Empathie - Osho - E-Book

Empathie E-Book

OSHO

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Beschreibung

In diesem Reader verweist Osho auf die unzähligen Aspekte der Empathie, des Mitgefühls – und in welcher Verkleidungen sie auftritt. Zum Beispiel im Mantel der Güte, einer vom Ego bestimmten Haltung. Güte wirkt an der Oberfläche wie Mitgefühl, doch in der Tiefe hat sie nichts damit zu tun. Mitgefühl hat kein Motiv. Man gibt einfach, weil man hat – nicht weil der andere etwas braucht. Mitgefühl ist spontan, natürlich, wie Atmen. Güte dagegen ist eine Art Schlauheit; sie ist kalkuliert, sie ist berechnet. Wirkliches Mitgefühl, sagt Osho, taucht erst auf, wenn du erkennst, dass du ein Teil von jedem bist und dass jeder ein Teil von dir ist. An anderem Ort nennt er Mitgefühl "reife Liebe" – sie richtet sich an niemand Bestimmtes, es ist einfach dein innerstes Wesen. Und das Paradoxe des empathischen Menschen ist: Er ist warm, weil er liebevoll ist, und doch bleibt er kühl. Seine Distanz geht nie verloren; was auch geschieht, er bleibt kühl, und aus dieser Kühle heraus handelt er.

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EPUB
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Seitenzahl: 309

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Texte für dieses Buch sind ausgesuchte Transkripte aus verschiedenen Diskurs-Serien, die Osho vor einer internationalen Zuhörerschaft gehalten hat. Alle Osho Diskurse sind als Originale publiziert worden und als Original-Audios erhältlich. Audios und das vollständige Text-Archiv finden sie unter der Online-Bibliothek „Osho Library“ bei www.osho.com

Titel der Originalausgabe:

Compassion, St. Martin’s Griffin, New York, USA

Ebook-Ausgabe 2022

Umschlaggestaltung: Silke Bunda Watermeier, www.watermeier.net

Übersetzung: Renate Schilling

Zusammengestellt von Osho International Foundation, Zürich

© 1978 Osho International Foundation, Zürich, Schweiz

www.osho.com/copyright

© 2017, Innenwelt Verlag GmbH, Köln

Osho ist eine registrierte Handelsmarke der Osho International

Foundation, www.osho.com/trademarks

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck und fotomechanische Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags

www.innenwelt-verlag.de

eISBN 978-3-947508-93-8

Empathie

Fülle – Reife – Mitgefühl – Liebe – Vertrauen – Kraft

Inhalt

Einführung

TEIL IEmpathie, Energie und Verlangen

Mitgefühl ist überfließende Liebe

Meditation ist eine Blume, Mitgefühl ist ihr Duft

Eine Begierde ist eine Begierde ist eine Begierde—Antworten auf Fragen

Teil IIDer Wolf im Schafspelz: Was Mitgefühl nicht ist

Beginne bei dir selbst

Liebevolle Güte und andere großartige Illusionen

Der Zenmeister und der Dieb – eine Parabel über Vergebung

Antworten auf Fragen

TEIL IIIMitgefühl in Aktion

Fördert die Liebe in euch – dann teilt sie

Über Verbrechen und Strafe

Antworten auf Fragen

TEIL IVDie heilende Kraft der Liebe

Seid einfach nur Menschen: Totalität statt Perfektionismus

Mitgefühl wirkt heilend

Im Zen ist Mitgefühl bedingungslos und wertfrei

Über den Autor

Einführung

Wir wissen, was Gefühl ist; daher ist es nicht schwierig zu verstehen, was Empathie – Mitgefühl sein könnte.* Leidenschaftliche Gefühle sind ein Zustand biologischen Feuers – es ist heiß, man ist beinahe besessen von unbewussten biologischen Energien. Man ist nicht mehr sein eigener Meister, man ist nur noch ein Sklave.

Mitgefühl bedeutet, dass man die Biologie transzendiert hat, dass man die Physiologie transzendiert hat. Man ist kein Sklave mehr, man ist zum Meister geworden. Nun funktioniert man bewusst. Man wird nicht mehr von unbewussten Kräften getrieben, hierhin und dorthin gezogen; man kann selbst entscheiden, wofür man seine Energien einsetzen möchte. Man ist vollkommen frei. Dann wird dieselbe Energie, die sich vorher in Gefühlen manifestiert hat, in Mitgefühl verwandelt.

Gefühl ist Begierde, Mitgefühl ist Liebe. Gefühl ist Verlangen, Mitgefühl ist ohne jedes Verlangen. Gefühle sind gierig, Mitgefühl teilt. Gefühle benutzen den anderen als Mittel zum Zweck, Mitgefühl respektiert den anderen als Selbstzweck. Gefühle halten dich auf der Erde fest, im Schlamm, sodass du niemals zu einem Lotus wirst. Mitgefühl macht dich zum Lotus. Du beginnst dich über die schlammige Welt der Sehnsüchte, Begierden, Ängste und Leidenschaften zu erheben. Mitgefühl bedeutet eine Transformation deiner Energie. Normalerweise bist du zerstreut, fragmentiert. Ein Teil deiner Energie wird von deinem Zorn aufgebraucht, ein Teil von deiner Gier, ein Teil von deiner Lust und so weiter. Und es gibt so viele Leidenschaften und Begierden in dir, dass du ohne Energie zurückbleibst, hohl und leer.

Denkt daran, was William Blake sagte – denn seine Aussage enthält sehr viel Weisheit: „Energie ist Entzücken.“ Doch ihr habt keine Energie mehr übrig; all eure Energie wird in Gefühle und Leidenschaften umgesetzt. Wenn all diese Energie nicht mehr verschwendet wird, dann sammelt sie sich an wie in einem inneren See, dann erfüllt sie dein ganzes Wesen. Du wirst voll. Ein großes Entzücken entsteht in dir. Und sobald du überfließt, bist du zum Buddha geworden und hast eine unerschöpfliche Quelle gefunden.

Und erst wenn du ein Buddha bist, wirst du erfahren, was Mitgefühl ist. Es ist kühle Liebe – aber nicht etwa kalt – kühle Liebe. Es ist ein Teilen deiner Freude mit der gesamten Existenz. Du wirst zu einem Segen für dich selbst und zu einem Segen für die gesamte Existenz. Das ist Mitgefühl. Gefühle sind ein Fluch – Empathie, Mitgefühl ist ein Segen.

* Das deutsche Wortpaar „Gefühl“ und „Mitgefühl“ entspricht zwar nicht ganz der Gegenüberstellung von „passion“ (Leidenschaft) und „compassion“ (Mitgefühl) im Englischen, doch ist es die einzige Möglichkeit, die Symmetrie von Oshos Aussage zu erhalten. Mit „Gefühl“ ist in diesem Zusammenhang also immer das leidenschaftliche Gefühl gemeint. (Anm. d. Ü.)

TEIL I

Empathie, Energie und Verlangen

Mitgefühl ist überfließende Energie

Buddha lebte noch vierzig Jahre, nachdem er erleuchtet war. Er lebte er noch vierzig weitere Jahre nachdem alles Verlangen aufgelöst und das Ego verschwunden war. Viele Male wurde er gefragt: „Warum bist du noch immer im Körper?“ Wenn die Sache erledigt ist, sollte man verschwinden. Es wirkt unlogisch: Warum sollte Buddha auch nur einen einzigen Augenblick lang im Körper verweilen? Wenn kein Verlangen mehr vorhanden ist, wie kann der Körper da überhaupt weiter existieren?

In diesem Zusammenhang gilt es etwas sehr Tiefes zu verstehen: Wenn das Verlangen verschwindet, bleibt die Energie, die sich bisher in diesem Verlangen ausgedrückt hat, erhalten; sie kann nicht einfach verschwinden. Verlangen ist nur eine Form von Energie. Aus diesem Grund kann sich ein Verlangen so leicht in ein anderes verwandeln. Zorn kann zu Lust werden, Lust kann zu Zorn werden. Lust kann zu Habgier werden; wenn jemand sehr habgierig ist, ist seine sexuelle Begierde eher gering.

Wenn jemand vollkommen von Habgier erfüllt ist, wird er überhaupt keine sexuellen Begierden mehr verspüren, wird er enthaltsam sein – denn seine gesamte Energie fließt in die Habgier. Wenn jemand dagegen sehr sexuell ist, lässt sich immer feststellen, dass er nicht habgierig ist, weil ihm keine Energie mehr für Habgier bleibt. Jemand, der seine Sexualität unterdrückt, wird dagegen zornig sein; der Zorn kann jederzeit in ihm aufwallen. Man kann es an seinen Augen, an seinem Gesicht erkennen, dass er zornig ist; seine gesamte sexuelle Energie ist zu Zorn geworden.

Aus diesem Grund sind eure sogenannten Mönche und Sadhus immer zornig. Sie zeigen ihren Zorn in der Art und Weise, wie sie gehen, wie sie euch ansehen. Ihre Stille ist nur oberflächlich – fasst sie an, und sie werden zornig. Sexualität wird zu Zorn.

Dies sind die Ausdrucksformen; das Leben ist die Energie. Was geschieht, wenn alle Begierden verschwinden? Energie kann nicht verschwinden, Energie ist unzerstörbar. Fragt nur einmal die Physiker; selbst sie sagen, dass Energie nicht vernichtet werden kann. Eine bestimmte Energie war in Gautama Buddha vorhanden, als er erleuchtet wurde. Diese Energie war bisher in Sexualität geflossen, in Zorn, in Gier, in Millionen von Ausdrucksformen.

Dann verschwanden diese Ausdrucksformen und was wurde aus der Energie? Sie kann nicht einfach so verschwinden, und wenn kein Verlangen mehr vorhanden ist, wird die Energie formlos, aber sie ist immer noch da. Was ist nun ihre Funktion? Diese Energie wird zu Mitgefühl. Ihr habt kein Mitgefühl, weil ihr keine Energie habt.

All eure Energie ist zerstreut und fließt in bestimmte Ausdrucksformen – sei es Sexualität, sei es Zorn, sei es Gier. Mitgefühl ist keine Ausdrucksform. Erst wenn all eure Begierden verschwunden sind, wird eure Energie zu Mitgefühl. Mitgefühl kann man nicht kultivieren. Sobald man ohne Verlangen ist, taucht Mitgefühl ganz von selbst auf; die gesamte Energie fließt dann in Mitgefühl. Und die Bewegung dabei ist eine andere. Verlangen besitzt eine Motivation, ein Ziel; Mitgefühl ist unmotiviert, ohne Ziel. Mitgefühl ist einfach nur überfließende Energie. Gautama Buddhas Betonung von Mitgefühl war ein neues Phänomen im Vergleich zu den alten Mystikern. Gautama Buddha bildet damit eine historische Grenzlinie gegenüber der Vergangenheit. Vor ihm genügte Meditation; niemand vor ihm hatte Mitgefühl in Verbindung mit Meditation betont. Der Grund dafür war, dass Meditation zur Erleuchtung führt, zum Erblühen, zum letztendlichen Ausdruck des eigenen Seins– und was braucht es mehr? Soweit es das Individuum betrifft, ist Meditation genug.

Buddhas Größe bestand darin, dass er das Mitgefühl betont, bevor jemand zu meditieren beginnt: Man sollte liebevoller sein, freundlicher, mitfühlender. Dahinter steckt eine verborgene Weisheit. Denn wenn man ein Herz voller Mitgefühl hat, bevor man erleuchtet wird, besteht die Möglichkeit, dass man nach der Erleuchtung anderen helfen kann, dieselbe Schönheit, dieselbe Größe, dasselbe Entzücken zu erreichen, das man selbst erreicht hat. Gautama Buddha machte es möglich, dass Erleuchtung ansteckend wird.

Denn wenn ein Mensch das Gefühl hat, dass er nach Hause gekommen ist, warum sollte er sich dann noch um andere kümmern? Bei Buddha wird Erleuchtung zum ersten Mal selbstlos; sie wird zu einer sozialen Verantwortung. Das ist eine enorme Veränderung der Perspektive. Doch Mitgefühl sollte erlernt werden, bevor Erleuchtung geschieht. Denn wenn sie nicht bereits zuvor erlernt wurde, gibt es nach der Erleuchtung nichts mehr zu lernen. Wenn man so voller Ekstase in sich selbst ist, dann scheint selbst Mitgefühl die eigene Freude zu behindern und eine Art Störung der eigenen Ekstase zu sein. Das ist der Grund, warum es Hunderte von Erleuchteten gab, doch nur sehr wenige Meister.

Erleuchtet zu sein bedeutet nicht unbedingt, ein Meister zu werden. Ein Meister zu werden bedeutet, dass man enormes Mitgefühl hat und sich schämt, allein in diese wunderbaren Sphären einzutreten, die durch die Erleuchtung möglich werden. Man möchte denen helfen, die blind sind und im Dunkeln nach dem Weg suchen. Es wird zu einer Freude, ihnen zu helfen, es ist keine Störung. Tatsächlich wird die Ekstase noch größer, wenn man so viele Menschen um sich herum erblühen sieht; man ist dann kein Baum mehr, der als einziger in einem Wald erblüht, in dem kein anderer Baum in Blüte steht. Wenn der ganze Wald mit einem zusammen erblüht, nimmt die Freude tausendfach zu. Man hat seine Erleuchtung dazu benutzt, um die Welt zu revolutionieren.

Gautama Buddha war nicht nur erleuchtet, er war ein erleuchteter Revolutionär. Sein Mitgefühl für die Welt, für die Menschen war enorm. Er lehrte seine Schüler, nichts für sich zu behalten, wenn durch die Meditation eine tiefe Stille, Heiterkeit und Freude sich ihnen auftat, sondern all dies an die ganze Welt weiterzugeben. Und sich dabei keine Sorgen zu machen, denn je mehr man gibt, desto mehr wird man fähig zu empfangen. Die Geste des Gebens ist von enormer Bedeutung sobald man weiß, dass Geben einem nichts nimmt, dass es im Gegenteil die eigene Erfahrung vervielfacht. Doch jemand, der niemals mitfühlend war, kennt das Geheimnis des Gebens nicht, kennt das Geheimnis des Teilens nicht.

Es geschah eines Tages, dass einer von Buddhas Schülern– kein Sannyasin, aber Gautama Buddha sehr ergeben – sagte: „Ich will es ja tun … aber ich möchte eine einzige Ausnahme machen. Ich werde meine Freude und die Früchte meiner Meditation und meine inneren Reichtümer der ganzen Welt schenken – außer meinem Nachbarn, weil das ein wirklich unangenehmer Mensch ist.“

Nachbarn sind immer unangenehme Menschen.

Gautama Buddha sagte zu ihm: „Dann vergiss die ganze Welt und schenke alles einfach nur deinem Nachbarn.“

Der Mann war verwirrt: „Was soll das heißen?“

Buddha antwortete ihm: „Nur wenn du deinem Nachbarn etwas geben kannst, wirst du frei werden von dieser feindseligen Haltung den Menschen gegenüber.“

Mitgefühl bedeutet im Grunde nichts anderes, als die Fehler der Menschen zu akzeptieren, ihre Schwächen zu akzeptieren und nicht von ihnen zu erwarten, dass sie sich wie Götter verhalten. Solch eine Erwartung ist grausam, weil sie nicht in der Lage sind, sich wie Götter zu verhalten, und dadurch werden sie in deinen Augen und auch in ihrer eigenen Wertschätzung sinken. Dadurch werden sie verkrüppelt, dadurch wird ihnen ihre Würde genommen.

Eine der Grundlagen von Mitgefühl ist, jeden zu würdigen und allen bewusst zu machen, dass das, was mit dir geschehen ist, auch mit ihnen geschehen kann; dass niemand ein hoffnungsloser Fall ist, dass niemand unwürdig ist, dass Erleuchtung nichts ist, was man sich verdienen muss, dass sie der Natur des eigenen Selbst entspricht. Doch diese Worte sollten von einem Erleuchteten kommen, denn nur dann können sie Vertrauen wecken. Wenn sie von einem nicht erleuchteten Gelehrten kommen, können solche Worte kein Vertrauen wecken.

Werden sie dagegen von einem Erleuchteten ausgesprochen, beginnen sie zu atmen, bekommen sie einen eigenen Herzschlag. Sie werden lebendig und fließen geradewegs in dein Herz – dann ist es keine bloß intellektuelle Gymnastik.

Aber bei Gelehrten ist es etwas anderes. Ein Gelehrter ist sich dessen, was er sagt und was er schreibt, nicht wirklich sicher. Er lebt in derselben Ungewissheit wie alle anderen.

Gautama Buddha bedeutet einen Meilenstein in der Evolution des Bewusstseins; sein Beitrag ist enorm, unermesslich. Und das Wichtigste an seinem Beitrag ist die Idee des Mitgefühls. Doch ihr müsst euch bewusst sein, dass ihr durch Mitgefühl nicht höher steht, sonst verderbt ihr die ganze Sache. Dann wird sie zum Egotrip. Denkt daran, die anderen durch euer Mitgefühl nicht zu demütigen; sonst seid ihr nicht mitfühlend – sonst genießt ihr dahinter einfach nur die Demütigung der anderen.

Mitgefühl ist Liebe, die zur Reife gelangt ist. Gewöhnliche Liebe ist kindisch, sie ist ein Spiel für Teenager. Je schneller ihr aus ihr herauswachst, desto besser, denn diese Form von Liebe ist einfach nur eine blinde biologische Kraft. Sie hat nichts mit spirituellem Wachstum zu tun. Aus diesem Grund verwandeln sich alle Liebesaffären irgendwann auf seltsame Art und Weise und werden bitter. Was so verlockend war, so aufregend, so herausfordernd, wofür ihr hättet sterben können … irgendwann wollt ihr nicht mehr für die Beziehung sterben, sondern nur noch dafür, sie loszuwerden!

Liebe ist eine blinde Kraft. Die einzigen erfolgreich Liebenden waren jene, denen es niemals gelang, mit dem Geliebten zusammenzukommen. Alle großen Liebesgeschichten … von Laila und Majnu, Shiri und Farhad, Soni und Mahival – das sind die drei großen Liebesgeschichten des Ostens, vergleichbar mit Romeo und Julia. Doch all diese großen Liebenden kamen niemals zusammen. Die Gesellschaft, die Eltern, alles wurde ihnen zum Hindernis. Und ich denke, vielleicht war das auch gut so.

Sobald Liebende heiraten, bleibt keine Liebesgeschichte mehr übrig. Majnu hatte Glück, dass er seine Laila niemals bekam. Denn was geschieht, wenn zwei blinde Kräfte zusammenkommen? Weil beide blind und unbewusst sind, kann das Ergebnis nicht sehr harmonisch sein. Das Ergebnis kann nur ein Schlachtfeld sein, auf dem um die Vorherrschaft gekämpft wird, auf dem gedemütigt wird, auf dem alle möglichen Konflikte auftauchen.

Doch wenn Wachheit und Bewusstheit hinzukommen, wird die gesamte Energie der Liebe verfeinert; sie wird zu Mitgefühl. Gewöhnliche Liebe gilt immer einer einzigen Person, und ihre tiefste Sehnsucht ist, diese Person zu besitzen. Das gilt für beide Seiten – und macht das Leben für beide Beteiligten zur Hölle. Mitgefühl richtet sich auf niemand Bestimmten. Mitgefühl ist keine Beziehung, es ist einfach dein innerstes Wesen. Du genießt es, mitfühlend zu den Bäumen, den Vögeln, den Tieren, den Menschen zu sein, zu allem und jedem – ohne Bedingungen, ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten. Mitgefühl bedeutet frei zu sein von blinder Biologie.

Bevor ihr erleuchtet werdet, solltet ihr aber dafür sorgen, dass eure Liebesenergie nicht unterdrückt wird. Das war es, was die alten Religionen immer gemacht haben: Sie lehrten euch, den biologischen Ausdruck eurer Liebe zu verurteilen. Also unterdrückt ihr eure Liebesenergie … und das ist genau die Energie, die sich in Mitgefühl verwandeln kann! Verurteilt man sie, kann sie sich nicht verwandeln. Deshalb sind eure Heiligen vollkommen ohne jedes Mitgefühl; in ihren Augen könnt ihr kein Mitgefühl erkennen. Sie sind vertrocknete Knochen, ohne jeden Saft. Vierundzwanzig Stunden mit einem Heiligen zu verbringen genügt, um zu erleben was die Hölle ist. Möglicherweise sind sich die Menschen dieser Tatsache bewusst; deshalb berühren sie nur kurz die Füße des Heiligen und rennen dann rasch weg.

Einer der großen Philosophen unserer Zeit, Bertrand Russell, hat einmal mit Nachdruck erklärt: „Wenn es tatsächlich Himmel und Hölle gibt, ziehe ich die Hölle vor.“ Warum? Um den Heiligen nicht zu begegnen, denn der Himmel wird voll sein mit all diesen toten, düsteren, staubigen Heiligen. Und Bertrand Russell denkt sich: „Diese Gesellschaft könnte ich keine Minute lang ertragen. Und mir vorzustellen, die ganze Ewigkeit hindurch, für immer und ewig, von diesen Kadavern umgeben zu sein, die keine Liebe kennen, die keine Freundschaft kennen, die niemals Urlaub machen …!“

Ein Heiliger ist sieben Tage in der Woche ein Heiliger. Es ist ihm nicht einmal an einem Tag in der Woche, am Sonntag, erlaubt, ein menschliches Wesen zu sein. Nein, er bleibt steif, und diese Steifheit wird im Laufe der Zeit immer größer. Ich kann Bertrand Russells Wunsch, lieber in der Hölle zu sein, sehr gut nachvollziehen, denn ich verstehe, was er damit meint. Er will damit sagen, dass man in der Hölle all die wirklich interessanten Menschen dieser Welt findet – die Poeten, die Maler, die rebellischen Geister, die Wissenschaftler, die kreativen Menschen, die Tänzer, die Schauspieler, die Sänger, die Musiker. Die Hölle muss in Wahrheit ein richtiger Himmel sein, denn der Himmel ist einfach die reine Hölle!

Die Dinge sind vollkommen falsch gelaufen, und der Grund dafür, ist die Unterdrückung der Liebesenergie. Gautama Buddhas Beitrag dazu lautet: „Unterdrückt eure Liebesenergie nicht. Verfeinert sie, und benutzt Meditation, um sie zu verfeinern.“

Wenn die Meditation nach und nach immer tiefer wird, wird sie eure Liebesenergie immer mehr verfeinern und sie in Mitgefühl verwandeln. Kurz bevor die Meditation in euch den Höhepunkt erreicht und zu einer wunderbaren Erfahrung von Erleuchtung explodiert, wird das Mitgefühl bereits sehr nahe sein. Für den Erleuchteten ist es dann möglich, seine Energie durch die Wurzeln des Mitgefühls fließen zu lassen – und nun steht ihm alle Energie der Welt zur Verfügung – zu all jenen, die bereit sind, sie zu empfangen. Nur diese Art von Mensch wird zu einem Meister.

Erleuchtet zu werden ist einfach, doch ein Meister zu werden ist ein sehr komplexes Phänomen, denn es braucht dafür Meditation und Mitgefühl. Meditation allein ist einfach, Mitgefühl allein ist einfach, doch beides zusammen gleichermaßen wachsen zu lassen ist ein komplexes Unterfangen. Aber die Menschen, die erleuchtet werden und ihre Erfahrung nie mit anderen teilen, weil sie kein Mitgefühl verspüren, helfen der Evolution des Bewusstseins auf Erden nicht weiter. Sie heben das Bewusstsein der Menschheit nicht an.

Nur Meister sind in der Lage, das Bewusstsein der Menschen anzuheben. Das wenige Bewusstsein, das ihr habt, verdankt ihr den wenigen Meistern, denen es gelungen ist, selbst nach ihrer Erleuchtung mitfühlend zu bleiben. Das mag für euch schwierig zu verstehen sein … doch die Erleuchtung ist so überwältigend, dass man dazu neigt, die ganze Welt darüber zu vergessen. Man ist so vollkommen zufrieden, dass kein Raum mehr bleibt, um an jene Millionen von Menschen zu denken, die sich nach derselben Erfahrung sehnen, bewusst oder unbewusst, auf die richtige oder auf die falsche Art und Weise. Wenn Mitgefühl vorhanden ist, dann ist es unmöglich, diese Menschen zu vergessen. Tatsächlich ist das der Augenblick, in dem man zum ersten Mal etwas zu geben hat, etwas zu teilen hat. Und Teilen macht so viel Freude. Durch Mitgefühl erfährt man nach und nach, dass man umso mehr hat, je mehr man teilt. Wenn man sogar seine Erleuchtung mit anderen teilen kann, wird diese Erleuchtung noch mehr Reichtum besitzen, noch mehr Lebendigkeit, noch mehr Entzücken, noch mehr Dimensionen.

Erleuchtung kann eindimensional sein – das ist etwas, was vielen Menschen passiert ist. Sie waren vollkommen zufrieden und haben sich in der universellen Quelle aufgelöst. Doch Erleuchtung kann auch vieldimensional sein, sie kann so viele Blumen in diese Welt bringen. Und ihr schuldet dieser Welt etwas, denn ihr seid Söhne und Töchter dieser Erde.

Das erinnert mich an eine Aussage Zarathustras: „Vergiss niemals die Erde. Selbst wenn du den höchsten Gipfel erreicht hast, vergiss die Erde nicht, denn sie ist deine Mutter. Und vergiss die Menschen nicht. Sie mögen dir Hindernisse gewesen sein, sie mögen dir Feinde gewesen sein. Sie mögen versucht haben, dich auf jede nur mögliche Art und Weise zu vernichten; sie mögen dich gekreuzigt, zu Tode gesteinigt oder vergiftet haben – doch vergiss sie nicht. Was immer sie getan haben, haben sie aus Unbewusstheit getan. Wer soll ihnen vergeben, wenn du ihnen nicht vergeben kannst? Und deine Vergebung wird dich unermesslich reich machen.“

Achtet darauf, nichts zu fördern, was gegen Mitgefühl gerichtet ist. Eifersucht, Konkurrenzdenken, Dominanzstreben – all das richtet sich gegen Mitgefühl. Und ihr werdet es sofort bemerken, denn euer Mitgefühl wird ins Wanken geraten. In dem Augenblick, in dem ihr spürt, dass euer Mitgefühl ins Wanken gerät, muss euch bewusst werden, dass ihr etwas tut, was sich dagegen richtet. Ihr könnt euer Mitgefühl durch dumme Dinge vergiften, die euch nichts einbringen außer Angst, Sorge und Kampf und die nichts anderes sind als reine Verschwendung kostbarer Lebenskraft.

Hier eine wunderbare Geschichte für euch:

Paddy kommt eine Stunde früher als gewöhnlich nach Hause und findet seine Frau splitternackt auf dem Bett sitzen. Als er nach dem Grund dafür fragt, sagt sie zu ihm: „Damit protestiere ich dagegen, dass ich nichts zum Anziehen habe.“

Paddy öffnet die Tür des Kleiderschranks. „Das ist doch lächerlich“, sagt er. „Schau her: ein gelbes Kleid, ein rotes Kleid, ein gemustertes Kleid, ein Hosenanzug … Hallo, Bill!“ Und er fährt fort: „Ein grünes Kleid … “

Das ist Mitgefühl! Mitgefühl mit seiner Frau und Mitgefühl mit Bill. Keine Eifersucht, kein Kampf, einfach nur: „Hallo, Bill! Wie geht es dir?“, und dann macht er weiter. Er fragt nicht einmal: „Was machst du denn hier im Schrank?“

Mitgefühl ist voller Verständnis. Es ist das größte Verständnis, das dem Menschen möglich ist. Ein Mensch mit Mitgefühl sollte sich durch die kleinen Dinge im Leben, die jeden Augenblick geschehen, nicht aus der Ruhe bringen lassen. Nur dadurch kann man indirekt dafür sorgen, dass die Energie des Mitgefühls sich ansammeln kann, sich kristallisieren kann, stärker werden und gemeinsam mit der Meditation wachsen kann. Sodass an dem Tag, an dem der segensreiche Augenblick kommt, in dem du voller Licht bist, zumindest ein Begleiter da ist – Mitgefühl. Und sofort ein neuer Lebensstil … denn nun hast du so viel, dass du die ganze Welt damit segnen kannst. Obwohl Gautama Buddha immer auf Mitgefühl bestand, musste er schließlich eine Unterscheidung treffen, eine Einteilung unter seinen Schülern.

Die einen nennt er Arhats; sie sind erleuchtet, doch ohne Mitgefühl. Sie haben ihre gesamte Energie auf Meditation verwandt, ohne das zu beachten, was Buddha über das Mitgefühl lehrt. Und die anderen nennt er Bodhisattvas; sie haben auf seine Botschaft des Mitgefühls gehört. Sie sind erleuchtet und voller Mitgefühl, sodass sie es nicht eilig haben, ans andere Ufer zu gelangen; sie möchten auf dieser Seite bleiben, mit all ihren Schwierigkeiten, um den Menschen zu helfen. Ihr Boot ist angekommen, und der Kapitän sagt vielleicht: „Verliere keine Zeit, der Ruf vom anderen Ufer, auf den du dein ganzes Leben lang gewartet hast, ist ergangen.“ Doch sie überreden den Kapitän, noch ein bisschen zu warten, damit sie ihre Freude, ihre Weisheit, ihr Licht, ihre Liebe mit all jenen Menschen teilen können, die genau danach suchen. Dadurch entsteht ein Gefühl des Vertrauens in ihnen: „Ja, es gibt ein anderes Ufer, und wenn man reif dafür ist, kommt ein Boot, um einen zum anderen Ufer zu bringen. Es gibt ein Ufer der Unsterblichen, ein Ufer, an dem kein Elend herrscht, wo das Leben ein Singen und Tanzen von Augenblick zu Augenblick ist. Doch lass mich diesen Menschen nur einen kleinen Geschmack davon geben, bevor ich diese Welt verlasse.“

Meister haben immer versucht, sich an irgendetwas festzuhalten, um nicht ans andere Ufer getrieben zu werden. Laut Buddha ist Mitgefühl dafür am besten geeignet, denn letzten Endes ist auch Mitgefühl ein Verlangen.

Die Vorstellung, jemandem helfen zu wollen, ist ebenfalls ein Verlangen, und solange man an diesem Verlangen festhält, kann man nicht ans andere Ufer gelangen. Es ist ein dünner Faden, der einen an die Welt gefesselt hält. Alles andere ist verschwunden, alle Ketten sind gelöst – bis auf einen dünnen Faden der Liebe. Doch Buddhas Aufforderung ist, diesen dünnen Faden so lange wie möglich festzuhalten und so vielen Menschen wie möglich zu helfen.

Deine Erleuchtung sollte nicht selbstsüchtig sein, sie sollte nicht einfach nur deine eigene Erfahrung sein; du solltest sie mit so vielen Menschen wie möglich teilen. Das ist die einzige Möglichkeit, das Bewusstsein auf dieser Erde anzuheben – auf dieser Erde, die dir das Leben ermöglicht hat, die dir die Möglichkeit geschenkt hat, erleuchtet zu werden.

Dies ist der Augenblick, um etwas zurückzuzahlen, auch wenn du nicht alles zurückzahlen kannst, was das Leben dir geschenkt hat. Doch ein wenig – zwei Blüten kannst du zurückgeben in Dankbarkeit.

Meditation ist eine Blume – Mitgefühl ist ihr Duft

Genauso geschieht es: Die Blume erblüht, und der Duft verbreitet sich mit dem Wind in alle Richtungen bis ans Ende der Welt. Doch die Grundlage ist das Erblühen der Blume. Auch der Mensch trägt das Potenzial zum Erblühen in sich. Solange das innere Wesen des Menschen noch nicht erblüht ist, ist der Duft des Mitgefühls nicht möglich. Mitgefühl lässt sich nicht üben. Es ist keine Disziplin. Man kann es nicht machen. Es existiert jenseits von dir. Wenn du zu meditieren beginnst, wird dir eines Tages ganz plötzlich ein neues Phänomen bewusst werden, etwas vollkommen Seltsames – aus deinem Wesen fließt Mitgefühl zur gesamten Existenz. Ungerichtet, unmotiviert fließt es bis zu den Enden der Erde.

Ohne Meditation bleibt die Energie im Bereich der Gefühle*; durch Meditation wird aus derselben Energie Mitgefühl. Gefühl und Mitgefühl sind nicht zwei verschiedene Energien, sondern ein und dieselbe Energie. Sobald Gefühl sich mit Meditation verbindet, wird es umgeformt, verwandelt; es wird qualitativ anders. Gefühl bewegt sich nach unten, Mitgefühl bewegt sich nach oben; Gefühl ist charakterisiert durch Begierde, Mitgefühl ist charakterisiert durch Begierdelosigkeit; Gefühle sind eine Ablenkung, um das Elend zu vergessen, in dem du lebst, Mitgefühl ist ein Feiern, ein Tanz der Erfüllung, des Ankommens … du bist so erfüllt, dass du mit anderen teilen kannst. Nun steht nichts mehr aus; nun hast du die Bestimmung erfüllt, die du seit Jahrtausenden wie ein nicht erblühtes Potenzial in dir getragen hast, wie eine Knospe. Nun ist die Knospe erblüht und tanzt im Licht. Du hast dein Ziel erreicht, du bist erfüllt, es gibt nichts mehr zu erreichen, nichts mehr zu tun, nirgendwo mehr hinzugehen.

Was geschieht nun mit der Energie? Du beginnst sie mit anderen zu teilen. Dieselbe Energie, die sich durch die dunklen Schichten der Gefühle und Leidenschaften bewegte, bewegt sich nun mit den Strahlen des Lichts nach oben, durch kein Verlangen getrübt, durch keine Konditionierung verdorben. Sie ist durch keinerlei Motive verunreinigt – daher vergleiche ich sie mit einem Duft. Eine Blume ist begrenzt, aber nicht ihr Duft. Eine Blume hat Begrenzungen; sie ist an die Erde gebunden. Doch ihr Duft ist nicht gebunden. Er bewegt sich mit dem Wind, er lässt sich tragen vom Wind, er besitzt keine Bindung an die Erde.

Meditation ist eine Blume. Sie besitzt Wurzeln. Sie wächst in dir. Doch wenn Mitgefühl entsteht, ist es nicht mehr gebunden; es bewegt sich einfach immer weiter und weiter. Buddha ist verschwunden, doch nicht sein Mitgefühl. Jede Blume wird früher oder später sterben – sie ist ein Teil der Erde, und Staub kehrt zum Staub zurück –, doch der freigesetzte Duft bleibt für immer und ewig. Buddha ist verschwunden, Jesus ist verschwunden, doch nicht ihr Duft. Ihr Mitgefühl ist immer noch vorhanden, und jeder, der offen dafür ist, kann seine Wirkung unmittelbar spüren, kann sich davon bewegen lassen, kann sich davon auf eine neue Reise mitnehmen lassen, auf eine neue Pilgerschaft.

Mitgefühl ist nicht auf die Blume begrenzt – es kommt aus der Blume, aber es ist nicht die Blume. Es kommt aus der Blume, doch die Blume ist nur ein Kanal, denn in Wahrheit kommt es aus dem Jenseits. Ohne die Blume kann es nicht kommen – die Blume ist ein notwendiges Stadium –, doch es gehört nicht der Blume. Sobald die Blume erblüht ist, wird Mitgefühl freigesetzt.

Diese Unterscheidung muss man gut verstehen, denn wenn man sie nicht versteht, fängt man möglicherweise an, Mitgefühl zu praktizieren. Aber dann ist es nicht der wahre Duft. Ein praktiziertes Mitgefühl ist einfach nur dieselbe alte Leidenschaft mit einem neuen Namen. Es ist dieselbe alte, von Verlangen verunreinigte, von Motiven verunreinigte Energie, die für andere Menschen sehr gefährlich werden kann – denn im Namen dieses Mitgefühls kann man zerstören, im Namen dieses Mitgefühls kann man Sklaverei erschaffen. Es ist kein wahres Mitgefühl, und wenn man es praktiziert, ist man unecht, künstlich – ist man in Wahrheit ein Heuchler.

Das Erste, was klar sein muss, ist also, dass man Mitgefühl nicht praktizieren kann. An diesem Punkt sind die Anhänger aller großen religiösen Lehrer in die Irre gegangen. Buddha erlangte Mitgefühl durch Meditation – und nun versuchen die Buddhisten, Mitgefühl zu praktizieren. Jesus erlangte Mitgefühl durch Meditation – und nun versuchen die Christen, die christlichen Missionare Mitgefühl zu praktizieren, Liebe und Dienst an der Menschheit zu praktizieren, doch ihr Mitgefühl hat sich als äußerst destruktive Kraft erwiesen. Ihr Mitgefühl hat nur zu Kriegen geführt; ihr Mitgefühl hat Millionen von Menschen vernichtet. Es hat in tiefe Knechtschaft geführt.

Wahres Mitgefühl befreit, es schenkt Freiheit. Doch dieses Mitgefühl kann nur durch Meditation entstehen; es gibt keinen anderen Weg. Buddha erklärte, dass Mitgefühl ein Nebeneffekt ist, eine Folge. Man kann die Folge nicht direkt erreichen, man muss erst die Ursache in die Welt setzen, damit die Folge auftauchen kann. Wenn ihr also wirklich verstehen wollt, was Mitgefühl ist, müsst ihr verstehen, was Meditation ist. Vergesst das Mitgefühl, denn es wird von selbst auftauchen.

Versucht vielmehr zu verstehen, was Meditation ist. Mitgefühl kann ein Kriterium dafür sein, ob die Meditation richtig war oder nicht. Wenn die Meditation richtig war, wird Mitgefühl auftauchen – ganz von selbst; sie folgt der Meditation wie ein Schatten. Wenn die Meditation falsch war, wird kein Mitgefühl folgen. Mitgefühl kann also als Kriterium dafür dienen, ob die Meditation richtig war oder nicht. Und Meditation kann falsch sein. Die Menschen haben falsche Vorstellungen, dass jede Art von Meditation richtig ist. Dem ist nicht so. Meditation kann auch falsch sein. Zum Beispiel ist jede Art von Meditation falsch, die euch zu tiefer Konzentration anleitet – daraus entsteht kein Mitgefühl. Ihr werdet dadurch immer enger, verschlossener, statt offener zu werden. Wenn ihr euer Bewusstsein runterfahrt, euch auf etwas konzentriert und den Rest der Welt ausschließt und euch nur auf einen Punkt konzentriert, wird das mehr und mehr Anspannung in euch erzeugen. Daher das englische Wort attention, es heißt at-tension – in der Anspannung sein. Allein schon der Klang des Wortes Konzentration erzeugt ein Gefühl der Anspannung.

Konzentration hat ihren Sinn, doch sie ist keine Meditation. In der wissenschaftlichen Arbeit, in der wissenschaftlichen Forschung, im Labor, da braucht es Konzentration. Man muss sich auf ein Problem konzentrieren und alles andere ausschließen – so sehr, dass man die restliche Welt beinahe vollkommen vergisst. Deine Welt ist dann nur noch das Problem, auf das du dich gerade konzentrierst. Das ist der Grund dafür, warum Wissenschaftler oft so geistesabwesend sind. Menschen, die sich sehr stark konzentrieren, werden immer geistesabwesend, weil sie nicht wissen, wie sie für die ganze Welt offen bleiben können.

Ich habe einmal folgende Anekdote gehört:

„Ich habe euch einen Frosch mitgebracht“, meinte der Zoologieprofessor zu seiner Klasse, „frisch aus dem Teich, damit wir sein äußeres Erscheinungsbild untersuchen und ihn anschließend sezieren können.“ Er öffnete bedächtig das Päckchen, das er dabei hatte, und darin lag ein ordentlich belegtes Schinkenbrötchen. Der Professor betrachtete es voll Erstaunen und meinte: „Seltsam! Ich erinnere mich doch genau, dass ich mein Pausenbrot bereits gegessen habe.“

So etwas passiert Wissenschaftlern ständig. Sie sind vollkommen zielgerichtet, und ihr gesamter Verstand wird immer enger. Ein enger Verstand hat natürlich auch Vorteile: Er wird zu einer scharfen Spitze, die immer tiefer vordringen kann, die exakt den richtigen Punkt treffen kann; aber darüber verpasst er das großartige Leben um ihn herum.

Ein Buddha ist kein Mensch der Konzentration, er ist ein Mensch der Bewusstheit. Er hat nicht versucht, sein Bewusstsein zu verengen; im Gegenteil, er hat versucht, alle Hindernisse zu beseitigen, sodass er vollkommen offen wird für das Leben. Beobachtet es einmal … Leben ist Gleichzeitigkeit: Hier spreche ich, und gleichzeitig lärmt draußen der Verkehr. Der Zug dröhnt, die Vögel zwitschern, der Wind bläst durch die Bäume – in diesem Augenblick kommt die gesamte Existenz zusammen. Ihr lauscht mir, ich spreche zu euch, und gleichzeitig passieren noch Millionen von anderen Dingen – ein ungeheurer Reichtum.

Konzentration macht euch zielgerichtet, doch zu einem sehr hohen Preis: Neunundneunzig Prozent des Lebens gehen dabei verloren. Wenn ihr versucht, ein mathematisches Problem zu lösen, könnt ihr nicht auf die Vögel lauschen – sie würden euch ablenken. Spielende Kinder, Hunde, die auf der Straße bellen – sie alle sind eine Ablenkung. Um der Konzentration willen haben die Menschen versucht, dem Leben zu entfliehen – in den Himalaja zu gehen, sich in eine Höhle zurückzuziehen, isoliert zu leben, damit sie sich auf Gott konzentrieren können. Doch Gott ist kein Objekt, Gott ist die Gesamtheit der Existenz in diesem Augenblick; Gott ist das Ganze.

Das ist der Grund, warum die Wissenschaft niemals in der Lage sein wird, Göttlichkeit zu verstehen. Die Methode der Wissenschaft ist Konzentration, und aufgrund dieser Methode kann die Wissenschaft niemals das Göttliche erkennen. Sie kann nur immer mehr Details erkennen. Zuerst dachte man, ein Atom sei das kleinste Teilchen. Dann ließ sich dieses durch Techniken der Konzentration weiter teilen.

Nun gibt es Elektronen, Protonen, Neutronen – und früher oder später werden diese ebenfalls geteilt werden. Die Wissenschaft geht vom Kleinen zum immer noch Kleineren, und das Größere, das Weite wird vollkommen vergessen. Das Ganze wird über dem Teil vollkommen vergessen. Aufgrund dieser Konzentration kann die Wissenschaft niemals das Göttliche erkennen. Wenn also Menschen zu mir kommen und sagen: „Lehre uns Konzentration, denn wir möchten das Göttliche erkennen“, dann stehe ich vor einem Problem, denn sie haben das Grundlegende der Suche nicht verstanden.

Wissenschaft ist zielgerichtet; ihre Suche ist objektiv. Religiosität bedeutet Gleichzeitigkeit; ihr Objekt ist das Ganze, die Gesamtheit. Um das Ganze zu erkennen, braucht es ein Bewusstsein, das nach allen Seiten offen ist – ohne Begrenzungen, ohne Rahmen, sonst wird dieser Rahmen zum Rahmen der Existenz.

Unter einem weiten, offenen Himmel in der Sonne zu stehen – das ist Meditation. Meditation hat keinen Rahmen; sie ist kein Fenster, sie ist keine Tür. Meditation ist nicht Konzentration, ist nicht Aufmerksamkeit – Meditation ist Bewusstheit.

Was also soll man tun? Ein Mantra zu wiederholen, wie bei der Transzendentalen Meditation, wird nicht helfen. TM ist in Amerika sehr beliebt – wegen ihrer objektiven Herangehensweise, wegen ihrer wissenschaftlichen Orientierung. Und es ist die einzige Form von Meditation, die man wissenschaftlich erforschen kann. Sie ist Konzentration und keine Meditation, daher ist sie für den wissenschaftlichen Verstand begreifbar. In den Universitäten, in den Labors, in der psychologischen Forschung wurde viel über TM geforscht, weil es sich dabei eben nicht um Meditation handelt. Es ist Konzentration, eine Konzentrationstechnik. TM zählt zur selben Kategorie wie wissenschaftliche Konzentration; zwischen diesen beiden gibt es eine Verbindung. Doch sie hat nichts mit Meditation zu tun.

Meditation ist so ungeheuer weit, so unendlich, dass sie sich wissenschaftlich nicht erforschen lässt. Nur am Mitgefühl lässt sich erkennen, ob jemand dabei zum Erfolg gelangt ist oder nicht. Alphawellen können dabei nicht viel helfen, denn sie gehören immer noch zum Verstand, und Meditation gehört nicht zum Verstand – sie geht darüber hinaus.

Lasst mich euch also ein paar grundlegende Dinge erklären.

Erstens, Meditation ist nicht Konzentration, sondern Entspannung – man entspannt sich einfach in sich selbst hinein. Je mehr du dich entspannst, desto offener und verwundbarer wirst du. Du bist weniger starr, du wirst flexibler – und plötzlich beginnt die Existenz dich zu durchdringen. Du bist nicht mehr wie ein undurchdringlicher Fels, du bekommst Öffnungen. Entspannung bedeutet, dass du dir erlaubst, in einen Zustand zu fallen, in dem du nichts tust, denn solange du etwas tust, wird es weiter Spannungen geben. Es ist ein Zustand des Nicht-Tuns. Du entspannst dich einfach und genießt das Gefühl der Entspannung.

Entspanne dich in dich selbst hinein, schließe die Augen und lausche auf alles, was um dich herum geschieht. Nichts davon brauchst du als Ablenkung zu betrachten. In dem Augenblick, in dem du es als Ablenkung betrachtest, weist du das Göttliche ab. In diesem Augenblick kommt das Göttliche als Vogel zu dir. Weise es nicht ab! Das Göttliche hat als ein Vogel an deine Tür geklopft. Im nächsten Augenblick kommt es als ein bellender Hund, als ein weinendes oder schreiendes Kind oder als ein lachender Verrückter. Weise es nicht ab; weise es nicht zurück.

Nimm es an – denn wenn du etwas zurückweist, wird das eine Spannung in dir erzeugen. Jede Ablehnung erzeugt Spannung. Nimm es an. Wenn du dich entspannen möchtest, ist Annehmen der Weg dazu. Nimm an, was um dich herum geschieht; lasse es zu einem organischen Ganzen werden. Und genau das ist es auch – ob du es nun weißt oder nicht, alles ist mit allem verbunden. Diese Vögel, diese Bäume, dieser Himmel, diese Sonne, diese Erde, du, ich – alles ist miteinander verbunden. Es ist eine organische Einheit.

Wenn die Sonne verschwindet, werden auch die Bäume verschwinden, wenn die Bäume verschwinden, werden auch die Vögel verschwinden, wenn die Bäume und die Vögel verschwinden, werdet auch ihr verschwinden. Das ist Ökologie.

Alles ist zutiefst mit allem anderen verbunden. Lehne also nichts ab, denn in dem Augenblick, in dem du etwas ablehnst, lehnst du etwas in dir ab. Wenn du diese singenden Vögel ablehnst, lehnst du damit etwas in dir ab. Wenn du etwas leugnest oder abweist, wenn du dich abgelenkt oder gestört fühlst, lehnst du etwas in dir selbst ab. Lausche einfach erneut auf die Vögel, ohne jedes Gefühl von Ablehnung oder Ärger, und plötzlich wirst du erkennen, dass der Vogel in dir selbst antwortet. Dann sind diese Vögel keine Fremden, keine Eindringlinge mehr – plötzlich wird die ganze Welt zu einer Familie.