Engagier dich oder stirb! - Nicole Makarewicz - E-Book

Engagier dich oder stirb! E-Book

Nicole Makarewicz

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Beschreibung

Wenn du plötzlich für etwas Ernsteres ein Alibi brauchst, als dafür, beim Schulbuffet immer nur Fertigkuchen abzuliefern Drillingsmädchen erziehen? In der Vorstellung wie bei Mary Poppins, in der Realität so, als hätte man Deadpool mal drei zu Hause Lust darauf, die gesellschaftlich erwünschte Mama-Fassade zu kultivieren, hat Finja keine. So gar keine. Denn der Alltag mit schulpflichtigen Drillingsmädchen ist alles andere als häusliche Idylle. Wenn die anderen Eltern wüssten, dass Finja beruflich zu allem Überfluss auch noch Schmuddelromane schreibt, könnte sie ihren Ruf komplett in die Tonne treten. Warum sie trotz alledem im Elternverein der Klasse ihrer Töchter sitzt, kann sie sich selbst nicht so genau erklären. Das muss so eine „Ich gebe euch den kleinen Finger … und schwupps, weg ist komplette Arm"-Sache gewesen sein. Wenn die Problemlösung noch unangenehmer ist als das Problem selbst Dass ihre Elternverein-Nemesis abtritt – also stirbt, denn freiwillig würde Übermutter Sybylle auf keine Gelegenheit verzichten, sich einzumischen – käme Finja grundsätzlich nicht ungelegen. Blöderweise ist ihre Feindschaft allen bekannt und Finja noch schneller im Visier der anderen Eltern und der Polizei, als sie ahnen hätte können. Ein Alibi hätte sie ja schon, aber ob der One-Night-Stand, der ihre jahrelange erotische Durststrecke neulich unterbrochen hat, da eine verlässliche Quelle ist? Wenn sie zumindest seinen Namen wüsste … oder seine Adresse. Ciao Mama-Klischees! Wem viel zu lange Diskussionen auf viel zu kleinen Stühlen bekannt vorkommen, hat mit diesem Krimi eine helle Freude … und ein moralisch vertretbares Ventil, um den dabei entstandenen Mordgelüsten Luft zu machen. Nicole Makarewicz, selbst Mutter, hat mit diesem Buch einen grandiosen Reihenauftakt geschaffen. Sie spricht nicht nur Eltern an, die mit ihren Mit-Eltern noch eine Rechnung offen haben, sondern alle modernen selbstbestimmten Frauen und Mütter, die zwar nicht immer Kurs, aber den Kopf über Wasser halten.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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HAYMON taschenbuch 340

Nicole Makarewicz

Engagier dich oder stirb!

Ein Krimi aus der letzten Bankdes Elternvereins

Nicole Makarewicz

Engagier dich oder stirb!

 

 

Für alle Mütter, die mitunter strudelnd, stolpernd und strauchelnd Alltag und Familie unter einen Hut bringen und sich außerdem auch noch mit Schulangelegenheiten herumärgern müssen.

Wir sind viele.

 

 

 

Der Inhalt und die handelnden Personen dieses Buches sind meiner Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen oder tatsächlichen Ereignissen lag nicht in meiner Absicht – und wäre ein selbst für mich ziemlich überraschender Zufall. Einige real existierende Örtlichkeiten bzw. Veranstaltungen habe ich den Bedürfnissen der Handlung angepasst. Sämtliche Fehler und Ungereimtheiten gehen selbstverständlich auf mein Konto.

Inhalt

Prolog

Willkommen im fünften Kreis der Elternhölle!

Mission Horizontale

Wenn einmal ein Wunsch in Erfüllung geht – dann ist es garantiert der falsche!

Ihr Kinderlein kommet – und zwar flott!

Lupenrein

In Sippenhaft ist man wenigstens nicht allein

Trauer, marsch!

Muttersorgen, Vaterfreuden

Was die Langhaus nicht weiß, wollte ich eigentlich auch nicht wissen

Wer die Reißleine nicht zieht, knallt auf den Boden der Tatsachen

Doras delikates Geheimnis

Auf in den Kampf!

Epilog

Danksagung

Prolog

Ich sterbe. Der Schmerz ist unerträglich. Mein Bauch krampft sich zusammen. Überall ist Blut. Zu viel Blut. Angst schnürt mir den Hals zu, ich bekomme keine Luft, gerate in Panik, hyperventiliere. Mein Sichtfeld verengt sich, ich verliere das Gefühl in meinen Händen. Ich klammere mich ans Bewusstsein, versuche, nicht ohnmächtig zu werden.

Eine Gestalt beugt sich über mich. Es ist Lucia. Ich solle mich auf ihre Stimme konzentrieren, sagt sie, langsam atmen, darauf vertrauen, dass alles gut ausgehen werde. Ihre beruhigenden Worte bilden den Gegenpol zur effizienten Hektik, die uns umgibt. Während ich mit der Panik kämpfe, wird mein Bett in den OP-Trakt geschoben. Die Plazenta hat sich abgelöst, ich drohe zu verbluten, die Herztöne meiner Kinder sind abgefallen, jetzt muss es schnell gehen.

Die Gefahr, in der ich schwebe, ist ein abstraktes Hintergrundrauschen, es sind die Babys, die meine Gedanken beherrschen. Seit Wochen muss ich strikte Bettruhe einhalten, jeder weitere Tag Schwangerschaft ist hart erkämpft. Nur noch zwei Tage bis zur fünfunddreißigsten Woche, zwei Tage, die meine Kinder jetzt nicht mehr haben.

Lucia hält meine Hand, streichelt sie sanft mit dem Daumen. Sie ist mein einziger Halt in dem geordneten Chaos, in dem ich weniger Person bin als Objekt, etwas Kaputtgegangenes, das repariert werden muss. Ich bemühe mich, es als gutes Omen zu sehen, dass Lucia heute Dienst hat. Sie ist meine Lieblingshebamme, sie war es, die Alarm geschlagen hat. Ohne sie, wer weiß, was geschehen wäre. Dennoch bin ich zu verängstigt, um zu hoffen. Es ist zu früh und ich bin alleine und alles ist falsch. Obwohl mir erklärt worden ist, was mit mir geschieht, bekomme ich meine Angst nicht unter Kontrolle. Ich bemerke nicht, dass ich weine, bis Lucia mir behutsam die Tränen abwischt. Ich konzentriere mich auf sie, ihre Zuversicht, versuche alles um mich herum auszublenden. Ihr Gesicht ist das Letzte, was ich sehe, dann ist da nichts mehr.

Ich drifte Stück für Stück zurück ins Bewusstsein und verliere mich gleich wieder im Nebel. Mir ist kalt, ich zittere. Jemand deckt mich zu, sagt etwas, das für mich keinen Sinn ergibt. Dann bin ich wieder weg. Nur langsam fügt sich die Realität zusammen.

Ein stechender Schmerz lässt mich zusammenzucken und aufstöhnen. Ich versuche, mich aufzusetzen. Eine Krankenpflegerin kommt zu mir und drückt mich sanft, aber unerbittlich zurück.

„Sie müssen vorsichtig sein“, mahnt sie freundlich. Ihr dunkles Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, was sie sehr jung wirken lässt.

„Wie geht …“ Ich bringe die Frage nicht über die Lippen, mir graut vor der Antwort.

„Ihren Töchtern geht es wunderbar.“ Die professionelle Freundlichkeit weicht einem echten Lächeln. „Alle drei atmen selbstständig. Sie sind richtige kleine Kämpferinnen.“

Ich zögere, nach Details zu fragen. Zu groß ist meine Angst vor dem, was ich erfahren könnte. Operationen, Schmerzen, Leid. All das will ich meinen Kindern ersparen.

„Sind sie gesund?“ Meine Worte sind so leise, dass ich meine Stimme selbst kaum höre. „Wenn sie nicht beatmet werden müssen, heißt das, dass mit ihnen alles in Ordnung ist?“

„Die bisherigen Untersuchungsergebnisse waren unauffällig. Sie können stolz auf sich sein, das haben Sie gut gemacht.“

Die Krankenpflegerin senkt die Stimme, beugt sich vertraulich zu mir. Ein Mix aus Desinfektionsmittel und einem fruchtigen Duft steigt mir in die Nase.

„Wir haben alle mit Ihnen mitgefiebert. Drillingsgeburten haben wir fast nie und so dramatisch wie bei Ihnen wird es auch nur selten. Sie können sich nicht vorstellen, wie froh wir sind, dass alles gut ausgegangen ist!“

Erleichterung und Sehnsucht überfluten mich. Ich bin aufgerieben, wund, habe das Gefühl, von innen nach außen gestülpt worden zu sein. Meine Emotionen überwältigen mich. Ich will meine Kinder, will meine Vorstellungen mit der Realität in Einklang bringen, mich vergewissern, dass tatsächlich alles gut ist.

„Darf ich sie sehen?“

„Ein bisschen müssen Sie sich noch gedulden, die Anästhesie wirkt noch nach, aber sobald wir Sie auf Ihr Zimmer verlegen können, werden die Kleinen zu Ihnen gebracht.“

Ich schließe die Augen. Sperre die Welt aus und die Ungeduld. Und warte.

Das Zweibettzimmer auf der Geburtenstation ist überraschend geräumig. Noch habe ich es für mich allein. Meine Zimmernachbarin ist im Kreißsaal. Seit einigen Stunden schon, erzählt mir die Stationsschwester, und dass sich die Arme ganz schön plagen müsse, aber es sei bei Erstgebärenden normal, dass es dauere. Zumindest das ist mir erspart geblieben, denke ich, aber so richtig überzeugend fühlt es sich nicht an. Die Operationswunde tut weh und alle paar Minuten krampft sich meine Gebärmutter zusammen. Davon, wie schmerzhaft die Nachwehen trotz Kaiserschnitt sein können, hatte ich keine Vorstellung. Mir dämmert, dass ich auf mein Dasein als Mutter nicht vorbereitet bin. Zartrosa Vorstellungen kollidieren mit der schmerzroten Realität. Meine Brüste sind prall, berührungsempfindlich und ziehen. Ist es für den Milcheinschuss nicht noch zu früh? Warum weiß ich so etwas nicht? Wieso habe ich mich nicht besser informiert?

Ich bin nervös, ängstlich, traurig und aufgekratzt. Außerdem ist mir schlecht. Aufregung schlägt mir auf den Magen, dazu kommen die Nachwirkungen der Anästhesie. Es ist ein bisschen wie vor einem ersten Rendezvous, nur dass meine drei Töchter für immer Teil meines Lebens bleiben werden.

Es klopft. Endlich! Erwartungsvoll rapple ich mich auf und unterdrücke einen Schmerzenslaut. Ohne meine Antwort abzuwarten, betreten zwei Polizisten das Zimmer. Der Jüngere muss an die zwei Meter messen, beim Hereinkommen zieht er unwillkürlich den Kopf ein. Sein deutlich kleinerer Kollege scheint frühzeitig ergraut zu sein, ich schätze ihn auf Mitte vierzig. Sie wirken bedrohlich, fehl am Platz, Eindringlinge in einer Welt, zu der sie keinen Zutritt haben sollten.

Der Ältere räuspert sich unbehaglich. Es ist sein Kollege, der schließlich das Wort ergreift und sie vorstellt. Irgendetwas mit -inger und -sil, ich vergesse die Namen bereits, während ich sie höre.

„Frau Wallersburg?“

Zögernd nicke ich. Wenn ich die Augen zumache, verschwinden sie dann?

„Es tut mir leid, ich habe schlechte Nachrichten.“

Die Babys!, ist mein erster Gedanke, aber wenn etwas mit den Kindern nicht in Ordnung wäre, würde jemand vom Krankenhauspersonal vor mir stehen, nicht zwei Polizisten, die sich mit der Situation ebenso unwohl zu fühlen scheinen wie ich.

„Es hat einen Unfall gegeben.“ Jedes Wort ist überdeutlich artikuliert.

Ob es Schulungen für Exekutivbeamte gibt, wie schlimme Neuigkeiten überbracht werden sollen? Benützen Sie einfache Sprache, kurze Sätze, sprechen Sie langsam und betont.

„Wer?“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern. Der Unfall muss gravierend gewesen sein, warum sonst wären sie hier? Meine Mutter, meine Schwestern, was, wenn einer von ihnen etwas passiert ist?

Bitte nicht, beschwöre ich alle vorstellbaren höheren Wesen, macht, dass es ihnen gut geht!

„Der Wagen Ihres Lebensgefährten Martin Mayer wurde frontal von einem PKW gerammt, der ihm auf der falschen Straßenseite entgegengekommen ist.“

Die Worte dringen kaum zu mir durch. Es dauert einige Sekunden, bis ich ihre Bedeutung erfasse. Scham steigt in mir auf. Oh mein Gott, Martin! An ihn habe ich nicht gedacht, nicht in den dramatischen letzten Stunden, nicht einmal jetzt. Ich habe zwar am Vormittag versucht, ihn zu erreichen, bin aber jedes Mal auf die Mobilbox weitergeleitet worden. Wenig überraschend, denn dort landete ich fast immer, und daran hatte sich auch nichts geändert, seit ich im Krankenhaus bin. Da er mich zudem nur sporadisch besuchte und seine allabendlichen Anrufe eher einer Pflichtübung glichen als dem Austausch eines aufgeregten Paares, das drei gemeinsame Kinder erwartete, spielte er in meinem Krankenhausalltag keine nennenswerte Rolle. Dass er nicht der Erste war, der mir in den Sinn gekommen ist, sagt mehr über unsere Beziehung aus, als ich mir eingestehen will.

„Ein Unfall?“ Ich stolpere über die beiden Worte, als müsste ich einen langen Satz in einer Fremdsprache formulieren.

„Ein entgegenkommender Wagen hat Herrn Mayers Auto auf der A4 Richtung Süden auf der Höhe von Fischamend gerammt. Beide Fahrzeuge waren mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Ihr Lebensgefährte war auf der Stelle tot, der andere Unfalllenker ist auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben.“

Es fällt mir schwer, das Gehörte zu begreifen. Tot. Weg. Endgültig. Das passt nicht zu Martin, der sich nicht festlegen will, sich schon in die Enge getrieben fühlt, wenn mögliche Urlaubspläne angesprochen werden.

„Er ist tot?“ Es auszusprechen, fühlt sich falsch an.

„Ja, es tut mir leid.“

„War es ein Geisterfahrer?“

Der junge Beamte bejaht.

Ein Geisterfahrer ist Martin jetzt auch, denke ich und kann nur mit Mühe verhindern, in hysterisches Gelächter auszubrechen. Das Bild eines Martin-Gespenstes, das viel zu schnell über die Autobahn brettert, habe ich so deutlich vor Augen, dass ich sie zusammenkneifen muss, um es zu vertreiben. Zu viel ist heute schon passiert, kein Wunder, dass mein System crasht. Und dann wird mir mit einem Schlag die Bedeutung des Gesagten bewusst: Martin ist tot. Meine Kinder haben keinen Vater mehr. Ich muss sie allein großziehen. Dabei wollte ich es doch anders machen als meine Mutter. Nur deshalb habe ich an unserer Beziehung festgehalten, die im Grunde bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen ist.

Abwartend stehen die beiden Polizisten neben meinem Bett. Ob sie ahnen, was in mir vorgeht? Können sie mir ansehen, was ich denke? Wie knapp ich am Wahnsinn entlangschramme?

Schon wieder habe ich den Faden verloren, bin abgeschweift. Ich muss mich konzentrieren, die richtigen Fragen stellen.

„Wann ist der Unfall passiert?“

„Kurz vor vierzehn Uhr.“

Ich wurde ein paar Minuten vor zwölf in den OP gebracht. Zu diesem Zeitpunkt hat Martin also noch gelebt. Warum hat er nicht zurückgerufen? Hat er die Mobilbox überhaupt abgehört? Aber wichtiger noch: Als Lebensmittelchemiker arbeitet er im Labor, Dienstfahrten sind nicht vorgesehen. Wohin also war er unterwegs?

Das alles sind Fragen, die ich nicht stelle. Fragen, die mir die Polizei nicht beantworten kann.

***

Fast zwei Wochen später, als ich im Schlafzimmer Martins Handy finde, bekomme ich die Antwort auf die Fragen, die ich der Polizei nicht stellen konnte. Er hat es am Tag des Unfalls zu Hause vergessen, vielleicht auch absichtlich daheim gelassen. Den Code kenne ich zwar nicht, ich benötige aber trotzdem nur zwei Versuche, das Gerät zu entsperren. Sein Geburtsjahr. Martin war weder auf seine Sicherheit bedacht noch sonderlich kreativ. Die Push-Notifikationen, die aufpoppen, zeugen von vier entgangenen Anrufen am Tag des Unfalls und ebenso vielen Nachrichten auf der Mobilbox. Alle von mir. Keine davon abgehört.

Ich stöbere weiter, brauche Gewissheit. Schon lange schwelt in mir ein Verdacht, den ich während meiner Schwangerschaft immer wieder ins Unterbewusstsein zurückzudrängen versucht habe. Jetzt will, nein, muss ich wissen, ob ich meiner Intuition vertrauen kann oder ob ich mich auf der Suche nach Erklärungen für Martins Verhalten verrannt habe.

In der Anrufliste sehe ich zwischen vertrauten Nummern einen unbekannten Kontakt, die letzte Nummer, die Martin angerufen hat. Abgespeichert ist sie unter „X“. Ich drücke auf Wahlwiederholung. Es läutet, aber niemand nimmt den Anruf an. Erleichterung und Frustration halten sich einen Moment lang die Waage, dann siegt der Frust. In seinen SMS finde ich dann, was ich befürchtet und irgendwie auch erwartet habe. Dutzende Nachrichten zwischen ihm und X, die eindeutiger kaum sein könnten. Die ältesten sind mehrere Monate alt, wurden verschickt, kurz nachdem ich von meiner Schwangerschaft erfahren hatte.

Ich fühle mich besudelt, dumm und naiv. Für meine Kinder habe ich eine heile Familie fantasiert und hier ist der Beweis, dass ich mir viel zu lange etwas vorgemacht habe. Angewidert schalte ich das Handy aus, entferne die SIM-Karte und werfe sie in den Müll. Es fühlt sich wie ein Abschluss an.

Willkommen im fünften Kreis der Elternhölle!

Der Tote warf mich um. Ich knallte mit dem Kopf auf den graugemaserten Steinboden und blauschwarzer Schmerz blitzte vor meinem inneren Auge auf. Sonst sah ich nichts.

Vor Schreck hatte ich die Augen zusammengepresst, und ich hatte auch nicht vor, daran in absehbarer Zukunft etwas zu ändern. Wer der Unglückliche war, der nun auf mir lag, wollte ich nicht wissen. Es reichte mir, sein Gewicht auf mir zu spüren. Mir wurde übel.

Irgendein Körperteil bohrte sich in meinen Bauch. Ich hoffte auf ein Knie oder einen Ellbogen und verbot mir, den Gedanken weiterzuführen. Um meinen penetrierten Magen nicht noch mehr zu irritieren, atmete ich flach. Bewegen wollte ich mich nicht und war auch nicht in der körperlichen Verfassung, es auszuprobieren. Die Zeit zerdehnte sich. Obwohl es höchstens ein, zwei Minuten gewesen sein konnten, hatte ich das Gefühl, seit Ewigkeiten eingeklemmt zu sein.

Das Quietschen von Gummisohlen näherte sich. Von allen Menschen, die sich heute Abend in der Schule aufhielten, musste es ausgerechnet Sybylle sein, die mich in einer verfänglichen Situation mit dem Toten fand. Sybylle mit zwei Ypsilon und Doppel-L. Sybylle, die einzige im Elternverein aktive Mutter, die sich von allen anderen konsequent siezen ließ. Sybylle, meine ganz persönliche Elternvereinsnemesis.

Sicherheitshalber stellte ich mich tot.

Sybylle schreckte das nicht ab. Diskretion lag ihr fern.

„Finja!“ Ihre nasale Stimme war ebenso unsympathisch wie der Rest von ihr.

„Geht es Ihnen gut? Können Sie mich hören?“

Verstockt schwieg ich.

Also ohrfeigte sie mich. Irritiert riss ich die Augen auf und bereute es im selben Moment. Sybylles Gesicht befand sich jetzt knapp über dem meinen und ihr Ingwerpastillen-Atem bohrte sich in meine Nase.

„Gut, Sie sind bei Bewusstsein. Verraten Sie mir doch bitte, was Sie hier mit Lenny machen?“

Lenny! Vor Erleichterung wurde mir schwindlig. Möglicherweise machte sich auch der Schlag auf meinen Hinterkopf bemerkbar. Ich riskierte einen Blick. Tatsächlich! Anstatt eines leblosen Menschen lag der schuleigene Reanimationsdummy auf mir.

Ich rappelte mich auf und hievte Lenny, der binnen Sekunden deutlich an Gewicht verloren hatte, zurück in den Kasten, aus dem er mir entgegengefallen war.

„Ich wollte nachsehen, ob wir noch genügend Servietten und Kaffeebecher für das Weihnachtsfest haben.“

Meine Stimme klang piepsig.

„Das hier ist nicht der Schrank des Elternvereins.“

Sybylles rechte Augenbraue wanderte nach oben und konterkarierte ihre Bemühung, Fürsorglichkeit auszustrahlen.

„Ich bin Legasthenikerin.“

Eine dümmlichere Replik fiel mir nicht ein.

Sybylle schnitt eine mitfühlende Grimasse.

„Das tut mir leid für Sie.“

„Kein Problem“, murmelte ich, bemüht, das nervöse Kichern, das in mir aufstieg, zu unterdrücken.

„Na, dann empfehle ich Ihnen, im richtigen Schrank nachzusehen, und lasse Sie mal die Servietten zählen!“

Quietschend verschwand Sybylle in Richtung Toiletten.

Ich konnte mich nicht länger beherrschen und brach in schallendes Gelächter aus. Wiehern nannte es meine Mutter, die als geborene, aufgrund des österreichischen Adelsgesetzes unausgelebte Freifrau von Wallersburg streng auf Etikette achtete. Allerdings nur, solange die Vorgaben der Benimmpäpste Elmayer & Co sie nicht daran hinderten, ihre liebevoll kultivierte Exzentrik zu zelebrieren.

„Alles außer gewöhnlich!“, war von frühester Jugend an ihr Leitspruch gewesen. Zu ihrer unverhohlenen Enttäuschung wurden meine ältere Schwester Sachiko und ich ihren diesbezüglichen Ansprüchen nicht gerecht. Am ehesten dürfte Pink, die Jüngste von uns, Henriettes Vorstellungen entsprechen, auch wenn sie sich bezüglich ihrer Zufriedenheit mit unserer Charakterentwicklung nicht in die Karten schauen ließ.

Vermutlich gefiele es Henriette, dass mein in ihren Augen ungesundes Faible für Horrorfilme und Gruselgeschichten mich in diese peinliche Situation gebracht hatte. Sollte sie erfahren, dass ich Lenny für einen Toten gehalten hatte, würde sie nicht zögern, das Geschehene gegen mich zu verwenden. Ein gutes Bonmot war ihr ebenso heilig wie eine originelle Anekdote.

Vom Lachen hatte ich Seitenstechen bekommen. Außerdem war mir schwindlig. Womöglich ein ernstzunehmendes Anzeichen für eine veritable Gehirnerschütterung?

In ziemlicher Schieflage stolperte ich in den Konferenzraum zurück, wo die monatliche Sitzung des Elternvereins stattfand. Irritation, Entgeisterung und Sorge zeichneten sich auf den Gesichtern der Anwesenden ab, wobei Irritation überwog. Die Einzige, die besorgt wirkte, war Dora, aber das war bei ihr Dauerzustand und deshalb nicht weiter bemerkenswert. Dass sie mich behutsam zu meinem Platz führte und mir Beruhigendes ins Ohr flüsterte, verlieh der Situation eine zusätzliche irreale Note.

Ich zwickte mich in die empfindliche Innenseite meines linken Oberarms. Eine Spur zu fest. Ein Schmerzenslaut entfuhr mir und sicherte mir endgültig die allgemeine Aufmerksamkeit.

„Kein Traum“, murmelte ich.

Nicht leise genug. Der Konferenzraum hatte eine ausgezeichnete Akustik.

„Eher ein Albtraum der Ineffizienz.“

Kühl, klar, pointiert. Das war Lilliane. Die Mutter von Theobald aus der 2B war unfassbar durchorganisiert und sah es als ihre Pflicht, dem Schlendrian, der im Elternverein herrschte, den Garaus zu machen. Ansonsten war sie eine umgängliche Person. Ihre unbestreitbare Kompetenz hatte sie beim letzten Sommerfest unter Beweis gestellt, als der von uns bestellte Spielebus inklusive Hüpfburg mit einem Motorschaden auf der Tangente liegen geblieben war. Es drohte der Sommerfest-Supergau: zweihundert enttäuschte Kinder und kein Notfallplan. Lilliane sorgte im Alleingang dafür, dass alles rechtzeitig eintraf – sogar die Hüpfburg.

„Finja hatte einen kleinen Unfall!“

Sybylle war von der Toilette zurückgekehrt.

„Ich habe sie unter Lenny gefunden.“

Verräterische Hitze breitete sich von meinem Dekolleté ausgehend in Richtung meines Gesichts aus. Als ob es nicht schlimm genug wäre, bloßgestellt zu werden, arbeitete mein Körper in peinlichen Situationen verlässlich gegen mich.

„Unter Lenny?“

Harald, ein später Vater mit ausgeprägtem Ego und ebensolchen Geheimratsecken, zwinkerte mir anzüglich zu.

Unser Quotenmann war stets bereit, die Stimmung mit Zweideutigkeiten anzuheizen. Dass er der Einzige war, der seine Kommentare lustig fand, störte ihn nicht im Geringsten. Was ihm an Humor mangelte, machte er durch Selbstbewusstsein wett.

Mehrmals hatten Lilliane und ich versucht, ihm klarzumachen, dass seine schlüpfrigen Witzchen deplatziert und sexistisch waren. Es war die Mühe nicht wert gewesen. Harald gab sich zwar einsichtig, fiel jedoch stets binnen kürzester Zeit in sein gewohntes Verhalten zurück.

Nach unserem letzten Zusammenstoß mit ihm hatte Sybylle uns nahegelegt, weniger empfindlich zu sein. Der Elternverein sei wohl kaum der richtige Ort für feministische Debatten. Missbilligung hatte ihre ohnehin schmalen Lippen zu zwei wie mit dem Lineal gezogenen Strichen gepresst.

„Hier geht es um unsere Kinder und deren Ausbildung“, beschied sie uns mit einer Stimme trocken wie Puder.

„Persönliche Befindlichkeiten einzubringen, verzögert den Ablauf. Wir sollten froh sein, einen Vater zu unserem Kreis zählen zu dürfen. So viel Engagement sollten wir würdigen und nicht durch kleinliche Wortklaubereien schlechtmachen.“

Dass die anderen Väter dankend abwinkten und den Müttern den Vortritt ließen, wenn es um Kindererziehung und alle damit zusammenhängenden Belange ging, machte Harald nicht zwangsläufig zum Heiligen, dem man alles durchgehen lassen musste. Ein Argument, dem Sybylle nichts abgewinnen konnte. Harald war ihr Held. Das süßliche Getue, mit dem sie ihn hofierte, war kaum zu ertragen, ihre kritiklose Begeisterung für jeden seiner Vorschläge zum Fremdschämen. Zudem war Harald keine Geistesleuchte. Seine Wortmeldungen waren im besten Fall unnötig, meistens jedoch störend, da es Vereinspolitik war, selbst sinnlose Einwürfe auszudiskutieren. Schon viel zu oft hatte er, unterstützt von seiner Flügelfrau Sybylle, unnötige Debatten angezettelt und dadurch eine bereits beendete Sitzung bis in den späten Abend in die Länge gezogen.

„Willst du uns nicht verraten, was du mit Lenny getrieben hast?“ Harald ließ nicht locker.

Bildete ich es mir nur ein, oder blitzten seine Augen lüstern auf? Zuzutrauen wäre es ihm. Es schüttelte mich.

„Lenny ist mein Liebhaber. Er ist der ideale Mann – gut gebaut und schweigsam.“

Der Seitenhieb fiel bei Harald auf fruchtlosen Boden. Sybylle quittierte ihn jedoch mit einem bösen Blick. Dora kicherte und Lilliane versuchte erfolglos, ein Grinsen zu unterdrücken.

Sie zwinkerte mir zu: „Nachdem wir nun alle über Finjas Beziehungsstatus im Bilde sind, sollten wir zur Tagesordnung übergehen. Dora, wie sieht es mit der Planung der Weihnachtsfeier aus?“

Dora, die einen ansehnlichen Stapel Papiere, die mit bunten Klebezetteln markiert waren, vor sich angeordnet hatte, räusperte sich umständlich. Bevor sie zu sprechen beginnen konnte, ergriff Sybylle das Wort.

„Hatten wir nicht angedacht, die Weihnachtsfeier in Winterfest umzubenennen, um unsere andersgläubigen oder konfessionslosen Miteltern nicht vor den Kopf zu stoßen?“

Lilliane, die nur unter Vorbehalt Obfrau geworden war, seufzte: „Wie Sie sich sicher erinnern können, Sybylle, wird das Fest offiziell als Winter-Weihnachtsfeier bezeichnet. Ich habe nur abgekürzt, da wir unter uns sind.“

„Mir wäre es lieber, wenn wir bei der offiziellen Bezeichnung blieben. Schließlich sind Sie und Finja auch sonst stets auf Korrektheit bedacht.“

Schnippisch und von oben herab, Sybylle war in Bestform.

Ich verdrehte die Augen, womit ich mir einen weiteren giftigen Blick von ihr einhandelte. Immerhin musste ich mich nur im Elternverein mit ihr herumschlagen. Kaum vorstellbar, wie schwer sie mir das Leben machen könnte, wäre ihr Sohn Justus in derselben Klasse wie meine Töchter.

„Atmen wir tief durch und lassen wir alle negativen Gedanken los.“ Manuelas sanfte Stimme war klebrig wie Honig.

„Animositäten vergiften das Gesprächsklima. Nur wenn wir uns auf die Sachebene beschränken, können wir konstruktiv miteinander arbeiten.“

Seit sie sich als Bewusstseins- und Mentaltrainerin selbstständig gemacht hatte, sah Manuela ihre Hauptaufgabe darin, die Harmonie im Elternverein aufrechtzuerhalten.

Auf mich hatten ihre Bemühungen den gegenteiligen Effekt. Je länger sie salbungsvolle Floskeln von sich gab, desto aggressiver wurde ich. Als sie vorschlug, dass wir einander die Hände reichen sollten, um die positive Energie fließen zu lassen, schaltete ich auf Durchzug und ließ das kollektive Händchenhalten über mich ergehen.

Die auf Manuelas „Kreis der Freundschaft“ folgende Debatte über die Speisen, die beim Buffet des Winterfests gereicht werden sollten beziehungsweise durften, hatte einen einschläfernden Effekt auf mich. Die ewig gleichen Grundsatzdebatten waren unfassbar frustrierend. Zweimal pro Schuljahr führten wir diese Diskussionen. Nicht, dass sich die Ergebnisse jemals geändert oder wir neue Erkenntnisse gewonnen hätten. Trotz Lillianes Versuch, die Elternvereinsarbeit effizienter zu gestalten, gab es Traditionen, gegen die auch sie nicht ankam. Und dazu gehörte, vor jeder Feier erneut zu besprechen und zu beschließen, dass Softdrinks tabu, mit Wasser verdünnte Fruchtsäfte jedoch akzeptabel waren und dass die Eltern Fingerfood aus ihren Herkunftsländern beisteuern sollten.

Möglicherweise war es wichtig für das Gemeinschaftsgefühl, dieselben Themen regelmäßig zur Sprache zu bringen, da sich die Zusammensetzung des Vorstandes jedes Jahr zumindest geringfügig änderte. Lästig war es trotzdem. So hatte ich mir meinen ehrenamtlichen Nebenjob nicht vorgestellt.

Aber ich hatte auch keine Ahnung gehabt, dass der Beitritt zum Elternverein ein One-Way-Ticket war. Das freiwillige Engagement endete nämlich in der Regel erst, wenn der Nachwuchs die Schule verließ.

Nur noch ein Jahr. Eineinhalb, um genau zu sein, doch zu Motivationszwecken rundete ich ab.

Nur noch ein Jahr, dann waren die Mädels mit der Volksschule fertig und ich mit dem Elternverein.

„Nur noch ein Jahr.“

„Wenn Sie sonst nichts beizutragen haben, sollten Sie besser schweigen.“ Sybylles süffisanter Blick sprach Bände.

Nur noch ein Jahr! Diesmal achtete ich darauf, es beim Denken zu belassen.

Leise schnarchende Meerjungfrauen lagen in den Betten meiner Töchter. Nachdem sie wochenlang tapfer standhaft geblieben war, hatte sich Gerti, meine Schwiegermutter ehrenhalber, von den Drillingen weichkochen lassen und ihnen die heiß ersehnten Nixenoutfits gekauft. Latexartige Gummiröcke, die in Grellpink, Schockorange und Knalltürkis changierten und nur Trippelschritte zuließen. Die vorne eingearbeiteten Flossen flappten bei jedem Hoppelschrittchen mit einem enervierenden Geräusch ein wenig in die Höhe, um klatschend auf den Füßen der Trägerin und dem Fußboden davor zu landen. Ein intensiv-giftiger Plastikgeruch und Muschelschalen nachempfundene Hartschalen-BHs, die von den Drillingen zum Glück als „zu busig“ abgelehnt worden waren, rundeten das Horrorpaket ab.

Vorsichtig machte ich mich daran, die zu allem Überfluss auch noch paillettenbesetzten Gummischwanzflossen von den Beinen meiner verschwitzten Neunjährigen zu schälen, um Ausschläge, allergische Reaktionen oder Schlimmeres zu vermeiden.

Katt grunzte, als ich ihr den schimmernden Feministinnenschreck so sanft wie möglich vom Leib zog. Das erwies sich als regelrechter Kraftakt, denn der Gummi und Katts Beine waren eine beinahe unlösbare Verbindung eingegangen. Mit einem Schmatzen gab der Flossenrock doch noch nach. Fehlten noch zwei.

Unverständliches murmelnd, versuchte Charlie, sich meinen Händen zu entwinden, wachte bei der Beinbefreiungsaktion jedoch glücklicherweise nicht auf.

Betty hatte ich mir bis zum Schluss aufgehoben. Meine Jüngste war ein Sensibelchen und hatte einen leichten Schlaf. Sie wurde wach, als ich die verwurstelte Bettdecke von ihrem Schwanz trennte.

„Geh weg!“

Grantig greinend rangelte sie mit mir um die Decke. Ich gewann, wenn auch nur knapp. Bettys Knurren hatte das Timbre einer bösartigen Bulldogge. Seitdem sie einmal im Halbschlaf zugebissen hatte, achtete ich darauf, ihrem Mund nicht zu nahe zu kommen, solange sie nicht völlig wach war. Munter war sie ein reizendes Kind, verschmust, verspielt und wissbegierig. Nachts mutierte sie zum Monster.

Dennoch war es ein unfairer Kampf, schließlich war ich mit meinen 1,77 Metern um einiges größer als die zarte Neunjährige. Als ich mit dem erhebenden Gefühl, einen Sieg errungen zu haben, und drei grellen Schwanzflossenröcken in der Linken die Türe des Kinderzimmers leise hinter mir ins Schloss zog, war ich schweißgebadet.

Gerti hatte sich bereits in ihre Wohnung ein Stockwerk tiefer verabschiedet. Als der griesgrämige, weißbärtige Nachbar, den die Drillinge nur Santa Graus genannt hatten, kurz nach letztem Weihnachten einem Schlaganfall erlegen war, hatte Gerti die sich bietende Gelegenheit beim Schopf gepackt.

„Das ist viel praktischer so“, hatte sie begeistert verkündet. „Da habe ich es nicht weit, wenn ihr mich braucht, und die Kinder müssen auch nicht mehr in den Hort, sondern können nach der Schule zu mir kommen.“

Nachdem die Drillinge pro forma protestiert hatten, dass sie dann ihre Freunde nicht mehr sehen würden, hatten sie klein beigegeben. Nicht sehr überraschend, verwöhnte Oma Gerti die Mädchen doch nach Strich und Faden, was mitunter zu pädagogisch fragwürdigen Ergebnissen wie den Meerjungfrauenschwänzen führte.

„Die Kinder sind alles, was mir von Martin geblieben ist. Es schadet ihnen bestimmt nicht, von mir ein bisserl verhätschelt zu werden. Wer weiß, wie lange es mich noch gibt. Ewig werd ich sicher nicht mehr leben“, konterte Gerti meine diesbezüglichen Ermahnungen. Technisches K.O., wie üblich in der ersten Runde. Was konnte ich ihr entgegensetzen, wenn sie die Alterskarte ausspielte? Auch wenn sie körperlich und geistig topfit war, feierte sie im Frühjahr ihren neunundsiebzigsten Geburtstag. Und wissen konnte man nie.

Seit Martins Tod war mir Gerti eine unverzichtbare Hilfe, praktisch wie emotional. Ohne ihre tatkräftige Unterstützung wäre der Alltag mit den Drillingen logistisch kaum zu stemmen gewesen.

Trotzdem war ich erleichtert, dass sie heute nicht auf mich gewartet hatte. Denn wenn Gerti Lust auf einen Tratsch hatte, artete der Abend zuverlässig aus. Nur selten verabschiedete sie sich dann vor ein Uhr morgens. Nie, ohne sich einen Schlummertrunk gegönnt zu haben. Wobei die Einzahl nur sinngemäß zu verstehen war. War Gerti in Schwätzchenlaune, nötigte sie mich liebevoll, aber erbarmungslos zum Mittrinken. Und weil Gerti eben Gerti war, konnte ich ihr keinen Wunsch abschlagen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich dafür mit einem Kater und einem schlechten Gewissen bezahlen würde.

Die Elternvereinssitzung hatte mich geschlaucht. Ich war zu müde zum Arbeiten und zu überdreht, um an Schlaf auch nur denken zu können. Für solche Fälle empfahl Gerti Kamillentee. Während ich darauf wartete, dass der Teebeutel das heiße Wasser gelb färbte und die Kamillenblüten ihre Wirkung entfalteten, fragte ich mich, wie so oft nach solchen Abenden, warum ich mich eigentlich als Elternvertreterin zur Verfügung gestellt hatte. Fehlgeleitete Mutterliebe war eine Erklärung, vorausschauendes Kalkül die andere.

Als die Drillinge eingeschult worden waren, war mir klar gewesen, dass ich mich mit ihrer Lehrerin, besser noch mit dem gesamten Lehrkörper gut stellen musste. Meine Mädchen waren, jede für sich genommen, verhältnismäßig pflegeleicht. Wenn sie es darauf anlegten und sich verschworen, hatte jedoch selbst ich kaum eine Chance gegen sie.