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Durch eine neue Bekanntschaft gerät der wütende Außenseiter Jakob Teuber immer tiefer in einen Sog aus Kriminalität, Macht und Manipulation. Neben Alkohol und Partys bestimmt zunehmend Gewalt seinen Alltag. Als Jakob klar wird, in welchem Teufelskreis er sich befindet, ist es längst zu spät. Eine wilde Achterbahnfahrt durch Dortmunds düsterste Ecken endet in einer Katastrophe. Der chaotische Polizist Tim König macht sich privat auf die Suche nach Antworten. Doch was wird er finden?
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Mareike Löhnert
Emscher Zorn
Kriminalroman
Gefährliche Freunde Jakob Teuber steckt in finanziellen Schwierigkeiten, lebt gemeinsam mit seiner zwanghaft gläubigen Mutter in einem renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhaus im Dortmunder Norden und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Sein Leben verändert sich, als er den unberechenbaren Rumänen Nelu kennenlernt und sich eine Freundschaft entwickelt. Nelu führt Jakob in eine Welt ein, die aus Alkohol, Drogen, Einbrüchen, Prostitution und Betrug besteht. Erst als eine Katastrophe passiert, wird Jakob klar, dass er sich in einer Falle befindet, aus der er sich nicht befreien kann. Der realitätsferne Polizist Tim König und sein cholerischer Kollege Markowski kommen durch dubiose Umstände in Kontakt mit Jakob. Als ein Mord geschieht und die Ermittlungen der Kripo eingestellt werden, beginnt König in seiner Freizeit zu recherchieren und begibt sich auf die Suche nach Antworten. Das, was er finden wird, übertrifft alle seine Vorstellungen.
Mareike Löhnert wurde 1974 in Nagold geboren. Nachdem sie ihre Kindheit im Schwarzwald verbracht hat, ist sie in Norddeutschland aufgewachsen und lebt nun im Ruhrgebiet. In ihrem recht wilden Leben ist sie mit siebzehn Jahren aus dem Elternhaus ausgezogen, wohnte in besetzten Häusern, machte eine Ausbildung zur Erzieherin, arbeitete in Diskotheken und Fabriken, war ein Jahr selbstständig und ist inzwischen seit neunzehn Jahren als Personalsachbearbeiterin in einem Paketdienst tätig. Emscher Zorn ist ihr erster Roman.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © itsme / Pixabay
ISBN 978-3-8392-6736-3
Er stieß die wuchtige Holztür mit beiden Armen auf. Eine Wand aus lauter Schlagermusik, wirrer Gesprächsfetzen und Schwaden von Zigarettenqualm schlug ihm entgegen. Jakob ließ die grelle Mittagssonne hinter sich und tauchte in die stickige Dämmerung der Eckkneipe ein, wie ein Insekt, das vor dem Licht flüchtet. Der Laden war voll. Er schob sich durch dicht gedrängte, schwitzende Männerleiber bis zur Theke.
Ein Typ mit grünlicher Gesichtsfarbe rutschte von seinem Barhocker und verschwand taumelnd auf der Toilette.
Jakob hockte sich auf den frei gewordenen Platz, beugte sich nach vorne und legte mit geschlossenen Augen die Stirn auf den kühlen Tresen. So verharrte er, als hätte er sich in eine steinerne Statue verwandelt und wünschte sich weit weg.
Hinter der Bar schob sich Gustav, die dünnen Augenbrauen in seinem faltigen Gesicht nach oben gezogen, näher an ihn heran, wischte sich die Hände an einem schmutzigen Handtuch ab und musterte ihn interessiert.
»Na Jakob, um diese frühe Zeit schon Feierabend?«
Er lachte sein krächzendes Raucherlachen, das sofort in ein heiseres Husten überging.
»Siehste doch und jetzt mach hin, Alter. Heute hab ich es echt nötig«, brummte Jakob, öffnete ein Auge und blickte grimmig nach oben.
»Scheißtag gehabt, was?« Gustav nickte verständnisvoll.
Schnell und geübt zapfte er ein großes Pils, schüttete einen doppelten Korn ein, knallte die Gläser vor Jakob auf den Tresen und ließ ihn in Ruhe. Er war der perfekte Wirt. Er arbeitete zügig, schien mit seiner Theke verwachsen zu sein und hielt seine Schnauze, wenn es angebracht war.
Jakob kippte den Korn in einem Zug hinunter und spülte mit Bier nach. Er spürte deutlich, wie sich seine zitternden, vibrierenden Nerven beruhigten und ließ seinen Blick durch die Kneipe schweifen.
Es waren größtenteils ältere Männer, die hier schon in der Mittagszeit verkehrten und ihre armselige Rente versoffen, nur an der Dartscheibe standen zwei gelangweilt wirkende Jungs und warfen lustlos ihre Pfeile. Hatten wohl auch den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als hier herumzuhängen und die Zeit verstreichen zu lassen, so wie er. Die große Zeit der Kneipen im Ruhrgebiet war, nach den Schließungen der Zechen und Stahlwerke, vorbei.
Sinnlos. Alles war so sinnlos.
Wieder hatte er eine Maßnahme vom Jobcenter abgebrochen. Wieder würde es kein Geld geben. Leistungen gestrichen. So einfach war das. Er hatte es mit seinen 24 Jahren noch nie geschafft, länger als zwei Wochen einen Job zu behalten.
In den vergangenen zwei Tagen hatte er im Keuning-Park mit Schaufel, Harke und Schubkarren bewaffnet, den Kampf gegen Hundekot, gebrauchte Spritzen der Junkies, benutzte Kondome und anderem Müll aufnehmen müssen, wobei bei dem ganzen Dreck klar war, dass er sowieso nur als Verlierer aus der Schlacht herausgehen würde. Nach einer Nacht voller Drogenexzesse, Sex und überfütterten Kötern sah der Park am nächsten Tag genauso verdreckt aus wie zuvor. Die Mischung aus Gestank, den unzumutbaren Kollegen und der prallen Hochsommersonne, die unbarmherzig seinen Schädel während der Arbeit weichkochte, war zu viel für ihn gewesen.
Wut bohrte ihre langen, spitzen Krallen in seine Eingeweide, packte zu und ließ ihn nicht mehr los. Er ballte die Faust so fest zusammen, dass es schmerzte und widmete sich wieder ausgiebig seinen Getränken, als er bemerkte, wie sein Sitznachbar ihn anstarrte. Der blaue Heinz, wie man ihn im Allgemeinen nannte, saß oder hing vielmehr auf dem Hocker neben ihm und glotzte ihn mit blutunterlaufenen Augen an. Er war ein stadtbekannter Säufer, der bei Gustav seinen Stammplatz hatte.
»Was glotzt du so, Heinz? Schon wieder besoffen?«, raunzte Jakob ihn an.
»Hömma, Junge. Hab dich heute Morgen gesehen. Im Park bei der Maloche«, lallte Heinz und lächelte dümmlich, als sei er stolz auf sein gutes Erinnerungsvermögen.
Jakob stellte fest, dass er fast keine Zähne mehr in seinem Mund hatte.
»Wow, du solltest Detektiv werden«, Jakob wandte sich gelangweilt ab. Wahrscheinlich hatte der Alte auf einer Parkbank gesessen und sich schon morgens einen gezwitschert. Heinz griff nach seinem Arm, den Jakob hastig zurückriss.
»Wolltest den Kollegen kopfüber in den Schubkarren drücken und dann biste einfach abgehauen«, fing er wieder an.
»Der Typ hat es nicht anders verdient«, schrie Jakob den Alten an, »mach dir mal um mich keine Sorgen und quatsch mich nicht blöd von der Seite an.« Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte. Gläser klirrten. Seine Nebenmänner warfen ihm irritierte Blicke zu. Jakob schüttelte sich hasserfüllt, als er sich an den übergewichtigen Kollegen erinnerte, der jeden Tag dasselbe rosafarbene, zu enge T-Shirt mit der Aufschrift »Bier formte diesen wunderschönen Körper« trug, wie ein Schwein schwitzte und alles nur Mögliche tat, um sich vor der Arbeit zu drücken.
»Ich geh da nicht mehr hin. Genug ist genug«, murmelte er.
Der blaue Heinz nickte sinnierend und glotzte traurig in sein leeres Glas. Gustav stellte zwei Kurze vor sie auf den Tresen.
»Die Welt ist böse, und die Menschheit besteht aus Lügnern und Egoisten. Dortmund ist nicht mehr das, was es einmal war«, stellte Heinz mit müder Stimme fest.
Jakob stimmte ihm zu. Sie stießen an, tranken, danach verlor sich wieder jeder von ihnen in seine eigene Gedankenwelt.
Jakob verbrachte den Abend in einer Art Dämmerzustand. Es gelang ihm nicht, richtig betrunken zu werden, es legte sich ein grauer Nebel über ihn und hüllte ihn wie eine Decke ein. Die Gäste verschwanden nach und nach, bis nur noch Jakob und der blaue Heinz schweigend an der Theke saßen.
Nachdem sich Gustav mehrere Male lautstark geräuspert und zuvor mehrmals angekündigt hatte, dass dies die letzte Runde sei, nahm er beiden die Gläser weg.
»Feierabend«, sagte er laut und deutlich, »ihr zwei Hübschen geht jetzt fein nach Hause und legt euch in eure Bettchen«, er hustete nachdrücklich und zündete sich eine Zigarette an, »und Jakob, lächele mal wieder. Bei deinem Lächeln geht die Sonne auf, sag ich immer. Steht dir besser, als dieses miesepetrige Gesicht. Wir wissen doch alle, dass du gar nicht so böse bist, wie du immer tust.« Er zwinkerte Jakob zu.
Jakob warf Gustav einen drohenden Blick zu, rutschte gehorsam von seinem Hocker, hob die Hand zum Gruß und trottete mit hängendem Kopf wie ein verjagter Hund nach draußen. Sein verschwitztes T-Shirt stank nach totem Tier.
Die Nacht war noch immer warm. Ruhe lag über dem sonst so lebendigen Nordmarkt. Jakob atmete tief die milde, nach Asphalt schmeckende Sommerluft ein, zog sich die rutschende Jogginghose hoch und schlug zu Fuß den Weg Richtung Schützenstraße ein, wo er gemeinsam mit Mutter lebte. Gedankenverloren trottete er durch die nächtliche Nordstadt.
Morgen musste er mit Mutter sprechen und ihr mitteilen, dass keine Bezüge mehr vom Amt kommen würden und sie wieder zu zweit von ihrer Witwenrente leben mussten. Finanziell würde es eng werden. Ohne Schulabschluss, waren die Jobs, die ihm angeboten wurden, das Allerletzte. Er vergrub die Hände tief in den Hosentaschen, passierte graue Straßen und marode Häuser, mit vor Schmutz starrenden Fenstern.
»Nazis auf die Fresse hauen«, hatte jemand mit einem Filzstift an eine Hauswand geschrieben. »Wie denn, ohne Arme?«, hatte ein Witzbold darunter gekritzelt.
Von irgendwoher erklang laute Musik, das hysterische Gebrüll eines Mannes folgte, dann war es still. Jakob stieg über einen ausgekippten Müllsack, der auf dem dreckigen Bordstein lag. Eine Ratte huschte an seinen Turnschuhen vorbei und lief eilig über die leere Straße. Jakob blickte ihr hinterher. »Verdammt«, schrie er in die Nacht und kickte mit dem Fuß einen leeren Waschmittelkarton zur Seite, »warum muss immer alles so verflucht schwer sein?« Seine Stimme hallte durch die Häuserschluchten. Er schrak zusammen, als er ein heiseres Lachen neben sich hörte und feststellte, dass er nicht alleine war.
Eine dunkle Gestalt hockte im Schneidersitz auf dem Dach eines parkenden Autos. In dieser Stadt war es normal, dass man zu jeder Tageszeit auf die skurrilsten Typen traf, dennoch bemerkte Jakob, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Er rührte sich nicht. Durch die Dunkelheit nahm er wahr, wie die schemenhafte Gestalt auf dem Autodach die Arme nach oben richtete und sich ausgiebig streckte.
»Warum denn so wütend?« Die Stimme des Mannes war dunkel und rauchig. Mit einem Satz sprang er, geschmeidig wie eine Katze, auf die Straße und lehnte sich an eine Hauswand. Sein Gesicht blieb im Schatten verborgen, nur seine Augen schienen im Dunkeln zu leuchten.
Wahrscheinlich hat der Typ einfach zu viel Kokain gezogen, versuchte Jakob, sich zu beruhigen, doch die plötzliche Nervosität, die sich in ihm ausbreitete, ließ sich nicht vertreiben. Der Mann trat aus dem Schatten und kam auf Jakob zu. Er war etwa in seinem Alter. Feste Bauchmuskeln bildeten sich unter seinem schwarzen Seidenhemd ab und er trug eine teuer aussehende, perfekt sitzende Anzughose. Sie starrten sich an. Jakob hatte noch nie ein so schönes Männergesicht gesehen. Er glotzte in die tiefblauen Augen des Mannes, auf die harten, hervortretenden Wangenknochen in der fast schon weiblichen Form des schmalen Gesichts, die glatte, hellbraune Haut und das dunkle, nach hinten gegelte Haar und kam sich vor wie ein Idiot.
»Ich hab dich was gefragt«, zischte der Mann, »ich hab dich gefragt, warum du wütend bist.« Er strahlte eine Gefährlichkeit aus, die Jakob faszinierte. Sein Blick blieb an der gezackten Narbe hängen, die sich, zartrosa schimmernd, quer über den Hals des Mannes zog. Er riss sich zusammen und sah beschämt zu Boden. »Bin immer wütend«, murmelte er.
Der Mann nickte wissend und streckte ihm die Hand hin. »Ich bin Nelu.«
Jakob schlug ein und nannte seinen Namen.
»Vielleicht sieht man sich mal wieder.« Nelu zuckte gelangweilt mit den Schultern, wandte sich ab und ging.
Jakob spürte verwundert ein nagendes Gefühl von Sehnsucht, als er dem Mann, dessen Präsenz die ganze Straße einnahm, hinterher sah. Die Schützenstraße schien endlos lang zu sein. Im fahlen Licht der vereinzelten Straßenlaternen hatte er das Gefühl, durch eine Geisterstadt zu wandern. Grau an grau lehnten sich die Häuser, die ihre besten Tage längst hinter sich gelassen hatten, aneinander und beobachteten ihn aus blinden Fenstern.
Endlich kam er an dem renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhauses an, in dem er mit Mutter lebte. Er schlurfte die Treppen hinauf bis ganz nach oben.
»Hier wohnen Marianne und Jakob Teuber«, stand auf dem grottenhässlichen, selbst getöpferten Herz, das an der Wohnungstür hing. Peinlich berührt sah Jakob weg. Wenn man das las, könnte man denken, dass hier ein Ehepaar wohnen würde und nicht Mutter und Sohn.
Leise schloss er auf und betrat auf Zehenspitzen die Wohnung, um Mutter nicht zu wecken. Wie immer empfing ihn ein dumpfer Geruch nach Kohlrouladen, der sich nicht vertreiben ließ, egal, wie stark man lüftete. Er schlich durch den engen, schlauchförmigen Flur. Sein Blick fiel nach vorne. Das gerahmte Bild nahm die gesamte Wandbreite ein. Wie immer starrte der streng aussehende Jesus, der darauf in Lebensgröße abgebildet war, strafend auf ihn hinunter, beobachtete jede seiner Bewegungen und ließ ihn nicht aus seinen stumpfen Augen. Er schien bereits auf ihn gewartet zu haben.
»Hör auf zu glotzen, du blöde, langhaarige Tunte«, murmelte Jakob leise in Richtung Bild. In seinem Zimmer streifte er erleichtert die Turnschuhe von den Füßen und warf sich auf sein Bett. Er landete auf etwas Hartem und griff mit einer Hand unter seinen Rücken. Er stöhnte, als er erkannte, was es war. Mutter hatte ihm wieder eine Bibel auf sein Bett gelegt.
Sie würde nie aufgeben.
Er warf die Bibel mit Schwung in die andere Ecke des Zimmers, wo sie erst an die Wand knallte, dann aufgeschlagen auf dem Teppich liegen blieb. Seine gesamte Kindheit hatte er in der Kirche verbracht. Als Vater noch lebte, war es Jakobs einzige Aufgabe gewesen, zu beten, zu schweigen und sich möglichst unauffällig zu verhalten. Nach Vaters Tod, begann er zu rebellieren. Er ging nicht mehr in seine verhasste Schule und heftige Wutanfälle schalteten seinen Kopf aus, die ihn von einer Schlägerei in die nächste führten. Noch immer fühlte sich sein Leben an, als würde er in einer Zwangsjacke stecken, deren Druck sich nur löste, wenn er seiner Wut freien Lauf ließ. Er konnte nichts daran ändern.
Eine bleierne Müdigkeit legte sich über ihn. Er dachte an den seltsamen Mann, der ihm auf dem Weg nach Hause begegnet war. Nelu hatte etwas Besonderes an sich gehabt. Etwas, wonach sich Jakob in seinem tiefsten Inneren sehnte.
Die Albträume ließen, wie fast jede Nacht, nicht lange auf sich warten. Irgendwo in seinem Unterbewusstsein hatten sie den ganzen Tag gelauert, still und verborgen, und hatten Hände reibend auf den Moment gewartet, in dem er endlich in den Schlaf fiel. Sie quälten ihn, bis der Morgen sie vertrieb.
Jakobs T-Shirt klebte feucht an seinem Körper, als er erwachte. Es war Samstag.
Eine Weile lag er in seinem Bett, ohne sich zu rühren, und weigerte sich, die Augen zu öffnen. Wofür sollte er aufstehen?
Die Langeweile, die sein Leben beherrschte, legte sich wie Klebstoff über ihn, ließ ihn bewegungslos werden und nahm ihm die Luft zum Atmen. Erst als ihm einfiel, dass heute ein wichtiges Fußballspiel stattfinden würde und er tatsächlich eine Karte fürs Stadion hatte auftreiben können, begann er, sich zu regen.
Fußball, dieses dämliche Spiel, bei dem erwachsene, durchtrainierte Männer einem Ball hinterherliefen wie Kinder und das Ganze für ein Weltgeschehen hielten.
Er war kein Fan irgendeiner Mannschaft, schaute sich nie ein Spiel im Fernsehen an. Das Einzige, was er an Fußball liebte, war diese aufgeheizte, gewaltbereite Stimmung im Stadion. Diese Aggression, die alles beherrschte und aus einem braven Familienvater ein wildes Tier werden ließ. Heute fand das lang ersehnte Revierderby statt. Gelb gegen Blau. Auf Aggressionen würde er nicht lange warten müssen. Heute ist ein guter Tag, um sich mal richtig zu schlagen, beschloss er und stieg aus dem Bett.
Wie immer hatte Mutter den Küchentisch liebevoll gedeckt. Sobald er sich setzte, hörte er das Schlappen ihrer Hausschuhe näher kommen und spürte, wie seine Nackenhaare sich aufstellten. Sie schob ihren runden, weichen Körper zu ihm in den Raum und strich mit der Hand über sein millimeterkurz rasiertes Haar.
Unwillig zog er den Kopf zur Seite.
Aus dem Wohnzimmer dröhnte das stumpfsinnige Geplapper des Fernsehers.
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch.
»Habe ich einen Hunger, Hase. Mir knurrt der Magen, aber ich wollte so gerne mit dir zusammen frühstücken, also habe ich gewartet. Ich sehe dich ja so selten, jetzt, wo du jeden Tag auf der Arbeit bist.« Sie strahlte ihn dämlich an, während sie ihm Kaffee einschenkte und fürsorglich eine Scheibe Graubrot aus dem Discounter auf seinen Teller legte.
Jakob beobachtete sie schweigend. Er hasste dieses Gefühl von Mitleid, das ihn überkam, wenn er sie ansah.
Sie faltete ihre Hände und schloss die Augen. »Herr. Wir danken dir für Speis und Trank. Gesegnet seien deine Gaben und deine Güte. Amen.«
»Amen«, antwortete Jakob leise. Er bestrich sein Brot lustlos mit Marmelade und biss hinein. Mutter schien es wie immer zu schmecken. Sie kaute mit vollen, rosigen Backen. »Ich muss mich beeilen. In einer halben Stunde fängt die Quizshow ›Raten mit Robert‹ an. Danach läuft gleich der Rosamunde-Film. Ich liebe das Fernsehprogramm am Samstagnachmittag.« Ihr einfältiges Lächeln hatte etwas Seliges.
Komisch, dachte Jakob, sie hängt den ganzen Tag vor der Glotze, verlässt das Haus nur zum Einkaufen und am Sonntag, wenn sie zum Gottesdienst die Straße runter in die Pauluskirche wackelt, trotzdem scheint sie glücklich zu sein. Wie macht sie das nur?
Er räusperte sich. »Mutter, ich muss dir was sagen.«
»Was denn?«, fragte sie. »Hase?« Ihre Stimme nahm einen misstrauischen Ton an.
»Die Maßnahme vom Jobcenter. Ich bin gestern gegangen. Habe abgebrochen. Bin mit den Kollegen nicht klar gekommen.« Er sah sie an.
Es dauerte lange, bis sie reagierte.
»Warum sind die Menschen immer so gemein zu dir, Jakob? Ich bin mir sicher, dass du nichts falsch gemacht hast. Die Leute verstehen dich einfach nicht. Das war schon immer so. Ärgere dich nicht, Hase. Es wird alles gut.« Sie widmete sich wieder ausgiebig ihrem Teller und verzog trotzig die Mundwinkel.
Jakob nahm das angespannte Flackern in ihren Augen wahr.
»Es geht nicht darum, ob ich mich ärgere oder nicht«, brauste er auf und kämpfte darum, nicht laut zu werden, »es geht darum, dass uns das Geld fehlen wird. Das Jobcenter wird nichts mehr zahlen. Verstehst du? Was machen wir jetzt?«
Ihr Blick irrte in der Küche umher, ohne etwas zu fassen, streifte planlos über die ramponierte Kücheneinrichtung.
»Die Wege des Herrn sind unergründlich«, flüsterte sie mit wackliger Stimme, »wir sind Gottes Kinder, und alles hat seine Richtigkeit, auch wenn wir es im ersten Moment nicht verstehen. Wir müssen einfach vertrauen. Das hat dein Vater auch immer gepredigt. Erinnerst du dich?« Ein verklärtes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
Jakob spürte die Blitze, die plötzlich in seinem Kopf zu zucken anfingen, ein violetter Schleier legte sich über seine Augen, und er hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.
»Du sollst nicht mit mir über Vater sprechen. Wie oft soll ich dir das noch sagen?«, keifte er sie an. Er schnappte nach Luft und knallte mit zitternder Hand seine Kaffeetasse auf den Tisch. »Bin fertig«, murmelte er mit heiserer Stimme und sprang auf, »ich leg mich noch mal hin.«
»Ok, Schatz«, rief sie gut gelaunt und begann, vor sich hin summend, den Tisch abzuräumen. Sie war eine Meisterin darin, die Realität zu verdrängen. Fluchtartig verließ er die Küche und verschwand in seinem Zimmer. Er legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Es gelang ihm nicht, dafür zu sorgen, dass es Mutter gut ging. Nichts in seinem Leben gelang ihm.
Die gewohnte Geräuschkulisse des Fernsehers, die durch die Wohnung hallte, wurde lauter.
Er griff mit einer Hand unter das Bett und zog die Flasche Wodka hervor, die er dort deponiert hatte. Er trank einen großen Schluck direkt aus der Flasche und wurde augenblicklich ruhiger. Noch zwei Stunden, bis er zum Fußball gehen würde. Genau die richtige Zeit, um schon mal vorzuglühen. Er setzte die Flasche an.
Der Alkohol waberte in weichen Wellen durch seinen Körper, als er einige Zeit später aus dem Bett stieg, um sich fertig zu machen. Vor dem Kleiderschrank rümpfte er die Nase.
Er besaß nur eine einzige Jeans, die zwar abgewetzt war und Löcher an den Knien hatte, die aber immer noch cooler aussah als seine üblichen Jogginghosen. Er zog sie und ein ausgebleichtes, ehemals schwarzes T-Shirt an und musterte sich im Spiegel.
Er war zu dünn. Seine mageren Arme ragten wie Striche aus den Ärmeln seines T-Shirts hervor, und unter dem Stoff wirkten die Knochen seiner schmalen Schultern wie spitze Dolche. Immerhin war sein Aussehen gut geeignet, um einen Feind zu täuschen, redete er sich ein. Er mochte vielleicht einen dürren Körper haben, aber er war zäh und in einer Schlägerei nahezu schmerzunempfindlich.
Kurz steckte er den Kopf ins Wohnzimmer. »Tschüss Mutter, ich bin mal kurz weg.«
Sie saß hoch aufgerichtet auf der Couch, stopfte sich abwesend Pralinen in den Mund und starrte wie hypnotisiert auf das flimmernde Fernsehbild. »Mmmh«, murmelte sie, ohne den Blick vom Fernseher abzuwenden.
Schön, dass sie glücklich war.
Bevor Jakob die Haustür hinter sich zuzog, sah er genau, wie Jesus auf dem Bild im Flur die Stirn runzelte und ihm argwöhnisch hinterhersah.
Das animalische Grölen der Fans riss ihn mit wie eine Sturmflut, als er neben ihnen über die Möllerbrücke in Richtung Stadion lief. Das sonst so friedliche Kreuzviertel, mit seinen hübsch sanierten Altbauten, normalerweise überlaufen von Pädagogen, Lehrern, Studenten, Alternativen, ökologisch korrekten Eltern mit Kleinkindern und linken Möchtegernintellektuellen, verwandelte sich bei einem Heimspiel in einen brodelnden Sumpf. Durch die große Menschenansammlung und die vielen Polizisten kamen sie nur langsam voran. Sie bewegten sich in Schneckentempo und als eine gesammelte Macht. In ihrer einheitlichen grellgelben Fantracht, gemeinsame Parolen und Lieder brüllend, wirkten die Fußballfans wie Soldaten in Uniform, die bereit und auf dem Weg waren, um in den Krieg zu ziehen. Jakob spürte das Kribbeln, das sich von seinen Fingerspitzen aus in den gesamten Körper ausbreitete, als würden Tausende von Bienen unter seiner Haut beginnen zu brummen.
Die Nachmittagssonne brannte so heiß, dass die von Testosteron geschwängerte Luft zu flimmern schien.
»Tod dem SV 30«, brüllte ein krank aussehender, rothaariger Mann neben ihm, und Tropfen seiner Spucke trafen Jakob an der Stirn.
»Tod dem SV 30«, brüllten alle anderen zurück.
Sie waren eine Einheit. Eine gelbe Einheit voller Kraft und Unbesiegbarkeit. Kurz überkam Jakob das trügerische Gefühl dazuzugehören, aber er schüttelte den Gedanken schnell wieder ab. Er würde sich keiner Gruppe Hooligans anschließen und Teil von ihnen werden wollen. Er war schon immer ein Einzelkämpfer gewesen und würde das auch bleiben. Wenn es drauf ankommen würde, hätte er kein Problem damit, auch Fans der eigenen Mannschaft zusammenzuschlagen, wenn sich die Möglichkeit ergeben würde. Er hatte nur einen Grundsatz, an den er sich eisern hielt, wenn es um Gewalt ging. Er schlug sich nur mit Gegnern, die sich ebenfalls schlagen wollten. Niemals würde er sich an einem wehrlosen Opfer vergreifen, das würde gegen seine Prinzipien verstoßen. Gut, dass es genug Trottel gab, die sich gerne prügeln wollten.
Am Stadion angekommen, musste er die Tortur der Durchsuchung am Eingang über sich ergehen lassen.
Mit zusammengepressten Lippen ließ er sich widerstrebend von den Ordnern abtasten. Endlich ließen die Typen von ihm ab und er durfte weitergehen.
Erleichtert atmete er auf, besorgte sich an einem der Getränkewagen Bier, drängte sich durch die aufgebrachte Menge und stellte sich in seinen Block auf der Südtribüne.
Die Spieler liefen ein, das Spiel begann. Die Fans tobten, obwohl noch gar nichts passiert war. Er sah sich im Publikum um. Ausverkauftes Stadion. Das Übliche.
Die Menschen ähnelten dicht aneinandergedrängten Schafen in einer Herde, sie standen und glotzten, machten bei jeder Ballberührung der eigenen Mannschaft ungelenke Sprünge, umarmten ihre Nachbarn, die sie normalerweise auf der Straße nicht mal grüßen würden, und klatschten bei jeder Situation in die Hände wie geistig zurückgebliebene Kinder. Jeder bemühte sich sichtlich, endlich mal aus sich hinauszugehen und die Sau rauszulassen. Jakob seufzte. Das Spiel langweilte ihn.
Volle Bierbecher wurden nach vorne geworfen, das Gegröle der Fangesänge wurde lauter.
Jakob begann, sich innerlich darauf vorzubereiten, was draußen auf der Straße gleich passieren würde. In absehbarer Zeit würde sein eigenes Spiel beginnen. Er schloss die Augen und sah das verschwommene Bild eines konturlosen Gesichts vor sich und seine eigene Faust, die mitten hineindrosch. Zerrissene blaue Trikots voller Blut tauchten vor seinem inneren Auge auf. Er lächelte.
»Hömma, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du aussiehst, wie ein kleiner Junge, wenn du lächelst? Richtig süß«, lallte ein betrunkener Fußballfan neben ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Jakob versuchte, ihn mit seinen Blicken zu töten und der Mann war schlau genug, ihn in Ruhe zu lassen.
Erst als die ersten Besucher des Fußballspiels ihn grob in den Rücken stießen, um sich an ihm vorbei zu den Treppen zu drängeln, bemerkte er, dass das Spiel zu Ende und abgepfiffen worden war. Das Publikum schob ihn Richtung Ausgang und zog ihn mit sich. Angespannt verließ er mit den anderen das Stadion.
Sobald er auf der Straße war, kam die Wut mit voller Kraft zurück und brüllte ihn an, dass sie endlich hinausgelassen werden wollte.
Breitbeinig und mit erhobenem Kopf stolzierte er provozierend langsam durch die herumstehenden Menschen, die Bier trinkend vor dem Stadion herumlungerten, sich aufgebracht über das Spiel unterhielten und nicht nach Hause wollten.
Misstrauisch beäugte er die Polizisten, die sich, mit Helmen, Schutzschildern und Knüppeln bewaffnet, am Straßenrand aufgereiht hatten und nur darauf zu warten schienen, dass es endlich losging. Drei der gegnerischen Fans standen etwas abseits der anderen, die sich sammelten, um geschlossen Richtung Bahnhof zu gehen.
Der größte der drei Männer fing seinen Blick auf und fixierte ihn, ohne zu zwinkern. Arrogant musterte er ihn von oben nach unten. Seine Lippen öffneten sich, und er bleckte seine schiefen, gelblichen Zähne. Kaum erkennbar nickte er mit dem Kopf in Jakobs Richtung.
Jakob reagierte sofort. Das Adrenalin pochte in seinen Adern.
Er spurtete los, rannte auf den Mann zu, boxte ihm erst mit der Faust in den Magen, umrundete ihn und sprang von hinten auf seinen Rücken. Er schlang ihm die Arme von hinten um die Kehle und drückte mit aller Kraft zu.
»Scheiß SV 30, du Hurensohn«, keuchte er in sein Ohr, »jetzt bist du dran.«
Der Große versuchte, ihn abzuschütteln, aber es gelang ihm nicht. Wie ein Sack hing Jakob auf seinem Rücken und presste die Arme immer fester um seinen Hals.
»Ey«, schrie einer der Kollegen des Mannes, »bist du wahnsinnig? Der kriegt keine Luft mehr. Lass ihn los, du Spinner.« Er versuchte, Jakob von hinten zu packen, doch dieser trat ihm voll ins Gesicht.
Jakob hörte das Knacken seiner Nase und trat direkt noch einmal zu. Der Mann krümmte sich, vergrub das Gesicht in den Händen und wandte sich ab. Inzwischen hatte Jakob den Großen zu Boden geworfen, stürzte sich auf ihn und schlug ihm mit der Faust immer wieder ins Gesicht. Der erste Schlag war wie eine Befreiung. Jeder Muskel seines Körpers befand sich im Einklang, jede Sehne war angespannt. Endlich konnte er sich spüren und war eins mit seinem Körper.
Jakob roch das Blut, bevor er es sah. Tief atmete er den metallischen Geruch ein. Ein Gefühl von Freiheit begann, sich in seiner Brust auszubreiten, das ihn schwindelig machte.
Wie ein wildes Tier blickte er um sich in die verschwommene Traube von Menschen, die sich um sie herum gebildet hatte, und sah direkt in die dunkelblauen Augen des schwarz gekleideten Mannes, der ihm am Vorabend auf der Straße begegnet war. Nelu sah interessiert zu ihnen hinüber, und ein leichtes Lächeln huschte über sein schönes Gesicht. Jakob starrte ihn an. Dann fühlte er einen dumpfen Schlag auf seinem Hinterkopf, und alles um ihn herum wurde schwarz.
Tim König stand neben seinen Kollegen, die ein Spalier am Straßenrand gebildet hatten, und schaute mit gequältem Gesichtsausdruck auf die Fußballfans, die an ihnen vorbeiliefen. Bei manchen torkelnden Gestalten konnte man es kaum Laufen nennen.
Er beobachtete, wie einer dieser gelben Irren sich in einem großen Schwall auf seine eigenen Schuhe erbrach, und wandte schnell den Blick ab.
Wieder einmal mussten sie nach einem Fußballspiel für öffentliche Sicherheit sorgen. Die Hundertschaften, die normalerweise für solche Einsätze zuständig waren, waren abgezogen worden, da in der Nachbarstadt heute Nacht eine groß angekündigte Razzia im Rotlichtbezirk stattfinden sollte. Die Hälfte der Kollegen war im Sommerurlaub, sodass man sogar ihn, der normalerweise ausschließlich Bürodienst machte, hinter seinem Schreibtisch hervorgezogen hatte.
Es war heiß, er schwitzte, und seine Haut juckte unter dem Schutzpanzer. Mit Mühe unterdrückte er ein Gähnen und versuchte krampfhaft, seine Augen offen zu halten, die immer wieder zufallen wollten.
Gestern Nacht hatte er bis zum Morgengrauen gezockt und war endlich bei dem besten Computerspiel der Welt »Warriors of Darkness« im fünften Level angekommen.
Beim Zocken machte ihm so schnell niemand etwas vor, und er brauchte Zeit dafür, egal, ob Markowski ihn nach seinem letzten Krankenschein wieder schief von der Seite angesehen hatte. Jetzt war er schließlich hier, stand wie ein Dominostein in einer Reihe mit den anderen und betete innerlich, dass bloß keiner dieser Fußballidioten austicken würde.
Königs Blick schweifte misstrauisch über die Menschenmenge. Noch war alles ruhig. Wenn dieses Herumgestehe bloß nicht so langweilig wäre.
Hatte er heute Mittag, bevor er zum Dienst ging, eigentlich Jutta, die Katze, die ihm Corinna bei ihrem fluchtartigen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung hinterlassen hatte, gefüttert? König überlegte konzentriert. Doch, beschloss er, er war sich ganz sicher, eine Dose dieses übel riechenden Katzenfraßes geöffnet und in ihre Schüssel gefüllt zu haben. »Rebhuhn mit Erbsen«, hatte auf der Dose gestanden. So etwas Feines bekam er selber nicht zu essen. Sofort begann sein Magen zu knurren. Verstohlen blickte er auf seine Uhr. Es war nach sechs Uhr abends. Wenn nichts Weltbewegendes mehr geschehen würde, wäre vielleicht pünktlich um halb neun Feierabend.
König zuckte zusammen, als plötzlich der schrille Pfiff einer Trillerpfeife direkt neben ihm ertönte.
»Zugriff. Deeskalation. Rechte Seite. Steinmauer«, brüllte eine Stimme. Sein Blick fuhr automatisch nach rechts.
An der Mauer, die den urigen Biergarten umschloss, hatte sich eine Menschenansammlung gebildet, stellte er überrascht fest.
Einige der Leute wichen gerade erschrocken zurück und gaben den Blick frei auf zwei Typen, die in einer Lache Blut am Boden lagen.
»Bist du eingeschlafen, oder was?«, raunzte dieser Schleimer Dressler ihn von der Seite an, »leg einen Zahn zu und schieb deinen Body da rüber. Die Mauer war dein Part der Überwachung. Haste ja toll hingekriegt.«
König schluckte und lief trabend hinter Dressler durch die Menge auf die Mauer zu.
»Gehen Sie aus dem Weg. Polizei!«
Er versuchte, nicht zu würgen, als er durch die Menge trat. Es war viel Blut geflossen. Der ganze Boden schimmerte in einem bräunlichen Dunkelrot. Einer der beteiligten Kerle, dessen Gesicht ähnlich aussah wie das Katzenfutter von Jutta, rappelte sich gerade schwankend vom Boden auf und wurde dabei von seinen beiden Kumpels gestützt, von denen einer heftig aus seiner schief stehenden Nase blutete.
»Kann mir bitte jemand sagen, was hier los war?«, fragte er resigniert in die Runde, nahm den Schutzhelm ab und strich sich müde sein verschwitztes, braunes Haar aus der Stirn.
»Da war so ein Verrückter«, keuchte der Unverletzte der drei Männer, »der ist von hinten auf Thomas drauf gesprungen, wie ein wild gewordenes Tier, ohne Vorwarnung und ohne was zu sagen. Hat auf ihn draufgeschlagen, einfach so. So was hab ich noch nicht erlebt. Ich hasse dieses Dortmunder Gesocks.« Er schüttelte schockiert den Kopf, atmete schwer, als wäre er selbst zusammengeschlagen worden.
König sah ihn schweigend an.
Eine blonde junge Frau trat hervor. »Er hat recht. Ich habe das Ganze beobachtet. Es ging ganz schnell. Die drei standen da, und der«, sie wies mit der Hand auf das zusammengesunkene Stück Mensch in der Blutlache, »der kam angerannt, sprang den einen an, würgte ihn und trat mit dem Fuß nach dem anderen. Als er den einen Mann zu Boden gebracht hatte, kam er in eine Art Blutrausch und schlug auf ihn ein, als würde es um sein Leben gehen.«
»Und dann habt ihr zurückgeschlagen, oder was? Immer schön rauf auf den Dortmunder.«
»Na ja«, meinte der mit der zertrümmerten Nase, »der Typ schien plötzlich wie weggetreten zu sein und glotzte wie hypnotisiert in die Menge, während er vorher nur damit beschäftigt war, Thomas halbtot zu schlagen. Ich habe die Chance ergriffen, ihm eine Flasche über den Hinterkopf gezogen und ihn außer Gefecht gesetzt. Der Typ«, seine Stimme zitterte, »er ist doch nicht tot?«
König trat vorsichtig mit der Schuhspitze in die Rippen des auf dem Boden liegenden Mannes. Ein Stöhnen erklang von unten.
»Nö. Ist er nicht«, erklärte König. »Hat sonst noch jemand was zu sagen, um den Sachverhalt zu klären?« Er sah sich fragend im Publikum um.
Markowski drängte plötzlich seinen haarigen, stämmigen Körper zwischen ihn und die Menge und stieß ihn grob zur Seite.
»So, König. Jetzt lass mal gut sein. Du bist diese Art von Arbeit doch gar nicht gewohnt. Ich übernehme.« Sein Stiernacken glänzte wie immer rot leuchtend, genauso wie sein Gesicht. Er zückte sein Notizbuch und begann mit seinen Befragungen.
Der Rettungswagen kam. Ein Sanitäter warf einen flüchtigen Blick auf die zwei ansprechbaren Verletzten, dann kniete er sich in die Lache Blut auf dem Boden, schob mit den behandschuhten Fingern das Augenlid des bewusstlosen Mannes nach oben und beleuchtete mit einer Lampe seine Pupille. Der Bewusstlose zuckte plötzlich, richtete sich auf, hob seine Hand und krallte die Finger in das schulterlange, gelockte Haar des Sanitäters.
»Fick dich«, schrie er ihn mit geschlossenen Augen an und spuckte dem Mann ins Gesicht, dann sank er zurück auf die Straße.
»Der Mann ist ok«, stellte der Sanitäter fest, räusperte sich und wischte sich den Rotz aus dem Gesicht, »die Wunde ist nicht tief. Ich werde sie desinfizieren, aber nehmen Sie ihn in Polizeigewahrsam. Der Junge muss sich dringend ausnüchtern. Falls Sie morgen eine ungewöhnliche Veränderung seiner Pupillen wahrnehmen, bringen Sie ihn ins Krankenhaus.«
Die Sanitäter verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.
Dressler, Markowski und König sahen den blinkenden Lichtern des Rettungswagens hinterher. Dann wandten sie ihren Blick der zusammengekrümmten Gestalt auf dem Boden zu.
»Wir müssen ihn mitnehmen«, stellte Markowski fest.
Sie sahen auf den jungen Mann mit den raspelkurzen Haaren und dem schwarzen T-Shirt hinunter.
»Wenn er mich anspuckt, lasse ich ihn fallen«, sagte Markowski entschlossen.
Sie schauten sich an. Ohne ein Wort zu sagen, griffen sich Dressler und Markowski jeweils einen Arm und ein Bein des Mannes, König schob seine Finger unter das Genick und sicherte den Kopf. Er stöhnte.
»Was hat der in seinem Schädel? Steine?«, rief er.
Er spürte das vertraute Ziehen in seinem Rücken.
Er war mit seinen 35 Jahren einfach zu alt für so einen Einsatz.
Sie schleppten den Mann zu ihrem Streifenwagen und versuchten, ihn nach hinten ins Auto zu legen. Ein dumpfer Knall ertönte.
»Vorsicht. Sein Kopf«, schimpfte Markowski.
Sie bugsierten ihn unter großen Anstrengungen auf den Rücksitz. Markowski schnaufte, und sein dicker Schnurrbart, der ihn aussehen ließ wie ein Walross, bebte dabei lustig auf und ab.
»Jetzt auf zur Wache, Jungs. Ab in die Zelle mit dem Typen, Berichte schreiben und Feierabend. Obwohl«, er kratzte sich am Kopf, »ich mir eigentlich nicht sicher bin, ob er nicht doch besser in ein Krankenhaus gehören würde. Na ja, was soll’s, ich bin kein Arzt. Los, auf geht’s.« Er klatschte in die Hände.
König hasste das. Es fühlte sich an, als wäre er ein Schuljunge und Markowski sein Lehrer.
Sie machten sich auf den Weg. Die Straßen waren voll, und es dauerte eine Ewigkeit, bis sie die Polizeiwache Nord erreichten. Dass der Mann auf dem Rücksitz langsam zu sich kam, war nicht zu überhören. Er stieß erst seltsame, lang gezogene Geräusche aus, dann brabbelte er irgendwelche unsinnigen Wörter vor sich hin, als würde er in einer fremden Sprache sprechen.
Ob er bei dem Schlag auf den Kopf seinen Verstand verloren hat? König wurde unruhig. Oder war er gar kein Mensch? Vielleicht kam er von einem anderen Planeten und war hier, um die Erde zu vernichten. Er versuchte, sich zusammenzureißen. Er spielte wirklich zu viele Computerspiele, seine Fantasie ging immer öfter mit ihm durch.
Er drehte seinen Kopf nach hinten und musterte den verletzten Mann. Dieser riss genau in diesem Augenblick die blutunterlaufenen Augen auf und starrte ihn an.
»Verpiss dich, Bullenschwein«, schrie der Mann ihn an.
König war beruhigt. Es war kein Außerirdischer, so ging das normale Volk heutzutage mit Polizisten um. Alles ganz normal.
Er lächelte, als der Mann wüste Flüche und Beschimpfungen von hinten brüllte. Die Polizisten stellten sich taub.
Als sie auf der Wache ankamen, schien der Mann erschöpft zu sein, leistete keine Gegenwehr und ließ sich mit hängendem Kopf in das Büro führen.
Sie nahmen sein Handy an sich und überprüften seine Personalien. Markowski zog seine buschigen Augenbrauen nach oben. »Oha. Schon öfter hier gewesen, was? Immer wegen Gewaltdelikten und Körperverletzung. Na, dann kennst du dich ja aus.«
Der Mann reagierte nicht.
Irgendwie schien ihm alles egal zu sein, dachte König. Etwas an diesem Mann machte ihn traurig. Er wirkte einsam und ernsthaft verzweifelt.
Sie brachten ihn in die Ausnüchterungszelle, wo er sich von selbst, ohne dass sie ihm Anweisungen geben mussten, die Schuhe auszog und den Gürtel ablegte und ihnen schweigend in die Hand drückte. Dann legte er sich in der Zelle auf die Pritsche und starrte an die Decke.
»Angenehme Nacht«, rief Markowski ihm zu und schloss die Zellentür. Er rieb seine dicken Hände aneinander und musterte nacheinander Dressler und König.
»Und wer, was denkt ihr, wer schreibt jetzt den Bericht?«, fragte er vergnügt in die Runde und zwinkerte Dressler zu.
»König. Wer sonst?«, Dressler kicherte wie ein kleines Mädchen.
»Was? Warum ich schon wieder?«, fragte König zickig.
»Weil du, Tim König«, Markowski tippte ihm mehrmals mit dem Zeigefinger gegen die Brust, »vor Kurzem wieder mal zwei Wochen einen Schein genommen und krankgefeiert hast. Glaub mir, wir wissen genau, dass du nicht wirklich krank warst.«
König schnappte nach Luft. »Das ist eine Unterstellung«, fing er empört an, doch Markowski unterbrach ihn.
»Fang bloß nicht an, dich rauszureden, sonst werde ich ernsthaft wütend. Mach dich an die Arbeit. Strafe muss sein und übrigens, geh endlich mal zum Friseur. Deine Haare sind viel zu lang und stehen von deinem Kopf ab, als hättest du einen Stromschlag bekommen. Du könntest glatt als Musiker in einer dieser ausgeflippten Reggae-Bands durchgehen, bald nenne ich dich nur noch Pumuckl«, er stieß ein bellendes Lachen aus, »los, Dressler. Wir trinken noch ein Feierabendbier zusammen, dann geht’s ab nach Hause.«
Das Klatschen seiner Hände hallte über den Flur.
König sah Dresslers höhnisches Grinsen noch vor sich, als er sich in dem stickigen, kleinen Büro an den Schreibtisch setzte, erfolglos versuchte, mit der Hand sein widerspenstiges, kurzes Haar zu glätten und den Computer hochfuhr.
Jakobs Kopf dröhnte, als er erwachte und durch seine verquollenen Augen linste, um zu erkennen, wo er sich befand.
Der gestrige Tag rauschte wie verschwommener Brei durch sein Gehirn und ließ sich nicht fassen. Er richtete sich auf, setzte sich auf die Pritsche, auf der er gelegen hatte, und blickte irritiert um sich.
Es dauerte einige Zeit, bis er zuordnen konnte, dass er sich in einer Gefängniszelle aufhielt.
Er starrte auf seine Hände, an denen getrocknetes Blut klebte. Hoffentlich hatte er den anderen wenigstens gut erwischt, dachte er und sah sich um.
Er kannte diese quadratischen, winzigen Räume nur zu gut. Er stand auf, machte einen großen Schritt und erreichte die gegenüberliegende Wand, wo sich eine Toilette und ein im Boden fest verankertes Waschbecken befanden, und begann, sich kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen. Das Becken verfärbte sich rot. Vorsichtig betastete er mit der Hand sein Gesicht, die frisch verschorfte Wunde und die riesige Beule an seinem Hinterkopf.
Er zuckte vor Schmerz zusammen, stellte aber erleichtert fest, dass seine Verletzungen nicht weiter schlimm waren. Manche seiner Schlägereien waren übler ausgegangen. Er konnte sich bewegen und schien keine Knochenbrüche zu haben. Es gelang ihm, ohne Schwierigkeiten zu atmen, und er hatte noch alle seine Zähne im Mund. Alles in Ordnung. Jetzt musste er nur noch hier raus. Er ging zur Tür und hämmerte mit den Fäusten dagegen.
»Hallo?«, rief er, »kann mich vielleicht mal irgendwer rauslassen? Ich habe noch was anderes zu tun, als hier abzuhängen.«
Es dauerte eine Ewigkeit, bis er trottende Schritte und das Geklirre eines Schlüsselbundes vor der Tür hörte.
Typisch, die Bullen mussten einem mit jeder kleinen Geste klarmachen, dass sie am längeren Hebel saßen. Arme Schweine eigentlich, wenn sie so was nötig hatten.
Ein Riegel wurde zur Seite geschoben, und ein dickes Bullengesicht schaute durch das kleine vergitterte Fenster, das in der Tür eingebaut war.
»Na. Schon wach?«, brummte der Mann draußen.
»Ne, ich liege eingekuschelt auf eurer verfickten Pritsche und schlafe wie ein Baby«, schrie Jakob ihm durch die Tür zu und sprang ungeduldig auf und ab.
»Ich mein ja nur. Wundert mich, dich so ausgeschlafen zu sehen, so wie du letzte Nacht geschrien hast. Wir waren kurz davor, den Arzt zu rufen, und der mag es gar nicht, wenn er nachts gestört wird. Hast uns ganz schön auf Trab gehalten«, erklärte der Wärter.
Diese verdammten Albträume. Sie würden nie aufhören, Jakob zu verfolgen.
»Ist mir scheißegal, was mit eurem Arzt ist. Ihr könnt das Wohnzimmer hier für den nächsten Gast fertig machen, ich bin bereit abzureisen.«
»Immer langsam, junger Mann«, sagte der Bulle beschwichtigend, »ich werde nachfragen, ob du gehen kannst.« Er schlurfte davon.
Jakob begann, durch den Raum zu laufen, von einer Ecke in die andere, und wartete. Nervös wischte er sich seine feuchten Handflächen an der Jeans ab. Endlich kam der Bulle zurück, schloss umständlich die Zellentür auf, händigte Jakob in einem langen Prozedere Schuhe, Gürtel, Wertsachen und seinen Ausweis aus und ließ ihn irgendein Dokument unterschreiben. Dann durfte er gehen.
Von der Sonne geblendet, trat er durch die Glastür der Polizeiwache auf die Straße, wo ihn ein heißer Sommervormittag empfing. Er blinzelte und wollte gerade den Weg nach Hause antreten, als er mitten in der Bewegung innehielt und abrupt stehen blieb.
Auf dem Rand eines Betonkübels, in den, bei einem vergeblichen Versuch, das Nordstadtbild zu verschönern, von einem der vielen alternativen Gutmenschen ein traurig aussehendes Bäumchen gepflanzt worden war, saß Nelu, rauchte eine Zigarette und blickte zu ihm hinüber.
Zögernd machte Jakob einen Schritt auf ihn zu, blieb dann wieder stehen.
Was wollte der Typ von ihm? Hatte er auf ihn gewartet?
War er ein Stalker oder so was?
Entschlossen wandte er sich ab und begann, die Straße in die entgegengesetzte Richtung entlang zu laufen.
»Was ist los? Hast du Angst vor mir?«, rief Nelu hinter ihm her und lachte heiser.
Seine Stimme zog Jakob magisch an. Er gab sich einen Ruck und ging mit klopfenden Herzen auf ihn zu.
Er fühlte sich schäbig in seiner blutverschmierten, zerknitterten Kleidung, die er schon gestern getragen hatte, er roch nach Schweiß und hatte seine Zähne nicht geputzt.
Nelu verströmte einen frischen Duft nach teurem Parfüm. Er bot Jakob schweigend eine Zigarette an. Sie rauchten wortlos.
»Du kannst gut kämpfen. Hab dich vor dem Stadion gesehen.« Anerkennend sah Nelu ihn an, während Jakob verärgert spürte, wie er rot anlief.
»Außer natürlich, wenn du abgelenkt und von so Weicheiern hinterrücks mit einer Flasche k.o. geschlagen wirst.« Nelu lachte. »Das hätte echt nicht sein müssen. Los komm, wir gehen.«
Als wäre es das Natürlichste auf der Welt, spazierten sie nebeneinander los. Schweigend schlugen sie den Weg Richtung Stadtkern ein und überquerten den Burgwall.
Nelus Gang hatte etwas Tänzelndes. Jede seiner Bewegungen verströmte Energie. Die Aura, die ihn umgab, war so stark, dass sie zu leuchten schien und Jakob sich sicher war, sie sehen zu können.
Die Straßen füllten sich, als sie sich dem Brückstraßenviertel näherten. Selbst an einem Sonntag herrschte hier reges Treiben. Früher als Treffpunkt der Drogen- und Rotlichtszene bekannt, hatte sich das Viertel inzwischen zu einem bunten Szenequartier entwickelt. Fressbuden, Kinos und Kneipen reihten sich dicht aneinander. Menschen, verschiedenster Kultur und Herkunft, kreuzten ihren Weg. Frauen, die ihnen entgegenkamen, starrten Nelu mit bewundernden Blicken an. Er wurde offen angehimmelt. Leidenschaftliche Blicke verfolgten sie.
Der seltsame Mann lungerte an einer der Hauswände herum. Jakob bemerkte ihn schon von Weitem. Er starrte ihnen entgegen, gekleidet in seinem klassischen, braunen Anzug, mit seinem Lederkoffer in der Hand, wirkte er wie ein Bankangestellter, seine gebeugte Körperhaltung allerdings sah irgendwie schräg aus. Er krümmte sich zusammen, als hätte er heftige Schmerzen. Er kam ihnen mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf entgegen, blickte ab und zu auf und strahlte Nelu mit verzerrtem Gesicht an. Er schwitzte stark und strich sich ruckartig feuchte Haarsträhnen aus der Stirn.
Sein verkrampftes Grinsen sah nicht normal aus, stellte Jakob angewidert fest, als er sich ihnen näherte.
Kriecherisch griff der Mann nach Nelus Hand und verbeugte sich beim Händeschütteln mehrmals vor ihm. »Vasile, wie schön, dich zu sehen. Es bleibt bei heute Abend, ja? Es geht doch alles klar, oder?« Er klang nervös und bettelnd, wie ein Kind, das unbedingt Süßigkeiten haben will.
»Klar«, bestätigte Nelu knapp, ohne das kranke Lächeln des Mannes zu erwidern.
Der Mann blieb einen Moment unschlüssig stehen, nickte immer wieder hektisch und lief dann hastig davon, ohne sich zu verabschieden.
»Ich dachte, du heißt Nelu«, murmelte Jakob und blickte dem Mann irritiert hinterher.
»Ein richtiger Rumäne hat viele Namen.«
Jakob sah ihn an. »Du bist Rumäne?«
»Scheiße gelaufen, was? Jetzt rennst du hier mit ’nem Ausländer durch die Stadt. Wie peinlich für dich, du strahlender Sohn deutscher Helden.«
Jakob wollte widersprechen, doch Nelu ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Ich verstehe dich schon«, er klang versöhnlich, »ich bin ganz deiner Meinung. Meine Landsleute sind der letzte Dreck, strohdumm und nicht in der Lage, was aus ihrem Leben zu machen. Hilflose, verblödete Irre sind das. Und sie sind faul. Sie stinken wie Abfall, weil sie zu faul sind, sich zu waschen.« Er lachte.
Jakob starrte ihn ungläubig an.
»Ich meine das völlig ernst«, versicherte ihm Nelu, »ich werfe mich selbst nicht mit denen in einen Topf. Ich habe mit den Menschen meiner Nationalität nichts, rein gar nichts gemein.«
Er wurde ernst, richtete sich auf und reckte das Kinn nach oben. »Ich bin anders.«
Jakob nickte, das glaubte er ihm aufs Wort. Schweigend setzten sie ihren Weg fort.
Unweit der Fußgängerzone hockte eine Gruppe Afrikaner auf einer Bank vor dem Pylon, einer 49 Meter hohen Konstruktion aus Stahl und Glas, die wohl Kunst darstellen sollte. Die Männer machten Scherze und unterhielten sich angeregt.
»Schlimmer noch als Rumänen ist dieser schwarze Dreck«, brüllte Nelu plötzlich aus vollem Hals in ihre Richtung. »Neger, Syrer, Türken, Mulatten. Alle so viel wert wie der Dreck, der unter meinen Schuhsohlen klebt. Ich scheiß auf Dortmunds multikulturelles Gehabe.«
Jakob war von Nelus rasantem Stimmungswechsel hingerissen. Seine Wut kam aus dem Nichts, strömte aus ihm heraus, sprühte schillernde Funken und flimmerte in leuchtenden Farben durch den öden, stickigen Sonntagnachmittag.
Nelu fixierte die afrikanischen Männer mit hasserfülltem Blick. Seine Augen glühten.
Der Klingelton von Nelus Handy durchbrach die angespannte Stimmung. Genervt zog er das Gerät aus seiner Hosentasche und entfernte sich. Beim Telefonieren lief er weiter den Gehsteig entlang. Jakob folgte ihm.
»Natürlich, Margarete«, zwitscherte Nelu mit sanfter Stimme, »bitte beruhige dich. Es gab gute Gründe dafür, dass ich dich gestern versetzt habe. Mein kranker Bruder hatte wieder einen Rückfall. Wie bitte? Es kann doch nicht sein, dass du so etwas von mir denkst. Bitte mach mich nicht traurig.« Seine Stimme klang kläglich, aber er grinste Jakob von der Seite an und verdrehte dabei die Augen.
»Natürlich habe ich dein Geld für seine Therapie verwendet. Es ging ihm ja auch schon wieder besser. Aber was soll ich sagen, die Ärzte meinten, ein Rückfall könne immer wieder vorkommen, genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.«
Er stöhnte theatralisch auf.
»Jetzt geht das Ganze wieder von vorne los. Ich werde neues Geld in seine Behandlung stecken müssen. Was?« Er zögerte.
»Ich komme nur, wenn du mir versprichst, mir nie wieder zu unterstellen, dass ich nur auf dein Geld scharf bin. Ich habe auch Gefühle. Margarete, he Engelchen, hör auf zu weinen.« Er wartete einen Moment.
»Ich komme vorbei, dann können wir in Ruhe reden. Bin schon unterwegs.« Er machte albernde Kussgeräusche in den Hörer und steckte das Handy weg.
Jakob starrte ihn entgeistert an. Nelu zuckte entschuldigend mit den Achseln.
»Dumme alte Pute«, erklärte er trocken und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Also, Jakob«, er wirkte abgelenkt, »ich hab was Geschäftliches zu tun. War nett, dich kennenzulernen.«
Jakob spürte eine Leere in seinem Inneren, die wehtat.
Nelu überlegte einen Augenblick.
»Soll ich dich nach Hause fahren?«, fragte er dann.
Jakob nickte stumm. Nelu wies ihn mit einer Handbewegung an, ihm zu folgen.
Sie bogen in eine Seitenstraße ein und gingen auf einen alten, verrosteten VW zu. Nelu deutete mit der Hand auf das Fenster des Wagens, das wegen der Hitze einen winzigen Spalt geöffnet war.
»Gut. So ist es am einfachsten«, murmelte er zufrieden.
Er schaute sich kurz nach allen Seiten um, langte dann in seine Schultertasche und zog eine platte, biegsame Eisenstange hervor, die vorne an der Spitze einen kleinen Haken hatte. Mit einem geübten Griff fuhr er mit der Stange durch den Fensterspalt und hebelte professionell in Sekundenschnelle von innen die Tür auf. Er schwang sich auf den Fahrersitz, riss mit einem Ruck unter dem Lenkrad die Kabel aus der Armatur, rieb sie aneinander und startete den Wagen.
»Worauf wartest du? Steig endlich ein«, rief er ungeduldig nach draußen, »geht’s ein bisschen schneller oder bist du eingeschlafen?«
Jakob riss sich zusammen und setzte sich zu ihm in den Wagen.
»Du klaust so einfach ein Auto?«, stammelte er unbeholfen.
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich Rumäne bin. So was lernt man bei uns schon als Kleinkind.« Nelu lächelte versonnen.
»Wo müssen wir denn hin?«
Jakob erklärte stockend, wo er wohnte.
»Wir treffen uns morgen Abend um acht Uhr auf dem Hansaplatz. Sei pünktlich«, befahl Nelu.
Jakob nickte wie eine Marionette, deren Fäden ein anderer zog.
Als sie die Innenstadt hinter sich ließen und Richtung Norden fuhren, er den Fahrtwind durch das Fenster auf seinem Gesicht spürte und sich langsam entspannte, begann ein Gefühl von Freiheit sein Herz zu kitzeln, und das Lachen, das tief aus seiner Brust hervorquoll, war hemmungslos und laut.
Leyla Öztürk lehnte in der offenen Tür des kleinen Gemüseladens ihres Vaters und blinzelte in die Sonne. Aus den geöffneten Fenstern ihrer Nachbarn schallte ein wirrer Mix aus Musik durch die Blumenstraße. Türkische Klänge vermischten sich mit deutschem Schlager, aus dem Haus gegenüber dröhnte harter Punkrock. Lelya lächelte. Sie mochte dieses Viertel. Jeder ließ den anderen leben, so wie er war. Zwei Studenten fuhren lachend mit den Fahrrädern an ihr vorbei und winkten ihr zu. In den Getränkehaltern an ihren Rädern steckten Bierflaschen. Auf der anderen Straßenseite malten zwei schmutzige, dünne Kinder mit leidenschaftlicher Energie Kreidezeichnungen auf den Bordstein. Vor der Trinkhalle hatten sich die üblichen Kunden zu einem Schwätzchen verabredet.
Leyla kniff ihre großen, schwarzen Augen zusammen. Den jungen, schlanken Mann, der in seinem eleganten Anzug auf ihren Laden zu schlenderte, hatte sie hier noch nie gesehen. Mit einem herablassenden Lächeln auf seinem schönen Gesicht kam er auf sie zu.
Er strahlte Kälte aus. Leyla kreuzte die Arme vor der Brust und unterdrückte ein Schaudern. Seine dunkelblauen Augen bohrten sich in ihre, als er sich ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorbei schob und den Laden betrat.
Leyla folgte ihm misstrauisch, stellte sich hinter die Ladentheke und beobachtete ihn. Verächtlich sah er sich in dem, mit Regalen zugestellten, dunklen Verkaufsraum um. Ein Lichtstrahl fiel durch das Fenster auf die ramponierten Dielen des alten Holzfußbodens und ließ tanzende Staubflocken sichtbar werden. Der fremde Mann passte nicht hierher. Er wirkte in seiner schicken Kleidung und dem perfekt sitzenden, nach hinten gegeelten Haar, zwischen den staubigen Einmachgläsern und den Körben mit Obst, Gemüse und Kräutern wie eine Karikatur. Er nahm einen Apfel in die die Hand und roch daran. Mit einem abfälligen Gesichtsausdruck ließ er ihn von oben zurück in den Korb fallen.
Lelya konnte sich nicht länger zurückhalten. »He, ein bisschen vorsichtiger mit unserer Ware, ja? Die Früchte gehen kaputt, wenn sie so geworfen werden.«
Langsam drehte er sich zu ihr um. Leyla schluckte schwer. Der Mann fixierte sie einen Moment mit kaltem Blick, dann wanderte er weiter durch den Laden und verschwand hinter den Regalen. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen. Die Stille im Raum war bedrückend. Der Mann tauchte wieder auf und wandte sich der Tür zu.
»Moment mal, Freundchen.« Lelya blickte auf die große Beule in der Sakkotasche des Mannes. »Was hast du da? Hast du was geklaut, oder was?«
»Süße, das würde ich nie tun. Nicht bei einem so bezaubernden Mädchen, wie du es bist. Hab ich auch gar nicht nötig.« Seine melodische Stimme klang angenehm. Sein Gesicht sah hinreißend aus.
Leyla ließ sich nicht täuschen.
Mit schnellen Schritten ging sie zornig auf den Mann zu, bis sie dicht vor ihm stand. Sein Atem roch nach Alkohol.
