Elf Mörder sollt ihr sein! 11 Krimis - Thomas West - E-Book

Elf Mörder sollt ihr sein! 11 Krimis E-Book

Thomas West

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Beschreibung

von Alfred Bekker, Thomas West, Pete Hackett Dieser Band enthält folgende Krimis: Der Brooklyn-Killer (Alfred Bekker) Wie ein Ei dem anderen (Alfred Bekker) Gauner-Duo in der Falle (Alfred Bekker) Nur fürs Protokoll (Alfred Bekker) Trevellian und der Pate von Little Italy (Pete Hackett) Trevellian, die Agentin und der Killer (Pete Hackett) Trevellian und das tödliche Puzzle (Pete Hackett) Ausgebremst (Alfred Bekker) Rockerkrieg in Manhattan (Thomas West) Milo muss sterben (Thomas West) Die zur Hölle fahren (Thomas West) Als wir die Adresse in der Lambert Road in Queens erreichten, war dort bereits alles mit Einsatzfahrzeugen der City Police und des Fire Service verstellt. Ich parkte den Sportwagen auf dem Bürgersteig. Milo und ich stiegen aus und gelangten wenig später an eine Flatterband-Absperrung. NYPD-Kollegen in Uniform hielten dort Wache. Wir zeigten unsere ID-Cards vor und wurden durchgelassen. "Wer leitet den Einsatz hier?", fragte ich. Der Uniformierte deutete auf einen korpulenten Mann mit roten, kurz geschorenen Haaren. "Das ist der Chief!" "Danke." Wir gingen auf den Rothaarigen zu und stellten uns vor. "Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker." "Captain Rob Dennehy, 89. Revier", erwiderte der Chief. "Ich habe schon auf Sie gewartet. Wie viel wissen Sie denn schon?" "Nur, dass es hier ein Haus voller Gift geben soll, das in Zusammenhang mit geplanten Terroranschlägen stehen könnte!", sagte ich. Dennehy nickte. "Dieses Gebäude ist bis unters Dach mit völlig unzureichend gesicherten Behältern voll gestellt, die hochgiftige Substanzen beinhalten. Darunter offenbar auch Stoffe, die Dioxin enthalten sowie stark ätzende Substanzen. Kinder haben auf dem Gelände gespielt. Zwei Jungen sind durch ein Fenster gestiegen und wurden kontaminiert."

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von Alfred Bekker, Thomas West, Pete Hackett

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Inhaltsverzeichnis

Elf Mörder sollt ihr sein! 11 Krimis

Copyright

Der Brooklyn-Killer

Wie ein Ei dem anderen

Gauner-Duo in der Falle

Nur fürs Protokoll

Trevellian und der Pate von Little Italy

Trevellian, die Agentin und der Killer

Trevellian und das tödliche Puzzle

Ausgebremst!

Rockerkrieg in Manhattan

Milo muss sterben

Die zur Hölle fahren

Elf Mörder sollt ihr sein! 11 Krimis

von Alfred Bekker, Thomas West, Pete Hackett

Dieser Band enthält folgende Krimis:

Der Brooklyn-Killer (Alfred Bekker)

Wie ein Ei dem anderen (Alfred Bekker)

Gauner-Duo in der Falle (Alfred Bekker)

Nur fürs Protokoll (Alfred Bekker)

Trevellian und der Pate von Little Italy (Pete Hackett)

Trevellian, die Agentin und der Killer (Pete Hackett)

Trevellian und das tödliche Puzzle (Pete Hackett)

Ausgebremst (Alfred Bekker)

Rockerkrieg in Manhattan (Thomas West)

Milo muss sterben (Thomas West)

Die zur Hölle fahren (Thomas West)

Als wir die Adresse in der Lambert Road in Queens erreichten, war dort bereits alles mit Einsatzfahrzeugen der City Police und des Fire Service verstellt.

Ich parkte den Sportwagen auf dem Bürgersteig. Milo und ich stiegen aus und gelangten wenig später an eine Flatterband-Absperrung. NYPD-Kollegen in Uniform hielten dort Wache. Wir zeigten unsere ID-Cards vor und wurden durchgelassen.

„Wer leitet den Einsatz hier?“, fragte ich.

Der Uniformierte deutete auf einen korpulenten Mann mit roten, kurz geschorenen Haaren. „Das ist der Chief!“

„Danke.“

Wir gingen auf den Rothaarigen zu und stellten uns vor.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker.“

„Captain Rob Dennehy, 89. Revier“, erwiderte der Chief. „Ich habe schon auf Sie gewartet. Wie viel wissen Sie denn schon?“

„Nur, dass es hier ein Haus voller Gift geben soll, das in Zusammenhang mit geplanten Terroranschlägen stehen könnte!“, sagte ich.

Dennehy nickte. „Dieses Gebäude ist bis unters Dach mit völlig unzureichend gesicherten Behältern voll gestellt, die hochgiftige Substanzen beinhalten. Darunter offenbar auch Stoffe, die Dioxin enthalten sowie stark ätzende Substanzen. Kinder haben auf dem Gelände gespielt. Zwei Jungen sind durch ein Fenster gestiegen und wurden kontaminiert.“

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

COVER A. PANADERO

© dieser Ausgabe 2022 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alles rund um Belletristik!

Der Brooklyn-Killer

Thriller von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Ebook entspricht 140 Taschenbuchseiten.

Kinder finden eine Leiche in einem alten Haus – aber das ist nur Beginn eines Ausbruchs mörderischer Gewalt. Für die Ermittler beginnt die Jagd auf einen unheimlichen Killer. Aber dessen Hintermänner sind noch viel skrupelloser...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

Titelbild: Firuz Askin

Copyright

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© 2015 der Digitalausgabe by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster @ alfredbekker . de

1

„Los, kommt schon! Oder traut ihr euch nicht?“

Kevin hatte ein Brett aus dem vernagelten Fenster des heruntergekommenen Brownstonehauses heraus gebrochen. Der neunjährige Junge mit den rotblonden, etwas wirren Haaren, stand auf der Fensterbank und blickte sich zu den anderen um. Insgesamt sechs Jungen zwischen zehn und zwölf Jahren bildeten dort mit verschränkten Armen und skeptischen Blicken einen Halbkreis. Kevin war der Jüngste in ihrer Bande, die sich einfach ‚ The Gang’ nannte. Oft genug hatten sie sich über ihn lustig gemacht. Aber heute konnte er auftrumpfen.

„Hey, was ist? Seid ihr feige oder traut ihr euch was?“

Das Geisterhaus – so hieß das seit einem Jahr leer stehende Gebäude bei den Kids in der Umgebung. Es war einfach unheimlich – schon deswegen, weil um das Gebäude herum immer wieder tote Ratten zu finden waren. Kevin gelang es, noch ein weiteres Brett zu lösen. Die entstandene Öffnung war jetzt groß genug, um ins Innere gelangen zu können. Dunkel war es dort. Schatten tanzten. Und der Geruch hätte Kevin eigentlich warnen müssen…

2

New York, Stadtteil Queens, 345 Lambert Road…

Der Geruch, der aus dem Inneren des Gebäudes drang, war so stechend, dass Kevin innerhalb von Augenblicken Nase und Augen schmerzten. Ihm verschlug es den Atem. Aber nun konnte er nicht mehr zurück. Dazu hatte er sich zu weit vorgewagt. Jetzt einen Rückzieher zu machen, hätte bedeutet, sich vor den anderen bis auf die Knochen zu blamieren. Genau das erwarteten sie ja von ihm.

Nein, dachte er, ich werde es ihnen zeigen! Sie werden nicht sehen, dass ich Angst habe!

Kevin sah in die Gesichter der Gangmitglieder.

Einige grinsten. Andere sahen einfach nur interessiert zu und warteten ab.

„Wetten, dass du dich doch nicht traust!“, meinte Cole, der Älteste in der Gruppe. Er war der Anführer. Geräuschvoll räusperte er sich und spuckte aus. „Ist doch immer dasselbe mit dem Kerl! Erst gibt er groß an, nachher ist nichts dahinter.“

„Ich sag euch Feiglingen nachher, was innen zu sehen war!“, rief Kevin.

„Ha, ha!“, machte Cole und verzog das Gesicht dabei zu einer Grimasse. „Mach nur! Wir warten gespannt ab.“

„Besser nicht!“, äußerte sich Brett.

Brett war zehn, hatte eine Brille mit ziemlich dicken Gläsern und galt bei den anderen als der Vorsichtige in der Gruppe.

Er traute sich am wenigsten und verletzte sich trotzdem am häufigsten von allen, was vor allem damit zusammenhing, dass er ziemlich ungeschickt war. „Lass es besser bleiben, Kevin“, meinte er. „Wer weiß, vielleicht ist sogar noch der Penner da drin…“

Brett spielte darauf an, dass sie vor einiger Zeit einen Obdachlosen auf dem Gelände beobachtet hatten. Es hatte wie aus Eimern geschüttet und die Jungen waren gerade von der Schule gekommen, als sie die abgerissene Gestalt in dem fleckigen, völlig durchnässten Regenmantel auf das Geisterhaus hatten zugehen sehen.

Er hatte kurz zu ihnen hinübergeblickt.

Tief liegende Augen und fast völlig von einem verfilzten Bart überwuchertes, sehr hohlwangiges Gesicht hatten ihn ziemlich unheimlich aussehen lassen. ‚Der Mann mit dem Loch im Bart’ hatten sie ihn genannt, weil es da eine ziemlich eigenartig aussehende Lücke in diesen ansonsten alles überwuchernden Haaren gegeben hatte.

„Quatsch, der ist längst weg!“, meinte Kevin.

Wie hätte er den Gestank da drinnen auch aushalten sollen?, ging es dem Jungen dabei durch den Kopf.

„Und wenn nicht?“

„Wenn jemand von euch Mut hat, kommt er mit“, sagte Kevin. „Die anderen sollen in Zukunft in der Schule besser auf die Mädchentoilette gehen, denn da gehören sie hin!“

„Angeber!“, rief Cole.

Dann sprang Kevin hinunter. Dabei trat er auf etwas Weiches, dass sich im Schatten befunden hatte. Er taumelte, ging zu Boden und kam hart auf. Eine klebrige, zähflüssige Substanz befand sich dort.

Das Zeug roch so ekelhaft, dass er sich um ein Haar erbrochen hätte.

Aber Kevin war wild entschlossen, sich zusammenzureißen und keine Schwäche zuzugeben.

„Na, lebst du noch?“, hörte er Coles vor Hohn und Spott nur so triefende Stimme von draußen.

„Super gemütlich hier!“, behauptete Kevin. Er musste Husten. In seinem Hals brannte es jetzt genauso wie in seinen Augen und in der Nase. Der Magen begann ihm ebenfalls wehzutun.

Vorsichtig erhob er sich. Das klebrige Zeug wischte er am T-Shirt ab.

Ärger mit seiner Mum war jetzt sowieso vorprogrammiert. Er blickte auf das weiche Ding, auf das er beim Sprung aufgekommen war.

Kevin trat einen Schritt auf dieses Ding zu.

Seine Augen gewöhnten sich mehr und mehr an das Halbdunkel, das im Inneren des Gebäudes herrschte und so erkannte er jetzt, was es war.

Er stieß einen kurzen, entsetzen Schrei aus.

„Was ist los?“, rief Brett von draußen.

„Hier liegt ´ne tote Katze!“, stieß Kevin röchelnd hervor. Er rang nach Luft. Alles begann sich vor seinen Augen zu drehen. Er versuchte noch, sich an der Wand festzuhalten, rutschte dann aber an ihr zu Boden.

Dabei stieß er ein paar unartikulierte Laute aus.

Den anderen Mitgliedern der Gang stockte der Atem.

Sie standen wie erstarrt da. Niemand rührte sich. Sie lauschten, ob sich innen noch irgendetwas tat.

„Kevin?“, rief Cole.

Aber er bekam keine Antwort.

„Kevin, was ist los?“

„Vielleicht ist er verletzt und kann sich nicht helfen“, vermutete Brett.

„Wir sehen uns das an!“, bestimmte Cole. Er kletterte auf die Fensterbank. Als ihm von innen der stechende Geruch entgegen schlug, verzog er angewidert das Gesicht. „Das riecht ja wie ein Rattenfurz!“, meinte er, um cool zu wirken. Dann steckte er seinen Kopf durch die Öffnung.

Dort unten, auf dem Boden, lag Kevin und rührte sich nicht. Auch ihm selbst wurde plötzlich ganz schlecht.

Aber er riss sich zusammen. „Kevin liegt da unten und rührt sich nicht“, rief er.

Er stieg jetzt ebenfalls durch die Öffnung, brach dabei noch ein weiteres Brett heraus und sprang schließlich ins Innere.

Die anderen standen wie erstarrt da.

Niemand rührte sich. Von Cole waren nur noch ein paar Geräusche zu hören. Dann nichts mehr.

„Besser wir holen Hilfe“, meinte Brett.

Niemand unter den anderen Mitgliedern der Gang hielt ihn deswegen für einen Feigling.

3

Als wir die Adresse in der Lambert Road in Queens erreichten, war dort bereits alles mit Einsatzfahrzeugen der City Police und des Fire Service verstellt.

Ich parkte den Sportwagen auf dem Bürgersteig. Milo und ich stiegen aus und gelangten wenig später an eine Flatterband-Absperrung. NYPD-Kollegen in Uniform hielten dort Wache. Wir zeigten unsere ID-Cards vor und wurden durchgelassen.

„Wer leitet den Einsatz hier?“, fragte ich.

Der Uniformierte deutete auf einen korpulenten Mann mit roten, kurz geschorenen Haaren. „Das ist der Chief!“

„Danke.“

Wir gingen auf den Rothaarigen zu und stellten uns vor.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker.“

„Captain Rob Dennehy, 89. Revier“, erwiderte der Chief. „Ich habe schon auf Sie gewartet. Wie viel wissen Sie denn schon?“

„Nur, dass es hier ein Haus voller Gift geben soll, das in Zusammenhang mit geplanten Terroranschlägen stehen könnte!“, sagte ich.

Dennehy nickte. „Dieses Gebäude ist bis unters Dach mit völlig unzureichend gesicherten Behältern voll gestellt, die hochgiftige Substanzen beinhalten. Darunter offenbar auch Stoffe, die Dioxin enthalten sowie stark ätzende Substanzen. Kinder haben auf dem Gelände gespielt. Zwei Jungen sind durch ein Fenster gestiegen und wurden kontaminiert.“

„Wie geht es ihnen?“, fragte Milo.

Dennehy hob die Augenbrauen und machte ein sehr ernstes Gesicht. „Der Emergency Service hat sie abgeholt und in das Bethesda Hospital gebracht. Es waren noch fünf weitere Jungen – alle so um zehn Jahre – dabei. Die haben schließlich auch dafür gesorgt, dass Hilfe geholt wurde.“

„Wo sind diese fünf Jungen jetzt?“, fragte ich.

„Ich gebe Ihnen die Adressen. Im Moment sind sie zu Hause und stehen ziemlich unter Schock.“ Dennehy atmete tief durch. „Ich kann viel verkraften und hab’ in meinen Dienstjahren auch schon viele Grausamkeiten gesehen – aber wenn Kinder betroffen sind, geht einem das immer schon sehr nahe.“

„Das geht mir genauso“, bekannte ich.

„Sprechen Sie am besten selbst nachher noch mit dem Einsatzleiter des Fire Service. Im Moment ist der noch ziemlich im Stress, weil noch nicht ganz klar ist, welche Gefahren von diesem Haus ausgehen. Inzwischen haben wir eine Spezialeinheit der Army für ABC-Einsätze angefordert.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, man erwischt die Schweine, die diese Sauerei veranstaltet haben.“

„Wissen Sie etwas über die Besitzer dieses Gebäudes?“, fragte ich.

„Als Eigentümer ist eine Holding eingetragen, die das Gebäude vor anderthalb Jahren an einen gewissen Mahmut Talani vermietet hat.“

„So ein Zufall!“, sagte ich.

„Wieso? Ist das eine bekannte Größe?“

„Dieses Gebäude ist das vierte mit Giftfässern gefüllte Haus in New York, das von Mahmut Talani gemietet wurde“, erklärte ich. „Diese Häuser enthielte leicht entflammbare Chemikalien. Bei einem Brand wären jeweils riesige Wolken aus Dioxin und ätzenden, säurehaltigen Substanzen über Wohngebieten niedergegangen.“

Dennehy zuckte die Achseln. „Bei einem koordinierten Vorgehen hätte man auf diese Weise den ganzen Big Apple in Panik versetzen können.“

Genau das war der Grund, weshalb Jonathan D. McKee, der Chef des FBI Field Office New York, uns hier her geschickt hatte. Mahmut Talani, der mysteriöse Mieter von insgesamt vier, scheinbar an strategisch günstigen Standorten gelegenen Gebäuden, die bis unter das Dach mit hochgiftigen Substanzen angefüllt gewesen waren, war möglicherweise nur ein skrupelloser Umweltsünder – vielleicht aber auch Terrorist. Natürlich lag in solchen Fällen die Annahme einer illegalen Giftmüllentsorgung erst einmal sehr viel näher.

Aber Mahmut Talani war iranischer Abstammung, besaß aber die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er besaß exzellente Geschäftskontakte in den mittleren Osten, darunter auch zu einigen Adressen in Saudi Arabien, die bei der CIA seit langem auf der Liste von Firmen und Privatpersonen standen, die radikale Islamistengruppen zu unterstützen.

Unglücklicherweise war Talani unauffindbar.

Er schien wie vom Erdboden verschluckt. So als hätte es ihn nie gegeben. Ein paar Daueraufträge von verschiedenen Konten auf den Cayman-Islands sorgten dafür, dass die Miete für die mit Giftfässern gefüllten Gebäude pünktlich bezahlt wurde. Er selbst hatte zuletzt in einer Etage in der Fifth Avenue mit traumhaftem Blick über den Central Park gelebt. Aber als sich unser Erkennungsdienstler Agent Sam Folder mit einem Team diese Wohnung vornahm, mussten wir feststellen, dass sie so gut wie nichts enthielt, was irgendeinen persönlichen Charakter hatte. Man hätte denken können, dass Mahmut Talani diese Luxuswohnung nie betreten hatte. Nicht ein einziger Fingerabdruck des Gesuchten fand sich dort, geschweige denn Material, aus dem sich eine DNA-Probe hätte gewinnen lassen oder irgendwelche persönlichen Unterlagen.

Unsere Fahndungsabteilung favorisierte die Theorie, dass Talani unter falschem Namen längst das Land verlassen hatte.

Dass wir an ihn vermutlich nicht heran kamen, damit mussten wir uns wohl oder übel abfinden müssen - nicht aber damit, dass seine Helfershelfer und Hintermänner weiterhin ihr Unwesen trieben.

Ein Team der Scientific Research Division traf mit erheblicher Verspätung ein. Die Kollegen dieses in der Bronx angesiedelten zentralen Erkennungsdienstes aller New Yorker Polizeieinheiten waren im Stau stecken geblieben. Bis wir genau wussten, welche Chemikalien im Inneren der Häuser gelagert worden waren, würde einige Zeit vergehen.

Milo und ich ließen uns von Captain Dennehy die Adressen der Jungen geben und hörten uns außerdem in der unmittelbaren Nachbarschaft des Gebäudes um.

Mehrere Zeugen sagten aus, dass sie beobachtete hätten, wie wiederholt des Nachts Lastwagen auf das Gelände gefahren wären. Allerdings war deswegen niemand misstrauisch geworden. Warum auch? Jedem in der Nachbarschaft war klar gewesen, das es sich bei dem Gebäude um ein Lagerhaus handelte.

Ein Umstand war allerdings bedeutsam.

Innerhalb der letzten Monate war so gut wie nichts mehr in das Gebäude gebracht oder von dort abgeholt worden.

Die einzige Person, die sich – abgesehen von den Jungen, aus deren Gruppe schließlich zwei ins Innere des Hauses eingedrungen waren – in dieser Zeit noch auf dem Gelände aufgehalten hatte, war ein Obdachloser.

Allerdings war dieser Obdachlose lediglich von den Kindern gesehen worden. Keiner der erwachsenen Zeugen konnte sich an ihn erinnern.

Unsere Ausbeute an Ermittlungsergebnissen war bis zum Abend ziemlich dürftig.

Die Kollegen von der SRD und das ABC-Spezialkommando der Army kamen nur langsam voran. Inzwischen trafen auch noch Chemiker aus den Reihen unseres Field Office ein, um die bereits mit der Untersuchung der Chemikalien beschäftigten Männer und Frauen zu unterstützen.

Uns wurde erst am frühen Abend gestattet, das Gebäude zu betreten. Dazu mussten Milo und ich uns in Spezialanzüge mit Atemmasken zwängen.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren mehr als ein Dutzend verschiedener, hochgiftiger Substanzen in dem Gebäude entdeckt worden. Der Verdacht, dass sich darunter große Mengen an Dioxin befanden, das insbesondere als Nervengift wirkte, sollte sich bestätigen. Darüber hinaus fanden sich Substanzen, von denen Roger Garcia, der Leiter des Chemiker-Teams der Scientific Research Division, meinte, es könnte sich sowohl um Industrieabfälle als auch um Ausgangsstoffe für primitive Kampfstoffe handeln.

„Wenn du mich fragst, hat das hier mit Terrorismus nichts zu tun“, meinte ich an Milo gerichtet, als wir das Haus schließlich verlassen hatten. „Das sieht mir eher nach einer illegalen Mülldeponie aus.“

Je mehr die Umweltauflagen in Bezug auf die Entsorgung von Industrieabfällen und Chemikalien verschärft worden waren, desto lukrativer war der jüngste Zweig des organisierten Verbrechens geworden: der illegale Müllhandel. Was die Gewinnspannen anging hatte dieses Business den Drogenhandel oder die Schutzgelderpressung längst in den Schatten gestellt. Die Sache funktionierte leider viel zu einfach. Die so genannte Müll-Mafia übernahm Industrieabfälle aller Art zur Entsorgung. Aber anstatt sie auf den entsprechenden Deponien zu lagern oder für eine fachgerechte Entsorgung Gewähr zu leisten, vergrub man die Fässer mit Dioxin, schwermetallhaltigen Klärschlämmen oder was sonst auch immer anfallen mochte, einfach irgendwo in der Landschaft. Manchmal wurden auch über Strohmänner Lagerhäuser angemietet, wo die hochgiftigen Substanzen dann stehengelassen wurden. Die immens hohen Entsorgungskosten wurden dabei gespart und bildeten den Gewinn, den sich die beteiligten Firmen und die Müll-Mafia aufteilten. Die Differenz zu den Kosten einer regulären Entsorgung war so gewaltig, dass es mitunter sogar lohnte, Giftmüll außer Landes zu bringen, um ihn in Afrika oder Osteuropa illegal zu entsorgen.

„Ich würde mich da nicht so schnell festlegen, Jesse“, gab Milo nach einer längeren Pause zurück. „Du lässt außer Acht, dass dieser Mahmut Talani, dem alle vier in letzter Zeit aufgefundenen Giftmüll-Lagerstätten auf dem Boden der Stadt New York gehörten, zwar alle möglichen üblen Kontakte hat – aber offenbar nicht zu den Müll-Syndikaten!“

„Wir können diese Kontakte bislang nicht nachweisen – das ist aber auch alles“, erwiderte ich. „Das heißt nicht, dass sie nicht existieren.“

„Fakt ist, dass Mahmut Talani Kontakt zu radikalen islamistischen Gruppen hat und mit ihnen offenbar auch in der Vergangenheit schon gute Geschäfte gemacht hat, Jesse!“

„Ich wette, wir wüssten mehr darüber, wenn wir Mister Talani selbst befragen könnten, Milo.“

Mein Kollege grinste

„Der wird uns kam den Gefallen tun und sich bei uns im Field Office melden.“

4

Mahmut Talani saß in einem Coffee Shop an der Ecke Mulberry/Spring Street an der nördlichen Grenze von Little Italy. Der Coffee Shop trug den Namen „Luigi’s Lounge“, obwohl der Besitzer weder italienischer Abstammung war noch Luigi hieß. Talani hatte sich mit einem Cappuccino und ein paar Donuts an den Tisch in der hintersten Ecke gesetzt. Von hier aus konnte man den gesamten Coffee Shop gut übersehen, hatte einen freien Blick auf die Tür und konnte notfalls über den Zugang zur Küche und den Toiletten zum Hinterausgang flüchten.

Talani blickte nervös auf seine Uhr.

Der Mann, auf den er wartete, war bereits überfällig.

Ich will nicht hoffen, dass diese Ratte mich auch hereinlegen will!, ging es ihm grimmig durch den Kopf.

Ein Mann mit dunklen Locken, Mitte dreißig und von schlaksiger Statur betrat den Coffee Shop. Er hatte die Hände in den Taschen seiner Jacke vergraben und ließ den Blick durch das Lokal schweifen.

Sein Blick blieb kurz an einem alten Mann haften, der sich hinter seiner Zeitung vergraben hatte und wanderte schließlich weiter zu Talani.

Der Lockenkopf stutzte erst. Dann näherte er sich Talanis Tisch.

„Hey, Mann, ich hätte Sie fast nicht erkannt! Mit den blonden Haaren und den blauen Augen…“

„Halten Sie Ihren Mund, Jarvis und setzen Sie sich.“

Jarvis nahm sich einen Stuhl und setzte sich rittlings drauf.

„Woher haben Sie denn auf die Schnelle so himmelblaue Kontaktlinsen hergekriegt?“, fragte er. „Jedenfalls sehen Sie jetzt aus wie ein Schwede!“

„Ich brauche Ihre Hilfe.“

„Kann ich mir denken. Also, was wollen Sie und wie viel sind Sie bereit dafür zu zahlen?“

„Ich brauche einen vollständigen Satz Papiere auf den Namen Björn Svenson. Besitzt sowohl die schwedische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft.“

„Haben Sie alle nötigen Unterlagen besorgt?“

„Sicher.“

Talani holte einen braunen Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke und reichte ihn an Jarvis weiter. „Da ist auch die vereinbarte Anzahlung drin. Den Rest gibt’s bei Lieferung der Ware.“

Jarvis grinste, warf einen kurzen Blick in den Umschlag und steckte ihn ein.

„Okay“, meinte er.

„Wann sind Sie fertig?“

„Wollen Sie Qualitätsarbeit oder billigen Ramsch, mit dem Sie schon im John F. Kennedy Airport hier in New York auffliegen?“ Jarvis machte eine ausholende Geste. „Es ist nicht mehr so leicht wie früher, Pässe zu fälschen! Diese biometrischen Merkmale, die neuerdings in den Dingern drin sein müssen… Und dann auch noch schwedische Papiere! Die kennt doch kein Mensch.“

„Eben!“, erwiderte Talani. „Und bei einem schwedischen Pass schaut niemand so genau hin wie bei einem Dokument aus dem Iran oder Libyen.“

Jarvis lachte. „Ihnen ist jemand ziemlich dicht auf den Fersen, was?“

„Sparen Sie sich Ihr Gequatsche“, knurrte Talani. „Sagen Sie einfach, wann Sie fertig sind!“

Talani fragte sich, weshalb Jarvis so nervös war. Er blickte sich nun schon zum dritten Mal in Richtung der Fensterfront um.

Die Außentür des Coffee Shops flog zur Seite.

Zwei maskierte Männer in dunklen Rollkragenpullovern stürmten herein. Sie trugen automatische Pistolen mit aufgeschraubten Schalldämpfern.

Jarvis sprang auf und schnellte zur Seite.

Talani begriff sofort, dass der Lockenkopf dies deshalb tat, um die Schussbahn freizumachen. Offenbar hatte dem Dokumentenfälscher jemand noch sehr viel mehr für seine Dienste gegeben, als er für die Anfertigung des Dokumentensatzes für einen gewissen Björn Svenson bekommen hätte.

Blutrot leckte das Mündungsfeuer aus den beiden Schalldämpferwaffen der Maskierten heraus. Zwei Schüsse wurden kurz hintereinander abgegeben. Jedes Mal entstand ein Geräusch, das wie ein heftiges Niesen oder ein Schlag mit einer Zeitung klang.

Die Kugeln fetzten durch Talanis Kleidung hindurch.

Darunter kam grauer Kevlar-Stoff zum Vorschein. Schon seit Tagen trug der Halb-Iraner sicherheitshalber eine kugelsichere Weste. Verschiedene Schichten dicht gewebter Materialien verhinderten, dass die Projektile in den Körper eindrangen. Die kinetische Energie, mit das Geschoss auftraf, wurde dabei auf eine größere Fläche verteilt. Für den Betroffenen war die Wirkung eines Treffers je nach Abstand und Kaliber mit einem kräftigen Tritt oder dem kräftigen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand vergleichbar.

Mahmut Talani stöhnte schmerzvoll auf.

Er wurde vom Stuhl geschleudert, riss gleichzeitig eine Automatik unter seiner Windjacke hervor und feuerte.

Getroffen sanken die beiden Maskierten zu Boden.

Talani hatte sie mit Kopftreffern niedergestreckt.

Stöhnend erhob er sich und betastete dabei vorsichtig seinen Brustkorb. Er konnte von Glück sagen, wenn er keine Rippe gebrochen hatte. Aber mit ein paar ausgedehnten Hämatomen musste er rechnen. Er rang nach Luft. Das Atmen schmerzte.

Jarvis kauerte mit weit aufgerissenen Augen am Boden. Er hatte sich während des Schusswechsels hingeworfen, um nicht getroffen zu werden.

Jetzt zitterte er.

Den braunen Umschlag, mit Talanis Unterlagen und der Anzahlung für die falschen Papiere presste er an sich.

Talanis Gesichtsausdruck verzog sich zu einer Grimasse.

„Gib es zu, du hast diese Bastarde zu mir geführt….“

„Nein, ehrlich, ich wusste von nichts!“

Talani feuerte. Jarvis’ Körper durchlief ein Ruck. Der Lockenkopf schrie auf, als die Kugel ihm in den Oberschenkel fuhr.

„Ich will die Wahrheit hören!“, beharrte Talani. „Oder ich teste mal, wie viel Blei ein menschlicher Körper so verträgt!“

Er legte kurz an, feuerte ein weiteres Mal und traf Jarvis an der Hand. Der braune Umschlag rutschte blutverschmiert zu Boden.

„Ich hatte keine andere Wahl!“, schrie Jarvis. „Die haben mich gezwungen!“

„Bestell Vic Milrone schöne Grüße von mir, wenn ihr euch in der Hölle trefft!“, knurrte Talani. Sein Gesicht wurde dabei zu einer Grimasse des Hasses. Er feuerte zweimal. Die Kugeln fuhren Jarvis in die Brust und die Stirn.

Talani trat an den Toten heran, um ihm die Unterlagen wieder abzunehmen, mit denen dieser die falschen Papiere hätte anfertigen sollen.

Der Halbiraner kniete nieder.

Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er eine Bewegung an jener Tür, die hinten heraus führte.

Talani sah nicht mehr als einen Schatten. Er ließ sich fallen, drehte sich um die eigene Achse und riss seine Waffe empor.

Aber er kam nicht mehr zum Schuss.

Ein roter Punkt bildete sich mitten auf seiner Stirn. Talani sackte leblos und mit erstarrten Augen in sich zusammen.

An der Hintertür stand der dritte Mann des Killer-Trios, das offenbar mit dem Auftrag hier her geschickt worden war, ihn zu ermorden.

Dieser Mann war ebenfalls maskiert.

Er senkte den durch einen Schalldämpfer verlängerten Lauf seiner Waffe.

Aus der Ferne waren bereits die Sirenen von Einsatzfahrzeugen des New York Police Department zu hören. Vermutlich hatten Nachbarn die Schüsse aus Talanis Waffe gehört, die ja nicht mit einem Schalldämpfer versehen war.

Der Maskierte nickte dem vollkommen blass gewordenen Mann hinter dem Tresen kurz zu, ehe er sich in Richtung Hinterausgang wandte und davonlief.

5

Am Vormittag des auf die Entdeckung des Giftmülllagers an der Lambert Road folgenden Tages hatten wir eine Besprechung im Büro von Mister Jonathan D. McKee, der das FBI Field Office New York im Rang eines Assistant Directors in Charge leitete.

Außer Milo und mir nahmen an dieser Besprechung auch unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina teil. Der flachsblonde Italoamerikaner Clive war der stellvertretende Chef unseres Field Office.

Von der Scientific Research Division nahm Roger Garcia an der Besprechung teil, um uns einen vorläufigen Bericht über den Stand der Erkenntnisse im Hinblick auf das Lagerhaus in der Lambert Road zu geben. Außerdem war noch Agent Nat Norton anwesend, ein Innendienstler, dessen Spezialgebiet das Aufspüren verborgener Geldströme war. Er hatte Betriebswirtschaft studiert und war für unsere Arbeit längst genauso wichtig wie die Unterstützung durch Ballistiker oder Gerichtsmediziner. Sowohl im Bereich der organisierten Kriminalität als auch bei der Terrorbekämpfung lieferte eine Aufdeckung getarnter Finanzströme häufig erst einen Überblick über die kriminelle Strukturen.

„Guten Morgen“, sagte Mister McKee, nachdem uns seine Sekretärin Mandy Kaffee in Pappbechern serviert hatte. Mister McKee nahm einen Schluck und fuhr fort. „Heute früh erreichte mich eine Meldung der City Police. In einem Coffee Shop Ecke Mulberry/ Spring Street hat es eine Schießerei gegeben. Bei einem der Toten handelte es sich um zweifellos um Mahmut Talani. Der Hergang des Geschehens konnte noch nicht ganz rekonstruiert werden, aber Talani hat sich dort mit Tony Jarvis getroffen. Jarvis ist mehrfach wegen Urkundenfälschung vorbestraft und sollte Talani offenbar falsche Papiere auf den Namen Björn Svenson besorgen. Die entsprechenden Unterlagen hat Talani neben einer Anzahlung zum Treffpunkt mitgebracht.“ Mister McKee atmete tief durch und berichtete anschließend, dass er unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell an den Tatort beordert hätte. Anschließend erteilte er Roger Garcia, dem Leiter des zuständigen SRD-Teams das Wort, der die bisherigen Ermittlungsergebnisse vom Tatort an der Lambert Road zusammenfasste. Dabei lieferte er unter anderem eine Liste der im Haus gelagerten Chemikalien. „Die Substanzen waren teilweise äußerst fahrlässig und unter Missachtung sämtlicher Sicherheitsbestimmungen gelagert worden“, erklärte Garcia. „Besonders gefährlich sind dabei die vor allem im Obergeschoss gelagerten Plastikmüll, wobei es sich um Abfälle der Verpackungsindustrie handelt. Bei einer derart dichten Lagerung kann es – gerade bei heißem Hochdruckwetter, wie wir es zurzeit in New York haben – sehr leicht zur Selbstentzündung kommen. Es bestand akute Brandgefahr und in dem Fall wären hochgiftige Gase über Wohngebiete gezogen. Je nach Windrichtung hätte man halb Queens evakuieren müssen.“

„Haben Sie irgendetwas gefunden, was einen Verdacht im Hinblick auf terroristischer Aktivitäten erhärten könnte?“, hakte Mister McKee nach.

Garcia schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich habe mit den Kollegen vom Fire Service und den Spezialisten der Army eingehend über dieses Thema gesprochen. Selbstverständlich ließe sich das Gebäude in der Lambert Road hervorragend als eine primitive Giftgasbombe benutzen. Besonders effektiv wäre das natürlich, wenn man durch die Detonation einer Sprengladung dafür sorgt, dass die giftigen Substanzen höher empor geschleudert werden und das Verbreitungsgebiet größer ist. Aber wir haben wirklich nicht die kleinsten Anzeichen dafür gefunden, dass so etwas vorbereitet wurde.“

„Es ist aber nun mal eine Tatsache, dass innerhalb weniger Monate vier auf ähnliche Weise mit Giftstoffen angefüllte Häuser entdeckt wurden, die alle von einem Mann angemietet worden sind, der nachweislich Kontakte zu extremen islamistischen Gruppen hatte“, gab Mister McKee zu bedenken.

Garcia hob die Schultern. „Der Befund am Tatort deutet eher auf Machenschaften der Müll-Mafia hin. Sie kennen das alte Spiel ja: Giftmüll wird zur angeblichen Entsorgung angekauft und dann irgendwo illegal gelagert. Bis diese Lager dann entdeckt werden oder sich von allein entzünden, sind die Strohmänner längst untergetaucht.“

„Dann müsste man eigentlich erwarten, dass es irgendeine Verbindung zwischen Talani und den Syndikaten gibt, die sich im Müll-Geschäft so tummeln!“, meinte Mister McKee.

„Da gibt es vielleicht etwas!“, meldete sich nun Agent Nat Norton zu Wort. Unser Fachmann für Betriebswirtschaft zog damit die interessierten Blicke aller auf sich. Nat lehnte sich zurück und sagte: „Talani befindet sich ja bereits seit Monaten in der Fahndung und ich habe seine finanziellen Verhältnisse in dieser Zeit bis ins kleinste durchleuchtet. Dabei stieß ich auf einen geschäftlichen Kontakt mit einer Firma namens SAD Ltd. & Co. auf den Cayman Islands. Wahrscheinlich nur eine Briefkastenfirma. Tatsache ist aber, dass dieselbe Firma auch geschäftliche Kontakte mit der Firma Trans-Act Inc. hat, von der wir seit kurzem wissen, dass sie zu hundert Prozent im Besitz von Vic Milrone ist, der als graue Eminenz im illegalen Müllhandel in den Neu-Englandstaaten gilt.“

Der Name Vic Milrone war uns allen ein Begriff. Wir verdächtigten ihn seit langem, eines der größten Syndikate zu leiten, die auf dem Gebiet der illegalen Müllentsorgung tätig waren. Leider war es bislang unmöglich gewesen, an ihn heranzukommen. Milrone ließ sich zwar einerseits gerne als Paten von Brooklyn bezeichnen und schien es zu mögen, wenn alle Welt vor ihm zitterte. Aber juristisch ließ er nicht das Geringste anbrennen. Sein Vorstrafenregister wies wahrscheinlich nicht einmal eine Verwarnung wegen Falschparkens auf. Auch wenn der eine oder andere nur staunend den Hals verrenken konnte, wenn er sah, mit welcher Rasanz Milrones Vermögen in den letzten Jahren angewachsen war, so hatten es weder das FBI noch die Steuerfahndung geschafft, ihm irgendetwas zu beweisen, was gegen das Gesetz verstieß. Milrone war der typische Vertreter einer Gattung namens „weißer Kragen Täter“. Syndikate in der Müll-Branche waren im Allgemeinen so aufgebaut, dass von den Strafverfolgungsbehörden allenfalls die Strohmänner oder Spediteure ins Netz der Justiz liefen, aber den eigentlichen Hintermännern oft genug nichts nachzuweisen war.

So auch im Fall Vic Milrone, der sich inzwischen von seinen Millionen die größte Villa auf den Brooklyn Heights geleistet hatte.

„Das bedeutet, es gibt eine – wenn auch indirekte –Verbindung zwischen Talani und dem Milrone-Syndikat?“, vergewisserte ich mich.

Nat Norton bestätigte dies. „So ist es – auch wenn ich nicht glaube, dass das bereits in irgendeiner Form juristisch verwertbar ist. Es handelt sich um ein einzelnes Indiz, das für uns kaum mehr als Hinweischarakter hat!“

„Immerhin ist er aber deutlich genug, um unsere Ermittlungen in Richtung Müll-Mafia zu konzentrieren, anstatt weiter nach Verbindungen zum internationalen Terrorismus zu suchen, die es in diesem Fall wahrscheinlich gar nicht gibt!“, schloss ich.

„Nicht ganz so schnell, Jesse!“, schränke Mister McKee ein. „Im Prinzip haben Sie Recht, aber wir sollten, was die Möglichkeit angeht, dass hier ein Anschlag vorbereitet werden sollte, trotzdem nicht völlig ausblenden.“

Roger Garcia meldete sich zu Wort. „Möglicherweise kommen wir über die Herkunft der Giftstoffe in der Lambert Road weiter. Vor allem die Kunststoffrückstände ließen sich rein theoretisch dem Hersteller zuordnen.“

Mister McKee runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen – rein theoretisch?“

„Erstens hüten die Unternehmen genaue Zusammensetzung und die Herstellungsverfahren für ihre Produkte wie ihren Augapfel. Und zweitens wären dazu auch recht umfangreiche und aufwendige Untersuchungen notwendig. Allein im Großraum New York dürfte es einige Dutzend Produktionsanlagen geben, aus denen die gefundenen Mengen an Giftmüll stammen könnten. Nehmen wir mal an, die Leute, die für diese Schweinerei verantwortlich sind, haben einen einigermaßen gut ausgeprägten Sinn für Wirtschaftlichkeit, dann werden sie die Transportwege kurz halten. Das macht auch ansonsten Sinn, denn Transportkapazität dürfte in einer derartigen Organisation knapp sein. Schließlich ist jeder eingeweihte Spediteur ein potentielles Risiko.“

„Ich korrigiere Sie ungern, aber wir hatten schon Fälle von organisiertem Müll-Handel, bei dem die entsprechende Stoffe nach Afrika gebracht wurden, um sie dort irgendwo unauffällig zu vergraben“, gab Mister McKee zu bedenken.

Garcia hob die Hände. „Eine Verschiffung ist für die Betreiber solcher Geschäfte mit viel weniger Risiko verbunden, als ein Transport über die Straße“, erwiderte der Kollege von der Scientific Research Division. „In so fern kann es letztendlich tatsächlich preiswerter sein, das Zeug über den Ozean zu bringen – zumal man das mit Frachtern machen kann, die unter irgendeiner Billigflagge laufen und deren Matrosen nur einen Bruchteil dessen bekommen, was man einem amerikanischen Trucker zahlen muss!“

„Ich glaube nicht, dass wir Durchsuchungsbefehle für die gesamte Kunststoff verarbeitende Industrie der Ostküste bekommen werden“, gab Mister McKee zu bedenken.

„Eventuell könnten wir das im Labor noch etwas genauer eingrenzen“, stellte Garcias in Aussicht. „Und wenn wir dann einen Abgleich mit der Produktpalette der in Frage kommenden Firmen durchführen, haben wir am Ende vielleicht zwanzig Firmen im Umkreis von zweihundert Meilen.“

Mister McKee nickte bedächtig. „Besser, es wären weniger!“

„Wir tun, was wir können“, versprach Garcia.

Mister McKee wandte sich an Milo und mich. „Was ist mit den Aussagen der Anwohner und der Kinder?“, erkundigte er sich.

„Bis auf die beiden Jungen, die ins Bethesda Hospital eingeliefert wurden, sind die Vernehmungen abgeschlossen“, berichtete Milo. „Leider haben sich daraus keine weiteren Ermittlungsansätze ergeben.“

„Sollte wirklich Vic Milrone und seine Organisation etwas damit zu tun haben, müssten wir unsere Informanten in Brooklyn anspitzen“, schlug ich vor.

„Tun Sie das, Jesse“, nickte Mister McKee.

6

Zur gleichen Zeit waren unsere Kollegen Jay Kronburg und Leslie Morell an der Ecke Mulberry/ Spring Street in einem Coffee Shop namens Luigi’s Lounge.

Dort bot sich ein Bild des Grauens.

Die Toten waren bereits abtransportiert worden. Blutlachen waren auf dem Fußboden eingetrocknet.

Captain Gary Rinkovic von der Homicide Squad I des zuständigen Polizeireviers leitete die Untersuchung. Einige Kollegen der Scientific Research Division sicherten noch immer Spuren. Gerade die Verteilung der Blutspritzer konnte den exakten Tathergang möglicherweise erhellen.

Rinkovic ging mit Jay und Leslie kurz vor die Tür und äußerte dabei laut, dass er unbedingt, dass er unbedingt frische Luft bräuchte.

Draußen atmete er tief durch.

„Ich kann Ihnen jetzt nur eins empfehlen“, meinte er an die beiden G-men gerichtet. „Knöpfen Sie sich den Besitzer dieses Coffee Shops mal richtig vor. Der hat alles mit angesehen und weiß angeblich so gut wie nichts. Jede Kleinigkeit musste ich ihm einzeln aus der Nase ziehen. Er ist sich noch nicht einmal sicher, ob es zwei oder drei Täter waren, die auf Talani geschossen haben.“

„Wie heißt der Mann?“, fragte Jay.

„Justin Dalglish. Ich habe ihn durch den Computer gejagt. Aber da ist nichts zu finden, was ihn irgendwie in einem zweifelhaften Licht erscheinen lassen könnte. Nur verstehe ich nicht, wieso er hier keine klare Aussage machen kann. Man könnte fast denken, dass ihm gar nicht so sehr daran gelegen ist, das wir den dritten Killer finden!“

„Es steht also fest, dass es drei Killer waren“, fasste Jay zusammen.

Rinkovic nickte.

Er holte ein paar Polaroids aus der Innentasche seines Jacketts und zeigte sie den beiden G-men. Die Fotos waren unmittelbar nach Eintreffen der Homicide Squad geschossen worden.

„Talani hat sich mit einem Passfälscher namens Jarvis getroffen. Jarvis muss sich dann vom Platz erhoben haben. Zwei Maskierte kamen zur Tür herein und Talani hat sich mit ihnen eine Schießerei geliefert.“

„Aber Talani hat die Angreifer erschossen“, schloss Jay.

Rinkovic nickte. „Er trug eine Kevlar-Weste, die ihn schützte. Trotzdem eine erstaunliche Leistung, sich nach den Treffern, die er erhielt, aufzuraffen und so gezielt zu schießen. Anschließend hat jemand Talani niedergestreckt, der durch den Hintereingang kam und Schuhgröße 44 trug. Wir haben Abdrücke gefunden.“

„Was ist mit diesem Jarvis passiert?“, fragte Leslie Morell. „Wurde der auch von diesem dritten Mann umgebracht“

Rinkovic zuckte die Achseln. „Das ist noch nicht geklärt. Talani und der dritte Mann hatten Waffen mit demselben Kaliber. Erst wenn wir den ballistischen Bericht haben, ist es möglich, dazu eine Aussage zu machen.“

Anschließend kehrten Jay und Leslie zurück in Luigi’s Lounge, um Justin Dalglish zu verhören.

Der Besitzer von Luigi’s Lounge war vierundvierzig Jahre alt und betrieb den Laden seit sechs Monaten.

„Zuvor habe ich einen Laden in Brooklyn gehabt, aber der ging nicht so gut!“, meinte er und tippte dabei immer wieder nervös mit Fingern auf dem Tresen herum. Er atmete schwer. Sein etwas aufgedunsenes Gesicht war dunkelrot angelaufen und er schwitzte. „Verdammter Mist, das Ganze!“, setzte er noch hinzu, nachdem weder Jay noch Leslie für ein paar Augenblicke etwas gesagt hatten. „Wissen Sie eigentlich was diese Sauerei für mich bedeutet? Wenn sich Ihre Kollegen mit ihrer Arbeit nicht etwas mehr beeilen, dann verliere ich einen ganzen Tag an Umsatz. Ihnen als Staatsangestellten mit Aussicht auf fette Pensionen kann das ja gleichgültig sein, aber für mich ist das eine mittlere Katastrophe.“

„Sie haben Sorgen“, stieß Jay Kronburg etwas empört hervor. „Außerdem – so fett sind die Pensionen auch nicht mehr!“

Leslie übernahm die Initiative und schaffte es auf diese Weise, das Gespräch wieder in etwas ruhigere Bahnen zu lenken.

„Ich kann Ihnen versichern, dass wir Sie nur so lange belästigen, wie es unbedingt nötig ist“, erklärte er sachlich. „Aber es gibt da einfach ein paar Dinge, über die weder der Captain von der Homicide Squad noch wir beide hinweg kommen!“

„So?“, knurrte er.

„Wo standen Sie genau?“, wollte Leslie wissen.

„Genau hier, wo ich jetzt stehe.“

„Außer den Tatbeteiligten und Ihnen war niemand im Laden?“

„Richtig.“

„Das ist um die Zeit auch sehr ungewöhnlich – jedenfalls, wenn das stimmt, was Sie uns gesagt haben und dieser Laden tatsächlich so gut läuft, wie Sie behauptet haben.“

„Sagen sie mal, wollen Sie mir irgendetwas anhängen, oder was?“, fuhr Dalglish jetzt plötzlich auf. „Es ging alle so verdammt schnell und glauben Sie mir, ich hab gezittert wie Espenlaub. Ich hatte eine Scheißangst, da habe ich kaum noch zählen können, ob es nun zwei, drei oder noch mehr Killer waren!“

„Sind Sie Mister Talani schon vorher begegnet?“, fragte Jay. „Ist er öfter Gast in Ihrem Coffee Shop gewesen?“

„Keine Ahnung. Sein Gesicht ist mir nicht aufgefallen und den Namen höre ich heute zum ersten Mal“, gab Dalglish Auskunft.

„Es könnte sein, dass er eine andere Haarfarbe trug oder sich sonst wie äußerlich verändert hat“, gab Leslie zu bedenken.

„Ich wusste nicht, dass man neuerdings Coffee Shops nur noch mit einer fälschungssicheren ID-Cards betreten darf, auf den Iris-Scan und Fingerabdruck verzeichnet sind!“, gab Justin Dalglish mit ziemlich galligem Unterton zurück.

Leslie Morell ließ sich davon nicht weiter provozieren, sondern blieb die Ruhe selbst.

„Und was ist mit dem Mann, mit dem sich Talani hier treffen wollte?“, hakte er schließlich nach.

„Ich habe auch ihn noch nie zuvor gesehen“, behauptete Dalglish steif und fest. „Die Zeiten, in denen hier jeder jeden kannte, sind längst vorbei. Wir leben eben in einer kalten Welt, in der sich die Menschen gleichgültig sind.“

„Mir kommen gleich die Tränen!“, knurrte Rinkovic. Er trat hinzu und legte Dalglish eines der Polaroids auf den Tisch. Aber Dalglish schaute gar nicht richtig hin.

„Was, wenn wir Zeugen dafür hätten, die Talani regelmäßig hier beim Frühstück beobachtet haben!“, knurrte Jay.

Dalglish wirkte unsicher. Er blickte von einem zum anderen und schien gerade abzuschätzen, ob das nur ein Bluff war oder ob Jay Kronburg tatsächlich etwas Derartiges in der Hand hatte.

Er hob die Hände und gab das Pokerspiel schließlich auf.

„Okay, okay, vielleicht war er ja öfter hier“, gestand Dalglish schließlich zu. „Was weiß ich. Ich kann mir nun wirklich nicht jeden Gast merken, der seine Nase in Luigi’s Lounge steckt!“

„Bei den wenigen Gästen, die Sie angeblich haben…“, konterte Leslie.

Er machte Jay Kronburg ein Zeichen mit der linken Hand. Es hatte wenig Sinn, sich weiter mit Dalglish auseinander zu setzen. Eine vernünftige Aussage würde dabei nicht herauskommen.

Es fragte sich allerdings, welche Gründe der Coffee Shop-Besitzer für sein eigenartiges Verhalten hatte.

„Wenn Sie unter Druck gesetzt werden, können wir Sie schützen“, behauptete Jay, kurz bevor er zusammen mit Leslie den Coffee Shop endgültig verließ.

Dalglish lachte heiser. In seinen Augen blitzte es und die Nasenflügel bebten. Offenbar hatte Jay Kronburg mit seinen letzten Worten einen wunden Punkt erwischt.

„Ach, wirklich? G-man, Sie wissen doch selbst, dass das nicht wahr ist! Sie können nicht hinter jede Straßenlaterne einen Cop stellen – und genau das wäre nötig, um jemanden wirklich zu schützen….“

7

Milo und ich verbrachten den Rest des Vormittags mit Computerrecherche. Nat Norton gab uns einen Überblick über das Netzwerk des Milrone-Syndikats. In großen Teilen beruhte dieses Netzwerk aus Firmen, Speditionen, Reedereien und Import/Export-Agenturen auf unseren Vermutungen. Vic Milrone warf eben clever genug, um dafür zu sorgen, dass keine Verbindungen zweifelsfrei zu ihm führten. Aber vielleicht war Talani endlich der Schlüssel dazu, einem gefährlichen Kriminellen das Handwerk zu legen.

„Irgendetwas muss schief gelaufen sein, sonst wäre es nicht nötig gewesen, Talani zu ermorden“, meinte ich.

„Du vermutest, dass Milrones Organisation dahinter steckt?“, schloss Milo.

Ich zuckte die Achseln. „Es wäre doch eine Möglichkeit! Schließlich wurde Talani doch zu einem Sicherheitsrisiko für alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben.“

„Ich frage mich, weshalb der Kerl überhaupt noch im Land geblieben ist“, meinte Milo. „Es wäre doch viel klüger gewesen, längst zu verschwinden.“

„Möglicherweise gab es dafür finanzielle Gründe“, ergänzte Nat. „Seit er in der Fahndung ist, dürfte es schwierig für ihn gewesen sein, an sein Geld heranzukommen. Es ist ihm zwar gelungen, einen Teil seines Geldes verschwinden zu lassen, bevor wir Zugriff auf die Konten hatten, aber ich persönlich vermute, dass Talani in den letzten Monaten eine andere Identität angenommen hatte, die uns bislang nicht bekannt ist."

Am frühen Nachmittag kehrten Leslie und Jay von dem Tatort im Coffee Shop an der Ecke Mulberry/Spring Street zurück und informierten uns über die bisherigen Ermittlungsergebnisse.

Gegen vier Uhr nachmittags erhielten wir dann einen Anruf von Harry Browning. Browning war Buchmacher in Brooklyn und versorgte uns hin und wieder mit Informationen. Er hatte hervorragende Kontakte und außerdem die Gabe, förmlich das Gras wachsen zu hören.

„Ich muss Sie unbedingt sprechen, Agent Trevellian“, äußerte er am Telefon.

„Worum geht es denn?", fragte ich.

„Kann ich am Telefon nicht sagen", meinte er. „Wir treffen uns um halb acht in der Kavanaugh Bar, Seventh Avenue. Kennen Sie die?"

„Ich werde da sein", versprach ich.

Browning legte auf.

Ich informierte Milo über das Gespräch.

„Ich kann mir eine schönere Feierabendbeschäftigung denken, als mich mit Harry Browning zu treffen", meinte Milo etwas missmutig.

„Wieso, hattest du schon was vor?", grinste ich.

Milo verzog das Gesicht. „Nein, aber ich kann diesen schmierigen Typen einfach nicht leiden."

„Ich finde es nur seltsam, dass sich der Kerl uns dieses Mal geradezu aufdrängt, wo man ihm ansonsten jede Information einzeln aus der Nase ziehen muss!"

Milo zuckte die Achseln. „Bin trotzdem mal gespannt, was er zu sagen hat. Schließlich hätten wir ihn im Zuge unserer Aktivierung von Informanten, die sich in der Szene von Brooklyn auskennen früher oder später ohnehin ansprechen müssen. So haben wir es wenigstens etwas schneller hinter uns.“

8

Harry Browning war ein übergewichtiger Mann mit glänzendem, schütterem Haar. Wir versuchten etwas früher in Kavanaughs Bar zu sein, aber Browning war noch pünktlicher.

„Das ist gar nicht seine Art“, raunte Milo mir zu. „Ich sag’s dir, da ist irgendetwas faul an der Sache.“

„Die Tatsache, dass er dir nicht sympathisch ist, schalte am besten jetzt einfach mal aus“, riet ich meinem Kollegen.

Allerdings fand ich es ebenfalls merkwürdig, dass ein Mann, der ansonsten dafür bekannt war, meistens etwas spät zu kommen, plötzlich geradezu überpünktlich am Treffpunkt erschien.

Wir bestellten uns einen Drink und setzten uns zu ihm an den Tisch.

„Sie sind früh dran, Mister Browning“, stellte ich fest.

„Ich wollte sicher sein, dass mir niemand gefolgt ist“, erklärte er.

„Also los“, forderte Milo ihn etwas ungeduldig auf. „Was ist so wichtig, dass wir hier sofort antanzen mussten und Sie meinem Kollegen nicht am Telefon sagen konnten?“

„Sagt Ihnen der Name ‚Flash’ etwas?“

Natürlich sagte uns dieser Name etwas. Einer der gefährlichsten Auftragsmörder aller Zeiten war unter dieser Bezeichnung bekannt geworden. Er hatte mehr als dreißig Morde für verschiedene Syndikate begangen. Seit Jahren war er jedoch nicht mehr aktiv gewesen und es gab Gerüchte, wonach er sich irgendwo unerkannt zur Ruhe gesetzt hatte, um in Frieden sein Vermögen zu genießen.

Das FBI war seit vielen Jahren hinter ihm her,

Allerdings erfolglos. Und seit er sich aus dem aktiven Killer-Business zurückgezogen hatte, war es wohl nahezu unmöglich, noch auf seine Spur zu kommen. Vielleicht genoss er das Leben in Rio, Bangkok oder irgendeinem anderen sonnigen Plätzchen.

„Was ist mit Flash?“, hakte ich stirnrunzelnd nach.

„Der Kerl ist wieder aktiv geworden.“

„Warum sollte er das tun?“, mischte sich Milo ein. „Dieser Mann hat mit seinen Mordaufträgen mehr Geld verdient, als er jemals ausgeben kann. Er müsste schon reichlich dämlich sein, um noch mal zur Waffe zu greifen und damit das Risiko einzugehen, dass die Justiz es doch noch schafft, sich an seine Fersen zu heften!“

Browning trank sein Glas leer. Er grinste über das ganze Gesicht. Nacheinander musterte er uns kurz und schien dabei abzuschätzen, in wie fern es ihm gelungen war, unser Interesse zu wecken.

„Wie gesagt, es gehen im Moment eine Menge Gerüchte in der Szene um. Eines besagt, dass Flash es tatsächlich geschafft hat, sein ganzes Vermögen durchzubringen und jetzt wieder arm wie eine Kirchenmaus ist. Er ist also darauf angewiesen wieder zu arbeiten.“

„Ich kann nur hoffen, dass dieses Gerücht eine Ente ist“, meinte Milo. „Was sollen wir jetzt machen? Nur auf Grund vager Andeutungen eines Informanten die Fahndung nach einem Mann wieder aufnehmen, der es sich wahrscheinlich irgendwo unter südliche Sonne gut gehen lässt?“

„Ich habe diese Informationen aus einer brandheißen Quelle“, erklärte Browning. „Wenn ich sie Ihnen nenne, erfahre ich von dort nie wieder etwas. Aber in den letzten Jahren konnten Sie sich auf meine Tipps eigentlich immer verlassen – oder hatten Sie jemals Anlass, sich zu beklagen?“ Er beugte sich vor und sprach jetzt in gedämpftem Ton weiter. „Ich weiß auch, wer als nächster auf der Abschussliste dieses Killers steht!“

Ich hob die Augenbrauen.

„So?“

„Vic Milrone, der Mann, dessen weißer Weste es niemand ansieht, dass er sich damit im Müll gewälzt hat.“

In diesem Augenblick gingen mir tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf. Konnte das ein Zufall sein? Ausgerechnet Vic Milrone der Mann, der vielleicht hinter Mahmut Talanis Machenschaften steckte, wurde uns hier von Browning als potentielles Mordopfer präsentiert!

„Wer steckt dahinter?“, hakte Milo ziemlich ungeduldig nach.

„Hey, G-man! Ihren Job müssen Sie schon selber machen. Aber einer wie Flash nimmt Spitzenhonorare für seine Mörderdienste. Selbst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Kragen steht und er in Geldnot ist. Sie können sich also an den Finger einer Hand ausrechnen, wer da als Kunde in Frage kommt! Und wenn man dann noch Vic Milrones rasanten Aufstieg in den letzten Jahren sieht… Er hat ziemlich brutal jeden Konkurrenten aus dem Rennen geschlagen und da sind einige auf der Strecke geblieben. Andere mussten sich mit den hinteren Plätzen im Müll-Business zufrieden geben. Ich wette, da gibt es viele, die ihn die Pest an den Hals wünschen…“

„Oder eine tödliche Klette wie Flash“, vollendete Milo Tucker den Satz.

Browning sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. Eine Rolex – und wenn mich nicht alles täuschte, sogar eine Echte. Von den Honoraren, die er vom FBI als Informant bekam, konnte er sich die mit Sicherheit nicht leisten, und was seine zwielichtigen Buchmachergeschäfte anging, so war ich nicht so ganz auf dem Laufenden, wie es derzeit um seine Liquidität bestellt war.

„Ich verdrück mich jetzt“, meinte er. „Wie gesagt, Flash ist wieder aktiv, so Leid es mir für Sie beide tut. Schließlich wird das für das FBI wohl jede Menge an Zusatzarbeit bedeuten, wenn ich mich nicht irre!“

Er kicherte in sich hinein.

Weder Milo noch ich konnten seinen seltsamen Humor in diesem Augenblick teilen.

9

Browning verließ vor uns Kavanaugh’s Bar. Wir hatten ihm versprochen, das Lokal frühestens zehn Minuten später zu verlassen. Doch es sollte anders kommen.

Ein Detonationsgeräusch war von draußen zu hören. Es übertönte gedämpfte, jazzige Musik, die in Kavanaughs Bar die akustische Hintergrundkulisse bildete.

Ein Mann betrat die Bar und rief: „Da ist ein Wagen in die Luft geflogen!“

Milo und ich drängten uns nach draußen. Die Sirenen von Einsatzfahrzeugen der City Police und des Fire Service waren bereits ein paar Straßenzüge weiter zu hören. Es konnte nur noch wenige Minuten dauern bis die offenbar von Anwohnern alarmierten Rettungskräfte eintrafen.

Wir sahen Flammen aus einem gelben Porsche schlagen. Ich wusste sofort, dass es Brownings Wagen war. Er stand auf europäische Sportwagen. Gleichgültig, wie gut oder schlecht die Geschäfte auch immer gehen mochten, diesen mehr als dreißig Jahre alten Oldtimer hätte er nie verkauft.

Der Tank brannte auch. Es war unmöglich, sich dem Wagen weiter als fünf, sechs Yards zu nähern, wenn man keine Schutzkleidung trug.

Milo hatte schon begonnen Mister McKee über das Geschehen zu informieren. Dass sich unser Chef um diese Zeit noch im Büro befand, war nichts Ungewöhnliches. Seit er vor vielen Jahren seine Familie ermordet worden war, hatte er sein Leben voll und ganz der Bekämpfung des Verbrechens gewidmet und schon so manche Nacht im Büro verbracht. Er war morgens der erste und abends der letzte im Field Office.

Milo klärte ihn in seinem knappen Bericht über den Inhalt der Unterredung auf, die wir mit Browning gehabt hatten.

Ich machte mich daran, Passanten zu befragen. Vielleicht hatte jemand von ihnen etwas Verdächtiges bemerkt. Jemanden, der sich an dem ziemlich auffälligen Porsche-Oldtimer zu schaffen gemacht hatte, zum Beispiel.

Inzwischen traf die erste Einheit des Fire Service ein.

Die Flammen wurden von den Fire Fightern innerhalb kürzester Zeit gelöscht. Wenig später trafen auch die Einsatzwagen des NYPD sowie ein Krankentransporter des Emergency Service ein.

Letzterer kam mit Sicherheit zu spät.

Von unserem Field Office aus wurde bereits mit der Scientific Research Division Kontakt aufgenommen, aber bei den Verkehrsverhältnissen, die um diese Zeit im Big Apple herrschten, würden die Kollegen wohl eine gute Stunde brauchen, um von der Bronx aus hier herzu gelangen.

Der Wagen bot ein Bild des Grauens.

Der einzige Insasse war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Aber er trug eine Rolex um das Handgelenk seiner linken. Genau wie Browning.

Der Einsatz der NYPD-Kräfte, die damit begannen, den Tatort weiträumig abzusperren, wurde von einem jungen Lieutenant namens Bo McKee geleitet. Er wollte uns erst aus dem näheren Umkreis des explodierten Wagens verweisen, bis wir ihm unsere ID-Cards zeigten.

„Sorry! Ich konnte ja nicht wissen, das das FBI diesmal sogar zuerst am Tatort ist.“

„Wir brauchen Ihre Unterstützung, Lieutenant“, sagte ich. „Erstens muss gewährleistet sein, dass sich niemand mehr an dem Wagen zu schaffen macht, bis unsere Spurensicherer hier sind.“

„Kein Problem.“

„Zweitens könnten Sie vielleicht noch ein paar weitere Officers herbeordern, ehe sich die Passanten und Schaulustigen zerstreuen.“

„Was sollten die denn gesehen haben?“, fragte Lieutenant McKee.

„Der Tote im Porsche ist mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit ein Informant von uns. Minuten bevor er hier den Tod fand, hat er sich mit uns getroffen. Ich nehme an, dass ihm jemand auf den Fersen war, ihn beobachtet hat und ausschalten wollte.“

„Ein gelber Porsche ist ja auch nicht gerade unauffällig“, gab Milo zu bedenken. „Der Täter hatte leichtes Spiel. Er brauchte nur Augenblicke, um eine Sprengladung anzubringen, die er dann per Fernzünder hochgehen lassen konnte!“

10

Milo und mir war rasch klar, dass dies ein langer Einsatz werden würde. An Feierabend war vorerst nicht zu denken.

Lieutenant McKees Leute fanden mehrere Zeugen, die aussagten, dass kurz nach der Explosion ein dunkelblauer Van vom Typ Chrysler Voyager aus einer Parklücke geschossen war und mit quietschenden Reifen einen regelrechten Kavaliersstart hingelegt hatte. Der Van hatte sich ziemlich brutal in den Verkehr eingefädelt und war mit quietschenden Reifen davongebraust.

Auf Grund der getönten Scheiben hatte keiner der Zeugen gesehen, wie viele Personen sich im Inneren befunden hatten – geschweige denn, dass es möglich gewesen wäre, dazu nähere Aussagen zu machen.

Mister McKee beorderte die Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina an den Ort des Geschehens. Die beiden hatten längst Dienstschluss gehabt, aber Mister McKee hatte sie aus dem Feierabend herausgeklingelt. Wenig später traf auch noch Agent Fred LaRocca mit einem Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft ein. Er kam in Begleitung von Agent Sam Folder, einem unserer FBI-eigenen Erkennungsdienstler, deren Hilfe wir über die Kapazitäten der SRD hinaus anfordern konnten.

Milo kam auf die Idee, die Geschäfte an der Fifth Avenue abzuklappern. Die meisten verfügten über hochmoderne Video-Überwachungsanlagen. Zumeist war der Eingangsbereich dadurch gesichert. Wenn wir Glück hatten, lagen auch der gelbe Porsche sowie der verdächtige Van im Fokus einer dieser Kameras.

Etwa ein Dutzend Geschäfte kamen von ihrer Lage dafür in Frage. Die meisten davon hatten um diese Uhrzeit längst geschlossen. Frank Sinatra besang in einem der durch ihn populär gewordenen Lieder New York zwar als „the city, that never sleeps“, aber das hatte nur bedingte Gültigkeit. Die teuren Boutiquen und Juweliere, die hier zu finden waren, richteten ihre Öffnungszeiten nach den Gewohnheiten ihrer Kunden.

In einem Juwelierladen, der noch geöffnet hatte, wurden wir fündig. Die Videokamera war die ganze Zeit in Richtung des gelben Porsches gerichtet gewesen und der Besitzer war sofort bereit, uns die Aufzeichnungen zur Verfügung zu stellen. Er selbst hatte von der Explosion nur das Geräusch mitbekommen, da er sich gerade im hinteren, der Straße abgewandten Teil des Ladens befunden hatte.

Zur fraglichen Zeit war ein Mann zu sehen, der sich an dem Wagen zu schaffen machte. Er blickte sich mehrfach um, so als befürchtete er, beobachtet worden zu sein. Anschließend klebte er eine entsprechende Ladung von unten an den Wagen.

Wir zoomten das Gesicht des Kerls näher heran. Er trug eine Baseball-Cap und eine Sonnenbrille mit Spiegelgläsern, sodass von seinem Gesicht nur die Kinnpartie zu sehen war. Der Mund wurde von einem bisschen Schnauzbart verdeckt. Milo äußerte Zweifel daran, ob der überhaupt echt war.

„Dieser Kerl muss in die Fahndung!“, war mein Kommentar.

„Nur, dass das aufgezeichnete Material wohl kaum für einen Bildabgleich in unseren Archiven taugt“, gab Milo zu bedenken.

„Versuchen können wir es trotzdem – auch wenn nicht viel dabei herauskommt“, gab ich zurück.

Wir nahmen den Datenträger, auf dem die Aufzeichnungen gespeichert waren für weitere Untersuchungen mit.

Wenig später wandte sich Clive Caravaggio an uns.

„Milrone muss heute noch befragt werden“, erklärte er. Inzwischen war Clive natürlich längst auch über unser Gespräch mit Browning informiert. „Ich selbst möchte das ungern tun, denn ich hatte bereits einmal im Rahmen eines anderen Verfahrens eine Hausdurchsuchung bei ihm zu leiten. Seitdem reagiert Milrone allergisch auf mich. Aber in diesem Fall wäre es wichtig, ihm vielleicht die eine oder andere Information zu entlocken. Wenn nämlich auch nur das Geringste an der Reaktivierung dieses Killers mit der Bezeichnung Flash dran ist, wette ich, dass der ‚Pate von Brooklyn’ ganz genau weiß, was dahinter steckt!“

Ich nickte knapp.

„Okay, wir fahren hin“, sagte ich.

11

Vic Milrones Villa lag in der Clark Street im Nordwesten Brooklyns. Die Brooklyn Heights waren eine noble Gegend mit vielen außergewöhnlich luxuriösen Anwesen. Aber die Residenz von Vic Milrone übertraf sie alle. Er hatte seinerzeit eins der größten und teuersten Häuser der Gegend aufgekauft, es bis auf das Fundament abreißen und anschließend nach seinen eigenen Vorstellungen neu errichten lassen. In den darauf folgenden Jahren hatte er aus Sicherheitsgründen die Nachbargrundstücke aufgekauft, und die dortigen Häuser ebenfalls niederreißen lassen.

Sein Anwesen wurde von einer zwei Meter hohen Mauer umgeben, auf der noch ein gusseisernes Gitter angebracht war, dessen Spitzen es zu einem lebensgefährlichen Abenteuer machten, diese Barriere kletternd überwinden zu wollen.

Davon abgesehen patrouillierten Leibwächter in dunklen Anzügen um das Haus. Sie führten mannscharfe Dobermänner mit sich und waren mit Maschinenpistolen ausgerüstet.

Ich parkte den Sportwagen in der Nähe des Eingangstores. Milo und ich stiegen aus und traten an die in den Stein eingelassene Sprechanlage.

Es war kurz vor Mitternacht.

„Warte wir ab, wie Mister Milrone reagiert, wenn man ihn um diese Zeit herausklingelt!“, meinte Milo.

Ich betätigte den Knopf an der Sprechanlage.

Ein Kameraauge, das sich surrend bewegte, erfasste uns.

„Sie wünschen?“, fragte eine weibliche Stimme.

„Jesse Trevellian, FBI!“, stellte ich mich vor und hielt den Dienstausweis in die Kamera. Ich deutete auf Milo. „Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Wir müssen dringend mit Mister Vic Milrone sprechen.“

„Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?“, fragte die Frauenstimme. „Wenn nicht, dann kommen Sie besser ein anderes Mal wieder oder setzen sich gleich mit Mister Milrones Anwälten auseinander.“

„Sagen Sie Mister Milrone, dass es für ihn vielleicht um Leben und Tod geht. Wir haben Informationen darüber, dass ihn jemand umzubringen plant.“

„Wir wollen nichts weiter, als Mister Milrones Leben verlängern, aber wenn er das nicht will, genießen wir auch gerne unseren Feierabend“, ergänzte Milo – für meinen Geschmack etwas zu heftig. Aber er schien die passende Tonlage getroffen zu haben, wie wir wenig später feststellen konnten. Es knackte im Lautsprecher.

Jetzt war eine Männerstimme zu hören.

„Halten Sie bitte Ihre Ausweise noch einmal deutlich in die Kamera!“

Milo holte seine ID-Card ebenfalls hervor und wir taten, was von uns verlangt wurde.

Im nächsten Moment öffnete sich mit einem leisen Summen das imposante gusseiserne Tor, über dem ein bezeichnender Satz in messingfarbenen Lettern zu lesen war.

MY HOME IS MY CASTLE.

Wir traten ein.

Hundegebell empfing uns.

Vier Dobermänner eilten von verschiedenen Seiten auf uns zu. Wir standen wie erstarrt da. Unsere Hände glitten bereits zu den Dienstwaffen.

Auf einen Pfiff hin stoppten die offenbar sehr gut dressierten Hunde.

Abwartend saßen sie auf dem Boden. Einige der Leibwächter kamen im Laufschritt auf uns zu und richteten ihre Maschinenpistolen auf uns.

„Keine Bewegung und Hände hoch!“

„Sie sind gerade im Begriff, zwei FBI-Agenten zu bedrohen. Ich hoffe, Sie überlegen sich gut, was Sie da tun, denn andernfalls ist für jeden von Ihnen ein Platz in den Gefängnismauern von Rikers Island reserviert!“, erwiderte Milo hart.

Ein Mann in den dreißigern mit kantigen Gesichtszügen und einem dunklen Schnauzbart, der die Lippen überdeckte, kam vom Portal der Villa herbei.

„Ist schon gut, Männer“, rief er.

Die Bodyguards senkten ihre MPis.

Die Hunde knurrten leicht.

Der Mann mit dem Schnauzbart kam mit weiten Schritten auf uns zu. Er reichte erst mir und dann Milo die Hand. „Ich bin Mike Milrone. Keine Ahnung, ob wir schon mal persönlich das Vergnügen hatten, aber diese Staatsterroristen vom Finanzamt und dem FBI tummeln sich hier ja schon fast nach belieben, da kann schon mal durcheinander kommen!“

Der Name Mike Milrone war uns natürlich ebenfalls bekannt. Es handelte sich um den Lieblingsneffen des selbst kinderlosen Vic Milrone. Mike war vermutlich der zweite Mann im Milrone-Syndikat und wahrscheinlich der Mann fürs Grobe. Leider waren ihm seine Machenschaften ebenso wenig nachzuweisen wie seinem Onkel.

Ich runzelte die Stirn.

„Wie nennen Sie uns? Staatsterroristen?“, echote ich ärgerlich.

Mike zuckte die Achseln und kraulte einem der Dobermänner den Nacken, woraufhin sich dessen bedrohliches Knurren in eine wenige bedrohliche Lautäußerung verwandelte.

„Ich stehe der Idee des Libertarianism nahe“, sagte Mike. „Jeder Mann sollte eine Waffe tragen, dann bräuchten wir keinen Staat, der uns freie Unternehmer doch nur aussaugt!“

„Hier sind zwei Staatsterroristen, die ihrem Onkel gerade das Leben retten wollen!“, knurrte Milo ziemlich aufgebracht. „Aber vielleicht legt der ja keinen Wert darauf!“

Mike Milrone hob die Augenbrauen. „Ich wollte nicht ungastlich erscheinen, Tucker – so war doch Ihr Name, oder?“

„Für Sie immer noch Agent Tucker!“

Mike wandte sich an mich.

„Ich muss mich für unser Sicherheitspersonal entschuldigen. Die Männer pflegen manchmal einen etwas groben Umgangston.“

„Scheint so, als würde Ihr Onkel in ständiger Angst leben“, stellte ich fest.

„Die Welt ist schlecht, Agent Trevellian. Das sollte jemand wie Sie doch wissen. Und jetzt folgen Sie mir bitte!“

Ich war ziemlich erleichtert, als die Hunde von den Leibwächtern wieder an die Leine genommen wurden. Mike Milrone führte uns zum Portal der Villa.

Wir gingen die breiten Stufen empor.

Das Portal selbst war ziemlich protzig. Man hatte es einem griechischen Tempel nachempfunden.

Schließlich gelangten wir ins Innere des Hauses.

Vic Milrone empfing uns in der Eingangshalle.

Eine Blondine mit kurvenreicher Figur und einem sehr eng anliegendem Kleid lehnte sich gegen ihn. Sie überragte Milrone um einen halben Kopf.

„Du hättest diese Leute nicht hereinlassen sollen, Darling!“, sagte sie und strich Vic Milrone dabei über den bereits ziemlich kahlen Kopf. Ich erkannte die weibliche Stimme wieder, die wir über das Sprechgerät gehört hatten.

„Ich hatte leider keine andere Wahl, Kimberley“, knurrte Vic Milrone.

Der Pate von Brooklyn trat vor.

„Sie haben ein paar Dinge dahergefaselt, die sie mir vielleicht näher erläutern sollten, G-man“, wandte sich Vic an mich und ich musste ziemlich an mich halten, mich von seiner herablassenden Art nicht auf die Palme bringen zu lassen. „Wie kommen Sie darauf, dass jemand darauf aus ist, mich umzubringen?“

„Sagt Ihnen der Name Flash etwas?“, fragte ich.

„Was soll das sein? Eine Comic-Figur?“

„Mister Milrone, Sie scheinen die ganze Sache nicht so richtig ernst zu nehmen. Das müssen Sie natürlich wissen. Wir geben Ihnen pflichtgemäß Informationen weiter, die vielleicht Ihr Leben retten, vorausgesetzt, Sie kooperieren mit uns.“

„Nanu, das sind ja ganz neue Töne. Die hätte ich mir bei der letzten Prüfung durch die Steuerfahndung gewünscht!“

„Nun mal halblang“, mischte sich jetzt Milo ein. „Die Steuerfahndung war das letzte Mal vor drei Jahren bei Ihnen. Da können Sie sich eigentlich nicht beschweren.“

Vic Milrone verzog das Gesicht.

Er nahm mich zur Seite.

„Ich habe das Gefühl, dass Ihr Kollege mich nicht leiden kann, Agent Trevellian“, meinte er.

„Sie wissen genau wer Flash ist“, erwiderte ich eisig. „Sie brauchen mir gegenüber keine Komödie zu spielen. Flash ist einer der effizientesten Lohnkiller, der jemals in diesem schmutzigen Gewerbe gearbeitet hat. Alle Welt dachte, dass er irgendwo unter südlicher Sonne seine Millionen genießt, aber jetzt gibt es Hinweise darauf, dass er pleite ist und wieder seinen Job macht…“

„Ich wüsste nicht, weshalb mich Ihre Geschichten über irgendwelche Kriminellen, denen Sie offenbar nicht das Handwerk legen konnten, interessieren sollten!“, sagte Vic Milrone und verzog dabei angewidert das Gesicht.

„Sie sind das Ziel, Mister Milrone. Jemand hat diesen Hit-man beauftragt, um Sie zu töten und am besten überlegen Sie mal, wer das sein könnte!“

Vic wechselte einen kurzen Blick mit seinem Neffen. Er hatte für einen kurzen Moment seine Mimik nicht ganz unter Kontrolle, dann erstarrte sein Gesicht wieder zu einer kalten Maske.

„Ich weiß nicht, weshalb Sie mich mit diesem Zeug belästigen, Agent Trevellian, aber ich kann Ihnen sagen, dass es juristische Konsequenzen für Sie haben wird, wenn Sie irgendein mieses Spiel mit mir zu spielen versuchen.“

„Eigenartig“, sagte ich. „Es scheint Sie gar nicht zu interessieren, aus welcher Quelle wir diese Informationen haben.“

„Was soll das schon für eine Quelle sein? Irgendein schmieriger Informant, der sich wichtig machen will, das ist alles!“

„Sie sind nahe dran, Mister Milrone. Aber dieser Informant heißt Harry Browning und wurde nur Minuten, nachdem wir mit ihm gesprochen haben, ermordet. Das ist auch ein Grund, weshalb wir Sie befragen.“

„Sie werden vielleicht bemerkt haben, dass mein Anwesen sicherheitstechnisch auf dem neuesten Stand ist und sich ein paar gut ausgerüstete Bodyguards darum kümmern, dass mir nichts passiert“, sagte der Pate von Brooklyn schließlich gedehnt.

Warum weicht er aus?, fragte ich mich. Es konnte eigentlich nur eine Erklärung für sein Verhalten geben. Vic Milrone wusste sehr genau, wer ihm ans Leder wollte. Ich hielt es sogar für möglich, dass Browning seine Informationen nicht nur an uns, sondern auch noch an Milrone verkauft hatte.

„Haben Sie Harry Browning persönlich gekannt?“, fragte ich.

„Ich weiß nur, dass er ein Buchmacher war, der so ziemlich bei jedem Schulden hat, der in Brooklyn mehr als zwei Dollar in der Tasche hat.“ Vic machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist wahrscheinlich besser, ich sage jetzt nichts mehr, sonst drehen Sie mir daraus am Ende noch irgendeinen Strick. Geben Sie es doch zu, Sie wollen mich in irgendeinen wie auch immer gearteten Zusammenhang mit dem Tod dieses Mannes bringen. Wir können das Gespräch gerne ein anderes Mal in Anwesenheit eines Anwaltes fortsetzen – oder Sie haben einen Haftbefehl dabei und nehmen mich fest. Ansonsten wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mein Haus möglichst schnell wieder verlassen würden!“

Vic Milrone drehte sich um.

Die Blondine namens Kimberley folgte ihm. Beide verschwanden durch eine der Türen, die von der pompösen pseudo-klassisch gestalteten Eingangshalle aus in die anderen Gebäudetrakte führten.

Schwer fiel die Tür ins Schloss.

„Ich muss mich für meinen Onkel entschuldigen“, sagte Mike Milrone. „Wir werden Sie natürlich in jeder Form unterstützen, nur fürchte ich, dass mein Onkel in der Sache vollkommen Recht hat….“

„Dann wollen auch Sie allen ernstes behaupten, dass Vic Milrone, der Mann, den man den Paten von Brooklyn nennt, keine Feinde hat?“, fragte Milo ironisch.

12

Wir verließen die Milrone-Villa und fuhren mit dem Sportwagen nordwärts. Es war inzwischen bereits halb zwei Uhr in der Nacht. Die Silhouette der Stadt glich um diese Zeit einem funkelnden Sternenmeer, als wir über die Brooklyn Bridge Richtung Manhattan fuhren.

Wenn man um diese Zeit im Big Apple unterwegs war, hatte das den Vorteil, dass man wenigstens nicht dauernd im Stau stand und einigermaßen schnell vorankam.

Zwischendurch nahmen wir telefonisch Kontakt mit dem Field Office auf. Da wir die Freisprechanlage eingeschaltet hatten, konnten wir beide mithören.

Mister McKee war noch immer im Büro.

Wir lieferten ihm einen knappen Bericht über den Verlauf unseres Gesprächs in der Milrone-Villa.

Eine halbe Stunde Fahrzeit lag noch bis die Upper West Side vor uns, wo wir beide wohnten. Unterwegs gingen wir noch in eine rund um die Uhr geöffnete Snack Bar, um einen Hot Dog zu essen.

„Auf die paar Stunden Schlaf kommt es jetzt auch nicht mehr an“, meinte Milo während wir in der Snack Bar saßen.

„Wir werden Browning und sein Umfeld ganz genau ausleuchten müssen“, meinte ich. „Ich frage mich nur, wer seine Quelle war, was diesen Hit-man namens Flash angeht.“ Das Ganze erschien mir im nach hinein immer dubioser.

„Worauf willst du hinaus, Jesse?“