Emil und Karl - Yankev Glatshteyn - E-Book

Emil und Karl E-Book

Yankev Glatshteyn

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Beschreibung

Es ist sein einziges Jugendbuch, erschienen 1940 auf Jiddisch in einem New Yorker Verlag. Nun erscheint "Emil und Karl" erstmals auf Deutsch. Mit Yankev Glatshteyn ist einer der großen jiddischen Schriftsteller zu entdecken. Wien 1938: Die beiden neunjährigen Freunde Emil und Karl sind plötzlich in dem von den Nazis annektierten Österreich auf sich allein gestellt. Ihre Eltern wurden vor ihren Augen verhaftet: die einen aufgrund ihrer sozialistischen Gesinnung, die anderen aufgrund ihres jüdischen Glaubens. Die beiden Jungen, all ihrer Sicherheiten beraubt, erleben Unfassbares, aber auch Unterstützung von Menschen, die für sie ihr Leben riskieren. Familien werden zerstört, Menschen geschlagen, verhaftet und ermordet: Wie ist es für Kinder, an einem solchen Ort zu leben? Durch die Augen von Kindern, die das Grauen um sie herum nicht erfassen können, hat Yankev Glatshteyn eines der ersten Bücher für junge Leser über den „Holocaust vor dem Holocaust“ geschrieben. Der jiddisch schreibende Poet, der vor allem mit seiner wilden und modernen Lyrik bekannt wurde, zeigt sich mit seinem Buch als schreibender Prophet. Geschrieben für seine Kinder, ist dieser Roman nicht einfach nur ein Jugendbuch, sondern ein Buch für Leser jeden Alters und jeder Sprache. Es ist ein Roman über die Situation von Kindern in einer grauenvollen Zeit. Aber vor allem ist es eine Geschichte über Freundschaft. Yankev Glatshteyn wurde 1896 in Lublin, Polen, geboren und wanderte 1914 nach New York aus, wo er zu schreiben begann und schnell zu einer der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen jiddischen Literatur wurde. Er gründete zusammen mit anderen Schriftstellern den literarischen Zirkel "In zikh", der die jiddische Avantgarde in Amerika in den 1920er bis 30er Jahren prägte. Als Lyriker wurde Yankev Glatshteyn vor allem durch seine sprachliche Virtuosität und seine lebendigen Bilder bekannt. Ein Besuch 1934 in Polen führte zu einer Zäsur in seinem literarischen Schaffen: Fortan beschäftigte er sich vor allem mit der Situation der in Europa lebenden Juden. Mit "Emil und Karl" schrieb er sein einziges Jugendbuch, es erschien 1940 auf Jiddisch in einem New Yorker Verlag. Yankev Glatshteyn starb 1971 in New York.

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Yankev Glatshteyn

Emil und Karl

Übersetzt aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme sowie mit einem Nachwort versehen von Evita Wiecki

Die Andere Bibliothek und ihre Kometenwerden herausgegeben von Christian Döring

ISBN 978-3-8477-6006-1

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Emil und Karl von Yankev Glatshteyn ist im September 2014 als Band 7 der »Kometen der Anderen Bibliothek« erschienen.

In gedruckter Form erhältlich unter:

http://www.die-andere-bibliothek.de/Kometen/Emil-und-Karl::658.html

Übersetzung: Niki Graça und Esther Alexander-Ihme

Covergestaltung: Cornelia Feyll und Friedrich Forssman

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

Inhaltsübersicht

Impressum

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Nachwort von Evita Wiecki

I

II

III

IV

V

Literaturverzeichnis

Titel-Information

Kapitel eins

Karl saß wie versteinert auf einem Hocker. In der Wohnung war es totenstill. Er betrachtete die auf dem Boden verstreuten Scherben der zerbrochenen Vase. Mehrmals streckte er die Hand aus, um den umgekippten Stuhl neben ihm wieder aufzustellen. Der Stuhl sah aus wie ein Mensch, der aufs Gesicht gefallen ist und nicht aufstehen kann. Doch jedes Mal, wenn er mit der Hand nach dem Stuhl griff, hob er ihn nur wenig an und ließ ihn dann gleich wieder fallen.

Noch stiller war es in der Küche und im Schlafzimmer – von dort kam eine solche Stille, dass er Angst hatte, hinein zu gehen.

Es machte ihm eigentlich nichts aus, alleine in der Wohnung zu sein. Schon mehr als einmal war er alleine geblieben, er war sogar ins Bett gegangen, ohne Angst zu haben. Vor Geistern und Teufeln fürchtete er sich nicht. Im Gegenteil, er mochte es, mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit zu starren und sich Geschichten auszudenken.

Wenn er im Dunkeln schlafen ging, wusste er, dass aus der Finsternis seine Mutter auftauchen und ihm den hellen Morgen bringen würde. Karl hatte einen so tiefen Schlaf, dass er nie wusste, wohin ihm die Nacht entkam. Er legte sich im Dunkeln mit offenen Augen hin, überlegte sich eine Geschichte, und plötzlich meinte er, seine eigenen Augen weit geöffnet im Licht sehen zu können.

Doch das Licht kam von der Mutter, und es waren auch ihre Augen.

»Karl, du Faulpelz, wie lange willst du noch schlafen? Steh auf! Es ist schon hell, du kommst noch zu spät zur Schule.«

»Mama«, bettelte er, »nur noch ein bisschen, ein ganz kleines bisschen.«

»Nein«, sagte die Mutter fest und entschlossen, aber ihre lachenden Augen verrieten, dass sie nicht böse war. Dann zog sie ihm mit einem Ruck die Decke von den Füßen.

Die kalte Luft fühlte sich auf seinen warmen Füßen gut an und gleichzeitig auch wieder nicht.

»Mama«, bettelte er weiter, während seine nackten Füße nach dem Schutz der warmen Decke suchten, »gib mir einen Kuss, ohne Kuss steh ich nicht auf.«

»Du Küssebettler, so ein großer Junge sollte langsam ohne Kuss aufstehen können«, schimpfte die Mutter wieder lachend und kitzelte ihn an den Fußsohlen.

»Einen Kuss! Einen Kuss!« Er ließ nicht locker, bis er die kühlen Arme und den warmen Mund der Mutter spürte.

Nein, Karl hatte wirklich keine Angst vor dem Alleinsein, aber jetzt graute ihm davor aufzustehen. Beim Gedanken an die enge Küche und das kleine Schlafzimmer fröstelte es ihn. So still war es dort jetzt, noch viel viel stiller als hier neben dem umgestoßenen Stuhl.

Denn der Stuhl war gerade eben umgestoßen worden, und die Vase war gerade eben in tausend Stücke zersprungen.

Es hatte einen Kampf gegeben im Zimmer. Drei starke Männer rissen die Mutter von ihm weg. Man konnte ihre Schreie draußen hören, aber niemand kam zu Hilfe. Einer der Männer durchsuchte die Wohnung, er griff nach einigen Büchern und Zeitschriften. Die beiden anderen hielten die Mutter fest.

Die Mutter wehrte sich, spuckte ihnen ins Gesicht und schrie immer wieder: »Mörder!« Ihr goldblondes Haar fiel ihr wirr ins Gesicht und verdeckte ein Auge, doch das andere hatte mehr Kraft als die beiden starken Männer zusammen. All ihre Kraft und Energie sammelte sich in dem einen Auge, das vor Zorn glühte.

Der Mann mit den Büchern in der Hand zuckte nicht einmal mit der Wimper. Aber als Karl einem der anderen Männer in die Hand biss, so dass der vor Schmerz aufschrie, versetzte der Mann ihm einen solchen Tritt in den Bauch, dass er stürzte und den Stuhl umwarf. Karl sah Sterne vor den Augen, alles drehte sich und er wollte vor Schmerz die Augen schließen. Aber da hörte er seine Mutter noch lauter schreien, und das gab ihm Kraft.

»Mörder! Sogar ihn schlagt ihr? Lasst mich zu meinem Kind. Ich darf mich doch wohl von ihm verabschieden?!«

Mit letzter Kraft machte sie ihre linke Hand frei, die von einer roten Faust umschlossen war. Schnell wie eine Katze kratzte sie damit dem Mann, der ihre Hand wieder zu fassen versuchte, ins Gesicht und riss ihm die Haut auf.

Ein dünnes Rinnsal Blut war zu sehen. Es wurde immer mehr, und schließlich war sein ganzes Gesicht voller Blut. Als der Mann begann, sich das Blut mit einem Taschentuch abzuwischen, war die Mutter auch schon auf dem Boden, wo Karl noch immer lag und sich vor Schmerzen krümmte. Sie küsste ihn schnell, versuchte, ihm möglichst viele Küsse zu geben, bevor man sie von ihm wegriss.

»Für morgen, für übermorgen, für über-übermorgen. Karl! Karl! Sie nehmen mich mit. Wer weiß, wann wir uns wiedersehen!«

Auf den Lippen schmeckte er die salzigen Tränen, die ihr übers Gesicht strömten.

Die beiden Männer packten sie noch brutaler und versuchten, sie zur Tür zu zerren. Dabei fiel die Vase von der Kommode auf den Boden. Die Scherben sprangen überall hin, eine traf Karl ins Gesicht.

Zwar hielten die beiden Männer der Mutter mit den Händen den Mund zu, aber er konnte deutlich hören, wie sie mit erstickter Stimme »Karl! Karl!« rief.

Der dritte Mann, der die Bücher und Zeitschriften trug, versetzte ihm einen Tritt gegen die Beine und sagte zu ihm:

»Du Bastard, warte nur, bis du an der Reihe bist.«

Plötzlich empfand Karl deutlich, dass die Stille in der Küche und im Schlafzimmer schrecklicher war als alles andere. Und es würde so still bleiben, wenn er hier bliebe, einen Tag, noch einen, viele Tage – denn die liebe, schöne, hochgewachsene Mutter war nicht mehr da.

Deswegen hob er den umgeworfenen Stuhl nur an, um ihn dann wieder fallen zu lassen, denn so war er ein Beweis für den Kampf seiner Mutter. Und die Scherben der Vase erinnerten ihn daran, dass sie eben noch da gewesen war und sein Gesicht mit ihren Tränen bedeckt hatte.

»Karl!«

Deutlich hörte er, dass man nach ihm rief. Er erschrak so, dass er zitterte. Es war jemand in der Wohnung, aber er traute sich nicht, den Kopf zu heben.

»Karl, hast du Hunger?«

Er erkannte die Stimme der Nachbarin. Als er den Kopf hob, sah er in das alte Gesicht von Frau Gutenglas. Ihre Augen waren rot, sie sah verängstigt aus. Während sie auf seine Antwort wartete, sah sie immer wieder zur Tür, die sie offen gelassen hatte.

»Nein«, antwortete er sehr leise, denn die Angst der Nachbarin machte ihm Angst.

»Komm zu uns in die Wohnung!«

»Nein«, flüsterte er wieder und strich mit der Hand über den umgeworfenen Stuhl.

»Kommt meine Mutter nie wieder?«, fragte er plötzlich Frau Gutenglas mit lauter Stimme.

Genau das wollte er sie fragen und nicht, wann sie zurückkommen würde. Er wollte eine Antwort hören.

Aber Frau Gutenglas weinte nur still, verließ schnell die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

Und da fiel ihm ein, dass der Mann mit den Büchern ihn streng angefahren hatte:

»Du Bastard, warte nur, bis du an der Reihe bist.«

Er sprang von seinem Hocker auf.

Es war an der Zeit wegzulaufen.

»Aber wohin?«, fragte er sich.

»Flüchten!« Er stampfte mit dem Fuß auf. Das tat er immer, wenn er wütend war, oder wenn er bei seiner Mutter etwas durchsetzen wollte.

»Karl, hör auf, mit den Füßen zu stampfen, das ist schrecklich!«

»Flüchten!« Er stampfte noch einmal mit dem Fuß auf und lief dann in die Küche.

Dort war es tatsächlich genau so still, wie er es sich vorgestellt hatte. In dem kleinen Schlafzimmer aber war die Stille entsetzlich.

Er öffnete den Kleiderschrank und der vertraute Duft von Mutters Kleidern stieg ihm in die Nase. Dort hing der Mantel mit dem Pelzkragen, der ihn im Gesicht kitzelte, wenn sie von der Arbeit kam und sich zu ihm hinab beugte um nachzusehen, ob er sich beim Spielen mit den Freunden auf der Straße schmutzig gemacht hatte. Dort hing der gelbe Hut, der wie eine große aufgeblühte Blume aussah. Er war an der einen Seite nach oben gebogen und ließ ein gutes Stück von Mutters Kopf frei. Und dort war Mutters Morgenmantel mit dem geliebten Duft des Fliederparfüms, genau wie blühender Flieder, nur wärmer.

Neben dem Bett standen rote Pantoffeln und ein Paar schwarze hochhackige Schuhe. Hier ist es ganz gemütlich, dachte er und hob einen Pantoffel auf. Dann stellte er ihn zurück, genau neben den anderen, so dass sie bereit standen zum Hineinschlüpfen. Mehr als einmal hatte er beobachtet, wie die Mutter die nackten Füße aus dem Bett streckte und in die Pantoffeln schlüpfte.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er vorher einen Apfel gegessen hatte. Woher hatte er ihn? Aus der Küche. Als er dort vorbeigekommen war, hatte er den Apfel genommen, aber wann genau, daran erinnerte er sich nicht mehr. Nur noch daran, dass er kaute und nagte und Schalenstückchen ins Zimmer spuckte.

»Karl, wie oft hab ich dir das schon verboten, du kleines Ferkel. Deine Mama muss den ganzen Tag schwer arbeiten, und nun soll sie auch noch hinter dir herlaufen und Apfelschalen aufsammeln.«

Beim Gedanken daran, dass er nun herumlaufen und spucken konnte, so viel er wollte und niemand mit ihm schimpfen würde, spürte er einen scharfen Schmerz.

Er bückte sich, und zum ersten Mal musste er weinen. Still rannten ihm die Tränen übers Gesicht, während er die ausgespuckten Schalen vom Boden aufsammelte. Auch ein Stückchen, das auf seine Schuhspitze gefallen war, hob er auf. Er spuckte ein bisschen auf den Schuh und polierte ihn mit dem Ärmel. Die Apfelschalenstückchen warf er sorgfältig in eine Papiertüte, die an der Küchentür stand.

Er musste weglaufen.

Aber wohin? Zu Emil. Ja, genau. Zu Emil, das war’s.

Obwohl er die Tür leise aufmachte, hörte es Frau Gutenglas. Sie öffnete ihre Tür, streckte ihren verschreckten Kopf heraus und flüsterte:

»Karl! Wohin willst du? Hast du Hunger?«

Das alte, freundliche Gesicht der Nachbarin sah ihn bittend an, und es tat ihm leid, dass er ihr nicht verraten konnte, wohin er gehen wollte. Das durfte niemand wissen.

»Nein, Frau Gutenglas, ich habe keinen Hunger«, antwortete er vorsichtig, eine klare Antwort vermeidend.

Aus dem Erdgeschoss waren Schritte zu hören, und Frau Gutenglas schlug ihre Tür zu.

Karl rannte ohne anzuhalten die Treppe hinunter.

Kapitel zwei

Es war bewölkt draußen, am Himmel drohte Regen. Der Tag war feucht und kalt wie im Spätherbst, als ob der Winter erst käme, dabei war es fast Frühling. Kaum war Karl nur mit einer leichten Jacke bekleidet aus dem Haus gerannt, spürte er die Kälte bis in die Knochen.

Obwohl er gerade erst neun war, konnte er schon gut für sich selbst sorgen. Da die Mutter arbeiten ging, war er es gewohnt, ihren Anweisungen zu folgen. Er machte genau, was sie ihm sagte, und so war es ihm gelungen, sich den wachsamen Augen der Nachbarsfrauen zu entziehen.

Deshalb wusste er sehr gut, dass er sich erkälten konnte, aber er wollte nicht zurück nach oben und den dicken Mantel anziehen. Es könnte ja sein, dass man ihn gerade holen wollte, und vielleicht war da derselbe Mann, der ihn in den Bauch getreten hatte.

Aber er musste ja nur ein paar Straßen weit laufen und dann in den vierten Stock eines dunklen Hauses steigen, dann war er bei Emil.

Er hatte seinen Freund schon seit zwei Wochen nicht gesehen. Emil war in seiner Klasse, aber er kam nicht mehr zur Schule. An den ersten zwei Tagen, an denen Emil fehlte, besuchte Karl ihn als treuer Freund, aber dann bat Emils Mutter ihn, nicht mehr zu kommen.

»Karl, versteh doch, du darfst nicht mehr mit Emil spielen. Es macht uns nur Probleme. Du bist doch ein kluger Junge, Karl, hab Verständnis und komm nicht mehr zu uns.«

Das hatte Emils Mutter zu ihm gesagt. Aber Karl wollte sich auf keinen Fall von seinem Freund trennen lassen und sprach darüber mit seiner Mutter.

Sie sagte, er könne tun, was er wolle und erklärte ihm, dass Wien nicht mehr das Wien von früher war. Aber es würde nicht lange so bleiben, weil es einfach nicht so bleiben könne.

»Emil ist Jude und die Juden leiden jetzt mehr als alle anderen. Sie werden geschlagen und ausgeraubt und man darf nicht mit ihren Kindern spielen. Aber du kannst machen, was du willst, Karl. Ich kann dir nicht verbieten, mit Emil zu spielen, genau so wenig wie ich dich zwingen kann, mit ihm zu spielen.«

Karl erzählte der Mutter, dass die Kinder in der Schule Emil ärgerten und schlugen und ihm sogar drohten, ihn tot zu schlagen, wenn er nicht aufhörte, Emils Freund zu sein.

»Siehst du, Karl, das ist es. Man schlägt dich wegen Emil.«

»Emil ist mein Freund, und ich werde mit ihm spielen«, sagte Karl und stampfte mit dem Fuß auf, wie immer, wenn er etwas unbedingt wollte.

»Da du schon so entschlossen bist, will ich dir sagen, dass dein Vater genauso gehandelt hätte.« Die Mutter bekam feuchte Augen. »Und auch ich würde es so machen.«

Immer wenn von seinem Vater geredet wurde, erstarrte Karl. Der Vater! Er erinnerte sich kaum an ihn. Schon über fünf Jahre war er tot. Er wusste, dass sein Vater im Kampf für die Arbeiter gefallen war, in einem Blutbad, das Dollfuß befohlen hatte.

»Blutbad« … »Dollfuß« …, Er erinnerte sich nicht genau, wer diese Worte gesagt hatte, aber so waren sie ihm tief ins Gedächtnis geschrieben. Der Vater war als Held gestorben, auch das wusste er. Was ist ein Held? Das nun wieder wusste er vom Bild des Vaters, das im Schlafzimmer hing: groß, schlank, mit außergewöhnlich langen Händen, lächelnden Augen und kurz geschorenem Haar. Sehr jung sah der Vater aus, und je größer Karl wurde, desto mehr schien der Vater eher sein älterer Bruder zu sein.

Immer, wenn jemand den Vater erwähnte, war er wie erstarrt. Aber das ging schnell vorbei, und dann spürte er eine Wärme, wie er sie sonst nur für jemand Lebenden empfand.

Für Karl reichte es zu wissen, dass sein Vater genauso gehandelt hätte. Das überzeugte ihn, wieder zu Emil gehen. Aber dieses Mal ließ ihn Emils Mutter gar nicht erst zur Tür hinein. Sie bat ihn wieder nicht zu kommen, weil die Nachbarn ihnen sonst das Leben schwer machten.

»Besser nicht, Karl, man muss abwarten, vielleicht wird ja alles wieder besser.«

Auch Emil stand an der Tür und sagte:

»Sie verprügeln mich, wenn du mit mir spielst«, erklärte er Karl, »und noch mehr, wenn ich auf die Straße gehe«, sagte er mit flehender Stimme. Karl solle sich nicht beleidigt fühlen.

»Sei nicht böse, Karl, deine Mutter wird es verstehen«, bat ihn Emils Mutter.

Karl ging jetzt langsam. Er war schon in der Nähe des Hauses, in dem Emil wohnte. Aber vielleicht würde ihn Emils Mutter auch jetzt nicht hereinlassen? Allein bei dem Gedanken daran blieb ihm fast das Herz stehen, als er weiter um den Block lief.

Aber jetzt musste man ihn einfach hereinlassen. Er hatte doch niemanden mehr. Er war jetzt auch ein Jude. Von dem Schlag in den Bauch hätte er sterben können, und die Mutter hatten sie ihm auch weggenommen. Er war ganz allein auf der Welt. Wie konnte Emil ihn da nicht hereinlassen?

Doch Karl fehlte der Mut, die Treppe hinaufzugehen. Er hatte panische Angst davor, dass man ihn wieder draußen vor der Tür stehen ließ, und wollte lieber warten, bis die Angst sich etwas legte. Deshalb ging er noch einmal am Haus vorbei.

Er ärgerte sich jetzt darüber, dass er das Bild seines Vaters nicht mitgenommen hatte. Noch dazu fiel ihm ein, dass er es nicht einmal mehr angesehen hatte. Das war schlimmer als der Mantel, den er vergessen hatte. Sicher kam bald einer der Männer wieder, die seine Mutter festgenommen hatten, und lungerte in der Wohnung herum. Und dann würde er alles mitnehmen, auch das Bild seines Vaters.

Ein Junge rollte ein Fässchen vor sich her. »Wo hat er bloß das alte Fass aufgetrieben«, wunderte sich Karl. Der Briefträger mit dem dicken, grauen Schnurrbart ging langsam vorbei, so langsam, als ob er rückwärts gehen würde. Es war derselbe Briefträger, der auch zweimal am Tag an seinem Haus entlangkam. Ein Junge, den er kannte, lief vorbei und rief »Hallo, Karl«. Ein Mann stand da und schlug auf ein Stück Eisen ein, Karl erkannte nicht, was es war. Immer heftiger schlug er darauf herum, mit wilder Wut, als wäre er wütend auf das Eisen, das ihn zur Arbeit zwang.

Der Junge kam zurückgelaufen und rollte sein Fass vor sich her, das inzwischen eines seiner Bänder verloren hatte und aussah, als ob es gleich auseinanderbrechen würde.

»Wien ist nicht mehr das Wien von früher«, hörte er seine Mutter sagen. Er blickte umher, wollte herausfinden, was sich verändert hatte. Der Briefträger ging immer noch rückwärts.

Da erinnerte sich Karl an sein großes Geheimnis. Es war so groß und so geheim, dass er es nicht einmal seiner Mutter erzählen durfte. Das hatte er seiner Lehrerin versprechen müssen, als sie es ihm anvertraute – niemandem, absolut niemandem davon zu erzählen.

Es war in den ersten Tagen der schrecklichen Veränderungen. Seine Lehrerin sprach plötzlich ganz anders und fing an, seltsame Dinge zu sagen. Sie war eine ältere, ruhige Frau mit einer sanften Stimme. Nie hatte sie sich aufgeregt, immer hatte sie gelächelt, sogar, wenn sich die ganze Klasse schlecht benahm.

Aber vor allem sprach sie sehr schön. Karl dachte sich selbst gerne Geschichten aus, und er liebte ihre melodiöse Art zu reden. Selbst wenn er einmal nicht verstand, was sie sagte, drangen ihre Worte in sein Herz und wärmten es auch so, unverstanden. Wenn Karl sich Geschichten ausdachte, stellte er sich vor, wie sie mit ihrer melodiösen Stimme klingen würden.

Doch plötzlich veränderte sich die Lehrerin. Sie war nervös, verärgert, alles fiel ihr aus den Händen – dieselbe Lehrerin, die bis dahin so liebenswürdig, ruhig und gelassen gewesen war. Mit schriller Stimme sang sie nun auch ganz neue Lieder mit der Klasse. Sie war nicht mehr wiederzuerkennen.

Die Kinder begannen, Emil zu drangsalieren. Sie passten ihn ab, wenn er in die Schule kam oder auch zur Mittagszeit. Bevor Emil weglaufen konnte, war er schon von ihnen umringt. Sie tanzten um ihn herum und sangen Spottlieder über ihn. Wenn sie in Fahrt kamen, spuckten sie ihm ins Gesicht und verprügelten ihn. Manchmal taten sie so, als ob sie den Kreis öffnen wollten, aber sobald Emil zu entkommen versuchte, schlossen sie ihn wieder. Und Emil stand wie ein verschrecktes Vögelchen in der Mitte und weinte.

Aber einmal fing Emil nicht an zu weinen. Er rief nur: »Schämt euch! Schämt euch!« Doch die Kinder dachten nicht daran, sich zu schämen, sie schlugen nur wilder auf ihn ein. Emil weinte immer noch nicht. Und bei jedem Schlag wiederholte er: »Schämt euch! Schämt euch!«

Karl saß normalerweise abseits und stellte sich vor, wie er mit dem Gewehr auf einen nach dem anderen schießen würde. Wenn dann alle tot wären, würde er Emil die Hand reichen und ihn wegbringen. Doch dieses Mal konnte er sich mit seiner Einbildungskraft nicht beruhigen. Er spürte eine würgende Enge im Hals. Unvermittelt sprang er auf, brach durch den Kreis und stellte sich neben Emil.

»Lasst die Finger von ihm! Lasst die Finger von ihm!«

Karl stellte sich vor Emil und verdeckte ihn mit seinen breiten Schultern. Emil hörte nicht auf, wie ein Wahnsinniger mit trockener, mechanischer Stimme »Schämt Euch! Schämt euch!« zu schreien.

Der Kreis schloss sich wieder, und die Jungen tanzten um beide herum. Sie schlugen Emil nicht mehr, aber sie sangen weiter ihre Spottlieder.

Gerade da kam die Lehrerin über den Schulhof. Regungslos blieb sie stehen.

»Mein Gott«, sagte sie und fasste sich an den Kopf, »was soll das?«

»Frau Lehrerin, wir schlagen Emil, diesen dreckigen Juden, und Karl stellt sich auf seine Seite«, beschwerten sie sich.

Der Kreis öffnete sich, aber Karl und Emil blieben stehen, wo sie waren.

»Und warum schlagt ihr ihn?«, fragte die Lehrerin still.

»Warum wir ihn schlagen? Warum? Alle schlagen jetzt Juden. Emil ist ein Jude, Juden sind Untermenschen.«

Der größte Junge in der Klasse hinkte. Er war den anderen in der Entwicklung voraus und hatte einen bösartigen Gesichtsausdruck. Wenn sie sich prügelten, traten die Jungen ihm oft absichtlich auf den verkrüppelten Fuß, aber jetzt war er ihr Anführer und zeigte, dass er zu ihnen gehörte.

»Wir verprügeln ihn, um zu üben. Wenn wir groß sind, wollen wir erwachsene Juden verprügeln«, sagte er, als er auf die Lehrerin zu humpelte. »Und wir werden sagen, dass Sie sich für den dreckigen Juden stark machen.«

Einige Kinder hatten sich von der Gruppe entfernt, vielleicht hatten sie sogar ein schlechtes Gewissen. Aber als sie hörten, wie unbeirrt der Hinkende die Lehrerin anging, kamen sie zurück und schrien mit.

Alle wandten sich jetzt wieder Emil zu, der versteckt hinter Karl stand.

»Ihr werdet euer Handwerk beherrschen, wenn ihr groß seid. Das braucht ihr nicht zu lernen, ihr könnt es schon«, versuchte die Lehrerin so freundlich wie immer zu sagen, aber ihre Stimme hatte sich verändert. »Ich setze mich nicht für Emil ein. Er ist ein Untermensch.«

»Hurra«, brüllten die Kinder, »die Lehrerin hat recht.«