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Claire Summers versucht, sich mit ihrer Familie zu versöhnen, indem sie eine Stelle als Geschäftspartnerin in einer Pension annimmt, und entwickelt Gefühle für den geheimnisvollen Eigentümer. Als Claires Familie vom Tod der Großtante und Claires mysteriösem Verschwinden erfährt, schließen sich ihre Schwestern zusammen, um sich auf die Suche nach ihr zu machen. Ihre Mutter hingegen fühlt sich verpflichtet, das strenge Edikt ihres Mannes zu befolgen und Claire endgültig zu enterben. Wird das unerwartete Wiedersehen die ersehnte Versöhnung bringen und die Familie wieder vereinen oder wird es die Kluft zwischen ihnen nur vertiefen?
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Julie Klassen
Eine Versöhnung am Meer
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Naumann
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-7751-7679-8 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6294-4 (lieferbare Buchausgabe)
© der deutschen Ausgabe 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
haenssler.de
Originally published in English under the title A Seaside Homecoming
Copyright © 2020 by Julie Klassen
Originally published in English by Bethany House Publishers, a division of Baker
Publishing Group, Grand Rapids, Michigan, 49516, U.S.A. All rights reserved.
Die Zitate sind folgenden Quellen entnommen:
S. 8: Jane Austen: Ich bin voller Ungeduld. Briefe an Cassandra. Insel Taschenbuch
3444. Ffm 2009, S. 80.
Kap. 1: https://www.kostenlosonlinelesen.net/kostenlose-bleakhouse/lesen/85
Kap. 7: Elizabeth Gaskell: Das Leben der Charlotte Bronte. DeutscherTaschenbuch
Verlag. München 1995, S. 155.
Kap. 8: Jane Austen: Kloster Northanger. Reclam. Stuttgart 1981, S. 24.
Kap. 10 u. 29: Jane Austen: Stolz und Vorurteil. FischerTaschenbuch Verlag. Ffm
1984, S. 245 und 177.
Kap. 20: Gedichte der englischen Romantik. Englisch/Deutsch. Ausgewählt,
herausgegeben und kommentiert von Raimund Borgmeier. Reclams Universal-
Bibliothek Nr. 9967 (5). Philipp Reclam jun. Stuttgart 1980, S. 373.
Kap. 33: Elizabeth Barrett Browning: »How Do I LoveThee?«. Übersetzt von Rainer
Maria Rilke. https://lyrikzeitung.com/2018/03/06/wie-ich-dich-liebe-lass-michzaehlen-
wie/
Kap. 26: Amazing Grace (engl. Text). https://www.deutschland-lese.de/streifzuege/
lieder/geistliche-kirchenlieder/oh-gnade-gottes-wunderbar/
Der Bibelvers wurde folgender Ausgabe entnommen:
Lutherbibel © 1912 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Übersetzung: Susanne Naumann
Lektorat: Katharina Töws
Umschlaggestaltung: Stephan Schulze, Stuttgart
Satz und E-Book-Erstellung: Satz & Medien Wieser, Aachen
Für Sara Ring
In Dankbarkeit für eine jahrzehntelange
Freundschaft, für gemeinsame Reisen
und gemeinsame Erinnerungen
Gegenwärtig ziehen wir das Meer durchaus unseren Verwandten vor.
Jane Austen
So sind wir nun Gesandte an Christi statt, indem Gott gleichsam durch uns ermahnt; wir bitten für Christus: Lasst euch versöhnen mit Gott!
2. Korinther 5,20; ELB
Cover
Titel
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Über die Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Nachwort
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
JULIE KLASSEN arbeitete sechzehn Jahre lang als Lektorin für Belletristik. Mittlerweile hat sie zahlreiche Romane aus der Zeit von Jane Austen geschrieben, von denen drei den begehrten »Christy Award« gewannen. Abgesehen vom Schreiben, liebt Klassen das Reisen und Wandern. Um für diesen Roman zu recherchieren, ist sie selbst nach Sidmouth in Devonshire gereist. Mit ihrem Mann und zwei Söhnen lebt sie in Minnesota, USA.
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Endlich hat es aufgehört zu regnen … selbst hier hat sich Lady Dedlock zu Tode gelangweilt … in den Klauen des Riesen Verzweiflung.
Charles Dickens, Bleak House
Mai 1820
Es war trostlos. Das Wetter, ihre Laune, ihr Leben.
Miss Claire Summers zog den staubigen Samtvorhang zurück und blickte aus dem Fenster auf einen weiteren trostlosen Tag in Edinburgh. Der Regen prasselte auf das Kopfsteinpflaster der Straße, die zwei Stockwerke unter ihr lag. Ein paar Händlerkarren und Mietdroschken fuhren vorüber, die Hufe der Pferde klapperten auf dem Pflaster. Die Kutscher hatten ihre Hüte tief in die Stirn gezogen, und sogar die Pferde hielten die Köpfe zum Schutz gegen den strömenden Regen gesenkt. Weit und breit waren keine Fußgänger zu sehen, abgesehen von einem Metzgergesellen, der mit einer Auslieferung unter den Arm geklemmt am Haus vorbeieilte.
Doch plötzlich hielt eine der Kutschen vor dem Haus an. Ein Mann stieg aus. Er drückte sich beim Aussteigen seinen Hut auf das blonde Haar und schritt dann rasch auf die Haustür zu, wobei er unter dem Verandadach vor ihren Augen verschwand.
»Zieh bitte den Vorhang zu!« Das war die Stimme ihrer Großtante. »Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass mir das helle Licht in den Augen wehtut.«
Welches Licht?, dachte Claire, doch sie verbiss sich einen Kommentar, ließ den Vorhang fallen und ging zu der gebrechlichen Gestalt, die in dem Himmelbett lag. Von unten drang das Geräusch des Türklopfers zu ihr hinauf. Die alte Frau, die Kopf und Schulter an die Kissen gelehnt hatte, runzelte die Stirn. »Wer ist denn das? Dr. McClain war doch schon hier.«
»Ich weiß auch nicht.« Bis auf die regelmäßigen Visiten des Arztes und des Apothekergehilfen hatten sie kaum Besucher.
»Hmpf. Wahrscheinlich wieder der junge Mann aus der Apotheke. Neuerdings scheint er ja jeden zweiten Tag eine nutzlose neue Tinktur auszuliefern. Erinnere ihn bitte daran, dass er den Lieferanteneingang zu benutzen hat und nicht die Vordertür.«
»Er ist es aber nicht. Ich habe den Mann nicht erkannt.«
Die alte Frau deutete mit einer schwachen Handbewegung auf ihr Nachttischchen. »Wasser.«
Claire trat heran, um ein Glas zu füllen, doch sie wurde von einem leisen Klopfen an der Tür unterbrochen. Agnes Mercer drehte den Kopf. »Herein.«
Der alte Butler trat ein. Er trug ein Silbertablett, auf dem eine Visitenkarte lag. Ihre Tante schnaubte: »Was ist nun schon wieder?«
»Ein Gentleman. Ein Mr Callum Henshall.«
»Henshall? Ich kenne niemanden mit diesem Namen.«
»Er möchte Miss Summers sehen.«
Claire sah ihn überrascht an. Eine bange Vorahnung stieg in ihr auf. Die alte Frau kniff die Augen zusammen, auf ihrer Stirn erschien eine tief eingekerbte Unmutsfalte. »Was hast du getan, außer aus dem Fenster heraus auf Männer zu starren? Dich hinausgeschlichen, um sie zu treffen?«
»Ganz sicher nicht. Der Name ist mir genauso unbekannt wie dir.«
Claire kannte überhaupt nur wenige Menschen in Schottland. Fast zwei Jahre lebte sie nun hier, leider ziemlich isoliert. Eigentlich verließ sie das Haus nur für die regelmäßigen Besuche des Gottesdienstes, doch auch diese hatten aufgehört, seit ihre Tante nach einer Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes bettlägerig geworden war. Die faltige Hand hob sich erneut. »Schicken Sie ihn weg, Campbell.«
»Aye, Ma’am.«
Claire platzte heraus: »Hat er gesagt, was er will? Sollten wir ihn nicht zuerst nach seinem Anliegen fragen?«
»Nein«, schnappte Tante Mercer. »Ich sagte, schicken Sie ihn weg!«
Der alte Dienstbote zog sich zurück. Claire half der Frau, den Kopf ein wenig anzuheben und einen Schluck Wasser zu trinken. Doch so behutsam sie dabei auch war, sie konnte nicht verhindern, dass ihrer Tante ein wenig von der Flüssigkeit aus dem Mundwinkel rann. »Tollpatschiges Ding. Ich habe dich nicht um ein Bad gebeten«, grollte Tante Mercer, allerdings nicht in dem ätzenden Tonfall, in dem sie ihre Tadel für gewöhnlich zu äußern pflegte. Claire holte rasch eine frische Leinenserviette und wischte das Wasser fort.
Ein paar Minuten später kehrte der Butler zurück. Diesmal lag eine zusammengefaltete Nachricht auf dem Silbertablett. »Wenn Miss Summers ihn nicht empfängt, bittet er Sie um die Ehre, diese Mitteilung zu lesen.«
Das faltige Gesicht ihrer Tante drückte puren Hohn aus, als sie sagte: »Gib sie mir.« Dabei schnellte ihre Hand mit überraschender Kraft nach vorn. Es war nicht das erste Mal, dass Tante Mercer darauf bestand, einen an Claire adressierten Brief zu lesen. In diesem Fall empfand Claire jedoch mehr Neugier als Ärger, da sie tatsächlich keine Ahnung hatte, was der Unbekannte ihr mitteilen wollte. Tante Mercer faltete den Bogen auf und las schweigend. Die Falte zwischen ihren dünnen Brauen vertiefte sich.
»Was steht drin?«, fragte Claire. »Was schreibt er?«
»Nichts. Anscheinend hat dieser Schotte deine Schwester in Sidmouth kennengelernt und möchte dir Grüße von ihr ausrichten. Da wir jedoch keinen Zweifel daran gelassen haben, dass sie dich nicht kontaktieren dürfen …« Sie schüttelte empört den Kopf und faltete das Blatt Papier wieder zusammen.
Ein Gruß von ihrer Schwester? Vermutlich von Emily. Claires Magen knurrte, es hungerte sie förmlich nach Neuigkeiten über ihre Familie. Die Einsamkeit nagte an ihr, an ihrem Körper und ihrer Seele.
»Darf ich ihn selbst lesen?«, bat Claire. »Oder dem Mann wenigstens dafür danken, dass er sich die Mühe gemacht hat, bei uns vorzusprechen?«
»Nein, das darfst du nicht.« Agnes Mercer reichte den Brief dem wartenden Butler. »Werfen Sie ihn weg.«
Der Diener zögerte. »Soll ich ihn zu den anderen in die Schublade legen?«
Zu den anderen? Die Worte schienen in Claires Kopf nachzuhallen. Sie wusste nur von einem Brief. Waren etwa noch mehr gekommen?
»Den hier brauchen wir nicht aufzuheben. Verbrennen Sie ihn.«
Tante Mercer hatte ihr erlaubt, einen Brief von zu Hause zu lesen und zu beantworten, doch sie hatte Claire jedes Wort diktiert. Der Brief sollte wohl bewirken, Emily den Wunsch nach jeder weiteren Kontaktaufnahme zu vergällen. Hatte ihre Schwester trotzdem noch einmal geschrieben? Mit einem mitleidigen Blick auf Claire nahm der Butler das Schreiben aus der Hand seiner Herrin, ging quer durchs Zimmer und warf es ins offene Kaminfeuer, wo es sofort von den Flammen verzehrt wurde.
Claire ließ sich auf einen Stuhl sinken und sah zu, wie das Papier schwarz wurde und zerfiel. Von einem Augenblick zum anderen war es fort – wie ihr früheres Leben und ihre Hoffnung auf eine Zukunft.
Sarah Summers trat auf die Veranda von Sea View und schüttelte ihren Besen aus. Danach blieb sie noch ein Weilchen stehen und sog tief die frische, belebende Luft ein. Es war ein wunderschöner Morgen in diesem kleinen Küstenort in Devonshire. Sie blickte nach Süden auf das graublaue Meer und nach Westen, wo ein Meer gelber Narzissen den gesamten Hügel überzog und bereits dabei war zu verblühen. Bald würden rote Mohnblumen, orangefarbene Lilien und vielleicht sogar von Purpurblüten gekrönte, wild wachsende Disteln an ihre Stelle treten.
Disteln waren ein Wahrzeichen Schottlands. Sarah konnte nicht an sie denken, ohne dass ihr Callum Henshall in den Sinn kam. Der gut aussehende schottische Witwer und seine halbwüchsige Stieftochter waren im letzten Frühjahr ihre ersten Gäste gewesen. Sie konnte noch immer kaum glauben, dass sie es tatsächlich gewagt hatte, ihm zu schreiben. So etwas sah ihr überhaupt nicht ähnlich.
Es war natürlich Emilys Idee gewesen. Vor etwa vierzehn Tagen hatten drei der Summers-Schwestern – Emily, Viola und, wenn auch zögernd, Sarah – sich zusammengesetzt. Georgiana war nicht dabei gewesen, sie war in die Armenschule gegangen, um ihren Liebling Cora zu besuchen. Bei der gemeinsamen Beratung war es um Claire gegangen. Georgiana hatten sie ausgeschlossen, weil sie als Einzige nicht wusste, warum ihre älteste Schwester wirklich nach Schottland gegangen war. Und Mama hatte nicht teilgenommen, weil sie nach wie vor fest entschlossen war, sich an das Verbot ihres verstorbenen Mannes zu halten. Papa hatte Claire verstoßen und Mama verboten, sie jemals wieder aufzunehmen oder auch nur ihren Namen auszusprechen – eine Forderung, an die Mama sich auch nach seinem Tod hielt.
»Wir müssen etwas tun.« Das kam von Viola.
»Warum gerade jetzt?«, hatte Sarah gefragt. »Nach der langen Zeit?«
»Weil wir mehrmals versucht haben, Kontakt mit ihr aufzunehmen, und keine Antwort bekommen haben, bis auf die eine, die letztes Jahr kam. Weißt du noch?«, hatte Emily geantwortet. »Die kurze Antwort auf den ersten Brief, den ich geschrieben habe, in der ich aufgefordert wurde, Papas Wunsch zu respektieren und nicht mehr zu schreiben?«
Sara erinnerte sich gut an den Brief, den einzigen, den sie in nun schon fast zwei Jahren von Claire erhalten hatten. Sie war damals wie Emily der Ansicht gewesen, dass er überhaupt nicht nach Claire klang; dafür war er viel zu kalt und unpersönlich. Doch es war ihre Handschrift gewesen.
»Und sie hat mit Clarice unterschrieben«, hatte Emily hervorgehoben. »So habe ich sie manchmal ironisch genannt, wenn sie uns herumgescheucht hat, als sei sie nicht unsere Schwester, sondern unsere Mutter. »Ja, Clarice. Ganz genau, Clarice. Aber natürlich, Clarice.«
Viola hatte gesagt: »Daran erinnere ich mich gut.«
»Ich glaube, es war eine versteckte Botschaft«, hatte Emily gemeint. »Wahrscheinlich hat Tante Mercer ihr gesagt, was sie schreiben soll, und es war ihr Versuch, uns darauf hinzuweisen. Agnes Mercer ist schließlich Papas Tante, und sie ist ganz offenbar entschlossen, seinen letzten Wunsch durchzusetzen, genau wie Mama.«
Sarah hatte nachdenklich genickt. Das war durchaus möglich.
»Ich habe ihr später noch einmal geschrieben«, hatte Emily gestanden, »und sie zu meiner Hochzeit eingeladen. Aber sie hat nicht geantwortet.«
»Ich habe ihr ebenfalls vor Kurzem geschrieben«, hatte Viola hinzugefügt, »um ihr zu sagen, dass der Major und ich vorhaben, nach Schottland zu reisen, und sie gern besuchen würden. Aber sie hat auch mir nicht geantwortet. Könnt ihr euch vorstellen, warum nicht?«
Sarah hatte nur die Achseln gezuckt. »Um den Wunsch unseres Vaters zu ehren, das schreibt sie doch.«
»Oder«, hatte Emily gemutmaßt, »Tante Mercer hat sie unsere Briefe gar nicht lesen lassen. Ich würde ja sagen, dass Claire gar nicht mehr dort lebt – wenn wir nicht diesen einen Brief bekommen hätten.«
Viola hatte gesagt: »Jack und ich sind fest entschlossen, sie im Zuge unserer Reise zu besuchen – ob es Tante Mercer gefällt oder nicht. Aber wir wollen unterwegs mehrmals Station machen und uns ein wenig das Land ansehen. Immerhin ist es unsere längst überfällige Hochzeitsreise. Wir werden zwei oder drei Wochen unterwegs sein, bis wir in Edinburgh sind.«
Emily hatte sich nachdenklich aufs Kinn getippt und Sarah einen wissenden Blick zugeworfen. »In der Zwischenzeit … ich weiß auch nicht. Wenn wir doch nur jemanden kennen würden, der in der Nähe von Edinburgh lebt. Jemand, der Claire besuchen könnte, bis Viola dort ist.«
»Du meinst Mr Henshall.« Sarahs Gedanken hatten sich durch die Erinnerung an ihre kurze Bekanntschaft mit Collum Henshall während seines Aufenthalts in Sea View überschlagen. Wäre es aufdringlich, ihm zu schreiben, wo sie seine Annäherungen und sogar seine Bitte, ihr schreiben zu dürfen, doch konsequent zurückgewiesen hatte?
Doch sie hatte sich überwunden und angeboten: »Ich könnte ihm schreiben und fragen, ob er sie gelegentlich einmal aufsuchen kann, wenn er ohnehin in Edinburgh ist. Ich möchte ihn nur ungern bitten, eigens deswegen nach Edinburgh zu fahren.«
»Was er bestimmt gern tun würde«, hatte Emily mit einem spitzbübischen Lächeln gesagt. »Wenn du ihn darum bittest!«
Also hatte Sarah ihre Bedenken beiseitegeschoben, sich hingesetzt und an den Mann geschrieben, der ohnehin fast unablässig in ihren Gedanken war.
Lieber Mr Henshall,
heute wende ich mich auch im Namen meiner Schwestern Emily und Viola mit einer Bitte an Sie. Ich hoffe, Sie finden es nicht allzu dreist, dass ich nach unserer doch relativ kurzen Bekanntschaft auf diese Weise an Sie herantrete.
Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Ihnen gegenüber einmal eine Großtante in Edinburgh erwähnt habe. Unsere Schwester Claire lebt als Gesellschafterin bei dieser Tante. Leider haben wir seit einiger Zeit nichts mehr von Claire gehört, und auch unsere letzten Briefe sind unbeantwortet geblieben.
Wahrscheinlich sind unsere Sorgen unbegründet, aber es wäre dennoch eine große Beruhigung für uns, wenn jemand einmal nach Claire schauen und sich überzeugen könnte, dass es ihr gut geht und dass sie gesund ist. Nun hatten Sie während Ihres Aufenthalts bei uns erwähnt, dass Sie gelegentlich nach Edinburgh fahren. Falls dem noch immer so ist, wäre meine Bitte: Könnten Sie bei einem Ihrer Besuche in Edinburgh vielleicht einmal einen Abstecher zu unserer Schwester machen? Wir erwarten natürlich nicht, dass Sie eigens aus diesem Grund hinfahren, aber für den Fall, dass es Ihnen ohne größere Umstände möglich ist, schließe ich mit der Anschrift unserer Tante.
Wie auch immer – ich hoffe, dass es Ihnen und Effie gut geht. Unsere besten Grüße an Sie beide.
Ihre
Miss Sarah Summers
Und jetzt warteten Sarah und ihre Schwestern auf seine Antwort.
Am nächsten Tag kam Emily zu Sarah ins Büro gelaufen. In der einen Hand hielt sie einen Brief, mit der anderen zog sie Viola hinter sich her. »Er ist da! Er ist da!« Sie warf den Brief vor Sarah auf den Schreibtisch. »Für dich. In Edinburgh aufgegeben.« Sarah hob das Schreiben auf und starrte einen Moment auf ihren Namen in Collums Handschrift. Ihr leichtes Händezittern offenbarte das mulmige Gefühl, das sich in ihrem Magen ausbreitete.
»Worauf wartest du?«
»Gleich. Gib mir noch einen Moment.«
Sie setzte sich auf einen der Lehnstühle. Emily ließ sich auf den Sessel neben ihr fallen, Viola blieb stehen. Dann las Sarah laut vor:
»Liebe Miss Summers,
Ihr Brief hat mich überrascht und sehr gefreut, obwohl mir der Grund Ihres Schreibens – die Sorge um Ihre Schwester – natürlich leidtut. Ich danke Ihnen vor allem für Ihr Vertrauen, sich mit Ihrer Bitte an mich zu wenden. Es ist mir eine Ehre und ein Privileg, Ihnen und Ihrer geschätzten Familie, an die ich nur die besten Erinnerungen habe und für die ich größte Hochachtung empfinde, zu Diensten zu sein, doch leider sehe ich mich nicht in der Lage, Ihnen eine zufriedenstellende Antwort zu geben.
Nach Erhalt Ihres Briefs bin ich, sobald ich konnte, nach Edinburgh gefahren und habe die Adresse aufgesucht, die Sie mir gegeben haben – ein Haus in New Town. Ich stellte mich einem Bediensteten vor, gab ihm meine Karte und bat darum, Ihre Schwester sehen zu dürfen. Ein paar Minuten später wurde ich abgewiesen.
Da ich diese Möglichkeit vorhergesehen hatte – schließlich war ich ein völlig Fremder für sie –, habe ich mir die Freiheit genommen, eine kurze Nachricht zu verfassen, in der ich mich ihnen vorstellte als jemand, der Ihre Familie in Sidmouth kennengelernt hat und Grüße überbringen und nach dem Ergehen Ihrer Schwester fragen wollte. Der Diener nahm die Notiz entgegen und schlug mir erneut die Tür vor der Nase zu. Ich hoffe sehr, dass er sie Ihrer Schwester übergeben hat, aber ich kann es nicht garantieren.
Es tut mir leid, dass mir nicht mehr Erfolg beschieden war. Ich wünschte wirklich, ich könnte Sie über die Gesundheit und das Glück Ihrer Schwester beruhigen. Falls sie oder ihre Tante mich kontaktieren sollten (ich habe ihnen meine Adresse hinterlassen), werde ich es Sie natürlich sofort wissen lassen.
Wenn ich sonst noch etwas für Sie tun kann, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden.
Ihr
Callum Henshall«
Emily schlug die Hände über ihrem Kopf zusammen. »Wie unbefriedigend! Und jetzt? Jetzt sind wir keinen Deut klüger als zuvor.«
»Immerhin wissen wir, dass Claire wahrscheinlich noch dort wohnt«, sagte Sarah. »Aber es wäre natürlich viel besser, wenn er sie selbst gesehen hätte.«
»Wie unhöflich von ihr, ihn nicht zu empfangen«, meinte Viola. »Aber das lag bestimmt nicht an Claire, sondern an Tante Mercer.«
»Das glaube ich auch«, bestätigte Sarah. »Es sei denn, ihre Erfahrung mit einem … bestimmten Gentleman … hat sie allen Männern gegenüber misstrauisch gemacht.«
»Daran habe ich noch gar nicht gedacht.« Emily sah ihre Zwillingsschwester an. »Ich bin so froh, dass du und der Major, dass ihr bald nach Schottland fahrt, Vi. Euch können sie schließlich nicht die Tür vor der Nase zuschlagen.«
»Hoffen wir es.«
»Habt ihr schon gepackt?«
»Ja. Wir brechen morgen in aller Frühe auf.«
Emily drückte ihre Hand. »Ich wünsche euch eine wunderschöne Zeit.«
»Vielen Dank. Ich schreibe euch, sobald ich etwas erfahren habe.«
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Geeignete Begleiterin
Eine Dame in ihrem vierundzwanzigsten Lebensjahr wünscht sich sehnlichst, eine Begleiterin wie die oben beschriebene zu sein. Sie ist eine gute Vorleserin, häuslich und fleißig und wäre die ideale Gesellschaft für eine ältere Dame. Das Gehalt spielt eine untergeordnete Rolle.
Anzeige, The Times of London
Als der Butler ihnen am nächsten Tag die Post gebracht hatte, musterte Claire hoffungsvoll das Tablett, doch es lag nur ein einziger Brief darauf. Er war in einer für sie unbekannten Handschrift an ihre Tante adressiert. Claire half ihr, sich im Bett aufzusetzen, und sah dann zu, wie die alte Frau das Wachssiegel brach, den Brief las und seufzte.
»Noch eine Bitte um Spenden. So viele arme, elende Menschen auf dieser Welt! Schreib ihnen bitte eine Antwort für mich.«
Während Claire sich in schweigendem Gehorsam erhob, musterte ihre Tante sie missbilligend.
»Du bist heute noch geistesabwesender als sonst. Und dann dieser leidende Gesichtsausdruck, den du immer zur Schau trägst! Ich nehme an, du bist noch immer beleidigt wegen der Nachricht, die dieser Gentleman hinterlassen hat. Ich habe dir nicht verboten, sie zu lesen, weil ich eine boshafte alte Schachtel bin, sondern weil dein Vater darauf bestanden hat, dass der Rest der Familie keinen Kontakt mehr mit dir hat. Ich setze lediglich seine Wünsche um. Sei froh, dass er nicht auch mir verboten hat, dich aufzunehmen.«
»Ja, Tante.«
Agnes Mercer kniff die Augen zusammen. »Ich weiß, dass du dein Leben hier mit mir ganz entsetzlich findest, aber glaub mir, es gibt viele Menschen, die liebend gern an deiner Stelle wären. Gefallene Frauen erwartet häufig ein sehr viel schlimmeres Schicksal. Du hättest auch im Magdalenen-Asyl enden können, das ist eine der Wohlfahrtseinrichtungen, die ich unterstütze. Oder sogar im Arbeitshaus, wenn ich nicht gewesen wäre.«
»Ja, Tante.« Und sie zwang sich hinzuzufügen: »Ich bin dir sehr dankbar.«
Die alte Frau brummte nur missbilligend. Sie war ganz eindeutig nicht überzeugt, dass Claire meinte, was sie sagte. Dann gab sie ihr den Schreibtischschlüssel. Claire nahm ihn und drehte sich um. Auf dem Schreibtisch selbst standen eine Schreibfeder aus Messing, ein Tintenfässchen und eine Wachsbuchse, doch das Papier befand sich in einer Schublade. Sie schloss die Schublade auf und öffnete sie. Dabei blieb ihr Blick an ein paar Briefen in der rechten oberen Ecke hängen. Der oberste lag mit der Vorderseite nach unten, sein Siegel war noch ungebrochen. Ob einer dieser Briefe wohl für sie war? Da sie wusste, dass ihre Tante Falkenaugen hatte, nahm sie jedoch nur ein Blatt Papier heraus und schloss die Schublade wieder. Sie legte das leere Blatt vor sich hin, tauchte die Feder ein und sagte: »Ich bin bereit.«
Agnes Mercer begann ihre Antwort, doch ihre Stimme wurde immer dünner und brüchiger, während sie sprach. Sie dankte dem Vorstand der Stiftung für seine Bitte und formulierte ihre Bedingungen für eine Spende. Claire hätte diese Antwort auch allein schreiben können, ohne dass ihre Tante sie ihr diktierte, sie hatte schon unzählige ähnliche Antwortschreiben für sie verfasst. Schweigend schrieb sie den letzten Satz, dann stand sie auf und brachte den Brief ihrer Tante, damit sie ihn unterschreiben konnte. Doch die alte Dame war eingeschlafen.
Wie ungewöhnlich. Normalerweise vergewisserte sie sich, dass der Schreibtisch wieder abgeschlossen war und Claire ihr den Schlüssel zurückgegeben hatte, bevor sie Claire entließ und sich ein Schläfchen gestattete. Dass sie jetzt schon eingeschlafen war, war so ungewöhnlich, dass Claire ihre Tante eine Weile musterte, um sicherzugehen, dass sie noch atmete. Das tat sie auch: zwar schwach, aber regelmäßig. Claire war ganz sicher, dass ihre Tante sie erwischen würde, wenn sie das Siegel des Briefs brechen und ihn lesen würde – aber vielleicht konnte sie sich hinsetzen und ihren Schwestern schreiben? Sollte sie es wagen?
Sie ging zurück an den Schreibtisch, zog leise die Schublade auf und nahm einen weiteren Bogen Papier heraus. Dann warf sie einen Blick über die Schulter, um zu sehen, ob ihre Tante noch schlief, tauchte die Feder ein und begann den Brief.
Liebe …
Liebe wer?
Wie gern hätte sie Liebe Mama geschrieben! Sie vermisste sie so sehr. Der Gedanke an ihre gütige, sanfte Mutter ließ Erinnerungen in ihr aufsteigen – an ermutigende Gespräche und liebevolle Umarmungen. Es schlich sich aber auch ein bitterer und scharfer Schmerz der Reue ein. Soweit Claire wusste, hatte Emily als Einzige aus ihrer Familie ihr je nach Schottland geschrieben. Das mochte daran liegen, dass Emily nicht zu Hause gewesen war, als alles passiert war, und deshalb möglicherweise nicht genau wusste, was Claire getan hatte. Wie unvorstellbar dumm sie doch gewesen war!
Auch wenn sie jetzt in der Hoffnung auf Versöhnung an Emily schrieb, wusste sie doch genau, dass es nicht Emily war, die sie überzeugen musste. Es war Mama. Und Mama hatte in ihrem ganzen Leben noch nie etwas gegen den Wunsch von Papa getan.
Claire dachte an die harsche Antwort auf Emilys Brief, die Tante Mercer ihr diktiert hatte. Sie hatte ihre Schwester bitten müssen, ihr nicht mehr zu schreiben. Ob Emily diese Bitte ignoriert und ihr trotzdem erneut geschrieben hatte, wusste Claire nicht. Der Butler und manchmal auch der Lakai nahmen die Post in Empfang und brachten sie ohne Verzögerung zur Herrin des Hauses. Aber gestern hatte Campbell gesagt, es gebe noch weitere Briefe.
Sie blätterte noch einmal den kleinen Stapel Briefe durch, der hinter den Vorrat an Tintenfläschchen und Federhaltern geschoben war. Wenn es tatsächlich Briefe von ihrer Familie waren, könnte es das Risiko wert sein. Sie fasste zögernd tiefer in die Schublade hinein und zog sie ein wenig weiter auf, da sie die Papiere noch nicht greifen konnte.
Quieeeeetsch.
»Hm?« Tante Mercer wachte mit einem lauten Schnarchen auf. »Was tust du da?«
»Es ist alles fertig. Du brauchst nur noch zu unterschreiben.« Claire schob das Blatt Papier, das sie hatte herausnehmen wollen, heimlich zurück in die Schublade. Sinnlos, es für ein einziges Wort zu verschwenden. Tante Mercer hasste Verschwendung. Dann stand sie auf und schob die Schublade dabei mit der Hüfte zu.
»Schließ ab und bring mir den Schlüssel.« Tante Mercer streckte wie immer die Hand aus. Claire gehorchte.
Danach ließ Claire ihre Tante allein, damit sie ungestört ihr Schläfchen halten konnte. Den Brief an die Stiftung nahm sie mit hinunter in die Halle; der Butler oder der Lakai würden ihn später aufgeben. Plötzlich hörte sie auf dem Gang einen leisen Protestlaut und blickte auf. Etwas weiter im Flur hatte sich der Lakai Fergus vor Mary aufgebaut. Das junge Dienstmädchen stand mit dem Rücken an die Wand gedrückt. Fergus stützte sich mit der Hand über ihrer Schulter an der Wand ab, sodass sie auf der Seite nicht flüchten konnte. Jetzt beugte er sich vor, als wollte er sie küssen, doch sie wandte das Gesicht ab, duckte sich und entschlüpfte ihm.
Gut gemacht, dachte Claire.
»Komm schon, Mary«, schmeichelte Fergus, »du willst doch bestimmt nicht, dass ich der Alten erzähle, wie der rothaarige Assistent dich geküsst hat.«
Mary lief schon zur Dienstbotentreppe. Als der Lakai ihr folgen wollte, rief Claire laut: »Das reicht, Fergus!« Sie sprach mit aller Autorität, die sie aufbringen konnte. Genau genommen hatte sie wenig Autorität in diesem Haus, doch als Gesellschafterin der Hausherrin und Verwandte von Agnes Mercer stand sie rein theoretisch eine Stufe über dem unverschämten Lakaien.
»Ah, Miss Summers.« Seine Augen funkelten, als er eine neue Beute in Reichweite entdeckte. »Eifersüchtig? Seien Sie doch nicht so zimperlich. Wenn Sie nett zu mir sind, zeige ich Ihnen vielleicht den Brief, der gerade gekommen ist.«
Noch ein Brief?
Mit einem verschlagenen Lächeln auf den Lippen trat er näher. »Jetzt sind Sie aber interessiert, was? Vielleicht habe ich ja sogar zwei Briefe.«
Als Claire schwieg, trat er noch näher und grinste breit. »Offenbar denken Sie schon darüber nach.«
Claire kochte innerlich. Sie mochte für einen Lord in Schande geraten sein, aber sie würde sich ganz sicher nicht von einem lüsternen, pickligen Lakaien verführen lassen. Doch sie schwieg und brachte sogar ein kleines Lächeln zustande. Seine Augen wurden dunkel, als er einen Schritt vortrat. In diesem Moment entriss Claire ihm den Brief, drehte sich um und lief davon. Er fluchte.
Ein rascher Blick auf die Adresse sagte ihr, dass es lediglich eine Nachricht von Tante Mercers Anwalt war. Hinterhältiger Schuft. Sie gab dem Diener den Brief zurück. »Du hattest recht. Ich habe nachgedacht. Darüber, ob ich dich auf der Stelle entlasse oder warte, bis meine Tante von ihrem Schläfchen aufwacht.«
Das verschlagene Lächeln erlosch. »So viel Macht haben Sie nicht.«
»Es ist nicht meine Macht oder mein Mangel an Macht, der über deine Entlassung entscheidet. Ein Wort über dein Verhalten Mary und mir gegenüber zu meiner Tante genügt völlig.«
Er blinzelte. Jetzt bekam er es offenbar doch mit der Angst zu tun. »Tun Sie das nicht, Miss. Bitte. Es war doch nur ein kleiner Spaß. Wird nicht wieder vorkommen.«
»Vielleicht sage ich es nicht weiter, wenn du Mary von jetzt an in Ruhe lässt. Wie kommst du überhaupt dazu, sie so zu behandeln?«
Einen Moment lang glomm erneut das verschlagene Glitzern in seinen Augen auf. »Oh, da wären Sie aber überrascht, wenn ich Ihnen das sage.«
»Und ganz bestimmt angewidert.«
»Aber, aber. Ich kann nichts dafür. Sie ist nicht besser als andere ihresgleichen.«
Stimmte das? Aber selbst wenn, es stand Claire nicht zu, über das Fehlverhalten einer anderen Frau zu urteilen. Sie hob kämpferisch das Kinn. »Wie auch immer, sie ist auf jeden Fall sehr viel besser als du. Also hüte dich. Ich behalte dich im Auge.«
Ein paar Tage später stand ein weiterer Besucher vor der Tür. Claire war gerade in ihrem Zimmer und las, als sie es unten klopfen hörte. Sie stand auf und trat ans Fenster, doch mehr als den schwarzen Hut und den Mantel eines Mannes konnte sie nicht sehen. Ob auch dieser Besucher wieder weggeschickt werden würde? Sie ging wieder zu ihrem Buch.
Tante Mercer hatte gesagt, dass sie Claires Dienste heute Nachmittag nicht benötige, deshalb genoss sie den seltenen Luxus, ein Buch lesen zu können, das sie sich selbst ausgesucht hatte. Tante Mercer besaß nicht viele Romane – oder erlaubte ihr vielmehr nicht, sie zu lesen, doch die erneute Lektüre der Pilgerreise, für die sie sich entschieden hatte, war sehr viel unterhaltsamer, als gezwungen zu sein, wieder einmal laut aus Fordyces Predigten für junge Frauen vorzulesen.
Etwas später klopfte das Hausmädchen und trat gleich darauf mit frischen Handtüchern auf dem Arm ein. »Bitte schön, Miss.«
»Vielen Dank, Mary. Meine Tante hat Besuch?«
»Aye. Ein Gentleman ist bei ihr. Schon über eine Stunde.«
»Einer ihrer Ärzte?«
»Ich weiß nicht. Ich habe nicht verstanden, wie er heißt.«
Das Mädchen wollte gehen, doch Claire fragte: »Mary, hat Fergus dich belästigt?«
Das Mädchen neigte nachdenklich den Kopf. »Jetzt, wo Sie es ansprechen, Miss – die letzten Tage hat er mich Gott sei Dank in Ruhe gelassen.«
»Das freut mich zu hören.«
Mary verließ das Zimmer.
Kurz darauf klopfte es erneut an ihrer Zimmertür. Claire, die dachte, es sei noch einmal Mary, rief: »Herein.« Doch als die Tür aufging, stand Campbell im Türrahmen. Er wirkte verlegen.
»Ein Gentleman für Sie, Miss. Im Salon.«
Ein Gentleman? Sie dachte sofort an den blonden Schotten, den man abgewiesen hatte. War er wiedergekommen? Brachte er ihr Nachrichten von ihrer Familie? Warum durfte sie ihn nun doch empfangen, nachdem ihre Tante ihn doch erst vor Kurzem noch weggeschickt hatte?
Sie stand auf. »Ich komme in ein paar Minuten.«
Der Butler nickte und zog sich zurück. Claire richtete rasch ihre Frisur und legte ein Tuch aus weißem Leinen um ihre Schultern, um das schlichte graue Tageskleid ein wenig adretter zu machen. Dann ging sie nach unten in den Salon. Inzwischen war sie doch ein wenig nervös geworden. Sie öffnete die Tür – und blieb wie angewurzelt stehen. Beim Anblick des attraktiven, elegant gekleideten Mannes, der auf sie wartete, klopfte ihr Herz plötzlich zum Zerspringen. Lord Bertram. Hier? Jetzt?
»Was um alles in der Welt wollen Sie hier?«, platzte sie heraus, ohne auch nur den Versuch zu machen, höflich zu sein.
»Miss Summers.« Er verbeugte sich. »Ich komme gerade von Ihrer Tante, wie Sie wahrscheinlich wissen. Sie hat doch bestimmt erwähnt, dass sie mir geschrieben hat.«
»Nein, das hat sie nicht. Und ich bin sehr erstaunt, Sie zu sehen. Ich hatte keine Ahnung, dass sie Kontakt zu Ihnen aufgenommen hat, und kann mir auch beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie das getan haben sollte.«
»Nein? Ich muss sagen, das erstaunt mich.«
»Damit wären wir schon zu zweit. Warum wollte sie Sie sehen?«
Er zögerte. »Wenn sie es Ihnen nicht gesagt hat, sollte ich es wohl besser ihr überlassen, es Ihnen zu erklären. Ehrlich gesagt ist es mir auch selbst immer noch ein wenig rätselhaft.«
Glaubte er, dass Claire ihn sehen wollte? Sie beeilte sich, diesen demütigenden Irrtum umgehend zu korrigieren. »Wenn Sie glauben, dass ich sie darum gebeten habe, sich dieser Sache anzunehmen, irren Sie sich. Ich hatte nicht den Wunsch, Sie jemals wiederzusehen.«
Er hob die Hand. Dabei blitzte ein Ring an seinem kleinen Finger auf. »Ich möchte nicht mit Ihnen streiten. Im Gegenteil, ich bin froh, dass Sie so gut aussehen und in einem so … achtbaren Haus wohnen. Ist die alte Dame freundlich zu Ihnen?«
Das Nein lag ihr schon auf der Zunge, doch im letzten Moment verbiss sie es sich. Sie wollte kein Mitleid von diesem Mann. Sie richtete sich auf. »Sie sagten, Sie hätten meine Tante besucht. Warum wollten Sie mich sprechen?«
»Ich wollte mich nur überzeugen, dass es Ihnen gut geht. Ich muss zugeben, dass ich oft an Sie gedacht habe, und ich bereue, was zwischen uns geschehen ist. Es tut mir wirklich leid, dass es nicht in meiner Macht steht, das Ganze wiedergutzumachen, doch ich hoffe sehr, dass Sie wenigstens meine Entschuldigung annehmen.«
Sie war so verblüfft von seiner längst überfälligen Entschuldigung, dass ihr keine Erwiderung einfiel. Schließlich meinte sie nur: »Was Sie auch sagen, es wird nichts ändern.«
Als Lord Bertram fort war, ging Claire schnurstracks zum Zimmer ihrer Tante. Die alte Dame lag auf ihrem gemachten Bett und lehnte sich an einen wahren Berg aus Kissen. Sie war vollständig angekleidet. Offenbar hatte ihre Zofe ihr geholfen, ihr Lieblingssonntagskleid anzuziehen. Dazu trug sie ihre Rubinkreuzkette um den Hals. Über ihren Beinen lag eine warme Decke, und sie sah Claire neugierig entgegen. »Du hast ihn gesehen, nicht wahr?«
»Ja. Ich war sehr überrascht. Noch mehr überrascht hat mich allerdings, dass er auf deine Einladung hin hier war. Ich wusste nicht, dass du den Mann überhaupt kennst.«
»Ich kannte ihn auch nicht. Bis heute habe ich ihn noch nie gesehen.«
Claire runzelt verwirrt die Stirn. »Soweit ich weiß, habe ich seinen Namen nie erwähnt. Wie …?«
»Dein Vater hat ihn in einem seiner Briefe genannt.«
»Warum wolltest du ihn sehen?«
»Aus mehreren Gründen. Zuallererst, um meine Neugier zu befriedigen. Er sieht wirklich sehr gut aus, das muss ich dir zugestehen. Er ist höflich und wortgewandt und hat einen Adelstitel. Ich verstehe, dass er dir den Kopf verdreht hat. Aber er ist auch hoch verschuldet.«
»Woher weißt du das? Er hat es dir doch bestimmt nicht einfach so erzählt.«
»Nein, aber er hat es auch nicht abgestritten. Ich habe Erkundigungen über ihn eingezogen. Nicht schlecht für eine alte Frau, die an ihr Bett gefesselt ist, was?«
Claire war viel zu verblüfft, um beeindruckt zu sein. »Und warum das alles? Du hast von mehreren Gründen gesprochen – welche waren die anderen?«
»Ich … das möchte ich noch nicht sagen.«
Bei dieser vagen Antwort stieg plötzlich ein wilder Zorn in Claire auf, wie so oft in Gegenwart ihrer Tante, doch diesmal gelang es Claire nicht, ihre Zunge im Zaum zu halten. »Hast du ihn etwa eingeladen, um mich an meine Dummheit zu erinnern? An die Demütigung, die er mir zugefügt hat? Ich kann dir versichern, das wäre nicht nötig gewesen. Es gibt keinen einzigen Tag, an dem ich mein damaliges Verhalten nicht bereue.«
Tante Mercers Augen glitzerten. »Was höre ich da? Das Mäuschen hat tatsächlich eine Stimme? Anscheinend bist du doch nicht das geistlose, zimperliche Ding, mit dem ich es in den letzten beiden Jahren tagtäglich zu tun hatte. Freut mich, tatsächlich einen Funken Lebensfeuer in dir zu entdecken.«
»Ach, wirklich? Wo du doch jede meiner Äußerungen unterdrückt und bestraft hast, die über unterwürfiges Wohlverhalten hinausging?«
»Vorsicht, mein Mädchen. Ich mag es nicht, wenn die scharfe Zunge sich gegen mich richtet. Aber wenn ich einmal nicht mehr bin, wirst du deinen Mut brauchen.«
Diese Aussage ließ Unruhe und Angst in ihr aufsteigen. Claire gab zu: »Ich weiß nicht, wo ich hingehen soll, wenn du stirbst.«
»Und was ist, wenn du stirbst? Ich für meinen Teil weiß, wo ich hoffe hinzugehen.«
»Bist du nicht sicher? Obwohl du ständig in die Kirche rennst? Geben all deine vielen Spenden und deine Frömmigkeit dir keine Gewissheit?«
»Nein. All das bringt mir gar nichts. Der einzige Grund, warum ich auf den Himmel hoffen kann, ist das hier.« Sie hob das Kreuz an ihrer goldenen Kette.
»Deine Halskette?«
»Sei bitte nicht albern. Das, wofür es steht. Allein das Kreuz macht die Sünder annehmbar für Gott.«
»Rechnest du dich selbst auch zu dieser Gruppe oder nur mich?«
»Ich sitze im selben Boot, mein Mädchen. Aber du bist noch draußen auf dem Meer.« Sie machte eine weit ausholende Bewegung mit ihrer faltigen Hand. »Aber genug davon. Hast du schon darüber nachgedacht, wo du hingehen könntest?« Sie verzog den Mund. »Solange du lebst, meine ich.«
Claire sah sie bedrückt an. »Ich habe darüber nachgedacht, aber ich bin zu keinem Ergebnis gekommen.«
»Deine Mutter will dich nicht haben. Dein Vater hat keinen Zweifel an seinen Wünschen gelassen.«
»Woran du mich oft genug erinnert hast. Da wir schon von meiner Zukunft sprechen: Ich frage nur ungern, aber ich werde ein wenig Geld brauchen. Die meisten Gesellschafterinnen bekommen einen jährlichen Lohn.«
»Einen Lohn? Ha! Du hast ein Dach über dem Kopf, ein warmes Bett und genügend zu essen. Du hast angemessene Kleidung bekommen, ganz zu schweigen von der Unterweisung durch meinen Pfarrer. Das ist mehr, als die meisten Frauen in deiner Situation erwarten können. Ich würde sagen, du hast bereits sehr viel mehr als eine angemessene Entschädigung bekommen.«
Die alte Scham schlug über Claire zusammen. Sie gab auf. Mit hängendem Kopf sagte sie: »Es tut mir leid. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich hier ein Heim habe.« Aber für wie lange?
Ihre Tante winkte erneut ab. »Genug von dem müßigen Geschwätz. Fort mit dir.«
Claire schluckte. »Soll ich dir nicht vorlesen?«
»Heute nicht.« Sie klopfte mit zwei Fingern gegen ihr Kinn, auf dem ein Damenbart zu sehen war. »Ich muss nachdenken.«
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
… starb in dieser Stadt: Miss Jane Austen. Ihre Manieren waren sanft, ihre Offenheit unübertroffen und sie lebte und starb, wie es sich für eine bescheidene Christin schickt.
Nachruf, Salisbury and Winchester Journal
Am Tag nach Lord Bertrams Besuch schickte Tante Mercer nach ihrem Anwalt und ihrem Arzt. Der Arzt verschrieb ihr ein anderes Medikament gegen ihr Leiden und bot an, das Rezept auf dem Heimweg gleich selbst beim Apotheker vorbeizubringen. Offenbar ging es ihrer Tante wirklich sehr schlecht, denn ein solches Angebot hatte er noch nie gemacht. Bis jetzt hatten sie immer Fergus schicken müssen.
»Es tut mir leid, Tante«, sagte Claire, als sie ihren Gesichtsausdruck sah. »Ich wusste nicht, dass es dir so schlecht geht.«
Tante Mercer pflegte nicht zu jammern, doch diesmal gab sie zu: »Es wird schlimmer, ich spüre es.«
Nach einer knappen Stunde brachte der Apotheker bereits den verschriebenen Trank. Claire musste an Fergus’ Anschuldigung gegen Mary und den »rothaarigen Assistenten« denken und wunderte sich, dass nicht wie üblich der junge Mann die Auslieferung übernommen hatte. Als der Apotheker wieder gegangen war, fragte Claire: »Soll ich dir etwas davon geben, Tante?« Sie stand schon neben dem Bett, bereit, das Fläschchen und das Glas in die Hand zu nehmen.
»Noch nicht. Ist mein Anwalt schon da?«
»Nein. Hast du dringende Geschäfte mit ihm zu besprechen?«
»Sei nicht neugierig. Das ziemt sich nicht für eine Lady.«
Sie … eine Lady? Tante Mercer musste starke Schmerzen haben, unter denen allmählich offenbar sogar ihr Verstand litt.
»Was kann ich tun, um dir zu helfen? Vielleicht ein Glas Wein? Oder soll ich dir vorlesen?«
»Nein, nichts davon. Setz dich einfach ein bisschen zu mir.«
»Natürlich.«
Claire zog sich einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr. Nach kurzem Schweigen versuchte sie, die Kranke ein wenig abzulenken, indem sie sie nach ihrer Vergangenheit fragte.
»Wie kommt es, dass du in Edinburgh lebst?«
»Hat dein Vater es dir nie erzählt?«
Claire schüttelte den Kopf.
»Meine Mutter ist hier geboren – deine Urgroßmutter. Nachdem sie dann meinen Vater geheiratet hatte, lebten sie zusammen bei seiner Familie in England, in der Nähe von Warwick.«
»Mir ist tatsächlich aufgefallen, dass du keinen schottischen Akzent hast.«
»Den hat die Familie meines Vaters meiner Mutter ausgetrieben. Meine Schwester und ich haben dann gleich die Sprache unserer englischen Verwandten und Nachbarn übernommen.«
Die alte Frau schwieg nachdenklich.
»Mama hat Schottland immer vermisst und sich zurückgesehnt. Irgendwann dachte ich, wenn Papa als Erster gehen sollte, würde ich sie hierher zurückbringen, in das Edinburgh ihrer Kindheit. Doch sie wurde krank und konnte nicht mehr reisen. Als sie dann beide alt und krank waren, habe ich sie gepflegt. Für die Mühe, die ich mir dabei gegeben habe, hat mein Vater mir sein ganzes Vermögen vererbt. Meine Schwester – deine Urgroßmutter – hatte geheiratet, aber ich war unverheiratet geblieben, deshalb wollte er mich versorgt wissen. Als meine Eltern gestorben waren, habe ich das Geld genommen und bin anstelle meiner Mutter hierhergezogen. Ich wollte die Altstadt vom Edinburgh ihrer Jugend sehen, das Schloss und Holyroodhouse und auch die Neustadt. Es gefiel mir alles so sehr, dass ich blieb. Die strenge schottische Religion entspricht meiner Wesensart.«
Claire konnte nicht widersprechen. Sie erinnerte sich an den Brief, den Tante Mercer ihr geschrieben hatte, als sie fünfundzwanzig war. Sie hatte vorgeschlagen, da Claire es bis jetzt nicht geschafft habe zu heiraten, sollte sie doch zu ihr nach Edinburgh kommen – zwei alte Jungfern, die einen gemeinsamen Haushalt führten. Claire war anfangs gekränkt gewesen, doch dann hatte sie Mut gefasst und war irgendwann unangekündigt vor der Tante gestanden.
Die Stimme ihrer Tante erstarb, ihre Schmerzen schienen schlimmer zu werden. Als Mr Dumfries von Dombey & Dumfries schließlich erschien, scheuchte Tante Mercer Claire aus dem Zimmer und befahl ihr, die Tür fest hinter sich zu schließen. Claire gehorchte. Ihre Tante tat ihr trotz ihrer schroffen Art sehr leid. Sie sprach ein Gebet für sie und hoffte, dass Gott es erhören würde, wenn nicht um ihretwillen, dann doch Agnes Mercer selbst zuliebe. Als der Anwalt schließlich nach einer guten Stunde ging, trat Claire zögernd wieder ein.
»Möchtest du jetzt dein Mittel nehmen?«
»Ja, bitte.«
Danach war sie eingeschlafen. Seither schlief sie immer öfter und länger. Und Claire wartete. Es war eine Übung in schweigendem Elend. Ihre Nerven litten, ihre Angst vor der Zukunft wuchs ins Unermessliche. Die vielen Sorgen raubten ihr den Frieden. Es fiel ihr zunehmend schwer still zu sitzen. Zu ruhen. Zu schlafen.
Manchmal war sie versucht, gleich fortzugehen und nicht auf das Ende zu warten. Doch sie hatte kein Geld für die Postkutsche. Der größte Teil des Geldes, das sie von zu Hause mitgebracht hatte, war ausgegeben, und sie hatte während all der Zeit hier nicht einen einzigen Penny Lohn erhalten. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, irgendwie genügend Geld zusammenzukratzen, blieben immer noch das Risiko und das Stigma, allein in einem öffentlichen Gefährt zu reisen. Sie hatte das erst ein einziges Mal getan, als sie keine andere Wahl gehabt hatte, und absolut keine Lust, diese Erfahrung zu wiederholen. Und vorausgesetzt, sie hätte das Geld und eine Reisegefährtin – wo sollte sie überhaupt hingehen? Tante Mercer hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass ihre Mutter nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte. Ihr Vater hatte den anderen jeden Kontakt mit ihr verboten.
Sie erinnerte sich noch gut an die spitzen Bemerkungen ihrer Tante, als wenige Monate nach ihrer Ankunft in Edinburgh die Nachricht vom Tod ihres Vaters gekommen war.
»Du weißt, dass sie dir die Schuld an seinem Tod geben, nicht wahr? Das tun sie nämlich. Nicht nur an dem Schlaganfall, sondern auch an der schweren Erkältung, die er sich zuzog, als er – vergebens – versucht hat, euch in jener Nacht noch einzuholen. Wenn du glaubst, deine Mutter oder deine Schwestern nehmen dich jemals wieder auf, irrst du dich.«
Das zu glauben, war Claire nicht schwergefallen. Auch Sarah, die ihr altersmäßig am nächsten stand und ihre Lieblingsschwester war, würde sie wohl kaum wieder aufnehmen. Sie und Sarah hatten sich im Haus ihrer Familie in May Hill auf Finderlay ein Zimmer geteilt, und Sarah hatte entsetzt und voller Angst zugesehen, wie Claire in jener Nacht eilig einen Koffer gepackt hatte. Sie hatte sie angefleht, ihr Vorhaben aufzugeben. Wie oft hatte Claire seither bereut, dass sie Sarah gebeten hatte, niemandem etwas zu sagen, bis sie in sicherer Entfernung war.
Auch jetzt wieder stiegen Scham und Reue in ihr auf, als sie an jene Ereignisse zurückdachte, und legten sich auf sie wie ein Mühlstein, der sie zu Boden drückte, sodass sie sich kaum bewegen konnte und kaum noch Luft bekam. Also blieb sie, wo sie war … und wartete.
Claire wachte mitten in der Nacht auf. Irgendein Geräusch hatte sie geweckt. Einen Moment lag sie einfach da und lauschte aufmerksam. Nichts. Trotzdem war da irgendetwas, das sie aus dem warmen Bett trieb. Sie schlüpfte in die Hausschuhe und warf einen Morgenmantel über, dann öffnete sie leise die Tür.
In der ersten Zeit nach Claires Ankunft hatte das Quietschen, mit dem ihre Tür sich öffnete – wenn sie sich ein Glas Wasser holen oder den Abort aufsuchen wollte –, unweigerlich Tante Mercer geweckt, die denn auch jedes Mal sofort erschien, weil sie überzeugt war, dass Claire sich zu einem Mann hinausschleichen wollte. Sie hielt ihr »leichtfertiges Verhalten« für eine Gewohnheit, nicht für einen einmaligen Fehler. Doch diesmal blieb alles still.
Claire schlich auf Zehenspitzen zum Zimmer ihrer Tante. Die Tür stand offen. Sie schob sie vorsichtig noch ein Stückchen weiter auf. Im Zimmer saß die Krankenschwester, die der Arzt geschickt hatte, zusammengesunken in einem Stuhl und schnarchte selig. Die zerbrechliche Gestalt im Bett jedoch wirkte erregt, ihre geäderten, knotigen Hände zupften unruhig an der Bettdecke. Claire zog sich einen zweiten Stuhl an die andere Bettseite und nahm eine Hand ihrer Tante.
»Schhh. Ganz ruhig.«
Die Augen mit den schweren Lidern öffneten sich zu schmalen Schlitzen. Die Frau schien sich zuerst orientieren zu müssen. Dann erkannte sie sie.
»C–Claire.«
»Ich bin da. Kann ich dir etwas holen? Wasser?«
Ein Zögern, dann ein gemurmeltes: »Verzeih mir.«
»Es ist alles gut.«
Ihre Tante schüttelte beinahe unmerklich mit dem Kopf. »Ich hätte freundlicher sein müssen.« Ihre Augen schlossen sich wieder. Sie tat einen zittrigen Atemzug, dann fuhr sie fort: »Die Wünsche deines Vaters …«
»Ich weiß. Denk nicht mehr daran.«
Tante Mercer mochte anfangs kalt und überkritisch gewesen sein, doch mit der Zeit hatte sie sich für Claire erwärmt – bis zu einem gewissen Grad wenigstens. Doch bis jetzt hatte sie sich noch nie entschuldigt. Als Claire sah, wie sehr die alte Frau litt, wurde ihr Herz weich. Sie sagte: »Du warst freundlich zu mir – auf deine Weise. Du hast mich aufgenommen, als ich vor deiner Tür stand. Du hast mir Obdach gegeben, mich gekleidet, mir zu essen gegeben, mich in die Kirche mitgenommen …«
»In die Kerk«, warf die Sterbende ein. In manchen Dingen hielt sie eisern an den lokalen Bezeichnungen fest. Claire verbiss sich ein Lächeln. Sie korrigierte sie sogar jetzt noch.
»Wenn dich deine Sünde belastet, bitte Gott, dir zu vergeben.« Trotz des harten Knotens in ihrem Hals sagte Claire: »Ich vergebe dir auch.«
Claire blieb den Rest der Nacht am Bett ihrer Tante sitzen. Als die Müdigkeit sie überwältigte, beugte sie sich auf dem Stuhl vor und legte Kopf und Arme auf das Bett. So saß sie bis zur Morgendämmerung, als die Schwester sie mit einer sanften Berührung an der Schulter weckte. »Sie ist gegangen, Miss.«
Claire richtete sich auf und blickte hinunter auf Tante Mercers still daliegende Gestalt. Sie sah in das wachsbleiche Gesicht. »Möge Gott ihrer Seele Frieden schenken«, flüsterte sie traurig. Trotz der Strenge ihrer Tante hatte Claire ihr Bestes getan, ihr ein Trost und eine Hilfe zu sein, und jetzt war sie traurig, dass sie gestorben war. Campbell ließ den Arzt rufen, der den Tod bestätigen sollte, die Anwälte wurden informiert, und der Bestatter begann mit den Vorbereitungen. Claire selbst hielt die Uhren an und verhängte die Spiegel im Haus.
Nach schottischer Tradition wurde der Leichnam ihrer Tante einige Tage lang aufgebahrt. Claire, die Zofe und die Frauen aus Tante Mercers Gemeinde hielten abwechselnd Totenwache an ihrem Sarg. Ein paar Leute schauten herein, um Abschied von ihr zu nehmen. Der Geistliche. Mehrere Kirchenmitglieder. Vorstände und Matronen der verschiedenen Wohlfahrtseinrichtungen, die sie unterstützt hatte. Der Apotheker und ein paar Händler. Alle bekamen, wenn sie das Haus wieder verließen, ein Tütchen mit Keksen, die speziell zu Beerdigungen gebacken wurden.
Als die Beerdigung vorüber war, kam der Anwalt ins Haus. Er richtete sich im Morgenzimmer eine Art Büro ein und empfing dann jeden einzelnen Dienstboten. Die meisten hatten den Tod ihrer Arbeitgeberin relativ ungerührt zur Kenntnis genommen, nur Mary und Campbell waren sichtlich betrübt. Claire konnte verstehen, warum Campbell, der seiner Herrin viele Jahre gedient hatte, trauerte, zumal er aufgrund seines fortgeschrittenen Alters sicherlich Schwierigkeiten haben würde, eine neue Anstellung zu finden. Doch Mary war noch nicht lange im Haus, sie war jung und konnte mit Sicherheit ohne Weiteres ein neues Dienstverhältnis eingehen. Warum also schien sie Tante Mercers Tod so schwerzunehmen? Dann war Claire selbst an der Reihe. Nervös betrat sie das Morgenzimmer.
»Mr Dumfries.«
Der Anwalt blickte von seinen Papieren auf. »Miss Summers. Setzen Sie sich doch.«
Sie nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch Platz und faltete die Hände im Schoß.
Er begann: »Der Letzte Wille Ihrer Tante wird vorläufig noch nicht verlesen und in Kraft gesetzt werden, weil zuvor noch einige Details zu klären sind. Es gibt allerdings zwei kleinere Angelegenheiten, die ich mit Ihnen besprechen muss.«
»Wird das Haus verkauft werden?«, fragte Claire und überlegte dabei, wie lange sie wohl noch hier wohnen konnte.
»Wahrscheinlich. Allerdings nicht sofort. Zunächst muss das Testament vom Kommissionsgericht bestätigt werden, die Dokumente der Erbengemeinschaft müssen ausgefüllt werden und dergleichen mehr. Ich fürchte, ich kann Ihnen im Moment keine genauen Angaben machen. Ihre Tante hat lediglich angeordnet, dass das weitere Schicksal der Dienstboten geklärt werden soll. Sie wollte nicht, dass, mit ihren eigenen Worten, ›müßige Diener, die nicht mehr benötigt werden, weiter ihren Lohn erhalten‹.« Das klang ganz nach Agnes Mercer.
Er fuhr fort: »Deshalb werden alle bis auf die Zofe und Mr Campbell sofort entlassen. Erstere wird noch bleiben und die persönlichen Gegenstände ordnen, damit sie an Wohltätigkeitseinrichtungen gespendet werden können, und Mr Campbell wird das Haus hüten, bis ein neuer Besitzer andere Vorkehrungen trifft.«
»Wann muss ich das Haus verlassen?«
»Ende der Woche.«
Claire keuchte auf. »So schnell!«
»Ich fürchte, ja. Wissen Sie schon, wohin Sie gehen werden?«
Claire schüttelte den Kopf.
»Werden Sie nach Hause zurückkehren?«
»Ich habe kein anderes Zuhause.«
»Wenn ich mich recht erinnere, lebt Ihre Familie in Gloucestershire.«
Sie schüttelte erneut den Kopf. »Das war einmal. Das Haus fiel nach Vaters Tod an seinen Erben, deshalb mussten wir umziehen.« Das wusste sie aus dem einzigen Brief von Emily, den sie hatte lesen dürfen.
Der freundliche ältere Herr sah sie mitfühlend an. »Das tut mir sehr leid.«
Claire schlang krampfhaft ihre Hände ineinander und versuchte, das Thema zu wechseln, bevor ihre Selbstbeherrschung zusammenbrach und sie anfing zu weinen. »Sie erwähnten, dass Sie ein paar Dinge mit mir besprechen wollen?«
»Aye, zwei kleinere Punkte. Ihre Tante wollte, dass ich Ihnen das hier gebe, bevor Sie das Haus verlassen. Ein kleines Andenken.« Er öffnete einen Umschlag und schüttelte eine zierliche Goldkette mit einem Kreuzanhänger daran heraus. Die Halskette ihrer Tante.
Sie war überrascht. »Wie – unerwartet.« Das Kreuz war mit Verzierungen versehen. In der Mitte befand sich ein kleiner tiefroter Rubin, ein Symbol für das Blut Christi, das am Kreuz vergossen wurde. Ihr fiel ein, dass Tante Mercer gesagt hatte: »Allein das Kreuz macht die Sünder annehmbar für Gott.« War die Kette ein Geschenk oder eine letzte Erinnerung an Claires Sünde?
»Außerdem«, fuhr der Anwalt fort, »wies sie mich an, Ihnen den Lohn auszuzahlen, den sie Ihnen als ihre Gesellschafterin schuldet. Fünfundzwanzig Pfund im Jahr, also fünfzig für zwei Jahre.«
»Aber …!« Claire unterbrach sich gerade noch rechtzeitig, bevor der Einwand heraus war. Ihre Tante hatte gesagt, sie sei bereits angemessen entschädigt worden, doch Claire brauchte das Geld und wollte dem Mann keinen Grund geben, seine Absichten zu ändern.
Bei ihrem Ausruf blickte er stirnrunzelnd auf. »Ist die Summe geringer, als Sie erwartet haben? Wenn es Ihnen hilft, kann ich sie um die Zinsen auf den Teil erhöhen, der Ihnen im letzten Jahr nicht gezahlt wurde.« Er nahm ein paar Banknoten und einige Münzen aus einer Geldschatulle und hielt sie ihr hin. Nach kurzem Zögern streckte sie die Hand danach aus. »Danke, Mr Dumfries.«
Es waren etwas über fünfzig Pfund. Damit konnte sie sich ein kleines Zimmer in der Stadt nehmen und auch eine gewisse Zeit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Doch wenn das Geld ausgegeben war, wäre sie ganz allein in Schottland gestrandet. Wie sollte sie je wieder Kontakt zu ihrer Familie aufnehmen, wenn sie so weit von ihr entfernt lebte? Ganz tief in ihrem Inneren sehnte Claire sich danach, wieder mit ihrer Mutter und ihren Schwestern vereint zu sein. Doch sie ging nicht davon aus, dass sie zu Hause willkommen war – zumal dieses Zuhause nicht mehr Finderlay, sondern Sea View war. Was sollte sie tun? Wo konnte sie hingehen?
Als Claire aufstand, fragte Mr Dumfries: »Was soll ich sagen, wenn jemand nach Ihnen fragt?«
Wer sollte schon fragen?, dachte Claire. Laut sagte sie: »Ich kann Ihnen leider nicht sagen, was ich selbst noch nicht weiß.«
Er gab ihr seine Karte. »Ich verstehe. Bitte geben Sie mir Ihre Anschrift, sobald Sie sich irgendwo eingerichtet haben. Für alle Fälle.«
»Natürlich. Das mache ich.«
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Gesucht
Eine achtbare Frau als Teilhaberin in einer gut eingeführten Pension. Sie sollte zwischen 50 und 100 Pfund als Einlage aufbringen können (oder auch mehr …). Briefe (portofrei) an A. B. Boarding House werden umgehend sorgfältig geprüft.
Anzeige, Saunders's News-Letter
Sarah, die gehört hatte, dass die Vordertür geöffnet wurde, steckte den Kopf aus der zum Büro umfunktionierten Bibliothek. Sie sah, wie das frisch vermählte Paar, James und Emily, in der Halle stehen blieb, James seinen Hut an einen Haken hängte und Emily in die Arme nahm, um sie zu küssen. Behutsam schloss sie die Tür wieder und ging zurück an den Schreibtisch. Einen Moment später schwebte Emily mit verrutschter Haube herein und hielt die Tagespost in der Hand.
Sarah sah, dass sie die Stirn gerunzelt hatte, und fragte: »Was ist denn?«
»Ein Brief für Mama aus Edinburgh. Ich kenne die Handschrift nicht.« Sie gab ihr das Schreiben.
Sarah drehte es um und las den Absender über dem Siegel:
Messrs Dombey & Dumfries, Edinburgh
»Das sind Anwälte«, erklärte Sarah und stand auf. »Bringen wir ihr den Brief.«
Sie fanden ihre Mutter in dem Garten neben dem Haus, wo sie ein Beet mit Iris und Lilien von Unkraut befreite. Als sie ihre beiden Töchter auf sich zulaufen sah, erhob sie sich von dem niedrigen Kniebänkchen.
»Ein Brief für dich, Mama!« Sarah schwenkte das Schreiben wie eine Flagge, Emily war dicht hinter ihr und presste eine Hand auf die Brust.
»Du liebe Güte! Warum seid ihr denn so aufgeregt?«
»Aus Edinburgh«, rief Emily.
Als Mama daraufhin die Stirn runzelte, fügte Sarah rasch hinzu: »Von Anwälten, glauben wir.«
»Ah.« Mama zog ihre Gartenhandschuhe aus, nahm den Brief, brach das Siegel und entfaltete das Schreiben. Ihr Gesichtsausdruck war ernst.
»Sie ist gestorben.«
Sarahs blieb das Herz stehen. »Was?«
»Tante Mercer.«
Sarah fasste sich an die Brust. »Oh. Natürlich. Du hast mich vielleicht erschreckt!«
»Wir erben nichts – was mich nicht überrascht. Hier, lest selbst.«
Sarah las den Brief als Erste.
Dear Madam,
als Anwalt von Agnes Mercer, der Tante Ihres verstorbenen Mannes, ist es meine traurige Pflicht, Sie darüber in Kenntnis zu setzen, dass sie an das Ende ihres irdischen Lebens gekommen ist und mich damit beauftragt hat, ihre Angelegenheiten zu ordnen. In ihrem ursprünglichen Testament hatte sie, wie Ihnen vielleicht bekannt war, Ihren Gatten als Haupterben eingesetzt. Nach seinem Tod hat sie dieses Testament jedoch geändert, und mir obliegt es nun, Ihnen mitzuteilen, dass Sie, seine Ehefrau, nichts erben werden. Sie hat Ihnen allerdings eine kleine Zuwendung gemacht und mich beauftragt, Ihnen einen Band von Forcyces Predigten zu schicken, der, wie sie meint, äußerst lehrreich für Ihre jüngeren Töchter sein wird. Das Buch wird Sie mit gesonderter Post erreichen.
Hochachtungsvoll
Robert Dumfries
Messrs Dombey & Dumfries
Nr. 19 Thistle Street
Edinburgh
Emily, die neben Sarah stand und versucht hatte mitzulesen, fragte: »Erwähnt sie Cla…«, unterbrach sich jedoch nach einem Blick auf ihre Mutter und formulierte ihre Frage um: »Und ihre Gesellschafterin? Was wird aus ihr?«
»Nichts.« Sarah gab ihr den Brief.
Emily las ihn, schüttelte den Kopf und blickte auf. »Mama«, fragte sie fast flehend, »ich weiß, du hast es Papa versprochen – aber …?«
»Ganz genau. Das habe ich. Was soll ich also tun?«
Emily sagte: »Wir könnten versuchen, ihr noch einmal zu schreiben, jetzt wo …«
»Noch einmal?«, fragte Mama misstrauisch.
»Ja, Mama«, antwortete Emily freundlich, aber fest. »Wie ich schon sagte, ich habe Papa kein solches Versprechen gegeben. Aber unsere Briefe wurden nicht beantwortet, und inzwischen frage ich mich, ob Tante Mercer sie überhaupt an Claire weitergegeben hat. Jetzt, wo die Frau tot ist, könnte ein Brief, den wir ihr schicken, sie vielleicht tatsächlich erreichen.«
Sarah fügte hinzu: »Vorausgesetzt, sie wohnt noch in Tante Mercers Haus. Es wurde doch wohl noch nicht verkauft, oder?«
»Das ist unwahrscheinlich«, gab Mama zu.
Emily sagte: »Viola und Jack sind auf dem Weg nach Edinburgh und wollten Tante Mercer eigentlich besuchen, also …«
»Warum?«, fragte Mama.
»Um sich nach Claire zu erkundigen. Um ihr zu sagen, dass wir sie lieben. Ich hoffe, sie ist noch dort, wenn sie ankommen.«
»Dein Vater hätte das nicht gutgeheißen.«
Emily runzelte die Stirn. »Ich bitte dich, Mama. Ist Claire denn nicht gestraft genug?«
»Emily …«, warnte Sarah.
»Es ging nicht um Strafe«, antwortete Mama mit erhobener Stimme. »Jedenfalls nicht für mich. Es ging darum, euch andere zu schützen.«
»Wir wollen uns jetzt nicht darüber streiten«, sagte Sarah. »Entscheiden wir lieber, was wir tun.«
»Es wird noch ein Weilchen dauern, bis Viola und James in Edinburgh sind. Ein Brief könnte dank der Royal Mail schneller dort sein.«
»Was soll ein Brief schon ausrichten?«, fragte Sarah. »Claire braucht wahrscheinlich mehr als einen Brief. Bestimmt braucht sie ganz praktische Hilfe, sie muss doch irgendwo wohnen. Und ein bisschen Geld braucht sie auch.«
»Wir müssen etwas unternehmen«, beharrte Emily. »Ich werde Claire schreiben und hoffen, dass der Brief sie auf dem einen oder anderen Weg erreicht. Sarah, könntest du vielleicht dem Anwalt schreiben? Falls Claire schon ausgezogen ist, hat er vielleicht ihre Adresse.«
Emily drehte sich mit erwartungsvoll hochgezogenen Brauen zu ihr um. »Gern. Ich schreibe Mr Dumfries und frage ihn. Es sei denn … hast du etwas dagegen, Mama?«
Ihre Mutter stieß einen schweren Seufzer aus. »Ich glaube nicht. Aber nur, um sicher zu sein, dass es ihr gut geht.«
Claire begann, ihre Habseligkeiten zusammenzusuchen. Sie wollte sich für ein paar Tage ein günstiges Zimmer suchen, bis sie wusste, wie es weitergehen sollte.
Vor zwei Jahren hatte sie ihr Heim auf Bitten von Lord Bertram mit nur einer einzigen Tasche verlassen. Er hatte gemeint, wenn sie um Mitternacht einen schweren Koffer von Finderlay fortschleppte, würde sie mit Sicherheit die Aufmerksamkeit eines Dienstboten erregen. Wie hastig und unbedacht sie damals gepackt hatte! Aber immerhin hatte sie sich die Zeit genommen, das Ballkleid, das sie an ihrem letzten Abend auf der Hausparty getragen hatte, gegen ein dunkelblaues Reisekleid zu tauschen, in dem sie in der Dunkelheit nicht auffiel. Darüber hinaus hatte sie ein Nachthemd, einen Morgenmantel, Pantöffelchen und ein Abendkleid eingepackt (weil sie überzeugt war, dass sie und ihr Ehemann viele romantische Dinner-Abende zusammen verbringen würden), dazu Strümpfe, eine Haarbürste und eine Zahnbürste.
Bei ihrer Ankunft in Edinburgh hatte ihre Großtante ihre Garderobe begutachtet, das tief ausgeschnittene Abendkleid aus feinem Musselin sofort für skandalös erklärt und darauf bestanden, dass Claire es einer armen Näherin überließ, die es zu zwei Überwürfen und vielleicht sogar noch einem Unterrock umarbeiten sollte. Dann beauftragte sie ebendiese Schneiderin, eines ihrer eigenen grauen Tageskleider für Claire abzuändern, komplettiert mit einem schlichten Schultertuch aus Leinen, das es noch sittsamer aussehen ließ. Als später dann die Nachricht kam, dass Claires Vater gestorben war, bestellte sie ein schwarzes Kleid für sie, bescheiden und der Trauerzeit angemessen für Nachmittagsbesuche oder Gottesdienste. Und als es später im Jahr kalt wurde, hatte sie ihr einen Kapuzenmantel und ein paar feste Halbstiefel besorgt.
Seit dem Tod ihrer Tante hatte Claire abwechselnd die schwarzen und grauen Kleider getragen, und nun sehnte sie sich allmählich verzweifelt nach etwas anderem. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, keines von den langweiligen, praktischen Kleidungsstücken, die ihre Tante ihr geschenkt hatte, überhaupt mitzunehmen, und der Realität, nämlich dass es töricht wäre, keine warmen Kleider einzupacken. Der Frühling in Schottland brachte häufig noch kühle, regnerische Tage, und wer wusste, wo sie sein würde, wenn es wieder Herbst und Winter wurde?
