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Aus jetzt! Zuvor jedoch hinein in den Zauberberg voller Überraschungen! Diesen Winter soll es zum alles entscheidenden Krampuslauf kommen. Doch die Anzahl der Krampusse scheint übermächtig zu werden, Eisenhagel droht den Kampf zu verlieren. Um vorab Gespräche zu führen, wagt sich Jenny in die Krampus-Hochburg Hangbluten. Doch dort erwartet sie ein durch und durch mystischer Zauberberg mit großen Verlockungen. Ob Jenny der Versuchung widerstehen kann?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
EISENHAGEL
Ein Steiermark-Krimi von Martin G. Wanko
www.editionkeiper.at
© edition keiper, Graz 2024
1. Auflage Oktober 2024
Cover, Layout und Satz: textzentrum graz
Coverfoto: Adobe Stock 305079845
Autorenfoto: Clarissa Berner
eISBN 978-3-903575-47-9
ISBN Print: 978-3-903575-25-7
Cover
Title
Inhalt
Kapitel
»Girl, You’ll Be a Woman Soon.«
Neil Diamond
Die Sphinx des Eisenhagler. Jenny starrt auf den Eisenhagler. Ihr Blutdruck steigt. Sie spürt ihre Finger. Kalt geht es ihr runter. Der Eisenhagler wird dieses Jahr erstarren. Oder ich, denkt sie sich und schließt die Augen. Dabei bin ich so geil auf das Leben.
Herbst. Scheiße schwül, die Hitze treibt Jenny den Schweiß ins Gesicht, dazu starrt sie gegen die Wetterfront. Die Wolken hängen dicht über dem Eisenhagler, die kleinen Wasserpünktchen saugen sich in ihre Haut. FUCKING HOT! Aber es regnet nicht, maximal eine Brise Wind. Jenny scheucht die Mücken aus ihrem Gesicht und schaut auf den Muro, den Fluss, der Eisenhagel teilt. Sie bläht die Nüstern, schnappt sich das Board neben ihr und lässt sich damit ins Wasser. Binnen Sekunden wird sie vom kühlen Nichts umgeben. WOW!
Der Eisenhagler, der Hausberg von Eisenhagel, speit Wasser, sieht aus wie eine weiße Zunge, ein Strich, als ob er sagen will, noch ist alles gut in Eisenhagel. Der Strich, der Wasserfall, geht wie eine weiße Wand runter und landet in einer Art Auffangbecken, in einem moosgrünen Bergsee, der sich zur Mitte hin verdunkelt. Hinter dem Wasserfall befindet sich ein tiefes Wasserloch, aus dem sich der Muro speist. Zu nah sollte man dem nicht kommen, sagen die Eisenhagler. Manche waren zu neugierig, die hat das Loch verschluckt und nicht mehr freigegeben. Verschlucken hin, verschlucken her – das Gesicht des Eisenhagler bleibt ungerührt. Es ist ein Gesicht, denn oberhalb des Wasserfalls ragt ein Zinken heraus, als ob er eine Nase wäre. Links und rechts oberhalb des Zinkens sind zwei Höhleneingänge, zwei stillgelegte, glitschige Bergwerksschächte. Wie dunkle Augen starren sie heraus aus der Sphinx von Eisenhagel.
Die Sphinx ist so etwas wie das Herz von Eisenhagel. Speit die kein Wasser mehr, so wird es mit Eisenhagel auch bald vorbei sein. Das wird zumindest behauptet. Seit ziemlich langer Zeit. Jenny hat bei dem Gedanken ein ungutes Gefühl. Das kann ja alles durch den Klimawandel passieren, aber auch wenn das so wäre, kann ihr dennoch niemand schwören, dass Eisenhagel nicht doch von einem schrecklichen Unglück heimgesucht werden wird. Kein Wasser ist kein Wasser, mit oder ohne Klimawandel. ZACK und TSCHÜSSS. Eisenhagel wird entsorgt. Jenny öffnet eine Dose Gösser.
Der See fließt in einem alpinen Fluss ab, dem Muro, der durch Eisenhagel zieht, und bevor er vor Eisenhagel gezähmt wird, bahnt er sich in seiner ganzen Leidenschaft einen Weg durch die Berglandschaft. Ungestüm frisst er sich ins Gestein und rauscht, als ob meterhohe Wellen an der Küste niedergehen. Und der Berg schaut ihm zu.
Kaum aus dem Wasser, schon wieder HOT! Aber so lange der Eisenhagel Wasser speit, ist für die Eisenhagler alles in Ordnung. Sie haben ihre Freude, im Oktober können sie noch auf dem wilden Wasser surfen, wo Kevin ihnen einen Steg ins Wasser gebaut hat.
Aber die Zeichen sind nicht zu übersehen. Der Fluss trug schon einmal mehr Wasser. Dadurch schauen kleine Felsen aus dem Wasser. Slasherstones, wie sie respektvoll genannt werden. Tatsächlich hat es den Anschein, als würden sie das Wasser schlitzen.
Die Jungs müssen aufpassen, damit sie von keiner Stromschnelle erwischt werden, in keine Untiefen abtauchen oder von den scharfen Kanten eines herausragenden Slasherstone geschlitzt werden. Die Mädels natürlich auch. Sie sagt einfach Jungs, weil den Steg die Jungs erbaut haben, von Goethe bis Kevin. Und Kevin ist ihr Freund. Seit tausend Jahren. Aber seit der Schneeschmelze haben sie alle nur noch Surfen im Schädel. Jeden Tag kommt einer zerschunden aus dem Wasser oder es zerreißt ein Brett, aber es ist ihnen scheißegal, Riversurfen, das ist zurzeit das Ding in Eisenhagel.
Don’t call me Al Capone, I’m an A... Auch Jenny wäre gerne von der belanglosen Lust eines ewigen Sommers beglückt. Doch hinter ihr ist ein Stein aufgestellt. Fast so etwas wie ein Hinkelstein. In mattem Weiß, mit grauen Adern, direkt aus dem Eisenhagler geschlagen und hier hingestellt. Jenny hat ein A hineingemeißelt. So gut es ging. Sie nahm Hammer und Beil und fuhr damit in den Stein. Sie spürte, wie der zerberstende Stein auf die Seite spritzte und in ihre Haut fuhr, sie legte nochmals nach. ZACK! ZACK! ZACK! Für alles, was sie glaubt, nicht mehr gutmachen zu können, für alles, was Annika nicht mehr an ihr gutmachen kann. Auch Tote tragen Sünden mit sich und können sie erst im nächsten Leben wieder gutmachen. ZACK! ZACK! ZACK! Bis heute ist die Inschrift gut zu erkennen. Nicht nur für Wissende.
Den Stein ziert ein A. Der Anfang im Alphabet und der einzige Buchstabe am Stein, grundsätzlich etwas total Schönes, A steht an sich für den Anfang, aber für Jenny steht dieses A für ein ARSCHLOCH und das ist SIE. Ende Gelände, Ende der Fahnenstange! Was für eine Scheiße. Jenny ist sich ihrer Schuld, zumindest ihrer Mitschuld, bewusst. Wie ein Wurm frisst sich der Dreck in sie hinein. Der Stein lastet auf ihr, als wäre sie ein Gallier, den die Zauberkraft verlassen und der den Hinkelstein hier abgestellt hat. Dann würde A für Asterix stehen, aber der ist nicht hier. A steht für ihre Freundin Annika. A für Annika. Das Arschloch ist nur sie.
Jenny atmet tief durch. Annika wurde von den Hangblutener Krampussen verschleppt, getötet und wieder zurückgebracht. Das Haupt brachten sie zur Hütte im Wald, als sie Krisensitzung hatten. Plötzlich stand das Geschenkpaket da, darin war aber kein Panettone mit kandierten Früchten, sondern Annikas Schädel. Dann verlor Hangbluten den Krampuslauf gegen Eisenhagel. YEAH! In der darauffolgenden Nacht, als kein Hahn mehr krähte, alle ihre Wunden leckten oder mit breiten Kelchen auf den Sieg anstießen, als alles vorbei war, sahen sie bei ihrem letzten Rundgang in der Dämmerung aus dem Muro, beim Surfersteg, einen RUMPF ragen. Jenny musste nicht zweimal hinschauen, um zu wissen, wer es war: Annika.
Sie vergruben eine fette, windfeste Kerze im Wasser, die noch zur Hälfte herausragte, und zündeten sie an. Eisenhagel stand leibhaftig und gesammelt hinter ihnen. Alle bevölkerten den Fluss. Annikas Rumpf war eine Ansage. Da mussten sie durch! Darum hier der Stein. Und alle wussten, jetzt geht es weiter. Eine Leiche kommt selten allein. Paradoxerweise brachte das sogar eine Erleichterung mit sich. Das Spiel setzte sich fort. Keiner musste über die Unsinnigkeit nachdenken. Annikas Rumpf war die Startfahne für den dritten Krampuslauf. Hangbluten musste endgültig besiegt werden! GRRRRRR!
Zwischen Eisenhagel und Hangbluten, zwei Städten, die sich so unähnlich gar nicht sind, obwohl sie das gern von sich behaupten, findet ein lebhafter Kampf über die Vorherrschaft statt. Spitäler und Friedhöfe sind nicht unterbeschäftigt. Der Krampuslauf ist jetzt nichts wirklich Offizielles, da kommt auch nichts im TV, Krampusumzüge gibt es viele im Land, Verletzungen gibt es bekanntlich überall, das fällt an dem Tag nicht auf. Das Ding bleibt hübsch in Eisenhagel und da wird am 5. Dezember der Krampus von der Leine gelassen. So machen sich die Krampusse aus Hangbluten über Eisenhagel her, wollen das Rathaus stürmen – und Eisenhagel hält dagegen. Dann splittern die Knochen. Jenny als Krankenschwester kann ein Lied davon singen, aber der Lauf gehört zu Eisenhagel und das ist auch gut so, Jenny steht darauf. Ihr Herz klopft, sie fletscht mit den Zähnen. One, Two, Three, Four, Hey Ho, Let’s Go!
Jenny schließt ihren Neoprenanzug. Eine Gänsehaut steigt ihren Rücken hinauf.
Ich bin wieder da!
Sie legt los. Sie rauscht durch den engen Fluss, da ein Slasher, dort eine nicht sichtbare Einbuchtung.
Hast du mich nicht vermisst!
Kurz hebt es sie aus, sie drückt mit aller Kraft gegen das Board. Plötzlich noch ein Slasher, ZACK!
Ich rede mit dir!
Jenny wirft es nach vor, es wirft sie aus der Verankerung, aber irgendwie landet sie auf der Zieleinfahrt vor den letzten Metern zum Surfsteg. War das jetzt nicht geil! LECK FUCK! Eisenhagel klatscht. Zumindest ihre boys and girls.
Auf bald, du Schlampe!
Jenny legt sich auf das Surfbrett. War da nicht etwas? Wie ein Schatten. Hier war gerade ein Schatten, wo keiner sein sollte.
Goethe kommt vorbei und hält ihr eine Dose Gösser entgegen. Jenny öffnet faul das Maul, Goethe trifft gut. Natürlich muss sie lachen und hustet. Sie grinst. Sie riecht den mit Kohlensäure verquirlten Hopfen. Irgendwie sollen sie doch alle am Arsch lecken! Leben kann so fucking leicht sein.
»Goethe, heute am Abend Spritzer?«
Goethe nickt und singt: »Man bringet mir den Spritzwein, bitte! Weil nur so find ich zurück zu meiner Mitte!«
Jenny wischt sich das Bier von ihren Lippen und lächelt. Goethe ist eigentlich gar nicht so unsexy.
»Kein Stress, aber eher: Was in mir sitzt, ist weiß gespritzt, des is ma völlig kloar, obgleich ich Whisky tschechern tua, seitdem in USA ich woar ... Falco geht immer, aber für Bibiza sind wir fast schon zu alt, weil wir werden alle nicht jünger, werter Goethe, du Hund! Chill einfach.«
»Viel chillen brauchst du jetzt nicht, Prinzessin. Der dritte Krampuslauf naht.«
YES! GRRRRR!
Jenny stößt sich ab, ein bisschen Ruhe wäre noch angebracht.
Plötzlich!
Jenny rutscht vom Board. Jenny zieht es tief nach unten.
Kommst du zu mir?
An ihrem Gesicht zischt eine Pranke vorbei.
Spürst du mich?
Es zieht sie in den tiefgrünen See. Eine heiße Kälte. Pretty in Pink gibt es nicht.
Da kommst du ja früh drauf.
So sehr gefühlte Kälte, in einem scheißheißen Herbst.
Sind ja alles erst Fingerübungen.
Jenny macht Schwimmbewegungen und taucht auf.
Viel Spaß noch!
And the winner was Eisenhagel! Den Lauf hat die letzten zwei Jahre Eisenhagel gewonnen. Und wie sich schlechte Verlierer nun einmal gebärden, platzierten die Hangblutner Annikas Körper auf dem frisch erbauten Surfsteg. Den brachten dann die Eisenhagler rauf zur Hütte, machten das Grab auf und legten ihn zum Kopf. Zu ihrem Erstaunen war Annikas Kopf jedoch nicht mehr da. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als auch das Grab ihres dahingemetzelten Freundes Daniel aufzumachen. Auch dort fehlte der Kopf. Sie habe gar nicht gewusst, dass Krampusse auch Grabräuber sind, ätzt Jenny und raucht sich eine von Kevins Marlboro Rot an. Die Köpfe werden sie sich wohl aus Hangbluten zurückholen müssen. Abgesehen davon steht eben der dritte Krampuslauf ins Haus.
Ein Blick zurück reicht und sie hat wieder den Hinkelstein im Visier. »Es ist zu leicht, sich ohne einen richtigen Abschied aus der Welt zu machen!« Das würde sie Annika am liebsten vorwerfen, wenn sie nicht zugleich vor Schamesröte platzen würde. Die wachsamen Augen Annikas lasten auf ihr. Annika ist nicht freiwillig gegangen. In ihrer Disko, dem Technofett, wurde Jenny als potenzielles Krampusopfer wie die Kronjuwelen Englands bewacht. Und Annika? Ihnen war klar, dass etwas an diesem Abend passiert, weil immer etwas passiert, wenn das Technofett seine Pforten »für immer« schließt und dann doch wieder öffnet. Solche Eröffnungsabende haben es dann in sich! Vor zwei Jahren tauchte plötzlich Arnold aus der Versenkung auf und killte danach Daniel. Voriges Jahr wurde Annika von den Krampussen heimgesucht. Und sie waren samt der Crew im Technofett nur darauf ausgerichtet, dass ihr, Jenny, nichts passierte. Und das war dann die böse Fratze Eisenhagels oder, noch besser, die hammerharte Pranke der Krampusse aus Hangbluten.
»Ich weiß eh, du altes Haus, du musst gerächt werden!«, bricht es aus Jenny heraus.
Ein kleines bisschen Horrorshow in Hangbluten. Ein, zwei dahingemetzelte Hangblutner und schon wissen die, was los ist. Sie linst wieder kurz zum Stein.
»Natürlich nicht irgendwelche Hangblutner!«, gibt sie sich im Zwiegespräch zu verstehen, geht zum seichten Wasser und holt sich ein Bier aus der eingekühlten Kiste. Dazu verdunkelt eine Wolke, die sich über die Sonne legt, das Licht. »Wäre es hier nicht so dunkel, könnte das fast eine scheiß Bierwerbung sein«, nuschelt Jenny in sich hinein und nimmt sich noch eine von Kevins Marlboro. Sie gibt sie ihm zu Hause zurück, aber sie will jetzt nicht in die Stadt schlurfen, um Tschick zu holen. Und zu Edi will sie jetzt auch nicht unbedingt. Edi ist ziemlich scharf auf sie, aber das hat sie jetzt einmal ganz gut unter Kontrolle. Besser gesagt, sie hat Kevin und Edi unter Kontrolle, sodass die sich nicht immer in die Haare geraten. Aber tatsächlich hat sie Edi schon länger nicht mehr gesehen ...
So ganz nebenbei will Kevin Rita, seiner neuen Kollegin in der Bar, Riversurfen beibringen. Die Betonung liegt auf will. Weil Rita bringt es nicht zusammen. Rita. Sie hält die Leash nicht gut bei sich, außerdem kann sie sich nicht auf dem Brett halten. Wackelt herum wie ein frisch geborenes Rehkitz. Fällt ja fast ins Wasser! Zum Glück hält sie sich dann bei Kevin an. Ob sie das absichtlich macht? Kann ja sein. Jenny bläst Rauch durch die Nase. Warum die aus der Stadt gekommen ist, weiß kein Mensch. War plötzlich da, schwemmte es an wie jeden in Eisenhagel, der kein Einheimischer war! Okay, Jenny will jetzt nicht unfair sein, Rita hat sich auf ein Jobinserat von Kevin gemeldet. Aber trotzdem. Was macht sie hier? Oder noch besser: Warum gefällt es ihr hier? Und warum fällt sie schon wieder ins Wasser und hält sich an ihm fest?
KLICK. Es ist ein Geräusch und gar nicht laut. KLICK. Aber es ist ein Geräusch. Wenn man in Gefahr ist, dann ist Paranoia eine lebenserhaltende Eigenschaft. KLICK. Jenny stehen die Nackenhaare zu Berge. Schweißperlen rinnen ihr über den Rücken. Ihre Schläfen pochen. Ein fremdes Geräusch. KLICK. Alles beginnt wieder zu FLIRREN und nervös zu werden. Ein Zustand – verdammt lange her! Was ist hier los? Wie von einer höheren Kraft getrieben, geht sie dem Flirren nach. Sie schiebt die Äste am Ufer zur Seite und steht vor Kevins rotem Kajak. Uff! Nix! Erst jetzt bemerkt sie, dass ihr alle gefolgt sind. Absolut lautlos. Sie dreht sich zu ihnen, lüpft die Schultern und geht auf ihren Platz zurück. Aber hier war was! SOMETHING HAPPENED! Hier ist etwas. So was von da!
Jenny muss kurz eingenickt sein. Ein kratzendes Geräusch weckt sie. Kevin zieht sein Kajak am Kies entlang. Also nicht das Board, sondern das Kajak. Er schaut auf den Eisenhagler. Jenny ist hellwach. »Tu das ja nicht! Ich warne dich, tu das ja nicht!«, flucht sie in sich hinein. SAG SPINNST DU!
Kevin steigt mit dem Kajak den glitschigen Pfad zum Eisenhagler empor. Das hat bis jetzt niemand in Eisenhagel gewagt. Warum macht er das? Ausgerechnet jetzt! »Du bist so ein Angeber!«
Das Wasser zischt um ihn herum und schon bald glänzt sein Körper durch die feinen Wasserteilchen, die sich an seine Haut legen. Jenny sieht, wie sich seine Lungenflügel bewegen und sich die Muskeln durch das eiskalte Wasserperlen zusammenziehen. Er steuert auf den Zinken zu, der vor ihm wie ein Aussichtspunkt aus dem Wasserfall ragt.
Kevin zweigt am Pfad ab und geht in eines der Nasenlöcher hinein. Im Durchgang tropft das Kondenswasser von den glänzend schwarzen Wänden, vor ihm erscheint, wie ein Vorhang, die weiße Wand. Er schreitet durch sie hindurch, ein Hauch kaltes Quellwasser lässt seine Muskeln zucken, einen Augenblick später steht er auf dem glitschigen Bergzinken. Vor ihm offenbart sich Eisenhagel, seine Freunde sind so klein wie Stecknadelköpfe. Da steht er jetzt. Die Jungs und Mädels sind gespannt, ob er das wirklich durchzieht. Unter ihm wartet immerhin das dunkle Loch und solche Action kennen sie nur aus YouTube-Clips.
Jenny lupft die Augenbrauen. Was soll denn der Scheiß jetzt?! Das hat noch keine Sau hier gemacht! Nichts um sie herum nimmt sie mehr wahr, innerlich bereitet sie sich schon auf ETWAS vor. Sie sieht Kevins Blicke, wie sie sich den Weg durch den Wasserfall durchdenken. Jenny krallt sich mit den Fingern an einem herumliegenden Stück Holz fest. »Du Idiot!« Hier gibt es kein Denken, kein Steuern, hier gibt es nur ein Hinunter und einen Aufprall! Da zerreißt es einen oder nicht!
Jenny sieht, wie sich seine Brust gleichmäßig bewegt, trotzdem pocht sein Herz, und das bis zu ihr! BUMBUM BUMBUM BUMBUM! Jenny schließt sich ihm an, jetzt atmen sie synchron, und schickt ihm eine virtuelle Nachricht. LECK FUCK, DU PFOSTEN, WENN DU DABEI NICHT DRAUFGEHST, BRING ICH DICH UM! SAUHUND!
Kevin stellt sich das Kajak zurecht und schlüpft hinein. Spätestens jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er gibt Andi ein Zeichen.
Let’s jump! Kevin springt. Der Sprung dauert eine halbe Ewigkeit. Da gehen sich geistig drei Marlboro und zwei Kurze aus. Jenny sieht das Kajak im Zeitraffer, als ob ein Bic Feuerzeug durch einen Duschstrahl rast. Komm nur glatt runter, denkt sie sich. Komm nur glatt runter! Kevin klatscht auf! FUCK IT, DU HURENSOHN! Alles weiß, nur der gelbe Spitz vom Kajak schaut kurz durch die schaumige Wasserdecke. Jenny wartet. Fassungslos. Weiß kann sehr bedrohlich sein …
Im Aufprall reißt es Kevin die Taucherbrille vom Kopf. Dazu saugt »es« brutal an! Welche fucking Kraft ist hier am Werk! Kevin saugt es in das dunkle Wasserloch. Sein Schädel droht am Druck der Wassermassen zu zerbersten, ETWAS zieht ihn nach unten, tief runter. Keine Ahnung, was es ist. Es ist ein Druck, wie wenn man im Zug auf der Schussburg sitzt und nach dem Drücken des Spülbuttons sich die Spülklappen öffnen. Das ist so ein Loch, das einen rausziehen kann, zumindest erscheint es einem so. Die Augen quillen aus Kevins Schädel, als wäre er eine Deix-Figur. Kevins Schädel fühlt sich an, als wäre er mit seinen großen Augen der Eisenhagler persönlich. Aber nach wie vor hat dieses dunkle Loch eine enorme Sogwirkung, es zieht ihn runter ins schwarzgrüne Loch, zieht ihn noch einmal brutal an. Dazu läuft Kevins Leben in Kurzbildern an ihm vorbei: Er haut Arnold eine runter. Nimmt Jenny an der Hand. Krampuslauf. Er tötet einen Krampus. Spital. Jenny kommt aus dem Koma zurück. Ihr erster Blick gehört ihm. Welch Jungfräulichkeit! Ihre Augen, so viel Energie. Und jetzt? KOMPLETT IM ARSCH! Verstehst du? ... Ein leises Klicken. KLICK. Sein Genick?! Ist es das nun gewesen? Einen Gedanken später ein ultimatives Krachen! TUSCHSCHSCH! Das Letzte, was Kevin spürt, ist das Gefühl, als ob sein Gesicht gegen eine Betonwand prallte. Sendepause!
So kann Sterben sein. Betonwand und weg.TUSCHSCH!
Kevin taucht nicht auf! Zeitgleich schiebt sich am Himmel eine dunkle Wolke in den Vordergrund. Schwarzweiß. Das ist nicht gut. Jenny spürt ihr Herz bis in den Hals pochen. Sie schnappt sich ihr Surfbrett, setzt sich die Taucherbrille auf und rudert zum Wasserfall. Sie schluckt. In ihr kommen die Gedanken hoch, dass das dunkle Loch schon einige Menschen geschluckt hat, zumindest wird davon geredet. Sie war noch nie in diesem Bereich. Sie hält die Luft an und schwimmt durch die weiße Wand hindurch. Uff! Alles anders, wie hinter einem Vorhang ist nun der zweite Teil des Sees zu erkennen. Er führt in eine dunkelgrüne Grottenlandschaft. Jetzt ist sie in einer anderen, sehr stillen Welt angekommen. Die Höhleneingänge hier führen nach Hangbluten. Gut möglich, dass Krampusse, die unerkannt bleiben wollen, diesen Weg nützen. Das würde sie jetzt brennend interessieren, doch in dem Moment schwimmt ihr Kevins umgedrehtes Kajak entgegen.
»Du Idiot!« Jetzt taucht Kevin auf wie ein toter Fisch! »DU PFOSTEN!«
Sie tastet nach seinem Puls. Der Idiot lebt! Der Pfosten lebt, das ist das Wichtigste! Abtransport. Jenny zieht ihn an sich heran und schwimmt mit ihm in Rückenlage aus der Höhle heraus und durch den Wasserfall retour. In dem Moment, wo sie den Wasserfall verlässt, spürt sie, wieder in der realen Welt zu sein, als würde eine Blase platzen. Sie verdrängt das Bedürfnis, dass sie allein und unbeobachtet sofort wieder zur Grotte zurückschwimmen würde. Sie spürt so etwas wie Schweiß, der ihr runterrinnt, obgleich sie im Wasser ist. LECK FUCK!
Du fucking bitch!
Nicht nur, dass sie Krankenschwester ist, sie hat auch die nötige Ausbildung als Rettungsschwimmerin. Neben ihr platscht es. Goethe ist ihr entgegengeschwommen.
»Wie schlimm?!«, fragt Goethe nach.
»Er lebt, aber ohne Bewusstsein!«, antwortet Jenny. »Hol du das Kajak und das Surfbrett rein!«, befiehlt sie.
»Okay!«, antwortet Goethe und sieht, wie beide Sportgeräte in Richtung Wasserfall treiben. Sie legen Kevin vorsichtig auf eine Matte, Jenny berührt ihn.
»Kevin!«
Keine Reaktion. Nicht ansprechbar. Puls jedoch spürbar, der Körper ist warm.
»Andi, mach den Notruf!«, ordert Jenny.
»Bereits erledigt!«, antwortet Andi.
Immer gut, sich auf die Jungs verlassen zu können, denkt sie sich. Dabei legt sie Kevins Kopf in den Nacken, geht nahe an ihn heran und überprüft den Atem. »Kein Atem. Ich mache jetzt Mund-zu-Mund-Beatmung. Goethe dokumentier das bitte!«
Goethe spricht in sein Handy-Mikro, Jenny hält Kevins Nase zu und atmet zweimal in seinen Mund. Nun legt sie den Handballen unter seinen Brustkorb und drückt an.
»Nix, noch einmal!« Sie wiederholt die Vorgänge. »Komm jetzt, du verdammter Scheißkerl!«
Kevins Bauchmuskeln zucken und er spuckt Wasser. Jenny drückt nochmals an und abermals spuckt er Wasser und setzt sich langsam auf. Jenny schaut seine Pupillen an, prüft seine Reaktionsfähigkeit und klopft ihm ans Knie. Kevin bewegt seine Lippen.
»Was war da los?«, fragt Jenny nach.
»Wo bin ich da?«
»Im Auffanglager für Vollidioten.«
»Dann passt ja alles«, antwortet er und muss gähnen.
»Was war da draußen los, verdammt!«
»Irgendwas hat mich da runtergezogen«, antwortet Kevin erschöpft und zeigt auf die weiße Wand.
»Ist anzunehmen, das nennt sich Schwerkraft! Aber darf ich wissen, wer dich auf diese stumpfsinnige Idee gebracht hat, mit dem Kajak den Wasserfall runterzufahren?! Ich habe nämlich keine Lust, regelmäßig einen auf Pam Anderson und Baywatch zu machen.«
»Ja, das wollte ich einmal versuchen, bevor es kalt wird. Abgesehen davon müssen wir mit der Stadt etwas machen. Da muss mehr Bewegung rein. Spricht wohl nichts dagegen, oder?«
»Das bereden wir zu Hause. Und was war dann?«
»Ich kann’s dir nicht genau sagen. Da zog mich eine Kraft runter. So schnell konnte ich gar nicht schauen, war ich unter Wasser!« Dazu schaut er erschöpft durch die Gegend.
Jenny wirft ihm seine Zigaretten und Streichhölzer hin. »Pass mal auf, Sportsfreund!«, ruft sie, schnappt sich das Kajak und wendet es. Drei tiefe Einkerbungen gehen durch das Kajak, als ob die Pranken durch einen Pudding gefahren wären. »Das sind eindeutig Krampuskrallen!«
»Hab gar nicht gewusst, dass die Hundianer tauchen können!«, antwortet Kevin.
»Die können fast alles!«, erklärt Goethe.
Kevin fährt über die Einkerbungen. Wo Jenny recht hat, hat sie recht.
»Der hat sich festgekrallt und dich in die Tiefe gezogen«, sagt Jenny.
»Ja, scheiße ist das!«, antwortet Kevin.
»Krampusse sind immer und überall, so ist das nun mal in Eisenhagel.«
Kevin und Jenny schauen sich in die Augen. Die sprechen eine ganz andere Sprache: Ich oder du. Einer von uns wird dieses Jahr vom Krampus geholt. Und das am 5. Dezember!
Und, schon ein bisschen Panik, hm?
Jenny wendet sich ab. Am liebsten würde sie sich auf die Kieselsteine setzen, nur dem Wasser zuhören und geistig wegdriften. Sie schließt die Augen, atmet dreimal durch und gibt sich einen Ruck. Urlaub kommt im Sommer wieder! In dem Moment kommt auch schon die Rettung um die Kurve. Wird auch Zeit, denkt sich Jenny und hat wieder Annikas Grabstein im Blickfeld. Der Herbst kündigt sich an und die Krampusse kommen zurück. Wen werden sie holen? Sie oder Kevin?
Kevin liegt auf der Bahre. Der Sani nimmt seinen Blutdruck, er ist unverdächtig. Ohne zu fragen, assistiert ihm Jenny, sie kennen sich auch aus dem Spital. Nun sprüht er auf Kevins Brustkorb die Stellen ein, wo Jenny die Elektroden ansetzt, und das EKG flimmert eine Sekunde später über den kleinen Monitor. Kevin scheint das nicht wirklich zu interessieren, er schaut bei der Laderampe des Rettungswagens raus, als ob es etwas zu sehen gäbe. Das ganze Drumherum ist ihm hoffentlich peinlich, denkt sich Jenny. Geschieht ihm recht, dem Vollpfosten!
Kevin deutet den Jungs, aus dem Bild zu gehen, und sie entfernen sich in Richtung Wasser. Die Zapfen im EKG sind unauffällig und schlagen nicht an. »Schaut gut aus!«, meint der Sanitäter und blickt über den abwesenden Kevin zu Jenny. Diese nickt. Ernsthaft.
Kevin krabbelt aus dem Rettungswagen. Auf seinem Körper haben die Elektroden Ringe hinterlassen. Schaut aus, als hätte er mit Hilfe von glühenden Näpfen Brandzeichen bekommen.
Plötzlich wachelt Andi mit dem Tablet. »Hey, wir sind online!«, jubelt Andi und zeigt ihm stolz das YouTube-Video.
»Okay, Andi, normal bitte mir vorher zeigen, aber danke … und lässig, bereits zehn Likes!«, spricht er in Richtung Jenny, kann sie momentan aber nicht sehen. Immer wenn es wichtig ist, ist sie wie in Luft aufgelöst, ärgert sich Kevin. Andi drückt ihm und Goethe ein Bier in die Hand und sie stoßen grinsend an. »Alles gut!«, kommt aus allen Mündern geschossen.
Seine Boys, denkt sich Kevin, auf die kann er zählen.
Jenny tippt ihm von hinten auf die Schulter: »Cowboy, ich hab dich gerettet. Ich hab die ganze Scheiße mit deinem risikoreichen Leben langsam satt. Nur dass du weißt, wir sind jetzt quitt!«
Kevin schaut sie leicht belämmert an.
»Quid pro quo.«
»Lateinkurs?«
»Nein, Schweigen der Lämmer, du PFOSTEN«, antwortet Jenny, setzt ihre Sonnenbrillen auf, steigt auf ihr BMX-Rad und tritt in die Pedale.
»Hundert Likes! Das ist großartig!«, freut sich Andi über die gelungene Performance.
Irgendwann fällt immer wieder irgendwem irgendetwas ein. Jenny schaut rauf zu ihrem Arbeitsplatz, zum Spital. Dort arbeitet sie als Krankenschwester. Mittlerweile ist sie stellvertretende Stationsleiterin. Dieser Weg war nicht leicht. Manchmal wird sie gefragt, wie sie mit dem Druck klarkommt. Indem sie sich konzentriert, denkt sie. Sie arbeitet ihr ganzes Leben im Spital von Eisenhagel. Da kommt man mit vielem klar. Auch mit potenzieller Gefahr. Früher hatte sie für alles jemanden gebraucht. Früher.
