Eiskaltes Blut - Johannes Maria Stangl - E-Book
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Eiskaltes Blut E-Book

Johannes Maria Stangl

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4,99 €

Beschreibung

Ein Wespennest aus Lügen, zerstörten Träumen und gebrochenen Seelen
Der aufregende Krimi ist nichts für schwache Nerven!

Nachdem ein junger Fußballspieler bei einem Autounfall ums Leben kommt, wird der Fall auf Grund der Bekanntheit des Opfers den Sonderermittlern Dr. Emil Gusenberg und Maryanne Schröder zugeteilt. Schnell wird ihnen klar, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um Mord handelt – und der Fall hat es in sich. Während ihrer Ermittlungen tun sich immer mehr Abgründe auf und sie stechen bald in ein Wespennest aus Lügen, zerstörten Träumen und Menschen, die für Geld und Ruhm über Leichen gehen. Doch als der einzige Tatverdächtige ermordet aufgefunden wird, rennt den beiden Ermittlern die Zeit davon. Denn ein weiterer Mörder treibt sein Unwesen und hat sein nächstes Opfer bereits im Visier …

Erste Leserstimmen
„Ein fesselnder Krimi mit virtuosen Perspektivwechseln und interessanten Einblicken.“
„Der Autor versteht es, die vielen Verstrickungen und das soziale Milieu gekonnt zu schildern.“
„Ein komplexer Mordfall und ein Sumpf aus Korruption dahinter – spannend, rasant und psychologisch nachvollziehbar dargestellt.“
„Dieser Krimi hat mich sehr gefesselt und ist bis zum Schluss gut durchdacht.“

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 543




Über dieses E-Book

Nachdem ein junger Fußballspieler bei einem Autounfall ums Leben kommt, wird der Fall auf Grund der Bekanntheit des Opfers den Sonderermittlern Dr. Emil Gusenberg und Maryanne Schröder zugeteilt. Schnell wird ihnen klar, dass es sich nicht um einen Unfall, sondern um Mord handelt – und der Fall hat es in sich. Während ihrer Ermittlungen tun sich immer mehr Abgründe auf und sie stechen bald in ein Wespennest aus Lügen, zerstörten Träumen und Menschen, die für Geld und Ruhm über Leichen gehen. Doch als der einzige Tatverdächtige ermordet aufgefunden wird, rennt den beiden Ermittlern die Zeit davon. Denn ein weiterer Mörder treibt sein Unwesen und hat sein nächstes Opfer bereits im Visier …

Impressum

Erstausgabe Februar 2021

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-540-9 Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-575-1

Covergestaltung: Vivien Summer unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Vladimir Mulder, © TRR, © Patricia Chumillas, © Steve Collender Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Eiskaltes Blut

Prolog

Wäre Zlatan Dynkin in den letzten Momenten seiner Existenz keine Kugel, sondern sein gesamtes Leben durch den Kopf geschossen – es wäre kein schöner Film gewesen. Seit seiner Geburt in das perspektivlose Grau der Volksrepublik Bulgarien hatte er einen brutalen Kampf geführt, in dem nur die Stärksten überlebten. Früh hatte er begonnen, Drogen zu nehmen und später gedealt. Haftstrafen und Scheidungen wechselten sich ab und am Ende blieb nur der Hass auf seine Umwelt und seine verkorkste Existenz. Ein solches Leben hatte kein Happy End verdient und so starb er – aus mehreren Schusswunden blutend – auf dem nassen Asphalt eines Autobahnrastplatzes. Ein Tod, der sein gesamtes Leben in nur einer Sekunde zusammenfasste.

Sein Bruder Yuri bekam etwas mehr Zeit zum Rekapitulieren. Aber es waren nur die belanglosen Details der letzten Stunden, die ihm durch den Kopf gingen, während er angeschossen vom Fahrersitz seines BMWs rutschte.

Er atmete flach, fast unmerklich. Nur die aufschäumenden und platzenden Blutblasen in seinen Mundwinkeln zeigten, dass er noch unter den Lebenden weilte.

Yuris Blick wurde trüb. Wie waren sie hierhergekommen? Richtig. Langsam fiel es ihm wieder ein. In seinem Kopf hörte er die blecherne Stimme des Navigationsgeräts und den Regen, der als Vorbote eines Unwetters auf die Straße prasselte. Sein Bruder und er hatten sich gestritten, wie so oft. In erster Linie waren sie Geschäftspartner gewesen, dann Brüder. Sie hatten sich gestritten, weil sie spät dran waren. Genau. Das Unwetter hatte sie zu Beginn der Reise aufgehalten, den Verkehr beinahe lahmgelegt und ihnen wertvolle Zeit geraubt. Sie kamen viel zu langsam voran, Zlatan wurde ungeduldig und ungehalten. Immer wieder hatte er ihn aufgefordert, schneller zu fahren. In unserem Metier kann man sich keine Verspätungen erlauben, hatte er gesagt. Yuri schaffte es tatsächlich, einen Großteil der Zeit wieder aufzuholen, und so kamen sie nur ein paar Minuten zu spät an ihrem Ziel an. Der Rastplatz lag still da und war bis auf einen einzigen Lkw mit polnischem Nummernschild leer. Der ideale Ort für die Übergabe. Sie waren allein gewesen. Anscheinend kämpfte ihr Geschäftspartner mit demselben Problem und war noch später dran als sie.

Zlatan hatte vor dem Auto gestanden und geraucht, als diese Frau auftauchte. Yuris Lider flatterten. Da war diese Frau. Dieselbe Frau, die gerade über seinen Bruder gebeugt neben dem Auto stand. Sie war aus dem Lkw gekommen. Er hatte es genau gesehen. Er hatte sie beobachtet, als sie unbeholfen das Führerhaus verließ und in hochhackigen Schuhen die Leiter herunterkletterte. Ihm war klar, was für ein Typ Frau am Abend aus dem Führerhaus eines Lkws kletterte, und mit jedem Schritt, den sie auf ihr Auto zu trippelte, wurde es immer deutlicher. Kurzer Jeansrock, tief ausgeschnittenes Top, platinblonde Haare. Man hätte ihr billige russische Nutte auf die Stirn tätowieren können. Das Top war eng und ziemlich sicher vom Discounter. Es betonte auf unvorteilhafte Art ihre Speckrollen. Die Haare wirkten spröde, irgendwie künstlich. Ihr dümmlicher Gesichtsausdruck rundete das Gesamtbild ab. Yuri kannte diese Art von Frauen. Für ein paar Euro oder eine Tüte Crack waren sie zu allem bereit.

Aber was konnte man auf einem abgelegenen Autobahnrastplatz schon anderes erwarten? Zlatan hatte eine abwehrende Handbewegung gemacht oder hatte er sie herbeigewunken? Yuris Erinnerungen verschwammen. Blut tropfte aus seinem Mund, auf seinen Anzug, den Fahrersitz und die Armaturen. Auf jeden Fall hatte die Glut von Zlatans letzter Zigarette einen Bogen durch die einsetzende Dunkelheit gezogen. Wie ein kleiner Komet am Nachthimmel. Unbeirrt von Zlatans Gesten hatte die Frau ihren Weg fortgesetzt. Erst kurz vor dem Auto war sie stehen geblieben. Dann fiel der erste Schuss. Yuri schloss die Augen, er hatte keine Kraft mehr. Das war nun also sein Ende. Er hatte versagt, dabei hatte er seiner Mutter doch versprochen, auf seinen kleinen Bruder aufzupassen.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte die Frau eine kleine Pistole mit Schalldämpfer aus einem Holster an ihrem Rücken gerissen. Ihre rehbraunen Augen waren starr und gnadenlos. Ohne zu zögern, hatte sie abgedrückt. Zwei Kugeln trafen Zlatan jeweils in die Brust und in den Kopf. Auf dem weißen Hemd zeichneten sich rote Flecken ab, während er schlaff auf den nassen Asphalt sank und mit dem Rücken an die Beifahrertür gelehnt liegen blieb. Drei Kugeln durchschlugen das Seitenfenster des Wagens und ein Hagel aus Glassplittern ergoss sich in den Innenraum. Die Projektile trafen Yuri in die Seite, während er noch unter Schmerzen versuchte, seine Waffe zu ziehen, aber inmitten der Bewegung erschlaffte.

Der Spuk hatte nur wenige Sekunden gedauert, niemand hatte sie beobachtet oder etwas gehört – da war sie sich sicher. Die Fahrzeuge auf der Autobahn rauschten unentwegt an dem Rastplatz vorbei, als wäre nichts geschehen. Sie durfte sich von der trügerischen Ruhe nicht täuschen lassen. Jederzeit konnte ein Wagen auf den Rastplatz fahren. Ein quengelndes Kind, das dringend aufs Klo musste, konnte ihre Mission zum Scheitern bringen.

Mit einem sanften Tritt gegen Zlatans Schulter kippte dieser zur Seite. Der war definitiv tot. Die Frau umrundete das Auto und öffnete langsam die Fahrertür. Yuris voluminöser Körper klappte aus dem Auto und der Oberkörper kam in einer bizarren Haltung kurz über dem Asphalt wieder zur Ruhe. Blutige Blasen bildeten sich in seinen Mundwinkeln. Die Frau hob erneut ihre Waffe und drückte ein letztes Mal ab. Die Kugel durchschlug Yuris Kopf. Blut und Hirn verteilten sich in einem feinen Sprühnebel auf dem kalten Asphalt. Sie steckte die Waffe wieder in ihr improvisiertes Holster, zog hellblaue Latexhandschuhe aus einer der Rocktaschen und aus einer anderen einen transparenten Müllsack. Schnell, aber gründlich tastete sie Yuris toten Körper ab. Sie nahm ihm Portemonnaie, Handy und Pistole ab, sowie den Goldschmuck, den er trug. Hastig stopfte sie alles in den Müllsack. Anschließend lief sie um den Wagen und packte auch Zlatans Papiere, Handy und Schmuck hinzu. Ein letzter Griff und ihr Auftrag war beendet. Die Aktentasche lag genau dort, wo es der Informant gesagt hatte.

Sogar durch die Handschuhe konnte sie die raue Oberfläche des Leders spüren. Sie presste die Tasche an sich und atmete tief durch. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie den Verschluss aufschnappen und griff hinein. Sie musste sich davon überzeugen, dass die Ware vorhanden war. Nach einer hastigen Suche, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, zog sie ein in Papier eingeschlagenes Fläschchen aus einem der Fächer. Es war da. Ihr Plan hatte funktioniert. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Die unschuldigen Grübchen, die sich auf ihren Wangen ausbildeten, standen im krassen Gegensatz zu dem, was sie gerade getan hatte.

Die Frau zog einen Autoschlüssel aus ihrer Rocktasche und drückte auf das Entriegelungssymbol. Auf einem Feldweg hinter dem Klohäuschen flackerten rote Lichter auf. Im selben Moment startete der Motor des Lkws. Die Scheinwerfer der Zugmaschine erwachten zum Leben und ließen bizarre Schatten über die Szenerie tanzen. Die Frau zog sich ihre Pumps aus und lief barfuß über den nassen Asphalt. Auf halbem Weg zum Auto riss sie sich die Perücke vom Kopf. Ihre kastanienbraunen Haare waren zu einem biederen, kurzen Pferdeschwanz gebunden. Am Auto angekommen, entledigte sie sich des Restes ihrer Verkleidung. Sie streifte den Rock ab und zog sich eine enge dunkle Röhrenjeans an, dazu schwarze Stiefel. Das Top mit den eingenähten Speckfalten wich einem eleganten Rollkragenpullover. Sie verstaute alles im Kofferraum des Kleinwagens und verließ kurz nach dem Lkw ebenfalls den Rastplatz.

Kapitel 1

Die Schmerzen begleiteten Malte Kramer nun seit Jahren, kein Tag verging ohne sie. Eine furchtbare Routine, an die er sich nie gewöhnt hatte. Wie ein Wanderzirkus war er durch das halbe Land gezogen, von Spezialist zu Spezialist, von Schulmedizinern zu Schamanen. Doch keiner konnte ihm helfen. Operationen, Krankengymnastik, Aromatherapie – er hatte alles probiert. Nichts half und nun hatte er resigniert. Er hatte sich damit abgefunden, nie wieder normal laufen zu können. Sein aktueller Hausarzt, den er aufgrund der räumlichen Nähe aufsuchte, verschrieb ihm regelmäßig starke Schmerzmittel, die in der Lage waren, seine Existenz erträglicher zu gestalten. Die Pillen betäubten zwar die Schmerzen, aber sie betäubten auch ihn, ließen seinen Geist in einem trüben Nebel zurück. Der weiße Blister mit den Filmtabletten, vor drei Tagen aus der Apotheke geholt, lag auf der Lehne seines Sofas. Fast leer.

Sein Bein schmerzte wie jeden Morgen. Sein Knie war fast ganz steif und das Gefühl in seinem Fuß ließ von Tag zu Tag mehr nach. Lange würde es nicht mehr dauern, bevor er endgültig ein nutzloser Krüppel sein würde. Er richtete sich langsam auf und streifte die Decke ab. Er besaß kein Bett, nur ein Sofa, auf dem er schlief, aß und einen Großteil der Zeit totschlug, die er in seinem persönlichen Gefängnis absitzen musste. In seiner erbärmlichen Einzimmerwohnung war für ein Bett kein Platz.

Reflexartig griff er nach der Pillenpackung und der Wasserflasche, die auf dem Boden stand. Seit einer gefühlten Ewigkeit begann er so seine Tage. Doch heute nicht. Heute würde er das Ticket in den Nebel nicht lösen, nicht lösen können. Er musste etwas erledigen. In der letzten Nacht hatte er kaum und vor allem schlecht geschlafen. Er war lange unterwegs gewesen, rastlos durch die Stadt gehumpelt, hatte die Orte besucht, an denen damals alles begonnen hatte. In ihm tobte ein Wirrwarr von Gefühlen. Er war wütend, verzweifelt, traurig, aber auch ängstlich. Sekündlich wechselten die Gemütszustände und setzten seiner Psyche zu. Er hatte Angst um seine Zukunft, deren Aussicht immer düsterer wurde, ohne den Anflug eines Lichtes am Horizont. Doch ein Gefühl stach aus diesem tosenden Gewirr heraus. Schuld. Er fühlte sich schuldig. All die Jahre hatte er sich in Selbstmitleid gebadet. Hatte aus Scham und Angst geschwiegen. Wäre er an die Öffentlichkeit getreten, wäre wahrscheinlich alles anders geworden. Er hatte vorgehabt, sie alle ans Messer zu liefern. Als er im Krankenhaus gelegen hatte, kurz nach der ersten Operation, waren sie gekommen. Erzählten ihm, dass sie wüssten, wo seine Eltern lebten, wie seine Neffen hießen und wo sie zur Schule gingen. Sie hatten ihm mit keinem Wort gedroht. Dennoch war die Botschaft klar – und dann war da noch das Geld. Zuckerbrot und Peitsche, mit dieser Kombination hatten sie ihn lange ruhig gehalten. Er hatte es sich in dieser Kuschermentalität über die Jahre gemütlich gemacht. Er hatte immer zu viel zu verlieren, als dass er einen seiner Pläne jemals umgesetzt hätte. Bis jetzt.

Er ließ die Wasserflasche zu Boden gleiten, wo sie mit einem dumpfen Geräusch auf dem dunklen Teppichboden zum Stehen kam. Nein. Jetzt nicht. Er warf den Blister neben die Flasche. Er brauchte einen klaren Kopf. Es gab so viel zu erledigen. So lange hatte er das ignoriert, was ihm passiert war. So lange hatte er gezögert, aber nun war er gezwungen, etwas zu tun. Es gab keine Ausflüchte, keine Ausreden und keinen Aufschub mehr. Die Ereignisse der letzten Tage hatten den Anstoß gegeben, diesen alles verändernden Schritt endlich zu wagen. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Er konnte und wollte mit dieser Schuld nicht weiterleben. Was die Mischung aus Wut, Hass und Verzweiflung, die seit diesem verdammten Tag in ihm gor, nie geschafft hatte, schaffte nun endlich der Wunsch nach Sühne. Er würde die Schatten der Vergangenheit angreifen und endgültig zu vernichten wissen. Sie hatten ihm einen geliebten Menschen genommen. Yannick war mehr als nur ein Freund gewesen. Sie würden ihrem gerechten Schicksal nicht entgehen können. Egal, was es ihn kosten würde. So lange hatten sie ihn gequält, doch bald würde er davon erlöst werden.

Er wuchtete sich mit den Armen nach oben, belastete sein gesundes Bein mit seinem gesamten Gewicht und humpelte in Richtung Bad. Es war jeden Tag dasselbe grausame Ritual. Die erste halbe Stunde des Tages konnte er kaum laufen. Erst nachdem er eine Weile gehumpelt war, erlaubten sein Körper und die Pillen ihm, einigermaßen normal zu laufen. Doch die Zeitspanne, bis die Verbesserung einsetzte, wurde von Tag zu Tag länger, der Verfall nagte an ihm. Er hasste es. Früher hatte er normal gehen, rennen, springen, tanzen können, einfach alles. Bis zu diesem verdammten Tag. Es hatte der erfolgreichste Tag in seinem bisherigen Leben werden sollen, er wurde zu dem Tag, an dem er in die Bedeutungslosigkeit geschleudert wurde.

Er drehte den Wasserhahn auf und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Die Wasserspritzer perlten von seinen knochigen Wangen ab und tropften in das versiffte Waschbecken. Sie bahnten sich den Weg durch Bartstoppel und Seifenreste in den Abfluss und verschwanden. Sollten doch die Nachmieter diesen Saustall in Ordnung bringen. Er würde es sicher nicht mehr tun. Der Wecker klingelte erneut und signalisierte ihm, dass er sich beeilen musste.

Es war Viertel nach acht und er hatte heute viel vor. Er zog sich die Jeans an, die er kurz vor Sonnenaufgang achtlos in der Mitte seines Zimmers auf den Boden geworfen hatte, kramte ein frisches Shirt aus dem Schrank und zog seine Schuhe an. Die braunen Halbschuhe waren eine Spezialanfertigung gewesen und mit das Letzte, das die Krankenkasse bezahlt hatte.

Das Erste, was auf seiner Liste stand, war simpel und im Vergleich zu den anderen Aktivitäten legal: Er musste Vorräte einkaufen. In der letzten Nacht hatte er sich für einen Plan entschieden. Über die Jahre hatte er sich dutzende gemacht. Nun war es also soweit, er würde einen von ihnen in die Tat umsetzen. Wenn alles so klappte, wie er es sich vorstellte, würde er nach seinem ersten Schachzug keine Zeit mehr haben, um sich mit solch banalen Sachen zu befassen.

Am Eingang des Supermarktes griff er sich einen Einkaufswagen und mischte sich unter die Hausfrauen und Rentner, die schon früh am Morgen durch die Gänge schlichen und für das Mittagessen einkauften. Während in den Einkaufswagen der anderen Kunden frisches Gemüse, frisches Obst oder Fleisch landete, humpelte der einsame Mann an all diesen Regalen vorbei und steuerte zielsicher zu den Konserven und Fertiggerichten. Ravioli, Tütensuppen, abgepacktes Brot, Cracker und vieles mehr landeten in seinem Einkaufswagen. Dazu kamen Wasser in Plastikflaschen und ein paar Softdrinks. Ein seltsames Gefühl beschlich ihn bei jedem Produkt, das er in den Einkaufswagen legte. Würde er es wirklich durchziehen? Alles würde sich ändern. Er könnte im Gefängnis landen, wenn es nicht funktionierte. Noch könnte er umdrehen und sein Leben weiterleben. Aber war er nicht ohnehin schon in einem Gefängnis? Er schüttelte die Zweifel ab. Der Einkauf war schnell erledigt. Essen und Trinken für zwei Personen für sieben Tage. Er verstaute alles im Kofferraum und auf der Rückbank seines Autos. Der erste Schritt war getan. Obwohl er nur einkaufen war, fühlte er sich wie nach einem Fallschirmsprung.

Es hatte begonnen.

Der nächste Punkt auf seiner imaginären Checkliste sah vor, das Versteck vorzubereiten. Hier verließ er den Pfad der Legalität.

Er hatte die Gartenlaube am Rand der Schrebergartensiedlung zwischen den Bahngleisen und dem Zentralfriedhof schon vor Monaten besucht. Die kleine braun-grüne Wellblechhütte gehörte seiner ehemaligen Nachbarin. Die alte Frau hatte nach dem Tod ihres Mannes allein in der Wohnung im Stockwerk über ihm gewohnt und ihn in regelmäßigen Abständen um Hilfe gebeten. Er half ihr, so gut er es mit seinem Bein konnte, mit den Einkäufen oder erledigte kleine Aufgaben im Haushalt. Die alte Dame stellte einen seiner wenigen sozialen Kontakte dar. Den Kontakt zu seiner Familie war schon lange abgebrochen. Nur mit seiner Halbschwester Steffi stand er noch sporadisch in Verbindung. Was aus reiner Höflichkeit begonnen hatte, entwickelte sich, im Nachhinein betrachtet, unbewusst zu einer Symbiose, die seine Pläne erst möglich machte. Sie hatte ihm von dem Schrebergarten erzählt, dass er ihrem Mann gehöre und dass sie seit dessen Tod nicht mehr dort gewesen war und auch nicht vorhatte, es noch einmal zu tun. Sie beschwerte sich oft und laut drüber, dass ihre Kinder sich nie bei ihr meldeten und erst dann kommen würden, wenn es ums Erbe ging. Die alte Frau hatte ihm den Schlüssel zu der Anlage gegeben, zusammen mit der Bitte, ein paar persönliche Gegenstände zu holen. Das hatte er zwar getan, den Schlüssel aber nicht wieder abgegeben. Vor einem halben Jahr war bei der freundlichen alten Dame eine Altersdemenz diagnostiziert worden. Im Verlauf der Krankheit baute sie schnell ab und vor wenigen Wochen war sie dann zum Pflegefall geworden und in ein Altenheim gekommen.

Über die Parzelle und den Schlüssel verlor niemand ein Wort und so konnte er sicher sein, dass, solange die alte Dame lebte, niemand ein gesteigertes Interesse an der Hütte in der Schrebergartensiedlung zeigen würde. Erst mit ihrem Tod würden die plündernden Horden – wie sie ihre Kinder selbst genannt hatte – feststellen, dass es dieses Grundstück noch gab. Bis dahin musste er fertig sein. Bis dahin würde er fertig sein.

Die Schrebergartensiedlung war perfekt als Operationsbasis geeignet. Sie lag von den Wohnvierteln rundherum abgeschieden und trotzdem gut mit dem Auto zu erreichen. Genauso, wie es sich der gestresste Kurzurlauber wünschte. Rechts die kaum genutzten Bahngleise, links der Hauptfriedhof, die ruhigsten Nachbarn, die man sich vorstellen konnte. Hier im Herzen der Mittelschicht wirkte Westheim friedlich, fast schon wie eine Idylle aus einem Heimatroman. Erst wenn man herauszoomte, erkannte man, dass es nur ein weißer Fleck auf einer schwarzen Weste war.

Er fuhr mit seinem Wagen so nah wie möglich an das Tor der Siedlung. Aus der asphaltierten Straße wurde zuerst ein geschotterter Weg, der nach kurzer Zeit in einer Wiese auslief und vor einem kleinen, grünen Tor endete. Schrebergartensiedlung Kolmannsmoos war in krummen weißen Buchstaben auf die Tür gepinselt worden. Viele der Hütten waren schon winterfest gemacht worden und die Besitzer ließen sich nicht mehr so oft blicken. Neben dem Tor legte ein großer Haufen Sperrmüll Zeugnis von den Aufräumaktionen der Bewohner ab. Kaputte Tische, Plastikstühle und Müllsäcke warteten auf ihr Schicksal. Ein kleiner gelber Spielzeugbagger war achtlos auf den Haufen geworfen worden.

Malte Kramer besaß zwar den Schlüssel für das Tor und die Hütte, dennoch blieb er lieber ungesehen. Er wollte nicht, dass die anderen Gärtner Fragen stellten, auf die er vielleicht keine Antworten geben konnte. Er stieg aus, schloss das Eingangstor der Anlage auf und sondierte die Lage. Die Schrebergartenanlage war auf den ersten Blick menschenleer. Die Hütte der alten Frau lag fast am Ende des schlauchartigen Grundstücks. Er packte den Einkauf in mehrere Tüten und lief los. Obwohl er so viel wie möglich auf einmal schleppte, musste er dreimal gehen. Rechts und links von dem kleinen Weg zweigten die Grundstücke ab. Was manche Menschen hier für einen Aufwand trieben, war schon enorm. Englischer Rasen, Teiche, einer der Bewohner hatte sogar eine Outdoor-Miniatureisenbahnstrecke im Garten. Im Vergleich zu den Hütten der Nachbarn sah die Hütte der alten Dame klein und schäbig aus. Schon vor dem Tod ihres Mannes war hier wohl nicht mal mehr das Nötigste gemacht worden. Der Rasen überwuchert von Unkraut und Moos. Die dunkelblaue Farbe des Gartentors blätterte an vielen Stellen ab.

Er schloss die Tür zur Hütte auf und trat ein; es roch muffig. Seit Monaten war hier nicht mehr gelüftet worden. Es war dunkel und staubig. Er zog die Vorhänge auf und öffnete das Fenster. Die Sonne warf ihr warmes Licht auf die spartanische Inneneinrichtung. Die letzten Ausläufer des goldenen Herbstes trotzten dem anrückenden Winter. Lange würden sie ihm nicht mehr die Stirn bieten können. Eine Eckbank, ein Tisch und ein paar Stühle in der einen Ecke, ein Sofa und ein paar leere Regale in der anderen, mehr beinhaltete seine neue Heimat nicht. In einem kleinen Anbau hinter der Hütte befand sich ein Bad, nicht mehr als ein Klo und ein Waschbecken für die Katzenwäsche.

Er verstaute die Vorräte und seine Sporttasche mit den Gebrauchsgütern in der kleinen Gartenlaube und begann, sich einzurichten. Der Einkauf wanderte in die leeren Regale, die er in einem Anflug von Häuslichkeit vom Staub befreit hatte. Er bereitete eine Isomatte, einen Schlafsack sowie einen kleinen Stromgenerator für sich und seine Schwester vor, bevor er die Fenster wieder schloss und die Vorhänge zuzog. Er wollte einer eventuellen Entdeckung durch Licht oder Bewegung vorbeugen. Niemand sollte bemerken, dass die Hütte wieder bewohnt war. Er schaute auf die Uhr. Kurz nach elf. Es wurde Zeit, die nächsten Punkte der Liste abzuarbeiten.

Kapitel 2

Jahrhunderttalent stirbt in Flammenhölle.

Die großen, weißen Buchstaben füllten das gesamte obere Drittel der Montagsausgabe des Westheimer Kuriers aus. Unter der Schlagzeile war das Foto eines jungen Mannes abgedruckt; das offizielle Spielerfoto der laufenden Saison. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, die Haare nach oben gegelt, ein schüchternes Lächeln auf den Lippen. Es unterschied sich nur in zwei Punkten von dem Sammelbild Nummer 138 aus dem Panini-Album: Es war von der Redaktion des Kuriers mit einem Schwarz-Weiß-Filter und Trauerflor bearbeitet worden. Neben dem Bild des Toten war ein Foto des Unfallorts abgedruckt. Der Sportwagen, in dem Yannick Lutzendorf verunglückt war, stand quer zur Fahrbahn, die Front des Autos war durch den Aufprall gegen einen Baum stark deformiert worden. Flammen loderten aus dem Motorraum und der Fahrerkabine und zerrissen die nächtliche Szenerie. Feuerwehrleute versuchten die Flammen einzudämmen. Der Schein der Blaulichter spiegelte sich in den Löschwasserpfützen auf dem Asphalt.

Gusenberg las den Text unter dem Foto:

Am späten Freitagabend gegen 23:00 Uhr ist es auf der Umgehungsstraße B 589 bei Westheim unter bisher nicht geklärten Umständen zu einem tödlichen Unfall gekommen. Der 21-jährige Fußballer Yannick Lutzendorf, Spieler des SFC Westheim, ist mit seinem Auto von der regennassen Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Der Wagen fing sofort Feuer. Die eintreffenden Rettungskräfte konnten den jungen Sportler nur noch tot aus dem Fahrzeug bergen. Lesen Sie alle Details und Reaktionen auf den Seiten 4-6.

Gusenberg betrachtete das brennende Auto. Immer wieder beeindruckend, wie schnell doch der Kurier vor Ort war und wie ausführlich er bei einer so dürftigen Faktenlage berichtete. Viele Bilder, wenig Text: ein typischer Kurier-Bericht. Eigentlich sollte es ihn nicht mehr wundern. Nicht mehr, seit er erlebt hatte, was mit Paul Esch passiert war. Er blätterte auf die erwähnten Seiten. Hauptsächlich große Farbbilder des Wracks. Von allen Seiten, brennend und gelöscht. Ein Überblick über das kurze Leben des Fahrers. Seine großen Triumphe, ein Foto von der Pokalfeier im letzten Jahr. Unter dem metaphorischen Foto eines leeren Spinds war eine Reihe von Tweets und Kommentaren der Lokalprominenz abgedruckt.

Der Ermittler ließ die Zeitung sinken, faltete sie in der Mitte zusammen und warf sie verächtlich auf seinen Schreibtisch. Die meisten Kollegen hatten dieselbe Meinung zum Kurier wie er. Für deren Sensationsreporter war kein Manöver zu billig und keine Täuschung zu verwerflich, um als Erster die großen Themen zu bekommen. Auch dieses Mal hatten sie ganze Arbeit geleistet. Yannicks Leiche war noch nicht kalt, da war der Artikel schon geschrieben und über den Äther geschickt.

Er stand auf und lief zum Getränkeautomaten am Ende des Flurs. Gusenberg zählte eine Handvoll Münzen ab und wählte den Orangensaft aus. Als er den Strohhalm in den Karton stieß, war er zum ersten Mal seit Langem froh, bei der Mordkommission zu arbeiten. Er wollte sicher nicht mit den Kollegen tauschen, die Yannicks Tod untersuchten. Der Fokus der lokalen Medien war ihnen sicher und die überregionalen Zeitungen und Fernsehsender würden nicht lange auf sich warten lassen. Wie die Geier würden sie über der Stadt kreisen. Karrierefördernd würde diese Geschichte nicht werden. Er zog am Strohhalm und lief gemächlich in sein Büro zurück. Neben der Zeitung lag nur noch eine Akte auf seinem Schreibtisch. Im Moment war es überraschend ruhig in Westheim. Seine Kollegen und er arbeiteten parallel an zwei Fällen. Maryanne und er hatten einen Raubmord in der Nordstadt auf den Tisch bekommen. Die Spurenlage war bisher dünn, aber Gusenberg war sich sicher, dass er den oder die Täter bekommen würde. Am Ende bekam er sie alle. Für die einen war das die pure Arroganz, die da aus ihm sprach. Für ihn waren es nackte Tatsachen, die rational und logisch auf Fakten basierten. Einen Mord zu begehen, war für die meisten Menschen eine einmalige Sache. So etwas konnte man nicht üben, es gab keine Generalprobe. Häufig geschahen die Taten spontan und damit vogelwild in der Durchführung, aber auch die geplanten Morde zeugten oft von einem fehlenden forensischen Sachverstand. Für den Täter gab es immer nur eine Chance, damit davonzukommen. Für ihn und seine Kollegen jedoch war es Routine – sie hatten die Übung, den Sachverstand und die Ausrüstung. Es war ein ungleicher Kampf. Im letzten Jahr hatte seine Aufklärungsquote bei 99,7 Prozent bei den bearbeiteten Tötungsdelikten gelegen. Eine Statistik, auf die sich der Bürgermeister und der Polizeipräsident beriefen, wenn der schlechte Zustand der Polizei diskutiert wurde. Zumindest Gusenbergs Abteilung hielt, was sie versprach. Die Sitte, das Drogendezernat, selbst die Kollegen, die sich mit Schwarzarbeit und illegalen Einwanderern befassten, waren über das Maximum belastet. Immer wieder platzten Ermittlungen oder Gerichtsverhandlungen aufgrund von Fehlern und Versäumnissen.

Gusenberg setzte sich an seinen Schreibtisch und griff sich den Raubmord. Das Opfer, Frank Jung, war in seinem Auto erstochen worden. Der Angreifer hatte eine ziemliche Sauerei veranstaltet. Über ein Dutzend Stiche in die Brust und in den Bauch. Gusenberg betrachtete die Aufnahmen. Irgendwas war in dieser Nacht gehörig schiefgegangen, sowohl das Opfer als auch der Täter hatten sich den Abend sicher anders vorgestellt. Er überflog das Vorstrafenregister des Opfers. Vor seinem inneren Auge bildeten sich Franks Leben und sein Charakter ab. Er war ein kleines Licht. Vorstrafen wegen Drogendelikten, Hehlerei und Körperverletzung. Trotzdem hatte er in neununddreißig Jahren nur einmal gesessen. Im Jahr 1997, weil er im Alkohol- und Drogenrausch seine Freundin verprügelt hatte. Respekt, bis zu diesem Abend hatte er sich erfolgreich durch sein verkorkstes Leben gewuselt. Gusenberg konnte in den Unterlagen weder eine aktuelle Adresse noch eine Notfallnummer, einen Verwandten oder eine Kontaktperson finden. Keiner würde Frank Jung vermissen. Ein weiterer Niemand, der für immer verschwand. Der Ermittler verteilte Fotos, Formblätter und Notizzettel auf dem Schreibtisch. Die Bestandsliste des Autos las sich wie das Angebot eines Ramschladens. Anscheinend hatte Jung in dem alten Passat gewohnt, beziehungsweise gehaust. Schlafsack, Kissen, Nahrungsmittel, dreitausend Euro in kleinen, abgegriffenen Scheinen. Gusenberg stutzte. Das war wie in so einem billigen Fernsehquiz. Was passt hier nicht in die Reihe – rufen Sie jetzt an, wir ziehen Ihnen auch ganz sicher nicht das Geld aus der Tasche. Er blätterte zum Bericht der Spurensicherung und der Forensik. Der Sachbearbeiter hatte ein Wort auf dem Bogen zweifach unterstrichen und eingekreist. Er blätterte zurück und prüfte den Fundort des Wagens und der Leiche. Ein letzter Blick auf die Bestandsliste des Wagens – der Fall war klar. Er musste den Täter nur noch einsacken. Der Ermittler wollte gerade zum Telefon greifen, um einen Gefallen einzufordern, als sich die Bürotür öffnete und seine Kollegin eintrat.

„Morgen, du bist spät dran, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Ist etwas mit deinen Kindern?“, fragte Gusenberg seine sonst stets pünktliche Kollegin.

„Nein, die beiden Racker sind gesund und munter, ich wurde von der Chefetage aufgehalten, Frau Weber persönlich wollte mich sprechen. Aber anscheinend hast du die Wartezeit sinnvoll überbrückt.“

Sie deutete auf die Ausgabe des Kuriers, die auf Gusenbergs Schreibtisch lag. „Seit wann kaufst du dir dieses Schundblatt?“ Maryanne schaute ihren Kollegen fragend an.

„Das“, der Ermittler deutete auf die Zeitung, „habe nicht ich gekauft, sondern einer meiner Nachbarn. Er ist im Urlaub, hat aber sein Zeitungsabo nicht abbestellt. Nun helfe ich ihm, das Altpapier rauszubringen. Jeden Tag ein bisschen.“

„Du stiehlst deinem Nachbarn die Zeitung?“ Maryanne zog verschwörerisch die Bürotür zu. Die Dartscheibe schlug sanft gegen die mit Löchern übersäte Innenseite der Tür.

„Quatsch, ich stehle doch nicht. Ich nehme mir nur für die nächsten zwei Wochen jeden Morgen seine Zeitung aus dem Briefkasten, sonst quillt der innerhalb kürzester Zeit über und hat keinen Platz mehr für die wichtige Post.“

„Du stiehlst sie ihm aus dem Briefkasten“, warf Maryanne halb ernst, halb belustigt ein.

„Egal.“ Gusenberg zuckte mit den Schultern. „Offensichtlich gibt es kein Verb in der deutschen Sprache für diesen speziellen Fall von Eigentumsübertragung.“

„Ist ja schon gut.“ Maryanne winkte ab. „Aber es ist gut, dass du dich schon in unseren neuen Fall eingelesen hast.“

„Eingelesen?“ Gusenberg klang beleidigt. „Ich habe schon eine heiße Spur. Ich wollte gerade Hugo anrufen, um die letzten Infos zu bekommen.“

Maryanne war überrascht. „Was hat Hugo mit dem Unfall zu tun? Waren Drogen im Spiel?“

„Unfall? Es war Mord!“

Für einen Moment schwiegen beide, bevor Gusenberg begriff, was seine Kollegin mit dem neuen Fall gemeint hatte.

„Nein!“ Der Ermittler lehnte sich theatralisch im Stuhl zurück. „Das ist nicht dein Ernst? Unser neuer Fall? Der Unfalltot von Lutzendorf? Das fällt doch gar nicht in unseren Aufgabenbereich! Haben die von der Verkehrssicherheit alle Urlaub oder müssen die ihre Pylonen zählen? Bitte sag mir, dass das ein Witz ist! Wir haben doch schon einen Fall zu klären.“ Ihm war seine morgendliche Schadenfreude, die er beim Lesen der Zeitung empfunden hatte, noch gut im Gedächtnis. So müsste Karma funktionieren, wenn man denn dran glaubte.

„Die Chefin will, dass alles nach Vorschrift und mit dem besten Personal gemacht wird. Immerhin handelt es sich bei dem Toten um eine Person des öffentlichen Interesses.“ Person des öffentlichen Interesses – was für ein ekliges Bürokratendeutsch. Genauso wurde in der Etage des Reviers gesprochen, die nun endgültig den Kontakt zur Realität verloren hatte. Gusenberg schwieg und ließ seine Kollegin fortfahren.

„Es soll kein mediales Fiasko werden wie die Sache vor zwei Monaten mit Paul.“ Gusenberg erinnerte sich gut. Im Fall eines Doppelmords an zwei Drogendealern hatte der Beamte, der die Untersuchungen geleitet hatte, nach einer Reihe von Ermittlungsmisserfolgen und Fehlern seinen Hut nehmen müssen. Der Kurier hatte einen vernichtenden Artikel verfasst und der leitende Beamte anschließend den Redakteur verprügelt. Obwohl er Paul Esch weder gemocht noch für besonders kompetent gehalten hatte, tat er Gusenberg ein bisschen leid – bis jetzt.

„Sehe ich das richtig?“ Gusenberg sprach betont langsam, als würde er versuchen, einen komplexen Sachverhalt wiederzugeben. „Nur, weil Esch es nicht geschafft hat, seine Ermittlungen anständig zu führen, muss ich jetzt draußen im Regen rumhampeln und Verkehrspolizist spielen?“

„Hör auf zu jammern!“ Maryanne unterbrach ihn ungewohnt barsch. Gusenberg hatte zu tief in der frischen Wunde herumgestochert. „Und nur, dass das klar ist, Paul ist ein guter Ermittler. Er hatte einfach nur Pech!“ Mit einer energischen Handbewegung bedeutete sie ihm, dass die Diskussion beendet war. „Können wir uns nun wie die Profis, die wir sind, um die Angelegenheit kümmern? Der Wagen des Toten steht unten bei der Spurensicherung und die Leiche ist in der Gerichtsmedizin.“

„Dann muss es ja sein, ich habe keine Wahl. Auch wenn es nervig wird, so wie es aussieht, ist es ja schnell erledigt.“ Der Ermittler warf das leere Trinkpäckchen in den Papierkorb und stand auf. „Schauen wir erst einmal, was Brandt für uns hat.“

Brandts Büro besaß die Größe einer Abstellkammer, trug zum Ausgleich jedoch einen riesigen Titel vor sich her: Zentrum für kommissionsübergreifende Ermittlungen. Hier liefen alle Fälle, Akten und Informationen zusammen, auf die mehrere Abteilungen im Haus gleichzeitig angewiesen waren. Deshalb und weil das Büro über keine Lüftung verfügte, stand Brandts Tür immer offen. Als die Ermittler eintrafen, thronte der Herzkönig von Akten eingerahmt über seinen DIN A4 großen Untertanen. Die Gemeinsamkeiten zwischen der Spielkarte und dem Beamten beliefen sich nicht nur auf Äußerlichkeiten, auch Brandts herzlicher Charakter wurde durch sein Skatblattpendant hervorragend porträtiert. Heute jedoch hatte Brandts gute Laune schon um acht Uhr morgens Feierabend gemacht. Seine Begrüßung kam nicht über ein gemaultes: „Moin“, hinaus und er ohne Umschweife auf den Punkt. „Den Unfall haben die Kollegen von Wagen 19 aufgenommen, alles streng nach Vorschrift.“ Er nahm die Fallakte Lutzendorf und breitete den Inhalt aus.

„Wir haben den vorläufigen Unfallbericht samt Skizzen des Ortes und des mutmaßlichen Hergangs, sowie den Bericht der Forensik. Das Gutachten der Rechtsmedizin steht noch aus“, fasste Brandt zusammen.

„Zeugen gibt es keine?“, fragte Maryanne, die durch den Stapel Bilder auf dem Tisch blätterte.

Brandt schüttelte den Kopf. „Keine direkten Zeugen. Ein Taxifahrer war ein paar Minuten später am Unfallort, er war es auch, der den Notruf abgesetzt hat. Der Anruf ging um 23:04 Uhr bei der Rettungsleitstelle ein. Seiner Aussage nach brannte der Wagen zu diesem Zeitpunkt schon lichterloh.“

Maryanne seufzte. „Das ist mau.“

Gusenberg nahm sich eines der Fotos des Unfallwagens. Er war von der Spurensicherung auf einer olivgrünen Plane aufgebahrt worden. Das Feuer hatte das künstliche Fleisch vom Aluskelett gefressen. Um den Wagen war das gesamte Arsenal der Spurensicherung verteilt. Für den unbedarften Betrachter musste es wirken, als wolle jemand den Wagen restaurieren. Auf den zweiten Blick wurde selbst Menschen, die nichts von Autos verstanden – wie Gusenberg – klar, dass nichts mehr zu retten war.

Der ehemals schwarze Lack des Autos war einer weiß-grauen Patina gewichen, der Innenraum ausgebrannt, die Kunststoffarmaturen zu formlosen Klumpen zusammengeschmort und die Karosserie durch die Hitze vollkommen verzogen. Der arme Junge hatte keine Chance gehabt, diesem Inferno zu entgehen. Dem Ermittler fiel das Foto in der Zeitung wieder ein. Die Flammen mussten mindesten drei Meter in den Nachthimmel geragt haben. Gusenberg ertappte sich bei dem Gedanken, dass er dem jungen Fahrer einen schnellen, schmerzfreien Tod beim Aufprall wünschte. Der Tod war niemals sanft, egal wie oft friedlich entschlafen in den Todesanzeigen geschrieben stand. Trotzdem gab es bessere Arten abzutreten, als lebendig in seinem Auto zu verbrennen, vielleicht noch bei vollem Bewusstsein, eingeklemmt und ohne eine Chance, sich zu befreien. 

„Aus irgendeinem Grund ist der Junge ohne zu bremsen gegen den Baum gefahren.“ Nüchtern fasste Maryanne die bisherigen Erkenntnisse in einem Satz zusammen.

„Alkohol, Ablenkung oder Suizid?“ Gusenbergs Worte hingen halb als Aussage, halb als Frage in der Luft des Büros.

„Obwohl ich von einem Fall weiß, wo ein Mädchen auf diese Art Suizid begangen hat, halte ich die anderen beiden Möglichkeiten für wahrscheinlicher“, sagte Maryanne im selben abwägenden Tonfall.

„Deine Meinung teilen nicht alle.“ Brandt rief die Internetseite des Kuriers auf. Gusenberg und Maryanne scharten sich um Brandt. „Ernsthaft?!“, platzte es aus Gusenberg heraus. „Wurde Yannick in den Tod gemobbt?“, las er die Schlagzeile laut vor. „Seit wann ist der Artikel online?“, fragte der Ermittler. „Und viel wichtiger: Wer hat das geschrieben?“

Brandt scrollte ans Ende des Artikels.

„Da!“ Maryannes Finger schnellte nach vorn und hinterließ einen Fettfleck auf dem Kürzel des Autors. „Ich wusste es! Verdammt, dieses dämliche Arschloch!“

Brandts Blick wanderte fragend zwischen Maryanne und Gusenberg hin und her.

„ML steht für Moritz Lankau. – Der Verfasser dieses Artikels hat auch den Artikel über Esch verfasst“, klärte Gusenberg seinen Kollegen auf. In Brandts Büro breitete sich eine unangenehme Stille aus, die sich zu gleichen Teilen aus Unsicherheit, Unwissenheit und Wut zusammensetzte. Kurz bevor die Stille unerträglich wurde, ergriff Gusenberg erneut das Wort. „Hast du den Artikel gelesen, Peer?“

Brandt nickte. „Wenig bis null Substanz. Lankau schreibt, dass der Redaktion Informationen über Drohbriefe und verbale Attacken auf Yannick Lutzendorf vorlägen. Diese Informationen kommen aus Yannicks engstem Kreis, aber wer es ist, wird nicht gesagt.“

„Das war ja klar.“ Maryanne hatte sich wieder gefangen und war sichtlich bemüht, einen sachlichen Ton anzuschlagen. „Wir brauchen diese Quelle. Wenn es Drohungen gegeben hat, müssen wir der Sache nachgehen.“

„Lankau wird sie dir nicht nennen“, warf Gusenberg ein. „Zumindest nicht, ohne einen richterlichen Beschluss oder einen dreckigen Deal. Du kennst ihn, wahrscheinlich ist es nur wieder heiße Luft.“

„Das werden wir ja sehen.“ Maryanne ließ es sich nicht nehmen, selbst in der Redaktion des Kuriers anzurufen. Eine junge Frau stellte sie nach einem Moment in der Warteschleife zu Lankau durch. Dieser ging erst nach einem dutzend Mal Klingeln an den Apparat. Gusenberg war sich sicher, dass die Rezeptionistin Maryanne angekündigt hatte und Lankau sie mit Absicht so lange wie möglich warten ließ, um sie zu provozieren. Diese Art von Psychospielchen kannte Gusenberg zu gut.

„Maryanne Schröder von der Polizei Westheim am Apparat, spreche ich mit Moritz Lankau?“

Gusenberg schaltete den Lautsprecher des Festnetztelefons ein.

„Gut, dass ich Sie erreiche, Herr Lankau, ich rufe wegen des kürzlich online gestellten Artikels an, dessen Verfasser Sie sind.“

Lankaus Stimme klang verzerrt und wie aus weiter Ferne aus dem Lautsprecher. „Ich wusste gar nicht, dass sich die Polizei für das Kürbisfest der Kleingärtner in Kolmannsmoos interessiert.“

Maryanne ignorierte den spöttischen Unterton. Ihr eigener wurde schärfer. „Ich beziehe mich auf Ihren Artikel zum mutmaßlichen Freitod des Yannick Lutzendorf, oder haben Sie den Artikel nicht geschrieben?“

„Doch, doch, den habe ich verfasst. Was wollen Sie wissen?“ Lankau gab sich bewusst kooperativ unkooperativ wie ein Ritter hoch zu Ross, der sich nicht mit dem Pöbel abgeben wollte.

„In dem Artikel schreiben Sie wörtlich“, Maryanne nahm einen Notizzettel vom Schreibtisch. „Die Identität der Quelle ist der Redaktion bekannt. Sein Name wurde zu seinem Schutz geändert.“ Maryanne ließ den Zettel sinken.

„Ja.“ Lankaus kurze Bestätigung war das telefonische Pendant zu einem teilnahmslosen Nicken.

„Sollten Ihnen wirklich“, Gusenberg fügte gedanklich ein was ich nicht glaube, du fetter Aufschneider hinzu, „solche Informationen vorliegen, müssen Sie sie uns unverzüglich zugänglich machen.“ Eine Pause entstand.

„Muss ich nicht.“

Was hatten sie erwartet? Es musste ihnen doch vorher klar gewesen sein, dass Lankau seine Quelle nicht verraten würde, vor allem nicht Maryanne. Jetzt konnte er sie am Ring durch die Manege führen. Gusenberg stand auf.

„Wenn Sie uns den Namen der Quelle nicht geben, werde ich einen Richter finden, der die Freigabe erzwingt.“ Maryanne hatte keine Lust mehr auf Lankau und dessen Spielchen.

Lankau lachte. „Da können Sie lange suchen und das wissen Sie so gut wie ich. Kein Richter wird gegen mich vorgehen. Schon mal etwas von Pressefreiheit gehört? Erst wird ein unschuldiger Reporter von einem Polizisten attackiert, dann versucht seine Kollegin Druck auf ihn auszuüben.“ Lankau klang nun anders, bedrohlich. Jedes Wort kam einem Wirkungstreffer gleich. „Wenn ich mich noch einmal über Sie oder Ihren klugscheißenden Kollegen beschwere, können Sie stempeln gehen.“

„Drohen Sie mir etwa?“ Maryanne war schockiert.

„Ich drohe Ihnen nicht, Frau Schröder. Ich sage nur, dass Ihnen Ihr Kollege ein mahnendes Vorbild sein sollte.“

„Hören Sie mir jetzt genau zu“, Maryanne kochte. In diesem Moment beugte Gusenberg sich nach vorn und beendete das Gespräch mit einem Druck auf den roten Knopf, bevor Maryanne etwas sagen konnte, das sie am Ende bereuen würde.

Achtlos schleuderte sie den Hörer auf die Gabel.

„Ich bezweifle, dass an dieser ganzen Sache was dran ist“, sagte Gusenberg.

„Und wenn doch? Was machen wir dann?“, fragte Maryanne.

„Dann werden wir die Sache aufklären. Was Lankau rausfinden kann, können auch wir rausfinden. Wir sollten uns erst mal einen Überblick verschaffen und unsere weiteren Schritte planen. Peer, wenn noch was bekannt wird, sag uns Bescheid.“ Peer nickte und klopfte Maryanne zum Abschied aufmunternd auf die Schulter.

„Irgendwann hänge ich diesem Lankau was an. Egal ob Falschparken oder Kinderpornos, ich werde ihm das Grinsen aus seiner Visage wischen“, Maryanne seufzte und ließ sich auf ihren Bürostuhl fallen. Sie nahm das gerahmte Foto ihrer beiden Kinder und strich sanft über das Glas. Es faszinierte Gusenberg jedes Mal aufs Neue, wie sehr sich ihre Lebensrealitäten unterschieden. Obwohl Maryanne und er fast gleich alt waren, hatten sie zwei vollkommen verschiedene Leben gelebt. Als er nach der Uni seine erste richtige Wohnung bezogen hatte, war Maryanne schon verheiratet und hatte Kinder in diese Welt gesetzt.

***

Nach einer knappen Stunde und ein paar weiteren Anrufen ruhigerer Natur waren zwei Dinge klar. Erstens: Die Überprüfung der Handydaten und der Social-Media-Kanäle ergab nichts. Keine Aktivitäten. Kein Anruf, keine SMS, keine WhatsApp-Nachricht, keine Ablenkung – nichts. Zweitens: Der Junge hatte Glück gehabt. Wenn man es denn so nennen mochte. Gusenberg hatte den vorläufigen Autopsiebericht durchgeblättert. Von dem lächelnden jungen Mann mit den hochgegelten Haaren war nichts geblieben. Die Reste der Gesichtshaut spannten sich rot, braun und schwarz über einen haar- und augenlosen Schädel. Ein Teil der Kleidung war mit Kinn, Hals und Oberkörper verschmolzen, genau wie die goldene Uhr, die sich in das Fleisch des Handgelenks gefressen hatte. Der Ermittler legte das Foto falsch herum in die Akte zurück. Die Schnelltests für Drogen und Alkohol waren ebenso negativ ausgefallen wie der für Kohlenstoffmonoxid. Der Aufprall gegen den Baum hatte ihn getötet. Bevor das Feuer seinen Körper verzehrte. „Wenigstens hast du nicht gelitten.“ Gusenberg sprach so leise, dass seine Kollegin ihn nicht hören konnte. Sein Finger fuhr über das abschließende Formblatt. In der Spalte Todesursache stand in Dr. Roomens schön geschwungener Schreibschrift: Innere Blutungen aufgrund eines stumpfen Traumas im Brustbereich.

Der Ermittler ging den bisher bekannten zeitlichen Ablauf der Todesnacht durch. Yannick und seine Freundin, Stefanie Kirchhoff, waren im Restaurant Elephant essen gewesen. Laut Aussage des Kellners waren sie bis halb elf dort. Die Stimmung war gut, die beiden wirkten glücklich und verliebt. Anschließend raste Yannick ungebremst in den Tod.

„Hast du Yannicks Freundin schon erreicht?“, fragte Gusenberg.

„Nein, ihre Eltern wohnen nicht hier in der Gegend. Sie haben selbst kaum Kontakt zu ihr, sind jetzt aber auf dem Weg. Sie haben mir Stefanies Adresse gegeben. Sonst hat sie laut der Eltern keine Verwandtschaft in der Stadt.“ Maryanne klebte ein blaues Post-it in den Ordner. „Außerdem habe ich ein paar interessante Informationen von ihnen bekommen. Yannick und Stefanie waren seit der Schulzeit ein Paar. Als Yannick Profi wurde, sind sie gemeinsam nach Westheim gezogen.“

Gusenberg stutzte. „Wieso war sie dann nicht mit im Auto?“

„Genau das habe ich mich auch gefragt, laut ihrer Mutter stand in Yannicks Vertrag, dass Spieler unter fünfundzwanzig nur bei ihren Eltern, allein oder in WGs mit anderen Spielern wohnen dürfen. Außerdem dürfen sie maximal zwanzig Minuten vom Trainingsgelände entfernt wohnen.“

„Das sind harte Bedingungen. Ist das überhaupt legal?“

„Vielleicht war es doch der Druck.“

„Wie meinst du das?“, fragte Gusenberg.

„Ich meine nicht, dass er bedroht wurde, vielleicht kam er mit dem Leistungsdruck nicht zurecht. Die Welt hat viel von ihm erwartet.“

„Und er war fast noch ein Kind“, ergänzte Gusenberg. „Ich glaube trotzdem nicht daran, dass er sich umgebracht hat.“ Gusenberg stand auf und griff sich noch einmal die Aussage des Kellners. Wirkten sehr verliebt. „Der Abend verlief harmonisch und dann bringt er sich um? Das kann ich nicht glauben. Wir fahren jetzt zu seiner Freundin und befragen sie. Wenn jemand über Yannicks emotionalen Zustand Bescheid weiß, dann sie.“

Kapitel 3

„Ich bin immer noch der Meinung, dass wir mit der gesamten Ermittlung unsere Zeit verschwenden. Es war ein Unfall und wir haben einen echten Mordfall auf dem Schreibtisch. Stefanie Kirchhoff ist offensichtlich nicht da.“

Gusenberg drückte die mit Kirchhoff beschriftete Klingel erneut. Er glaubte, aus dem Inneren des Hauses das leise Echo des Surrens zu hören. Niemand konnte diesem penetranten Geräusch auf Dauer widerstehen. Er drückte ein drittes Mal auf die Klingel. Wenn er der Anordnung der Namensschilder neben der Tür trauen konnte, wohnte Yannicks Freundin im ersten Stock, Apartment drei. Gusenberg schaute auf die Uhr. Mit der Fahrt durch die Stadt, dem Warten vor der Tür und dem unvermeidlichen Stau auf der Rückfahrt war der Tag schon fast gelaufen. Ohne, dass sich irgendetwas Handfestes ergeben hatte.

„Das klingt vielleicht pietätlos, aber wie kann es sein, dass der Unfalltod einer Person des öffentlichen Interesses für uns eine höhere Priorität hat als der Mord an einem Niemand? Nur weil diesen Frank Jung keiner vermisst, heißt es nicht, dass sich darum keiner kümmern muss.“ Gusenberg drückte ein viertes Mal die Klingel. Länger und fester, als es sich für einen normalen Besucher ziemte. Auf der Fahrt hierher hatte er Maryanne über seine Theorie im Fall Frank Jung in Kenntnis gesetzt. Zwar gab sie ihm bei den meisten Punkten recht, zweifelte aber daran, dass der Täter sich noch immer in Westheim aufhalten würde. Ein weiterer Grund, weshalb Gusenberg diese Ermittlung auf die Nerven ging. Am Ende würde der Mörder davonkommen, weil sie nichts Besseres zu tun hatten, als ein Phantom zu jagen und Imagepflege zu betreiben.

„Mir passt es auch nicht“, schnaubte Maryanne. „Aber du weißt, wie Frau Weber ist, sie will–“, sie hielt inne, als sich aus dem Inneren des Hauses schwere Schritte näherten. Die Haustür wurde geöffnet und eine junge Frau mit kastanienbraunen Haaren drängte sich an den Ermittlern vorbei. Von den Stiefeln bis zur eleganten Lederjacke war sie vollkommen in Schwarz gekleidet.

„Entschuldigen Sie bitte.“ Gusenberg zog seinen Polizeiausweis aus der Tasche und hielt ihn der jungen Frau hin. „Maryanne Schröder und Dr. Emil Gusenberg, Kripo Westheim. Wohnen Sie in diesem Haus?“

Die junge Frau wich einen Schritt zurück. „Äh, nein. Ich wollte jemanden besuchen.“

„Dieser jemand ist nicht zufällig Stefanie Kirchhoff?“, fragte Maryanne.

„Ja, woher wissen Sie das?“

„Nur eine Vermutung. Sie haben sie nicht angetroffen?“ Gusenberg hatte einen Notizblock aus der Jackentasche gezogen und begann, sich Stichpunkte zu notieren.

„Nein, also ja. Stefanie ist nicht da. Die Haustür stand offen, als ich ankam, deshalb war ich kurz oben an ihrer Wohnung und habe geklopft. Aber sie war nicht da. Ich habe versucht, sie anzurufen, aber an ihr Handy geht sie auch nicht.“

„In welchem Verhältnis stehen Sie zu Stefanie Kirchhoff, Frau …“

„Frau Kürschner, Sina Kürschner. Ich bin Stefanies beste Freundin.“

„Wie lange kennen Sie Frau Kirchhoff schon?“

Sina überlegte kurz, bevor sie antwortete. „Seit sie nach Westheim gezogen ist, wir haben uns über Bekannte kennengelernt und uns sofort gut verstanden.“

„Wissen Sie, wo sich Stefanie jetzt aufhält?“

Die junge Frau legte die Stirn in Falten. „Nein und ich mache mir deswegen ehrlich gesagt Sorgen. Gerade in dieser schweren Zeit sollte sie nicht allein sein. Yannick war Stefanies Ein und Alles. Ich bin sofort hergekommen, als ich von dem Unfall gehört habe.“

„Können Sie uns die Beziehung von Yannick und Stefanie beschreiben?“ Gusenberg schlug eine neue Seite des Notizblocks auf.

„Wie meinen Sie das? Ich müsste jetzt eigentlich los.“

„Es dauert nicht mehr lange, es handelt sich nur um Routinefragen. Würden Sie sagen, die Beziehung der beiden war harmonisch?“, fragte Maryanne.

„Ja. Ich würde sagen, die beiden waren glücklich.“

„Gab es in letzter Zeit Streit?“

Wieder machte Sina eine kurze Pause, bevor sie antwortete. „Streit? Nicht, dass ich wüsste. Natürlich streiten Paare ab und zu, aber das ist doch normal, oder? Stefanie hat in den letzten Wochen immer öfter von Hochzeit geredet, das hätte sie sicher nicht, wenn sie nicht glücklich gewesen wäre.“

„Wie gut kannten Sie Yannick?“

„Ähm, nicht so gut wie Stefanie. Was sollen die ganzen Fragen? Ist irgendetwas mit Stefanie?“

„Nein, es ist alles in Ordnung. Wie schon gesagt, das ist reine Routine. Wir gehen nur einem Hinweis nach, dass Yannick von Unbekannten bedroht wurde. Da er nun zu Tode gekommen ist, müssen wir klären, ob es sich nicht doch um ein Verbrechen handelt.“

„Yannick wurde bedroht? Davon weiß ich nichts. Wenn es so gewesen wäre, hätte Stefanie es mir sicher erzählt. Wir haben über alles geredet. Glauben Sie etwa, die Drohungen haben etwas mit Yannicks Tod zu tun?“

„Wir können nichts ausschließen, aber ich kann Sie beruhigen, bei der bisherigen Faktenlage spricht alles dafür, dass es sich bei Yannicks Tod um einen tragischen Unfall handelt.“

„Ich hoffe, dass sie recht haben. Der Verlust ist schlimm genug. Wenn Yannick einem Verbrechen zum Opfer gefallen wäre – Steffi würde sicher daran zerbrechen.“ Sina senkte den Blick.

Gusenberg glaubte, eine Träne im Augenwinkel der jungen Frau zu erkennen.

„Wenn sie keine weiteren Fragen mehr haben, ich müsste jetzt wirklich los.“ Sina wischte sich mit dem Handballen über die Augen.

„Nein, wir haben keine Fragen mehr. Vielen Dank für Ihre Zeit.“ Gusenberg steckte den Notizblock weg und zog eine Visitenkarte hervor. „Sollte Frau Kirchhoff sich bei Ihnen melden, sagen Sie ihr, dass wir sie gerne sprechen würden.“

Sina überflog die Karte, bevor sie sie in einer der Hosentaschen verschwinden ließ. „Sobald ich etwas weiß, melde ich mich bei Ihnen.“ Mit einem letzten flüchtigen Lächeln setzte sich die junge Frau in Bewegung.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Gusenberg, nachdem Sina aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Maryanne schaute auf die Uhr. „Warten? Hast du heute noch was vor? Ein paar Minuten sollten wir noch bleiben. Sollte Stefanie Kirchhoff die Aussage ihrer besten Freundin bestätigen, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht spätestens morgen einen Abschlussbericht schreiben könnten.“

„Dann warten wir. Ohne dich komme ich ja nicht ins Büro zurück.“

Die Minuten verstrichen langsam und ereignislos. Weder Stefanie, noch ein anderer Bewohner ließen sich blicken und so brachen die Ermittler ihre fruchtlose Mission endgültig ab.

„Lassen wir ihr eine Nachricht da und beenden das hier. Wenn wir jetzt aufbrechen, kommen wir wenigstens nicht in den Berufsverkehr und können heute vielleicht noch irgendetwas Sinnvolles tun.“

Maryanne schaute auf die Uhr. „Könnte knapp werden.“ Sie warf eine Visitenkarte mit Bitte um Rückruf in den Briefkasten, dann machten sie sich auf den Rückweg zum Präsidium.

„Was hältst du von der ganzen Sache?“, fragte Maryanne, nachdem sie schon ein ganzes Stück des Weges hinter sich gebracht hatten.

„Was soll ich davon halten? Ob es verdächtig ist? Yannick ist tot und seine Freundin verschwunden, unter anderen Vorzeichen wäre sie die Tatverdächtige Nummer eins.“ Gusenberg kratzte sich nachdenklich am Kinn. „So ist es nur eine irrationale Situation, wahrscheinlich mit einem profanen Ende.“

„Dass weder ihre Eltern noch beste Freundin wissen, wo sie sich aufhält, ist seltsam. Selbst wenn Stefanie nicht das beste Verhältnis zu ihren Eltern haben sollte, ihrer besten Freundin würde sie doch sagen, wo sie hingeht“, warf Maryanne ein.

„Wenn diese Sina Kürschner überhaupt Stefanies beste Freundin ist. Vielleicht nimmt sie sich wichtiger, als sie ist. Ich würde darauf wetten, dass Stefanie sich spätestens morgen bei uns meldet.“

„Du weißt, dass ich nicht wette, Emil.“

„Deswegen habe ich es auch nicht vorgeschlagen. Es ist aber auch besser für dich, ich würde gewinnen.“ Gusenberg grinste.

***

Brandt passte die beiden Ermittler auf halbem Weg in ihr Büro ab. Er hatte ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen. „Ihr werdet nicht glauben, was soeben passiert!“

„Stefanie Kirchhoff hat sich gemeldet?“, fragte Gusenberg und warf Maryanne einen vielsagenden Blick zu.

„Wer? Nein, der Artikel vom Kurier ist offline!“

„Ernsthaft?“

„Ja, ich weiß aber nicht warum. Ich habe die Entwicklung über den Tag verfolgt. Vor einer Stunde hatte der Beitrag über zweihundert Kommentare und es ging hoch her. Viele haben nach Beweisen verlangt, andere haben sich wegen der Pietätlosigkeit beschwert. Ein Teil der Kommentare wurde wohl wieder gelöscht, ich habe nicht alles gelesen. Dachte aber, dass es euch interessiert.“

„Danke für die Information“, sagte Maryanne sichtlich amüsiert. „Da ist ihnen wohl das heiße Eisen um die Ohren geflogen. Geschieht diesem Lankau recht. Hoffentlich bekommt er jetzt richtig Ärger. Danke, Peer.“

***

Gusenberg stöhnte. Es gab nur eine Sache, die schlimmer war als Papierkram: unnötiger Papierkram.

„Ist es wirklich in Ordnung, dass ich dir den Bericht überlasse?“, fragte Maryanne, während sie sich die Jacke anzog. „Ich habe fast ein schlechtes Gewissen.“

„Es ist in Ordnung“, sagte Gusenberg, der den Satz löschte, den er gerade erst getippt hatte. „Ich mache das schon. Ich sauge mir jetzt eine Seite Bericht aus den Fingern und schicke ihn Frau Weber, dann mache ich auch Feierabend. Mir ist übrigens gerade aufgefallen, dass immer noch kein offizielles Statement von Yannicks Arbeitgeber vorliegt, obwohl es in den Nachrichten kaum ein anderes Thema gibt. Auf unsere Anfrage haben sie nicht reagiert. Na ja, egal. Morgen kommt sicher etwas.“

„Dann wünsche ich dir, dass auch du schnell in den Feierabend kommst.“ Maryanne griff sich ihre Tasche und verließ das Büro.

Kurze Zeit später lehnte sich Gusenberg in seinem Bürostuhl zurück. Er hatte es geschafft, er hatte die spärlichen Ermittlungsergebnisse des Tages auf eine Seite gestreckt.

Kapitel 4

Gusenberg heftete den überschaubaren Tagesbericht ab und schloss die Akte Lutzendorf, zumindest für heute. Denn im Gegensatz zu Maryanne konnte er nicht in den Feierabend gehen, er würde ein paar Überstunden machen müssen. Es gab einen letzten Punkt auf der Tagesordnung. Der Ermittler griff sich die Akte über den Mord in der Nordstadt und ging seine Notizen durch. Er notierte die Fakten auf einen separaten Zettel, faltete ihn fein säuberlich zusammen und steckte ihn in sein Notizbuch.

Die Digitaluhr am rechten unteren Bildschirmrand verriet Gusenberg, dass es kurz vor halb acht war. Er musste sich beeilen, wenn er nicht zu spät zu seiner Essensverabredung kommen wollte. Auch wenn diese ihn nicht erwartete, wollte er pünktlich sein. Seine erste Station war die U-Bahn-Haltestelle Mittantor in der Nähe des historischen Viehmarktes, der einzige Teil der Stadt, der während des Zweiten Weltkrieges nicht vollkommen zerstört worden war. Der Großteil der alten Fachwerkhäuser war niedergebrannt und nicht wiederaufgebaut worden. An ihrer Stelle standen nun Wohn- und Bürokomplexe, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren gebaut worden waren und Westheims Stadtbild bis heute dominierten.

Mittantor war eine der wenigen Haltestellen, die auch nachts ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelten. Dort schauten sich die Leute nicht ständig ängstlich um oder erschraken, wenn sie laute Stimmen hörten. Das lag jedoch nicht an der Präsenz der Polizei oder anderen Sicherheitsvorkehrungen wie Kameras, sondern am Fehlen der offensichtlichen Gefahren, die im Stadtbild sonst so omnipräsent waren. Hier trieben sich keine Junkies, Penner oder Jugendbanden herum. Die Wände waren nicht mit Graffiti beschmiert und es stank nicht nach schalem Bier, Kotze oder Pisse. Hier ging es gesittet zu, fast schon spießig – keine fünfzehn Fahrminuten mit der U-Bahn später wurde man von der Realität eingeholt. Mit Westheim ging es seit Jahren bergab, die Kriminalitätsrate stieg so schnell, dass sie nur vom Anstieg der Straßenkinder, Obdachlosen und Drogentoten überholt wurde. Trotz allem kamen immer mehr Menschen in die Stadt, um hier ihr Glück zu suchen. Die 800.000-Einwohnermarke war erst neulich durch die Geburt eines kleinen Mädchens offiziell geknackt worden.

Gusenberg hielt Abstand zu den anderen Passagieren, die ungeduldig auf die U-Bahn warteten, die sie nach Hause bringen sollte. Der Ermittler war vollkommen in Gedanken versunken, als ein warmer Windstoß die Ankunft der U-Bahn verkündigte. Er stieg in die Linie 51. Endhaltestelle Lilienheim am Weiler. Lilienheim war einer der Stadtteile, der besonders stark unter der finanziellen Misswirtschaft und der aufkommenden Ghettoisierung gelitten hatte. Sozialwohnungsbauten prägten die Straßen, mehr als die Hälfte der Menschen bestritten mit Hartz IV ihren Lebensunterhalt. Während Stadtteile wie der Heidenpark mit Slogans wie Das grüne Herz von Westheim warben, würde ein ehrlicher Werbetexter Lilienheim mit Trist und gefährlich–wohnen Sie am besten woanders feilbieten. Lilienheim war nicht zu retten. Nicht von der aktuellen Stadtführung, nicht von Jesus und sicher nicht von der Herausforderin auf das Bürgermeisteramt – auch wenn die etwas anderes versprach.

Die U-Bahn kämpfte sich stoisch ihrem Ziel entgegen. Leute stiegen ein, Leute stiegen aus. An einer der vorbeifliegenden Stationen hatte jemand der Plakatversion der Herausforderin ein Hakenkreuz auf die Stirn gesprüht. Jede Haltestelle auf Gusenbergs Weg glich einer Sprosse, die ihn hinab in eine gefährliche Dunkelheit führte. Die Unterste trug den fast schon poetischen Namen Am Weiler.

Gusenberg war einer der wenigen Fahrgäste, die bis zur Endhaltestelle fuhren. Hierher kamen keine Tagespendler, die meisten hier hatten immer frei. Eine Gruppe Jugendlicher lungerte auf den Bänken der Haltestelle herum. Sie rauchten – wohl nicht nur Zigaretten – tranken Schnaps und spuckten auf den Boden. Was sollten sie auch sonst machen? Gusenberg verließ als Letzter den Waggon und lief, ohne den Jugendlichen, die nun laut Musik hörten, Beachtung zu schenken, zu einer Imbissbude auf der anderen Straßenseite. Eine Frau im mittleren Alter drehte gelangweilt ein paar Bratwürste auf dem Grill hin und her. Ein einzelner Gast lehnte gedankenverloren an einem klapprigen Stehtisch und vor ihm stand eine fast leere Flasche Bier.

„Eine Bratwurst und Pommes rot-weiß, bitte“, sagte Gusenberg, während er ein paar Münzen aus seiner Hosentasche in die Hand zählte.

„Wie kannst du sowas nur essen? Du bist doch ein Doktor! Du solltest wissen, dass dieses alte, ranzige Fett dein Herz verkrustet. Vielleicht wird dich genau diese Wurst töten!“

Gusenberg nahm die Bratwurst und die Pommes entgegen und wandte sich seinem Gesprächspartner zu. „Ich bin nicht so ein Doktor und sag das lieber nicht so laut, sonst gibt dir Rita Hausverbot.“ Er ging zwei Schritte auf Hugo zu, stellte die Pappschale mit der Bratwurst und den Pommes auf dem Stehtisch ab. „Darf ich dich auf ein Bier einladen, Hugo? Ich habe leider keine vegetarischen Würstchen für dich dabei.“ Gusenberg spießte eine Fritte auf und tunkte sie in den Ketchup.

Hugo nahm einen weiteren Schluck Bier, den letzten. Er stellte die Flasche ab und schob sie an den Rand des Tisches. „Bist du nur wegen der Pommes und der ranzigen Wurst durch die ganze Stadt gefahren?“

Gusenberg lächelte. Es lief immer gleich ab, wenn sie sich trafen. Es war eine Art Tanz, ein Ritual, dessen Ablauf über die Jahre durchchoreographiert worden war, schon damals als Gusenberg noch bei der Sitte gearbeitet hatte. Rhetorische Fragen, im Plauderton ein wenig Small Talk über Sport oder das Wetter. „Hast du gestern das Spiel gesehen? Heute ist es aber verdammt kalt für April“, bevor es um die Fragen ging, die Gusenberg hergeführt hatten.

Die Pommesfee brachte zwei Bier, Kondenswasser spritzte auf den Tisch, als sie die Flaschen öffnete. Die beiden Männer schwiegen, bis sie wieder außer Hörweite war. Obwohl Gusenberg Hugo schon seit ein paar Jahren kannte, wusste er fast nichts über sein Gegenüber. Weder kannte er seinen Nachnamen, noch konnte er mit Sicherheit sagen, dass er wirklich Hugo hieß, oder ob das ein Spitzname war. Alles, was Gusenberg wusste, war, dass Hugo dunkle Sportsakkos und Rollkragenpullover liebte und wenig Geld für den Frisör ausgab. Hugos schulterlanges Haar und sein Musketierbart wirkten immer etwas fettig und ungepflegt. Es war nicht so, als könnte Gusenberg nicht mehr über ihn herausfinden. Menschen wie Hugo hatten keinen sauberen Lebenslauf, sie waren erst spät auf den richtigen Weg gekommen, manchmal aus eigenem Antrieb, ihren Kindern zuliebe oder, Gusenbergs Favorit, durch Gott. Ziemlich sicher hatte er im Gefängnis gesessen oder war vorbestraft. So oder so mussten Hugos Fingerabdrücke in der Datenbank sein. Er müsste nur die Bierflasche mitnehmen und würde alles Wichtige über seinen Informanten erfahren, er wollte es aber nicht. Es wäre ein unverzeihlicher Vertrauensbruch, der ihre Beziehung empfindlich stören oder sogar beenden würde. Hier, an diesem Stehtisch, war Gusenberg kein Polizist, der Hugos Schützlingen ans Leder wollte, hier war er nur ein Freund, der bei Pommes und Bier über die Arbeit schwatzte.

„Kennst du das Märchen von Hans im Glück?“, fragte Gusenberg in einem freundlichen Plauderton. „Es ist eines der bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm.“

„Meine Mutter hat mir nie Geschichten vorgelesen und die Kinder, mit denen ich arbeite, leben auch nicht in einer Märchenwelt. Hier gibt es nur Hans auf Crack.“ Hugo klang schroff, aber nicht abweisend. Gusenberg schwieg. Er hatte keine andere Reaktion von seinem Gegenüber erwartet.

„Worum geht es in diesem Märchen?“, fragte Hugo nun freundlicher.

„Um einen jungen Mann, der mehr hat, als gut für ihn ist. Am Anfang hat er einen Klumpen Gold – woher er den auch immer hat.“ Gusenberg zuckte mit den Schultern. „Er tauscht das Gold gegen einen Klepper und den gegen ein kleineres Tier und das wiederum gegen eine Ente. Die Ente läuft dann weg oder so. Meine Kindheit ist schon über dreißig Jahre her.“ Gusenberg grinste, Hugo lachte. „Worauf ich hinaus will, ist, dass Hans keine Ahnung von dem hat, was er besitzt und deshalb am Ende alles verliert. Genauso einen Kerl suche ich. Einen jungen Mann, der mehr hat, als ihm guttut. Wahrscheinlich Crystal vielleicht auch Crack. Er verkauft einen Teil davon und wird dabei von den Dealern über den Tisch gezogen oder Schlimmeres. Er ist selbst Konsument, wahrscheinlich ständig high und aggressiv.“