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Das Ende ist erst der Anfang... Wer waren die Sieben? Woher kamen sie? Und was wollten sie? Zerrissen zwischen verschiedenen Lebenswegen versucht Iskan, diesen Fragen in den Wirren der nerischen Revolution auf den Grund zu gehen. Seine Schwester Elea kämpft für ihren Traum. Doch dann wird sie von den Folgen des Lichtes heimgesucht. Und Tajan, ein Schatten der Nacht, soll seinem Volk das Glück bringen. Eine unaufhaltsame Spirale der Gewalt wird nicht nur das Schicksal dieser Menschen entscheiden, sondern die Zukunft von ganz Entatika.
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Seitenzahl: 578
Veröffentlichungsjahr: 2025
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DER AUTOR
Peter Bogardt, geboren 1989, lebt und schreibt in seiner Heimatstadt Dresden. Als studierter Geograph bewegte er sich bereits intensiv im Spannungsfeld des globalisierten Klimawandels. Dabei entdeckte er auf kreativer Suche den dystopischen Abenteuerroman als expressives Format. Seine Leidenschaft für die Natur wurde in der Jugend durch das Klettern entfacht. Nach vielen atemberaubenden Erlebnissen in den Bergen der Welt erforscht er heute vor allem die unergründlichen Weiten seiner Seelenwelt.
Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen.
– Indianische Weisheit
Ein regelmäßiges Tröpfeln hallte in das schwarze Nichts. Es schien in weiter Ferne zu verklingen, aufgelöst in Unendlichkeit. Außer diesem Laut war nichts zu hören.
Fast.
Ein hauchzartes Plätschern untermalte den steten Rhythmus der Tropfen. Wie ein flüchtiger Nebel sickerte es allmählich in die Wahrnehmung, wandelte sich von einem Geräusch zu einem Gefühl. Die neue Dimension löste eine Explosion aus.
Etwas in seinem Inneren drehte ihn ruckartig zur Seite. Ohne Vorwarnung musste er sich übergeben. Nicht enden wollende Übelkeit nahm ihm die Luft, schien ihn förmlich ersticken zu wollen. Wieder und wieder verkrampfte er sich, bis er alles Abscheuliche ausgestoßen hatte.
Als er endlich eine raue Leere verspürte, ließ er sich erleichtert zurückfallen. Die Gnade währte allerdings nur kurz. Nun fühlte er neue Dinge. Nässe, Kälte und Schmerz. Ein vernichtender Schmerz, der in pulsierenden Wellen über ihn hereinbrach. Irgendjemand schlug ihm unerbittlich gegen die Schläfen, aber sie wollten nicht bersten. Eine Hand wanderte unvermittelt an seinen Kopf. Doch anstatt die Qualen zu lindern, ertastete sie eine zähe, halb getrocknete Flüssigkeit.
Kraftlos fiel die Hand zu Boden. Eine ganze Weile lag er so da. Bis er merkte, dass kühle Luft durch seinen Mund strömte, den Brustkorb hob und wieder entwich. Dieser Vorgang war unheimlich beruhigend. Er blinzelte vorsichtig und schlug langsam die Augen auf. Doch als er nichts sah, vergaß er für einen Augenblick die Schmerzen.
Es war dunkel. Nein, es war schwarz. Reine Finsternis umgab ihn, die Abwesenheit von Licht. Es gab keinen Bezugspunkt, keinen Sinn und kein Sein. Er war blind, machtlos gegen seine Peiniger, die ihn von allen Seiten stachen, traten und schlugen. Und er war allein.
Als er sich der Bedeutung dieses Umstands bewusst wurde, überkam ihn ein Kälteschauer, der durch seinen gesamten Körper fuhr. Sein Herz schlug schneller. Es bäumte sich förmlich in seinem Inneren auf und setzte gewaltige Energien frei. Entschlossen versuchte er, sich aufzurichten. Ein übermächtiger Schwindel zwang ihn jedoch zurück auf den kalten Boden. Er schloss die Augen, hinter denen es unablässig hämmerte, und atmete tief durch. Konnte er tatsächlich die nötige Kraft aufbringen? Es wäre doch so viel leichter gewesen, einfach hier zu bleiben! Hier, in dieser unwirtlichen Welt. Den bekannten Schmerz ertragen, um nicht einer noch größeren Pein ausgesetzt zu sein.
Er glaubte nicht, diese Kraft zu haben, doch etwas in seinem Inneren hatte sie. Sein Herz schlug hartnäckig in seiner Brust. Eine ungeheure Macht ging von ihm aus, die gegen das Schicksal ankämpfte, das er gerade zu akzeptieren versuchte. Wie das Tröpfeln erinnerte es ihn unablässig an die einzige Sache, die jetzt wichtig war.
Das hier war nicht seine Welt. Und er musste sie verlassen. Mühevoll rappelte er sich auf. Irgendwann stand er auf den Beinen und taumelte in eine Richtung, bis er an eine kalte Wand stieß. Sie war rau und kantig. Während er die neuen Eindrücke verarbeitete, atmete er mehrere Male tief durch, bis die Schmerzen erträglicher wurden. Dann öffnete er wieder die Augen, obwohl es keinen Unterschied machte, und tastete sich vorsichtig an der Felswand entlang.
Nach wenigen Schritten stießen seine Füße an etwas Festes, doch seine Hände griffen ins Leere. Er bückte sich und ertastete eine Art Stufe. Auf allen Vieren kletterte er darüber hinweg, bis der Fels wieder vor ihm aufsteilte. Um nicht noch einmal überrascht zu werden und womöglich ins Ungewisse zu stolpern, setzte er seinen Weg in dieser Körperhaltung fort, bis er die Stufe auf der anderen Seite wieder herabstieg.
Hier wirkte die Wand glatter und wies längliche Strukturen auf. Auch der Boden schien ebenmäßig zu sein.
Ohne seine Vorsicht außer Acht zu lassen, folgte er der Wand. Schon bald ging sie wieder in natürliches Gestein über und beschrieb einen Bogen. Abermals musste er sich nach rechts wenden. Ein grausiger Verdacht überkam ihn, der sich bestätigte, als er wieder die Stufe erreichte. Er war von Felswänden umgeben, gefangen in einem steinernen Grab.
Mutlos sackte er zusammen. Das war das Ende. Er dachte darüber nach, wie er hierhergekommen war, doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Er wusste nicht, wer er war und woher er kam. Nur die pulsierenden Schmerzen machten ihm deutlich, dass er lebte und einen Körper besaß.
Da das Denken so anstrengend war, ließ er es sein. Eine Weile verfolgte er teilnahmslos das monotone Tröpfeln, welches seinen aufwallenden Schmerzen einen gewissen Takt zugrunde legte. Als ein Tropfen ausblieb, schreckte er hoch. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass er Durst hatte. Einen schrecklichen Durst, der all seine anderen Sorgen für nichtig erklärte.
Wie ein Kleinkind robbte er über den Boden, bis seine Hände in etwas Nasses eintauchten. Es war kalt und tat gut. Er bückte sich und trank begierig. Allmählich trug das Wasser seine Gedanken, bis ihm eine Idee kam. Oder vielmehr ein Hoffnungsschimmer in aussichtsloser Lage. Die Macht in seinem Inneren war noch nicht bereit aufzugeben.
Langsam aber zielgerichtet kroch er zur Felsstufe, kletterte darüber hinweg, näherte sich der nächsten Wand und richtete sich auf. Tatsächlich, auf Brusthöhe schien wieder eine Kante zu sein! Er hatte sie beim ersten Mal nicht bemerkt, da er die Wand in gebückter Körperhaltung abgetastet hatte.
Diese Entdeckung setzte ungeahnte Kraftreserven frei. Er holte Schwung und versuchte, in einen Stütz zu springen, doch die Beine versagten ihm den Dienst. Sein winziger Sprung hatte geradeso gereicht, dass sein Oberkörper auf dem Absatz liegenblieb. Schwerfällig zog er die Beine über die Kante, rollte sich auf den Rücken und rang nach Luft. Er fühlte sich völlig erschöpft, doch der Höhengewinn war ein erster Erfolg, den er sich vorhin, als sein Bewusstsein zurückgekehrt war, nicht einmal hätte träumen lassen.
Er richtete sich auf und stellte fest, dass er sich auf einer weiteren Stufe befand. Abermals schloss er die Augen und wartete, bis die Enttäuschung verflogen war, ehe er den nächsten Absatz in Angriff nahm. Er wusste nicht, dass noch sieben Stufen folgen sollten.
Das letzte Hindernis aus rohem Fels überwand er mit einem kläglichen Schrei, der sich aus schwindender Kraft und unsäglichen Schmerzen speiste. Lange lag er auf kaltem, nacktem Gestein, bevor er sich wieder kriechend in Bewegung setzte. Die Fläche, auf der er sich befand, wurde immer schmaler, bis er von Felswänden umgeben war. Um seinen Weg fortzusetzen, musste er sich aufrichten.
Unter Aufbringung seiner letzten Kräfte verklemmte er sich mit den Armen in dem glatten Kamin, den der Fels bildete, und zog sich an diesem Halt Stück für Stück nach oben, während seine Beine so stark drückten, wie es ihnen noch möglich war. Wieder und wieder drohten seine Knie einzubrechen, und jedes Mal zwang er seinen geschundenen Körper, gegen die drohende Ohnmacht anzukämpfen.
Irgendwann stand er aufrecht und schob sich tiefer in die Felsspalte hinein, bis die Wände so nahekamen, dass er nicht mehr zu Boden hätte stürzen können. Ihm wurde kalt, und er wusste, was das bedeutete. Er hatte alles gegeben, doch jetzt war das Ende erreicht.
Zumindest würde er im Stehen sterben, als auf Knien zu leben. Wie es sich für einen großen Mann gehörte. Er musste lächeln und wunderte sich noch, woher dieser Gedanke kam. Dann wurde ihm bewusst, dass die Kälte nicht seinem Inneren entsprang, sondern von einem beständigen Luftzug herrührte, der ihn schon seit geraumer Zeit in der Felsspalte umwehte.
Über den Autor
ERWACHEN
TEIL 1 WELTENHERRSCHER
1 DER UNBEKANNTE
2 ANGEBOTE
3 DIE WEGE TRENNEN SICH
4 IM PARLAMENT
5 ALLTAG
6 DIE ENTDECKUNG
7 DIE KATASTROPHE
8 DAS KOMMANDO
9 EBENBÜRTIG
10 DER LÖWE IM KÄFIG
11 NACHWIRKUNGEN
12 POLITIK
13 EINE SCHWIERIGE AUFGABE
14 DIE SCHAUKÄMPFER
15 SÄKULARISIERUNG
16 DER SCHLÜSSEL
17 DIE HÜRDEN DER VERGANGENHEIT
18 FÜR DIE ZUKUNFT
19 NEUER ANLAUF
20 DAS RÄTSEL
21 ABWÄGUNGEN
22 METASTABILES GLEICHGEWICHT
23 EINE FÜR ALLE
24 ERWARTUNGEN
25 DER NERIER
26 GEÄNDERTE VORZEICHEN
27 EINE FOLGENSCHWERE ENTSCHEIDUNG
28 DAS WISSEN DER AHNEN
29 KONTROLLVERLUST
30 DER VORSCHLAG
31 DIE NÄCHSTE INSTANZ
32 DAS GEHEIME ZIMMER
33 ENTSCHEIDUNGSHILFE
34 DER WUNSCH
35 PFLICHTERFÜLLUNG
36 DOPPELTES SPIEL
37 HINTERGRÜNDE
38 DAS AQUÄDUKT
39 DIE GLÜCKSBRINGER
40 DIE BITTE
41 VORWÜRFE
42 REB AL DUUR
43 EXIL
44 TRAUM UND WIRKLICHKEIT
45 GOTTVERTRAUEN
46 DER HABICHT
47 AUFBRUCH INS UNGEWISSE
48 KRIEG
TEIL 2 WELTENFALL
49 SCHRECKENSHERRSCHAFT
50 GEFLÜCHTET
51 KÜHLER EMPFANG
52 DER LANGE WEG
53 DIE ÜBERFAHRT
54 AUF LEBEN UND TOD
55 EINSATZBESPRECHUNG
56 DER OZEAN
57 BANGES WARTEN
58 VERÄNDERTE LAGE
59 PRIORITÄTEN
60 DIE LETZTE CHANCE
61 DIE INSEL DER EMPFÄNGNIS
62 DIE GEHEIMNISVOLLE FRAU
63 DER GEIST
64 RÜCKZUG
65 DIE GROßE INVASION
66 ERINNERUNGEN
67 ANKUNFT
68 ALTE WUNDEN
69 TERROR
70 ÄUßERE ARBEIT
71 PALUIS
72 DAS ERSUCHEN
73 DIE BELAGERUNG
74 WIDERSTREITENDE GEFÜHLE
75 ZIELFESTLEGUNG
76 ALLES ODER NICHTS
77 DER GARTEN
78 DER ENTSCHLUSS
79 DÜNNES EIS
80 AUFRUHR
81 DER ALTE PASS
82 HELFENDE HÄNDE
83 OBDACH
84 INNERE ARBEIT
85 DER AUSBRUCH
86 ZUGRIFF
87 UNERWARTETE WENDUNG
88 GEFANGEN IM SCHNEE
89 AM BODEN
90 DAS REVOLUTIONSTRIBUNAL
91 DER VERDACHT
92 OPERATION FEUERSCHWERT
93 WELTEN
94 ENTRÜCKTE REALITÄT
95 ERBITTERTER WIDERSTAND
96 PLANÄNDERUNG
97 BÖSES ERWACHEN
98 LOSLÖSUNG
TEIL 3 WELTENBRAND
99 DAS WUNDER
100 GLEICHMUT
101 HOFFNUNGSSCHIMMER
102 NOBLER BEISTAND
103 DER FREMDE
104 ZENSUR
105 ABSCHIED
106 NEUE INFORMATIONEN
107 FRAGEN
108 DIE HÜRDE
109 DER ZWEITE VERSUCH
110 KEIN AUSWEG
111 DIE RETTUNGSMISSION
112 LANGMUT
113 ABLENKUNGSMANÖVER
114 DIE BEFREIUNG VON ARAS
115 GEFANGENSCHAFT
116 GEGENSÄTZE
117 DIE VERFOLGUNGSJAGD
118 IN DEN BERGEN
119 DIE STILLE EBENE
120 KONTROLLIERTES ZÖGERN
121 RÜCKKEHR
122 EIN EINFACHES LEBEN
123 BIS ANS ENDE DER WELT
124 IRONIE DES SCHICKSALS
125 DAS VERSCHOLLENE MAHNMAL
126 DIE BEFREIUNG VON TUGRIS
127 IM LABYRINTH
128 RÜCKFALL
129 VORKEHRUNGEN
130 DER STURM
131 HEIMKEHR
132 VERTRAUTER FEIND
133 STRATEGIEWECHSEL
134 ISLA
135 AN DER GRENZE
136 BESINNUNG
137 KONSEQUENZEN
138 NACHTWACHE
139 RISIKEN
140 IM SCHMERZ VEREINT
141 JENSEITS DER BERGE
142 NEUE AUFGABE
143 DAS WIEDERSEHEN
144 GÖTTERDÄMMERUNG
145 ZERRISSENHEIT
146 EIN NEUES GEFÄNGNIS
147 DIE SCHLACHT VON KARTHUR
148 TODESZONE
149 DAS ENDE
150 RUHE NACH DEM STURM
151 KARMA
152 WURZELN
153 RESIGNATION
154 DER WIEDERAUFBAU
155 FREIHEIT
156 EINE NEUE ZEIT
DANK
Es war bereits dunkel, als Hared an die Tür des Pferdehändlers klopfte. In der Nacht der Befreiung von Tugris hatte dieser Mann Iskan und Serai geholfen, nach Aras zu fliehen. Jetzt gab es Serai nicht mehr. Und auch kein Kaiserreich. Die erbitterten Kämpfe der Revolution waren vorbei, hatten Raum geschaffen, der noch nicht gefüllt war. Etwas Neues entstand gerade. Und niemand konnte sagen, wie es sich gestalten würde. In diesen unsicheren Zeiten waren die Bewahrer des Wissens für Hared wichtiger denn je.
»Wer da?«, hörte er dumpf hinter der Tür.
»Rein ist mein Herz.«
Die Tür wurde geöffnet. Ein Mann mittleren Alters kam zum Vorschein.
»Wie das Wasser«, sagte er und bat Hared, einzutreten.
In der Stube war eine hitzige Diskussion im Gange. Hared erkannte sofort, dass es um den Akvitanismus ging.
»...gibt auch viele gute Dinge...«, hörte er eine Männerstimme.
»Gut für wen ist die Frage«, antwortete eine junge aber energische Frauenstimme. »Die meisten Handwerker, Bauern und Arbeiter in den Minen sehen das anders.«
Als Hared eintrat, hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit.
Ein Dutzend Menschen schaute ihn an. In manchen Augen loderte noch die Wut des vorangegangenen Disputs. Doch die meisten freuten sich einfach, ihn zu sehen.
»Ich wollte euch nicht unterbrechen«, sagte er und setzte sich.
»Wir haben jetzt die einmalige Gelegenheit, uns vom Akvitanismus zu befreien«, sagte die Frau so ruhig, wie es ihr möglich war. »Ich verstehe nicht, warum wir sie nicht ergreifen sollten.«
Hared atmete durch. Überall im Reich war die Religion ein Streitthema dieser Tage.
»Mir geht es nicht um den Glauben«, begann er langsam.
»Mir geht es um unsere Bräuche und Riten. Und um eine Idee der Einigkeit, die wir als Vorbild brauchen, bis vielleicht etwas Neues entsteht. Egal, ob Bauern, Adlige, Soldaten oder Handwerker, vor Tzul sind alle gleich. Im Augenblick ist vieles ungewiss, aber der Akvitanismus ist uns allen gemein. Was würde bleiben, wenn wir einen so großen Teil unserer Kultur verbannen?«
Die Frau zuckte mit den Schultern.
»Lasst es uns herausfinden.«
»Die Menschen sind noch nicht so weit.«
»Wir sollten nicht voreilig über die Menschen urteilen und ihnen das Recht absprechen, selbstbestimmt zu handeln.«
»Ich spreche ihnen kein Recht ab.«
»Vielleicht bist du es, der noch nicht so weit ist«, sagte die Frau. »Vielleicht hast du Angst.«
Hared spürte Wut in sich aufsteigen.
»Ja, ich habe Angst!«, rief er. »Vor einem Bürgerkrieg, der die bisherigen Schrecken in den Schatten stellen würde! Was glaubt ihr, was da draußen passieren würde, wenn noch nicht einmal wir einer Meinung sind?«
Jetzt mieden die Anwesenden seinen Blick. Er war die treibende Kraft der Revolution gewesen. Und er hatte an vorderster Front gekämpft. Seine Wunden waren verheilt, aber die sichtbaren Narben bekräftigten seine Aussagen.
»Wir haben nie gegen den Akvitanismus gekämpft, sondern gegen die Bewahrer des Glaubens«, erklärte er mit ruhiger Stimme. »Sie waren ein grausames Werkzeug, das aus den Fugen geraten war.«
Er machte eine ausladende Geste mit den Armen.
»Wir haben diesen Kampf gewonnen, liebe Freunde. Darauf können wir stolz sein! Jetzt gilt es jedoch, die Waffen niederzulegen. Ich verstehe, dass das nach all den Jahren nicht leicht ist. Aber es wird Zeit, dass wir uns darauf besinnen, was uns eint, und nicht, was uns spaltet.«
Hared schaute jedem Anwesenden in die Augen. Fragen, Ängste und Zweifel lagen in ihren Blicken, aber auch Vertrauen, Mut und Hoffnung.
»Unser Zusammenhalt wird wichtig sein«, fuhr er fort. »Im Nerischen Rat haben sich neue Kräfte formiert, die völlig andere Ziele verfolgen. Ihnen müssen wir unsere Aufmerksamkeit widmen.«
Er deutete auf eine Gestalt, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte.
»Dafne, berichte bitte, was du herausgefunden hast.«
Eine unscheinbare Frau trat vor. Mit ihrem Kurzhaarschnitt wirkte sie fast wie ein Knabe. Hared wusste, dass sie sich diese Eigenschaften zunutze machte. Dafne konnte Informationen beschaffen wie niemand sonst.
»In ganz Tugris treffen sich unzählige Gruppen, um Standpunkte zu allen erdenklichen Themen auszutauschen«, begann sie mit ruhiger aber fester Stimme. »Allerdings ist die Realität im Nerischen Rat weniger unübersichtlich.
Rückmeldungen von Hared und anderen Abgeordneten über den Verlauf der Debatten im Parlament legen den Schluss nahe, dass es sich um drei oder maximal vier verschiedene politische Lager handelt.«
Sie entrollte eine Zeichnung, die einen ernst dreinblickenden Mann mit Backenbart zeigte. Er war einer der wichtigsten Berater des Kaisers gewesen. Viele Menschen in Nerien kannten ihn.
»Zum einen haben wir Fürst Areos aus Pintanis. Er verfügt über großen Einfluss und vereint alle Kräfte hinter sich, die sich einen Kaiser zurückwünschen. Diese Royalisten werden im Nerischen Rat alles unternehmen, um die bestehenden Macht- und Besitzverhältnisse zu bewahren.«
Royalisten. Hared mochte dieses Wort. Als nächstes entrollte Dafne eine Zeichnung, die ihn selbst zeigte. Die Anwesenden schmunzelten.
»Hinter Hared hat sich eine Vielzahl von Abgeordneten zusammengefunden, die eher gemäßigte Ansichten vertreten. Sie reichen von einigen Adligen und Soldaten über Kaufleute bis hin zu Handwerkern und Bauern. Die größte Schwierigkeit wird sein, hier eine Einigung zu erzielen, um gegen die anderen Kräfte bestehen zu können.«
Hared nickte anerkennend. Treffender hätte Dafne die Situation nicht beschreiben können.
»Dann gibt es noch das Bürgertum von Tugris«, fuhr sie fort. »Die Tugrianer haben uns während der Befreiung der Stadt geholfen, aber nicht unbedingt, weil sie unsere Ansichten teilen. Sie zeichnen sich durch eine unterschiedlich starke Radikalität aus, deswegen hat sich auch noch kein Wortführer hervorgetan. Das könnte sich aber bald ändern.«
Dafne entrollte eine dritte Zeichnung. Sie zeigte einen Mann mit vorspringendem Kiefer und breiter Stirn. Sein Gesicht war in eine weiße Halskrause gebettet, wie sie Rechtsgelehrte trugen. Hared kannte diesen Mann aus dem Parlament, aber für die anderen war er ein unbeschriebenes Blatt.
»Das ist Robian, Advokat aus Hadiris. In seiner Heimatstadt hat er sich einen Namen als Rechtsbeistand der kleinen Leute gemacht. In Dutzenden Fällen hat er Menschen gegen die Bewahrer des Glaubens im Hochgericht verteidigt. Vor drei Jahren kam er dann nach Tugris und übernahm das Amt eines Geheimrates am kaiserlichen Gerichtshof. Vermutlich hatte er in dieser Position auch Zugriff auf Spione.«
Das ist nicht gut, dachte Hared. Robian ist auch noch bestens vernetzt und weiß, wie man im Verborgenen arbeitet. »Ich habe noch nie von ihm gehört«, sagte jemand. »Was sind seine Ansichten?«
»Schwer zu sagen«, gestand Dafne. »Seine ersten Wortbeiträge im Nerischen Rat deuten darauf hin, dass er eine freiheitliche Grundordnung ohne Kaiser anstrebt. Aber sein Ansehen bei den Tugrianern und anderen Radikalen wird von Tag zu Tag größer. In den politischen Bünden der Stadt werden fast ausschließlich Robians Thesen erörtert.«
Die Bewahrer des Wissens begannen zu tuscheln.
»Wie ist das möglich?«, fragte der Pferdehändler. »Wie kann ein Unbekannter derart schnell an Einfluss gewinnen?«
»Er ist ein begnadeter Redner, der zu jedem Thema etwas zu sagen hat«, antwortete Hared. »Seine Argumentation folgt stets einer bestechenden Logik und ist schwer zu entkräften. Das Bürgertum fühlt sich von ihm gehört und verstanden.«
»Und wie steht er zum Akvitanismus? Die Bewahrer des Glaubens scheint er ja nicht besonders zu mögen.«
»Das ist eine sehr gute Frage.« Hared deutete wieder auf Dafne. »Kannst du noch mehr über ihn herausfinden? Wir müssen wissen, welche Ziele er verfolgt.«
Iskan starrte in den Abgrund. Ungläubig, dass er wieder hier war. Reglos. Im Schein der Fackel sah er nicht mehr als ein schwarzes Loch. Alles verschlingendes Nichts. Nur der muffige Aufwind erinnerte ihn daran, dass da unten doch noch etwas war. Etwas, das man nicht sehen konnte. Aber spüren. Ein namenloses Grauen. Und der Geist eines rachsüchtigen Fürsten, der hier in die Tiefe gestürzt war. Bei dem Gedanken, dass Boros irgendwo dort unten lag, begann Iskan zu frieren.
»Hier ist es«, sagte er so gefasst, wie es ihm möglich war. Er trat zur Seite und überließ dem Nekropolitekten das Feld. Dieser sondierte kurz die Lage.
»Gut, dass du das bemerkt hast, Bruder Iskan«, sagte er.
»Das hätte böse enden können.«
Mit einem Handzeichen wies er die vier Novizen hinter sich an, die mitgebrachten Bohlen über das Loch zu legen.
»Diesmal werden wir nicht warten, bis das Holz verfault ist«, meinte der Nekropolitekt. »Ich werde veranlassen, dass der Boden so schnell wie möglich instandgesetzt wird.«
Mit jedem Schritt, den sie sich von der Stelle entfernten, fühlte Iskan sich besser. Seit jener denkwürdigen Nacht, als er mit Serai Elea befreit hatte, löste die Nekropolis Unbehagen in ihm aus. Es war keine Angst, die er mit dem Verstand ergründen konnte. Wahrscheinlich wollte er das auch gar nicht. Er wusste nur, dass ihm das Tageslicht mehr zusagte als die modrigen Gänge der Toten. Ein Umstand, der dem ersten Nekropoligraphen seiner Heiligkeit nicht gerade zur Ehre gereichte.
Am Eingang zur Nekropolis wartete bereits ein weiterer Novize.
»Bruder Iskan«, sagte er winkend. »Seine Eminenz der Solopan wünscht dich zu sprechen!«
Iskan wurde aus seinen Gedanken gerissen. Die unbekümmerte Art des jungen Schülers war ihm eine willkommene Ablenkung von dem unangenehmen Druckgefühl in seiner Magengegend. Er folgte dem Novizen durch die hellen Gänge des Konvents und genoss für einen Augenblick das Gefühl, nicht über seine eigene Zukunft nachdenken zu müssen. Allerdings stellte sich die Frage, was der Solopan von ihm wollte.
Seit Amaras Geburt war Iskan in Aras geblieben. Einerseits war er Elea und Mutter auf dem Hof zur Hand gegangen, andererseits hatte er Aufgaben im Konvent übernommen. In den unsicheren Zeiten der Revolution schien sich niemand so richtig für ihn zu interessieren. Vielleicht änderte sich das jetzt. Und wenn er ehrlich zu sich war, gefiel ihm dieser Gedanke überhaupt nicht.
»Bruder Iskan, setz dich doch«, sagte der Solopan und deutete auf einen angenehmen Stuhl. Iskan fand sich in den Räumlichkeiten des geistlichen Oberhauptes von Aras wieder. Hinter ihm schloss der Novize dezent die Tür.
»Wie geht es dir?«, fragte der Solopan, nachdem er ihm gegenüber Platz genommen hatte.
»Ganz gut«, sagte Iskan nickend.
»Und der Kleinen?«
Iskan suchte im Gesicht des Solopans nach Anzeichen, worauf diese Frage abzielte. Er hatte wirklich viel Zeit mit Amara verbracht und seine mönchischen Pflichten ein wenig vernachlässigt. Deswegen entschied er sich für eine zurückhaltende Antwort.
»Sie entwickelt sich gut, denke ich.«
»Das freut mich sehr zu hören«, sagte der Solopan und lächelte. Es klang aufrichtig. Iskan entspannte sich etwas, ohne seine Vorsicht fahren zu lassen. Der Solopan legte seine Fingerspitzen aufeinander, sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich.
»Dir wird nicht entgangen sein, dass Bruder Serai schon lange nicht mehr zugegen war«, begann er langsam. »Ich weiß, dass ihr beide euch nahesteht. Deswegen wirst du sicherlich auch Kenntnis von seinen langen Missionsreisen haben.«
Iskan nickte, ohne zu antworten. Plötzlich war alles wieder da. Das brennende Schiff, die vielen Toten. Dazwischen Serai, zwei Pfeile im Rücken, mit seinem toten Bruder im Arm.
»Nun ist es so, dass er dieses Mal keine Reise angetreten hat«, sagte der Solopan. »Ich weiß nicht, was in den Tagen des Aufruhrs geschehen ist, aber wir müssen vom Schlimmsten ausgehen.«
Ohne Vorwarnung spürte Iskan eine überwältigende Traurigkeit in sich aufsteigen. Er hatte die Geschehnisse verdrängt, aber jetzt merkte er, dass die Gefühle noch da waren. Serai war nicht nur ein Mentor gewesen, sondern ein Freund. Ein Mensch mit großen Geheimnissen und unglaublichen Fähigkeiten. Doch vor allem ein Mensch, der für mehr Menschlichkeit gekämpft hatte. Der Gedanke, dass er Serai nie wiedersehen würde, versetzte seinem Herzen einen stechenden Schmerz.
»Es tut mir aufrichtig leid«, sagte der Solopan.
Iskan blickte auf. Er nahm den Solopan nur verschwommen war, ehe er sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen wischte.
»Danke.«
Eine Weile schwiegen sie. Es erleichterte Iskan, dass der Solopan ihm diesen Raum gab.
»Ich weiß um deine Pflichten als Nekropoligraph in Tugris«, fuhr der Solopan schließlich fort. »Wir sind stolz auf dich, dass Seine Heiligkeit dir diese ehrenvolle Aufgabe übertragen hat.«
Er zögerte kurz, dann schaute er Iskan an.
»Aber du sollst wissen, dass in Aras immer ein Platz für dich sein wird.«
Iskan erwiderte den Blick.
»Wie meint Ihr das?«
»Wenn du möchtest, kannst du Serais Kapelle übernehmen.«
»Wie bitte?«, fragte Iskan überrascht. »Ich habe keine Priesterausbildung.«
»Das ist unser geringstes Problem«, sagte der Solopan.
»Du weißt, dass der Akvitanismus vor gewaltigen Herausforderungen steht. Wir brauchen gute Hirten, die für die Menschen da sind. Du bist schlau, du hast unzählige Kinder gesegnet, du hast dich in Tugris behauptet. Und du kanntest Serai. Deine Arbeit trägt seinen Geist. Ich kann mir keinen besseren Priester vorstellen als dich.«
»Ich danke Euch für Eure preisenden Worte«, entgegnete Iskan. »Ich muss darüber nachdenken.«
»Lass dir Zeit. Das ist keine Entscheidung, die du übereilt treffen solltest. Und von meiner Seite musst du sie auch noch nicht treffen. Wie gesagt, unsere Türen stehen dir offen.«
Nach der Unterredung ging Iskan nach Hause, ohne auf den Weg zu achten. Gedanken und Gefühle jagten sich gegenseitig wie toll gewordene Tiere. Erst die Nekropolis, die beklemmenden Gefühle, der Gedanke an Boros. Dann Serai, all die Gefahren, am Ende sein Tod. Rakon, Torash und Sodalis. Vater. Sie alle waren nicht mehr. Doch Iskan hatte überlebt. Und nun das Angebot des Solopans. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als der Hof in Sicht kam, stand ein Reiter vor dem Tor. Er trug die Hoheitszeichen der neu gegründeten Nerischen Republik. Mutter unterhielt sich mit ihm.
»Was ist los?«, fragte Iskan.
»Ein Brief für dich«, sagte Mutter und händigte ihm ein Schriftstück aus. Iskan musterte das Siegel. Er hatte es noch nie gesehen.
»Von wem ist das?«, fragte er den Reiter.
»Vom Nerischen Rat.«
Die neue Regierung also. Ein Gremium von über dreihundert Männern, die über das Schicksal Neriens debattierten.
Iskan brach das Siegel und las den Brief.
»Und?«, fragte Mutter. »Was steht drin?«
Iskan schaute irritiert auf.
»Hared möchte, dass ich nach Tugris komme.«
Elea begutachtete die neue Holzlieferung auf dem Hof.
Was sie sah, gefiel ihr überhaupt nicht. Sie richtete sich wieder auf und stemmte die Arme in die Seite.
»Jungs, was soll ich damit anfangen?«
Die Holzrücker blickten mürrisch drein. Wahrscheinlich hatten sie keine Ahnung, was Elea von ihnen wollte.
»Wie meint Ihr das?«
Elea deutete auf die Stämme.
»Die haben Drehwuchs. Das reißt beim Trocknen auf. Daraus kann ich höchstens Kochlöffel oder Puppenspielzeug machen.«
»Und wo ist das Problem?«
»Das Problem ist, dass ich große Möbel baue«, sagte Elea gereizt. Sie hob die Arme und ließ sie wieder sinken.
»Ich kann euch das nicht abnehmen.«
Jetzt kam Bewegung in die Gesichter der Holzrücker.
»Könnt Ihr es nicht einlagern?«, fragte der Vorarbeiter.
»Oder als Feuerholz nutzen?«
»Feuerholz kriege ich viel billiger.«
»Wir können Euch entgegenkommen. Wie wäre es mit zwanzig Prozent?«
»Fünfzig.«
»Was?«
Elea machte eine wedelnde Handbewegung. Es wirkte, als wenn sie versuchte, der Lieferung etwas Gutes abzugewinnen, was ihr jedoch nicht so recht gelang.
»Wenn mein Bruder so einen reppigen Schund aus dem Wald gezogen hätte, dann hätte mein Vater ihm die Hammelbeine langgezogen«, sagte sie. »Fünfzig für diese beiden Stämme und zwanzig für die übrigen. Ansonsten könnt ihr gleich wieder abdampfen.«
Iskan trat aus dem Haus. Hilfesuchend wanderten die Blicke der Burschen zu ihm. Er verstand sofort, was vor sich ging. Früher hätte er abwehrend die Hände gehoben, doch jetzt verschränkte er die Arme vor der Brust. Auch, wenn er sich absolut nicht wohl damit fühlte.
»Egal, was sie gesagt hat, sie meint es ernst.« Er hielt ihren Blicken stand, bis seine Körpersprache zu wirken schien. Missmutig nahmen die Holzrücker Eleas Bedingungen an und zogen ohne ein Wort der Widerrede von dannen.
»Zwanzig für die übrigen«, sagte Iskan. »Nicht schlecht. Auch wenn ein Stamm von bester Qualität dabei ist.«
»Sie werden es verkraften«, meinte Elea. »Sie hauen ihren Tagelohn ohnehin in irgendeiner Spelunke auf den Kopf. Weniger Bier wird ihnen guttun. Vielleicht erkennen sie dann beim nächsten Mal den Drehwuchs besser.«
Iskan musterte seine Schwester, dann musste er lachen.
»Du bist wirklich einmalig!«
Elea lächelte, doch es war ein trauriges Lächeln.
»Du wirst mir fehlen.«
»Du schaffst das schon«, sagte er. »Du bist eine ausgezeichnete Tischlerin.«
»Es geht nicht nur um die Werkstatt. Ich sehe, wie gut es Mutter tut, dass du da bist. Und Amara spielt gern mit ihrem Oheim.«
»Ich werde so oft herkommen, wie es mir möglich ist«, sagte er. »Ich verspreche es.«
Die Zeit des Abschieds war gekommen. Während Iskan seine Habseligkeiten schulterte, erschien Mutter mit Amara auf dem Arm. Ein letztes Mal knuddelte er seine Nichte.
»Mein kleiner Wonneproppen, ich werde dich vermissen.«
Dann umarmte er Elea.
»Wir dich auch«, sagte sie. »Musst du wirklich gehen?«
»Maxima akvitana«, erwiderte Iskan.
»Wie bitte?«
»Eine der heiligen Ordensregeln«, erklärte er. »Sie besagt, dass meine Entscheidungen dem großen Ganzen dienen.«
»Aber wir gehören doch auch zum großen Ganzen.«
»Da hast du vollkommen recht. Aber der Kalopan braucht mich. Und jetzt auch der Nerische Rat. Was soll ich machen?«
Mutter fiel in die Umarmung ein.
»Wir sind stolz auf dich«, sagte sie. »Richte Hared liebe Grüße aus.«
Elea schluchzte.
»Wenn du es dir anders überlegst, du bist jederzeit willkommen.«
»Ich danke euch«, sagte er. »Dieses Wissen gibt mir Kraft.«
Mutter und Elea hatten Tränen in den Augen. Ihre Gefühle rührten Iskan zutiefst, aber da war noch etwas anderes. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass sich der Abschied größer anfühlte, als er eigentlich sollte.
Hared saß im voll besetzten Nerischen Rat und folgte der Debatte mit finsterer Miene. Am Rednerpult stand Robian, und was er zu sagen hatte, gefiel Hared überhaupt nicht. Seine Fraktionskollegen empfanden den kleinen Mann mit dem markant hervorstehenden Kinn als lächerlichen Wichtigtuer, der mit seinen populistischen Tiraden nur die Gunst des einfachen Volkes gewinnen wollte. Hared sah das anders. Die Bewahrer des Wissens hatten Erkundigungen zu allen Ratsmitgliedern eingeholt. In Robian sahen sie die größte Gefahr.
»Die Grundlage des Akvitanismus ist das verderbte Wasser«, sagte der Anwalt gerade, dessen Gewand in Weiß und Lila gehalten war. »Nur die unverständlichen Beschwörungsformeln der Mönche können es angeblich trinkbar machen. Wie kann es dann sein, dass wir seit Wochen das Wasser aus dem Fluss trinken?«
Er wandte sich mit ausgebreiteten Armen um, als wenn er aus den Reihen des Rates eine Antwort auf seine Frage erwarten würde.
»Ob dieses Wasser der Seele schadet, kann jeder für sich entscheiden. Aber bitte im privaten Umfeld hinter verschlossenen Türen. Es ist ein Glaube, den man nicht beweisen kann. Dafür braucht es keine dogmatische Religion, die uns vorschreibt, wie wir zu leben haben!«
Einige Ratsmitglieder erhoben sich von ihren Sitzen und widersprachen ihm lautstark, und plötzlich riefen alle durcheinander. Der Ratsvorsteher schlug mit einem Holzhammer auf den Tisch und bat vergebens um Ruhe.
»Und was ist mit den Menschen, die von dem Wasser krank geworden sind?«, war von einem Parlamentarier zu vernehmen. Robian drehte sich um und zeigte mit dem Finger auf ihn. Die Gespräche verstummten so abrupt, wie sie begonnen hatten. Alle wollten wissen, was Robian darauf antwortete. Mit einer Mischung aus Faszination und Bestürzung stellte Hared fest, dass der Advokat durch sein Auftreten eine größere Wirkung auf die Mitglieder hatte als der Ratsvorsteher, der die Sitzung eigentlich leitete.
»Sicherlich sind einige Leute krank geworden. Aber wer sagt uns, dass es am Wasser liegt und nicht an dem Licht?« Während erstauntes Gemurmel durch die Reihen ging, bemerkte Hared, dass Robian sich stets an alle wandte und somit eine gemeinsame Identität erzeugte, die es inhaltlich gar nicht gab.
»Vielleicht ist das Licht ja tatsächlich ein Zeichen«, fuhr Robian fort. »Und ich sage euch wofür. Nicht etwa für einen heiligen Krieg gegen Andersgläubige, sondern für die Abkehr von dieser abscheulichen Irrlehre, die uns seit Jahrhunderten tyrannisiert!«
Elea stand an der Wippdrehbank und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Gestern hatte sie mit einer Schruppröhre unzählige Kanthölzer gerundet, die als Rohlinge für Traljen dienten. Diese Pfosten, auf denen der Handlauf eines Geländers ruhte, waren prinzipiell kein Hexenwerk, doch sie mussten alle gleich aussehen. Der Auftraggeber war ein wohlhabender Braumeister, der schon zu Gimreds Kunden gezählt hatte. Im Augenblick profitierte Elea vom exzellenten Ruf ihres verstorbenen Vaters. Nun galt es, diesem auch gerecht zu werden.
Das weinerliche Greinen von Amara schlich sich in ihr Bewusstsein und wurde immer lauter. Elea hielt inne und schloss die Augen. So konnte sie beim besten Willen nicht im Akkord arbeiten. Mutter öffnete die Tür zur Werkstatt, ohne anzuklopfen. Das Kind verstummte kurz, um die neue Umgebung zu inspizieren, bevor ihm wieder einfiel, warum es zu schreien begonnen hatte.
»Sie hat schon wieder Hunger«, sagte Mutter und reichte Elea den Säugling. »Ich geh die Windeln auskochen.«
Elea machte es sich in einem Schaukelstuhl bequem, der eigens für diesen Zweck von der Stube in die Werkstatt umgezogen war. Kaum hatte sie Amara angelegt, begann das Kind, gleichmäßig zu saugen. Elea spürte, wie sich alle überflüssigen Gedanken allmählich auflösten. Nichts störte sie, niemand konnte sie aus diesem angenehmen Dämmerzustand vertreiben. Es gab keine Aufträge, keine Streitigkeiten mit säumigen Lieferanten oder eigenwilligen Kunden. Jetzt gab es nur sie und Amara, aufgelöst in der Unendlichkeit des Augenblicks. Das Stillen ihrer Tochter gehörte zu den wenigen Momenten ihres Lebens, in denen Elea alle Sorgen vergaß.
Diesmal klopfte Mutter leise an und steckte den Kopf herein.
»Ein Herr von der Zunft möchte dich sprechen«, flüsterte sie.
»Gleich«, antwortete Elea verträumt und wechselte die Seite.
Nach einer Weile, als das Kind eingeschlafen war, verschnürte Elea ihr Mieder. Die derbe Schreinerweste ließ sie offen, damit sie Amara ganz nahe bei sich tragen konnte. Auf dem Weg zum Schlafgemach begegnete sie einem jungen Burschen, der sie anstarrte. Elea hatte keine Ahnung, wer er war oder was er wollte. Nachdem sie Amara in ihre Wiege gelegt und die Tür vorsichtig geschlossen hatte, stand er immer noch im Flur.
»Verzeiht, Fräulein Elea?«
Er stellte sich vor, doch schon im nächsten Augenblick wusste sie nicht mehr, was er gesagt hatte. In letzter Zeit passierte ihr das ständig. Es war jene Vergesslichkeit, die mit dem Stillen einherging. Doch Elea störte sich nicht daran.
»Was wünscht Ihr?«, fragte sie gedankenverloren.
»Nun, ähm, die Zunft möchte Euch daran erinnern, dass Ihr nicht gewerblich aktiv sein dürft. Ansonsten droht Euch eine Geldstrafe.«
Während er den auswendig gelernten Vortrag herunterleierte, verknotete er seine Hände. Diese Geste erinnerte Elea an Torash. Sie rieb sich die Stirn, damit er nicht merkte, wie sie den Blick abwenden musste.
»Sonst noch was?«
»Also, wenn Euch diese Strafe nicht davon abhält, unserem Gewerk weiter nachzugehen, behält sich die Zunft vor, Rohstofflieferungen an Euch zu unterbinden. Im schlimmsten Fall drohen Euch Pranger oder Kerker.«
»Euer Gewerk«, wiederholte Elea mit milder Stimme. Als wenn die Zunft das Tischlern erfunden hätte. Am liebsten hätte sie den Jungen zum Teufel gejagt, doch ihr war nicht nach Streit zumute. Seitdem Amara auf die Welt gekommen war und ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte, fehlte ihr dazu die Kraft.
»Und wovon soll ich meine Familie ernähren?«, fragte sie.
»Tischlern ist das einzige, was ich kann.«
Dem Laufburschen war die Situation sichtlich unangenehm. Er konnte Elea nicht in die Augen sehen, was unweigerlich dazu führte, dass sein Blick an ihrem stattlichen Ausschnitt hängenblieb.
»Es tut mir leid«, stammelte er. »Tischlern dürft Ihr nur, wenn Ihr der Zunft angehört.«
»Dann nehmt mich doch einfach auf.«
»Das müsst Ihr mit dem ehrenwerten Zunftmeister besprechen.«
Der ehrenwerte Zunftmeister. Wo war der eigentlich? Warum traute er sich nicht, ihr das selbst ins Gesicht zu sagen?
»Schon gut«, sagte Elea und winkte ab. »Richtet dem ehrenwerten Zunftmeister aus, dass ich...«
In diesem Augenblick ertönte eine Alarmglocke. Jemand schrie etwas, und kurz darauf läuteten alle Glocken der Stadt. Irgendetwas Schreckliches musste geschehen sein.
Ohne das Gespräch fortzuführen, verließ Elea das Haus und gesellte sich zu Mutter, die bereits auf der Straße stand. »Was ist los?«
»Keine Ahnung«, entgegnete Mutter.
Ein Mann rannte an ihnen vorbei.
»Was ist passiert?«, rief Elea ihm hinterher. Er wandte sich um, ohne stehenzubleiben.
»Die Brücke«, rief er außer Atem.
Einige Monate waren vergangen, seit Iskan das letzte Mal in Tugris gewesen war. Viel hatte sich nicht verändert. Die Schäden des Kampfes waren beseitigt worden. Sonst deutete nichts darauf hin, dass sich die nerische Gesellschaft in einem gewaltigen Umbruch befand. Wie eh und je herrschte große Geschäftigkeit in den Straßen der Hauptstadt. Iskan musste zugeben, dass er diesen Trubel auch ein wenig vermisst hatte, während er sich beschwingt durch die Menschenmassen schlängelte.
Der ehemalige Palast des Kaisers wurde jedoch nicht mehr von der Schwarzen Garde bewacht. Jeder konnte hineingehen, wie es ihm beliebte. In der Empfangshalle gaben livrierte Bedienstete Auskunft über die Funktionsweise der neuen Regierung und wiesen Menschen mit bestimmten Anliegen den Weg zu den entsprechenden Ämtern. Alles machte einen organisierten und wohlüberlegten Eindruck. Erst an dem mächtigen Portal des Residenzsaales wurde Iskan von zwei Bewaffneten aufgehalten. Sie trugen Lederharnische und Kniebundhosen. Ihnen oblag es, dafür zu sorgen, dass die größte und wichtigste parlamentarische Versammlung des Reiches ungestört tagen konnte. Der Nerische Rat.
Iskan hatte die turbulenten Gründungstage des Rates miterlebt, nachdem Hared die Stadt erobert und die Armee zur Kapitulation gezwungen hatte. Damals waren die Menschen von einer hitzigen Aufbruchsstimmung ergriffen gewesen. Alle hatten wild durcheinandergerufen und ihre Vorstellungen kundgetan, wie man es denn nun besser machen konnte. Heute schienen die Debatten in geordneten Bahnen abzulaufen. Zumindest war in der Empfangshalle nicht zu hören, was Adlige, wohlhabende Kaufleute und gewählte Vertreter des Volkes zu besprechen hatten.
Nach einiger Zeit öffneten sich die großen Flügeltüren. Iskan reckte den Hals und erhaschte einige Eindrücke des neu gestalteten Plenarsaals, während die Mitglieder des Rates herausströmten. Die einstmals verschwenderische Leere des kaiserlichen Residenzsaals wurde nun von einer halbrunden Tribüne gefüllt. In der Mitte befanden sich weitere Tische und ein Rednerpult. Nur die Gobelins an den Wänden und die Stuckarbeiten an der Decke zeugten noch von der ursprünglichen Funktion des gewaltigen Raumes.
Die Mitglieder des Nerischen Rates trugen farbige Gewänder. Bei genauerer Betrachtung fiel Iskan allerdings auf, dass es sich nur um fünf oder sechs verschiedene Farbkombinationen handelte. Während die Abgeordneten an ihm vorbeigingen, fragte er sich, was es damit auf sich hatte. Einige schienen ihn zu mustern. Als er den Blick erwiderte, schauten sie weg. Iskan brauchte eine Weile, bis er den Grund zu erkennen glaubte. Seine dunkelgraue Kutte machte deutlich, dass er nicht zu dieser farbenfrohen Versammlung gehörte.
Bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, entdeckte er Hared in dem Gedränge. Der Kaufmann winkte und bahnte sich einen Weg zu ihm. Sein Gewand war in Rot und Gelb gehalten und hatte schwarze Appliken.
»Iskan!«, rief er und breitete die Arme aus. »Wie schön dich zu sehen!«
Die beiden umarmten sich herzlich.
»Wie lange ist es her? Fünf Monate?«
»Länger.«
»Mensch, wie die Zeit vergeht!«
Iskan musste lächeln. Hared hatte sich kein bisschen verändert.
»Nun sag schon! Was macht die Kleine? Ich will alles wissen!«
»Amara entwickelt sich prächtig«, sagte Iskan, während Hared ihn aus dem Gebäude führte. »Das Kind ist ein Wunder.«
»Alle Kinder sind Wunder«, entgegnete Hared. »Und wie geht es Elea? Hat sie das Wochenbett gut überstanden?«
»Mutter und ich mussten sie zwingen, sich einen Monat lang zu schonen. Aber kurz danach stand sie schon wieder in der Werkstatt.«
Hared lachte.
»Das klingt ganz nach deiner Schwester!«
»Und selbst?«, fragte Iskan. »Wie geht es dir? Und warum trägst du diese Kleidung?«
Hared schaute an sich herunter.
»Diese Gewänder repräsentieren die Fraktionen des Nerischen Rates.«
Iskan hatte davon gehört, konnte sich aber noch nicht so recht etwas darunter vorstellen.
»Ich dachte, es gibt Adlige, Kaufleute und gewählte Vertreter.«
»Das heißt aber noch lange nicht, dass die alle dasselbe wollen«, erklärte Hared, während sie sich vom Menschenstrom auf den Straßen treiben ließen. »Die Royalisten zum Beispiel wollen wieder einen Kaiser haben. Aber unter ihnen finden sich Fürsten genauso wie Handwerker.«
Er hielt bei einem Händler, der bereits so früh im Jahr Erdbeeren feilbot. Iskan probierte eine Frucht und stellte fest, dass sie so reif und saftig war, wie sie aussah. Hared kaufte eine Schale, ehe sie weitergingen.
»Die Robianer wollen genau das Gegenteil und setzen sich für die Herrschaft des Volkes ein«, fuhr Hared fort. »Dabei werden sie von den Tugrianern unterstützt, aber auch nicht in allen Punkten. Und zwischen diesen beiden Lagern gibt es noch eine Vielzahl anderer Gruppierungen, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Mit den Gewändern haben wir versucht, zumindest etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Mittlerweile bin ich mir aber nicht so sicher, ob es etwas gebracht hat.«
Iskan versuchte, diese ganzen neuen Informationen zu verarbeiten. Scheinbar war der organisierte Eindruck des Nerischen Rates nur äußerlicher Natur.
»Und welche Fraktion repräsentiert dein Gewand?«, fragte er.
»Rot und gelb sind die Farben der Haredianer.«
»Der Haredianer?«, wiederholte Iskan erstaunt. »Sie sind nach dir benannt?«
»Die Robianer sind auch nach ihrem Wortführer Robian benannt. Immerhin haben wir es bei der Namensgebung einfach gehalten.«
Iskan musste lachen.
»Und? Wofür stehen die Haredianer? Ich vermute, dass ihr keinen neuen Kaiser wollt.«
»Das stimmt«, bestätigte Hared. »Wir sind ein Bündnis, das größtenteils aus Kaufleuten besteht, die das Wirtschaftssystem reformieren wollen. Aber so einfach ist das leider nicht, weil alles miteinander zusammenhängt. Die Interessen der Handwerker müssen dort ebenso einfließen wie jene der Grundbesitzer. Ich hätte nie gedacht, wie lange man über jeden noch so kleinen Punkt streiten kann. Natürlich möchte jeder so viel wie möglich vom Kuchen abbekommen.«
Er seufzte.
»Doch im Augenblick haben wir ohnehin viel wichtigere Probleme. Der Frühling ist warm, und ich vermute, dass die Hitze im Sommer zurückkehren wird. Wir müssen uns überlegen, wie wir Tugris mit Wasser versorgen. Sonst wird es niemanden interessieren, was der Nerische Rat zu sagen hat.«
»Woher kam das Wasser in den letzten Monaten?«
»Aus dem Pagan«, erwiderte Hared. »Die Leute sind runter zum Fluss gegangen und haben es mit Eimern geschöpft. Einige sind jedoch krank geworden. Dadurch kam wieder die Angst auf, dass das Flusswasser die Seele herauslösen kann. Es herrscht eine tiefe Verunsicherung. Wir müssen eine Lösung finden, bevor sich die Menschen gegen uns wenden.«
Er klopfte Iskan auf die Schulter.
»Dafür würde ich dich gern einsetzen. Du hast ein Verständnis für die natürlichen Prozesse, und du kennst dich in der Tugripolis aus. Der Nerische Rat wird dir alle Freiheiten gewähren, die du brauchst.«
»Ich danke dir für dein Vertrauen«, sagte Iskan, »aber vorhin haben mich einige Mitglieder angeschaut, als wenn sie mir diese Freiheiten ganz und gar nicht gewähren wollen.« »Nimm es nicht persönlich. Sie haben schlechte Erfahrungen gemacht oder stehen dem Akvitanismus grundsätzlich skeptisch gegenüber. Genau deswegen möchte ich einen Mönch mit dieser Aufgabe betrauen, damit der Nerische Rat und der Glaube zusammenwachsen.«
Iskan erinnerte sich an jenen denkwürdigen Tag, als sich Hared nach dem gewonnenen Kampf für die Religion ausgesprochen hatte. Wenn alle Menschen so viel Weitsicht und Großherzigkeit besitzen würden, schoss es ihm durch den Kopf, dann wäre die Welt ein besserer Ort.
»In Ordnung«, sagte er. »Ich werde es versuchen.«
»Aber vorher möchte ich dir noch etwas zeigen.«
Hared führte ihn zu der ehemaligen Festung des Nekropans. Auch hier hatte sich einiges verändert. Alle Tore waren geöffnet, nirgendwo gab es Wachen. Die Bewahrer des Glaubens existierten nicht mehr. Fuhrleute trugen Kisten und Mobiliar aus dem Gebäude.
»Wir wissen noch nicht, wie wir diese Räumlichkeiten nutzen werden«, sagte Hared, während Iskan ihm durch die Gänge folgte. »Ein Verteidigungsministerium würde sich anbieten, oder ein Gefängnis. Aber es herrscht noch Uneinigkeit darüber, ob dieser finstere Ort nicht doch eine völlig andere Bedeutung bekommen soll.«
Iskan kam aus dem Staunen nicht heraus. Die Bewahrer des Glaubens hatten für ihn stets als unumstößlich gegolten, eine Institution der fortwährenden Beständigkeit. Und nun wurde die Festung vielleicht ein Badetempel. Oder ein Markt. Es war verrückt. Alles schien möglich.
Hared erklomm einen nicht enden wollenden Treppenaufgang.
»Bei der Durchsicht des Gebäudes sind wir auf allerhand verschlossene Türen gestoßen, die wir auch nicht ohne Weiteres aufbekommen. Keiner weiß, was sich dahinter verbirgt. Aber die merkwürdigste Entdeckung haben wir ganz oben im Turm gemacht.«
Am Ende der Treppe passierten sie eine aufgebrochene Tür und fanden sich in einer hölzernen Kuppel wieder. In der Mitte stand ein mannshohes Gebilde, das aus metallischen Stangen und Rädchen bestand. Zuoberst ruhte ein langes Rohr, das schräg auf eine Stelle gerichtet war, wo die Kuppel eine spaltförmige Öffnung aufwies und das Tageslicht hereinließ. Vorsichtig berührte Iskan die Gerätschaft.
»Was ist das?«
Hared wies mit der Hand auf das untere Ende des Rohres.
»Schau hindurch.«
Iskan tat wie ihm geheißen. Er zuckte zurück, als wenn ihn etwas gestochen hätte, und folgte der Richtung des Rohres mit bloßem Auge.
»Das ist unmöglich.«
Dann schaute er wieder hinein.
»Sind das die Seelenpunkte der Ahnen?«
Hared lehnte mit verschränkten Armen im Türrahmen.
»Du solltest mal bei Nacht durchschauen. Dann siehst du ein wahres Spektakel.«
Iskan ließ von dem Gerät ab.
»Wer hat das gebaut?«
Hared zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie gesehen. Deswegen würde ich gern deine Meinung dazu hören.«
Iskan inspizierte die verschiedenen Rädchen und Einstellmöglichkeiten.
»Es scheint die Realität um ein Vielfaches zu vergrößern«, sagte er. »Aber es ist keine Zauberei. Ich kann mir vorstellen, dass die einzelnen Teile von Menschenhand geschaffen sind.«
Er schaute zu Hared.
»Wer weiß davon?«
»Außer wir beide nur zwei weitere Personen.«
Iskan nickte.
»Es wäre gut, wenn das erstmal so bleibt. Denn dafür dürfte nicht einmal der Kalopan eine Erklärung haben.«
»Absolut einverstanden«, pflichtete Hared ihm bei. »Hast du denn eine Erklärung?«
Iskan atmete tief durch und überlegte.
»Der Nekropan und Serai gehörten zu den Sieben. Sie haben das Wissen einer alten, längst vergangenen Zivilisation bewahrt.«
Er begann, in der Kuppel auf- und abzulaufen.
»Diese Zivilisation hat auch den Schild zwischen der Sonnenscheibe und Entatika platziert. Das heißt, sie müssen über unvorstellbare Künste verfügt haben.«
Er hielt inne und schaute zu Hared.
»Vielleicht haben sie nicht nur das Wissen, sondern auch Gegenstände bewahrt. Vielleicht«, sagte er und wies auf das sonderbare Gerät, »gehört das hier auch dazu.« Hared stieß sich von dem Türrahmen ab.
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte er grimmig.
»Weißt du, wie lange es diese Zivilisation nicht mehr geben kann? Und weißt du, was in dieser Zeit mit Metall passiert?«
Er tätschelte das blank polierte Fernrohr.
»Nein, das glaube ich nicht. Dieses Gerät hier ist noch nicht so alt. Es ist in tadellosem Zustand. Auf dem Glas ist nicht der kleinste Kratzer zu sehen.«
»Aber wenn es nicht die verschollene Zivilisation gebaut hat«, fragte Iskan, »wer dann?«
Elea rannte hinunter zum Fluss, dicht gefolgt von dem Zunftburschen. Unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, floh sie vor ihrer eigenen Erinnerung, vor dem namenlosen Grauen, das sie immer noch in der Nacht hochschrecken ließ.
Die Brücke.
Ausgerechnet die Brücke! Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Es durfte nicht wahr sein!
Als sie am Ort des Geschehens ankamen, herrschte Chaos. Eine große Menschenmenge hatte sich versammelt. Alles schrie und weinte durcheinander. In der Luft lag der Geruch von Angst und Tod.
»Aus dem Weg!« schrie Elea. Der Bursche war kreidebleich, doch ihre unbändige Energie ließ ihn aktiv werden. Ohne zu wissen, was Elea vorhatte, schob er die geschockten Menschen beiseite und wiederholte ihre Befehle mit heiserer Stimme.
Endlich bekamen sie eine Sicht auf die Brücke. Im ersten Augenblick sah alles wie gewohnt aus. Elea schaute unvermittelt zu der Stelle, wo sie vor einiger Zeit in den Fluss gestürzt war. Das marode Geländer war nicht mehr da. Mehr noch, auf einer Länge von vier Klaftern schien der gesamte Überbau zu fehlen. Sie war in der Mitte eingestürzt, genau zwischen zwei Pfeilern.
»Da!«, schrie der Bursche und deutete auf den Fluss. Erst jetzt bemerkte Elea, dass das Ufer von Menschen bevölkert war, die versuchten, hilflos im Wasser Treibende an Land zu ziehen. Sie standen bis zur Hüfte im Pagan und reckten ihre Hände nach den Ertrinkenden. Bei allen Heiligen, schoss es ihr durch den Kopf, sie konnten doch alle nicht schwimmen!
Entschlossen zog sie ihre Schreinerweste aus und drückte sie dem völlig verdutzten Burschen in die Hand. Dann stieg sie die Böschung hinab, sprang in den Fluss und war mit wenigen kräftigen Schwimmzügen bei einem Mann, der immer wieder untertauchte. Sie bekam ihn zu fassen, wehrte seine panischen Versuche ab, sich an ihr festzuklammern, und zog ihn in einem Rettungsgriff an Land. Dabei bemerkte sie, wo die Leute herkamen, die immer wieder den Fluss hinuntertrieben. Sie hielten sich mit letzter Kraft an den Fundamenten der Brückenpfeiler fest. Andere hingen noch an der Abbruchkante und schrien um Hilfe, doch niemand traute sich auf das eingestürzte Bauwerk.
Elea erspähte den Burschen, der förmlich Halt an ihrer Weste suchte.
»Was stehst du da noch herum?«, schrie sie ihn an. »Scher dich gefälligst auf die Brücke und hilf mir!«
Beim Anblick des Jünglings, der sich langsam vortastete, wurden einige Männer aus ihrer Apathie gerissen und folgten seinem Beispiel. Allmählich schlug die Angst vor dem Wasser in entschlossene Hilfsbereitschaft um.
Elea bemerkte nicht, was ihre Worte bewirkt hatten. Sie schwamm schon wieder in die Mitte des Flusses, wo eine Frau gerade in den Fluten verschwand. Elea tauchte unter. In dem trüben Wasser konnte sie kaum etwas erkennen. Sie schwamm weiter, bis sie einen Arm streifte. Instinktiv packte sie zu und zog mit aller Kraft daran. Kurz darauf durchbrach sie mit der prustenden Frau die Wasseroberfläche. Elea schleppte sie Richtung Ufer, bis ihre Füße den Grund berührten.
»Ihr könnt hier stehen«, sagte sie zu der Frau, die sie mit aufgerissenen Augen ansah.
»Versteht Ihr mich? Ihr könnt hier stehen!«
Elea lockerte ihren Griff. Die Frau fing an zu schreien und versuchte, sich an sie zu klammern.
»Bei allen Heiligen!«, schrie Elea. »Benutzt Eure Beine!«
Als die Frau unvermittelt den Grund berührte, schien sie an Sicherheit zu gewinnen. Elea hielt sie an den Schultern und suchte ihren Blick.
»Schafft Ihr es alleine ans Ufer?«
Wieder starrten sie weit geöffnete Augen an.
»Einfach langsam laufen. Einen Fuß vor den anderen.«
Die Frau brachte kein Wort heraus, aber sie nickte. Elea beobachtete, wie sich die Gerettete in Bewegung setzte. Vom Ufer kamen ihr Menschen entgegengelaufen. Das genügte Elea. Sie wandte sich ab und begann, einen Verunglückten nach dem anderen aus dem Wasser zu ziehen.
Triefnass kam sie mit einem Mädchen aus dem Fluss, das erst kurz vor dem Ufer stehen konnte. Elea hielt nach weiteren Ertrinkenden Ausschau, doch es war niemand mehr zu sehen. Jene Menschen, die noch Halt an den Brückenpfeilern gefunden hatten, wurden von oben mit Seilen und Strickleitern aus ihrer misslichen Lage befreit.
Allmählich bemerkte Elea, wie sich Erschöpfung in ihrem Körper ausbreitete. Sie stützte sich auf den Knien ab und rang nach Atem. Die Rufe und Schreie um sie herum verwoben sich zu einem dumpfen Rauschen. Im Geiste zählte sie ihre Rettungseinsätze. Ein Dutzend. Sie hatte ein Dutzend Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt. Doch was geschah mit jenen, denen sie nicht hatte helfen können?
Plötzlich erinnerte sie sich, dass man einen knappen Tagesmarsch weiter südlich an Land getrieben wurde. Vielleicht hatten einige Leute so viel Glück wie sie damals und hielten sich an einem großen Stück Holz über Wasser.
Sie gab die Information an zwei Büttel weiter, die sofort einen Rettungstrupp zusammenstellten.
Dann schaute sie wieder hoch zu der Unglücksstelle. Wehmut überkam sie, als ihr Vaters Worte durch den Kopf gingen.
»Quer müssten sie liegen«, hatte er damals gesagt. Sie erinnerte sich, als wäre es gestern gewesen. »Kürzere Bohlen könnte man leichter ersetzen. Und der Druck würde sich besser verteilen.«
Vater war gestorben, bevor er seine Ideen umgesetzt hatte. Jetzt war die Brücke eingestürzt. Als Eleas Blick auf einen leblosen Körper am Ufer fiel, stiegen ihr die Tränen in die Augen.
Sie führten ihre Pferde am kurzen Zügel durch die kargen Hügel Koriens. Grillen zirpten lautstark und übertönten das Getrappel der Hufe. Seit ihrem Aufbruch hatten sie jegliche Gespräche eingestellt. Die Kommunikation erfolgte nur noch mit knappen Handzeichen, wenn es nötig war. Doch meistens verstanden sie sich blind. Zwei Kameraden, die dachten wie ein Organismus, die sich bewegten wie eine Gestalt. Sie waren eine untrennbare Einheit, entschlossen und erbarmungslos.
Sie waren Geister der Nacht.
Missmutig schaute Tajan zum wolkenlosen Himmel. Wie bei jeder Mission herrschte Neumond, um ihnen so viel Dunkelheit wie möglich zu gewährleisten. Doch die Sterne waren unglaublich hell und warfen einen matten Schein auf die Kalksteinlandschaft zu ihren Füßen. Diese Sichtbarkeit gefiel ihm nicht. Sie mussten wachsam bleiben.
Er hielt inne, wandte sich um und blickte in das rußgeschwärzte Gesicht von Yona. Sein Freund war zum selben Zeitpunkt stehengeblieben, als wenn sie durch einen Mechanismus miteinander verbunden waren. Genauso wie Tajan trug er die enge, dunkle Kleidung, die keine Geräusche machte und dennoch viel Bewegungsfreiheit ließ.
Eine Weile lauschten sie. Mit der einsetzenden Nachtkälte des Frühlings wurden die Grillen allmählich leiser. Eine seichte Brise raschelte in den Hartlaubgewächsen. Sonst war nichts zu hören.
Tajan deutete nach oben und spreizte die Finger ab.
Verdammt hell.
Yona zuckte kaum merklich mit den Schultern und antwortete mit einer nach oben gedrehten Handfläche.
Was will man machen.
Tajan wartete noch kurz, dann setzte er seinen Weg fort. Yona folgte ihm wie ein Schatten.
Ohne danach zu tasten, vergegenwärtigte Tajan sich seiner Waffen. Deutlich spürte er die Schnürung des Kampfmessers an seiner rechten Wade. Auch die Rückenscheide mit dem Dolch konnte er bei jeder Bewegung wahrnehmen, obwohl sie sich flach und fest an ihn schmiegte. Am meisten machte sich jedoch das Bauchholster bemerkbar, in dem die Steinschlosspistole für den absoluten Notfall steckte.
Instinktiv griff Tajan danach. Eine Berührung genügte um zu wissen, dass der Hahn gesichert und die Batterie geschlossen war. Alles so, wie es sein sollte. Er würde die Pistole höchstwahrscheinlich nicht abfeuern, aber es beruhigte ihn ungemein, diese mächtige Waffe mit sich zu führen.
Yona trug lediglich ein Messer am Gürtel. Für seine Aufgabe waren Waffen nur hinderlich. Anstelle des Dolchs bedeckte eine Trage aus Fellen und Riemen seinen Rücken. Wenn es gefährlich wurde, dann musste Tajan ihn um jeden Preis beschützen. Ein Scheitern war in ihrem Plan nicht vorgesehen.
Schon bald erreichten sie den primären Rückzugspunkt, an dem sie die Pferde stehenließen. Es waren kampferprobte Tiere, die nicht aufschreckten und reglos auf ihre Reiter warteten, bis ihre wichtigste Eigenschaft gefordert wurde.
Yona und Tajan gingen zu zweit weiter. Sie folgten einem schmalen Talgrund, der den Eindruck erweckte, nach Niederschlägen Wasser zu führen. Doch hier schien es schon lange nicht mehr geregnet zu haben. Nicht, seitdem die Hitze da war.
Der Grund öffnete sich immer weiter, die Hänge zu beiden Seiten flachten ab, bis sich eine Senke auftat. Tajan holte ein kleines Fernglas hervor und sondierte die Gegend. Ein längliches Dorf, das sie in den letzten Tagen ausgekundschaftet hatten, schmiegte sich an eine breite Schotterbank. Sie musste einem reißenden Gebirgsbach gehört haben, doch jetzt floss hier nur noch ein kärgliches Rinnsal. Die Hütten lagen still im Dunkeln. Nichts regte sich.
Tajan steckte das Fernglas wieder ein und schaute zu Yona. Es war ein Ritual, das inzwischen keine Handzeichen mehr benötigte. Jetzt ging es los.
Lautlos arbeiteten sie sich den Hang hinunter, bis sie an einer hüfthohen Trockenmauer anlangten. Noch einmal ließ Tajan den Blick schweifen, bevor er die Mauer hinabstieg, über ein steiniges Feld huschte und mit einer Hauswand verschmolz. Yona war an einer Scheune, keinen Steinwurf von ihm entfernt. Genauso wie Tajan kannte er den Grundriss des Dorfes auswendig. Sie hatten ihn von den Männern der Aufklärung erhalten, die sich vor einer Woche als Handelsreisende ausgegeben und die Ortslage bis ins kleinste Detail kartiert hatten. Diese Männer waren Verwandlungskünstler und beherrschten eine Menge Sprachen. Sie waren die Besten auf ihrem Gebiet, genauso wie Tajan und Yona.
Mit federnden Schritten lief Tajan zur nächsten Deckung in einer Gebäudenische. Sein Vorgehen löste eine Aktion bei Yona aus, der ohne das leiseste Geräusch zu einem dunklen Mauervorsprung eilte. Das Bewegungsmuster hatten sie so lange geübt, bis es ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war. Mit den Informationen der Aufklärung mussten sie lediglich die optimale Route in der neuen Umgebung herausarbeiten. Den Rest beherrschten sie im Schlaf.
Tajan und Yona erreichten unbemerkt ihr Ziel. Eine Hütte mit drei Fenstern, die allesamt mit hölzernen Abdeckungen versehen waren. Nun begann der gefährlichste Teil ihrer Mission.
Sie durchquerten einen Olivenhain und näherten sich dem Gebäude von der Rückseite. Die Hintertür war nicht verschlossen. Langsam und gleichmäßig öffnete Yona die Tür. Sie machte ein kaum wahrnehmbares Schleifgeräusch in ihren Angeln. Tajan huschte an ihm vorbei. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich in der Dunkelheit orientieren konnte. Dort in der Ecke war das Nachtlager. Der Säugling lag zwischen den Brütern. Tajan beugte sich akrobatisch über den schlafenden Mann, griff behutsam nach dem Kind und hob es sachte an. Das Kleine machte keine Anstalten aufzuwachen.
In einer flüssigen Bewegung beförderte Tajan das Kind in Yonas warme Rückentrage und verschnürte das wertvolle Bündel. Yona war schon auf dem Weg nach draußen, als plötzlich jemand in der Tür auftauchte. Yona blieb stehen.
Warum, fragte sich Tajan.
Warum rannte er nicht weiter und räumte die Gestalt mit einem eingesprungenen Knie aus dem Weg? Schließlich war das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Jetzt nicht mehr. Einen endlosen Augenblick standen sie alle wie gelähmt, als die Gestalt unvermittelt zu schreien begann.
Tajan bemerkte, wie der Mann neben ihm wach wurde. Sofort zog er seinen Dolch und rammte ihn seinem Opfer in die Schulter. Während der Mann einen höllischen Schmerzensschrei ausstieß, hielt die Gestalt auf Yona zu. In den Händen hielt sie einen länglichen Gegenstand hoch über dem Kopf. Tajan blieb keine Zeit. Er zog die Pistole, spannte den Hahn und schoss auf Yonas Angreifer. Es gab einen ohrenbetäubenden Knall. Für einen kurzen Moment war das Innere des Hauses taghell erleuchtet.
Die Gestalt sackte zusammen. Yona und Tajan setzten über sie hinweg, flogen förmlich aus der Tür und rannten so schnell, wie sie konnten. Hinter ihnen waren Rufe und Schreie zu vernehmen. Ohne das Tempo zu verringern, jagten sie über das Feld, erklommen die Mauer, stürmten den Hang hinauf und zurück durch den Talgrund, bis sie die Pferde erreichten. Mit einem Sprung saßen sie auf den Tieren und preschten im Galopp davon.
Seit einiger Zeit wollte Hared mit Robian persönlich sprechen. Bisher hatte er den wortgewandten Rechtsgelehrten nur im Nerischen Rat erlebt. Allerdings war es nahezu unmöglich, mit Robian ein vertrautes Gespräch zu führen. Er war stets von seinen Anhängern umgeben, und in seiner Funktion als Geheimrat traf er ohnehin nur Leute, die er auch treffen wollte. Hared musste erkennen, dass die Politik anderen Spielregeln folgte als die Wirtschaft.
Dafne hatte herausgefunden, wo sich die Robianer zum Debattieren trafen und welche dieser Orte auch von Robian aufgesucht wurden. Sie hatte Hared jedoch abgeraten, dort hinzugehen. Die Diskussionen waren hitzig, die Stimmung gereizt. Nicht selten floss Alkohol, und wenn die Ansichten zu weit auseinandergingen, konnte es auch schon mal zu Handgreiflichkeiten kommen. Ob Hared in dieser Umgebung seinem Wunsch nachkommen konnte, ungestört mit Robian zu reden, war mehr als fraglich.
Die Bewahrer des Wissens hatten aber auch beobachtet, wie Robian am heiligen Fünften einen Spaziergang im Garten des kaiserlichen Palastes zu machen pflegte. Meist war er dabei allein. Wie auch heute, als Hared einen prächtigen Rhododendron bestaunte und dem Advokaten scheinbar zufällig begegnete.
»Freiherr Hared«, sagte Robian überrascht. »Euch hatte ich hier nicht erwartet.«
Hared deutete auf den Strauch.
»Er blüht bereits. Das muss an dem Licht liegen.«
Die beiden setzten sich langsam in Bewegung.
»Mir ist aufgefallen, dass Ihr nicht sonderlich gut auf den Akvitanismus zu sprechen seid«, sagte Hared. »Was stört Euch daran?«
Robian wandte sich ihm zu.
»Solltet Ihr das nicht am besten wissen, Freiherr Hared?«
Hared versuchte sein Erstaunen zu verbergen. Offenbar hatte Robian auch Erkundigungen eingeholt. Bestimmt wusste er vom Hochgericht und von Kedriks Schicksal. Hared musste an Dafnes Worte denken, dass Robian wahrscheinlich über Zugriff auf die Spione des Reiches verfügte.
»Ich verabscheue die Taten der Bewahrer des Glaubens«, sagte Hared. »Aber gehört der Akvitanismus nicht zu unserer Kultur?«
»Ihr meint ein willkürliches Regelwerk? Aufgestellt von Männern, die behaupten, eine göttliche Wahrheit zu kennen? Männer, die den Menschen einreden, das Leben sei eine Pein?«
Robian schnaubte verächtlich.
»Ich glaube nicht, dass das zu unserer Kultur gehört.«
Hared kannte diese Argumentation nur zu gut. Als Prediger hatte er sie selbst verwendet.
»Und was ist mit den Bräuchen und Riten?«, fragte er stattdessen. »Mit den Ritualen, die uns alle verbinden? Manche von ihnen werden in Nerien seit dem Anbeginn der Zeit praktiziert.«
»Wenn Euch so viel an den Bräuchen und Riten gelegen ist, warum seid Ihr dann hier und nicht im Tempel des Wassers?«
Hared fühlte sich ertappt. Wahrscheinlich hatte Robian schon lange erkannt, dass ihre Begegnung kein Zufall gewesen war.
»Ich möchte offen mit Euch sprechen«, sagte Hared. »Mir ist noch mehr daran gelegen, mit Euch Übereinstimmungen zu finden.«
Jetzt blieb Robian stehen.
»Mit mir?«
»In der Tat.«
Robian lachte. Es klang warm und weich.
»Ich glaube nicht, dass wir Übereinstimmungen finden werden.«
»Warum nicht?«
