miniaturschachspiel mit, das ihm sein Vorgänger Tom Beresford anlässlich seiner Pensionierung vermacht hatte.
»Schwarz und weiß«, hatte ihm Beresford gesagt. »Etwas anderes darf es für Sie nicht sein. Er wurde gefasst, vor Gericht gestellt und verurteilt. Alle Möglichkeiten, sich herauszuwinden, alle Manöver und Winkelzüge sind ihm versperrt worden. Jetzt liegt es an Ihnen, dafür zu sorgen, dass es zu einem schnellen Ende kommt. Beschäftigen Sie sich mit Schach, Solomon. Lernen Sie etwas über Geduld und Geschicklichkeit, aber lernen Sie vor allem etwas über unerwartete, schnelle Vollstreckungen.«
Und genau das tat er auch. So setzte er sich allein mit seiner Zeitung und dem Schachbuch hin und versuchte herauszufinden, wie die Meister des Spiels so weit voraussehen konnten, wie sie sich auf jede Eventualität vorbereiteten. Denn darin lag natürlich das Problem: in der Unfähigkeit des Menschen, vorauszusehen, in seinem Drang, leichtsinnig einem Impuls nachzugeben, in seiner eklatanten Ignoranz gegenüber den Folgen seines Tuns, selbst wenn diese ihm förmlich ins Gesicht sprangen. Unter den Männern, mit denen er sich zu befassen hatte, gab es nur ganz wenige, die ihre Verbrechen geplant hatten, und selbst wenn sie dies, wie Francis Wickert, getan hatten, war doch keiner davon ausgegangen, nicht gefasst zu werden. Das war der große Irrtum in den Kriminalromanen, wo die Schurken ausschließlich damit beschäftigt waren. Deshalb las er auch keine. Deshalb und wegen seiner Freundschaft mit Männern wie Fabian. Wer brauchte schon dümmliche Geschichten, wenn man praktisch auf Du und Du mit der Elite von Scotland Yard stand?
Beresford war vorzeitig in Pension gegangen, weil er die Anforderungen des Militärs nicht mehr erfüllen konnte. Fünfundzwanzig an einem Tag hatten sie ihm aufgebürdet, in einer US-Kaserne droben in Shapton Mallet. Fünfundzwanzig, und präziseste Maßarbeit bei jedem Einzelnen. Wenn je ein Mann durch ein Erlebnis geläutert worden war, dann Tom Beresford, obwohl dies zugleich der Tag war, an dem Solomons einziger Konkurrent, Harry Firth, so richtig auf den Geschmack kam.
»Das ging dort zu wie auf dem Rindermarkt«, hatte Tom Solomon erzählt. »Der reinste Viehauftrieb. Harry konnte gar nicht genug kriegen. Sie bezahlten uns für jeden Mann einzeln. Bar auf die Hand. In Dollar, selbstverständlich. Harry hat gesagt, dass er es wegen dem Geld tut, aber diese Erklärung war zu simpel. Ihm machte das zu großen Spaß; den ganzen Weg zurück nach London hat er gegrinst und fortwährend mit diesen verdammten Münzen geklimpert. Da hat sich mir endgültig der Magen umgedreht.«
Einer nach dem anderen waren sie aus den Zellen geführt worden; der Sergeant des Militärtribunals hatte jeden Namen laut gerufen, als wäre er bei einer Versteigerung. Sobald sie draußen waren, musste jeder strammstehen, und zwar auf der Falltür, während Name, Dienstgrad und Straftat vorgelesen wurden, was durchaus ein paar Minuten dauern konnte, weil manche anfingen, Gott anzuflehen und ihre Mutter und ihre Familien in der Heimat, während sie von zwei schmutzigen, stämmigen Militärpolizisten aufrecht gehalten wurden – halb irre Männer, Männer mit den blutigen Andenken des Krieges noch frisch an ihren Leibern, sedierte Männer, in Ohnmacht fallende Männer, die vor Angst zitterten und denen weiche Scheiße in die Hosenbeine tropfte, und ein großer, widerspenstiger Neger, der sie alle zum Teufel wünschte und immerzu schrie: »Ich hab überhaupt nix gemacht, Mann, gar nix hab ich gemacht, ich hab mir bloß die Frau von dem Kraut vorgeknöpft und seine Tochter, so wie alle andern auch. Ich war es nicht, der die beiden totgeprügelt hat. Frag doch den scheiß Captain. Ich war ja gar nicht in dem scheiß Zimmer« – ein Lagerhaus voll mit zum Tod verurteiltem Fleisch, voll mit Männern, die beim Geruch ihres eigenen Todes anfingen zu schwitzen und zu strampeln und zu schniefen.
»Diese scheiß Yankees waren auch noch zu blöd zum Zählen«, hatte sich Beresford beschwert. »Plötzlich hatten sie keine Särge mehr. Die letzten beiden haben sie in leere Munitionskisten gelegt! Haben sie einfach reingestopft, so gut es ging, Gesicht nach unten, Arsch nach oben.« Bald darauf hatte Beresford das Handtuch geworfen.
*
Sobald der Tag der Hinrichtung festgelegt war, pflegte die zuständige Behörde unverzüglich bei ihm anzufragen, ob er zur Verfügung stehe, woraufhin er stets noch am selben Tag zurücktelegraphierte, und sobald seine Antwort eintraf, wurden Fahrpläne studiert, Dienstausweise ausgestellt und sein Assistent ausgewählt. Eine Woche vor seiner Ankunft kam dann ein handschriftlicher Brief vom Gefängnisdirektor, in dem die körperliche und geistige Verfassung des Häftlings skizziert wurde, Informationen, die er mit größter Sorgfalt aufnahm. Nach seiner Ankunft im Gefängnis bezog Solomon sein Quartier und verbrachte einen Gutteil des Abends damit, Erkundigungen bei den Wärtern einzuziehen, die die ständige Begleitmannschaft des Verurteilten gewesen waren. Diese Beamten, die in Schichten arbeiteten, wurden stets ein oder zwei Tage vor der Hinrichtung abgezogen, um zu vermeiden, dass sich eine unliebsame emotionale Anteilnahme aufbaute, denn was Solomon Straw verlangte, waren weder Anteilnahme noch Mitleid (Letzteres brachte er selbst mit), sondern uneingeschränkte und reibungslose Kooperation. »Wenn man einem Menschen das Leben nehmen muss«, pflegte er auszuführen, »dann ist es nur recht und billig, dass wir etwas über ihn wissen, und zwar nicht nur, welches Unrecht er beging, sondern alles von ihm, das ganze Warum und Weshalb. Man hat die letzten Augenblicke seines Lebens in unsere Hände gelegt, und wir dürfen sie nicht achtlos ohne einen Gedanken an das arme Wesen vergeuden, das in diesem Körper wohnt und in der Sekunde, in der wir unsere Arbeit beendet haben, hinauf in den Himmel fliegen wird oder, so Gott es will, hinab zur Hölle. Außerdem«, fügte er dann mit einem Blick hinzu, der verriet, dass es nun genug sei mit tiefgründigem Philosophieren, »hat das Ganze auch eine praktische Seite. Je mehr wir von ihm wissen, desto besser sind wir gewappnet, sollte er plötzlich Schwierigkeiten machen.«
Und in der Tat hatte es unvorhergesehene Zwischenfälle gegeben, zum Beispiel, als sie wegen Wickert kamen. Die ganze Woche über hatte dieser sich mustergültig verhalten, hatte mit den Wärtern geplaudert, Porträts für deren Kinder gezeichnet, Briefe an sein College geschrieben und angefragt, ob er nicht, angesichts der gegebenen Umstände, sein Examen früher ablegen dürfe; doch als der bewusste Morgen kam und Solomon und Alf Wakenham durch die Tür schritten, sprang Wickert auf, als wäre eine Startpistole abgefeuert worden, und stieß mit panischem Entsetzen in den blassblauen Augen den Tisch zurück. Obwohl Solomon ihn am Vortag durch das Guckloch betrachtet hatte und noch am Abend, beim Falltiefentest, einen flüchtigen Blick auf ihn beim Hofgang erhaschte, hatte er doch erst, als er direkt vor ihm stand, in vollem Umfang erfasst, wie schön Wickert war. Laut der Aussagen von Solomons Freunden bei der Polizei hatte sich die Hälfte der Jury in ihn verliebt, und hätte man ihn nur nach seiner Erscheinung beurteilt und hätte er nicht diese affektierte Überheblichkeit an den Tag gelegt, wäre er ungeschoren davongekommen. Trotz vieler Indizien, die ihn belasteten, gab es keinen klaren Beweis, dass es seine Anchovispaste gewesen war, an der die anderen starben, sondern nur den verhängnisvollen Zufall, dass das ganze Ruderteam eine Stunde nach dem Imbiss bei Wickert auf dem Fluss keine Leistung brachte, sich den Magen hielt und sich unter Krämpfen über die Bordkante des neuen Fiberglasachters erbrach. Tatsächlich schrieb man den Tod der beiden Ruderer zunächst eher einem tragischen Fall von Ertrinken zu als vorsätzlichem Mord; Tommy Mason hatte sich vor Schmerzen zusammengekrümmt, war über Bord gefallen und hatte das ganze Boot zum Kentern gebracht, und erst dies hatte den Tod für ihn und seinen Zwillingsbruder bedeutet. Als dann aber Wickert erneut übergangen wurde und darauf bestand, dass man ihm die Aufgabe übertrug, die Mannschaft mit Erfrischungen zu versorgen, erregte er Argwohn, doch selbst dann wäre vielleicht keinem etwas aufgefallen, hätte er nicht die Initialen seiner Opfer in jede der manipulierten Orangen geschnitzt, wodurch er sicherstellen wollte, dass es zwar allen schlecht gehen, aber nur einer sterben würde, denn, wie der Staatsanwalt so treffend ausführte, um sein Ziel zu erreichen, brauchte er ja noch den Rest des Teams lebend, zwar nicht unbedingt springlebendig, aber doch aktiv rudernd. Er hatte am Flussufer gestanden und ihre Namen gerufen, als sie nach dem Training zurückkamen, und ihnen die vergiftete Frucht zugeworfen, während sie sich hinsetzten, um sich von der Anstrengung zu erholen. »Genau wie bei Remarques Gewehrkugel«, informierte er sie fröhlich. »Nur auf einer steht dein Name.« Nach seiner Verhaftung zeigte Wickert keine Reue und versuchte, alles dem Trainer des Cambridge-Bootes anzuhängen, den man ein paar Wochen zuvor gesehen habe, wie er den Treidelpfad auf und ab geradelt sei; allerdings wurde in Wickerts Zimmer ein Foto des Oxford-Teams gefunden, auf dem die Gesichter brutal entstellt und alle Köpfe mit seinem eigenen überklebt worden waren, womit diese unwahrscheinliche Theorie entkräftet wurde. Trotzig und schön saß er auf der Anklagebank und hatte für die Welt und ihr kleinliches Gezänk nur Verachtung übrig.
»Der wusste genau, was er tat«, hatte der Wärter Solomon berichtet. »Der hat versucht, sich rauszuwinden, indem er ihnen allen Kusshändchen zuwarf. Und so was von eitel. Ein richtiger kleiner Valentino. Hat sich fortwährend die Haare gekämmt. Während der ganzen Verhandlung hatte er einen Taschenspiegel bei sich, nicht zu fassen, aber den haben wir ihm dann ganz fix abgenommen, ist ja wohl klar.«
Jetzt, als Wickert mit geballten Fäusten kampfbereit vor Straw stand und ihm die Haare ins Gesicht fielen, wusste Solomon, was er zu tun hatte.
»Hier, Francis«, sagte er, »jetzt sollten Sie besonders gut aussehen«, und hielt ihm seinen eigenen Schildpattkamm hin. Wickert betrachtete den Kamm, nahm ihn und fuhr sich damit schnell durch seine dichte, glänzende Mähne, um sie wieder in die korrekte Form zu bringen. Als er zum zweiten Mal ansetzte, ergriff Solomon seine Hand, drückte sie sanft nach unten und hinten und fesselte ihm die Handgelenke auf dem Rücken. Danach machte er kehrt und schritt durch die gelbe Doppeltür in die Hinrichtungskammer. Wickert folgte benommen, die beiden Wärter ihm zur Seite, Alf dicht dahinter. Drei weitere Schritte, und die Wärter entfernten sich. Dann noch zwei, und alle drei, Solomon Straw, Francis Wickert und Alfred Wakenham, standen auf der Falltür. Solomon drehte sich um, streckte die Arme vor und stoppte Wickert genau auf der Markierung. Er trat einen Schritt näher an ihn heran, während Alf sich bückte, um die Fußgelenke des jungen Mannes zu fesseln. Francis’ Blick gefror, sein Atem kam stoßweise. Sie hatten ihn angelogen! Er hatte seine Wärter gefragt, wofür diese Türen da waren, und sie hatten ihm erzählt, das seien die Türen zum Vorratsschrank! Sie hatten Domino und Karten mit ihm gespielt und ihn gewinnen lassen, hatten dabei die ganze Zeit gewusst, was sich nebenan befand! Alles. Die Falltüre, die Schlinge! Alles! Direkt nebenan! Die ganze Zeit über hatte er direkt neben der Hinrichtungskammer gelebt! Nur ein paar Fuß entfernt! Er hatte nie geglaubt, dass sie so nahe war, er praktisch schon direkt davor gestanden hatte! Er wollte mehr Zeit! Einen Aufschub! Seine Blicke schossen hin und her, als versuchte er etwas wiederzuerkennen. Irgendetwas. Das Seil war jetzt auf Höhe seines Kopfes.
»Na also«, sagte Solomon Straw und wischte dem Jungen ein einzelnes Haar aus den Augen, »so sieht das schon besser aus«, und noch ehe Wickert etwas erwidern konnte, hatte er rasch die Kapuze aus seiner Einstecktasche gezogen und aufgeschlagen, hatte die Schlinge gestrafft, war in die Hocke gegangen, hatte Alf auf die Schulter getippt und mit einer fließenden Bewegung den Hebel betätigt. Wickert war nicht mehr.
In dem Maße, in dem sich seine Reputation herumsprach, widerfuhr ihm eine Art von Behandlung, die Männern seines Berufes zuvor nicht zuteilgeworden war. Da er im Ruf eines wählerischen Essers stand, wurden amtlicherseits Erkundigungen eingezogen hinsichtlich der Beschaffenheit des Mahls, das er verlangen würde (er hatte eine Abneigung gegenüber jeglicher Art von Schinken und kaltem Braten, und wehe der Behörde, die ihm einen Teller mit belegten Broten vorsetzte), und ob er sein Frühstück vor oder nach der Verrichtung haben wollte. (Er aß immer davor, trotz alldem, was Tom Beresford drüben in Somerset mitgemacht hatte. Dort hatten die Amerikaner ein mitternächtliches Bankett mit gegrillten Steaks, Brathähnchen, Kartoffelstampf und Maiskolben aufgefahren, eine im kriegsgeplagten England unerhörte Speisenfolge, die sich auf Tapeziertischen türmte und von Dosenbier eingerahmt wurde. Alle außer Tom hatten eine Stunde lang zugegriffen, ehe sie anfangen durften, und gegen acht Uhr morgens, nachdem sie volle sieben Stunden lang Männer aufgehängt hatten, marschierten alle zurück ins Kasino, um sich erneut gütlich zu tun.) Gelegentlich geschah es, dass Solomon vom Anstaltsleiter und dessen Frau zum Abendessen (oft zusammen mit dem Gefängnispfarrer) eingeladen wurde, und obwohl es ihm immer lieber gewesen wäre, nicht hinzugehen, da er diese Anlässe nicht als gesellige Veranstaltungen verstand, hielt er es doch für seine Pflicht, die Einladungen anzunehmen. Ein Erfolg waren sie nicht, diese Mahlzeiten, denn gleichgültig, wie liebenswürdig und charmant die Gastgeber waren, so wusste doch jeder der Anwesenden, dass nur ein Thema auf der Speisekarte stand, und dabei handelte es sich um eine verbotene Frucht, die über ihnen allen in der Luft hing. Nur Solomon hätte sie pflücken dürfen, doch er verweigerte sich. Nie sprach er mit seiner eigenen Frau über seine Mission (noch nicht einmal mit seinem eigenen Pfarrer), und so sah er keine Veranlassung, Mitmenschen zu ermuntern, gegen diese Tradition zu verstoßen.
Es gab andere Möglichkeiten, um seine Reisen angenehmer zu machen. Sobald wieder eine Zugfahrt für ihn anstand, wurden, insbesondere in den späteren Jahren, als der Widerstand gegen Hinrichtungen seinen Höhepunkt erreicht hatte, spezielle Begleiter für den jeweiligen Zug abgeordnet, Schaffner, denen man seine Anwesenheit im Voraus mitteilte, die ihn auch nach all den Jahren persönlich kannten und dafür Sorge trugen, dass er seinen Bestimmungsort ohne Zwischenfall erreichte. Unter ihnen war einer, mit dem Solomon Straw am liebsten reiste, Jack Edge, denn Jack Edge war der Einzige unter all seinen Kollegen, der Schach spielen konnte. Jack Edge war ein guter Spieler und ein ruhiger Mensch, und obwohl Solomon ihn manchmal dabei ertappte, wie er auf seine Hände starrte, so wie es alle aus seinem Bekanntenkreis taten, forderte Jack Edge ihn kein einziges Mal auf, irgendwelche Episoden oder Anekdoten preiszugeben, die er schon längst in seinem Innern begraben hatte. Wann immer er Lust auf ein Spiel hatte, verließ Solomon Straw seinen Platz und vertrat sich die Beine, indem er sich zum Schaffnerabteil begab, wo Jack üblicherweise auf seinem Drehstuhl saß, in seine Kladde schrieb oder Zeitung las. War er nicht zu beschäftigt, pflegte er Solomon hereinzubitten, die Tür hinter ihm zuzuschieben und ihm den klappbaren Feldhocker zu geben. Oft trafen sie nicht aufeinander, vielleicht drei oder vier Mal im Jahr, aber Solomon freute sich immer, wenn es Arbeit im Südwesten gab, denn dann wusste er, dass bei seiner Ankunft in Paddington Station Jack Edge da sein und sich aus dem Fenster lehnen und Ausschau nach ihm halten würde.
»Bis später, Jack«, rief ihm Solomon dann beim Vorübergehen zu, woraufhin Jack mit dem Finger an den Schirm seiner Dienstmütze tippte. Sie passten einfach zusammen.
Allerdings gab es einmal einen Vorfall, bei dem Jack Edge von Solomons Geschicklichkeit, zielgerichteter Konzentration und schneller Entschlusskraft mehr beeindruckt wurde als jeder Außenstehende, bei dem er Solomon Straw sozusagen in Aktion erlebte. Es war Februar, und für den Zugverkehr war es ein schwieriger Monat gewesen, nass und kalt, mit tückischer Dunkelheit, gefrorenem Regen und jähem, ungestümem Schneegestöber, das einem die Sicht raubte. Auch für Solomon war es eine betriebsame Zeit gewesen, elf in drei Monaten, und jedes Mal hatte er schlechtes Wetter als Begleiter. Er war des Reisens müde geworden, der langen Aufenthalte und zugigen Gänge, des Anblicks kalter Düsternis, wenn am Ende seiner Dienstfahrten Unheil verkündend das Gefängnis aufragte. Es war ein Sonntag, und Solomon befand sich auf dem Weg nach Exeter, freute sich, dass er mit Jack gemütlich im Schaffnerabteil sitzen konnte, eine Kanne mit heißem Tee auf dem Ofen, während der Zug gen Westen dampfte. Die ganze Nacht hindurch hatte es heftig geregnet, und beim Morgengrauen war die Hälfte des Landes von einer Eisschicht überzogen. Beim Halt in Swindon hatte Solomon zum Fenster hinausgesehen und Jack beobachtet, wie er mit einem Hammer eine eingefrorene Wagenkupplung freiklopfte, und einige Zeit später, kurz nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof Temple Meads, hatten sie beide das Geräusch gehört, das von den wild durchdrehenden Rädern herrührte, die keinen Kontakt mit den Schienen mehr bekamen.
»Wenn das passiert, bin ich immer froh, dass ich es nicht höher hinauf geschafft habe und Schaffner geblieben bin«, bemerkte Jack und betrachtete die vorbeihuschenden, durchsichtigen Wiesen. »Die oberen Ränge kriegen’s von vorn und von hinten ab; denen grillen sie die Eier wie ein Paar Marshmallows, und gleichzeitig haben sie Eiszapfen am Arsch.«
Solomon lächelte. Nur Jack Edge durfte ihm gegenüber solche Ausdrücke ohne Tadel gebrauchen. »Behalten Sie lieber das Spiel im Auge, Jack«, warnte ihn Solomon. »Sonst kriegen gleich Sie was ab.«
Plötzlich wurde er nach vorn geschleudert und fiel über die Schachfiguren Jack in die erhobenen Arme. Sie hielten sich aneinander fest und torkelten durch die Gegend, und Solomons Füße trappelten hinter seinem Leib her wie bei einem Hund, der seinem eigenen Schwanz nachjagte.
»Jetzt schauen Sie sich mal an, wie meine Schuhe aussehen«, sagte er, als sie schließlich wieder zur Ruhe kamen. »Was zum Teufel ist hier los?«
»Jedenfalls nichts Gutes«, entgegnete Jack. »Karl ist diesmal ordentlich in die Bremsen gestiegen. Wir sehen lieber mal nach.«
Auf der Seite des Zuges, die die Bahnsteigseite gewesen wäre, konnten sie nichts sehen, nur die lange Reihe der Waggons in der leichten Biegung und die auf sie zutreibenden Rauchwolken. Dann, als der Dampf senkrecht aufstieg und sich verflüchtigte, erkannten sie die schmale Silhouette des Heizers, der bei der Lokomotive stand und einen Arm über den Kopf bewegte, als wollte er einen Ball über den Tender und auf die andere Seite werfen.
»Machen Sie Platz, Mr Straw«, befahl Jack. »Was immer es ist, es ist auf der anderen Seite.«
Sie gingen auf den Gang hinaus, Solomon in respektvoller Entfernung hinterdrein. Auf dem Parallelgleis, etwa fünfzig Fuß weit weg, verschwanden die Schienen in einem Berg von schwarzem, nassem Erdreich. Von einem steilen Trassendurchstich war ein Stück Hang herabgerutscht und hockte jetzt wie eine großzügig garnierte Torte, komplett mit Gras und kahlen Büschen, felsenfest auf dem Gleis. Solomon fühlte sich an den Tag erinnert, an dem er seine Mum und seinen Dad unter Haufen nassen Sands begraben, Sandburgen und Windmühlen um ihre Köpfe herum errichtet und die kleinen Erhebungen mit der Rückseite seines Spatens glattgepatscht hatte. Was er hier sah, war genauso glatt und dekorativ wie seine damalige Kreation, nur fast vierzehn Fuß höher.
Jack Edge sah auf seine Uhr.
»In etwa fünfzehn Minuten kommt hier der Gegenzug vorbei. Und er wird voll da reinknallen, wenn wir uns jetzt nicht sputen. Aus dem Weg, Mr Straw. Ich muss an die Arbeit.«
Jack Edge schob sich an ihm vorbei, ging zurück zu seinem Abteil und zog eine lange, flache Metallkiste mit einem großen, hin- und herschwingenden Vorhängeschloss unter seinem Sitz hervor.
»Knallkörper«, erklärte er und schleppte die Kiste durch den Gang. »Vielleicht könnten Sie mir helfen, sie hinauszutragen. Ich muss jetzt die Gegenstrecke weit genug entlanglaufen und sie auslegen.« Er stieß die Tür auf und kletterte hinab. Auf dem untersten Tritt streckte er eine Hand hinauf.
»Langsam, langsam, Mr Straw. Das Ding wiegt eine Tonne.«
Solomon Straw hielt sich mit einer Hand am eisernen Handlauf des Waggons fest, mit der anderen umklammerte er den rückwärtigen Henkelgriff und schob die Kiste langsam über die Kante. Wie viele Male war er es gewesen, der wie Jack Edge mit ausgestreckten Armen unten gestanden hatte, während jemand eine kostbare Fracht hinunter zu ihm gelassen hatte? Wie viele Male hatte er dagestanden, nach oben geblickt und halb erwartet, dass die ganze Chose auf ihn herunterfällt und ihn unter sich begräbt?
»So ist’s recht«, informierte ihn Jack. »Noch ein bisschen weiter, und schon gehört sie mir.«
Das Eis war es, das seine Anstrengungen zunichtemachte, das Eis und der kalte Wind und die glitschigen Eisentritte, auf denen er stand. Gerade als er die Arme ausstreckte, um das volle Gewicht der Kiste abzufangen, schoss ihm vom Waggondach ein Wasserschwall direkt ins Auge. Jack trat neben die Stufe, fiel hintenüber und riss dabei Solomon die Kiste aus den Händen. Sie polterte die Stufen hinab und landete Jack, der rückwärts auf dem Boden aufgeschlagen war, genau auf seiner rechten Hand. Jack stieß einen Schrei aus, so durchdringend und klar wie der Pfiff einer Lokomotive, und versuchte seine Hand unter der Kiste hervorzuziehen. Bis Solomon zu ihm hinabgesprungen war und die Kiste angehoben hatte, war der gefrorene Boden schon stark blutgetränkt.
»Der Erste-Hilfe-Kasten«, fragte Solomon, »wo ist der Erste-Hilfe-Kasten?«
Jack hüpfte vor Schmerzen umher und presste die Hand gegen den Brustkorb.
»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Wir müssen uns um den scheiß Zug kümmern. In meiner Tasche steckt der Schlüssel. Öffnen Sie um Gottes willen die Kiste. Ich schaffe das nicht mit meiner Hand.«
Solomon tat, wie ihm geheißen. Er ging in die Hocke und öffnete den Deckel. In der Kiste lagen zwei Reihen flacher Metallscheiben, jede einzelne in Pergamentpapier eingewickelt. Jack stellte sich über ihn und hielt seine zerquetschte Hand in die Luft. Das Blut rann ihm in breiten Bahnen in den Ärmel.
»Okay, Mr Straw. Sie tun jetzt Folgendes: Stecken Sie sechs davon ein und rennen Sie so schnell Sie können die Strecke entlang. Fallen Sie um Gottes willen bloß nicht hin, sonst sind wir noch im nächsten Sommer damit beschäftigt, Sie aus den Bäumen zu pflücken. Wir müssen dem Zug eine gute halbe Meile weit entgegengehen, denn er wird ziemlich schnell fahren, und bis sie die Explosionen registriert haben und anfangen zu bremsen, sind sie womöglich schon draufgefahren. Ich würde lieber noch ein paar Hundert Yards zugeben, aber dazu haben wir nicht die Zeit. Keine Angst, ich bin ja bei Ihnen. Sie legen sie so aufs Gleis und lassen sie so einrasten, dass sie nicht wegrutschen. Versuchen Sie’s gleich mal, ja? Sehen Sie, wie das Ding einrastet? Also: Wenn wir an der Stelle angekommen sind und ich Ihnen Bescheid sage, dann stecken Sie eines dieser Dinger aufs Gleis, rennen fünfzig Yards weiter, stecken das nächste drauf, dann wieder fünfzig Yards und wieder eines. Wenn wir sie zu dicht beieinander anbringen, hören sie sie nicht oder denken, sie wären über einen Kracher gerollt oder hätten es mit einem Kinderstreich zu tun. Falls wir noch Zeit haben, rennen wir noch weiter und stecken die anderen drauf, aber bei dem Wetter lässt sich schlecht sagen, wie lange wir brauchen. Und jetzt Beeilung, wenn ich bitten darf.«
Solomon Straw tat, wie ihm geheißen. Während er die Knallkörper in die Tasche steckte und Jack hinter ihm herrannte, musste er daran denken, wie er als Neuling in seinem Beruf Anordnungen befolgt hatte, als eine rasche und behände Vorgehensweise sehr nachdrücklich von ihm verlangt wurde. »Ein bisschen Beeilung, wenn ich bitten darf«, hatte sein Ausbilder gesagt. »Beeilung. Wenn Sie so weitermachen, sterben die an Altersschwäche. Los jetzt, mit etwas mehr Schwung das Ganze.« Und als er nun gegen den Wind anrannte, tat er dies in einer Taktfolge, die ihm seit Jahren nicht mehr untergekommen war. Kapuze–Schlinge–Stift–Hebel–Fall. Kapuze–Schlinge–Stift–Hebel–Fall. Kapuze–Schlinge–Stift–Hebel–Fall. Er hätte stundenlang so laufen können. Nach zehn Minuten schloss Jack Edge zu ihm auf.
»Okay, Mr Straw«, sagte er. »Fangen Sie an. Stecken Sie die erste drauf und zischen Sie ab wie der Teufel.«
»Und genau das hat er getan«, pflegte Jack später zu erzählen. »Er zischte ab wie der Teufel. So was hatte ich noch nie gesehen. Vornübergebeugt, Knallkörper in der Hand – so rannte er die Schienen entlang und klatschte die Dinger aufs Gleis, als hätte er seit Jahren nichts anderes getan. Zack, und drauf waren sie, und ich rannte mir die Seele aus dem Leib, weil ich mit ihm mithalten und kontrollieren wollte, ob er alles richtig machte, aber er war mir viel zu weit voraus, wie Emil Zátopek mit einem Staffelstab in der Hand oder wie einer dieser Kosaken mit diesen irren Pferden, der ganze Bewegungsablauf fließend und ohne abzusetzen.«
Dies war die einzige Episode, die Jack Edge jemals vom berüchtigtsten seiner Passagiere erzählte, denn obgleich er Solomon Straws Gewerbe als ein vollkommen normales erachtete, versetzte ihn das Erlebte in Erstaunen. Der Tag, an dem Solomon Straw Leben rettete. Allerdings hatte Jack Edge seinen Passagier Solomon Straw nie bei der Arbeit erlebt, und das Sichbücken, das Verrichten der notwendigen Handgriffe in Gedankenschnelle aus der Bewegung heraus gehörte zu dessen Repertoire.
Während er Jack zurück in den Waggon half und ihm die Hand mit einer Mullbinde aus dem rostigen Erste-Hilfe-Kasten verband, wünschte sich Solomon, jemand anderer würde dies an seiner Stelle tun. Es war ihm unangenehm, Jack Edge zu berühren, ihn so sacht anzufassen, denn er wusste, wie empfindlich die Menschen auf Körperkontakt mit ihm reagierten, sobald sie um seine Tätigkeit wussten. Ihm erging es ja selbst so, insbesondere bei den Menschen, denen er besonders nahe kam. Wenn er unten in der Fallgrube stand, einen frisch gehenkten Körper über die Schulter geworfen, das Gesicht gegen eine warme und nackte Seite gedrückt, hätte er bei den langen Durchquerungen dieses unterirdischen Raums – und während sein Assistent von oben auf sie beide hinabsah – manchmal nicht sagen können, welches sein Fleisch war, das lebendige, und welches das hingerichtete Fleisch, das tote. Es war, als durchliefe seine Haut, kaum dass sie in Kontakt mit ihrem allen Lebens beraubten Pendant kam, eine tiefgreifende Osmose, indem sie die toten Zellen einlud, sich mit ihren eigenen zu vereinen. Dann bewegte er immer ein wenig seinen Kopf oder spannte die Nackenmuskeln an und hoffte, diese Bewegung würde für eine klare Abgrenzung ausreichen, doch meist musste er zuerst dem Leichnam einen Stoß mit der Schulter versetzen und dessen Gewicht einige Male aufschütteln, um den Bann zu brechen – ein gewagtes Manöver, denn das konnte den Mann aus seinem Schlaf reißen und ihm selbst einen Sturzbach warmen Urins auf den Rücken bescheren. Aber es war das Risiko wert. Hauptsache, er konnte klarstellen, auf welcher Seite des Grabes er selbst stand.
Mit den Brüsten seiner Frau war es das Gleiche. Er wachte nachts auf und stellte fest, dass er seine Hand unter ihrem Nachthemd hatte und eine der beiden festhielt. Wenn deren volles Gewicht in seiner reglosen Hand lag und sich ihr Brustkorb kaum wahrnehmbar hob und senkte, fiel ihm nicht nur die Unterscheidung schwer, welches seine Hand und welches ihre Brust war, sondern auch, worin der Unterschied bestand zwischen dem Fleisch, das in seiner Hand lag, und jenem anderen, das er über der Schulter trug. Seine Frau war so warm und weich wie eine dieser soeben hingerichteten armen Kreaturen, und sie fühlte sich auch nicht anders an, kein bisschen. Was versuchte die Brust seiner Frau ihm mitzuteilen? Dass er tot war? Dass seine Frau für ihn tot war? Dass er für sie tot war? Bleich war sie, seine Frau, man konnte es nicht anders nennen, bleich und fleischig. Sie war nicht fest und straff wie er und wie die Männer – oder auch die Frauen –, die er aufgehängt hatte. Früher einmal war sie fest und straff gewesen, straff und kräftig, doch über die Jahre war sie bleich geworden, bleich und weich wie eine warme Leiche, und wenn er seinen Finger in ihr Fleisch drückte, blieb der Eindruck viel länger bestehen, als er sollte. Körperliche Nähe fiel ihnen beiden schon normalerweise schwer, doch für sie war es schlimmer, weil er ja ständig dem Tod ein schönes Auge machte. Es war, als hielte er sich eine Mätresse, eine Nebenfrau; die Gevatterin Tod, die ihm zuzwinkerte, die ihm Botschaften sandte, die ihre Röcke lupfte – und schon kam er angerannt. Wenn er dann zurückkehrte, konnte seine Frau trotz all seiner Bemühungen, trotz gründlichster Waschung, sofortigen Wechsels der Kleidung und betont jovialen Auftretens, noch den Geruch des Parfüms wahrnehmen, den seine Geliebte an seinem Hals hinterlassen hatte, konnte sie den Küssen nachspüren, die sie ihm auf die Lippen gedrückt hatte, und die Lust entdecken, die ihre Zärtlichkeiten seinen flinken Händen beschert hatten. Intimitäten waren dann schlicht unmöglich. Bei ihm war es nicht anders. Wenn etwa eine Woche vergangen war und der Geruch der Fallgrube aus seiner Nase verflogen, wachte sie manchmal auf, bemerkte, dass ihr Nachthemd um ihren Hals gerafft und seine Hand damit beschäftigt war, die Brust, auf der sie gerade lag, aus dem Unterbett zu schälen. Solcherart aus dem Schlaf gerissen, begriff sie, was von ihr erwartet wurde, drehte sich dann auf den Bauch und wartete ab. Keiner von beiden sprach ein Wort, denn wie beim Abendessen mit dem Gefängnisdirektor gab es nur die eine Sache, mit dem der sinistre Tisch ihrer Liebe gedeckt war. Er bestieg seine Frau und stellte fest, dass der Körper des Gehenkten schon da war, seine weichen, toten Lippen auf ihren Nacken gepresst, die langen, toten Arme über die ihren gestreckt hatte, und das ganze tote Gewicht seines Körpers lastete auf ihren weißen und morbiden Gesäßbacken. Stets lag der Gehenkte schon auf ihr, sodass Solomon sich dann auf ihn und seine Arme um seine Schultern legen musste, seine Lippen auf seinen Hals drücken, in hoffnungsloser Verlorenheit auf und in ihm liegen musste. Kein Wunder, dass sie es nicht wagten, sich zu bewegen. Reglos lagen sie da, seine Hände unter ihrem Körper, Hände, die versuchten, ihren Brüsten seinen Willen aufzuzwingen, auf dass sie sich bewegten, Hände, die darauf warteten, dass – ungerechtfertigt – das Leben aus ihren Brüsten sickerte. Erst dann konnten sie beide wieder zurückkehren zu den Lebenden. Vielleicht war es das gewesen, warum alles zu Ende ging. Weil er an jenem Tag dem Leben zu nahe gekommen war, seinem Leben, ihrem Leben. Das Leben war zum Vorschein gekommen, war aber nicht herausgesickert, sondern herausgeschossen, hatte sich über die Treppe ergossen, und Judith hatte halb auf den Stufen gelegen und sich an der Wand abgestützt, während ihre Beine schlaff herunterhingen und Sachen aus ihr herauskamen, von denen er noch nie gehört hatte. Er war gerade in der Küche gewesen, um sich noch eine letzte Tasse Tee einzugießen, bevor er sich auf den Weg zum Bahnhof machte. Seine Tasche hatte schon im Flur gestanden, die Tasche und sein Hut und das Reiseschach im Mahagonietui, das in seine Innentasche passte. Nach Aussage des Arztes hätte sie noch eine gute Woche gehabt, und er musste ja nur für einen Tag weg. »Jem«, hatte sie gerufen, »oh, Jem. Ich hätte das Unkraut nicht jäten dürfen. Es kommt, um Gottes willen«, und er war aus der Küche gestürzt und hatte sie auf halbem Weg die Stiege hinauf gefunden, die Arme auf den Leib gepresst. »Bisschen plötzlich, mein Mädchen, wie? Ich dachte, du wüsstest es rechtzeitig im Voraus. Ich geh Dora holen«, worauf sie sagte, »Nein, lass mich jetzt nicht allein, es kommt gleich, Jem, ich spür’s«, und damit war sie auf den Rücken gefallen, die dicken, bleichen Beine in der Luft, und zwischen den Beinen dieses große, geschwollene Ding, das er noch nie zuvor gesehen hatte und das ihm ins Auge starrte. »Was soll ich tun, Judith, heißes Wasser holen?«, und sie sagte, »Pfeif aufs heiße Wasser, los, komm schon rauf, du Riesenbaby, und fang es auf«, und er war die Treppe hinaufgestiegen und hatte in ihr Inneres gesehen, während sie ihre Beine praktisch über seinen Schultern hatte, ihre Hinterbacken auf- und niederzuckten und sie die Hände auf den Treppenläufer presste. »Letztes Jahr neu gekauft«, schimpfte sie, und schon kam er in einem großen Schwall herausgeflutscht, ihr kleiner Stanley, schwarzhaarig und schwarzäugig rutschte er ihm mit dem Kopf voraus in die Arme, glitschig, blutig. Wie hatte er das nur zuwege gebracht, fragte er sich staunend, wie hatte er es zuwege gebracht, dass er mit dem Geburtsblut seines Sohnes an den Händen zu einer Hinrichtung aufbrach? Und während er dastand und überlegte, was zu tun sei, waren die anderen Sachen nachgekommen. Er vergrub sie im Garten, wie das sein Vater einst mit seinen getan hatte, vergrub sie im hinteren Teil des Gartens, in ungeweihter Erde, und legte ein paar große Steine obenauf, damit sich der Nachbarshund nicht daran zu schaffen machte. Und wie er so davorstand und hinunterschaute, sah er sich jäh mit der Tatsache konfrontiert, dass es schon in aller Frühe am nächsten Morgen neues Fleisch zu beseitigen galt, Fleisch, das durch die Schlinge des Lebens fiel und abgenommen und in weißes Leinen gehüllt werden musste, das seine letzte Ruhe ebenfalls in ungeweihter Erde finden würde, und dass es seine Hände sein würden, die es dorthin schickten. Die Hände, die seinen Sohn gehalten hatten, seinen Stanley! Nach diesem Tag würde nichts mehr sein wie zuvor. Das erkannte er jetzt. Das war Stanleys Werk, und obwohl ihm das zu dem Zeitpunkt noch nicht klar gewesen war, obwohl es ihm erst Jahre später klar wurde, war dies der Grund, warum er ihn liebte. Stanley hatte ihm das Leben gerettet.
Jetzt im Pub war seine Frau keine Leiche mehr, nicht im Bett, nie mehr. Sie war ganz vergnügt dieser Tage, so wie er es sein konnte, obwohl sie beide das Pub zu führen hatten und sie sich um Stanley kümmern musste, und immer mal wieder, wenn in der Mittagspause viel los gewesen und Stanley gerade mit einem Freund draußen war, gingen sie nach oben für ein Nümmerchen. Manches Mal überraschte er sie dabei, wie sie ihn hinterher betrachtete, daran dachte, wie es gewesen war. Er tat es ebenfalls. Wenn er unten Bier zapfte, wenn seine kleinen, feingliedrigen Finger die geraden Biergläser ruhig und sicher umfassten, wenn er das Glas über den Tresen reichte, fragte er sich, was seine Stammgäste wohl denken würden, wenn sie wüssten, was er alles getan, was er alles erlebt hatte. Er fragte sich außerdem, ob sie wohl wussten, mit welch gestochener Klarheit er sie vor sich sah, einen wie den anderen. Während er ihre Drinks einschenkte und über ihre Scherze lächelte, sprach er insgeheim zu ihnen: ›Vor mir könnt ihr euch nicht verstecken. Ich sehe euch klarer als ihr mich. Euch Brüder kenne ich. Und zwar allesamt und ohne Ausnahme. Ich weiß, was ihr treibt, was ihr in der Nacht ausheckt, welche kleinen Tricks ihr auf Lager habt. Wenn ihr hereinkommt, die Taschen von viel zu viel Geld ausgebeult, wenn eure Alte mit total verquollenem Gesicht hier auftaucht oder eure aufgedonnerte Schickse angestöckelt kommt und plötzlich dickere Knöchel und unerklärlich angeschwollene Brüste hat, dann weiß ich, was ihr getrieben habt und wessen ihr fähig seid. Wessen wir alle fähig sind. Und dann überlege ich mir, ob ihr irgendwann in den vergangenen Jahren – nach ausreichendem Biergenuss und vom richtigen Quantum aus Angst und Verzweiflung getrieben – anschließend nicht hättet vor mir stehen müssen, vor mir und meinem weißen Einstecktüchlein, an einem strahlend schönen Morgen, in aller Frühe.‹
*
Als Jack im Dorf auftauchte, war es mehr als zehn Jahre her gewesen, dass sie sich zuletzt begegnet waren. 1964. An jenem Tag hatte Jack den Zug zehn Minuten lang aufgehalten. Hätte Judith nicht das Kind zur Welt gebracht, hätte Solomon nicht seinen Anschluss verpasst, wäre es nicht zu so hässlichen Szenen gekommen, hätte er sich nicht auf dem Rückweg in Jacks Transporter verstecken müssen und wäre sein Name nicht durch die Zeitungen gezerrt worden, als handelte es sich bei ihm um einen Hanswurst oder Pausenclown in Billy Smart’s Circus. Er hätte seine berufliche Laufbahn ehrenvoll beenden können. Wie seltsam, dass die Geburt seines eigenen Sohnes den Grund für seinen tiefen Fall abgegeben hatte, wohingegen es die Geburt der Zwillinge gewesen war, die Danny Dancer an den Galgen brachte. Wie Alcott ihm später erzählte, hatten sie das Krankenhaus umstellt, in dem Dannys Frau Eileen lag, hatten bewaffnete Polizei überall auf dem Gelände und auf der Station postiert, sogar als Beifahrer im Rettungswagen.
»Obwohl sie in den Wehen war, fluchte sie ununterbrochen wie ein Kutscher. Dabei ist sie die Tochter eines Pfarrers.«
»Die Schwester eines Pfarrers«, korrigierte Solomon.
»Wie auch immer. Jedenfalls würde mich interessieren, wie das Ganze auf den Pfarrer gewirkt hat. Als Augenzeuge bei der Hinrichtung.«
Die Wirkung, die der Fall auf Eileens Bruder hatte, war nachhaltig gewesen. Er wurde einer der Wortführer in der Kampagne zur Aussetzung der Exekution. Er war es, der während der ganzen Woche davor die Mahnwache vor dem Amtssitz des Premierministers in Downing Street angeführt hatte; er war es, der im Fernsehen Dannys Unschuld behauptet hatte und der bis heute für die posthume Begnadigung des Jungen eintrat. Father Rooney war sein Name. Er war bei der Hinrichtung dabei gewesen, und hinterher war Solomon am Gefängnistor mit ihm zusammengetroffen. Er hatte sich vor Solomon hingestellt, das Zeichen des Kreuzes gemacht, hatte ihn und seine Familie gesegnet, damit auch den kleinen Stanley gesegnet, während die Schreie der armen, verrückt gewordenen Mutter von draußen durch die Mauern drangen. Father Rooney hatte ihm auch einige Wochen danach einen Brief geschrieben, der an das Innenministerium adressiert war und von dort in einem der amtlichen braunen Umschläge an ihn weitergeleitet wurde. Vor Beklommenheit hatte er sich zunächst nicht getraut, ihn zu öffnen, geschweige denn, das unselige Ding zu lesen. Aber natürlich musste er immer daran denken.
Ich sah meinem Schwager in die Augen, so wie Sie es gleich anschließend auch getan haben müssen, und ich sah einen unschuldigen Menschen. Er hat Sie angelächelt. Erinnern Sie sich? Er hat Sie angelächelt und das gesagt, was er zu ihr gesagt haben soll, die Worte, die ihm zum Verderben wurden. »Nichts für ungut«, hat er gesagt, und an mich gewandt fügte er noch hinzu: »Vergiss es nicht, Gerald. Vergiss nicht, es Mum und Eileen zu sagen. Nichts für ungut«, und mit diesen Worten ist er aus meinem Leben gegangen und in Ihres eingetreten. Wenn jemand schuldig ist, dann handelt er doch nicht so, oder, Mr Straw? Dann ist man vielleicht verbittert. Dann ist man vielleicht trotzig und bereut nicht. Vielleicht hat man auch resigniert und zeigt sich gefasst. Dergleichen habe ich selbst erlebt, und ich bin sicher, Sie haben das viele Male erlebt. Aber man scheidet dann nicht heiteren Sinnes und voller Weisheit und Würde aus dem Leben. Aber Eileens Danny, obwohl er ein Dieb war, tat dies. Sie wissen es, und ich weiß es, aber Sie wissen es besser als ich. Schließen Sie sich unserem Kampf an, um Dannys Namen reinzuwaschen. Und waschen Sie sich selbst rein.
Er hatte den Brief nicht aufbewahrt. Eine Zeit lang hatte er in seinem Vollzugsbuch gelegen, nach der Seite mit seinem letzten Eintrag, Schrift gegenüber Schrift (»sein Wort gegen das meine«, wie er es formulierte). Aber als er viele Jahre später sein Buch aus seinem Leben verbannte, es auf Nimmerwiedersehen weggab, fiel der Brief beim Einpacken heraus und auf den Boden, ein einzelnes Blatt blaues Papier, schwach liniert und mit dieser kleinen, gedrängten Schrift bedeckt, die leicht nach links kippte. Da fühlte er sich schuldig, schuldig, weil er nie geantwortet hatte, schuldig, dass er sich selbst gegenüber vorgegeben hatte, den Brief nie erhalten zu haben, und da schwor er, sich seinen Inhalt zu Herzen zu nehmen. Er warf ihn ins Meer, denn was hätte er sonst damit anfangen sollen, nach allem, was geschehen war? Zwar war der Brief für immer fort, doch die Worte waren es nicht. Und Father Rooney hatte sein Kind gesegnet, hatte den kleinen Stanley gesegnet, der kaum vierundzwanzig Stunden zuvor auf die Welt gekommen war. Der Geistliche hatte das nicht gewusst. Er hatte gar nichts über Solomon Straw gewusst. Er hatte einfach nur das Zeichen des Kreuzes gemacht und gesagt: »Ich bete für Danny und für Dannys Frau und für Dannys Kinder, die ihren Vater nie zu Gesicht bekommen, sondern nur Schlechtes über ihn hören werden. Und ich werde für Sie und Ihre Familie beten, Mr Straw, in der Hoffnung, sie wird nicht damit leben müssen, dass sie eines Tages Schlechtes über Sie hört.«
In seiner aktiven Zeit hatte er oft genug die Bekanntschaft von Priestern, Pfarrern und anderen Vertretern der Geistlichkeit gemacht, von denen die meisten seine Tätigkeit missbilligten, aber noch nie zuvor hatte er seines Amtes in Anwesenheit eines Verwandten des Verurteilten gewaltet. Es hatte heftige Diskussionen unter den Wärtern gegeben, ob es richtig vom Gefängnisdirektor gewesen sei, Dannys Bitte stattzugeben und es seinem Schwager zu erlauben, bei der Hinrichtung zugegen zu sein, aber das Innenministerium hatte widerstrebend eingeräumt, dass man keine Bestimmung gefunden habe, die besagte, der zuständige Geistliche dürfe nicht mit dem Verurteilten verwandt sein. Wie sich dann zeigte, hätte jener letzte Teil des Geschehens nicht glatter über die Bühne gehen können.
»Sorry, Gerry, ich muss jetzt los«, hatte Danny gesagt. »Ich kann doch den berühmten Solomon Straw nicht warten lassen«, und damit war er aufgestanden, hatte die Hände auf den Rücken gelegt und ergänzt: »Siehst du? Nichts für ungut. Vergiss es nicht, Gerald«, fügte er hinzu und drehte den Kopf etwas zur Seite, »vergiss nicht, es Mutter und Eileen zu sagen. Nichts für ungut. Und jetzt begleite mich und rege dich nicht unnötig auf. Gott wird bestimmen, wann wir uns wiedersehen.«
*
Es war ein ruhiger Morgen, an dem Jack Edge hereingeschlendert kam. Die Tür stand offen, die Steinfliesen waren kalt, die Lichter noch nicht eingeschaltet. Judith hängte gerade im Hof die Geschirrtücher an die Leine. Stanley war draußen im Garten. Solomon hatte das Lokal soeben aufgeschlossen. Es war sonst niemand da. Zunächst erkannten sie einander gar nicht, und wäre es nach Jeremiah gegangen, hätte er dem Mann seinen Drink serviert, wäre dann zur Hintertür hinausgegangen und hätte seiner Frau die Theke überlassen, bis Jack wieder seiner Wege gegangen wäre. So sollte es aber nicht kommen, denn bei Jack handelte es sich nicht um Laufkundschaft. Erst nachdem er seinen ersten Schluck von dem leichten, dunklen Bier getrunken und Solomon ins Auge geblickt hatte (in sein falsches Auge noch dazu), kam ihm die Erkenntnis, wer sein neuer Wirt war.
»So wahr ich hier stehe – wenn das nicht Mr Straw ist?«
Jeremiah wischte den Tresen ab und deutete auf das kleine Schild, das über den Zapfhähnen hing.
»Mein Name ist Bembo. Jeremiah Bembo. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich das merken würden.«
Jack Edge nickte.
»Sie und ich sind jetzt Nachbarn, Mr Straw. Ich bin seit einem knappen Vierteljahr in Pension. Habe mir hier in der Straße einen Bungalow gekauft. Direkt neben der alten Windmühle. Muss zwar ein bisschen aufgemöbelt werden, aber müssen wir das nicht alle? So habe ich wenigstens was zu tun und steh nicht dauernd meiner Frau im Weg. Und wie geht’s Ihnen so? Sie haben aufgehört herumzureisen, wie man mir sagte.«
Solomon Straw musterte den Mann mit Gleichmut. Irgendwann musste es ja geschehen. Ein Wärter, ein Gefängnisdirektor, ein pensionierter Polizist. Besser, es war jemand, der zuverlässig und vertrauenswürdig, der anständig und vernünftig war wie Jack Edge, als irgendein hitzköpfiger Assistent, der noch immer einen Groll hegte.
»Verzeihen Sie, Jack, wenn ich jetzt ungehobelt klinge, aber ich möchte eines klarstellen: Ich bin Jeremiah Bembo, der Wirt des Dorfkrugs. Etwas anderes bin ich nicht. Etwas anderes will ich nicht sein. Den Namen, den Sie erwähnten und den Sie nie wieder benutzen dürfen, zumindest nicht in diesem Haus, kenne ich nur von Kinderspielplätzen und aus Volksliedern und Legenden. Was mich angeht, so hat er nie existiert – ein Hirngespinst, ein Butzemann wie der Rattenfänger. Er hat mit dem Hier und Jetzt nichts zu tun. Er hat mit mir nichts zu tun. Sie verstehen, worauf ich hinauswill?«
Jack Edge nickte. »Sie können sich auf Jack Edge verlassen«, sagte er. »Sie konnten sich schon immer auf Jack Edge verlassen.« Er streckte die Hand aus. Jeremiah stand einen Augenblick reglos da und betrachtete den unwillkommenen Neuankömmling. Dann ergriff er die Hand und drückte sie kräftig.
»Somit hätten wir das geregelt. Somit herzlich willkommen, Jack Edge. Schön, ein bekanntes Gesicht wiederzusehen. Ein Gesicht, dem ich vertrauen kann. Nachbarn sind wir, sagen Sie? Na, dann sollten wir doch unser Schachspiel wieder aufnehmen. Vielleicht gewinnen Sie ja dieses Mal die eine oder andere Partie. Ich bringe Ihnen noch ein Bier. Auf Kosten des Hauses.«
