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Wie man erwachsen wird und dabei einen Elch zähmt Viele Dinge haben sich während des Sommers verändert: Johanna hat mit der Mittelstufe begonnen, und ihre beste Freundin Sandra verbringt ihre Freizeit lieber mit den beliebtesten Mädchen der Klasse statt mit Johanna. Warum muss sich nur immer alles verändern? Johanna möchte, dass die Dinge so bleiben, wie sie schon immer waren. Zum Glück hat sie Ihre Hütte im Wald, die Hütte, die sie zusammen mit Sandra gebaut hat. Dort kann sie nachdenken, die Natur genießen und Tiere beobachten. Und eines Tages sind sie da, spazieren einfach vor ihre Hütte: Elche! Und schon steckt Johanna in einem spannenden Abenteuer, in dem gefährliche Elchjäger, merkwürdige Tierschützer und auch ein seltsamer Junge eine wichtige Rolle spielen.
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Seitenzahl: 188
Veröffentlichungsjahr: 2021
Wie man erwachsen wird und dabei einen Elch zähmt
Viele Dinge haben sich während des Sommers verändert: Johanna hat mit der Mittelstufe begonnen, und ihre beste Freundin Sandra verbringt ihre Freizeit lieber mit den beliebtesten Mädchen der Klasse statt mit Johanna.
Warum muss nur immer alles anders werden? Kann nicht alles so bleiben, wie es schon immer war?
Zum Glück hat sie ihre Hütte im Wald. Dort kann sie nachdenken und Tiere beobachten. Und eines Tages sind sie da, spazieren einfach vor ihre Hütte: Elche …
Schon steckt Johanna in einem spannenden Abenteuer, in dem auch ein seltsamer Junge eine wichtige Rolle spielt.
Malin Klingenberg
Elchtage
Aus dem Schwedischen von Anu Stohner
Es war die letzte Pause des Tages, und die meisten von uns waren auf dem Schulhof. Im Schatten der Ziegelmauer standen die Emo-Girls, die so gelangweilt aussahen wie immer, und auf der Treppe saßen die Landeier von der Rockabilly-Gang, die jeden Tag vom Schulbus hin- und hergefahren wurden. Die Buchnerds saßen um einen der abgenutzten Holztische, die Pferdemädchen lagen auf dem Rasen, und die drei Hipster der Schule standen mit ihren Longboards vor der Einfahrt zum Schulgelände und schauten jeder in eine andere Richtung, als würden sie einander nicht kennen.
Ich gehörte nirgends dazu. Ich saß allein auf einer freien Bank und beobachtete alles, behielt aber hauptsächlich die Gruppe der fünf In-Mädchen aus meiner Klasse im Auge. Sie hatten eine Seite eines Tisches in meiner Nähe besetzt.
Den fünf gegenüber saß Sebastian, und sie starrten ihn zwar nicht direkt an, aber es war nicht schwer zu erkennen, dass sie alles taten, damit er auf sie aufmerksam wurde. Sie warfen abwechselnd die Haare nach hinten, kicherten gekünstelt und klimperten mit ihren von schwarzer Wimperntusche schweren Wimpern. Es sollte aussehen, als quatschten sie miteinander, dabei saßen sie alle mit dem Gesicht zu ihm.
Eigentlich hätte Sebastian beim Anblick so vieler sich ins Zeug legender Mädchen mit Lipgloss auf den Lippen, als hätten sie gerade Grillhähnchen verspeist, ohnmächtig werden müssen. Dann wäre das Spektakel wenigstens nicht ganz umsonst gewesen. Aber so ausdauernd, wie er auf sein Handy schaute, schien die Sache nicht besonders gut zu funktionieren.
Ich verstand nicht wirklich, was an Sebastian so fantastisch sein sollte. Seine Augen vielleicht? Oder seine Klamotten?
Lusse trieb es wie immer am schlimmsten. Wir waren seit der Ersten in derselben Klasse, jetzt gingen wir in die Siebte, und angeblich war es nur eine Frage der Zeit, bis Sebastian sich Hals über Kopf in sie verliebte, obwohl er schon in der Achten war. Viktoria, eine ihrer Anhängerinnen, stand in der Hackordnung der In-Gruppe knapp unter ihr. Von zwei anderen Mädchen wusste ich noch nicht, wie sie hießen, denn unsere Siebte war gerade neu zusammengesetzt worden.
Und dann war da noch Sandra, die meine allerbeste Freundin gewesen war, bis vor Kurzem das neue Schuljahr angefangen hatte.
Heute trug sie zum ersten Mal ein Glitzertop und enge Jeans, die ihre Beine unendlich lang aussehen ließen. Obwohl sie sich auf den ersten Blick wie die anderen vier Mädchen benahm, merkte ich, dass sie in Wirklichkeit viel ruhiger war. Man hätte denken können, dass sie die anderen beobachtete wie eine Wissenschaftlerin, die gerade eine Feldstudie über Teenagerverhalten machte. Wenn die anderen lachten, lachte sie auch, aber ich wusste, dass ihr echtes Lachen anders klang. Als sich kurz unsere Blicke trafen, schaute sie schnell weg.
Lusse hätte man noch am ehesten abgenommen, dass ihr Gekicher und Geklimper nichts mit Sebastian zu tun hatte. Sie machte das sehr geschickt und schielte während der ganzen Pause überhaupt nur zweimal zu ihm hin. Ich habe mitgezählt. Das genaue Gegenteil war Viktoria, die ihm in ihrer Verzweiflung ständig schmachtende Blicke zuwarf. Alles vergebens. Keins der Mädchen brachte ihn dazu, von seinem Handy aufzuschauen.
Ich selbst fand Sebastian okay. Objektiv betrachtet, sah er auch gar nicht schlecht aus. Braune Augen, braune Haare, gerade Zähne. Das heißt, ein Eckzahn stand ein bisschen schief, das war irgendwie niedlich. Sonst war alles ziemlich so, wie es sein sollte. Aber wenn man Lusse und Viktoria zuhörte, konnte man denken, dass er schon fast überirdisch schön war. Bei seinem Anblick hätte ich demnach Schmetterlinge im Bauch, Herzrasen und rote Wangen kriegen müssen. Mindestens.
Aber ich spürte nichts davon.
Im letzten Jahr war Sandra dauerverliebt gewesen, und ich hatte jedes Mal, wenn sie von Jungs anfing, so hartnäckig das Thema gewechselt, dass sie am Ende Ruhe gab. Ich hatte sie in der Zeit für nicht mehr ganz bei Trost gehalten, aber inzwischen fragte ich mich, ob womöglich umgekehrt mit mir was nicht stimmte. Konnte es sein, dass ich mir nichts aus Jungs machte? Oder aus Menschen überhaupt?
Jedenfalls konnte ich richtig gut allein sein. Doch, das konnte ich. Vielleicht sogar zu gut.
Plötzlich schaute Sebastian doch noch auf. Er sah sogar zu mir her. Und ich hob das Kinn und grüßte ihn mit einem kurzen Nicken, weil mir alles andere komisch vorgekommen wäre. Wir kannten uns nicht besonders gut, aber schließlich waren wir seit Jahren an derselben Schule. Er nickte zurück, lächelte und schaute wieder auf sein Handy.
Nein, auch sein berühmtes Lächeln half mir nicht zu verstehen, was an ihm so besonders sein sollte.
Am Nachbartisch war es jetzt still. Den zwei namenlosen Mädchen standen die lipglossglänzenden Lippen offen, Viktorias Mund war zur Rosine geschrumpft, und Lusse starrte Sebastian ohne jede Diskretion oder Verstellung direkt an.
Alle starrten sie jetzt Sebastian an, nur Sandra nicht. Sie schaute zu Boden und biss die Zähne zusammen wie immer, wenn sie sich über etwas ärgerte. Oder über jemanden. Ohne jeden Zweifel war dieser Jemand gerade ich. Und es war mir vollkommen egal.
Beim Klingeln nach der letzten Stunde stürzten alle wie losgelassen aus der Tür. Es war Freitag, und die meisten wollten nach Hause oder wenigstens schnell von der Schule weg. Nur ich hatte es nicht eilig. Ich setzte in aller Ruhe den Rucksack auf und schlenderte zur Tür.
Ich hörte ihre Stimmen schon auf der Treppe. Sie standen mitten auf dem Schulhof und redeten so angeberisch laut wie immer.
»Bin ich froh, wenn endlich Herbstferien sind!«
Es war Lusse, die das fast herausschrie, und man merkte, dass sie gern gefragt werden wollte, was sie denn in den Ferien Großes vorhabe. Klar fragte jemand.
»Wir sind wieder auf Madeira – Sonne, Meer und Drinks am Pool!«, verkündete Lusse und lächelte, als wäre Orangensaft etwas, was man nur weit weg von zu Hause bekam. »Diesmal gehen wir auch wandern. Die Wanderwege dort sind … legendisch.«
Von ihren Zuhörern kam ein beeindrucktes Raunen, und das war gut so, weil man sonst gehört hätte, wie ich losprustete. Legendisch – echt jetzt?
Nach dem Geraune wandte sich Lusse an Sandra, die am äußeren Rand des Zuhörerkreises stand.
»Und wie sieht’s bei dir aus? Wird das jetzt was mit Afrika?«
Normalerweise hellte sich Sandras Gesicht auf, wenn Lusse mit ihr redete, aber diesmal nicht. Sie schaute zu Boden und trat gegen einen kleinen Kiesel, der in einer Ritze des Schulhofpflasters festklemmte.
»Klar«, murmelte sie, als wünschte ein Teil von ihr, dass niemand es hörte.
Es war erst ein paar Tage her, dass Sandra die Lügengeschichte aufgebracht hatte, sie mache in den Herbstferien eine Safari in Afrika. In der Umkleide war das gewesen, nach dem Sport, und alles hatte damit angefangen, dass Viktoria erzählte, in den Weihnachtsferien reisten sie dieses Jahr nach Bali. Da hatte Sandra eine angebliche Reise in den Herbstferien erfunden, und als Viktoria wissen wollte, wohin, hatte sie das mit Afrika und der Safari erzählt. Ich hätte Sandra am liebsten geschüttelt und sie daran erinnert, dass sie doch sonst nicht so blöd war und bestimmt wusste, dass man sich, um überzeugend zu lügen, nicht zu weit von der Wahrheit entfernen durfte. Ich dachte, alle wüssten das.
»Na, hoffentlich fängst du dir nichts Schlimmes ein, Ebola oder so!«, sagte Viktoria jetzt. Anders als Lusse konnte sie kaum verbergen, dass sie nicht an die Afrikareise glaubte.
»Himmel, nun mach ihr doch keine Angst!«, rief Lusse mit gespielter Empörung, dann wandte sie sich mit einem zuckersüßen Lächeln wieder Sandra zu. »Natürlich kriegst du kein Ebola – und wenn, hast du eine fünfzigprozentige Chance, es zu überleben.«
*
Lusses Vater und Viktorias Mutter hielten gleichzeitig neben dem Schulhof, er in seinem schwarz glänzenden Mercedes und sie in ihrem goldfarbenen Nissan. In der Fünften war ich einmal in dem Mercedes mitgefahren. Er hatte Ledersitze und roch unglaublich gut, vor allem, wenn man ihn mit Mamas nach Zigarettenqualm stinkendem Opel verglich.
Lusse und Viktoria stiegen ein, und ich stellte mir vor, wie sie sich zu Hause erst ein wenig ausruhten, bevor sie sich neu schminkten und wieder an Achtklässlerjungs dachten, die gar nicht anders konnten, als sich in sie zu verlieben. Auch alle anderen machten Anstalten zu gehen, aber ich schaffte es noch, mich Sandra in den Weg zu stellen.
»Und wie willst du aus der Nummer wieder rauskommen?«, fragte ich sie.
»Das geht dich einen Scheißdreck an«, sagte sie.
Dann ließ sie mich stehen und ging zu ihrem Fahrrad.
Eine halbe Stunde später kam ich zu Hause an. Mama und Papa waren früh am Morgen zur Arbeit gefahren und frühestens um sechs zurück.
Manchmal überlegte ich mir, wie es wäre, wenn ich größere Geschwister hätte, zum Beispiel einen großen Bruder. Es endete regelmäßig damit, dass ich es allein am schönsten fand. Sandra hatte einen großen Bruder, den ich nicht ertragen hätte. Er hieß John, hockte immer nur in seinem Zimmer und spielte Computerspiele. Außerdem roch er nach Schweiß, Mitessern und Abiturstress.
Ich ging nicht gleich ins Haus, sondern spähte durch die Hecke an unserer Grundstücksgrenze nach nebenan, wo Sandra wohnte. Das Auto war weg, aber Sandras neues weißes Fahrrad stand in der Einfahrt, also war sie auch schon da. An einem Freitag vor ein paar Wochen wären wir zusammen von der Schule nach Hause gegangen und hätten den ganzen Nachmittag gechillt, dann bei mir oder bei ihr zu Abend gegessen und einen Film geschaut, bis es Zeit gewesen wäre, ins Bett zu gehen. Oder ich hätte allein bestimmen dürfen, was wir machen, dann wären wir bis zum Abendessen in den Wald gegangen.
Das alles hatte sich seit dem Schulanfang nach den Sommerferien geändert. Gleich am ersten Tag in der Siebten hatte Sandra beschlossen, dass es von nun an das Wichtigste in ihrem Leben war, mit Lusse und Viktoria befreundet zu sein. Ich war plötzlich nicht mehr ihre Freundin, sondern ein Klotz am Bein.
Ich hatte nämlich null Bedürfnis, mich Lusses und Viktorias Fanclub anzuschließen, schon deshalb nicht, weil sie sich aufführten, als wären alle, die es nicht taten und sie nicht grenzenlos bewunderten, mehr oder weniger Luft. Im Gegenzug durften sich alle, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenkten, fantastisch vorkommen. Es war ein großzügiges Angebot, aber ich zog es vor, mich ganz okay zu fühlen.
Nebenan ging jetzt die Haustür auf, und Sandra kam heraus. Sie hatte ihre schicken neuen Schulklamotten gegen eine Jogginghose und ein grünes T-Shirt getauscht. Sie schlüpfte in ihre Joggingschuhe, die draußen auf der Treppe standen, und lief in Richtung Waldrand.
Ich hatte sowieso keinen Plan und beschloss herauszufinden, was sie vorhatte. Ich ließ die Schultasche fallen, drängte mich durch die Hecke und lief ihr hinterher.
*
Wo der Wald dichter wurde, hörte Sandra auf zu laufen und ging nur noch im Spaziertempo. Dass sie nicht allein unterwegs war, merkte sie gar nicht, was mich wunderte: Wir hatten von klein auf geübt, wie man sich so im Wald bewegte, dass einem nichts entging.
Irgendwann hob sie einen Stock auf, schlug damit immer wieder gegen im Weg stehende Bäume und redete dabei mit sich selbst. Ich war aber zu weit entfernt, um zu verstehen, was sie sagte.
Als sie in den Pfad zum See einbog, wusste ich, wohin sie wollte. Von da an nahm ich einen anderen, etwas längeren Weg, der nicht direkt dorthin führte. Ich wollte vermeiden, dass sie mich doch noch entdeckte.
Wie sich herausstellte, war Sandra nicht die Einzige, die sich achtloser im Wald bewegte, als wir es so lange geübt hatten. Ausgerechnet kurz vorm Ziel, nur ein paar Schritte von unserer Hütte entfernt, stolperte ich über eine Wurzel und schlug der Länge nach hin. Mit einem Knie landete ich genau auf einem Tannenzapfen.
»Aua!«, rutschte es mir heraus, und im nächsten Moment flog krachend die Hüttentür auf.
Die Hütte am See hatten wir gebaut, als wir acht waren. Meine Eltern hatten uns von Anfang an geholfen, erst beim Bauen und später, als wir Möbel brauchten.
Es hatte lange gedauert, den ganzen Sommer zwischen der zweiten und dritten Klasse. Jede freie Minute waren meine Eltern mit uns in den Wald gegangen, und sogar meine Tanten Ulla und Paula hatten ihren Urlaub für den Hüttenbau geopfert.
Hinterher konnte man genau sehen, welche Bretter die Erwachsenen und welche Sandra und ich festgenagelt hatten. Als die Hütte fertig war, verbrachten wir dort für ein paar Jahre fast den ganzen Frühling, Sommer und Herbst. Die Hütte war ein richtiges kleines Haus mit vier Wänden, oben einem Dach und unten einem Boden auf dicken, in den Waldboden gerammten Stelzen. Zur Tür führte eine breite Treppe, auf der man auch gut sitzen konnte.
Wenn man eintrat, stand links ein hoher offener Schrank mit vielen Fächern. Dort lagen Pullis und Hosen für alle Fälle, stapelweise Micky-Maus-Hefte und alle möglichen Zeitschriften. Gleich neben dem Schrank stand ein Etagenbett mit bunten Vorhängen und vielen weichen Kissen. Sandra und ich schliefen abwechselnd oben, weil es eindeutig der schönere Platz war. Vor allem gab es oben ein schmales Fenster, von dem aus man den Pfad zur Hütte im Auge behalten konnte, und ein kleines Regal für Süßigkeiten und Bücher. Das untere Bett war nicht ganz so perfekt, aber schön gemütlich war es auch. Mit zugezogenen Vorhängen wurde es da nur so stockdunkel, dass man sogar im hellsten Sommer eine Taschenlampe brauchte.
Am Fenster stand ein Esstisch mit drei Stühlen, darüber war eine batteriebetriebene Sturmleuchte angebracht. An der rechten Wand gab es eine lange Küchenzeile mit einer Spüle und darüber einem Wasserbehälter, den wir mit sauberem Wasser aus einer nahen Quelle befüllen konnten. Dann war da ein Vorratsschrank, und in einem Regal waren Teller, Töpfe und Besteck untergebracht, alles Sachen, die Ulla und Paula zu Hause ausrangiert hatten.
An meinem dreizehnten Geburtstag in diesem Sommer hatte Papa sogar einen alten gusseisernen Herd angeschleppt und auf einem Plateau aus Ziegeln vor der Hütte aufgestellt. Seine hundertfach wiederholten Ermahnungen, worauf wir beim Kochen alles achten sollten, werde ich im ganzen Leben nicht vergessen.
Macht nie Feuer, wenn es im Wald trocken ist!
Löscht das Feuer immer mit Wasser!
Lasst nie ein brennendes Feuer zurück!
Paula schenkte uns ein passendes altes Pfadfinderkochbuch, und wir kamen nur noch zum Abendessen zu unseren Familien nach Hause. Die Tage vergingen mit Lesen, Angeln im See und Chillen, und nach den abendlichen Stippvisiten zu Hause eilten wir so schnell wie möglich zurück, um in der Hütte zu übernachten.
Als ich jetzt daran dachte, konnte ich kaum glauben, dass es erst einen Monat her war, dass wir das letzte Feuer im Herd gelöscht hatten. Sandra war mit ihrer Familie zu einem Familienfest nach Norwegen gefahren und zwei Wochen dort geblieben. Zwei Wochen nur – dann fing die Schule wieder an, und Sandra war eine Fremde.
Seitdem war ich nicht mehr zur Hütte gegangen, kein einziges Mal. Es wäre einfach nicht dasselbe gewesen. Dass Sandra ohne mich hierherkam, machte mich wütend. Tief in meinem Innersten hatte ich immer gefunden, dass mir die Hütte mehr gehörte als ihr. Ich hätte es nur niemals laut gesagt.
*
Als ich sie jetzt anstarrte, war ich mir ziemlich sicher, dass sie gereizt reagieren würde, wie neuerdings fast immer, wenn ich in ihre Nähe kam. Aber der Wald schien sie friedlich zu stimmen.
»Blutet das Knie?«, fragte sie nur.
Ich fühlte nach und sagte: »Nein.«
Dann stand ich auf und wischte mir ein paar Tannennadeln von der Hose.
Wir sahen einander an und wussten erst mal beide nicht, was wir noch sagen sollten. Schließlich ging sie zurück in die Hütte, und ich folgte ihr.
»Was machst du hier?«, fragte ich.
»Nichts Besonderes.«
Ich sah, dass sie einen Stapel alte Zeitschriften aus dem Regal geholt und auf den Tisch gepackt hatte. Sie setzte sich, nahm die oberste Zeitschrift und fing an zu lesen. Ich zog meine Jacke aus, setzte mich ihr gegenüber und machte dasselbe.
Wir saßen da und lasen, durch die offene Tür duftete es herrlich nach Wald, Moos und See, und wenn ich alles andere ausblendete, war es fast wie früher. Dann seufzte Sandra, und um die ganze schöne Illusion war es geschehen.
»Wenn man dich fragen würde: Für wie wahrscheinlich würdest du’s denn halten, dass wir in den Herbstferien nach Afrika fliegen?«
Ich rümpfte die Nase. Meine Einschätzung lag ziemlich genau bei null Prozent. Sandras Eltern hatten beide gute Jobs, aber ihren Kindern gegenüber waren sie knauserig. Letztes Jahr, in der Sechsten, hatte Sandra nicht viel mehr Taschengeld bekommen als in der Ersten. Und mit ihrem viel zu kleinen Fahrrad, das sie hatte, seit sie acht war, war sie auch noch herumgefahren. Allerdings besaß sie jetzt das nagelneue weiße. Dazu die neuen Kleider – anscheinend hatte sich bei ihr einiges geändert. So wie sie selbst sich auch geändert hatte. Trotzdem, so verschwenderisch, dass sie gleich Afrikareisen machten, waren ihre Eltern bestimmt nicht geworden.
»Wenigstens ist das Risiko, in den Herbstferien Lusse und Viktoria über den Weg zu laufen, nicht sehr groß«, sagte ich nach einer Weile. »Sie werden nur Fotos von der Safari sehen wollen.«
»Ich weiß, aber wozu gibt’s Photoshop«, sagte Sandra und verzog den Mund zu einer Grimasse, die wohl ein Lächeln hatte werden sollen.
Aber auch mir verrutschte ein Lächeln, weil ich wusste, woran sie gerade dachte: an die Geschichte, die wir im Frühjahr auf Tumblr gefunden hatten. Ein amerikanischer Junge wollte seinen Kumpels vormachen, er wäre in China gewesen, aber die Beweisfotos, die er dafür zusammengebastelt hatte, waren so grottenschlecht, dass es sogar Sandra besser hingekriegt hätte, obwohl sie am Computer eine absolute Niete war. Man sah einen schlappen blassen Jungen, wie er an allen möglichen Stellen von der Großen Mauer auf irgendwelche chinesischen Sehenswürdigkeiten schaute, aber es stimmten keine Proportionen, kein Licht und nichts.
Vor ein paar Monaten hatten wir uns darüber noch schlapp gelacht. Jetzt ging das nicht mehr.
Wir lasen noch eine Weile, und ich schielte in regelmäßigen Abständen zu Sandra hin. Sie sah eher traurig aus als sauer. Obwohl sie scheinbar konzentriert in der Zeitschrift blätterte, spürte ich, dass sie mit den Gedanken woanders war.
»Was glotzt du denn so?«, murmelte sie irgendwann.
»Kannst du mir sagen, warum du nur noch mit denen rumhängen willst?«, fragte ich. »Das zieht dich doch bloß runter.«
Sie machte sich nicht mal die Mühe zu antworten.
Lusse und Viktoria waren die taffsten und hübschesten Mädchen der ganzen siebten Klasse. Ich war nur gewöhnlich. Und gewöhnlich war langweilig. Ich mochte Lesen, Filmegucken und Im-Wald-Sein. Mein Aussehen und was andere über mich dachten, war mir egal. Hauptsache, ich hatte Spaß. Aber das schien Sandra nicht mehr zu reichen.
»Kannst du nicht einfach wieder so sein wie immer?«, fragte ich, ohne groß darüber nachzudenken, was ich mir für eine Antwort einfangen könnte.
»Checkst du’s nicht?«, fauchte sie mich an. »Checkst du nicht, dass ich genau das nicht will? Ich will, dass es mit der langweiligen, hässlichen, mickrigen Sandra endlich mal vorbei ist! Weil es im Leben noch mehr geben muss als das hier, okay?«
Sie zeigte erst auf sich und dann auf mich.
Obwohl mich die Antwort nicht wirklich überraschte, tat sie weh. Vor allem schmerzte die Wut, mit der Sandra sie mir entgegenschleuderte.
»Nimm nur mal die Hütte hier!«, schrie sie. »Falls du’s nicht gemerkt hast, wir sind jetzt in der Siebten!«
Der Schmerz in meiner Brust wurde zu einem wütenden Feuer. Sie konnte mich ja für langweilig halten, aber gegen die Hütte zu wettern ging gar nicht. Die hatten wir geliebt, seit wir klein waren, auf die ließ ich nichts kommen.
»Dann hau doch ab, wenn du’s hier zu kindisch findest!«, fuhr ich sie an.
Vielleicht hoffte ich insgeheim, dass sie alles zurücknahm, aber sie tat es nicht.
»Gern«, sagte sie, schmiss die Zeitschrift auf den Boden, rannte aus der Tür und knallte sie so fest zu, dass das hölzerne Namensschild mit der Aufschrift »Johanna und Sandra« abfiel. Ich hörte, wie es auf die Treppenstufen polterte.
Der Wald und die Hütte waren immer ein bisschen mehr mein Ding gewesen. Trotzdem überraschte es mich, wie leicht Sandra sich davon lösen konnte. Und offensichtlich meinte sie es ernst. Als ich die Tür öffnete und auf die Treppe trat, sah ich nur noch ihren wütenden Rücken zwischen den Bäumen verschwinden.
Ich wollte das Namensschild wieder aufhängen, änderte aber meine Meinung und warf es zum Feuerholz für den Herd. Ich schaffte es nicht einmal, richtig traurig zu sein. Ich fühlte mich einfach nur leer und müde.
Na schön, dachte ich, dann müssen wir uns wenigstens nicht mehr streiten, wer ins obere Bett darf. Ich kletterte hoch und legte mich auf den Rücken. Dann schloss ich die Augen und tat so, als wäre Sandra nie hier gewesen.
*
Ich erwachte von einem Knacken. Zwei Elchkühe stolzierten an der Hütte vorbei zum Seeufer und blieben dort stehen.
In der Dämmerung war der See der perfekte Ort, um wilde Tiere zu beobachten. Unser Rekord für ein Wochenende waren vier Rehe, zwei Füchse, eine Waldmaus und ein Elch.
Die Elchkühe waren durstig und tranken. Obwohl es schon recht dunkel war, sah ich, dass eine der beiden weiße Flecken auf der mir zugewandten Seite des Halses hatte. Gerade hörte sie auf zu trinken und rupfte ein Büschel Ufergras. Die andere hatte das Maul noch im Wasser und trank in großen Schlucken.
Ich kletterte vom Bett und ging hinaus auf die Treppe, leise natürlich, trotzdem rechnete ich damit, dass mich die Elche bemerkten. Sie taten es auch, aber sie schienen nicht vor mir zu erschrecken und zuckten nur ein paarmal mit den Ohren. Ich setzte mich vorsichtig auf die unterste Treppenstufe. Die grasende Elchkuh drehte den Kopf und schaute mich, gemächlich weiterkauend, aufmerksam an. Obwohl ich wusste, dass es idiotisch war, eine Elchkuh anzulächeln, konnte ich nicht anders.
»Na du?«, sagte ich im Flüsterton.
Sie spitzte die Ohren und kaute für einen Augenblick nicht mehr. Dann machte sie ruhig weiter.
Die beiden fraßen und tranken noch länger, ehe sie denselben Weg zurückgingen, den sie gekommen waren.
Es geschah Sandra ganz recht, dass sie das hier verpasste!
*
Als ich nach Hause kam, stand Mama in der Küche und knetete Pizzateig.
