Elite Code - Sie manipulieren auch dich - Christoph Elbern - E-Book

Elite Code - Sie manipulieren auch dich E-Book

Christoph Elbern

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Beschreibung

Hacker Oskar hat sich befreit - von einem System, das nicht für Fragen gemacht ist. Die stillgelegte Bohrinsel in der Nordsee, von der er flieht, ist Testgelände der geheimen Organisation „Excellence Society“, die eine Künstliche Intelligenz mit beunruhigendem Einfluss auf Politik und Gesellschaft entwickelt. Während Oskar untertaucht, um die Wahrheit zu finden, wird PR-Profi Martha auf das Projekt angesetzt. Doch was als prestigeträchtiger Auftrag beginnt, bringt sie an ihre Grenzen - beruflich, moralisch, existenziell. Als ihre Wege sich kreuzen, steht mehr auf dem Spiel als ein Menschenleben.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Christoph Elbern

Elite Code – Sie manipulieren auch dich

Thriller

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Lektorat: Robert Reißmann

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

ISBN 978-3-7349-3500-8

Vorwort

Der britische Autor Douglas Adams brachte es auf den Punkt: Nach seiner Beobachtung erscheint uns alles, was es bereits bei unserer Geburt gibt, völlig selbstverständlich und natürlich. Kommt etwas bis zur Zeit unserer jungen Erwachsenenjahre hinzu, wirkt es für uns aufregend, fortschrittlich und voller Möglichkeiten – vielleicht wird es sogar zum Karrieresprungbrett. Doch sobald nach dem 35. Geburtstag neue Technologien auftauchen, erleben wir sie oft als fremd und störend, fast so, als würden sie die Ordnung der Welt durcheinanderbringen.

Anmerkung

Die in diesem Roman geschilderten Möglichkeiten und Grenzüberschreitungen rund um Informationstechnologie und Künstliche Intelligenz sind nicht völlig aus der Luft gegriffen, aber derzeit auch nicht immer so wie beschrieben umsetzbar. Der Roman eignet sich also weniger als Leitfaden für Datenpiraten und Hacker. Die beschriebenen Gefahren und Bedrohungen durch kriminelle und/oder staatliche Hacker und durch KI sind allerdings real.

Der Autor

1. Kapitel

Scheiße noch mal, denkt Oskar, er hat es geschafft. Er ist diesen Psychos entkommen. Das war gar nicht so schwer, wie er gedacht hatte. Als er plötzlich am Boden gelegen und sich gekrümmt hatte, waren sie in Panik geraten. Die Ärztin spekulierte ein paar Diagnosen in die Luft – Darmverschluss, Blinddarmdurchbruch, Magenriss – und verlangte nach einem Hubschrauber. Sie hatte bestimmt totale Panik, dass er da auf dem Boden verrecken würde. Dann hätte man ihr bestimmt den promovierten Arsch aufgerissen. Oskar wurde auf einer Trage in den Hubschrauber verfrachtet. Das ging ganz schnell. Nächtliche Aufregung war gar nicht gerne gesehen.

Seit Tagen war Scheißwetter. Sturm, Regen. Oskar sah den Hubschrauber, in den sie ihn verfrachteten, aus dem Augenwinkel und hatte nicht den Eindruck, dass es einer der üblichen Rettungshubschrauber war, gelb und mit rotem Kreuz. Er war eher neutral gestaltet, dunkelblau oder dunkelgrün. Die Ärztin wollte mit in den Hubschrauber, aber der Pilot gestattete neben dem ziemlich dicken Sanitäter nur einen weiteren Passagier, und das musste natürlich einer der Serviceleute sein. Was für ein bescheuerter Begriff. Es sind Wärter. Derjenige, der mit Oskar flog, war ein junger Kerl, 25 vielleicht, bis zur Schmerzgrenze aufgepumpt in der Muckibude. Oskar wusste nicht, wie er hieß. Die Serviceleute sah man kaum, sie tauchten auf, wenn sie gebraucht wurden. Sie hatten ihren eigenen Wohntrakt, ihre eigenen Aufenthaltsräume. Diese Jungs wussten ganz sicher nicht, was Oskar und die anderen den ganzen Tag taten.

Im Hubschrauber hatte Oskar die Show fortgesetzt, sich gekrümmt, gestöhnt. Der Sanitäter wollte ihm eine Infusion anlegen, doch Oskar wehrte sich wie ein Irrer. Was wollten sie ihm da einflößen? Er musste fit bleiben. Nach einer Viertelstunde simulierte Oskar totale Erschöpfung. Bis zur Ohnmacht. Der Sanitäter maß den Blutdruck und nickte dem Wachmann beruhigend zu. Keine Lebensgefahr und endlich Ruhe. Die beiden entspannten sich. Der Flug dauerte mindestens eineinhalb Stunden. Oskar kann das nicht gut schätzen und eine Uhr hat er nicht. Der kleine Heli wurde vom Wind ziemlich geschüttelt und es fehlte nicht viel und Oskar hätte echt gekotzt. Endlich landeten sie. Es schien das Dach eines Krankenhauses zu sein. Oskar wurde auf eine Trage gelegt und von dem Sanitäter und dem Servicemann schnell über einen verregneten Platz durch ein Tor gerollt. Es ging in einen Fahrstuhl. Oskar blinzelte vorsichtig. Sie sollten nicht merken, dass er bei Bewusstsein war. Die Anzeige des Fahrstuhls ging schnell von vier auf E. Erdgeschoss. Das war der Moment. Als sie ihn aus dem Fahrstuhl rollten, sprang Oskar auf, stieß seinen Begleitern die Krankentrage in die Eier und rannte los. Er war offenbar im Foyer des Krankenhauses. Notdürftige Beleuchtung, hinter einem Tresen saßen zwei Frauen und glotzten auf ihre Handys. Nachtruhe.

Oskar erkannte sofort den Ausgang, die Türen öffneten sich selbsttätig, schnell war er aus dem Licht des Eingangs in der Dunkelheit eines Parkplatzes verschwunden.

Dort steht er nun und weiß, dass er lediglich Sekunden hat, bis der Wachmann und der Sanitäter von Langeweile auf Action schalten würden. Der übergewichtige Sanitäter würde nach ein paar Metern schlappmachen. Ob Oskar schneller laufen kann als der Servicemann, ist nicht sicher. Der Kerl ist jünger als Oskar. Aber Oskar ist entschlossener.

Klar, der Servicemann bekommt eine Menge Probleme, wenn Oskar ihm entwischt. Vermutlich verliert er seinen Job. Aber Oskars Ansporn ist die Freiheit. Das ist stärker. Raus aus diesem Irrenhaus. Und jetzt will er mehr erfahren über dieses bescheuerte Projekt. Das wird gefährlich, so viel ist sicher.

Er rennt über einen Parkplatz, im Regen, zwischen parkenden Autos hindurch, gebückt. Sein Vorsprung ist nicht groß, der Verfolger holt auf. Oskar darf sich nicht umdrehen, das kostet Zeit. Und wenn er den Kopf so hochhebt, dass er den Typen sieht, dann sieht der ihn auch.

Oskar weiß nicht, wo er ist. Ohne Handy ist er orientierungslos. Er kennt den Namen der Stadt nicht, er weiß nicht mal, in welchem Scheißland er sich befindet. Es ist ja alles so irre geheim. Im Funk des Hubschraubers war nicht zu verstehen, wo sie hinflogen.

Jetzt sieht er die Autokennzeichen auf dem Parkplatz. Sie sind nicht deutsch, DK steht da, ja, Dänemark. Er ist in Dänemark. Das ist nicht so überraschend. Aber in welcher verfickten Stadt? Das kann man an den Kfz-Kennzeichen nicht erkennen, soweit Oskar weiß. Aber es ist auch egal. Er muss rennen.

Hinter dem Parkplatz ist eine breite Straße, auf der mitten in der Nacht wenig los ist. Ohne zu zögern, rennt Oskar über die Straße. Die Schritte seines Verfolgers hört er hinter sich, aber der Abstand wird wieder größer.

Oskar gelangt in ein Wohngebiet mit dreistöckigen Mehrfamilienhäusern, gepflegten Gärten, polierten Autos. Dänische Spießeridylle. Alles ruhig hier. Die Straßenlaternen machen es schwer, unsichtbar zu bleiben. Oskar hat keinen Plan. Er konnte seine Flucht nicht vorbereiten, die Idee mit dem medizinischen Notfall war ihm spontan gekommen. Er kennt keinen Ort, an dem er sich verstecken kann, und niemanden, der ihm hilft. Er ist allein. Sein Verfolger hat bestimmt schon Verstärkung angefordert. Nur noch wenige Minuten und sie sind mit einer ganzen Horde Gorillas hinter ihm her.

Er biegt rechts ab, dann wieder links, dann wieder rechts. Wenn er zu lange eine Straße entlangliefe, wäre er von Weitem zu erkennen. Aber lange hält er das nicht mehr durch. Seine Lunge brennt, als hätte er Benzindampf eingeatmet, die Beine schmerzen, er schwitzt wie ein Junkie auf Entzug.

Er braucht ein Versteck. Aber es muss ein gutes Versteck sein, denn wenn er länger an einem Ort bleiben will, muss er unauffindbar sein. Er kann nicht einfach unter ein geparktes Auto kriechen oder in ein Gebüsch. Wird die Verstärkung Hunde mitbringen?

Es regnet nun nicht mehr und auch der Wind hat nachgelassen. Das Wohngebiet endet und in einigem Abstand erkennt Oskar vorbeirasende Autos, eine Autobahn. Die nützt ihm jetzt gar nichts. Aber neben der Autobahn stehen Fahrzeuge. Bagger, Kipplaster, Raupen. Eine Baustelle. Hier sind nun keine Straßenlaternen mehr und Oskar gelangt im Schutz der Dunkelheit zu den Fahrzeugen. Er verbirgt sich hinter einem großen gelben Bagger. Die dreckverkrustete Kette reicht ihm bis zur Brust.

Er streckt im Schutz des Baggers den Kopf hoch und schaut in das Wohngebiet, aus dem er gekommen ist. Alles ruhig. Sollte er seinen Verfolger abgehängt haben? Der gibt sicher nicht so schnell auf. Aber Oskar kann nicht mehr. Er klettert auf einen Kipplaster. Die Ladefläche ist bis zur Hälfte mit feuchtem Kies gefüllt. Sollte das sein Bett werden für diese Nacht? Er hat keine Wahl. Vorsichtig legt er sich auf den Kies. Am besten, er gräbt sich nun so weit wie möglich ein, wie eine Schildkröte am Strand. Dann ist er unsichtbar für seine Verfolger, auch wenn sie Drohnen einsetzen. Und Hunde können ihn in dem Kies sicher auch nicht wittern. Ganz vorsichtig wühlt er sich in den Kies. Es darf keinen Lärm machen. Leises Knirschen und das Klacken von aneinanderstoßenden Kieseln.

Oskar zittert. Vor Anstrengung und auch vor Kälte. Es ist eine recht warme Märznacht, zehn Grad vielleicht. Kalt genug, um sich verschwitzt im feuchten Kies eine Lungenentzündung zu holen. Er spürt, wie sein Herz rast. Maximale Frequenz. Also 220 minus Alter gleich 185 Schläge pro Minute. Sein Verfolger ist gut zehn Jahre jünger, der bringt es sicher auf 200, hat wegen seiner unnötigen Muskeln aber einen höheren Energieverbrauch. Scheiße, woher weiß Oskar diesen Mist? Sein letztes Radtraining liegt zehn Jahre zurück. Das ist jetzt nicht wichtig. Wichtig ist, wie er die nächsten Stunden übersteht.

Wie weit würden seine Verfolger gehen? Sind sie bewaffnet? Mit Schusswaffen? Würden sie töten, um ihre Geheimnisse zu bewahren? Das wäre nicht mit dem Auftrag vereinbar, den sie angeblich »von oben« haben.

Und überhaupt: Geheimnis. Was weiß Oskar schon? Er hat ein paar Bausteine modelliert, ein paar Hacks installiert, Zugriffe auf Daten ermöglicht, die nun ungebremst – und unbemerkt von durchschnittlichen Administratoren – in die Systeme auf der Insel fließen können, oder wo immer sie gehostet werden. Was damit dann passiert, welchem großen Ganzen das dient, weiß er nicht und er war nicht dafür bezahlt worden, Fragen zu stellen. Überhaupt wusste niemand von den Leuten, mit denen er über zwei Monate gearbeitet hatte, worum es eigentlich ging. Das war eine verbotene Frage. Sie waren Gleisarbeiter, die eine Strecke verlegten, ohne zu wissen, wohin sie führt oder wann der Scheißzug kommt.

Oskar hat auf dieser Bohrinsel getan, was er schon fast sein ganzes Leben tut: Er hat programmiert. Seit er als Zehnjähriger seinen ersten PC bekam, einen Compaq Presario mit Windows 98, lebt er im digitalen Kosmos. Seit dieser Zeit stellte er sich das Innenleben der vielen Computer, an denen er über die Jahre gearbeitet hatte, immer als eine schuhkartongroße Fabrikhalle mit mikroskopisch kleinen Maschinen vor, die Funken sprühend und metallisch quietschend Daten verarbeiteten. Die Geräte konnten noch so komplex werden, Oskar assoziierte immer eine geordnete Welt aus Platinen, Prozessoren, Drähten, Kabeln und Magnetplatten. Aus Metall und Kunststoff. Eine Welt, die er unter Kontrolle hatte und die aufhörte zu existieren, wenn er den Stecker zog.

Doch diese Welt gibt es so nicht mehr. Seitdem Oskar angefangen hat, sich mit Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, ist sein Bild des Computers als Maschine immer mehr dem eines lebenden, sich selbst regulierenden Organismus gewichen. Die Vorstellung von neuronalen Netzen, die der KI-Technologie zugrunde liegen, ist für Oskar mit Bildern von Nervensträngen, Sehnen und Organen verbunden. Blut statt Strom.

Auf dieser Bohrinsel, wo sie ja auch nur an Bildschirmen und Tastaturen saßen, fühlte sich an manchen Tagen der rostige Körper der Plattform für Oskar an wie ein geheimnisvolles, träges Monster. Ein gieriger Leib, den sie täglich mit ihrem Wissen und ihrer Energie fütterten. Im Innern surrte, klickte und quietschte nichts mehr. Nun blubberte, gurgelte und schmatzte es. Zu welchen Produkten der Leib die Nahrung verstoffwechselte, blieb Oskar und seinen Kollegen verborgen. Als Operatoren, oder Kinjas, wie sie genannt wurden, hatten sie diesen Organismus nicht unter Kontrolle. Sie waren bestenfalls Lehrer, Trainer, Sparringspartner, vielleicht noch Therapeuten des Monsters.

Oskar ist inzwischen sicher, dass, was immer auf der Bohrinsel gespielt wird, sich nicht mit dem deckt, was man ihnen in großen Worten beim Einstellungsgespräch erzählt hat. Er wird das rausbekommen. Aber dafür braucht er Ruhe, einen Rechner, eine sichere Internet-Verbindung, vielleicht einen Freund oder zwei. Es ist noch ein weiter Weg. Und während er vor den Serviceleuten davonläuft, muss er darauf achten, den Bullen nicht in die Arme zu laufen. Die wären sicher auch überglücklich, ihn zu sehen. Wäre es besser, in Dänemark zu bleiben? Nein. Er muss nach Deutschland. Er muss Hilfe finden. So eng zwischen zwei Abgründen hatte Oskar noch nie gestanden.

2. Kapitel

Der Fall ist so gut wie abgeschlossen. Der Täter liegt im Koma, rund um die Uhr bewacht. Und wenn er irgendwann aufwacht, die Ärzte sind verhalten optimistisch, wird er befragt und schnellstmöglich in Untersuchungshaft umziehen. Samrau ist fertig. Mit seinem letzten Mordfall und mit dem Arbeitsleben. Mit 62 gönnt er sich den Luxus aufzuhören. Knapp drei Wochen muss er noch in der Polizeidirektion sitzen und Geschäftigkeit vortäuschen. An seinem letzten Tag, dem 27. März 2024, wird man ihn feiern, hochleben lassen, ihm irgendeinen Quatsch schenken.

Was schenkt man Pensionären wie ihm? Ein Opernabo? Das würde er sofort weiterverschenken. Einen Schaukelstuhl? Wahnsinnig komisch. Ein Buch übers Rosenzüchten? In seinem kleinen Garten hat die Natur alle Freiheiten. Egal. Er würde ein paar Flaschen Prosecco kaufen, in der Kantine Mett- und Käsebrötchen bestellen. Das würde genügen.

Er wird sich lächelnd verabschieden, milde lächelnd. Denn das ist der Gesichtsausdruck, den er sich für sein letztes Lebensdrittel, vielleicht ist es auch nur ein Viertel, antrainiert hat. Gelassenheit. Alles nicht so wichtig. Nicht total scheißegal, das wäre zu aggressiv. Aber: nicht so wichtig.

Soundso viele Wochen, soundso viele Tage und der Rest von heute. Das ist Samraus Standardantwort, wenn ihn jemand fragt, wie lange er noch im Dienst ist. Es klingt wie ein Countdown ins Paradies.

Jetzt, wo er an seinem Schreibtisch dieser jungen Frau gegenübersitzt, sind es noch drei Wochen, ein Tag und der Rest von heute. Aber die junge Frau hat nicht danach gefragt. Sie will wissen, warum er die Ermittlungen für abgeschlossen erklärt hat. Die Kollegen am Empfang hätten die junge Frau problemlos abgewimmelt, das ist ihr Job. Aber Samrau hatte sie zu sich gebeten. Warum? Neugier? Empathie? Mit beidem war er nicht übermäßig ausgestattet. Vielleicht will er verstehen, warum die Zwillingsschwester des Mord­opfers sich so für den mutmaßlichen Mörder ihrer Schwester einsetzt. Sie müsste ihm doch ewige Verdammnis wünschen.

Samrau hatte Nicole Clausen bereits unmittelbar nach der Tat ausgiebig befragt. Damals war er schon davon überrascht gewesen, wie sehr sie sich von ihrer toten Schwester unterscheidet. Nicht in den physiognomischen Details. Sie waren eineiig. Eher in allen Äußerlichkeiten, die verschiedene Lifestyles so mit sich bringen. Nicole sieht aus, als wäre sie in einer Drogen-WG aufgewachsen, irgendwie aber von dem Stoff losgekommen oder nie süchtig gewesen. Oder wie so eine Rebellin, die seine uniformierten Kollegen in diesen Tagen vorsichtig vom Asphalt lösten, damit ihre mit Sekundenkleber fixierten, zarten Fingerchen nicht in Fetzen gingen. Tätowierungen und Piercings bestimmen den ersten Eindruck bei Nicole. Den zweiten auch, dann kommen die dunkelblonden Dreadlocks. Erst viel später das gewinnende Lächeln, das ohne den Ring in der Oberlippe noch bezaubernder wäre. Sie lächelt sicher mehr, denkt Samrau, wenn sie nicht trauert. Was hat sie gerade gefragt? Warum er die Ermittlungen so schnell beendet habe?

»Die Ermittlungen beende nicht ich«, sagt er sanft, vielleicht etwas zu väterlich. Nicole ist 22 Jahre alt. Samraus Tochter Carla ein Jahr jünger, aber ungepierct und, soweit er weiß, tattoofrei. »Sondern die Staatsanwaltschaft, wenn alle Fragen geklärt sind und Anklage erhoben werden kann.« Sie sieht ihn an. Erwartungsvoll. Als wäre mit diesem Satz nicht alles gesagt.

»Aber Christos konnte sich doch noch gar nicht äußern«, sagt Nicole mit dünner Stimme und rutscht unruhig auf dem ungepolsterten Stuhl nach vorne. Vermutlich findet sie ihr Verhalten unangemessen. Bei aller Rebellion, die ihr Outfit ausdrücken soll, hat sie doch Respekt vor Älteren und vor der Staatsgewalt. Das ist auch nicht selbstverständlich bei dieser Generation.

»Nein«, antwortet Samrau ruhig. »Das kann er ja nicht. Aber das muss er auch nicht. Die Indizien sind erdrückend. Anklage kann aber sowieso erst erhoben werden, wenn der Beschuldigte wieder bei Bewusstsein ist.« Früher hätte er noch ergänzt, dass ein Komapatient nicht in den Knast kommt, das wäre zu teuer, aber seine neue Gelassenheit verbietet ihm jeglichen Sarkasmus.

»Ja und dann werden Sie sich wundern«, ruft Nicole aus, nun etwas erregter, »wenn Christos aufwacht. Dann werden sich Ihre Indizien in Luft auflösen.«

Samrau hebt die Augenbrauen zu dem Gesichtsausdruck: Das glaube ich nicht. Er verkneift sich die Bemerkung, dass sie ihn doch selbst fragen solle, denn das täte sie wirklich gerne. Sie darf den Komapatienten und mutmaßlichen Mörder Christos Ioannidis im Moment aber nicht mal besuchen, weil sie eine Zeugin ist. Außerdem ist sie keine Verwandte. Die Eltern dürfen den jungen Mann besuchen. Aber sie wollen nicht. Die Mutter ist zu ihrer Familie nach Griechenland gereist, der Vater hat sich an seiner Arbeitsstelle krankgemeldet und ist seit einer ersten, kurzen Befragung nicht mehr zu erreichen. Haben sie ihren Sohn aufgegeben?

Samraus Frau Greta hat ihn neulich gefragt, ob er ihre Tochter Carla auch verstoßen würde, wenn sie wegen Mordes angeklagt wäre. »Das hängt von den Umständen ab«, hatte Samrau geantwortet, was Greta empörte.

»Was denn für Umstände?«, hatte sie gefragt. »Es können ja nur tragische, bedauernswerte, bemitleidenswerte Umstände sein, die unsere Tochter zur Mörderin werden lassen. Sie wird ja nicht plötzlich zur Straßenräuberin oder irren Serienkillerin.«

Nein, natürlich nicht. Der Lebenslauf von Christos Ioannidis führt auch nicht gradlinig zum schlimmsten aller Verbrechen. Er war immer ein netter Junge, der in der Schule zu wenig und auf seiner Hanfplantage zu viel gearbeitet hatte. Sein Geld verdiente der 23-jährige Schulabbrecher bis zu seiner Verhaftung als Verkäufer in einem Skaterladen, am Wochenende legte er als DJ in verschiedenen Clubs auf und träumte vermutlich vom großen Durchbruch. Mit seinem VW-Transporter fuhr er gelegentlich gegen Cash sperrige Dinge von A nach B. Eine typische Biografie der Generation Unentschlossen.

Während der Beschuldigte einen tiefen Schlaf schläft, bereitet sich seine Pflichtverteidigerin Anna Merthaler auf den Prozess vor. Ob Ioannidis mit der jungen Anwältin das große Los gezogen hat, wird sich zeigen. So wie Samrau die Frau kennt, neigt sie dazu, eine solche Tat als Femizid einzuordnen, als strukturelles Problem des Patriarchats, bla, bla. Sie kämpft dann sicher mehr für das große Ganze als für ihren Mandanten. Das wird diesen Christos sicher nicht vor dem Knast retten. Die Indizien reichen für eine Verurteilung aus, da ist der Staatsanwalt sicher. Mord. Wenn der Junge Glück hat, nur Totschlag.

Ioannidis ist unmittelbar nach der Tat aus der Wohnung des Opfers gekommen. Eine Nachbarin hat ihn flüchten sehen. Seine markante Jacke und sein alter VW-Transporter sind in der Nähe des Tatorts sogar von der Überwachungskamera eines Kindergartens aufgezeichnet worden. Seine Fingerabdrücke fanden sich überall am Tatort, seine DNA an dem Strick, mit dem Sandra Kunze erdrosselt wurde. An einem Strick der gleichen Art hing Christos selbst, als er zwei Stunden nach der Tat von Passanten auf einem Abbruchgelände gefunden wurde. Er hatte versucht, sich zu erhängen.

Seitdem also Koma. Wie lange er am Seil hing und ob der Sauerstoffmangel sein Gehirn geschädigt hat, ist unklar. Wenn er mit Hirnschaden aufwacht, hat sich das mit dem Prozess natürlich erledigt.

Letzte Sicherheit für Ioannidis’ Schuld gibt das älteste Mordmotiv seit Kain und Abel: Eifersucht. Christos Ioannidis war mit dem Opfer bis vor eineinhalb Jahren zusammen gewesen. Drei Jahre lang. In diesem Alter eine Ewigkeit. Er hatte das wohl für die große und unangreifbare Liebe gehalten. Doch plötzlich, so muss er es jedenfalls empfunden haben, hatte sich Sandra von Christos getrennt und kurz darauf Kai Kunze »gedatet«. Das sagt man doch heute so. Es wurde schnell mehr daraus. Vor vier Monaten hat das Paar geheiratet, aus Sandra Clausen wurde Sandra Kunze. Und aus Christos offenbar ein liebeskranker Psycho. Samrau stellt sich den Tatverlauf so vor: Christos leidet anhaltend unter der Trennung, hatte mehrfach versucht, das Opfer zu sprechen, zu treffen, zurückzugewinnen. Das bestätigen auch Sandras Schwester und der junge Witwer Kai Kunze. Als Sandra Christos schließlich mitteilt, dass sie schwanger ist und er sich von ihr und ihrer Familie fernhalten solle, rastet der Ex aus. Er fährt zu ihr, stellt sie zur Rede und verliert die Nerven. Anschließend versucht er, sich selbst zu töten. Das ist auch eine Art von Geständnis.

»Mit der Sache machst du dich auf deine letzten Tage nicht mehr kaputt, Walter«, hatte Simon Weidenmüller, Chef der Mordkommission, gescherzt, als er Samrau den Fall übertragen hatte. Das fand Samrau weniger witzig, hatten sie ihm doch seit einem Jahr, seit seine Pensionierung durch war, keinen einzigen komplizierten Fall mehr gegeben. Sie halten ihn für eingerostet. Sollen sie. Er fühlt sich fitter als vor Jahren, hat reichlich abgenommen und wird bald mit Greta im Wohnmobil auf große Fahrt gehen. Wohin auch immer.

Der Kommissar schweigt. Er sieht Nicole an, aber ist mit seinen Gedanken ganz woanders. Er denkt nicht über ihre Frage nach, warum er so sicher ist, dass Christos der Täter ist, ohne mit ihm gesprochen zu haben. Er will sie einfach nur los sein. Na klar, denkt Nicole, für ihn ist der Fall erledigt. Er hat einen Täter. Endlich rührt sich etwas in seinem schmalen, glattrasierten Boomergesicht.

»Liebe, junge Frau«, beginnt er und Nicole könnte gleich schon wieder ausrasten. Warum sagt er nicht gleich »Kleines« zu ihr. »Die Gründe liegen doch auf der Hand. Herr Ioannidis war eifersüchtig, schon lange. Und dann hat er offenbar noch erfahren, dass Ihre Schwester schwanger …«

»Von wem hat er das erfahren?«, unterbricht Nicole. »Von mir nicht. Ich wusste es selbst nicht, und wenn man Sandras wunderbarem Ehemann glauben darf, wusste der es auch noch nicht. Das war offenbar Sandras Geheimnis.«

»Es gibt an der Leiche und überall am Tatort Spuren, Ioannidis wurde von Nachbarn gesehen …«

»Ich habe Ihnen doch schon erzählt«, bemüht sich Nicole um einen ruhigen, sachlichen Ton, »wie sich meine Schwester in den letzten Monaten, eigentlich seit über einem Jahr, verändert hatte«. Nicole wagt einen letzten Versuch. »Sie war eine andere geworden. Das hat auch Christos bemerkt und es hat ihn sehr beunruhigt, er war verzweifelt, aber er hat sie nicht …«

»Nicole, bitte«, sagt der Kommissar. Jetzt nennt er sie auch noch beim Vornamen. Gerne würde sie ihn zurechtweisen, aber sie ist auf sein Wohlwollen angewiesen. »Das ist doch ganz normal, dass Menschen in Ihrem Alter sich verändern. Ihre Schwester hatte eine neue Beziehung, sie war verheiratet, schwanger. Vielleicht waren Sie es immer gewohnt, irgendwie gleich zu sein, Zwillinge eben. Aber man entwickelt sich auch unterschiedlich …« Jetzt ist er auch noch Psychologe und Zwillingsexperte, denkt Nicole.

»Ich glaube nicht, dass Christos meine Schwester getötet hat, dafür hat er sie viel zu sehr geliebt. Und es gibt einen Grund, warum sie so schnell ein anderer Mensch geworden ist. Ich werde das herausfinden.« Nicole steht auf und sieht den Kommissar herausfordernd an. Der zuckt nur mit den Schultern, schaut voller Mitleid auf dieses verblendete Mädchen. Grußlos verlässt Nicole den Raum.

3. Kapitel

Martha hat den Basti gut präpariert. Das Kameratraining, das Interviewtraining, die ganze Klaviatur des TV-gerechten öffentlichen Auftritts, das hat er nun drauf. Es war ein schönes Stück Arbeit. Als Martha vor sechs Monaten die PR-Betreuung von PerfectMatch und damit auch die Rolle der Pressesprecherin übernommen hatte, war Dr. Sebastian Kortlücke, von allen nur »der Basti« genannt, eine ziemliche Katastrophe gewesen. Ein paar Phrasen konnte er gespielt selbstbewusst vortragen, bei unerwarteten Fragen begann er zu stammeln. Man hatte ihr damals gesagt, dass der Basti ein Genie sei. Das mochte für die Welt der Algorithmen vielleicht zutreffen, zwischen realen Menschen war er eher hilflos. Blass, schlecht gekleidet, linkisch in seinen Bewegungen. Sein Freund Erol, ein dumpfer türkischer Muskelmann, dessen einzige Qualitäten vermutlich im Schlafzimmer zur Geltung kamen, machte alles noch schlimmer. Den hat Martha sofort in die Wüste geschickt und den Basti stattdessen mit einem Modedesigner aus ihrem Bekanntenkreis zusammengebracht. Konrad Lejeune ist schon Mitte 40, aber immer noch recht knackig. Konrad fand den Basti zwar nicht gerade elektrisierend, versprach sich aber von der wachsenden Prominenz des jungen Mannes auch einen Impact auf seine eigene Bekanntheit. Seit Konrad mit dem Start-up-Gründer zusammen ist, hat sich die Zahl der Instagram-Follower des Designers von dreistellig zu fünfstellig entwickelt. Eigentlich müsste Martha Konrad dafür eine Rechnung schreiben.

Nun steht Martha im Studio von News24. Der Basti sitzt in einem orangefarbenen Schalensessel, der für seine dünne Figur etwas ungünstig ist. Er wirkt darin wie ein von einer aggressiven Muschel gefangenes Seepferdchen, aber auf die Möblierung des Studios hat Martha keinen Einfluss. Der metallblaue Anzug aus Konrads Atelier sitzt wie aufgemalt und zusammen mit dem weißen Seiden-T-Shirt strahlt der Basti Jugendlichkeit und Sympathie aus. Auch ein wenig Souveränität hat Martha ihm antrainiert, aber nur so viel, dass es kompetent und erhaben wirkt, nicht abgehoben und arrogant.

»Abpudern«, zischt Martha der Visagistin Anouk zu, die gleich mit Pinsel und Puder zum Basti eilt. Anouk hat Martha mitgebracht, weil sie sich nicht darauf verlassen will, dass der Sender hier das Nötige tut. Der Basti hat, Konsequenz aus erblich bedingtem Haarausfall, eine sorgsam geschorene Glatze, auf der sich Schweißperlen bilden, wenn er im Rampenlicht sitzt. Die glitzern dann und das sieht scheiße aus. Wenn das hier länger dauern sollte, muss Anouk in jeder Pause nachpudern.

Die Interviewerin betritt das Studio. Ein Auftritt wie bei der Oscar-Verleihung, dabei laufen die Kameras noch gar nicht. Katharina von Behnke ist der Star bei News24, die Anchorwoman. Deshalb hält sie sich für eine Berühmtheit, doch außerhalb der Stammzuschauerschaft des Spartensenders kennt sie natürlich kein Schwein. Martha kann sie nicht leiden, doch ihr Job verlangt es, dass sie nett zu ihr ist. Nett heißt im Fall von Katharina von Behnke, dass man zu ihren langweiligen Partys geht und Bewunderung heuchelt.

Von Weitem und auf dem Bildschirm sieht man Katharina nicht an, dass sie fast 50 ist, über 10 Jahre älter als Martha. Die stets frisch blondierten Haare, die dezente Faltenglättung und vor allem das professionelle Make-up lassen sie alterslos wirken, wie eine Comic-Ikone. Sie trägt Chanel. Für Martha ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass Katharina akzeptiert hat, dass sie ein Auslaufmodell ist. Ihre Position, ihr Sender, das ganze Medium Fernsehen. Martha hat genug Influencer und Blogger in ihrer Kontaktliste, aber News24 braucht sie für die Zielgruppe alter, reicher Investoren. Diese Leute haben den Sender ununterbrochen in ihren lichtdurchfluteten Eckbüros laufen, weil die Börsenkurse so lustig am unteren Bildrand entlanggleiten.

Katharina hat Martha gefragt, ob sie den Basti duzen dürfe. Natürlich darf sie das. Jeder duzt den Basti. Und Katharina wird sich dadurch sicher jünger fühlen und als Teil einer digitalen Boheme. Im Off gönnt Martha ihr das. Aber vor der Kamera ist die vertrauliche Anrede unangemessen. Die News24-Zielgruppe soll den 31-jährigen CEO von PerfectMatch als gestandenen Geschäftsmann wahrnehmen und nicht als einen kleinen Start-up-Hansel mit Basecap und TikTok-Account.

Der Basti steht auf, um Katharina zu begrüßen. Per Handschlag mit leicht angedeutetem Diener. Übertrieben. Die bourgeoise Herkunft hat sie noch nicht ganz aus ihm herausgecoacht.

Die Moderatorin bekommt ein Zeichen vom Regisseur, »Ruhe«-Schilder blinken. Es geht los. Die Sendung wird aufgezeichnet. Wenn irgendetwas völlig aus dem Ruder laufen sollte, kann Martha eingreifen. Aber das will sie nicht. Sie will, dass der Basti performt. Auch als Test für kommende Auftritte. Seit PerfectMatch so durch die Decke geht, häufen sich die Anfragen auch für Live-Auftritte und für Vorträge.

»Guten Tag, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer und herzlich willkommen bei ›News24 im Gespräch‹«, sagt Katharina und es klingt echt begeistert. Sie liebt, was sie tut, und das darf jeder spüren. »Heute habe ich einen ganz besonderen Gast eingeladen.« Sagt sie das immer? Nein, manchmal sagt sie auch »Überraschungsgast«, »ein Gast, an dem heute niemand mehr vorbeikommt«, »ein Gast, bei dem vor allem die Frauenherzen höher schlagen«. So einen Quatsch halt. Der Basti ist also ein besonderer Gast. Auch gut.

»Sebastian Kortlücke ist so etwas wie der Entrepreneur des Jahres, die Start-up-Rakete der Saison. Und das in einem Segment, das man eigentlich schon als unter großen Playern verteilt angesehen hatte: den Dating-Plattformen. Doch zunächst für die wenigen, die noch nicht wissen, wer dieser junge Mann ist, ein bisschen Biografie.«

Nun laufen ein paar Bilder aus Bastis Leben ab. Babyfoto, Einschulung, erstes Mountainbike, erster Computer. Martha hat alles zusammengetragen, was sich ein Medium nur wünschen kann. Der Text dazu stammt auch aus ihrer Feder. Die Medien sind meistens zu faul, etwas daran zu verändern.

»Sebastian Kortlücke wurde 1993 in Singapur geboren, wo sein Vater damals an der deutschen Botschaft beschäftigt war. Im Kielwasser der Karriere des Diplomaten Dr. Friedhelm Kortlücke zieht der kleine Basti in seinen Kinder- und Jugendjahren durch die Welt. Buenos Aires, Seoul, Kairo, Namibia. Er wird zum Weltbürger erzogen, der heute fließend Englisch, Französisch und Spanisch spricht. Schon früh entdeckt der gute Schüler seine Liebe zur Mathematik und zum Programmieren. Bereits mit sieben Jahren hackt er den Sperrcode an Papas Computer, um heimlich ›Die Sims‹ zocken zu können.« Basti schmunzelt. Hoffentlich schneiden sie dieses sympathische Gesicht in die Aufzeichnung, denkt Martha. »Es folgt ein Studium der Informatik in München und Boston. 2017, mit 24 Jahren, lange vor ChatGPT und den ganzen anderen AI-Tools, die heute so selbstverständlich sind, promoviert Kortlücke zum Thema Künstliche Intelligenz. Er forscht anschließend an der Uni, arbeitet als Berater für Google, Siemens und den Energiekonzern Ørsted. Vor zwei Jahren erfindet Sebastian Kortlücke dann mit PerfectMatch eine Dating-Plattform, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt. Die PerfectMatchAG ist seit einem halben Jahr an der Börse und ein Liebling der Anleger.«

»Sebastian, schön, dass Sie da sind«, frohlockt Katharina. Sie hat sich also für das hanseatische Du entschieden, denkt Martha, Vorname und Sie. Das wirkt zwar noch älter als ein Chanel-Kostüm, aber das kann Martha ja egal sein. »Ihre Plattform PerfectMatch hat in kürzester Zeit die bisher größten Dating-Portale in Deutschland überholt. Fast zwei Millionen Abonnenten. Mehr hat nicht mal Tinder. Wie erklären Sie sich den großen Erfolg?«

Der Basti richtet sich auf, rutscht auf den Rand des unpraktischen Sessels und lächelt. Wohlwollend, nicht überheblich. Er wird seine Gesprächspartnerin nun korrigieren müssen. Dabei soll der Zuschauer klüger werden, Katharina von Behnke aber nicht dumm aussehen.

»Lassen Sie mich zunächst die Begriffe klären.« Er spricht ruhig, mit sanfter Stimme. Mein Gott, denkt Martha, wie lange haben sie geübt, dass er nicht aufgeregt daherplappert wie ein Drittklässler, was ihm gerade nicht durch den Kopf geht. »PerfectMatch ist keine Plattform und auch kein Portal. Das sind Begriffe aus den Kindertagen des Internet. Was wir entwickelt haben, ist ein System, ein ganzer Kosmos des Kennen- und Liebenlernens in allen Bereichen des Lebens unserer Nutzerinnen und Nutzer. Und Tinder«, Basti streut ein spontan wirkendes, nur ganz leicht abfälliges Lachen ein, »das ist etwas ganz anderes. Tinder ist eine Kontakt-App für den schnellen Spaß. Wie Grindr auch. Das ist Spiel. Wir schaffen mit PerfectMatch stabile, ernsthafte Beziehungen.«

»Ja, und die Zahlen geben Ihnen recht«, fährt Katharina fort, die Pressetexte herunterzubeten, die Martha ihr geliefert hat. »Die Hälfte der Abonnenten findet bereits innerhalb von drei Monaten einen Partner beziehungsweise eine Partnerin. Es sind sogar schon Ehen geschlossen und Kinder gezeugt worden, wie man auf ihren sozialen Kanälen beobachten kann. Werden Sie als Trauzeuge oder Patenonkel angefragt?«

»Bisher noch nicht.«

Aber nach dieser dämlichen Frühstücksfernsehen-Frage ganz sicher, denkt Martha.

»Und Ihr eigenes privates Glück? Ist das auch ein PerfectMatch?«, fragt Katharina, und Martha bemerkt, wie Basti errötet. Sie hat versucht, diese Frage zu streichen, aber Katharina bestand darauf. Der Basti spricht nicht gern über sein Privatleben. Und Martha will seine Homosexualität vor dem News24-Publikum eigentlich nicht exponieren.

»Also, mein Freund Konrad ist zwar ein PerfectMatch«, der Basti kichert verlegen, »aber wir haben uns ganz old school auf einer Party kennengelernt. Er ist so ein kreativer Mensch. Mir gefällt die Mode, die er entwirft. Der Anzug den ich hier trage, ist auch von Konrad Lejeune.« Prima, denkt Martha. Er bleibt im Drehbuch und hat nun Privates und Werbeblock für Konrad geschickt verbunden und abgehakt.

»Haben Sie denn nachträglich mit ihren Algorithmen überprüft, ob Konrad der Richtige ist?«, fragt Katharina hintergründig schmunzelnd. Auch auf diese Frage ist Basti vorbereitet.

»Tatsächlich haben wir das kurz überlegt, uns dann aber dagegen entschieden. Was wäre denn, wenn wir feststellen, dass wir kein hundertprozentig perfektes Match sind, sondern nur ein 75-prozentiges? Müssen wir uns dann sofort trennen?« Er lacht jungenhaft. Perfekt. »Menschen werden sich nach wie vor auf Partys, im Job, im Urlaub kennenlernen. Sie sollen sich verlieben und zusammen sein. Und natürlich wird es immer wieder Enttäuschungen geben. So ist das Leben. PerfectMatch macht es allerdings einfacher, wenn man die Partnerwahl nicht dem Zufall überlassen will und wenn man etwas von Dauer wünscht.«

»Das klingt so ein bisschen nach letzter Chance«, merkt Katharina an und bringt nun ein abgesprochenes Stichwort, »dabei sind die Nutzer von PerfectMatch sehr jung, unter 30, viele auch unter 25. Zeigt sich da ein Trend, weg vom unverbindlichen Rummachen, hin zu Beziehungen, die halten?«

»Ja, das kann man durchaus daraus ablesen.«

»Und wie entwickelt man den Algorithmus, der aus ein paar Personendaten das perfekte Paar herausfiltert?« Nun sind sie endlich bei den Themen, die Investoren interessieren. »Das versuchen doch alle, die sich in diesem Bereich tummeln …«

»Das, was wir tun, machen andere eben nicht«, unterbricht Basti bestimmt, aber immer noch charmant. »Wir haben nicht einfach den Algorithmus, der Alter, Hobbys, Bildungsstand und solche Dinge abgleicht. PerfectMatch tut sehr viel dafür, seine Nutzerinnen und Nutzer zu verstehen. Es gibt bei uns kein Formular, in das man ein paar Daten einträgt. PerfectMatch spricht mit den Kandidaten und Kandidatinnen. Es ist ein permanenter KI-gestützter Dialog, ganz individuell. Und eine Frage wird in diesem Dialog auf keinen Fall gestellt.« Er lässt eine Spannungspause, in die Katharina wie erwartet eine Frage schiebt.

»Welche?«

»Wie stellst du dir den perfekten Partner vor? Das will unser System nicht wissen, denn es ist nicht relevant und führt nur in die Irre. So kann man vielleicht ein Auto kaufen. Aber welcher Mann zieht im richtigen Leben am Samstagabend los und sagt sich: Heute Abend suche ich mir eine Frau, die zehn Jahre jünger ist als ich, blond, schlank, mit mindestens mittlerer Bildung und gutem Job, die auf Teneriffa, Chopin und Porsche steht?« Katharina lacht. So war es gedacht. »Nein, im richtigen Leben zieht man los und kommt mit Menschen zusammen, die man interessant findet, mit denen man sich unterhält, Gefühle entwickelt. Ob diese Gefühle stark sind, ob man sich zueinander hingezogen fühlt, also ob man ein Match hat, entscheidet sich oft ziemlich schnell. Wenn die erste Begegnung an einem Samstagabend in einer Bar kein Match ist, dann hat man an diesem Abend vielleicht noch zwei weitere Möglichkeiten, die Partnerin oder den Partner fürs Leben zu finden, aber dann ist die Nacht rum. PerfectMatch simuliert solche Kontaktsituationen in rasender Geschwindigkeit. Um es mal bildhaft auszudrücken: An der virtuellen Bar von PerfectMatch flirten Sie mit 200.000 potenziellen Partnern gleichzeitig.«

»Klingt anstrengend«, stöhnt Katharina übertrieben.

»Ja, anstrengend, aber nicht für Sie, sondern für das System und das hat unendliche Kraft und Geduld. Und es irrt sich nicht. Es wird nicht durch Musik, schummrige Beleuchtung und ein paar Drinks in seiner Urteilsfähigkeit getrübt. Es findet den Partner, der auch objektiv passt.«

»Objektiv?«, Katharina guckt maximal skeptisch.

»Ja, genau. Objektiv. Und nachhaltig. Das Match von PerfectMatch hält.«

»Woher weiß das System denn so viel über mich, dass es so unfehlbar sein kann?«, fragt Katharina.

»Das System lernt Sie kennen, im Gespräch, wie ein Mensch. Es stellt Ihnen Fragen. Es lernt auch aus ihren Spotify-Playlisten, ihren Urlaubsfotos, ihren sportlichen Aktivitäten. Das sind ja alles Themen, die sie auch bei ersten Dates teilen würden. Aber das ist noch längst nicht alles. PerfectMatch bezieht Erkenntnisse aus der Psychologie und aus der Statistik mit ein. Welche Beziehungen halten wirklich, welche Krisen durchleben Paare in bestimmten Konstellationen und stehen sie sie auch durch oder zerbrechen sie daran? Das sind Dinge, über die beim ersten Date noch niemand nachdenkt, die aber für eine dauerhafte Beziehung viel wichtiger sind als ein ansprechendes Parfum oder ein paar charmante Witzchen. Das Gleiche gilt für die Familie. Niemand wird beim ersten Date tiefergehend über Vater, Mutter und Geschwister sprechen. Aber für eine dauerhafte Beziehung spielt es eine Rolle, welches Verhältnis sie zu Ihren Leuten haben, und vieles mehr.«

»Etwas konkreter, bitte«, insistiert Katharina. »Was bestimmt denn dann über Top oder Flop, wenn nicht die Anziehung beim ersten Date?«

»Also«, sagt der Basti und richtet sich auf – Vorsicht, denkt Martha, das darf jetzt nicht zu oberlehrerhaft, zu mansplainig kommen –, »wir müssen uns klarmachen, dass die romantische Beziehung, wie wir sie heute kennen, eine Erfindung des 18. und 19. Jahrhunderts ist, eben der Epoche der Romantik. Damals bekamen Herzklopfen und die Liebe auf den ersten Blick über alle Grenzen hinweg überhaupt erst Bedeutung und wurden von der Literatur überhöht. Vorher verbanden sich Menschen in der Regel aus viel pragmatischeren Gründen. Um Familien, Besitz und Macht zusammenzubringen. Und das nicht nur beim Adel. Auch bei Bauern und Handwerkern wurden Ehen arrangiert, um das Erreichte zu bewahren, in die nächste Generation zu führen und auszubauen. Es ging um soziale Sicherheit, um Wachstum. Da stand Herzklopfen nicht an erster Stelle.«

»Und da wollen Sie mit PerfectMatch wieder hin? Zur arrangierten Ehe?«, fragt Katharina mit gespielter Empörung und Martha denkt: Autsch, das musst du jetzt gut parieren, Basti.

»Nein, natürlich nicht«, sagt Basti und lächelt. Betörend, wie Martha findet, die den Basti sonst nie betörend nennen würde. »Wir wollen Herzklopfen, wir brauchen das, weil wir Menschen sind. Aber sehr viele von uns wollen auch Beziehungen, die Bestand haben und die uns Sicherheit geben. Darum spielen objektive Kriterien eine so große Rolle. Die kritischsten Beziehungen sind doch die, bei denen die Personen sehr unterschiedlich sind und aus unterschiedlichen Umfeldern stammen. Wie wäre es mit Jack und Rose im Film ›Titanic‹ weitergegangen, wenn Jack nicht ertrunken wäre?« Er sieht Katharina herausfordernd an.

»Ich weiß nicht?«, sagt die Moderatorin, überrascht, dass sie nun eine Frage beantworten soll. »Sie hätten geheiratet, viele Kinder bekommen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute?«

»Ja, so geht das im Märchen. Für Rose war ja aber bereits ein wohlhabender Ehemann ausgesucht. Und selbst wenn ihre Familie einer Heirat mit dem mittellosen Auswanderer zugestimmt hätte, wäre er sich in ihrer Welt wie im falschen Film vorgekommen. Das wäre schnell gescheitert mit den beiden. Die Unterschiede sind dabei noch sehr offensichtlich, es geht um die soziale Schicht. Darüber hinaus gibt es Unterschiede, die viel tiefer liegen und uns gar nicht so bewusst sind. Sie haben auch zu tun mit Träumen, Wünschen, unbewusstenIdealen und den Codes, die unsere ganz persönliche Geschichte und unsere Kultur in unseren Charakter graviert haben. Je mehr man diese subtilen Faktoren in die Partnerwahl einbeziehen kann, umso weniger Zufall ist im Spiel. Die Beziehung ist von Dauer.«

»Und das kann PerfectMatch? Wie?«

»Mit Künstlicher Intelligenz. Mit der hochkomplexen Verknüpfung und Auswertung unzähliger Daten in Sekundenbruchteilen. Unsere Bots haben nicht nur über Beziehungen gelernt und die menschliche Psyche, sondern auch über Kulturen, Sprachen, Scheidungsdramen …«

»Scheidungsdramen?«, fragt Katharina.

»Klar. Wenn zwei sich am Ende der vermeintlich großen Liebe über Geld und Kinder streiten, kommt alles auf den Tisch, was in der Beziehung nicht funktioniert hat. Ideales Lehrmaterial für unsere KI.«

»Es klingt ein bisschen unheimlich, wenn das System so viel über mich weiß«, sagt Katharina und liefert wieder ein abgesprochenes Stichwort. Journalismus ist nur noch eine Simulation seiner selbst, denkt Martha.

»Diese Informationen gibt der Teilnehmer selbst im Dialog mit dem System. Und er gibt aktiv Zugriff auf soziale Medien. PerfectMatch verknüpft diese Informationen auf vielfältige Weise mit allgemein zugänglichem Wissen, mit Erfahrungen anderer, das nennen wir Crowd Experience. Überall, wo Daten verarbeitet werden, sind Menschen verunsichert, weil sie keine vollständige Kontrolle über ihre Daten haben. Bei PerfectMatch bekommt jede und jeder Nutzende eine von mir persönlich unterschriebene eidesstattliche Versicherung, dass seine Daten ausschließlich für die Suche nach seinem Partner oder seiner Partnerin genutzt werden und nach der Kündigung des Vertrages vollständig gelöscht werden. Unsere Teams haben keinen Einblick in die Daten der einzelnen Nutzer, von Rechnungsdaten abgesehen. Ich weiß nicht, was PerfectMatch über Sie weiß, und ich kann es auch nicht herausfinden. Das ist unsere Sicherheitsgarantie.« Das ist nun, hofft Martha, deutlich genug, um der News24-Boomer-Zielgruppe ihre ewigen Bedenken zu nehmen. Die Leute unter 40, die eigentlichen Kunden, machen sich schon lange keinen Kopf mehr über Privacy. Jeder ist ein offenes Buch und weiß es.

»Die PerfectMatchAG ist nun an der Börse«, kommt Katharina wieder zu handfesteren Themen, »und nach den ersten Wochen des kometenhaften Aufstiegs hat sich die Kurskurve etwas abgeflacht. Die Börse ist, besonders bei Newcomern wie PerfectMatch, gierig nach Geschichten. Die Aktie will mit Success-Storys befeuert werden. Welchen Brandbeschleuniger haben Sie? Ausland?«

»Zurzeit ist PerfectMatch deutschsprachig und auf Nutzer in den DACH-Staaten zugeschnitten. Natürlich ist es einfach, ein digitales System zu skalieren. Sprache ist da kein Hindernis. Wir könnten sofort in Frankreich, UK oder in China ausrollen. Aber eben nur die technische Architektur, die Oberfläche. PerfectMatch ist aber vor allem ein soziales und kulturelles System. Es geht darum, wie Menschen zusammenkommen und vor allem zusammenbleiben. Das System lernt von den Menschen, die es benutzen, auch kulturelle Eigenheiten, die kann man nicht einfach per Copy and Paste in andere Länder überführen.«

»Welche Story haben Sie dann für die Börse?«

»Die Bar«, sagt Basti hintergründig, wie sie es einstudiert haben. Das ist jetzt der Paukenschlag, von einer Triangel gespielt.

»Wie bitte?«, fragt die Moderatorin erwartungsgemäß verblüfft.

»Ich habe vorhin von der Bar gesprochen, an der sich Menschen kennenlernen, flirten. Es wird diese Bars geben, im richtigen Leben. Orte, an denen PerfectMatch-Nutzer zusammenkommen können, für erste Dates. Auch Cafés, Restaurants und Gyms werden in den kommenden Jahren entstehen.«

»Entschuldigung«, lacht Katharina unsicher. »Aber das gibt es alles schon. Und diese Orte sind ja, wie wir gelernt haben, nicht immer ideal dafür, den perfekten Partner zu finden.«

»Exakt, weil in der alten Datingwelt alles dem Zufall überlassen ist. PerfectMatch eliminiert, wie gesagt, den Zufall. Sie kommen in eine PerfectMatch-Bar und wissen schon, mit wem Sie den ersten Drink nehmen werden, und Sie werden sich wundern, wie gut diese Person zu ihnen passt.«

»Sie wollen eigene Bars eröffnen? Wie muss man sich das Geschäftsmodell vorstellen? Suchen Sie strategische Partner?«, spult Katharina die für ihr Anleger-Publikum so wichtigen Fragen ab. Viel zu hektisch, aber die Zeit ist um und der Basti wird diese Fragen sowieso nicht beantworten.

»Das sind Details, die wir uns bis zur nächsten Aktionärsversammlung aufsparen, da bitte ich um Verständnis.«

»Ja, alles streng geheim«, stöhnt Katharina. »Da kann man nichts machen. Trotzdem vielen Dank für diesen spannenden Einblick in PerfectMatch, Sebastian Kortlücke, und hoffentlich bis demnächst hier bei uns im Studio.«

»Sehr gerne. Vielen Dank, dass ich hier sein durfte.«

4. Kapitel

»Und diese Nicole setzt sich wirklich für den Mörder ihrer Zwillingsschwester ein?«, fragt Greta und nimmt einen großen Schluck aus der Bierflasche. »Glaubt sie, dass er die Tat nicht begangen hat?«

Sie liegen unter dem Dach ihres Hymer-Wohnmobils, nackt, nur von einer Wolldecke gewärmt. Walter Samrau und seine Frau Greta haben in den letzten Wochen häufiger Sex in ihrem Wohnmobil. Sie müssen es einvögeln, hat Greta gesagt, und Walter macht das Spaß, auch wenn es eng und hart ist.

In den 25 Jahren mit Greta gab es auch schwierige Zeiten mit Streitereien und ohne Sex. Doch seit das Reihenhaus abbezahlt, die Tochter ausgezogen und der Ruhestand in greifbarer Nähe ist, erscheint vieles einfacher. Sie haben mehr Zeit für sich und ihre Pläne. Das Wohnmobil haben sie vor ein paar Monaten einem Kripokollegen von Samrau abgekauft und planen eine Reise ans Nordkap oder nach Marokko. Das diskutieren sie noch. Greta, die acht Jahre jünger ist als Samrau und noch lange nicht in Rente geht, hat dafür am Stadttheater, an dem sie als Schneiderin arbeitet, ein sechsmonatiges Sabbatical beantragt.

Noch steht das Wohnmobil unter dem Carport und die Nachbarn wundern sich sicher über die merkwürdigen Geräusche, die in letzter Zeit häufiger aus dem Camper dringen.

»Das Mädel ist sich sicher, dass er es nicht getan hat«, erklärt Samrau. »Sie sagt, er habe sie viel zu sehr geliebt. Sie sagt aber auch, dass sich ihre Schwester in den letzten eineinhalb Jahren total verändert habe. Sie sei ein ganz anderer Mensch geworden. Das habe diesen Christos zur Verzweiflung gebracht und sie auch.« Samrau konnte es früher nicht leiden, wenn seine Frau ihn nach seinen Fällen ausfragte. Inzwischen weiß er ihre nichtkriminalistische Art, die Dinge zu betrachten, oft zu schätzen.

»Was war vor eineinhalb Jahren?«, fragt Greta und streckt ihre schönen Beine gegen das Dach des Campers.

»Da hat sie sich von Christos getrennt und ist mit Kai zusammengekommen, den sie auch bald geheiratet hat«, sagt Samrau. »Von dem war sie dann auch ganz schnell schwanger.«

»In dem Alter verändern sich Menschen«, sagt Greta, »das nennt man Erwachsenwerden. Unsere Carla erkenne ich auch oft nicht wieder. Wenn sie aus Portugal zurückkommt, wird sie ein anderer Mensch sein.«

»Das habe ich dieser Nicole auch gesagt, aber das will sie nicht hören.«

»Christos war verzweifelt, weil er selbst gerne an Kais Stelle gewesen wäre: mit Sandra verheiratet und werdender Vater«, sagt Greta.

»Nicole behauptet, dass es für ihre Schwester früher nie infrage gekommen wäre zu heiraten. Und Kinder wollte sie auch nie, das hatten sich die Schwestern sogar irgendwann geschworen«, sagt Samrau.

»Und dann kam Kai aus der Kiste und warf alle Schwüre über den Haufen«, sagt Greta und Samrau lacht über ihre Formulierung. »Hat sie denn eine Idee, wer ihre Schwester getötet haben könnte, wenn nicht der Ex-Freund?«

»Nein, hat sie nicht. Und eigentlich spricht auch so gut wie nichts gegen diesen Christos als Täter«, sagt Samrau und zieht sich langsam an. Erst mal genug im Camper gelegen. Er kann sich noch nicht so ganz vorstellen, wie er es ein paar Monate in dieser Sardinenbüchse aushalten soll. Es war Gretas Idee, ihr Leben für ein paar Monate auf Räder zu stellen. Er hat sich breitschlagen lassen, um nicht als alt und unflexibel zu gelten. Außerdem hatte er keine bessere Idee. Die Hoffnung, dass Greta es sich doch noch mal anders überlegen könnte, weil sie keine Lösung für ihren heißgeliebten Kater Hamlet findet, hat sich inzwischen zerschlagen. Die Nachbarin wird das dicke und faule Tier nehmen und Greta wird mit der Trennung klarkommen. Das ist überraschend, denn nachdem Greta das Tier nach dem Tod ihrer Mutter vor ein paar Jahren nur kurz in Pflege genommen hatte und eigentlich schnell loswerden wollte, hat sie inzwischen eine innige Beziehung zu Hamlet aufgebaut. Sie hat ihm auch den theatralischen Namen gegeben. Vorher hieß er Morle, was nach Gretas Meinung für einen Kater kein adäquater Name ist.

Später sitzt Samrau im Wohnzimmer, trinkt noch ein Bier und betrachtet im Handy den Stand der Diskussion rund um den Mord an Sandra Kunze. Gleich nach der Tat hatten sich Hashtags wie #killingsandra, #poorsandra, aber auch #freechristos etabliert. Der Fall hat weit über die Grenzen der Stadt für Aufsehen gesorgt, weil das Opfer so jung, so schön und so glücklich war, vor allem aber auch, weil sie als Bäckerin origineller Cupcakes mit ihrem Kanal @Sandrascups immerhin 25.000 Follower auf Instagram hatte.

Die Meute in den sozialen Medien hat sich schnell in drei Lager sortiert. Die einen trauern um Sandra und wünschen dem mutmaßlichen Mörder mindestens die Pest an den Hals, wenn nicht Schlimmeres. Die anderen sehen den griechischstämmigen Christos als Opfer eines rassistischen Polizeiapparates, der sich gar nicht die Mühe macht, den wahren Täter zu finden, wenn man nur den Ausländer einsperren kann. Dieses Lager lässt sich nicht davon beirren, dass Christos Ioannidis’ Familie seit den 60er-Jahren in Deutschland lebt und außer dem Namen an dem jungen Mann nichts irgendwie »ausländisch« ist. Ein drittes Lager erregt sich in wachsendem Furor über Morde an Frauen ganz allgemein und wird nicht müde zu betonen, dass jeden dritten Tag in Deutschland eine Frau durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners stirbt.

Samrau nerven diese digitalen Diskussionen. Damit bekommen halbwegs spektakuläre Fälle eine unangemessene Aufmerksamkeit. Die Volksseele kocht hoch, Verdächtigungen, Verschwörungen und Spekulationen überwuchern jede seriöse Auseinandersetzung mit den Fällen. Polizei und Staatsanwaltschaften verfallen in Aktionismus, damit die Öffentlichkeit bloß nicht glaubt, man sei untätig oder auf irgendeinem Auge blind.

»Ich kenne den Christos«, schreibt ein @Anton98 auf X, »ich war mit dem in der Fahrschule. Das ist ein Supertyp. Der bringt niemanden um.«

Und @Heldenmutturbo kommentiert: »So weit ist es nun, dass nach den Türken und Arabern auch die Griechen unsere Frauen vergewaltigen und töten.«

Darunter korrigiert @Matzebaby: »Von Vergewaltigung ist doch gar keine Rede, du Lauch. Die ist nur erwürgt worden.«

»Das wird wieder nur verschwiegen«, kontert @Heldenmutturbo sachkundig.

Es ist wirklich anstrengend, denkt Samrau und fragt sich, warum er sich das antut. Er hat sich immer schon mit diesen sozialen Netzwerken beschäftigt. Zuerst aus Interesse und um nicht völlig abgehängt zu werden, dann gab es einen Fall, in dem Mobbing im Netz eine Rolle spielte. Als Carla schließlich in das Alter kam und ihr erstes Handy besaß, wollte er zu ihrem Schutz alles über Facebook, Instagram, TikTok und Co. wissen. Heute weiß er immer noch nicht alles, was man wissen muss, aber er ist weit davon entfernt, ein digitaler Analphabet zu sein.

In diesem Moment zeigt sich ein seltenes Phänomen. Das Handy klingelt, also es brummt, weil Samrau das Gerät natürlich lautlos gestellt hat. »EKHK Simon Weidenmüller«, sein Chef, ist auf dem Display zu erkennen. Vor Wochen hatte sich Samrau zur großen Freunde seiner Frau die Verpflichtung auferlegt, außerhalb der Dienstzeit nicht mehr erreichbar zu sein. Dafür hatte er sich extra ein Privathandy zugelegt, das aber meistens mit leerem Akku irgendwo verlegt ist. Schwierig ist es auch, Dienstzeit, Bereitschaft und Freizeit auseinanderzuhalten. Sein in vielen Dienstjahren erworbenes Arbeitsethos sagt ja irgendwie: Kriminelle haben auch keinen Feierabend. Das wird man nicht so schnell los. Über das alles denkt er nicht nach, als sein Handy brummt, er denkt gar nichts. Er nimmt ab.

»Na, Walter, wie schmeckt der freie Tag?«, singt der 15 Jahre jüngere Karrieremensch mit Diplom Weidenmüller Samrau ins Ohr. »Schon langweilig?«

»Nein, eigentlich nicht«, sagt Samrau und nimmt den Blick der vorbeischwebenden Greta entgegen, der sagen will: Na klar, schon wieder im Dienst. »Ich habe Freunde, Simon, und Hobbys habe ich auch. Mir wird nicht langweilig.«

»Schön, Walter«, sagt Weidenmüller und sein Ton lässt erkennen, dass er jetzt zur Sache kommen will. »Weißt du, wer auch ein Hobby hat, und zwar das, uns gehörig auf den Sack zu gehen?«

»Nein«, sagt Samrau, der solche Ratespiele nicht mag. »Sag’s mir einfach.«

»Dr. Nils Weber.«

»Der arbeitet nicht für uns, der ist beim rechtsmedizinischen Institut angestellt«, sagt Walter, wohl wissend, dass diese lahme Bemerkung seinen Feierabend nicht retten wird.

»Er arbeitet heute eher gegen uns, Walter. Er hat mich nämlich vorhin angerufen, weil wohl ein paar Unstimmigkeiten beim Bericht zu Sandra Kunze ans Licht gekommen sind«, sagt Weidenmüller, wobei er es schafft, es wie einen Vorwurf an Samrau klingen zu lassen.

»Unstimmigkeiten«, echot Samrau. »Welcher Art?«

»Das hat er nicht gesagt. Er muss seine Ergebnisse wohl noch mal überprüfen. Und dafür braucht er die Leiche«, sagt Weidenmüller.

»Ist die nicht längst Asche? Die ist doch lange freigegeben und bald ist die Beisetzung«, sagt Samrau.

»Ja. Heute Abend soll die Einäscherung sein und Weber versucht das jetzt über einen Richter zu stoppen. Aber der Ehemann der Toten …«

»Lass mich raten«, unterbricht Samrau, »der Ehemann will sie brennen sehen.«

»Nett, wie du das sagst, Walter, aber ja«, entgegnet Weidenmüller. »Er möchte endlich einen Schlussstrich.«

»Und was willst du nun von mir?«, fragt Samrau.

»Ganz einfach«, sagt Weidenmüller. »Ich möchte, dass du dir mit Weber noch mal den Bericht anguckst, schaust, was da schiefgelaufen sein könnte. Wenn Weber und seine Leute Mist gebaut haben, wird man uns fragen, warum uns das im Bericht nicht aufgefallen ist. Dafür sollten wir wenigstens wissen, was Sache ist, oder?«

»Aha«, sagt Samrau und beginnt, darüber nachzudenken, ob ihm jedweder Ärger wenige Wochen vor dem Ende des Arbeitslebens nicht am Arsch vorbeigehen sollte. »Wann soll die Einäscherung denn sein?«

»Um 21 Uhr. In Anwesenheit der Familie, soweit ich weiß«, sagt Weidenmüller.

Samrau sieht auf die Uhr. Noch drei Stunden. Könnte knapp werden.

5. Kapitel

»Meine Schuld ist das nicht«, begrüßt Dr. Nils Weber, stellvertretender Leiter der Rechtsmedizin, Walter Samrau, als der sein eigenes Büro betritt. Der Pathologe hat noch seinen weißen Kittel an, was Samrau immer etwas eklig findet. Selbst, wenn er diesen Kittel täglich wechselt, so hat dieser Stoff heute doch bestimmt schon fünf Stunden den Hauch des Todes eingeatmet.

Weber ist Ende 50, also in einem Alter, in dem er den Titelzusatz »stellvertretend« längst hätte abgelegt haben müssen. Aber der Leitungsposten wird von der 70-jährigen Koryphäe Professor Adalbert Munzinger blockiert. Der Prof will einfach nicht aufhören. Ein paar spektakuläre Fehleinschätzungen Webers in den letzten Jahren waren seiner Karriere allerdings auch nicht förderlich gewesen.

»Ihnen auch einen schönen Abend, Herr Doktor«, sagt Samrau und setzt sich an seinen Schreibtisch. »Das ist schön, dass es nicht ihre Schuld ist. Wessen Schuld ist es denn dann und was ist überhaupt das Problem?«

Weber hat die dünnen, langen Beine übereinandergeschlagen und wippt mit dem linken Fuß nervös auf und ab. »Das hat wohl meine neue Assistentin verbockt, die Frau Wójcik. Sie hat das Berichtsformular eher kreativ als wissenschaftlich ausgefüllt.«

»Dann muss sie hängen«, sagt Samrau theatralisch und Weber winkt ab. »Aber was meinen Sie mit kreativ?«

»Sie hat etwas eingetragen«, sagt Weber, »aber etwas, was ihrer Fantasie entsprungen sein muss. Sie hat vermerkt, dass der biologische Vater des Fötus Kai Kunze ist. Darüber gibt es aber keinen genetischen Test.«

»Wie kann sie das dann eintragen?«, fragt Samrau.

»Das weiß ich nicht. Die Frau behauptet ja auch, dass sie es nicht eingetragen habe«, sagt Weber fast beleidigt. Samrau kommt sich vor, wie ein Schuldirektor, der einen Schüler nach einer Verfehlung befragen muss. Der Schüler wiederum schiebt alles auf einen anderen, der gerade nicht da ist.

»Wer hat denn sonst Zugriff auf das Berichtsprogramm?«, fragt Samrau.

»Niemand«, sagt Weber. »Nur Frau Wójcik und ich haben Zugriff und der Herr Professor, aber der ist gar nicht in der Stadt und hat mit dem Fall auch nichts zu tun.«

»Und wer hat den entsprechenden Test durchgeführt?«, fragt Samrau betont geduldig, damit im Subtext die Bemerkung mitklingt: Muss ich Ihnen denn alles einzeln aus der Nase ziehen?

»Ich nicht«, sagt Weber nun noch trotziger, »und, wenn ich ihr glauben darf, die Frau Wójcik auch nicht. Also niemand, genau genommen.«

»Klingt genau genommen ziemlich mysteriös«, sagt Samrau und Weber nickt. »Es ist jetzt 19 Uhr. Wir haben noch zwei Stunden Zeit, die Tote vor dem Fegefeuer zu retten. Was sagt der Richter?«

»Noch nichts«, sagt Weber. »Moment.« Er greift in seine Kitteltasche und hält sein Handy ans Ohr.

»Was?«, ruft er und guckt entsetzt. »Ich denke um 21 Uhr? – Was? Wieso? – Ja, danke.«

Er beendet das Gespräch und sieht Samrau deprimiert an.

»Asche«, sagt er. »Sie ist Asche. Seit 18 Uhr. Der Witwer hat uns wohl irrtümlich die falsche Uhrzeit übermittelt.«

»Na, super«, ruft Samrau aus. »Dann müssen wir also wenigstens theoretisch davon ausgehen, also von der Möglichkeit jedenfalls, dass das Kind im Leib der Frau Kunze nicht von Herrn Kunze gewesen ist. Das ist in einem Mordfall durchaus relevant, oder?« Samrau wird lauter. »Die Sorgfalt gebietet es, dass wir einen Weg finden, diese Frage zu beantworten. Geben Sie mir da recht, Herr Doktor?« Weber nickt. »Und wie machen wir das?«

»Darüber denke ich noch nach«, sagt Weber und steht auf. »Ich werde zunächst mal sehen, was wir noch an Blut von der Toten dahaben.« Dann verlässt der Weißkittel den Raum.

Samrau ruft sich die Ermittlungsakte auf und liest sie noch mal von vorne bis hinten. Die Vernehmungsprotokolle, die E-Mails und WhatsApp-Verläufe von Sandra Kunze, den ganzen Kram. Was sucht er? Einen Namen? Das Geständnis einer Affäre in einer WhatsApp an eine Freundin? Ja, klar, so was könnte es doch geben. Er konnte Dr. Weber eigentlich nichts vorwerfen. Auch Walter hatte schlampig recherchiert, hat es nicht ernst genommen. Er hatte ja einen Täter.

Es ist fast Mitternacht, als Samrau mit dem ganzen Mist fast durch ist. Ohne Erkenntnisgewinn. Das Leben des Opfers war so nett und banal, die Themen, über die sich Sandra Kunze mit ihren Freundinnen austauschte, so harmlos. Sandra Kunzes Leben war wie eine kitschige Vorabendserie. Da war kein Platz für heimlichen Sex, für heimlichen, ungeschützten Sex.

Samrau überschlägt, wann Sandra ihre Schwangerschaft bemerkt haben konnte. Und tatsächlich findet er in einem WhatsApp-Chat mit einer Freundin namens Louise Bauer aus dieser Zeit das Foto eines positiven Schwangerschaftstests und den Text: »Mein erstes Baby. Ich bin so glücklich.« Garniert mit einer Armee Emojis, die sicher alle für Freude stehen. Samrau hat da nicht so den Überblick.

Hat Nicole nicht gesagt, dass niemand von der Schwangerschaft ihrer Schwester wusste? Ihre Mutter nicht, sie nicht und Ehemann Kai auch nicht? Aber Freundin Louise wusste es? Und sie hat es nicht weitererzählt? Vermutlich wurde sie von Sandra aufgefordert, die erfreuliche Neuigkeit für sich zu behalten. Warum? Die Freundin darf es wissen, aber Mutter und Zwillingsschwester nicht? Das passt zu dem Eindruck, dass Sandra sich sehr verändert hatte und die Familie nicht mehr so richtig verstanden habe, was in ihr vorging. Aber warum hielt sie das freudige Ereignis vor dem Ehemann geheim? Klar, denkt Samrau, weil sie wusste, dass das Kind nicht von ihm ist, oder es wenigstens ahnte. Müde verlässt er die Dienststelle und im Rausgehen fällt ihm eine weitere Frage vor die Füße: Hat Kai Kunze der Polizei vielleicht gar nicht irrtümlich die falsche Uhrzeit der Einäscherung mitgeteilt, sondern ganz bewusst? Wollte Kai Kunze nicht, dass seine Frau noch mal obduziert wird?

Louise Bauer ist eine hübsche und lebhafte junge Frau. Sie ist 22 Jahre alt, wie ihre verstorbene Freundin Sandra. Als Walter Samrau sie am Vormittag aufsucht, sitzt sie auf einem Stuhl in der Frühlingssonne vor der hippen Boutique, in der sie als Verkäuferin arbeitet, und trinkt Kaffee. Neben ihr sitzt eine gut 40-jährige modisch gekleidete Frau, die ihre Chefin sein könnte oder auch die Inhaberin der kleinen Galerie nebenan. Die beiden kichern teeniehaft über irgendetwas. Als Samrau sich vorstellt, wird Louise ganz ernst, bittet ihn in den Laden und schließt die Tür. Es ist eine dieser angesagten Boutiquen, die Samrau, wie so vieles Angesagte, nicht versteht. Viel Platz, weiße Wände, ein paar bunte Bilder, drei Bodenvasen mit frischen Blumen. Nur vier oder fünf Kleiderstangen, an denen erstaunlich wenig Kleidung hängt. Hosen, Blusen, Röcke, T-Shirts. Ein Ordnungssystem ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Weder nach Art der Kleidung noch nach Größe. Das muss wohl so sein, warum auch immer.

»Ich hatte schon damit gerechnet, dass ich irgendwann von der Polizei befragt werde«, sagt Louise.

»Warum?«

»Weil ich ihre Freundin bin, also war, ihre beste Freundin, glaube ich.«

Die junge Frau hat makellose Haut und blendend weiße Zähne. Die blonde Mähne ist mit einem Gummiband lässig gebändigt. Louise trägt ein geblümtes Sommerkleid und flache goldene Sandalen. Ihr Atem riecht nach Veilchen. Sie ernährt sich bestimmt vegan, raucht nicht und trinkt keinen Alkohol, denkt Samrau.

»Wenn Sie uns etwas zu erzählen haben, dann hätten Sie sich ja längst mal selbst melden können«, sagt Samrau vorwurfsvoll.

»Hätte ich gemacht«, antwortet Louise und lächelt, »aber ich habe nichts zu erzählen. Außer, dass ich hoffe, dass dieser miese Typ in seinem Koma schreckliche Qualen leidet und nie wieder aufwacht.«

»Sie wussten, dass Sandra schwanger war«, sagt Samrau und lässt es nicht wie eine Frage klingen.

»Das weiß doch jeder. Das wurde ja überall berichtet.«

»Ja, inzwischen weiß das jeder«, sagt Samrau. »Aber Sie wussten es als Erste, lange vor Sandras Tod, oder?«

»Wie kommen Sie darauf?« Sie sieht ihn misstrauisch an.

»Sandras WhatsApp-Chat mit Ihnen lässt das vermuten. Und Sie haben es niemandem erzählt?«

»Nein«, sagt Louise nachdenklich. »Sandra wollte das nicht.«

»Warum nicht? Das ist doch etwas, was man gerne mit allen teilt, oder? Mit der Familie und vielleicht sogar mit dem Ehemann.«

»Ja, Kai hat sie es auch nicht erzählt.« Louise lächelt hintergründig.

»Weil das Kind vielleicht nicht von ihm war?« Samrau beobachtet sie genau. Sie ist ehrlich schockiert.

»Was? Nein. Oh, Gott, nein. Wie kommen Sie darauf?«

»Das ist nur so ein Gedanke. Ich finde es ungewöhnlich, dass sie ihrem Mann nichts von der Schwangerschaft erzählte. Sie nicht? In ihrer Nachricht schreibt sie ›mein erstes Baby‹ und nicht ›unser‹«.

»Ja, das fand ich auch komisch. Ich habe sie nicht nach dem Grund gefragt. Sie hätte es mir erzählt, wenn ich es hätte wissen sollen. Aber, dass sie es der Familie nicht erzählt hat, habe ich schon verstanden. Mit denen wollte sie ihr Glück nicht teilen, das sind voll die Assis.«

»Was?« Nun kann Samrau seine