Eingeschneit mit einem Mörder - Molly Thynne - E-Book

Eingeschneit mit einem Mörder E-Book

Molly Thynne

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Beschreibung

Der junge Bestsellerautor Angus Stuart ist auf dem Weg an die südenglische Küste, wo er seinen wohlverdienten Weihnachtsurlaub verbringen möchte. Doch ein Wintereinbruch macht die Straßen unpassierbar, und Angus quartiert sich notgedrungen in einem Dorfgasthaus ein. Bald hat sich ein illustres Grüppchen gestrandeter Reisender dort versammelt – und es schneit immer weiter. Zunächst ist die Bereitschaft groß, das Beste aus der Situation zu machen, die Reisenden freunden sich ungeachtet aller gesellschaftlichen Unterschiede miteinander an. Aber dann werden kostbare Juwelen gestohlen – und der aufdringliche, trinkfreudige Major Carew liegt ermordet in seinem Zimmer. Angesichts dieses Doppelverbrechens ist der einzige Polizist des eingeschneiten Dorfes überfordert, und unter den Gästen wächst die Angst vor dem nächsten Mord. Also nehmen der prominente Schachexperte Dr Constantine und Angus mit einem weiteren Gast die Ermittlungen selbst in die Hand. Eine ebenso spannende wie aberwitzige Verbrecherjagd beginnt.

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Seitenzahl: 422

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Molly Thynne

Eingeschneit mit einem Mörder

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Holger Hanowell

Alibi

1. Kapitel

Der Schneefall hatte in der zweiten Dezemberwoche eingesetzt. Er wurde mit Freude von allen Kindern im Land begrüßt; auch von der Presse, die bereits die abgedroschenen Artikel ausgeschöpft hatte, die sich aus dem Novembernebel gewinnen ließen, und nicht recht wusste, wie sie die Lücke zwischen »Kollision im Kanal« und »Weihnachtseinkäufe« füllen sollte, und von jenen eingefleischten Sentimentalisten, denen es gleichgültig ist, wie bitterkalt das Wetter ist, solange es »der Jahreszeit entspricht«.

Vorhergesagt war eine weiße Weihnacht. Wintersport-Enthusiasten kramten ihre Skier aus den Dachkammern, wo sie zwölf Monate im Verborgenen gelagert hatten, und weniger glückliche Leute, die nie eines Schweizer Bergs ansichtig geworden waren, verbrachten fröhliche Stunden damit, Kufen an Seifenkisten zu montieren, wobei ihnen pessimistisch bewusst war, dass der Schnee sich womöglich jeden Augenblick in Schneeregen verwandelte und die schönen, noch unberührten Flächen aus jungfräulichem Weiß zu schwarzem Matsch werden könnten. Doch zur Abwechslung sah es ganz danach aus, als würden sie auf angenehme Weise enttäuscht. Denn Tag um Tag erwachten sie, um festzustellen, dass die Schneeflocken langsam an den Fenstern vorbeiwirbelten; und Tag um Tag türmten sich die Schneewehen höher und höher an den Landstraßen auf, bis selbst die Kinder des Schneeballwerfens überdrüssig wurden und ihre Frostbeulen einer genaueren Betrachtung unterzogen, und die erwachsene Bevölkerung des Landes das »der Jahreszeit entsprechende Wetter« inzwischen eher als einen schlechten Scherz auffasste.

Und dann ging es über einen Scherz hinaus. Die Bedingungen erreichten einen Punkt, an dem es nicht länger lustig war, sondern nur noch lästig und ärgerlich. Die Post kam verspätet an; morgens war keine Milch da; Rinnsteine und Abflüsse waren abends verstopft, wenn es zu dunkel war, um dafür zu sorgen, dass sie gereinigt wurden; und selbst die Eingefleischtesten unter den Sentimentalisten fingen zu grummeln an.

Und nach wie vor fiel der Schnee. Doch unweigerlich behauptete sich der träge, aber ununterdrückbare Sinn der Engländer für Humor, die Absurdität der Situation beflügelte ihre Phantasie, und die ganze Sache wurde erneut ein Scherz. Fünf Tage vor Weihnachten sah es danach aus, als wären die Straßen derart unpassierbar, dass es ungewiss blieb, ob die Urlauber ihre Reiseziele erreichen würden, während die Stechpalmenzweige und Truthähne, zur Ergötzung derjenigen bestimmt, die sich klugerweise dafür entschieden hatten zu Hause zu bleiben, London offenbar überhaupt nicht mehr erreichen würden. Dennoch war der Transport, auch wenn er sich als schwierig gestaltete, noch nicht ganz unmöglich geworden, und das »über Weihnachten nicht zu Hause sein« hatte lediglich das Ausmaß eines gigantischen Spiels angenommen, bei dem es der Möchtegern-Urlauber frohgemut mit der Natur aufnahm und letzten Endes meist den Sieg davontrug.

Es war in dieser Geisteshaltung, dass Angus Stuart sich auf den Weg machte, Weihnachten in Redsands zu verbringen. Tatsächlich hätte es mehr als eines Schneefalls bedurft, um ihn in Verlegenheit zu bringen, denn er hatte seit Kurzem einen Zustand heiterer Zufriedenheit erlangt, der ihm in diesem Leben wahrscheinlich nie wieder vergönnt sein würde. Die Liebe wurde ihm womöglich noch zuteil, vielleicht auch Ruhm, aber nur einmal vermag ein Mann in der vollen Flut seiner Jugend und Kraft vom Erfolg zu kosten; nur einmal, nach einer Zeitspanne schmählicher Armut, vermag er zu verfolgen, wie sein Kontostand in nur wenigen Monaten in einem Maße anschwillt, von dem er nie zu träumen gewagt hätte; nur einmal – und ist man erst dreiundzwanzig, dürfte das wohl die größte Freude überhaupt sein – vermag er sich gegenüber missbilligenden Älteren zu beweisen.

Kein Wunder also, dass Stuart an jenem Morgen ein wenig entrückt war, als er trotz der unheilvollen Auflistung der unpassierbaren Straßen, die am Abend zuvor aus seinem (brandneuen) Lautsprecher gekommen war, ins Auto stieg, das erst seit einem Monat ihm gehörte, und sich auf den Weg zu dem teuersten Vergnügungs-Resort auf der Landkarte Englands machte. Ob es ihm gelingen sollte, es zu erreichen, oder nicht, war für ihn insgesamt nicht von Bedeutung. Vor weniger als einem Jahr hätte er seine Ausgaben bis auf den letzten Heller einteilen müssen, und jede Hürde auf seiner Fahrt, sofern dadurch zusätzliche Kosten einer Übernachtung anfielen, hätte seinen Weihnachtsurlaub entsprechend verkürzt. Jetzt indes machte er sich zum ersten Mal die Macht des Geldes bewusst. Er könnte absteigen, wo er nur wollte, ganz gleich, wie teuer das Hotel war, und selbst wenn er das Auto unterwegs zu Schrott fahren sollte, wäre er, finanziell gesehen, diesem Desaster gewachsen. Denn mit einer Plötzlichkeit, die ihm selbst jetzt noch den Atem verschlug, war er der Glücklichste aller Sterblichen geworden – der Autor eines Bestsellers.

Drei Jahre zuvor hatte er einen Job hingeworfen, der aller Wahrscheinlichkeit nach in eine geschäftliche Partnerschaft gemündet hätte – und das hatte er trotz der scharfen Missbilligung eines cholerisch veranlagten Vaters getan, trotz der Einwände einer Mutter, deren Fähigkeit, ihre Tränen einzusetzen, eine Waffe gewesen war, die sie bis dahin nie im Stich gelassen hatte, trotz der Einmischung zweier Tanten – die eine bedrückt, die andere beißend – und eines abscheulich ausgeglichenen und fähigen älteren Bruders. Nachdem er als Entschuldigung für diesen Akt schamloser Torheit und Undankbarkeit erklärt hatte, dass sein erster Roman bereits in den Händen eines Verlegers sei und dass er beabsichtige, ein Buchautor zu werden, hatte sich eine Szene abgespielt, die er nach wie vor vergebens zu vergessen suchte.

Sechs Stunden später war er in London, und nur zwanzig Pfund und die fraglichen Tantiemen eines noch nicht veröffentlichten Romans trennten ihn vom Hungertod. Zwei Jahre lang hatte er seinen Lebensunterhalt aus einer blanken Schale gekratzt, die er in seiner Unschuld einstmals unter dem Namen Kunst verherrlicht hatte; aber in den wenigen Stunden, die er eifrig der Routinearbeit abgezwackt hatte, die er nicht abzulehnen wagte, war es ihm gelungen, zwei weitere Romane hervorzubringen, und mit dem zweiten hatte sich sein Schicksal gewendet. Wie in einem Traum hatte er verfolgt, wie sich die Auflagen vervielfachten; er hatte die Filmrechte für eine Summe verkauft, die ihm damals unglaublich vorgekommen war; hatte mit Verlegern verhandelt, die ihm wenige Monate zuvor nur anhand der geringfügigen Abweichungen im Wortlaut ihrer gedruckten Ablehnungsbescheide bekannt gewesen waren; und schließlich, immer noch wie benommen von der Großartigkeit seines eigenen Erfolges, hatte er sich dabei ertappt, wie er bei der Premiere der Bühnenfassung seines Buches über das Rampenlicht hinweg dümmlich blinzelnd ins begeisterte Publikum blickte.

Und jetzt war er unterwegs nach Redsands, eine Unternehmung, bei der es sich, wie er sich bewusst machte, bloß um eine weitere Manifestierung jenes leichten Rauschs handelte, unter dem er seit Kurzem litt. Er hatte mit seinen Leuten nie gebrochen, obwohl er es während der mageren Jahre vermieden hatte, sie zu besuchen, und als seine Mutter ihm geschrieben und es als selbstverständlich betrachtet hatte, er werde das verspätete Angebot seines Vaters akzeptieren, Weihnachten doch zu Hause zu verbringen, vermochte er kaum ein Gefühl des Grolls zu unterbinden. Eitelkeit hatte nie zu seinen Unzulänglichkeiten gehört, aber er war Mensch genug, um zu spüren, dass die Einladung ein wenig zu rasch auf den Fersen seines Erfolges gefolgt war. Zweifellos handelte es sich um eine unbewusste Reaktion, die ihn dazu veranlasst hatte, sich für Redsands zu entscheiden – das neueste, exklusivste und teuerste Resort an der Küste – als Alternative zu dem gemästeten Kalb daheim. In seiner gegenwärtigen Hochstimmung nahm er nicht wahr, dass er von Natur aus schüchtern war und dazu neigte, sich in Gegenwart von Fremden unwohl zu fühlen. Und unter Fremden würde er sich gewiss wiederfinden, denn er hatte dort nicht nur keine Bekannten, sondern hatte sich auch zu keinem Zeitpunkt seines Lebens mit Leuten abgegeben, die solche Orte wie selbstverständlich aufsuchen.

Erst als seine Gedanken sich dem Mittagessen zuwendeten, ging ihm auf, dass er beinahe drei Stunden gebraucht hatte, um weniger als fünfzig Meilen zurückzulegen. Außerdem schneite es heftiger als zu dem Zeitpunkt, als er aufgebrochen war, und die Straßen wurden zunehmend schlechter. Schon eine Weile hatte sich das Fahren nicht nur als schwierig, sondern auch als gefährlich erwiesen, und zweimal hatte er nur knapp verhindert, mit dem Auto im Graben zu landen. Die Anstrengung und die Kälte hinterließen allmählich ihre Spuren bei ihm, und ihm wurde klar, dass die Straßen nahezu unpassierbar würden, falls der Schnee nicht bald aufhörte.

Inzwischen hatte er beschlossen, beim ersten ordentlichen Gasthof abzusteigen, als er zu der Anhöhe gelangte, die im Verlauf der nächsten Tage dazu bestimmt war, manch einem Wagen, der besser war als seiner, zum Verhängnis zu werden.

Seine Aufmerksamkeit wurde zunächst auf die kleine hilflose Gruppe gelenkt, die am Fuße der Anhöhe zum Stehen gekommen war. Drei der Autos hatten den Anstieg offensichtlich gescheut. Ein Lastwagen, der inzwischen im schneegefüllten Graben festsaß, hatte einen Versuch unternommen, und ein großer Rolls-Royce, der nun quer zur Straße stand, war einem ähnlichen Schicksal offenbar nur deshalb entkommen, weil er rückwärts in den Lieferwagen gefahren war. Eine äußerst betagte Person, einen Sack über den Schultern, beobachtete das Scheitern mit einer gewissen verdrießlichen Genugtuung.

»Sie bleiben besser, wo Sie sind, Sir«, krähte er und stellte sich Stuarts Auto in den Weg, »oder der ist gleich auf Ihnen. Oje, da kommt er auch schon!«

Seine Stimme stieg zu einem jubilierenden Quieken an, und Stuart wurde eines großen Tourenwagens ansichtig, der auf majestätische Weise seinen unaufhaltsamen Weg rückwärts die Anhöhe hinunter fortsetzte und auf sie zusteuerte. Mit jedem Meter gewann er an Schwung, und Stuart, der hastig einen Blick über die Schulter warf, war im Begriff, sich aus der Gefahrenzone zu bringen. Doch der Träger des Sacks schien darauf vorbereitet, mit der Situation fertigzuwerden. Von der Mitte der Straße aus wandte er sich an den Fahrer, dessen besorgte Miene gerade über den Fahrersitz hinweg zu erahnen war. Er gab sein Bestes, das Auto in der Spur zu halten, aber da die Räder blockierten und der Wagen die ganze Zeit über Fahrt aufnahm, während er die steile Anhöhe hinabrutschte, erwies sich dies für ihn als schwieriges Unterfangen.

»In den Graben da lenken, genau vor den Lastwagen, sag ich. Einschlagen, sonst knallt’s ganz bestimmt. Einschlagen, sag ich!«, krähte er lautstark.

Und der Fahrer schlug das Lenkrad ein, da er keine andere Lösung sah. Ein dumpfer Laut erklang, als der Gepäckanhänger auf die Motorhaube des Rolls traf, danach arrangierten sich die beiden Fahrzeuge Seite an Seite im Schnee, und die Anspannung war verflogen.

Der Chauffeur stieg aus und öffnete die Autotür. Nach einer kurzen und offenbar lebhaften Diskussion half er einer alten Dame vorsichtig aus dem Wagen.

Sie war klein und mollig und offenkundig arg mitgenommen. Der Chauffeur, der aussah, als könnte er etwas Hochprozentiges vertragen, war offenbar unschlüssig, was er mit ihr anfangen sollte, jetzt, da er sie hinaus in den Schnee geholt hatte. Sie klammerte sich mit beiden Händen an ihn, wobei sie hilflos in Richtung von Stuart und des alten Bauerntrampels blickte und dabei so aussah, als würde sie jeden Augenblick zu seinen Füßen zusammenbrechen.

Stuart entsann sich der Reiseflasche, die er unmittelbar vor der Abfahrt in seine Tasche gestopft hatte, stieg aus dem Auto und ging hügelaufwärts zu den beiden. Er kam genau in dem Moment an, als sich der Kopf einer weiteren, etwas jüngeren Dame aus der immer noch offenen Tür schob.

»Reiß dich zusammen, Connie!«, sagte die Dame in scharfem Ton. »Bei der Gnade der Vorsehung, so schlecht ist es nicht um uns bestellt. Dafür müssen wir dankbar sein!«

Die erste alte Dame sah Stuart weiterhin hilflos an.

»Wie?«, erkundigte sie sich vage.

»Trompete!«, stieß ihre Gefährtin hervor, mit einer beinahe boshaften Heftigkeit.

Stuart, der das Wort nicht zu Unrecht für einen Begriff hielt, der für gewöhnlich nicht von alten Damen in feiner Gesellschaft verwendet wird, stand erschrocken da, sein Hilfsangebot war ihm auf den Lippen gefroren. Dann fiel sein Blick auf das Füllhorn aus schwarzem Satin, das vom Handgelenk der Dame baumelte, und er begriff. Im selben Moment entwand sich der Chauffeur, der sich der Situation gewachsen zeigte, sanft der Hand, die sich an seine Schulter klammerte, und reichte der Dame das Hörrohr. Wie mechanisch hielt die alte Dame es sich ans Ohr.

»Wie?«, wiederholte sie.

Ihre Gefährtin beugte sich vor.

»Tritt beiseite, Connie, und lass mich aussteigen«, rief sie aus, ihre Stimme war schrill vor unterdrückter Verzweiflung. »Ich kann nichts machen, wenn du da herumstehst!«

»Beiseitetreten? Wohin denn?«, murmelte die Besitzerin des Hörrohrs hilflos.

Stuart trat vor und nahm sie sanft beim Arm. Erschrocken schwenkte die alte Dame das Hörrohr schwungvoll in seine Richtung und traf ihn hart am Mund.

»Wenn Sie mich Ihnen helfen lassen«, rief er kühn in die Öffnung, und seine Augen füllten sich bei dem Schmerz des Aufpralls mit Tränen. »Dann versuchen wir, ein Stück weit von der Tür wegzukommen.«

Sie ließ ihn gewähren, sie ein paar Schritte zu stützen, während die andere Dame gelenkig hinaus in den Schnee stieg und die Situation sofort an sich riss.

»Setz dich hierher«, wies sie sie knapp an und fegte den Schnee vom Trittbrett des Wagens. »Dieser Gentleman hilft dir sicher, und gleich geht es dir wieder gut. Meine Schwester ist ein bisschen mitgenommen«, erklärte sie Stuart, als sie zu zweit dafür sorgten, dass die ältere Dame sich setzen konnte. »Nach einer kurzen Pause ist sie wieder ganz die Alte. Sie ist nicht mehr so jung, und ich muss sagen, das war ein erschreckendes Erlebnis.«

Glücklicherweise hatte der Schneefall fast aufgehört, obwohl in naher Zukunft offensichtlich noch mehr kommen würde.

Stuart bot seine Reiseflasche an.

»Falls sie sich etwas schwach fühlt –«, schlug er ein wenig unbeholfen vor.

»Wirklich sehr nett von Ihnen, wenn ich sie nur dazu überreden könnte, es anzurühren. Connie, dieser Gentleman bietet dir etwas Brandy an«, rief sie in das leicht schwankende Hörrohr. »Nimm einen Schluck – das wird dir guttun.«

»Wie?«

»Einen Schluck Brandy – das wird dir guttun!«, wieder-holte die jüngere Dame.

Dann, verzweifelt –

»Ich glaube, wenn Sie davon einschenken würden, könnte ich sie dazu bringen, davon zu trinken.«

Stuart goss einen ordentlichen Schluck in die metallene Kappe. Selbst wenn ihr das zu Kopfe steigen würde, so würde es sie seiner Ansicht nach nicht noch hilfloser machen.

»Und jetzt trink davon, meine Liebe, und bleib einen Moment ruhig sitzen. Dann wirst du dich besser fühlen«, sagte ihre Schwester halb über sie gebeugt.

Stuart zog sich taktvoll ein wenig zurück und gesellte sich zu dem Chauffeur, der im Augenblick damit beschäftigt war, den Schaden am Heck des Wagens zu begutachten.

»Ich schätze, Sie könnten jetzt auch einen Drink vertragen«, meinte er zur Eröffnung des Gesprächs. »Allerdings müssten Sie direkt aus der Flasche trinken.«

Der Mann nahm das Angebot dankend an.

»Hat mir einen Schreck eingejagt, als er ins Rutschen kam«, räumte er ein. »Mit den beiden alten Damen an Bord und so weiter.«

»Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert«, pflichtete Stuart ihm bei. »Ich werde es trotzdem versuchen. Ich finde es nämlich gar nicht lustig, die ganze Nacht hier auszuharren.«

Der Chauffeur warf einen vielsagenden Blick in Richtung von Stuarts Wagen.

»Mit einem leichten Wagen schaffen Sie es wahrscheinlich«, meinte er. »Ein paar Meter noch, dann hätte ich es über die Kuppe geschafft. Aber wir sind ja noch längst nicht in Redsands. Da kommen noch zwei Hügel, die schlimmer als dieser sind, und ich möchte wetten, dass es da noch kein Auto hinaufgeschafft hat.«

»Eines wäre vielleicht machbar«, fuhr er fort, als er Stuart die Reiseflasche zurückgab, »das Gepäck ist unversehrt, und das kann ich problemlos abladen. Ich werde es wohl hinauf zum Gasthof schleppen müssen, und dann geht’s weiter zu meinem Arbeitgeber.«

»Angestellt, wie?«

»Ganz recht, Sir. Der Boss wollte eigentlich nicht, dass der Wagen rauskommt, als er sah, wie es um die Straßen bestellt war, aber die alten Damen hatten über Weihnachten Zimmer in Redsands genommen und wollten so unbedingt dorthin, dass er letzten Endes nachgegeben hat; aber ich wette, er wird nicht überrascht sein, wenn ich zu ihm durchkomme. Glück für die beiden, dass die alte ›Arche Noah‹ nicht weit entfernt ist.«

»Was ist das? Ein Gasthof?«, erkundigte sich Stuart.

Der Chauffeur nickte. »Wenn Sie oben auf der Anhöhe in die Landstraße einbiegen, kommen Sie dorthin. War früher mal eine dieser Raststätten für Reisekutschen, aber heutzutage sind die überwiegend auf Gentlemen eingestellt, die zur Jagd gehen. Selbst jetzt, so hat mir’s der Wirt erzählt, haben sie noch ein wenig Kundschaft. Meistens Radfahrer und so. Für Autofahrer ist es nicht modern genug, aber vor ein paar Monaten habe ich eine Gruppe gefahren, die da übernachtet hat, und ich hatte nichts daran auszusetzen, wie sie mich behandelt haben.«

»Wie weit ist es denn noch bis dahin? Sieht danach aus, als sollte ich auch dort absteigen, wenn das stimmt, was Sie über die Straße nach Redsands erzählen.«

»Sie können mich beim Wort nehmen, Sir, heute Abend schaffen Sie das nicht mehr. Der Schnee hat zwar aufgehört, aber es sieht ganz danach aus, dass da noch mehr kommt. Der Gasthof ist etwa eine Dreiviertelmeile die Straße hinauf, und man kommt ziemlich schlecht hin, schätze ich. Wie die alten Damen dorthin kommen wollen, weiß ich nicht. Das wird ein harter Fußmarsch, denke ich.«

Stuart warf einen abschätzenden Blick auf das Gepäck. »Wenn ich es die Anhöhe hinaufschaffe, dann nehme ich sie mit«, meinte er. »Ich komme mit dem Zeug schon klar, glaube ich, wenn Sie es bis nach oben schleppen würden. Bis dahin schaue ich mal, ob es einen Versuch wert ist.«

Er kehrte zu den beiden alten Damen zurück. Die ältere hatte sich offenbar erholt, und nun standen sie verloren und vollkommen ratlos da und schauten erbärmlich auf ihren liegen gebliebenen Mietwagen.

»Ihr Chauffeur hat mir erzählt, dass es da einen recht netten Gasthof gibt, gleich hier um die Ecke«, sagte er. »Ich werde versuchen, mit meinem Auto den Hügel zu erklimmen, und wenn das klappt, kann ich Sie mitnehmen. Ich fürchte zwar, dass es mit dem Gepäck ziemlich eng wird, aber immer noch besser als ein Fußmarsch durch diesen Schnee.«

Er wartete, bis sein Vorschlag durch das Hörrohr der älteren der beiden Damen übermittelt wurde, ehe er unter fast tränenfeuchten Dankesbekundungen zu seinem Wagen zurückging.

Sein Vertrauen in sein Auto war gerechtfertigt, und so gelangte er ohne Zwischenfall zur Kuppe der Anhöhe, wo er feststellte, dass die alten Damen ihm beherzt folgten; sie klammerten sich aneinander und stießen abwechselnd atemlose Rufe der Warnung und Ermutigung aus. Der Chauffeur folgte hinterdrein und trug die kleineren Gepäckstücke.

»Dort unten sind ein paar Leute, die zurück nach Rushton fahren«, sagte er. »Die nehmen mich mit, und ich kann zurück zu meinem Arbeitgeber und jemanden losschicken, der das Auto abholt. Von der Arche Noah muss sich jemand auf den Weg machen, um den großen Koffer zu holen.«

»Und wir müssen wohl in diesem Gasthof bleiben, bis er uns abholen kann«, sagte die jüngere der beiden Damen. »Mehr können wir nicht tun, fürchte ich, obwohl es schon ärgerlich ist, dass die ganze Zeit in Redsands unsere Zimmer auf uns warten. Aber was für ein Glück für uns, dass wir auf diesen freundlichen Samariter gestoßen sind«, schloss sie dankbar.

»Ich fühle mit Ihnen«, entgegnete Stuart, der eifrig damit beschäftigt war, Platz für das Gepäck zu schaffen. »Ich habe auch ein Zimmer in Redsands, das mir die Haare vom Kopf frisst. Hoffen wir, dass wir mit etwas Glück noch vor Weihnachten dort ankommen.«

»Wir werden sicher nicht lange in diesem schrecklichen Gasthof bleiben müssen«, wisperte eine belegte Stimme unmittelbar hinter ihm.

Er wandte sich erschrocken um und merkte, dass dies der erste zusammenhängende Satz war, der von der Schwester mit dem Hörrohr gekommen war. Ihr kleines rundliches Gesicht, leicht bläulich und von Kälte gezeichnet, hob sich ihm entgegen, wobei das Hörrohr in einem einladenden Winkel in Richtung seines Munds geneigt war. Er glaubte, noch nie so etwas erbärmlich Hilfloses gesehen zu haben.

»Ich schätze, nicht länger als ein, zwei Nächte«, versicherte er ihr, und seine übliche Schüchternheit war vergessen. »Und wahrscheinlich ist der Gasthof dann doch recht behaglich. Die Dinge sehen gleich ganz anders aus, wenn man sich aufwärmen kann und etwas zu essen bekommen hat, wissen Sie. Wenn Sie sich hier neben das Gepäck zwängen könnten, bringe ich Sie und Ihre Schwester im Nu zu dem Gasthof.«

Er half ihr beim Einsteigen und legte ihr eine Wolldecke um die Schultern. Als er damit fertig war, schaute sie über den Rand der Decke zu ihm auf, mit der vertrauensvollen Zuversicht eines Kindes.

Ihre Schwester war von robusterem Schlag, und während sie neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz nahm, mit einer Behändigkeit, die ihr Alter Lügen strafte, war ihre Zunge ununterbrochen in Bewegung.

»Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen. Ich weiß gar nicht, was aus uns geworden wäre, wenn Sie kein Mitleid mit uns gehabt hätten. Aber das ist ein richtiges Abenteuer, nicht wahr? Und dabei führen wir ein so ruhiges, ereignisloses Leben in Tunbridge Wells, dass es fast schon einer Erleichterung gleichkommt, wenn dann doch einmal etwas Ungewöhnliches geschieht. Meine Schwester sieht das natürlich nicht so, aber das kann man ja auch kaum erwarten, bei ihrer Taubheit und allem. Eine wahre Prüfung für sie –«

Und so plapperte sie in einem fort, bis Stuart sich bei dem Gedanken ertappte, in Redsands – wenn er denn je dort ankäme – hoffentlich nicht feststellen zu müssen, dass die beiden Damen im selben Hotel wie er wohnten.

Er fand die Landstraße und bog ab. Der Schnee war am Vortag geräumt worden, aber wie der Chauffeur gesagt hatte, kam man schlecht voran, und seine Aufmerksamkeit wurde ganz von dem Auto vereinnahmt. Als er imstande war, sich wieder seiner Beifahrerin zuzuwenden, stellte er fest, dass sie sich ihm nun vorstellte.

»Wir sollten uns zumindest bekannt machen, nachdem Sie sich als so freundlich erwiesen haben«, sprach sie mit ihrer hellen kleinen Stimme. »Ich bin Miss Amy Adderley, und meine Schwester ist Miss Adderley. Sollten Sie je nach Tunbridge Wells kommen, so hoffe ich, dass Sie uns einmal besuchen. Was hast du gesagt, Connie, meine Liebe?«

Miss Connies heiseres Flüstern hatte sich hinter ihr kaum bemerkbar machen können. Doch es drang bis zu Stuart, als sie sich vorbeugte und die Stimme mit Mühe erhob.

»Lass ihn in Ruhe fahren, Amy, und red’ nicht so viel!«

Unangenehmes Schweigen folgte, in dessen Verlauf Stuart mit einer Miene übernatürlicher Ernsthaftigkeit nach vorne schaute. Aber Miss Amy Adderley öffnete die Lippen nicht mehr, bis sie nach einer Straßenbiegung in Sichtweite eines verstreut liegenden Dorfes kamen.

»Da gibt es wenigstens ein Postamt«, rief sie aus. »Wir können uns mit jemandem in Verbindung setzen. Wir müssen Agnes ein Telegramm schicken, Connie, und ihr mitteilen, sie soll keine Briefe nachsenden, bis sie von uns hört. Wie ärgerlich, wenn einen die Briefe nicht erreichen, nicht wahr?«

Stuart war mit ihr einer Meinung. »Ich fürchte, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt«, fuhr er schüchtern fort. »Ich heiße Stuart, und es freut mich wirklich sehr, Ihnen zu Diensten sein zu können. Jedenfalls haben wir für heute Nacht ganz sicher ein Dach über dem Kopf. Dort ist schon der Gasthof.«

Das Gebäude stand mit der breiten Seite zur Dorfstraße, beruhigend in seiner weitläufigen Geräumigkeit. Wenn nicht die Hälfte der Zimmer ungenutzt war, sollte es dort mehr Platz als genug für unerwartete Gäste geben. Der flackernde Schein eines aufgeschichteten Feuers erhellte die vorhanglosen Fenster des Schankraums, und ein breiter Torbogen rechts vom Hauptgebäude führte auf einen großen Hof, der, soweit Stuart das beurteilen konnte, ausreichend Platz für ein Dutzend Autos bot. Man konnte sich leicht das rege Treiben ausmalen, das zu jener Zeit geherrscht haben musste, als die alten Postkutschen hier eintrafen. Von der altmodischen Veranda hing ein Wirtshausschild, und Stuart warf einen Blick darauf, als er ein wenig steif aus dem Auto stieg.

»Die Arche Noah«, sagte er und reichte Miss Amy eine helfende Hand. »Klingt ein bisschen vorsintflutlich, aber der Ort hat auch etwas Heiteres.«

Der Wirt kam persönlich heraus, um sie zu begrüßen. Ein hagerer, älterer Mann, dessen Miene die runzlige Schlauheit eines Mannes verriet, der sein ganzes Leben mit Pferden zu tun gehabt hatte. Später sollte Stuart erfahren, dass er der Kutscher der Familie gewesen war, die den meisten Grundbesitz in jener Gegend besaß, und dass sein verstorbener Herr ihm das alte Gasthaus überlassen hatte, in Anerkennung für lange und treue Dienstjahre. Darüber hinaus erfuhr er, dass die Arche Noah doch nicht so rückständig sei, wie es schien. Der Gasthof war bei Jägern sehr bekannt und wäre ohne den starken Schneefall zu dieser Jahreszeit ausgebucht gewesen.

Er könne sie gut unterbringen, versicherte ihnen der Wirt, und werde dafür sorgen, dass in ihren Zimmern ein Feuer brannte, bis sie sich aufgewärmt und das Mittagessen beendet hätten, das im Augenblick im Kaffeezimmer serviert wurde. Er überließ die alten Damen der Obhut eines tüchtig wirkenden Dienstmädchens, während Stuart bei einem Drink an der Bar gute Beziehungen knüpfte.

»Kein Problem, ich kann Ihren Wagen unterstellen«, sagte der Wirt. »Gleich hinter den Stallungen haben wir eine große Scheune, obwohl ich mich immer noch mehr um Pferde kümmere.«

»Es dürfte bisher eine schlechte Saison für Sie gewesen sein, fürchte ich«, sagte Stuart mitfühlend.

»Und es sah ganz danach aus, als würde es noch schlimmer. Aber in allen schlechten Dingen steckt auch etwas Gutes, wie es so schön heißt, und wie’s aussieht, bringt mir der Schnee Kundschaft, anstatt sie fernzuhalten. Wenn wir auch schon Frost hätten, dann wäre der Gasthof jetzt bestimmt leer.«

»Nun, ich hoffe, wir bringen Ihnen Glück«, sagte Stuart freundlich.

Der Wirt lachte.

»Oh, Sie sind wahrlich nicht der Erste, Sir! Dieser Hügel hat den Autofahrern die Furcht vor dem Herrn eingeflößt. Drei sind schon vor Ihnen eingetroffen, und ich schätze, dass vor Einbruch der Dunkelheit noch mehr kommen. Wenn ich die Anzeichen richtig gedeutet habe, soll noch jede Menge Schnee fallen.«

»Wenn das so weitergeht, haben Sie uns noch über Weihnachten hier«, sagte Stuart eher wehmütig.

»Und Sie sind willkommen, was mich betrifft«, lautete die herzliche Antwort des Wirts.

Während er sprach, fiel ein dunkler Schatten auf sein Gesicht, und Stuart, der sich überrascht umschaute, stellte fest, dass mit einem Mal die Dämmerung in dem breiten Raum mit der niedrigen Decke Einzug gehalten hatte. Doch dann, im nächsten Augenblick, war die Düsternis vorbei, da der große Omnibus, der dafür verantwortlich war, nicht mehr das lange Fenster blockierte und bis vor den Eingang des Gasthofs fuhr.

Der Wirt eilte zur Tür. »Hab ich’s nicht gesagt, Sir?«, rief er über die Schulter. »Da kommen noch welche! Diesmal ist’s wohl einer der Busse. Wir werden von allem etwas bekommen, wenn das so weitergeht.«

Mit schamloser Neugier nahm Stuart den letzten Schluck von seinem Drink und folgte dem Wirt in den Vorraum. Und auf dem Weg dorthin ging ihm auf, dass sich die Arche Noah, falls er auf unbestimmte Zeit hier festsäße, mit ihrer unfreiwilligen und heterogenen Besatzung womöglich als ein unterhaltsamerer Ort erwies, um Weihnachten zu verbringen, als das großartige Hotel, das ihn in Redsands erwartete.

2. Kapitel

Stuarts Wohlbefinden steigerte sich beträchtlich, als er die Einrichtung der Arche Noah zum ersten Mal genauer in Augenschein nahm. Bei der Ankunft hatte er sich nur flüchtig umgeschaut und für sich beschlossen, dass der Ort sauber und komfortabel zu sein schien; doch jetzt erkannte er, wie sehr selbst aufeinanderfolgende Generationen von örtlichen Malern und Tapezierern daran gescheitert waren, die Schönheit des Gasthofs zu verunstalten. Der geräumige Eingangsbereich, der von der Haustür bis zum Fuß der Treppe verlief und in eine kleine Lounge verwandelt worden war, war bis auf Schulterhöhe vertäfelt, und die breite Treppe besaß ein Geländer aus Eichenholz, das manch ein Londoner Händler vergebens zu erwerben versucht hatte. Oberhalb der Vertäfelung befand sich natürlich die unvermeidbare abscheuliche viktorianische Tapete, und das Holz an sich war immer wieder in furchtbarem Schokoladenbraun gestrichen worden; doch die Tapete war mit der Zeit verblichen, bis sie so neutral geworden war, dass sie kaum noch auffiel, und nichts vermochte die ausgewogenen Proportionen eines Hauses zu verändern, das zu einer Zeit entstanden war, in der es weniger hastig zuging und viel mehr Platz zur Verfügung stand.

Am Fuß der Treppe stand ein Tisch, auf dem verstreut Zeitungen lagen. Stuart nahm daneben Platz und machte es sich hinter einem mit Eselsohren versehenen Magazin bequem, um die Neuankömmlinge zu beobachten, wobei er leicht amüsiert feststellte, dass er bereits die überlegene Haltung eingenommen hatte, die der etablierte Bewohner gegenüber neuen Gästen an den Tag legt.

Beim Anblick der ersten Person, die die Lounge betrat, kam er zu dem Schluss, dass seine kritische Haltung mehr als gerechtfertigt war. Alles an dem jungen Mann, der mit einem Anflug unsagbarer Gleichgültigkeit durch die Tür schlenderte, stellte eine Beleidigung für denjenigen dar, dem es bislang bei aller Sorgfalt der Welt nie gelungen war, die Falten in seiner Hose oder die Launen seiner Krawatten in den Griff zu bekommen. Denn dieses begnadete Individuum, dessen zurückhaltend gefärbter Filzhut nur ein klein wenig breiter an der Krempe war – der Fries-Mantel hatte eine etwas rauere Textur, der aufgestellte Kragen war ein Stückchen höher als gewöhnlich –, hatte eine besonders anstrengende Fahrt hinter sich, sah jedoch so aus, als wäre er soeben aus einer der Garderoben Hollywoods gekommen. Die bittere Kälte hatte lediglich dafür gesorgt, seinen Gesichtszügen, bei denen selbst Stuart einräumen musste, dass sie in ihrer Regelmäßigkeit makellos geschnitten waren, eine interessante Blässe zu verleihen.

Der nächste Ankömmling bescherte ihm eine deutliche Erleichterung, denn er war genauso unauffällig, wie sein Vorgänger spektakulär gewesen war. Ein schäbig gekleideter junger Mann, den Mantel, der offenkundig zu dünn für die Jahreszeit war, bis oben zugeknöpft. Aus den Falten eines grell gestreiften Schals ragten die Spitze einer nach oben gebogenen Nase, blau vor Kälte, und zwei graue Augen, die, wie Stuart später erfahren sollte, zu einem durchtriebenen Humor fähig waren. Momentan waren sie von einer Sorge getrübt, die Stuart angesichts seiner eigenen unmittelbaren Vergangenheit problemlos zu deuten vermochte. Vermutlich nahm er all seinen Mut zusammen, um nach dem billigsten Zimmer im Gasthof zu fragen, wobei er bestimmt überlegte, wie viel ihn selbst das kosten würde.

Dann trat der dritte und letzte Fahrgast des Omnibusses ein, und Stuarts Interesse an den beiden anderen Passagieren verflüchtigte sich vollkommen. Denn der ältere Herr, der einen Moment lang im Durchgang stehen blieb und mit seinen wachen Augen seine unmittelbare Umgebung taxierte, war mit zwei der feinsten menschlichen Charaktereigenschaften ausgestattet – Charme und Persönlichkeit. Er vermittelte den Eindruck, dass er sich in jeder Gesellschaft, in der er sich bewegen mochte, wohlfühlen und gleichzeitig stets den richtigen Ton treffen würde, ohne auch nur im Mindesten fehl am Platz zu erscheinen. Er war nicht mehr jung, seine Kleidung war gut, aber unauffällig, er wirkte absolut gepflegt, von dem kleinen weißen Spitzbart bis zu den auf Hochglanz polierten breiten schwarzen Schuhen füllte er die Bühne aus, kaum dass er sie betreten hatte. Beim Eintreten hatte er den Hut abgenommen, zum Vorschein gekommen war ein prächtiger Schopf weißen Haars, so dicht und kräftig, dass es beinahe wie eine Bürste abstand, eine wirkungsvolle Kulisse für die wachsamen dunklen Augen und die reine olivenfarbene Haut darunter.

Stuart bemerkte, dass er instinktiv in die Rolle des Wortführers der kleinen Gruppe geschlüpft war, die inzwischen bis in Hörweite des Tischs vorgedrungen war, an dem er saß. Darüber hinaus fiel ihm auf, dass der ältere Herr sich zunächst nach der billigsten Unterkunft erkundigte und erst dann, nachdem der Junge im schäbigen Mantel versorgt war, ein großes Zimmer zur Straße hinaus für sich buchte.

Der Wirt geleitete ihn nach oben. Einige Augenblicke später, auf dem Weg zurück nach unten, blieb er bei Stuarts Tisch stehen.

»Das Mittagessen wird gleich serviert, Sir«, sagte er. »Das Kaffeezimmer ist dort rechts.«

»Sie haben diesmal eine bunte Mischung«, bemerkte Stuart mit einem Lächeln. »Wer ist der alte Gentleman mit dem weißen Haar?«

»Er heißt Constantine. Klingt fremd in meinen Ohren, aber er spricht ganz gut Englisch. Ein sehr angenehmer Gentleman.«

»Constantine!«, wiederholte Stuart. »Den Namen habe ich schon mal irgendwo gehört! Ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe, ob er griechisch ist, aber im Augenblick weiß ich den Zusammenhang nicht mehr.«

Fünf Minuten später überlegte er immer noch, als er das Kaffeezimmer betrat, und erst als er seine Suppe aß, fiel ihm ein, wo er den Namen gesehen hatte. Er griff in seine Tasche und holte die aufwendig gestaltete Broschüre jenes Verbands hervor, der für die wundersame Verwandlung des obskuren kleinen Fischerdorfs Redsands verantwortlich war. Man hatte bei allen Bemühungen gewiss nichts unversucht gelassen, um dem unterschiedlichen Geschmack der Gäste entgegenzukommen. Zu den weniger belanglosen Unterhaltungen, die für die Weihnachtswoche vorgesehen waren, gehörte ein Schachturnier, und unter den Namen der verschiedenen Meister, die man zur Teilnahme hatte bewegen können, war Luke Constantine.

Das Mittagessen hatte schon begonnen, als Stuart am Tisch Platz nahm, und daher hatte er nur wenig Zeit gehabt, die Tischnachbarn in Augenschein zu nehmen. Er steckte gerade sein kleines Buch wieder ein, als der Mann zu seiner Rechten ihn ansprach.

»Wie ich sehe, gehören Sie zu den Glücklichen«, bemerkte er freundlich.

Stuart begriff nicht, was der Mann damit andeuten wollte, und wie immer, wenn er sich im Nachteil wähnte, wurde er sofort auf absurde Weise schüchtern.

»Ich fürchte –«, stammelte er.

»Bestimmt für das Paradies wie all die anderen«, erklärte sein Tischnachbar. »Abgesehen von den beiden Kellnern hier bin ich, glaube ich, der einzige arme Teufel in diesem Raum, der nicht über Weihnachten nach Redsands fährt – oder fuhr, sollte man besser sagen. Als ich Sie hereinkommen sah, hatte ich die Hoffnung, Sie könnten vielleicht ein genauso gewöhnlicher Mensch wie ich sein. Dann blicke ich mich um, und da sind Sie, mit Buch und allem!«

Es lag etwas Entwaffnendes in der Freundlichkeit des Mannes; auch etwas Einnehmendes, und zwar in der leicht wehmütigen Stimme und dem Cockney-Akzent. All das trug dazu bei, dass Stuarts Schüchternheit von ihm abfiel, und im Zuge seiner Antwort fühlte er sich dazu veranlasst, offen zu sprechen.

»Um ehrlich zu sein, das ist mein erster Besuch in Redsands«, sagte er. »Vorher habe ich mir so etwas in der Art nie leisten können, und ich glaube, das wird auch nie wieder so sein. Aber ich wollte einfach schauen, wie es dort ist.«

»Und Sie werden Wucherpreise zahlen, wenn’s so weit ist. Und außerdem kriegen Sie ungefähr das, was Sie auch in Blackpool kriegen, wenn Sie bis nächsten August warten, nur dass man’s Ihnen mit dem goldenen Löffel serviert, wie’s aussieht.«

Stuart lachte. »Im Augenblick sieht es ja wohl eher so aus, dass ich gar nichts bekomme«, meinte er. »Das wird ein sonderbares Weihnachten, wenn wir hier alle feststecken.«

»Sonderbarer für mich als für Sie«, lautete die düstere Antwort seines Tischnachbarn. »Sie passen sich nach ein, zwei Tagen an, aber ich seh’ mich schon allein an der Bar hocken. Haben Sie schon einen Blick auf die Truppe da geworfen?«

Er nickte in Richtung eines kleineren Tischs, der im Erkerfenster mit Blick zur Straße stand. Stuart sah hin und hatte Mühe, ein leises Lachen zu unterdrücken, denn noch nie hatte er eine kleine Gruppe von Leuten gesehen, die unnahbarer wirkte.

An dem einen Tischende entdeckte er die beiden Adderley-Schwestern. Doch inzwischen waren sie von ganz anderer Erscheinung als die bibbernden, hilflosen Damen, die er im Schnee aufgegabelt hatte. Stuart konnte sich nur vorstellen, dass sie wieder in ihre alte Tunbridge-Wells-Manier zurückgefallen waren. Schweigend nahmen die beiden das Mittagessen ein, saßen dabei kerzengerade am Tisch und ließen auf frostige Weise erkennen, dass sie mit den anderen Gästen im Kaffeezimmer nichts zu tun haben wollten. Wäre es ihnen möglich gewesen, sich leise und mit kultivierten Stimmen zu unterhalten, hätten sie es gewiss getan, aber Miss Connies unvermeidbares Hörrohr machte das unmöglich.

Ehe er Zeit hatte, den Blick abzuwenden, sah Miss Amy ihn und deutete eine Verbeugung an, allerdings auf eine derart anmutig-distanzierte Weise, dass er Mühe hatte, die Fassung zu bewahren. Rasch richtete er seine Aufmerksamkeit auf die andere Person am Tisch. Der Mann saß für sich, Miss Connie Adderley genau gegenüber, doch offenbar war er sich nicht bewusst, dass die alte Dame überhaupt existierte. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, dessen Muskulatur sich zu Fett entwickelt hatte, mit einem Stiernacken und einem verbissenen Zug um die Kieferpartie. Er trug eine militärisch anmutende Krawatte, allerdings fiel es schwer, sich die träge, unförmige Gestalt dieses Mannes in Uniform vorzustellen.

»Oben ist noch ’ne viel schlimmere Truppe«, vertraute Stuarts Tischnachbar ihm genüsslich an. »Aber die sind so verdammt stolz, dass die ihre Mahlzeiten in ihrem eigenen Salon einnehmen. Romsey heißen die. Da gibt’s den alten Knaben und dann seinen Sohn und seine beiden Töchter. Und das wären alle bisher. Aber sieht nicht danach aus, dass wir eins von diesen altmodischen Weihnachten erleben – Gesellschaftsspiele, Pantoffel verstecken, Drachenschnappe und dergleichen! Können Sie sich die bei so was vorstellen?«

Stuart lachte unwillkürlich. Er ließ sich leicht aus der Fassung bringen und hatte bereits das Gefühl, außen vor zu sein, und die gut gelaunte Vulgarität des Mannes hatte etwas Erfrischendes.

»Wissen Sie, wer der dicke Mann ist?«, fragte er.

Sein Gefährte schnaubte. »Ein echter Lump, wenn Sie mich fragen. Major Carew, so hat er sich eingetragen. Ein Major aus dem Krieg, möchte ich wetten, 1918 entlassen, aber klammert sich immer noch an seinen Dienstgrad. Wäre der Typ dafür. Wenn’s danach ginge, könnte ich mich Captain Soames nennen, wenn mir was dran läge, aber das überlasse ich den Berufssoldaten. Wer die alten Damen sind, weiß ich nicht. Sind eben erst angekommen, aber die scheinen nicht gerade besonders kumpelhaft zu sein.«

»Sie heißen Adderley«, sagte Stuart. »Ich fürchte, für die bin ich verantwortlich. Ich habe sie im Schnee aufgelesen und gleich mitgebracht. Die sind aber harmlos.«

»Ich kann nur sagen, Sie müssen echt Nerven haben! Da könnte man ja genauso gut in Nesseln fassen. Ich will mich nicht beklagen, und ich gehöre nicht zu denen, die sich irgendwo aufdrängen, aber wenn ich über Weihnachten hier feststecke, hätt’ ich gern jemanden, mit dem ich reden kann. Ich hoffe, der Schnee lässt nach, und wir können alle weiter, das ist alles.«

»Wir kommen schon noch hier weg. Ewig kann ich nicht so weitermachen. Egal, wir sind ja nicht auf deren Gesellschaft angewiesen. Gerade ist ein Bus angekommen mit drei Leuten. Zwei davon sehen ganz nett aus.« Soames stieß ein Seufzen aus.

»Großer Gott, nur zwei? Was ist denn mit dem Dritten?«

»Das müssen Sie selbst beurteilen«, antwortete Stuart, als die Tür aufging, um die Fahrgäste des Busses einzulassen.

Mit diebischer Vorfreude wartete er auf den ersten bissigen Kommentar seines Gefährten, als der junge, exquisite Mann in Richtung ihres Tischs schlenderte – der jetzt, da er sich seiner äußeren Kleidung entledigt hatte, noch adretter und maßgeschneiderter aussah als zuvor. Doch der Kommentar blieb aus. Stuart warf einen Blick auf seinen Tischnachbarn. Soames’ Miene hatte die gewohnt fröhliche Frechheit verloren, und jetzt lag in seinem Blick so etwas wie ein Ausdruck von Ehrfurcht, während er verfolgte, wie das älteste Mitglied der kleinen Schar gegenüber von ihnen am Tisch Platz nahm.

Eine Weile aßen sie schweigend. Dann, als könnte er sich nicht länger zurückhalten, beugte sich Soames plötzlich vor.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte er. »Aber sind Sie nicht Dr. Constantine?«

»Ja, so lautet mein Name«, antwortete der ältere Mann mit einer Höflichkeit, bei der Stuart erleichtert war. Mit einem Mal erkannte er, wie ungern er es gesehen hätte, wenn sein unmittelbarer Tischnachbar verächtlich behandelt worden wäre.

»Ich hab Sie gleich erkannt«, fuhr Soames eifrig fort. »Das war eine tolle Partie, die Sie da gegen Zilitzky in Caxton Hall gespielt haben, wenn ich das so sagen darf.«

Die Augen des älteren Herrn leuchteten vor Interesse auf. »Wenn ich mir hätte träumen lassen, einem Schachliebhaber zu begegnen, dann hätte ich mein Missgeschick philosophischer auffassen sollen«, sprach er. »Gewiss spielen Sie auch?«

Soames froh gelauntes Gesicht nahm eine etwas rötlichere Färbung an. »Ich bin keinem Turnierspieler gewachsen, Sir«, erwiderte er. »Ist nur so ein Hobby von mir, mehr nicht, und weil ich immer auf Achse bin, hab ich kaum Gelegenheit zu spielen. Ich bin in einem kleinen Schachverein, aber ich schaffe es meist nicht hinzugehen.«

Der ältere Herr stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. »Dann sind ja zumindest zwei von uns nicht vom Wetter abhängig«, ließ er im Brustton der Überzeugung verlauten. »Wenn es nach mir ginge, könnte es bis zum Jüngsten Gericht schneien. Das heißt, wenn Sie Mitleid haben mit einem gestrandeten Schach-Wahnsinnigen und mit mir spielen!«

Soames’ Miene drückte Vergnügen und Genugtuung aus. »Es wäre mir eine Ehre, Sir«, brachte er stammelnd hervor; und so kam es, dass zwei der unvereinbarsten Figuren in dieser gemischten Karawanserei eine Partnerschaft eingingen, die sämtliche sonderbaren Ereignisse jener Weihnachtswoche überdauern sollte.

Danach wurde die Unterhaltung allgemeinerer Art. Nach und nach gab jedes Mitglied der Gruppe etwas über sich preis. Der freundliche Soames war, wie Stuart bereits vermutet hatte, ein Handelsreisender, unterwegs zum Station Hotel in Thorley, ein Haus mit einem Ruf, das ihm sehr viel besser gefiel als das, in dem er sich augenblicklich wiederfand. Der schüchterne Junge, ein Assistent der Wirtschaftsprüfung, war auf dem Weg zu einem Dorf etwa zwanzig Meilen entfernt gewesen, in dem er einen kurzen Urlaub hatte verbringen wollen.

Stuart fiel auf, dass es der ältere Herr war, Constantine, der den anderen all diese Einzelheiten auf geschickte Weise entlockte. Sein Interesse und Mitgefühl wirkten so aufrichtig, dass er niemandem mit seinen Fragen zu nahe trat, die er im Verlauf der Unterhaltung wie beiläufig fallen ließ.

Als sie sich vom Tisch erhoben, unterbreitete er einen charakteristischen Vorschlag.

»Ich hege den Verdacht«, sprach er, »dass wir nur die Vorboten einer ganzen Reihe von Schutzsuchenden sein werden. Und es sieht bereits danach aus, als wären wir dazu verpflichtet, einige Tage in deren Gesellschaft zu verbringen. Aber schauen Sie nur!«

Er zeigte zum Fenster, durch das starker Schneefall zu erkennen war.

»Weil dem so ist«, fuhr er fort, »schlage ich vor, Stellung in der Lounge zu beziehen, möglichst nah bei dem sehr angenehmen Feuer, wo ich meine unersättliche Neugier dadurch zu befriedigen suche, dass ich den Rest der Ankömmlinge beobachte. Offenbar gibt es ja nichts anderes zu tun!«

Stuart war nur zu gern bereit, sich ihm anzuschließen. Soames und der Junge, Trevor, begaben sich auf ihre Zimmer.

»Da wir gerade von Neugier sprechen«, bemerkte Constantine, während er es sich so bequem machte, wie es mit den Launen des arg ramponierten Korbstuhls vereinbar war, »ich fürchte, ich habe den Wirt ausgequetscht! Er hat mir Ihren Namen genannt, und sofern ich mich nicht irre, können Sie sich sehr glücklich schätzen. Was bei mir ein Laster ist, ist bei Ihnen eine heilige Pflicht. Beobachtungsgabe ist Ihr Metier, was ja letzten Endes nur ein anderer Name für Neugier ist. Sie sind also tatsächlich der Angus Stuart, der Die Via Appia geschrieben hat?«

Stuart errötete. »Ich fürchte, ich muss mich schuldig bekennen«, antwortete er.

»Warum? Das ist ein sehr gutes Buch. Ein ziemlich bemerkenswertes Buch für einen Mann Ihres Alters. Großartig, wenn man in so kurzer Zeit so viel Wissen erworben hat, ohne Verbitterung. All das zeugt sehr wohl von Neugier«, schlussfolgerte er mit einem ansteckenden Glitzern in seinen dunklen Augen.

Worauf Stuart ihm, wie es gewiss seine Absicht gewesen war, prompt alles über sich erzählte.

»Tja, das Glück ist Ihnen hold«, lautete der Kommentar des älteren Mannes, als Stuart geendet hatte. »Bei Einbruch der Dämmerung wimmelt es in diesem Gasthof nur so von Material für einen Romanschriftsteller, und es könnte sein, dass wir komplett von der Außenwelt abgeschnitten sind, wie die Passagiere der ursprünglichen Arche Noah. Der Stoff wird Ihnen also sozusagen aufgedrängt. Ich war einmal vor Jahren vierzehn Tage lang in Kanada eingeschneit, und das ist eine ganz sonderbare Erfahrung, das kann ich Ihnen versichern. Die Menschen werden sehr primitiv, sobald sie sich langweilen, und mit Ausnahme von uns und unserem Freund Soames, der, so hoffe ich, Schach mit mir spielt, wird sich jeder zu Tode langweilen.«

Stuart lachte. »Wenn es hart auf hart kommt, habe ich einen Stapel Korrekturfahnen dabei. Ich kann den Text hier genauso gut durchgehen wie in Redsands.«

Soames stieß wieder zu ihnen, und Constantine fing sofort damit an, dem Handlungsreisenden das Beste und Interessanteste zu entlocken. Es gehörte zu Soames’ Job, die psychologischen Reaktionen seiner Kunden einzuschätzen, und auf diesem Gebiet war er ein Experte. Seine klugen Kommentare zu Menschen und Dingen rückten ihn in ein ganz neues Licht, und als Stuart Platz nahm und den beiden älteren Männern lauschte, wähnte er sich kaum in Gefahr, der Langeweile zu verfallen.

Sie hatten sich etwa eine Stunde lang unterhalten, als ein eisiger Luftzug von der Haustür her die Ankunft einer neuen Schar Gestrandeter ankündigte.

»Dann schauen wir mal«, murmelte Constantine zufrieden und ließ sich tiefer in seinen Stuhl sinken.

Diesmal vermittelte die kleine Gruppe, die eintrat, in erster Linie unverkennbar den Eindruck von Wohlstand. Man konnte sich unschwer vorstellen, was für ein Auto das Gepäck aus Gold und Echsenleder aus der Bond Street abgeladen hatte, die von einem Chauffeur im Kielwasser einer großen, perfekt ausstaffierten Dame getragen wurde, deren Stimme sofort ihre amerikanische Herkunft verriet. Ihr folgten ein hübsches, dezent gekleidetes Mädchen – offensichtlich eine Angestellte – und eine Art Kammerzofe, die ein Kosmetikköfferchen aus grünem Marokkoleder trug.

Als die Dame den perfekt dazu passenden Mantel aus Zobelfell aufknöpfte und ihre Handschuhe abstreifte, ging tatsächlich ein Funkeln und Glitzern von ihr aus. Stuart fühlte sich unweigerlich an einen neu entzündeten Kronleuchter erinnert. Smaragde blitzten an ihren plumpen weißen Händen auf, und eine Ansammlung kleiner Broschen, die hier und da über ihrem breiten Busen verteilt waren, wetteiferten mit den Diamantohrsteckern. Eine unpassendere Person hatte vermutlich noch nie zur Zierde der schäbigen Lounge des alten Gasthofs beigetragen.

»Nun, ich schätze, wir müssen wohl das Beste daraus machen!«, lautete ihr Kommentar, während ihr abschätziger Blick über ihre unmittelbare Umgebung schweifte, kurz auf der kleinen Gruppe am Fuße der Treppe verharrte und die Leute dort als vollkommen unbedeutend abtat.

»Und wir müssen dann wohl das Beste aus Ihnen machen«, murmelte der unbezähmbare Soames, als sie die Treppe hinaufrauschte, ihr Gefolge unmittelbar hinter sich.

»Kurioserweise«, bemerkte Constantine, als sie außer Hörweite war, »kann ich Ihnen eine ganze Menge über diese Lady erzählen. Man hat mich schon mehrmals auf sie aufmerksam gemacht. Sie ist eine gewisse Mrs. van Dolen, die Witwe eines reichen amerikanischen Bankiers, und hauptsächlich aus zwei Gründen bemerkenswert: Wegen der Anzahl der Ehemänner, die sie ausprobiert und für unzulänglich befunden hat, und wegen eines gewissen mit Smaragden besetzten Gürtels, der Teil des herrschaftlichen Ornats ist – ich glaube, dafür gibt es kein anderes Wort –, das sie im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre angehäuft hat.«

»Das muss ja ein ungewöhnlich großer Gürtel sein«, lautete Soames’ respektloser Kommentar.

»Man hat mir erzählt, dass er mit den Jahren weiter gemacht wurde«, ließ Constantine ihn in ernstem Ton wissen. »Jedes Stone, das sie an Gewicht zugenommen hat, hat sie Tausende von Pfund gekostet. Wie Sie vermutlich schon an meinem Namen erkannt haben, bin ich halb Grieche, und die Griechen aus London sind nicht nur Liebhaber, sondern wahre Connaisseurs von Edelsteinen. Ich habe mitbekommen, dass in der griechischen Gemeinschaft ausgiebig über diesen Gürtel diskutiert wurde, und dem Vernehmen nach handelt es sich um eine äußerst schöne Handwerksarbeit. Die Smaragde sind durch ein schmales, sehr flexibles Band aus Gold und Platin miteinander verbunden. Eine italienische Firma in Paris hat ihn angefertigt.«

Auf dem oberen Treppenabsatz brach sich ein aufgeregter Monolog Bahn. Soames, der von seinem Sitzplatz aus als Einziger einen vollständigen Blick auf die Treppe hatte, grinste erfreut.

»Ich kann Ihnen sagen, was los ist«, verkündete er. »Ihre amerikanische Freundin versteht sich auf Anhieb mit dem edlen Lord!«

»Daher also der Lobgesang des Triumphs«, murmelte Constantine. »Vermutlich hat sie gemeinsam mit ihm in irgendeinem Wohltätigkeitskomitee gesessen und ihn seither nicht aus ihren Fängen gelassen. Wie ich hörte, soll ihre Beharrlichkeit erstaunlich sein.«

»Lebt sie in England?«, erkundigte sich Stuart.

»Sie lebt in Hotels – überall – vorausgesetzt, das Hotel ist teuer genug. Während der Saison in London bezieht sie ein möbliertes Haus und bewirtet ihre Gäste üppig. Dem Vernehmen nach ist sie ein erstaunliches Geschöpf. Es heißt, ihr erster Mann habe sie hinter der Theke einer Kneipe in Deptford hervorgeholt, und den amerikanischen Akzent habe sie sich erst in den letzten Jahren zugelegt. Ihre Widersacher sagen, unter Stress neige sie dazu, wieder in den Cockney-Akzent zu verfallen.«

Er verschob seinen Stuhl ein wenig und spähte um die Ecke des Treppengeländers aus Eiche, um dann ein erschrockenes Keuchen von sich zu geben.

»Lord Romsey!«, rief er. »Ich kenne ihn, und was noch bedauernswerter ist, er kennt mich.«

Stuart, der seinem Beispiel folgte, erhaschte einen Blick auf eine beleibte Gestalt; darüber wurde ein massiges Doppelkinn von einem blassen, ausdruckslosen Gesicht gekrönt, und schon war Lord Romsey bei ihnen.

»Ha, Constantine!«, rief er aus und näherte sich mit schwerfälliger Leutseligkeit. »Gewiss unterwegs nach Redsands!«

»Das kann man wohl sagen«, gab Constantine zu. »Auch wenn das ein wenig zu optimistisch ausgedrückt ist.«

Lord Romseys blasse, leicht vorstehende Augen hefteten sich argwöhnisch auf Constantines Gesicht. Er mochte keine Scherze und hatte die vage Ahnung, dass der ältere Mann versucht hatte, einen zu machen.

»Ah, das Wetter«, stieß er mit unbeschadeter Ernsthaftigkeit aus. »Wir können nur hoffen, dass es sich wieder einrenkt. Tatsächlich bin ich nach unten gekommen, um zu sehen, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, noch vor dem Tee einen kleinen Spaziergang zu machen. In unserem Wohnzimmer ist es etwas beengt. Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?«

Constantine lächelte und schüttelte den Kopf. »Ich verabscheue Ertüchtigungen um ihrer selbst willen«, meinte er. »Und inzwischen bin ich in einem Alter, in dem ich das sagen darf; außerdem schneit es immer noch stark.«

Lord Romseys teigiges Gesicht wirkte ein wenig beunruhigt.

»Mein Sohn und meine Tochter sind gerade da draußen«, sagte er. »Ich hatte vor, mich ihnen anzuschließen.«

Er schlenderte durch die offene Tür ins Kaffeezimmer. Sie beobachteten ihn, eine dunkle, majestätische Gestalt, die am Fenster stehen blieb und hinaus in das Schneetreiben blickte.

Constantine lächelte. »Der größte Langeweiler der Christenheit«, murmelte er. »Und es hat sich für ihn ausgezahlt. Man hat ihm einen Posten in den Kolonien angeboten, um ihn aus dem House of Commons herauszubekommen, aber er hat es derart verpfuscht, dass sie ihn schnell wieder zurückrufen mussten. Dann erschlich er sich seinen Weg zurück ins Unterhaus und erwies sich dort als derart unerträglich, dass man ihn zum Baron Romsey of Romsey ernannt hat, um ihn ins House of Lords schicken zu können.«

»Wollen Sie damit sagen, dass sie ihn nicht auf andere Weise rausekeln konnten?«, verlangte der verblüffte Soames zu wissen.

Constantine zuckte mit den Schultern. »Er hat das dicke Fell eines Nashorns und ist dazu einer der reichsten Männer Englands. In seinem ganzen Leben hat er noch nie erkannt, ob es sich bei etwas um einen Scherz oder um einen Affront handelt. Was sollten sie tun? Männer wie er sind unverwundbar. Und das Eigenartige ist, dass sein Sohn ein ganz normaler, anständiger Bursche geworden ist, und die jüngere Tochter ist geradezu charmant.«

Abruptes Schweigen erfasste die kleine Gruppe, als der Gegenstand ihrer Unterhaltung wieder im Durchgang zum Kaffeezimmer auftauchte.

»Ich bin froh, dass sie vernünftig genug waren zurückzukehren«, verkündete er.