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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Wie geht es ihr?«, fragte Alexander von Schoenecker Dr. Baumgarten, der gerade aus dem Schlafzimmer kam. »Ist es etwas Ernstes?« Der Gutsherr von Schoeneich sah blass aus. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern. »Ich glaube, ich kann dich beruhigen, Alexander«, meinte Dr. Werner Baumgarten. »Denise hat sich überfordert. Es hilft ja nichts, wenn man ihr gute Ratschläge erteilt. Sie denkt immer nur an die anderen, insbesondere an die Kinder von Sophienlust. Nun hat die Natur ein Machtwort gesprochen. Der kleine Zusammenbruch wird wohl deutlich machen, dass es an der Zeit ist, auch etwas für sich selbst zu tun.« »Bist du sicher, dass nichts Ernstes dahintersteckt? Sie wurde plötzlich kalkweiß im Gesicht, sagte nicht ein einziges Wort und fiel mir in die Arme. Glücklicherweise war ich neben ihr. Es kam mir unheimlich vor, Werner.« »Um sicherzugehen, werden wir morgen oder übermorgen eine Generaluntersuchung mit Blutbild, EKG und so weiter ansetzen. Heute soll sie sich ausruhen und verwöhnen lassen, Alexander.«
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2024
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»Wie geht es ihr?«, fragte Alexander von Schoenecker Dr. Baumgarten, der gerade aus dem Schlafzimmer kam. »Ist es etwas Ernstes?«
Der Gutsherr von Schoeneich sah blass aus. Der Schreck steckte ihm noch in den Gliedern.
»Ich glaube, ich kann dich beruhigen, Alexander«, meinte Dr. Werner Baumgarten. »Denise hat sich überfordert. Es hilft ja nichts, wenn man ihr gute Ratschläge erteilt. Sie denkt immer nur an die anderen, insbesondere an die Kinder von Sophienlust. Nun hat die Natur ein Machtwort gesprochen. Der kleine Zusammenbruch wird wohl deutlich machen, dass es an der Zeit ist, auch etwas für sich selbst zu tun.«
»Bist du sicher, dass nichts Ernstes dahintersteckt? Sie wurde plötzlich kalkweiß im Gesicht, sagte nicht ein einziges Wort und fiel mir in die Arme. Glücklicherweise war ich neben ihr. Es kam mir unheimlich vor, Werner.«
»Um sicherzugehen, werden wir morgen oder übermorgen eine Generaluntersuchung mit Blutbild, EKG und so weiter ansetzen. Heute soll sie sich ausruhen und verwöhnen lassen, Alexander.«
»Natürlich. Das ist selbstverständlich. Aber was soll geschehen, damit sie sich erholt? Wir müssen ihr etwas zudiktieren, ehe sie wieder richtig auf den Beinen ist. Sonst setzt sie ihren Dickkopf am Ende doch wieder durch und arbeitet weiter, als ob nichts geschehen wäre.«
Dr. Werner Baumgarten, mit Alexander von Schoeneckers Kusine Barbara verheiratet, lachte leise, bevor er antwortete: »Ich würde vorschlagen, dass ihr verreist. Das Tessin wäre der ideale Platz, sich auszuruhen. Außerdem seid ihr da wirklich schön weit vom Schuss und könnt Sophienlust samt seinen Freuden und Leiden ein Weilchen vergessen.«
»Hm – eine blendende Idee! Sag du es ihr doch, Werner. Wenn der Doktor eine Reise verschreibt, klingt das auch überzeugender, als wenn der Ehemann mit solchen Plänen herausrückt. Wir müssen sie unbedingt zum Urlaub zwingen.«
»Ich übernehme das, Alexander. Ein Zusammenbruch ist eine Warnung, die man nicht in den Wind schlagen sollte. Es ist mir durchaus ernst damit.«
»Wie geht’s Mutti?«, fragte Henrik, der eben aus der Schule gekommen war und die schlechte Nachricht in der Küche erfahren hatte.
Jetzt erschien auch Dominik, die Mappe noch in der Hand. »Kann man zu ihr hineingehen?«, fragte er. Sein hübsches Jungengesicht wirkte in der Sorge um die geliebte Mutti fast männlich.
Dr. Werner Baumgarten beruhigte die beiden. Er wiederholte das, was er soeben zu Alexander gesagt hatte.
»Eine Reise?«, fragte Nick stirnrunzelnd. »Wenn ihr beide wegfahrt, Vati, dann können Henrik und ich drüben in Sophienlust wohnen. Oder hättest du etwas dagegen?«
»Durchaus nicht. Es ist die Lösung, die sich anbietet.«
Henrik strahlte. »Prima. Darf ich in deinem Zimmer schlafen, Nick?«
»Hm, vielleicht. Wir fragen Tante Ma, wie sie es einteilen will. Natürlich ist in meiner Bude immer Platz für meinen kleinen Bruder«, erklärte Nick großzügig. Er hatte ein eigenes Zimmer auf Sophienlust, das ihm als Erbe zugefallen war. Um dieses Erbe beneidete Henrik seinen größeren Bruder nicht, wohl aber um das Zimmer, das Nick allein gehörte und in dem dieser jederzeit übernachten durfte, sofern er Lust dazu hatte.
Dominik von Wellentin-Schoenecker hatte das Gut Sophienlust von seiner Großmutter Sophie von Wellentin geerbt, da seine Mutter in erster Ehe mit Dietmar von Wellentin verheiratet gewesen war. Doch Nick hatte seinen Vater niemals kennengelernt, weil dieser schon vor seiner Geburt tödlich verunglückt war. Das Testament seiner Urgroßmutter hatte bestimmt, dass er das Erbe erst dann antreten dürfte, wenn er großjährig und in der Lage sein würde, das Gut und das dazugehörige Millionenvermögen zu verwalten. Außerdem hatte die alte Dame noch den Wunsch zum Ausdruck gebracht, aus dem schönen alten Herrenhaus, das beinahe wie ein Schloss wirkte, eine Heimstatt für in Not geratene Kinder oder auch Erwachsene zu machen.
Denise hatte es seinerzeit sofort übernommen, diesen Wunsch der Erblasserin zu erfüllen, der es ihr auch ermöglichte, ihren Sohn wieder zu sich zu nehmen. Denn Nick hatte bis dahin in einem Kinderheim leben müssen.
Später hatte Denise dann Alexander von Schoenecker, den Gutsnachbarn, geheiratet, der als Witwer mit seinen beiden Kindern Sascha und Andrea ein recht einsames Leben geführt hatte. Diese Ehe war sehr glücklich geworden. Aus ihr stammte Henrik. Die älteren Geschwister hatten inzwischen Schoeneich verlassen. Sascha, um zu studieren, Andrea, um zu heiraten.
Dr. Baumgarten versprach, gegen Abend wiederzukommen und Denise dann eindringlich zu erklären, dass sie unter allen Umständen für ein paar Wochen verreisen müsse.
»So eine Krankheit möchte ich auch mal haben«, seufzte Henrik auf. »Einfach verreisen. Dann gäbe es keine Schule!«
Alexander fuhr ihm mit der Hand durch das verstrubbelte Jungenhaar. »Das könnte dir so passen, Henrik«, lachte er. »Ich habe nicht den Eindruck, dass du dich in der letzten Zeit in der Schule völlig überarbeitet hättest. Mutti hat zu viel getan, hier in Schoeneich und drüben in Sophienlust. Bei dir habe ich in dieser Beziehung keine echten Sorgen.«
Henrik schob die Unterlippe vor. »Ach, Vati – dass du mich immer auslachen musst. Aber Hauptsache ist, Mutti wird schnell wieder gesund.«
»Da sind wir wohl einer Meinung«, beendete Dr. Baumgarten die Unterhaltung. »Ich muss schnell weiter. Ihr habt mich aus der Sprechstunde geholt, sodass inzwischen wohl schon etliche Leute auf mich warten werden. Bis heute Nachmittag oder Abend also. Lasst Denise jetzt ein bisschen in Ruhe. Ich habe ihr ein Mittel injiziert und denke, dass sie zwei bis drei Stunden schlafen wird.«
»Gar nicht hineingehen?«, fragte Nick enttäuscht, denn er wollte selbst von seiner Mutti hören, dass es nicht so schlimm sei mit ihr.
»Später, Nick. Lasst sie jetzt mal in Frieden. Das ist es, was sie überanstrengt hat: Man gönnt ihr nie Zeit für sich selber. Deshalb bin ich auch für die Reise. Nur du und sie, Alexander. Das müsste das erfolgreichste Rezept sein.«
Alexander begleitete den Arzt zu seinem Wagen. Nick und Henrik blieben ein bisschen bedrückt zurück. Es war ungewohnt und ein klein wenig unheimlich, dass ihre Mutti am hellen Mittag im Bett liegen musste.
*
Die Nachricht von Denises Zusammenbruch verbreitete sich rasch. Andrea von Lehn rief an und erkundigte sich besorgt nach dem Befinden ihrer Stiefmutter. Aus Sophienlust kam Carola Rennert rasch herübergefahren, um persönlich nachzusehen und zu fragen, ob sie etwas helfen könne. Es wurde schließlich beschlossen, dass die beiden Jungen noch am selben Abend nach Sophienlust übersiedeln sollten.
Henrik fand es aufregend, dass für ihn ein Koffer gepackt wurde. »Es ist wie eine richtige Reise«, stellte er triumphierend fest.
»Als ob wir in Sophienlust nicht genauso zu Hause wären wie hier«, lachte Nick ihn aus.
Glücklicherweise fühlte sich Denise am Abend schon etwas besser. Nur mit Mühe war sie davon zu überzeugen, dass sie bis zum nächsten Tag liegen bleiben müsse.
Nick und Henrik durften kurz zu ihrer Mutter ins Zimmer, um sich zu verabschieden.
»Du siehst nicht krank aus, Mutti«, stellte Nick mit einem Seufzer der Erleichterung fest.
Denise von Schoenecker lächelte ihre Söhne an. »Ich bin auch nicht krank. Aber Onkel Werner besteht darauf, dass ich mich ein paar Wochen erhole. Da ich euch drüben in Sophienlust gut aufgehoben weiß, kann ich ja beruhigt abreisen.
»Du musst wirklich umfallen, ehe ihr euch zu einer Ferienreise entschließt«, erwiderte Nick altklug. »Wie oft habt ihr davon geredet, und dann gab es immer etwas, was dazwischenkam. Onkel Werner wird dich vorher noch genau untersuchen, damit wir sicher sind, dass dir sonst nichts fehlt, Mutti.«
Noch hatte er die Zeit nicht vergessen, als sie arm gewesen waren und er in einem Kinderheim hatte leben müssen, weil seine Mutti gezwungen gewesen war, den Lebensunterhalt für ihn und sich selbst zu verdienen.
»Ich bin sicherlich nicht krank, Nick. Mach dir nur keine Sorgen«, versuchte Denise ihn zu beruhigen.
»Wir müssen auf dich aufpassen«, ließ sich jetzt Henrik vernehmen, der hinter seinem großen Bruder nicht zurückstehen wollte. »Du bist nämlich unsere allerbeste Mutti.«
Denise breitete die Arme aus. »Komm her, mein Kleinster. Ich werde sicherlich Heimweh nach euch und nach Sophienlust bekommen, wenn wir weg sind.«
»Jetzt fängt sie schon an zu handeln«, lachte Alexander, der eben ins Zimmer gekommen war. »Lasst euch auf nichts ein, Jungens, außerdem können wir auch miteinander telefonieren, damit Mutti weiß, dass auf Sophienlust alles in Ordnung geht. Frau Rennert schafft das ganz bestimmt. Sollte etwas Außergewöhnliches geschehen, wird man dich schon zurate ziehen, Liebes.«
Denise sah ihren Mann ein wenig ängstlich an. »Du redest, als würden wir schon morgen abreisen und als sollte ich meine Söhne vor der Abreise gar nicht mehr sehen.«
Alexander von Schoenecker lachte. »Keine Sorge. Zuerst untersucht dich Werner noch, und zwar übermorgen. Inzwischen werde ich herumtelefonieren, damit wir ein schönes Hotel finden, wo wir Ruhe haben, sodass du dich richtig erholen kannst. Drei Tage bleiben dir also.«
»Es gibt viel zu bedenken, wenn ich so weit wegfahren soll«, meinte Denise nachdenklich.
Nun lachte auch Nick. »Ach, Mutti, es wäre schlimm, wenn man in Sophienlust nicht mal ein paar Wochen ohne dich weitermachen könnte. Außerdem bin ich auch noch da. Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst.«
Denise nickte ihm zu. »Ja, Nick, das weiß ich …«
Der Gutsherr von Schoeneich machte der Unterhaltung ein Ende, weil der Wagen vorgefahren war, der die Jungen nach Sophienlust bringen sollte.
Denise umarmte und küsste ihre beiden Söhne. »Schlaft gut und vergesst mich nicht ganz in Sophienlust«, sagte sie.
»Aber, Mutti! Dich vergessen wir ganz bestimmt nicht – wir nicht und die Kinder von Sophienlust erst recht nicht«, versicherte Henrik.
Dann endlich verließen die beiden Jungen das elterliche Schlafzimmer. Nicht gerade geräuschlos stapften sie die Treppe hinunter.
Hermann, der Chauffeur, wartete schon.
»Ich freue mich, dass wir mal lange in Sophienlust bleiben dürfen«, flüsterte Henrik seinem älteren Bruder mit etwas wackliger Stimme zu. »Bloß dürfte unsere Mutti nicht krank sein.«
Nick gab ihm einen freundschaftlichen Puff, als er antwortete: »Sie ist nicht schlimm krank, Henrik. Du braucht keine Angst zu haben. Ich habe vorhin genau gehört, wie Onkel Werner mit Vater gesprochen hat. Onkel Werner würde es Vati bestimmt sagen, wenn es etwas Gefährliches wäre.«
Sicherlich hätte Denise ihren Sohn jetzt am Ohr gezogen, wenn sie dieses Gespräch mitangehört hätte. Denn seine Neugier brachte Dominik immer wieder dazu, rein zufällig, wie er zu behaupten pflegte, allerlei zu belauschen, was eigentlich nicht für seine Ohren bestimmt war.
»Onkel Werner muss es wissen«, gab Henrik mit einem Seufzer zurück. »Er ist ja Arzt.«
Wenig später hielten die beiden jüngsten Schoeneckers auf Sophienlust Einzug. Es gab gerade Abendessen, und die große Kinderfamilie nahm die beiden Jungen mit Tumult und vielen Fragen in Empfang. Alle wollten wissen, wie es ihrer geliebten Tante Isi – so durften sie Denise nennen – gehe.
Magda, die Köchin, war nicht gekränkt, dass ihr gutes Essen vorerst kaum beachtet wurde. Auch sie stand im Speisezimmer, um zu hören, wie es drüben auf Schoeneich stehe.
Nick verkündete mit erhobener Stimme, dass es seiner Mutter schon etwas besser gehe und dass sie mit seinem Vater für einige Zeit verreisen werde. Dann setzte er sich neben seine spezielle Freundin, Angelina Dommin, die wegen ihrer lustigen Sommersprossen allgemein Pünktchen genannt wurde. Er beschäftigte sich nun angelegentlich mit dem Abendbrot, denn er hatte mittags vor Aufregung fast nichts essen können.
*
»Das Frühstück ist die schönste Mahlzeit hier«, sagte Denise andächtig und zufrieden. »Dieser Blick über den See ist jeden Tag anders und immer noch schöner, als man ihn am Vortag in Erinnerung hat.«
»Lugano hat mich auch sofort gelockt, als Werner etwas vom Tessin verlauten ließ. Dass wir allerdings ein so hübsches kleines Hotel entdecken würden, wagte ich nicht einmal zu träumen.«
»Das schöne Wetter hast du gleich dazubestellt, nicht wahr?«, sagte Denise lächelnd. In der ersten Woche hatte sie viel geschlafen, sodass sie nun schon nicht mehr so angegriffen und zart aussah wie zu Anfang. »Schau, da kommen die Wassmanns. Wenigstens eine Familie, die morgens noch länger schläft als wir.«
Kai und Asta Wassmann kamen auf den Tisch der Schoeneckers zu. Der noch nicht fünfjährige Sohn Enno folgte den beiden etwas zögernd.
»Wollen Sie sich zu uns setzen?«, rief Denise dem jungen Ehepaar zu. »Wir haben eben erst mit dem Frühstück angefangen.«
»Wenn wir nicht stören?«
Asta Wassmann war eine aparte blonde Frau, die der Geburt eines Brüderchens oder Schwesterchens von Enno entgegensah. Das freundschaftliche Verhältnis zwischen dem Ehepaar Schoenecker und dem Ehepaar Wassmann war über den kleinen Jungen zustande gekommen, der sich – wie fast jedes Kind – sofort von Denise angezogen gefühlt hatte und von sich aus Kontakt zu ihr suchte. Jetzt, da Enno sah, dass seine Eltern sich zu Schoeneckers setzten, kam er rasch herbeigelaufen und begrüßte Alexander und Denise mit strahlendem Gesichtchen. »Ich dachte schon, wir setzen uns woandershin«, gestand er. »Aber ich wollte bei dir sein, Tante Isi.« Das Vorrecht, Denise so zu nennen, hatte er sich bereits erworben.
Die Saaltochter kam, um sich nach den Wünschen der Wassmanns zu erkundigen. Wenig später wurde Kaffee für die Eltern und Kakao für Enno gebracht. Brötchen, Hörnchen, Butter, Honig und Marmelade standen ohnehin reichlich auf dem Tisch.
Man schmauste in bester Laune.
»Sie sehen schon ein bisschen besser aus, Frau Wassmann«, stellte Denise befriedigt fest. »Wenn man sich hier nicht erholt, dann wahrscheinlich nirgends. Ich werde nach und nach richtig faul hier. Geht es Ihnen auch so?«
»Ja, es ist schön hier«, entgegnete Asta Wassmann leise. »Leider schlafe ich schlecht, obwohl das Hotel so weitab vom Verkehr liegt und man fast nichts hört. Ich wache immer von meinem eigenen Herzklopfen auf. Es kommt mir vor, als hätte ich die Virusinfektion noch nicht überwunden.«
Kai Wassmann legte seine sonnengebräunte Hand auf die seiner jungen Frau. »Du musst Geduld haben, Asta. Dass du schwer krank warst, können wir leider nicht bestreiten. Es liegen aber noch zwei Wochen vor uns, in denen du dich kräftigen kannst und auch musst. Denn in etwa sechs Wochen werden wir unser Baby haben.« Er sah mit betontem Lächeln zu Enno hin, dessen hübsches Kindergesicht sich bei seinen letzten Worten verfinstert hatte.
»Wir brauchen kein Baby, Mutti«, erklärte der Junge auch schon mit der größten Entschiedenheit.
»Vati und ich wünschen uns aber ein Baby. Für dich wird es später auch schön sein, wenn du jemanden zum Spielen hast.« Asta Wassmann lächelte verkrampft.
Enno schob die Unterlippe vor. »Aber du hast selber gesagt, dass es zuerst ganz klein ist und nicht laufen oder sprechen kann. Ich finde das bloß langweilig. Wir brauchen es wirklich nicht.«
»Leider kann man Babys nicht wieder abbestellen, Enno«, mischte sich Denise, die dieses Problem bereits kannte, ruhig ein. »Aber das Baby wird dir schon gefallen. Es wächst erstaunlich rasch. Wahrscheinlich wirst du später sehr stolz auf dein Schwesterchen oder Brüderchen sein.«
Enno schüttelte den Kopf. »Es weint immer. Peter hat einen kleinen Bruder, der schreit nur. Außerdem muss Peter ständig auf ihn aufpassen.«
»Ist Peter dein Freund?«, erkundigte sich Denise, indem sie ein zweites Hörnchen mit Butter bestrich.
»Nöö, er wohnt im Nebenhaus. Manchmal spielt er mit mir. Aber wie kleine Babys sind, das weiß er genau. Ich habe ihn nämlich gefragt.«
Alexander von Schoenecker schmunzelte verstohlen. »Na ja, wenn Peter es dir erklärt hat, dann muss es stimmen.«
»Klar, stimmt es«, erregte sich Enno. »Und seine Mutter hat keine Zeit mehr für ihn, weil sie immer was für das Baby tun muss. Es kriegt ein Fläschchen, es braucht Windeln, es muss gebadet werden. Ich will das nicht.«
Es war nicht zu verheimlichen, dass Enno schon jetzt von Eifersucht auf das zu erwartende Geschwisterchen geplagt wurde.
»Außerdem brauche ich nicht zu Tante Ada, wenn das Baby nicht kommt«, ergänzte Enno seinen Sorgenkatalog.
»Also, weißt du, ich würde froh sein, wenn ich noch eine Weile hierbleiben dürfte«, mischte sich Kai Wassmann ein. »Es ist sehr schön hier. Der andere See ist sogar noch größer als dieser hier. Tante Ada will uns morgen besuchen. Sie ist sehr nett und gefällt dir bestimmt.«
Enno schüttelte traurig den Kopf. Sein Gesichtchen drückte Entschlossenheit aus – die Entschlossenheit, Tante Ada auf keinen Fall nett zu finden und gernzuhaben.
Asta Wassmann seufzte verstohlen. Denise warf ihr einen tröstenden Blick zu.
Für den Augenblick war das Problem natürlich nicht zu lösen.
Als das Frühstück beendet war, unternahmen die Herren einen Spaziergang am See entlang. Sie forderten den Jungen auf, sie zu begleiten, damit Denise und Asta Ruhe hatten.
»Was machen wir am See?«, erkundigte sich Enno vorsichtshalber.
»Ich denke, wir laufen ein großes Stück und kommen dann mit einem Schiff wieder zurück. Möchtest du?«, fragte Alexander von Schoenecker aufmunternd.
»Mit dem Schiff? Ja, das mag ich gern. Ich komme mit.«
»Also, für uns Männer ist gesorgt«, scherzte Alexander. »Die Damen werden sich wohl selbst zu beschäftigen wissen. Gegen ein Uhr könnt ihr uns zurückerwarten. Natürlich völlig verhungert.«
Selig stapfte Enno mit seinem Vater und Alexander los.
»Wir reden immer wieder von dem Baby«, sagte Asta bedrückt. »Enno ist geradezu krankhaft eifersüchtig. Kais Tante, die ständig in Locarno lebt, wird es grässlich schwer mit ihm haben, fürchte ich. Es ist furchtbar lieb von ihr, dass sie Enno für die ersten zwei Monate zu sich nehmen will. Der Arzt hat darauf bestanden, weil mir diese dumme Erkrankung so zugesetzt hat. Er denkt, es sei zu viel, wenn ich nachher gleich zwei Kinder im Hause habe. Mir wäre es lieber, ich könnte Enno bei mir behalten. Aber mein Mann besteht darauf, dass ich auf den Arzt höre.«
Denise schaute über den See. Es gefiel ihr so gut auf der Terrasse vor dem Hotel, dass sie ihren Platz zunächst nicht aufgab.
»Zwar bin ich im Allgemeinen sehr für Ehrlichkeit Kindern gegenüber«, erklärte sie bedächtig, »aber in Ihrem Fall wäre es wahrscheinlich besser gewesen, Enno mit den vollendeten Tatsachen zu konfrontieren. Nun, da habe ich freilich gut reden, denn Sie haben es sicherlich gut gemeint, als Sie Enno auf das Geschwisterchen vorbereiteten.«
»Der Junge neigt zur Eifersucht, Frau von Schoenecker. Es ist wie ein Komplex. Wenn er sich an jemanden anschließt, dann möchte er diesen Menschen am liebsten mit Haut und Haaren auffressen und dessen Zuneigung mit niemandem teilen. Er wird zum Beispiel böse, wenn Kai mich in seiner Gegenwart zärtlich in den Arm nimmt und mir einen Kuss gibt. Unglücklicherweise hat der Nachbarsjunge ihm allerlei Unsinn über das Baby in seiner Familie erzählt. Das hat Ennos vorgefasste Meinung noch bestärkt. Tante Ada lehnt er nur deshalb von vornherein ab, weil es durch sie möglich wird, dass er von zu Hause wegbleiben kann. So klein der Junge ist, in diesen Dingen hat er ein unheimliches Gespür.«
»Vielleicht überwindet die Tante seine Abneigung auf Anhieb«, versuchte Denise Astas Stimmung etwas aufzubessern. »An mich hat der kleine Kerl sich ja auch sofort angeschlossen.«
Asta nickte. »So ist Enno. Der erste Blick entscheidet bei ihm über Sympathie oder entschiedene Abneigung. Ganz seltsam ist das.«
