Engel der Stille - Ditte Birkemose - E-Book

Engel der Stille E-Book

Ditte Birkemose

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Beschreibung

Kit Sorél, Privatdetektivin und Kettenraucherin aus Leidenschaft, soll ein Auge auf das Anwesen von Hans Ulrik und Simone Berthelsen werfen. Immer wenn die Schwangere junge Frau allein im Haus ist, geschehen merkwürdige Dinge: Die Möbel werden verschoben, Gegenstände werden verlegt, oder Kinderstimmen sind zu hören. Als eines Tages auch noch Simones Kater mit einer Schere im Körper tot aufgefunden wird, sind Kits Fähigkeiten gefragt. Gemeinsam mit Kommissar Carsten Andersen macht sie sich auf die Suche nach dem mysteriösen Unbekannten. Hat vielleicht die Exfrau Hans Ulriks ihre Hände im Spiel? Und wieso verhält sich seine Schwester Vera in letzter so merkwürdig?Erneut ein fesselndes Lesevergnügen mit der smarten Krimiheldin aus Dänemark."Engel der Stille" ist der zweite Band der Kit Sorél-Reihe.IN DIE KIT SORÉL-REIHE AUßERDEM IN SAGA BOOKS LIEFERBARSchwarze MelodieEisnächteAUTORENPORTRÄTDitte Birkemose, studierte Theologie und arbeitete dann mehrere Jahre als Krankenpflegerin und Pädagogin, bevor sie anfing zu schreiben. "Schwarze Melodie" ist ihr erster Krimi, davor hat sie einige Roman und Kinderbücher geschrieben, für die sie auch schon einen Literaturpreis bekommen hat. --- KURZBESCHREIBUNGIm Haus der jungen Familie Berthelsen geht es umheimlich zu: Immer wen die schwangere Simone alleine zu Hause ist, werden wie von Geisterhand Möbel verschoben oder Gegenstände verlegt, sogar Kinderstimmen sind zu hören. Kit Sorél, chaotische Privatdetektivin aus Leidenschaft, ist weder abergläubisch noch sonst leicht einzuschüchtern. Engagiert schreitet sie zur Tat, um den mysteriösen Unbekannten den Garaus zu machen. Dann wird plötzlich Simones Kater ermordet - und Kit Sorél erkennt, dass sie es doch mit gefährlichen Gegnern zu tun hat.-

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Ditte Birke­mose

Engel der Stil­le

Kriminal­roman

Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs

 

Saga

»Das kannst du vergessen!« Sie riß ihren Arm zurück. Der junge Mann hinter dem Tresen brachte die Gläser auf einem Tablett zum Klirren und schaute neugierig zu uns herüber.

»Deine Mutter macht sich Sorgen um dich«, sagte ich. »Sie würde gern mit dir sprechen.«

»Und was geht dich das an?« Sie starrte mich an. »Wer bist du überhaupt?«

Sie war klein und ein wenig untersetzt, und ihr ovales Puppengesicht schaute ziemlich mürrisch drein.

»Ich bin Detektivin«, antwortete ich. »Deine Eltern haben sich an mich gewandt...«

»Die haben kein Recht, sich in mein Leben einzumischen«, sie warf den Kopf in den Nacken. »Ich bin über achtzehn.«

»Sie möchten wissen, wo du bist«, mein Blick streifte die blauen Flecken an ihrem Oberarm. »Vielleicht könntest du dich mal mit ihnen treffen und...«

»Ich wette, daß der Alte dahintersteckt«, fauchte sie und kniff die Augen zusammen.

»Bestell ihnen einen schönen Gruß und sag, sie brauchten sich keine Sorgen zu machen.« Ihre Freundin zog den Kaugummi aus dem Mund und warf ihn in den Aschenbecher. »Janne kommt sehr gut zurecht.«

Wir standen im ziemlich dunklen hintersten Raum des Café Bankeråt.

»Das kann Janne ihren Eltern doch selber sagen«, antwortete ich ruhig.

»Nie im Leben!« Janne griff nach ihrem Mantel.

»Warum nicht?«

»Ich habe ihnen nichts zu sagen«, die beiden Freundinnen wechselten einen Blick. »Deshalb.«

»Du brauchst doch nicht...«, fing ich an.

Jahne sprang plötzlich auf, schnappte ihre Tasche und stürzte an mir vorbei.

Ich trat einen Schritt vor.

Ihre Freundin vertrat mir den Weg. »Laß sie in Ruhe«, sagte sie wütend.

Wir schauten einander einen Moment lang an. Energisch schob ich sie dann beiseite.

Ich lief am Tresen vorbei, riß die Tür auf und stieß mit einem jungen Mann zusammen, der gerade das Café betrat.

»’tschuldigung«, murmelte ich.

Er fuhr sich mit den Fingern durch seine langen braunen Haare, lächelte mir zu und rief nach seinem Dackel, der inzwischen seine Schnauze in meinen Mantel gebohrt hatte und den Geruch offenbar interessant fand.

Ich schaute mich auf der Straße um. Janne war verschwunden.

»Verdammt«, für einen Moment blieb ich ratlos stehen.

Es nieselte, und in der Luft hing der Geruch von nassem Asphalt und Auspuffgasen.

Dann ging ich langsam die Nansensgade hinunter.

»Können Sie nicht versuchen, sie zu überreden?« Randi Nielsen blickte mich flehend an.

Ich saß bei Jannes Eltern, die in einer Reihenhaussiedlung in Hvidovre wohnten.

»Dann soll sie doch sehen, wie sie zurechtkommt«, Jan Nielsen erhob sich und stieß dabei so heftig gegen den Couchtisch, daß die Tassen in die Luft hüpften. »Wartet nur«, er stampfte im Zimmer hin und her. »Sobald auch nur das kleinste Problem auftaucht, kommt sie angerannt...«

Ich sagte nichts dazu, ich dachte nur an die blauen Flecken auf Jannes Arm und blickte ihn an. Sein kariertes Hemd spannte um seinen Bauch, der über seinem Gürtel hervorquoll. Er war Anfang Fünfzig, mittelgroß und hatte schüttere braune Haare.

»Hör doch auf, Jan«, Randi Nielsen klimperte nervös mit den Augen. »Du wolltest doch selber...«

»Was sagst du da?!« Wütend starrte er sie an. »Warst du das denn nicht, die mir mit all ihren Horrorgeschichten von Drogen und Christiania in den Ohren gelegen hat? Und außerdem...«, er kratzte sich am Bauch, »wenn wir erst ihre Adresse haben, dann können wir ja selber...«

»Ich weiß nicht, wo sie wohnt«, log ich. »Ich habe sie in einem Café in einer Gegend aufspüren können, in der einige von ihren Freunden wohnen.«

Er schnaubte, ließ sich in einen Sessel fallen und streckte die Beine aus.

»Würden Sie noch einen Versuch machen?« Randi Nielsen beugte sich vor und legte mir die Hand auf den Arm. Ihr Zeigefinger war gelb vom Nikotin. »Wir bezahlen Sie natürlich«, fügte sie mit einem Seitenblick auf ihren Mann hinzu.

»Natürlich«, ich lächelte.

Jan Nielsen räusperte sich und wackelte mit dem Fuß. »Was sind wir Ihnen bisher schuldig?«

Ich gab ihm die Rechnung, die er eingehend studierte. Nach einigen Minuten erhob er sich und ging ins Schlafzimmer, um sein Scheckheft zu holen.

Ich ließ mich im Sofa zurücksinken, meine Blicke streiften umher. »Aber schien es ihr denn einigermaßen gutzugehen?« fragte Randi Nielsen mit leiser Stimme.

»Ja«, antwortete ich. »Den Eindruck hatte ich.«

»Sie haben ja keine Ahnung«, sie verstummte und biß sich auf die Lippen.

Ich blickte sie abwartend an.

Randi Nielsen war Ende Vierzig, eine Spur übergewichtig, und sie wirkte müde mit ihrer gebückten Körperhaltung. Ein paar schlaffe Locken in ihren blonden Haaren erzählten von einer alten Dauerwelle.

Sie öffnete den Mund und wollte gerade etwas sagen, als Jan Nielsen zurückkehrte und einen Scheck auf den Tisch warf.

Ich hatte das Gefühl, daß dieses Ehepaar ein Spiel spielte, das mich nicht unbedingt etwas anging, und deshalb steckte ich den Scheck ein und stand auf.

»Ich rufe an, sobald ich etwas Neues weiß«, sagte ich und verabschiedete mich.

Randi Nielsen lächelte schwach, ihr Ehemann grunzte.

Ludmilla schwebte über unseren Häuptern.

Ich steckte die Hände in die Taschen und schaute in den blaßgrauen Himmel. Es war Anfang November, die Luft war gesättigt mit dem Duft von Erde und feuchtem Holz, und über dem Waldrand hing ein leichter Dunst.

Ingrid stand mitten auf dem Feld und schwenkte die Falkenfessel. Ihre grüne Jacke wurde in der Taille von einem Ledergürtel zusammengehalten, sie trug ein Paar kurze weiße Gummistiefel.

Ludmilla zog langsam ihre Kreise, dann ließ sie sich fallen und schlug die Krallen in das Stück Fleisch, das an der mit Federn besetzten Lederschlinge befestigt war.

»Ist sie nicht wunderschön?« fragte Kamma leise und schob ihren Arm unter meinen.

Ich nickte. Der Jagdfalke auf Ingrids behandschuhter Hand verzehrte nun seine Beute, ein großes Stück Fleisch von einem der Hühner, die an diesem Morgen geschlachtet worden waren.

»Ludmilla ist sehr scheu, nur Ingrid darf mit ihr trainieren«, erzählte Kamma. »Wenn ich hier bin, kümmere ich mich immer um Isolde. Das ist ein Zwergfalke, und sie wiegt bei weitem nicht soviel wie Ludmilla. Und das ist mir nur recht«, sie fuhr sich mit den Fingern durch ihre kurzgeschnittenen braunen Locken.

Ich blickte in ihre himmelblauen Augen und lächelte. Meine Gedanken wanderten um fast ein Jahr zurück. »Nach dem Tode meines Mannes habe ich dann endlich meine Lebensfreude wiedergefunden«, hatte Kamma gesagt und mich mit diesem treuherzigen Blick bedacht. Wir lagen beide im Frederiksberg-Krankenhaus, dort hatten wir uns kennengelernt. Als ich, erfüllt, wie ich damals von meinen Plänen war, ihr erzählte, daß ich meine eigene Detektei eröffnen wolle, war sofort ihr Interesse geweckt. Sie bot mir sofort an, ein kleines Büro in einem Haus in der Smallegade zu mieten, das ihr gehörte. Und so kam es dann auch. Ich richtete das Büro ein, das aus einer Wohnung von zwanzig Quadratmetern, einer Kochnische von der Größe einer Besenkammer und einer Toilette im Treppenhaus bestand, und befestigte ein Schild an der Tür: Kit Sorél, Privatdetektivin.

Das war der Anfang meiner Freundschaft zu Kamma, einer ausgesprochen wohlhabenden Frau von zweiundsiebzig Jahren, und einer Persönlichkeit mit einer Unzahl von überraschenden Facetten.

Vor etwas über einer Woche hatte sie mich in meinem Büro angerufen.

»Liebster Schatz, ich will dich nicht stören«, erklärte sie mit ihrer aristokratischen Nasalstimme. »Aber ich habe mir überlegt...«, sie legte eine Kunstpause ein.

Ich sah sie in ihrem Schlafzimmer in ihrer pompösen Wohnung am 5. Juni Plads vor mir, in ihrem Spitzennachthemd und mit Aida, ihrer Waldkatze, auf dem Schoß.

»Ja?« Ich streckte die Hand nach meinen Zigarettenpäckchen auf dem Schreibtisch aus. Schwere Schritte polterten durch das Treppenhaus – der Zeitungsbote, der soeben das Frederiksberg Bladet durch meinen Briefschlitz geworfen hatte.

»Du mußt unbedingt Ingrid kennenlernen«, sagte Kamma ohne weitere Einleitung. Ihre Stimme klang wirklich eindringlich. Ich runzelte die Stirn, was hatte sie wohl wieder ausgeheckt? »Ingrid?« fragte ich vorsichtig. »Wer ist das?«

»Sie ist Falknerin«, antwortete Kamma, als ob das alles erklärte.

»Ach«, ich starrte den Schreibtisch an, und sofort lenkte mich die grausame Realität meines Haushaltsplans ab, den ich gerade aufzustellen versucht hatte, als das Telefon klingelte. Ich schaute ganz schnell in eine andere Richtung.

»Ich bin ihr vor einigen Jahren in Schottland begegnet«, erzählte Kamma. »In der British School of Falconery.«

Meine Augenbrauen jagten nach oben. »Was in aller Welt hast du denn da gemacht?«

»Aber Kitchen«, sie lachte nachsichtig. »Natürlich war ich auf Falkenjagd.«

»Ach was!« Ich staunte. »Das wußte ich nicht... daß du auf Jagd gehst, meine ich.«

»Nicht auf Jagd«, korrigierte sie. »Auf Falkenjagd.«

»Falkenjagd«, wiederholte ich brav. Kamma schien in einer unberechenbaren Stimmung zu sein.

»Aber hör zu«, sie räusperte sich. »Die Sache ist so, ich will Ingrid am nächsten Donnerstag besuchen. Wir essen dann immer zusammen... Brote und kleine warme Gerichte... möchtest du nicht mitkommen? Monica ist auch dabei«, sie sagte das ganz leichthin.

Monica, eine Chilenin von Anfang Fünfzig, ist Kammas Haushaltshilfe, Friseuse und Spanischlehrerin.

»Doch... vielleicht«, antwortete ich zögernd.

»Ehrlich gesagt, du würdest es nicht bereuen«, sagte Kamma.

»Und... warte mal... doch, wirklich, jetzt kommt mir eine Idee«, sie unterbrach sich.

»Ja?« Ich schlug die Beine übereinander, ließ mich im Sessel zurücksinken und wartete. Kamma antwortete nicht gleich.

»Liebste«, sagte sie dann endlich. »Wenn du mitkommst, kannst du dann nicht auch gleich fahren? Ich meine... dann muß ich Carl nicht behelligen.« Das letzte kam so ganz en passant.

Ich lächelte schief.

Kammas guter Freund Carl war seinerzeit der Chauffeur ihres Mannes gewesen. Dieses Dienstverhältnis war zwar schon seit mehreren Jahren beendet, aber noch immer erwies er ihr kleine Dienste, die neben Gartenarbeit oft einen gewissen Bezug zu seinem alten Job als Chauffeur aufwiesen.

Es kam so, wie Kamma sich das gedacht hatte.

»God bless you«, sagte sie und legte auf.

Am Donnerstag früh fuhr ich dann zum 5. Juni Plads, um sie abzuholen.

Sie wartete schon vor dem Haus, mit einem großen Korb in der Hand und einem munteren Funkeln in den Augen.

»Guten Morgen, mein Herzchen.«

Ich gähnte. »Guten Morgen«, murmelte ich und betrachtete sie verschlafen. Sie trug eine praktische, ein wenig abgenutzte blaue Jacke, lange Hosen und bequeme Laufschuhe.

Sie stellte den Korb auf den Rücksitz. »Lachs, Schinken und Brie«, zählte sie mit breitem Lächeln auf.

»Das klingt wunderbar, aber...«, ich blickte sie besorgt an. »Ich habe nur Frikadellen...«

»Kitchen, es gibt von allem genug, mach dir da mal keine Sorgen...«, sie schnürte ihre Jacke zusammen, setzte sich neben mich und zog die Autotür ins Schloß. »Wir müssen zuerst nach Østerbro, Århusgade 22. Da wohnt Monica.«

»Alles klar«, ich nickte.

»Es muß phantastisch sein, den Führerschein zu haben«, Kamma steckte sich einen Zigarillo an und streckte die Hand nach dem Aschenbecher aus.

»Mm«, ich drehte und fuhr den C. F. Richsvej hinunter.

Ich hatte meinen Wagen, einen roten Renault, zwei Jahre zuvor in einem Waschpulverpreisausschreiben gewonnen und damals dann auch meinen Führerschein gemacht.

»Aber vielleicht bin ich ja zu alt«, Kamma richtete ihren fragenden Blick auf mich.

»Ja«, sagte ich ganz schnell. »Es wäre sicher keine gute Idee...«

Als wir vor der Århusgade 22 hielten, war weit und breit keine Monica zu sehen.

»Vielleicht verspätet sie sich«, meinte Kamma. »Sie hat ihre Mutter zu Besuch.«

»Lebt die in Dänemark?«

»Ja. Nach dem Tod ihres Mannes vor ungefähr einem Jahr ist sie nach Odense übergesiedelt. Dort wohnt Monicas Bruder.«

»Ach.« Ich legte die Arme auf das Lenkrad.

»Drück mal auf die Hupe«, schlug Kamma nun vor.

Ich schaute verstohlen auf die Uhr. Es war halb acht.

»Vielleicht sollten wir...«, setzte ich an. Aber in diesem Moment öffnete sich die Haustür, und Monicas verschlafenes Gesicht kam zum Vorschein.

»Guten Morgen, Liebste«, Kamma warf ihr eine Kußhand zu.

»Ach... ich habe verschlafen«, Monica seufzte und setzte sich auf den Rücksitz.

»Wirklich?« Kamma drückte ihren Zigarillo im Aschenbecher aus. »Das passiert dir doch sonst nie.«

»Mein Wecker braucht eine neue Batterie«, erklärte Monica, »und deshalb wollte ich mich telefonisch wecken lassen...«

Ich warf einen Blick in den Rückspiegel. Monica hatte einen Kamm aus der Tasche gezogen und fuhr sich nun damit durch die Haare.

»Aber was ist dann passiert?« Kamma zog am Sicherheitsgurt und wandte den Kopf. »Hat der Telefondienst nicht angerufen?«

»Doch, aber...« Monica zuckte mit den Schultern. »Als ich dann eine halbe Stunde zu spät aufwachte, saß meine Mutter schon in der Küche und trank Kaffee...«

Der Wagen vor uns bewegte sich keinen Zentimeter, obwohl die Ampel inzwischen auf Grün umgesprungen war. Ich hupte.

»Hatte deine Mutter den Hörer abgenommen?« fragte ich.

»Sieht so aus.«

»Vielleicht kann sie kein Dänisch?« Ich schloß den Aschenbecher und kurbelte das Fenster hoch.

»Doch, ein bißchen.«

Kamma hob die Augenbrauen. »Aber sie hat nicht verstanden, daß es ein Weckruf war?«

»Nein«, Monica lachte. »Sie war ein wenig verwirrt. ›Monica‹, sagte sie, ›das ist alles so seltsam. In diesem Land ruft die Uhr an und sagt, wie spät es ist...‹«

Ludmilla hatte ihre Beute verzehrt und schwebte nun abermals über unseren Häuptern.

Zwischen den Bäumen schrie eine Elster.

Ingrid öffnete ihre Tasche, fischte noch ein Stück hervor, band es auf die Fessel und stieß einen Pfiff aus.

Der blaue Himmel öffnete sich, und ein bleicher Sonnenstrahl traf die Strohdächer der weißgekalkten Gebäude. Der Falknerhof, der am Rand des Waldes Gribskov nicht weit vom Dorf Kirke Esbønderup liegt, ist mindestens hundertfünfzig Jahre alt. Ingrid hatte ihn vor zwölf Jahren gekauft und, sagt Kamma, Zeit und Geld in eine umfassende Sanierung gesteckt. Im einen Flügel hatte sie ihre Unterrichtslokale eingerichtet. Hier gab sie Kurse in Raubtierkunde und Falknerei. Seit einigen Jahren verkaufte sie keine Falken mehr, sondern verdiente ihr Geld nur noch durch Unterricht und Training.

Ludmilla ließ sich fallen, schlug die Krallen ins Zieget und landete dann im Gras.

Aus einem Hofflügel erklangen glasklare Flötentöne.

»Das ist bestimmt Isolde, die an die frische Luft will«, meinte Kamma. Und eine Viertelstunde später schwenkte sie dann die Fessel, während Isolde in der Luft kreiste.

»Manchmal«, Ingrids Blick ging jetzt ins Leere, »komme ich mir fast so vor wie meine Falken. Dann habe ich das Gefühl zu fliegen... ganz hoch«, sie schaute in den Himmel. »Und dann plötzlich...« Seufzend verstummte sie und schüttelte den Kopf.

Isolde verschwand im Gleitflug zwischen einigen hohen Tannen.

Ich lächelte Kamma zu. Von ihrer schmächtigen Gestalt gingen Freude und Autorität aus, ihr Gesicht strahlte.

Ingrid war mit Ludmilla ins Haus gegangen, Monica war ihr gefolgt, um den Tisch zu decken.

»Hat sich übrigens Berthelsen bei dir gemeldet?« rief Kamma, als ich gerade beschlossen hatte, ebenfalls ins Haus zu gehen, um Monica zu helfen.

»Berthelsen?« Fröstelnd trat ich im feuchten Gras von einem Fuß auf den anderen. »Wer ist Berthelsen?«

»Ach... dann hat er das nicht getan. Ich erzähl es dir später.« Sie reckte den Hals und stieß einen Pfiff aus. Gleich darauf tauchte Isolde wieder auf und setzte sich auf Kammas Handschuh. Kamma lächelte triumphierend und plauderte mit dem Vogel.

Das Tor zum Hof hing schief, und die Angeln quietschten, als wir hindurchgingen.

»Jetzt wird es uns bestimmt gut schmecken«, Kamma rieb sich die Hände.

Ich nickte und schüttelte mich. Meine Schuhe waren naß, meine Füße kalt.

Im Wohnzimmer setzte ich mich an den weißgescheuerten Holztisch und schaute mich neugierig um. Die Wand zur Küche war herausgebrochen worden, und deshalb war der Raum trotz der kleinen Fenster recht hell. In der ehemaligen Küche befand sich ausgetretener Steinboden, ansonsten war der Boden von abgehobelten Brettern bedeckt. Der Raum war spartanisch, aber gemütlich eingerichtet. An den Deckenbalken hingen Kräuter und allerlei Küchengeräte.

Ich setzte mich auf einen Stuhl, streckte die Beine aus und genoß die Wärme des Holzofens, der mitten im Zimmer stand. In einem der beiden ramponierten Ledersessel, die neben dem Ofen standen, schlief eine dicke graugetigerte Katze.

»Hier ist es wirklich gemütlich«, Monica setzte sich neben mich.

»Sehr«, stimmte ich zu. Mein Blick fiel auf die vielen Fotos von Raubvögeln, die die ganze Wand neben dem Eßtisch bedeckten.

»Die sind sehr gut«, sagte ich.

»Ja, nicht wahr.« Kamma entfernte die Folie von der Lachsschüssel. »Die hat Ingrid gemacht. Sie ist ausgebildete Fotografin.«

Ingrid wirkte ein wenig verlegen. »Vor fast zwanzig Jahren sollte ich die Bilder zu einem Buch über Raubvögel liefern«, sagte sie und stellte eine Schüssel auf den Tisch. »Und so hat dann alles angefangen...«

»Die Wege des Schicksals sind unergründlich«, Kamma lächelte verschmitzt.

»Hast du nie Angst, wenn du hier allein bist?« Monica ging zum Fenster und schaute hinaus. »Abends, wenn es dunkel wird?«

»Nein«, antwortete Ingrid. »Das ist wirklich nicht an meinen schlaflosen Nächten schuld. Wer um Himmels willen sollte denn den ganzen Weg hier heraus kommen, nur um mich zu belästigen?«

»Aber trotzdem...«, Monica setzte sich wieder. Sie kratzte sich am Oberarm und blickte Ingrid an.

»Mmm«, ich beugte mich vor. »Das riecht ja wunderbar.«

»Hasenragout«, Ingrid steckte einen Löffel in die Schüssel.

»Beute von der Falkenjagd?« fragte ich.

»Nein, bist du verrückt?« Ingrid warf einen raschen Blick zu Kamma hinüber. »Falkenjagd ist in Dänemark verboten.«

»Streng verboten«, bestätigte Kamma.

»Aber warum denn?« Ich blickte die beiden überrascht an.

»Ja, das ist wirklich eine gute Frage.« Kamma schnaubte. »Es ist schließlich eine uralte Jagdmethode. Im Mittelalter haben sich auch die Frauen daran beteiligt«, sie legte den Kopf leicht schräg und zeigte auf ein großes Plakat an der Wand gegenüber. »Da siehst du eine Falknerin mit einem Zwergfalken auf der Hand. Schön, nicht wahr?«

Ich betrachtete das Plakat und nickte.

»Wenn die Falkenjagd in Dänemark erlaubt wäre, würden auf diese Weise höchstens zwei bis dreihundert Stück Wild erlegt werden«, teilte Ingrid gelassen mit. »Das ist so gut wie nichts, verglichen mit den Tausenden, die von Jägern geschossen werden.«

»Aber warum genau ist es denn verboten?« fragte ich.

»Aus Ignoranz«, antwortete Ingrid ganz offen und zündete die Kerzen auf dem Tisch an. »Den Politikern tut offenbar die Beute leid.«

»Aber so ist es doch auch in der Natur«, warf Monica ein. »Überall da, wo es Raubvögel gibt.«

»Sag denen das mal«, Ingrid streckte die Hand nach der Weinflasche aus. »Ein Vorteil bei der Falkenjagd ist übrigens, daß die Tiere nie angeschossen werden. Nicht alles, worauf die Jäger schießen, fällt zu Boden...« Sie kniff die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, blickte uns vielsagend an und füllte die Gläser.

»Wir sollten lieber mit dem Lachs anfangen«, Kamma zeigte auf die Schüssel.

»Meinst du, das Ragout bleibt warm?« Monica runzelte die Stirn.

»Ich lege den Deckel darauf«, antwortete Ingrid und ließ ihren Blick über den Tisch wandern. »Brauchen wir sonst noch etwas?«

»Liebste«, Kamma lächelte breit. »Wir haben alles, was wir uns wünschen können.«

Ich betrachtete Ingrid. Sie war mittelgroß, hatte weizenblonde, hochgesteckte Haare und blaue, wache Augen. Ich schätzte sie auf Mitte Vierzig, aber eigentlich war das schwer zu sagen. Ihre Art hatte etwas Anziehendes. Ich überlegte mir, daß ganz besondere Eigenschaften nötig sein mußten, um ein so isoliertes Leben zu führen, fast immer allein, nur umgeben von Hühnern, einer Falkenschar und einer Katze.

»In Chile holen Adler Kinder«, erzählte Monica und legte sich ein Stück Lachs auf den Teller. »In den Dörfern...«

»Diese Geschichten kennen wir auch«, Ingrid lachte. »In Norwegen wurde vor einigen Jahren behauptet, ein Adler habe ein sechsjähriges Kind geraubt«, sie schnitt eine kleine Grimasse. »Aber das ist höchst unwahrscheinlich, Adler können nämlich nur eine Beute bis zu ihrem eigenen Gewicht heben. Solche Geschichten kommen in der Regel immer dann aufs Tapet, wenn Raubvögel unter Naturschutz gestellt werden sollen.«

»Natürlich rauben sie keine Kinder«, sagte Kamma.

»In Chile wohl«, Monica war nicht zu überzeugen, und alle schwiegen für einen Moment.

Ingrid senkte ihren Kopf ein wenig.

»Nimm doch noch was«, sagte Kamma fröhlich und hielt mir die Schüssel hin.

»Leben Falken eigentlich in Paaren?« fragte ich harmlos.

»Ja, in der Natur«, antwortete Ingrid. »In Gefangenschaft sollte man sie nur mit großer Vorsicht zusammenbringen. Nicht alle mögen sich nämlich gegenseitig leiden.«

»Das Weibchen ist größer und mutiger als das Männchen«, warf Kamma dazwischen und fügte hinzu: »Und es ist anspruchsvoll. Seine erste Beute muß das Männchen unbedingt ihr abliefern. Sonst wird er verschmäht...«, sie kniff die Augen zusammen und lächelte schelmisch.

»Das muß sie doch auch«, sagte Ingrid nüchtern und nahm sich eine Scheibe Schinken. »Er muß schließlich Futter für die Jungen fangen, und das schafft nur ein guter Jäger.«

»Jetzt krieg’ ich aber wirklich keinen Bissen mehr runter«, Kamma legte Messer und Gabel weg und seufzte. Dann stand sie auf, holte aus dem Flur ihre Handtasche und zog die Zigarillos heraus.

Inzwischen hatte ich immer wieder überlegt, ob ich sie nicht fragen sollte, was es mit diesem Berthelsen auf sich habe. Aber nun brachte sie ihn endlich selber zur Sprache.

»Kit, also, hör zu«, sie schob ihren Teller beiseite, steckte einen Zigarillo an, zog daran und stieß eine Rauchwolke aus. Dann beugte sie sich zu mir herüber. »Ich habe mir erlaubt, meinem Nachbarn Hans Ulrik Berthelsen deine Telefonnummer zu geben.«

»Ja?« Ich nippte am Wein und blickte sie gespannt an.

Kamma räusperte sich. »Verstehst du... es geht eigentlich um seine Frau. Sie heißt Simone«, dann schwieg sie ein Weilchen. Schließlich blickte sie wieder auf. »Was ich jetzt sage, ist streng vertraulich«, erklärte sie wichtig und schaute Ingrid und Monica an.

Beide nickten mit offenkundigem Interesse.

Ich unterdrückte ein Lächeln.

»Die Sache ist die, daß ich Simone schon als halbwüchsiges Kind gekannt habe«, fuhr Kamma fort. »Ihr Vater, Frederik Morgan, war mein Nachbar. Er war Abteilungsleiter im Finanzministerium.« Sie zerbröselte zwischen ihren Fingern ein Stückchen Brot. »Seine Frau, Louisa, verließ ihn und die kleine Tochter, um mit einem französischen Arzt durchzubrennen...«

Wieder verstummte sie und starrte vor sich hin. »Louisa war schon eine etwas leichtfertige Person, aber... sie war auch zwanzig Jahre jünger als ihr Mann. Ich glaube nicht, daß dies so gut ist?«

»Das kann bestimmt problematisch sein«, sagte ich, und meine Gedanken streiften die Frau meines Exmannes, die so alt ist wie unser gemeinsamer Sohn Benjamin, und Kammas Liebhaber, einen fünfzig Jahre alten Philosophen.

»Die Ehe wurde auch nicht besser, als sie ihren kleinen Sohn Martin verlor«, Kamma seufzte. »Es war einfach entsetzlich... Er lag im Garten im Kinderwagen und schlief. Als Louisa ihn ins Haus holen wollte, war er tot. Er war einfach eingeschlafen, niemand konnte sagen, warum...«

»Großer Gott!« rief Monica und hielt sich die Serviette vor den Mund. Ihr traten die Tränen in die Augen.

Inzwischen kam Wind auf, die Fensterhaken schlugen gegen die Scheiben.

Ingrid erhob sich vorsichtig und holte aus dem Küchenregal eine Flasche Wein.

Dann brach Kamma das Schweigen. »Simone, übrigens eine hübsche junge Frau, hat geheiratet und wohnt jetzt zusammen mit ihrem Mann Hans Ulrik in meinem Nachbarhaus. Sie ist schwanger, das Kind kommt im April.«

»Was ist mit ihrem Vater?« fragte ich. »Wohnt der auch noch da?«

»Ach, Liebste, nein«, ein Schatten huschte über Kammas Gesicht. »Frederik Morgan ist vor fast zwei Jahren gestorben und hat Simone das Haus hinterlassen.«

Ich dachte kurz darüber nach, wie wohl Kammas Beziehung zu Frederik Morgan ausgesehen haben mochte.

»Aha«, ich nickte und wartete ansonsten ab.

»Also, es ist so«, Kamma ließ sich in ihrem Sessel zurücksinken.

»Das Problem ist, daß irgend jemand Simone schikaniert... die Götter mögen wissen, warum.« Sie trank einen Schluck Wein und blickte nachdenklich vor sich hin.

»Schikaniert«, mein Interesse war geweckt. »Wie denn?«

Die Kerzen auf dem Tisch warfen ihr goldenes Licht durch das Zimmer.

Kamma zögerte ein wenig, hielt eine Weile das Glas in der Hand, nahm noch einen Schluck und sagte dann langsam: »Immer, wenn Hans Ulrik auf Reisen ist. Er ist Jurist und hat viel in Brüssel zu tun... irgendwas mit Umwelt und der EU...«, sie wischte sich ein wenig Asche von der Hose. »Wenn er unterwegs ist, ist Simone allein, und...« Sie blickte mir ins Gesicht.

»Irgendwer dringt dann ins Haus ein...«, sie verstummte.

»Hat Simone diesen Eindringling überrascht?« fragte ich.

»Nein.«

»Aber sie hat ihn zumindest gesehen?«

»Nein.«

Ich hob die Augenbrauen. »Woher weiß sie das dann?«

Kamma atmete tief durch. »Ja, weißt du... alles mögliche ist danach verstellt worden, Möbel und so...«

»Und sonst nichts?« Ich runzelte die Stirn.

»Nein.«

»Kann das nicht die Putzfrau gewesen sein?« fragte Monica, aber Kamma schüttelte den Kopf.

»Hm«, ich kniff die Augen zusammen. »Das klingt wirklich seltsam.«

Monica hustete.

»Ja«, Kamma nickte und ließ ihren Zeigefinger über die Kante ihres Weinglases gleiten. »Ich weiß, was du denkst«, sagte sie dann. »Aber ich glaube ihr. Irgendwo stimmt da etwas nicht.«

»Hat Hans Ulrik irgend etwas beobachtet?« fragte Ingrid.

»Nein«, Kamma schaute sie an. »Es passiert immer, wenn er nicht zu Hause ist.«

»Und wie sieht er die Sache?« fragte ich.

»Anfangs hat er das alles wohl nicht so ganz ernst genommen, aber dann...«, Kamma schüttelte den Kopf. »Er wollte unbedingt, daß sie mit einem Psychologen redet... vor allem wegen der Dinge, die in ihrer Kindheit passiert sind... der Tod ihres Bruders zum Beispiel.«

»Das klingt auch plausibel«, sagte ich. »Aber glaubt er denn nicht, was sie erzählt?«

»Ich möchte es mal so ausdrücken: Er weiß es nicht.« Kamma spitzte den Mund. »Deshalb habe ich ihm vorgeschlagen, sich an dich zu wenden.« Sie blickte mich mit angespanntem Gesichtsausdruck an. »Aber was meinst du, Kit, ist das überhaupt ein Fall, der dich interessieren könnte?«

Ich brauchte Bedenkzeit, und deshalb fragte ich: »Was ist dann passiert? Wollte Simone nicht mit einem Psychologen sprechen?«

»Sie war schrecklich unglücklich, und das kann ich eigentlich sehr gut verstehen. Sie denkt, daß niemand ihr glaubt.« Kamma hob die Hand und ließ sie dann auf den Tisch fallen. »Das muß entsetzlich sein«, sagte sie nachdrücklich.

Ich schwieg und begnügte mich mit einem Nicken.

»Aber was ist mit ihrer Mutter?« fragte Monica. »Hat sie Kontakt zu der?«

»Überhaupt keinen. Louisa war nicht einmal auf Frederiks Beerdigung«, antwortete Kamma kurz. »Und das hätte man doch wirklich erwarten können, und sei es nur ihrer Tochter zuliebe.«

Darauf folgte erst einmal Schweigen.

»Sie fühlt sich sicher sehr allein«, Ingrid kratzte Wachsreste vom Leuchter. »Wenn nicht einmal Hans Ulrik ihr glaubt...«

Ich musterte sie. Ihr Gesicht strahlte eine gewisse Wehmut aus.

»Ich glaube ihr«, erklärte Kamma mit fester Stimme. »Und ich kenne sie schließlich schon seit vielen Jahren.«

»Was macht sie eigentlich, hat sie Arbeit?« fragte ich.

»Sie ist Architektin und arbeitet in einer der Randgemeinden, wartet mal...«, Kamma runzelte die Stirn. »In Glostrup, glaube ich.«

»Warum bist du eigentlich Detektivin geworden?« fragte Ingrid.

»Hat Kamma nicht erzählt, daß du Theologie studiert hast?«

Ich nickte. »Ich mußte mich ein bißchen von Griechisch und Hebräisch erholen«, antwortete ich und fügte hinzu: »Außerdem war ich immer schon neugierig. Vielleicht, weil es in meiner Familie so viel Heimlichtuerei gegeben hat, daß man mindestens drei Detektive brauchen würde, um auch nur ein Körnchen Wahrheit zu finden...«

Die anderen lachten.

Monica hustete.

»Also?« Kamma betrachtete ihre Fingernägel. Dann hob sie den Blick und musterte mich fragend.

Ich gab mich geschlagen. »Wenn sie sich bei mir melden, sehe ich mir die Sache natürlich an...«

»Liebste«, Kamma lächelte anerkennend. »Das freut mich.« Dann wandte sie sich an Monica. »Sag mal, du wirst mir doch wohl nicht krank?«

»Ich?« Monica blickte sie überrascht an.

»Ja... du hustest. Carl hat dich doch hoffentlich nicht angesteckt?«

»Nein«, Monica schüttelte den Kopf. »Ich bin bloß ein bißchen erkältet.«

»Ist Carl krank?« fragte ich freundlich.

»Ja, er hat die Grippe«, antwortete Kamma.

Deshalb bin ich also zur Chauffeuse ernannt worden, dachte ich, und unterdrückte ein Lächeln.

Nach dem Essen machten wir einen langen Spaziergang durch den Wald.

Es war noch immer ziemlich windig. Die hohen Tannen schwankten, zerfetzte Wolken jagten über den Himmel.

Ich fröstelte, klappte den Mantelkragen hoch und bohrte die Hände tief in die Taschen.

Wir erreichten eine kleine Lichtung und blieben stehen. Zwischen den Blättern auf dem Waldboden raschelte es. Ich bückte mich, lauschte. Vielleicht war es eine Maus.

»Vor fast fünfzehn Jahren hat ein Orkan jeden siebten Baum in diesem Wald umgeworfen«, Ingrid, die vor uns her ging, drehte sich zu uns um.

Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund.

»Warum heißt dieser Wald eigentlich Gribskov?« Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und schaute mich um.

»Das kommt vom Wort ›gribe‹, greifen«, erklärte Ingrid. »In alten Zeiten war Gribskov mal Boden, der allen zur Verfügung stand.«

»Erzähl Kit doch von dem bodenlosen See«, sagte Monica.

»Ach, der große Gribsø.« Ingrid blickte mich schelmisch an.

»Der ist ein Stück von hier entfernt. Angeblich hat dort früher einmal ein Nonnenkloster gelegen. Aber Gott ärgerte sich über die Nonnen, weil die sich viel zu sehr für die Mönche im Kloster von Esrum interessierten«, sie lächelte. »Eines Tages wurde es ihm zu arg, und er war so wütend, daß er der Erde befahl, sich zu öffnen und das Kloster und alle Nonnen zu verschlingen. Wenn es windstill ist, kann man abends manchmal in der Tiefe des Sees die Glocken läuten hören.«

»Und was wurde aus den Mönchen?« fragte ich. »Ist denen denn gar nichts passiert?«

»Offenbar nicht«, antwortete Ingrid.

»Typisch«, Kamma schüttelte den Kopf.

Wir folgten einem schmalen Weg durch das Unterholz. Ein besonders kräftiger Windstoß wirbelte Zweige und Blätter vom Waldboden auf.

»Als Kind habe ich immer davon geträumt, einen Förster zu heiraten«, ich lachte. »Und mit ihm in einem großen Haus am Waldrand zu wohnen und zwei Kinder zu haben, ein Mädchen und einen Jungen. Und in der Adventszeit wollte ich im Wohnzimmer sitzen und den Kindern auf dem Klavier vorspielen, während mein Mann im Garten beschäftigt war und überall Vogelfuttergarben anbrachte.«

»Wie romantisch«, Monica lächelte und legte mir eine Hand auf den Arm.

»Spielst du Klavier?« fragte Ingrid.

»Nein«, ich schnitt eine Grimasse. »Aber ich hatte das wirklich vor... in einem Versuch, meinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, habe ich Klavierunterricht verlangt. Damals war ich zwölf...« Ich unterbrach mich, schaute vor mich hin, sog den Waldduft ein und sagte dann: »Aber meine Mutter meinte, das hätte keinen Sinn, wo wir doch gar kein Klavier hatten. Immerhin trieb meine Großmutter eine gebrauchte Gitarre auf und schenkte sie mir zum Geburtstag. Ich saß in meinem Zimmer, klimperte darauf herum, fand aber nie die richtige Melodie. Nach zwei Wochen sagte meine Mutter: ›Du bist nicht musikalisch.‹ Ich schlug vor, sie sollte mir Unterricht geben lassen. ›Was wir nicht in uns haben, lernen wir auch nie‹, war ihre Antwort. ›Echtes Talent kommt von innen.‹«

Ingrid prustete los.

Draußen vor den Fenstern verdüsterte sich der Himmel. Ich stand vor dem Holzofen, rieb mir die Hände und genoß die Wärme. Die Katze sprang aus dem Sessel und strich mir um die Beine. Ich bückte mich und streichelte sie.

»Die ist aber dick«, meinte Monica. »Kriegt sie Junge?«

»Ja«, antwortete Ingrid, die gerade kochendes Wasser in die Kaffeekanne goß. »Und sie kann jetzt jeden Tag niederkommen.«

»Vielleicht«, setzte ich an und unterbrach mich dann. Seit einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, mir einen Dackel anzuschaffen, der Sofus heißen sollte. Eine Katze dagegen...

Kamma schaute zu mir hin und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Wäre das etwas für dich?« fragte sie dann. »So ein Kätzchen?«

»Doch«, ich zögerte, »vielleicht.«

»Von mir aus gern«, Ingrid stellte die Kaffeekanne auf den Tisch und steckte neue Kerzen in die Halter. »Ich kann dich ja anrufen, wenn sie da sind.«

»Aber ich will einen Kater«, beschloß ich.

»Warum denn?« fragte Monica.

Ich lächelte. »Weil er Sofus heißen soll.«

»Detektivin... das ist eigentlich ein seltsamer Beruf.« Ein Klient, dem ich eben den entscheidenden Beweis dafür geliefert hatte, daß seine Frau ihn betrog, beugte sich über den Schreibtisch und musterte mich aufmerksam. Er hatte abgeknabberte Nägel.

»Tja«, ich zuckte mit den Schultern.

»Ist es nicht schwer, dabei zu überleben... ich meine, rein finanziell?«

»Es geht schon.«

»Aber so viele Klienten wenden sich doch sicher nicht an Sie?«

»Ach, das ist ganz unterschiedlich.« Ich knüllte die leere Zigarettenschachtel zusammen, warf sie in den Papierkorb und blickte den Mann an. Vermutlich wollte er die Aufmerksamkeit von den peinlichen Gegebenheiten in seinem eigenen Leben ablenken. Diese Situation war mir nicht unbekannt. Manche der Menschen, die mich aufsuchten, gaben mir einen Einblick in ihr Privatleben, das sie im Grunde doch lieber nicht mit einer Außenstehenden teilen wollten.

»Sind Sie verheiratet?«

»Finanziell gesehen komme ich schon zurecht... wenn Sie das meinen sollten.«

»Aber...«, er rutschte in seinem Sessel hin und her. »Was haben Sie früher gemacht, ehe Sie Detektivin geworden sind?«

»Theologie studiert«, antwortete ich.

»Theologie«, dieses Wort ließ er sich auf der Zunge zergehen.

Es fiel ihm offenbar schwer, es herunterzuschlucken. »Muß man denn dann nicht Pastor werden?«

»Manche werden das ja.«

»Ich glaube weder an Gott noch an den Teufel«, er stieß ein kurzes Lachen aus und fügte dann hinzu, »unser Gemeindepastor hat sich kürzlich zum zweiten Mal scheiden lassen...«

»Ach«, ich nickte. Der Geruch seines Rasierwassers kitzelte mich in der Nase, und ich hatte das Gefühl, gleich niesen zu müssen.

»Ich meine nur«, er machte eine Handbewegung, schaute mich an, »wenn nicht einmal der Pastor das schafft, wer soll denn dann...«

Dazu sagte ich nichts, ich senkte den Kopf, um ein Lächeln zu verbergen.

Ich finde es wirklich erstaunlich, daß viele, die sich von Kirche und Christentum abgewandt haben, zugleich äußerst konservative Vorstellungen mit beidem verbinden. Vielleicht entspringt diese Haltung im Grunde der bürgerlichen Moral.

Ich rechnete mit dem Klienten den Auftrag ab, schloß hinter ihm die Tür und atmete tief durch.

Inzwischen machte ich mir schon seit einer ganzen Weile keine Gedanken mehr darüber, was aus meinen Klienten wurde, nachdem sie mein Büro einmal verlassen hatten.

Ich parkte in der Nansensgade, vor dem Haus, in dem Jannes Freundin wohnte. Ich hoffte, daß jemand zu Hause sein würde, es war bereits mein dritter Versuch.

Die Freundin machte auf. Als sie mich erkannte, wollte sie die Tür wieder zuschlagen, aber ich schob schnell einen Fuß dazwischen.

»Ich muß mit Janne sprechen«, erklärte ich energisch.

»Sie ist nicht da.«

»Wann kommt sie zurück?«

»Woher soll ich das wissen? Ich bin doch nicht ihr Kindermädchen. Und ansonsten...« Sie kniff die Augen zusammen. »Was geht dich das überhaupt an?«

»Ich weiß, daß sie hier wohnt, und ich werde wiederkommen.«

»Warum kannst du sie nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Weil ich mit ihr sprechen muß. Und wenn das nicht möglich ist, dann muß ich ihren Eltern die Adresse verraten.«

Ihre Augen schauten mich unsicher an. »Das tust du nicht!« sagte sie. »Ihr Vater hat doch einen Sockenschuß.«

»Ich habe ihnen nicht gesagt, daß sie hier wohnt«, sagte ich.

»Aber ich kann es auf Dauer nicht verheimlichen. Janne muß mir erzählen, was passiert ist.«

»Er ist ein blödes Schwein.«

»Wer?« Ich musterte sie scharf. »Jannes Vater?«

»Wer denn sonst?«

»Warum?«

»Das muß sie dir schon selber erzählen.«

Ich seufzte, dachte an die blauen Flecken an Jannes Oberarm und fragte: »Also, wann kommt sie?«

»Echt«, sie machte sich an dem roten Stein zu schaffen, der ihren einen Nasenflügel zierte, »ich habe keine Ahnung... ganz ehrlich.«

»Was ist hier los?« Ein junger Mann mit bloßem Oberkörper, halblangen fettigen Haaren und Mittelscheitel tauchte hinter ihr auf.

»Gar nichts«, antwortete sie eilig.

»Line, zum Henker,... ich bin total fertig«, sagte er und packte sie am Arm. »Komm jetzt.«

Ich warf einen Blick auf seine Augen. Sie waren rot und blank.

»Geh schon mal rein«, Line schüttelte seine Hand ab und versetzte ihm einen Stoß. »Ich komm’ gleich nach.«

Aber er blieb stehen. »Wer bist du?« fragte er und schwankte vor mir hin und her.

Ich schwieg.

»Jeppe, zum Teufel«, sie versetzte ihm noch einen Stoß. »Verpiß dich!«

Er blieb immer noch stehen und starrte mich an. »Meine Güte«, sagte er dann, breitete die Arme aus und verschwand.