Eiseskälte - Arnaldur Indriðason - E-Book

Eiseskälte E-Book

Arnaldur Indriðason

4,9
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oder
Beschreibung

Ohne Abschied zu nehmen, ist Kommissar Erlendur in die Ostfjorde gereist - dorthin, wo er seine Kindheit verbracht und seinen kleinen Bruder im Schneesturm verloren hat. Jahrzehnte zuvor hatten sich in dieser Gegend dramatische Szenen abgespielt: Ein Trupp englischer Soldaten geriet auf einem Höhenpfad in ein tödliches Unwetter. In derselben Nacht verschwand eine junge Frau, deren Leiche aber nie gefunden wurde. Das Schicksal dieser Frau zieht Erlendur in seinen Bann: Er will unbedingt herausfinden, was sich damals zugetragen hat, so schmerzlich es für ihn auch sein mag, Ereignisse aus dieser Zeit ans Licht zu bringen ... Kommissar Erlendur ermittelt in seinem elften Fall.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 420




ARNALDUR INDRIÐASON

EISESKÄLTE

Island KrimiÜbersetzung aus dem Isländischen von Coletta Bürling

BASTEI ENTERTAINMENT Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen Titel der isländischen Originalausgabe: »Furðustrandir« Namen, Personen und Begebenheiten in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt.In Island duzt heutzutage jeder jeden. Man redet sich nur mit dem Vornamen an. Dies wurde bei der Übersetzung beibehalten. Für die Originalausgabe: Copyright © 2010 by Arnaldur Indriðason Published by arrangement with Folagið, www.forlagid.is Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2012 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel, punchdesign Umschlagmotiv: © TRINACRIA PHOTO/Shutterstock;Jorg Hackemann/Shutterstock; Le Do/Shutterstock Datenkonvertierung E-Book: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-8387-1975-7 Sie finden uns im Internet unter: www.luebbe.de Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de

Hauch werde, mein Lied,in den Binsen beim Styx,sing ihnen Linderungund schläfre Wartende ein.

Snorri Hjartarson

Eins

Ihm ist nicht mehr kalt. Ganz im Gegenteil, eine seltsame Hitze breitet sich in seinem Körper aus. Es war ihm so vorgekommen, als sei bereits alle Wärme aus seinem Körper gewichen, doch nun scheint sie in Hände und Füße zu strömen, und auch im Gesicht überläuft es ihn heiß.

Er liegt ausgestreckt in der Finsternis, seine Gedanken sind verworren und ungereimt, er kann kaum noch zwischen Schlafen und Wachen unterscheiden, kann sich nicht konzentrieren, um seinen Zustand zu begreifen. Das Bewusstsein kommt und geht. Ihm geht es nicht schlecht, es ist ein angenehmes Gefühl von Schläfrigkeit. Träume drängen auf ihn ein, Erscheinungen, Klänge und Orte, die ihm bekannt und auch wieder fremd vorkommen. Sein Geist schlägt seltsame Kapriolen und jagt mit ihm ein ums andere Mal vor und zurück durch Vergangenheit und Gegenwart, durch Zeit und Raum. Er hat keine Kontrolle über diese Streifzüge des Geistes. Eine Zeit lang sitzt er im Krankenhaus am Bett seiner Mutter, die im Begriff ist, ihn zu verlassen. Im nächsten Moment herrscht tiefe Finsternis, und es kommt ihm vor, als befände er sich immer noch auf seinem Lager auf dem Fußboden des verlassenen Hofs, der einmal sein Zuhause war. Und gleichzeitig weiß er, dass es sich um eine Sinnestäuschung handeln muss.

»Weshalb liegst du hier?«

Er richtet sich halb auf und sieht, dass jemand in der Tür steht.

Ein Reisender hat den Weg in sein Haus gefunden. Doch er versteht seine Frage nicht.

»Weshalb liegst du hier?«, fragt der Fremde wieder.

»Wer bist du?«, fragt er.

Er kann das Gesicht des Mannes nicht erkennen, er hat nicht gehört, dass er hereinkam, er sieht ihn nur schemenhaft und hört ihn nur wieder und wieder dieselbe unerträgliche Frage stellen.

»Weshalb liegst du hier?«

»Ich bin hier zu Hause. Wer bist du?«

»Ich möchte heute bei dir übernachten, wenn ich darf.«

Der Mann sitzt neben ihm auf dem Boden und hat ein kleines Feuer entfacht. Er spürt die Wärme in seinem Gesicht und streckt die Hände in Richtung der Glut. Nur ein Mal zuvor ist ihm so kalt gewesen.

»Wer bist du?«, fragt er den Mann ein weiteres Mal.

»Ich bin gekommen, um dir zuzuhören.«

»Mir zuzuhören? Wer ist bei dir?«

Er spürt, dass sie nicht alleine sind. Irgendjemand folgt diesem Mann, jemand, den er nicht sehen kann.

»Wer ist bei dir?«, fragt er wieder.

»Niemand«, antwortet der Fremde. »Ich bin allein unterwegs. War hier dein Zuhause?«

»Bist du Jakob?«

»Nein, ich bin nicht Jakob. Seltsam, dass diese Wände noch stehen. Aber das Haus ist sicher.«

»Wer bist du? Bist du Bóas?«

»Mein Weg hat mich hier vorbeigeführt.«

»Warst du schon einmal hier?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor vielen Jahren. Als noch Menschen in diesem Haus lebten. Was ist aus ihnen geworden? Weißt du, was aus den Menschen in diesem Haus geworden ist?«

Er liegt in der Dunkelheit und kann sich vor Kälte nicht bewegen. Er ist wieder allein, das Feuer ist verschwunden, auch der verlassene Hof ist verschwunden. Dunkelheit und Kälte umschließen ihn, und die Wärme an Händen und Füßen und im Gesicht schwindet wieder.

Irgendwo hört er erneut das Scharren.

Es nähert sich aus tiefer, kalter Ferne, steigert sich, und bald folgen ihm gellende Angstschreie.

Zwei

Er stand in einem Geröllhang beim Urðarklettur und beobachtete, wie der Fuchsjäger sich langsam näherte. Sie tauschten ein paar höfliche Grußworte im Nieselregen aus. Ihre Worte durchschnitten die Stille, als würden sie aus einer anderen Welt kommen.

Seit Tagen hatte sich die Sonne nicht gezeigt. Die Fjorde waren in Nebel eingehüllt, und laut Wettervorhersage würde es in den nächsten Tagen zu einem Kälteeinbruch mit Schneefällen kommen. Die Natur bereitete sich auf den Winterschlaf vor. Der Fuchsjäger fragte ihn, was er hier oben in den Bergen mache, wo sich sonst nur alte ausgefuchste Kerle wie er herumtrieben, um den Fuchsbestand im Rahmen zu halten. Er antwortete ausweichend, erklärte, aus Reykjavík zu kommen. Der Jäger sagte, er habe schon gesehen, dass sich auf dem verlassenen Hof da unten am Fjord jemand aufhalte.

»Das war wahrscheinlich ich«, sagte er.

Der Fuchsjäger stellte keine weiteren Fragen und sagte, er sei ein Bauer hier aus der Gegend und ganz allein unterwegs.

»Wie heißt du?«, fragte er.

»Erlendur.«

»Mein Name ist Bóas«, sagte der Mann und sie gaben sich die Hand. »Hier oben in den Spalten und Klüften treibt sich ein Tier herum, das sich auf Schafe verlegt hat. Das Biest richtet immer mehr Schaden an.«

»Ein Fuchs?«

Bóas strich sich übers Kinn. »Neulich habe ich beobachtet, wie er um den Schafstall herumgeschlichen ist. Er hat auch eins von meinen Lämmern gerissen und die anderen Tiere verschreckt.«

»Treibt er sich hier oben herum?«

»Ich habe gesehen, wie er in diese Richtung gelaufen ist. Ich habe ihn zweimal gesehen, und ich glaube, ich weiß, wo sein Bau ist. Bist du auch auf dem Weg nach oben? Dann können wir gerne ein Stück zusammen gehen, wenn du möchtest.«

Erlendur zögerte, nickte dann aber zustimmend. Der Bauer schien zufrieden zu sein, wahrscheinlich freute er sich über Gesellschaft. Über der einen Schulter trug er die Jagdflinte, über der anderen eine Munitionstasche und einen abgewetzten Lederbeutel. Bóas ging auf die siebzig zu, er war ein kleiner Mann mit raschen Bewegungen. Er trug eine dunkelgrüne abgetragenen Wetterjacke und eine Regenhose in derselben Farbe, aber keine Kopfbedeckung. Das dichte Haar fiel ihm in die Stirn und verdeckte manchmal die wachsamen Augen. Die schiefe, flache Nase machte den Eindruck, als hätte er sie sich vor langer Zeit einmal gebrochen und nicht richtig behandeln lassen. Durch den ungepflegten Bart konnte man den Mund nur sehen, wenn er etwas sagte. Das geschah aber ziemlich häufig, da er gesprächig war und gerne seine Ansichten über alles Mögliche zwischen Himmel und Erde zum Besten gab. Doch er bemühte sich, Erlendur nicht zu sehr mit Fragen darüber zuzusetzen, was er in den Bergen wollte oder warum er sich in Bakkasel aufhielt.

Erlendur hatte sich im alten Wohnhaus des verlassenen Hofs seiner Eltern einquartiert. Das Dach war zwar noch vorhanden, aber es war an einigen Stellen undicht, und die Balken waren morsch. Im ehemaligen Wohnzimmer hatte er eine Ecke gefunden, in der es trocken blieb, auch wenn es draußen regnete und stürmte und der Wind um die kahlen Wände heulte. Sie schützten immer noch gut vor dem Wetter, und die kleine Gaslampe, die er mitgebracht hatte, verströmte ein wenig Wärme. Er verwendete sie nur sehr sparsam, damit die Gaskartusche so lange wie möglich reichte. Die Lampe spendete ein fahles Licht, und ringsherum war es dunkel wie in einem Sarg.

Irgendwann war der Hof mit seinen Ländereien in den Besitz einer Bank gelangt. Erlendur hatte keine Ahnung, ob jemand ihn gekauft hatte und wem er inzwischen gehörte. Bisher hatte sich aber nie jemand beschwert, wenn er während seiner Aufenthalte in den Ostfjorden auf dem verlassenen Hof wohnte. Viel Gepäck hatte er nicht dabei. Mit seinem Mietwagen, einem kleinen, blauen Jeep, hatte er die Auffahrt zum Haus nur mit Mühe bewältigen können, denn der ehemalige Weg war so gut wie nicht mehr vorhanden. Alles war überwuchert, auch dort, wo früher nie etwas gewachsen war. Es gab fast überhaupt keine Anzeichen mehr dafür, dass hier einmal Menschen gelebt hatten. Die Natur arbeitete langsam, aber sicher daran, den Ort wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuverwandeln, dachte er.

Die beiden Männer stiegen höher hinauf in die Berge. Die Sicht verschlechterte sich ständig, und schließlich waren sie ganz von milchweißem Nebel eingehüllt. Feiner Sprühregen legte sich über die Vegetation, sodass sie Spuren im Gras hinterließen. Der Jäger lauschte auf Vogellaute und versuchte, auf dem feuchten Boden die Fährte seines Feindes auszumachen. Erlendur folgte ihm schweigend. Er hatte nie einem Fuchs vor dem Bau aufgelauert, hatte nie ein Tier erlegt und niemals in Flüssen oder Seen geangelt und erst recht nicht Jagd auf größeres Wild wie Rentiere gemacht. Es hatte ganz den Anschein, als könne Bóas seine Gedanken lesen.

»Du hast es nicht so mit dem Jagen?«, fragte er und schickte sich an, eine Pause einzulegen.

»Nein, das kann man nicht gerade behaupten.«

»Ich bin damit aufgewachsen«, erklärte Bóas und öffnete seinen Lederbeutel, holte seinen Proviant heraus, Roggenbrot und Lammpastete. Er reichte Erlendur eine Scheibe Brot und schnitt dazu ein Stück von der Pastete ab.

»Aber heutzutage bin ich eigentlich nur noch hinter Füchsen her«, sagte er. »Um den Bestand in Grenzen zu halten. Dieses arme Geschöpf macht immer mehr Ärger, wenn man es so ausdrücken darf. Ich hab ja nichts gegen den Fuchs, er hat genau dasselbe Recht auf Leben wie alle anderen Kreaturen. Aber von den Schafen muss man ihn fernhalten. Alles muss irgendwie im Gleichgewicht sein.«

Sie aßen das Roggenbrot mit der Lammpastete, von der Erlendur annahm, dass Bóas sie selbst gemacht hatte. Sie schmeckte köstlich zum Brot. Er selbst hatte keinen Proviant dabei. Eigentlich wusste er noch nicht einmal genau, wieso er der unerwarteten Einladung des Fuchsjägers, ihn zu begleiten, gefolgt war. Vielleicht verspürte er einfach ein gewisses Bedürfnis nach Gesellschaft, denn er hatte seit Tagen keinen anderen Menschen gesehen, und es kam ihm so vor, als sei das auch bei Bóas der Fall.

»Und was machst du so in Reykjavík?«, fragte Bóas.

Erlendur zögerte.

»Verdammt, warum bin ich nur immer so neugierig«, sagte der Bauer sofort.

»Nein, ist schon in Ordnung«, erwiderte Erlendur. »Ich bin bei der Polizei.«

»Das klingt nicht gerade nach einer Arbeit, die Spaß macht.«

»Nein. Oder doch, manchmal.«

Sie setzten ihre Wanderung fort, und Erlendur gab sich Mühe, im Heidekraut nicht zu fest aufzutreten. Ab und zu bückte er sich und strich mit der Hand über die niedrige Vegetation. Er überlegte, ob er den Namen Bóas aus seiner Jugend kannte, doch er konnte sich nicht darauf besinnen. Es war natürlich kein Wunder, dass er sich nicht an die Namen der Menschen aus der Gegend erinnerte, schließlich hatte er nur kurze Zeit hier gelebt. Gewehre waren ein seltener Anblick in seinem Elternhaus gewesen. Doch er erinnerte sich dunkel daran, dass tatsächlich einmal ein Mann mit einer Flinte zu Besuch gekommen war. Er hatte mit seinem Vater gesprochen und dabei flussabwärts gedeutet. Er erinnerte sich auch an einen Onkel mütterlicherseits, der einen Jeep besessen und Rentiere gejagt hatte. Er führte Jäger aus Reykjavík zu den Gebieten, wo sich die Tiere aufhielten, und versorgte die Familie hin und wieder mit Rentierfleisch. Es wurde in der Pfanne gebraten und schmeckte gut. An einen Fuchsjäger konnte er sich aber nicht erinnern, und auch nicht an einen Bauern namens Bóas, denn alle Verbindungen zu seiner Heimat brachen ab, nachdem die Familie weggezogen war.

»In Fuchsbauen kann man die unglaublichsten Dinge finden«, erklärte Bóas, der nun wieder unverdrossen ausschritt. »Zu fressen haben sie immer genug. Manchmal wagen sie sich sogar bis runter zum Strand und sammeln dort tote Vögel, Muscheln und Krebse auf. Die Welpen ernähren sich von Krähenbeeren und der ein oder anderen Waldmaus. Mit etwas Glück findet der Fuchs auch ein totes Schaf oder ein Lamm. Und es gibt eben auch immer wieder welche, die sich auf lebende Tiere verlegen. Dann ist es aus mit dem Frieden, und Bóas muss den Übeltäter finden und töten, auch wenn ihm das kein Vergnügen bereitet.«

Da Erlendur nicht wusste, ob der Bauer jetzt einfach nur laut dachte, beschloss er, zu schweigen. Sie gingen weiter über weiches Beerengesträuch, in das sie tief einsanken. Er trat in die Fußstapfen des Jägers und genoss die feuchte Kühle im Gesicht. Er kannte sich zwar in den Bergen aus, verließ sich aber bei diesem Weg voll und ganz auf den Jäger. Deshalb wusste er nun nicht mehr genau, wo sie sich befanden. Der Bauer marschierte sicher und unbeirrt voran. Er redete viel, und es schien ihm gleichgültig zu sein, ob sein Begleiter ihm folgen konnte oder nicht.

»Hier hat sich natürlich einiges verändert durch die Bauarbeiten«, sagte er, hielt an und zog ein Fernglas aus dem Lederbeutel. »Die Natur hat sich verändert. Das schlaue Füchslein hat das natürlich auch spitzgekriegt. Vielleicht traut er sich wegen der Fabriken und dem ganzen Schiffsverkehr nicht mehr runter zum Strand. Wer weiß das schon? Jetzt sind wir bald da.« Dann steckte er das Fernglas wieder in die Tasche.

»Ich habe die Baustelle gesehen, wo die Aluminiumhütte entsteht«, sagte Erlendur.

»Dieses Monstrum!«, schnaubte Bóas.

»Ich war auch oben im Hochland beim Staudamm, ich hab noch nie so ein riesiges Bauwerk gesehen.«

Er hörte, wie sich Bóas griesgrämig etwas in den Bart murmelte, während er weiter bergan stapfte. Dass die das zugelassen haben, glaubte Erlendur zu verstehen, aber er war sich nicht sicher. Er blieb Bóas auf den Fersen und musste darüber nachdenken, wie es geschehen konnte, dass ein derart riesiges Aluminiumwerk in Reyðarfjörður errichtet wurde. Er dachte an die überdimensionalen Frachter, die mit den Baumaterialien für das Kraftwerk und die Industrieanlage am Kai von Reyðarfjörður anlegten. Es war ihm vollkommen unbegreiflich, wie eine skrupellose Firma im fernen Amerika es geschafft hatte, einen friedlichen isländischen Fjord und die unberührte isländische Bergwelt in Besitz zu nehmen und völlig umzukrempeln.

Drei

Bóas blieb mitten in einem Geröllhang stehen und bedeutete Erlendur, das ebenfalls zu tun. Er ging wie der Fuchsjäger in die Hocke und starrte in den Nebel.

Es verging eine ganze Weile, ohne dass sich etwas rührte, doch dann sah er auf einmal den Fuchs in fünfzehn Meter Entfernung. Er starrte die beiden Männer mit aufgestellten Ohren an. Bóas griff so vorsichtig nach seiner Flinte, dass es kaum wahrzunehmen war, doch schon das war zu viel für den Fuchs, er schoss davon und war im nächsten Augenblick im Nebel verschwunden.

»Armes Biest«, sagte der Fuchsjäger. Er erhob sich, schulterte die Flinte und marschierte weiter.

»Ist das der Übeltäter?«, fragte Erlendur.

»Ja, das ist er. Ich kenne die Fuchsbaue hier in der Gegend wie meine Westentasche, und ich glaube, wir sind ganz nahe dran. So ein Bau wird von einer Generation nach der anderen benutzt, und einige sind schon ziemlich alt, ja, ziemlich alt, das kann ich dir sagen, auch wenn sie vielleicht nicht direkt aus der Eiszeit stammen.«

Sie gingen weiter, eingehüllt vom Schweigen der Natur, bis sie zu einem kleinen, aus Steinen aufgeschichteten und mit Moos getarnten Unterschlupf kamen. Bóas sagte, Erlendur solle sich hier ein bisschen ausruhen. Der Wind stehe günstig, er wolle noch ein Stück weiter, um die Lage zu erkunden. Erlendur setzte sich ins Moos und wartete geduldig auf die Rückkehr des Jägers. Er versuchte, sich zu erinnern, was er über den isländischen Fuchs wusste. Er galt als erster Landnehmer und war am Ende der Eiszeit vor zehntausend Jahren auf die Insel gekommen. Erlendur hatte das Gefühl, dass Bóas dem Tier viel Respekt entgegenbrachte, er schien Mitleid mit ihm zu haben und sprach über ihn wie über einen alten Freund. Trotzdem ging er zum Angriff über, wenn es die Notwendigkeit erforderte, und tötete den Fuchs und seine Nachkommen, als sei es eine Tätigkeit wie jede andere.

»Das arme Biest ist da, wir müssen nur ein wenig Geduld haben«, sagte er, nachdem er zurückgekommen war und sich neben Erlendur gesetzt hatte. Er nahm Gewehr und Munition von der Schulter, legte den Lederbeutel neben sich und holte einen Flachmann heraus, den er Erlendur reichte. Der trank einen Schluck und verzog das Gesicht. Bóas brannte offensichtlich schwarz, allerdings weder mit besonders viel Ehrgeiz noch mit Geduld.

»Was ist eigentlich dabei, wenn Höfe verlassen werden?«, fragte Bóas und nahm den Flachmann wieder entgegen. »Das Land war verlassen, bevor wir Menschen hierherkamen, warum sollte es nicht wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren dürfen, wenn die Menschen verschwinden? Wieso muss das Land an irgendwelche Spekulanten verschachert werden, nur um eine ganz natürliche Entwicklung aufzuhalten? Kannst du mir das sagen? Menschen kommen und gehen. Gibt es etwas Natürlicheres?«

Erlendur schüttelte den Kopf.

»Sieh dir den armen Hvalfjörður an, der liegt ja sozusagen bei dir vor der Haustür«, sagte Bóas. »Da stehen zwei Monster rum, die rund um die Uhr Gift über das Land spucken! Für wen? Für irgendwelche wahnsinnig reichen Ausländer, die wahrscheinlich nicht einmal wissen, wo Island auf der Landkarte zu finden ist! Die wollen keine Kohlekraftwerke bei sich vor der Tür, also holen sie sich den Strom billig bei uns!«

Er reichte Erlendur noch einmal den Flachmann, doch der nippte diesmal nur vorsichtig daran. Anschließend zog Bóas ein sorgfältig in einer Plastiktüte verpacktes Bündel aus dem Beutel, das einen fürchterlichen Gestank verbreitete, als er es auswickelte. Es war vergammeltes Fleisch, das er in hohem Bogen in Richtung des Fuchsbaus warf. Dann wischte er sich die Hände im Moos ab und lehnte sich zurück, das Gewehr griffbereit neben sich.

»Der wird das schon bald wittern«, erklärte Bóas.

Eingehüllt von Nebel und Nieselregen saßen sie eine ganze Weile schweigend da, doch dann ergriff Bóas wieder das Wort.

»Du kannst dich natürlich nicht an mich erinnern«, sagte er.

»Sollte ich das?«, fragte Erlendur hustend.

»Nein, unwahrscheinlich«, sagte Bóas. »Du warst ja auch völlig daneben damals. Deine Eltern kannte ich eigentlich kaum, wir hatten nichts miteinander zu tun.«

»Was meinst du? Wieso war ich völlig daneben?«

»Damals«, sagte Bóas, »als wir nach dir und deinem Bruder gesucht haben.«

»Warst du dabei?«

»Ja, ich war dabei. Bei der Suche waren alle dabei. Ich habe davon gehört, dass du manchmal hier in deine alte Heimat kommst, in Bakkasel haust und in die Berge steigst. Dass du hier herumirrst wie ein Spuk und da unten in dem verlassenen Haus schläfst. Du glaubst immer noch, dass du ihn finden kannst.«

»Nein, das tu ich nicht. Reden die Leute darüber?«

»Wir alten Kerle erzählen uns manchmal die alten Geschichten hier aus der Gegend, und dabei ist auch die Sprache darauf gekommen, dass du wieder in die Berge hinaufsteigst. Und es stimmt, wie ich sehe.«

Erlendur verspürte keine Lust, einem Unbekannten Rechenschaft über sein Tun und Treiben oder Auskunft darüber zu geben, wie er sich sein Leben eingerichtet hatte. Hier war er aufgewachsen, und er kam zurück in seine Heimat, wenn er das Bedürfnis danach verspürte. Er unternahm lange Wanderungen und fand es angenehmer, auf dem verlassenen Hof zu sein, als in einem Hotelzimmer zu hocken. Manchmal zeltete er, manchmal legte er seine Matratze in eine trockene Ecke im Haus.

»Kannst du dich an die Suche erinnern?«, fragte er.

»Ich kann mich daran erinnern, wie sie dich gefunden haben«, sagte Bóas, ohne seine Blicke von dem Köder abzuwenden. »Ich war nicht in der Gruppe, doch es sprach sich schnell herum, und wir waren unheimlich froh. Wir waren überzeugt, dass wir deinen Bruder auch finden würden.«

»Er kam um.«

»Ja, so war es wohl.«

Erlendur schwieg.

»Er war etwas jünger als du«, sagte Bóas.

»Ja, zwei Jahre. Er war acht.«

Daraufhin schwiegen sie lange, dann schien Bóas etwas zu bemerken. Erlendur fiel nichts auf, nahm aber an, dass es etwas mit den Vögeln zu tun haben musste, da Bóas ihre Bewegungen aufmerksam beobachtete. Nach einiger Zeit wurde der Jäger wieder ruhiger. Bóas bot ihm eine weitere Scheibe Roggenbrot mit Lammpastete an und dazu das entsetzliche Gesöff aus dem Flachmann. Der Nebel hüllte sie ein wie weiße Daunen. Ab und zu hörte man irgendwo Vogellaute, ansonsten herrschte ringsum Stille.

Er konnte sich nicht an einzelne Mitglieder der Suchmannschaft erinnern. Er kam wieder zu sich, als sie ihn auf dem schnellsten Wege hinunter ins Tal trugen, er war völlig durchgefroren und unterkühlt. Er konnte sich an die warme Milch erinnern, die man ihm unterwegs eingeflößt hatte. Dann war er wieder bewusstlos geworden, kam erst wieder zu sich, als er in seinem Daunenbett lag und der Arzt neben ihm stand. Er hörte unbekannte Stimmen im Haus und wusste, dass etwas Schreckliches passiert war, aber nicht was. Doch dann kam ihm die Erinnerung wieder. Seine Mutter drückte ihn an sich und sagte ihm, dass sein Vater am Leben sei, er habe mit allerletzter Kraft den Weg zum Hof gefunden. Nach seinem Bruder würde immer noch gesucht, und alle seien zuversichtlich, dass er bald gefunden werden würde. Sie fragte ihn, ob er ihnen helfen könnte, ob er den Leuten von der Suchmannschaft genauere Hinweise geben könnte. Er konnte sich aber an nichts anderes erinnern als an den tobenden Schneesturm, der ihn schlug und peitschte und immer wieder zu Boden warf, bis er zum Schluss nicht mehr die Kraft hatte, noch einmal aufzustehen. Er sah, dass Bóas seinen Griff um die Flinte verstärkte. Der Fuchs tauchte aus dem Nebel auf und näherte sich vorsichtig dem Köder. Schnuppernd schlich er geduckt ein paar Schritte näher. Noch bevor Erlendur Zeit hatte, Bóas zu fragen, ob es wirklich notwendig sei, das Tier zu töten, hatte der Jäger bereits geschossen, und der Fuchs lag am Boden. Bóas stand auf und holte den Kadaver.

»Ein Schluck Kaffee gefällig?«, fragte er, als er mit seiner Beute wieder in den Unterschlupf zurückkehrte. Er holte eine Thermosflasche aus seinem Beutel, von der er zwei Becher abschraubte. Er reichte Erlendur einen der Becher mit dampfendem Kaffee und fragte, ob er Milch wolle. Erlendur sagte, er tränke seinen Kaffee schwarz.

»Da muss Milch rein, ohne schmeckt er nicht«, sagte Bóas und kramte in seinem Lederbeutel, fand aber nicht, was er suchte.

»Mist noch mal«, sagte er, »ich hab die Milch vergessen.«

Dennoch trank er einen Schluck Kaffee und fand ihn offensichtlich ungenießbar. Er blickte sich verärgert um, klopfte alle Taschen seiner Wetterjacke ab, so als hätte er den Milchbehälter dort hineinstecken wollen, es aber vergessen. Schließlich blieben seine Blicke an der toten Füchsin hängen, die ganz in der Nähe lag.

»Das ist wohl hoffnungslos«, sagte er schließlich, befühlte die Zitzen des Tieres, aber auch da war nichts zu holen.

Vier

Erlendur ging mit langsamen Schritten auf ein Haus in Reyðarfjörður zu. Er bemerkte eine Frau am Fenster, die ihn anstarrte. Es hatte ganz den Anschein, als hätte sie schon den ganzen Tag dort gesessen und auf ihn gewartet, obwohl er sich nicht angemeldet hatte. Er war sich auch nicht sicher, ob es richtig war, was er da tat. Sein Wissensdrang war aber stärker als der Zweifel.

Beim Abstieg aus den Bergen hatte Erlendur Bóas nach einer Geschichte gefragt, die er als Kind gehört hatte und die ihn seitdem nicht mehr losließ. Auch seine Eltern kannten die Geschichte, so wie seinerzeit die meisten anderen Leute in der Gegend. Vielleicht war diese Geschichte auch einer der Gründe dafür, dass er wieder in die Ostfjorde gekommen war.

»Du bist zur Polizei gegangen?«, hatte Bóas ihn gefragt. »Regelst du den Verkehr?«

»Ich war eine Zeit bei der Verkehrspolizei, aber das ist lange her«, hatte er geantwortet. »Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast, aber heutzutage wird der Verkehr dort mit Ampeln geregelt.«

Bóas grinste. Er hatte sich den Fuchs über die Schulter geworfen, und seine Jacke war blutverschmiert, ebenso seine Hände, auch wenn er versucht hatte, sie im feuchten Moos abzuwischen. Er sei eigentlich davon ausgegangen, über Nacht in den Bergen bleiben zu müssen, sagte er, aber da alles so reibungslos geklappt hatte, war er der Meinung, dass sie die bewohnten Gebiete noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen könnten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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