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Ein Glaube, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet. Zwei Geschwister, die auf unterschiedlichen Wegen nach Erkenntnis streben. Und eine dunkle Macht, die dieses Ziel um jeden Preis verhindern will. In Entatika ist nichts, wie es anfänglich scheint. Die Menschen glauben an böse Kräfte, die dem natürlichen Wasser innewohnen. Jeglicher Kontakt muss vermieden werden, wenn man seine Seele retten will. Doch woher kommt dieser Glaube? Und was geschieht mit jenen, die ihn hinterfragen? Während der junge Mönch Iskan bei seiner Ausbildung auf zahlreiche Widersprüche stößt, wird seine Schwester Elea aus ihrem gewohnten Leben gerissen. Das Schicksal führt sie wieder zusammen, doch als sie der unglaublichen Wahrheit auf die Spur kommen, könnte es bereits zu spät sein...
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Seitenzahl: 591
Veröffentlichungsjahr: 2021
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DER AUTOR
Peter Bogardt, geboren 1989 in Dresden, lebt und schreibt im Herzen der Sächsischen Schweiz. Als studierter Geograph bewegte er sich bereits intensiv im Spannungsfeld des globalisierten Klimawandels und entdeckte auf kreativer Suche den Geo-Thriller als expressives Format. Mit einem Augenzwinkern bescheinigte ihm sein Professor neben enzyklopädischem Wissen ein Talent für ausschweifendes Erzählen. Peter Bogardts Leidenschaft für die Natur wurde in der Jugend durch das Klettern entfacht, heute setzt er neben Worten gern auch Griffe zu einem Gesamtkunstwerk.
Für Roland,
den letzten Nordländer.
Für Robert,
den wahren Meister der Nekropolitekten.
Und für Antonia,
ewiger Quell meiner Inspiration.
GLAUBEN bedeutet WISSEN
dass es ein Meer gibt
wenn man an einem Bach steht
TEIL 1: KONVERGENZEN
1 NEUIGKEITEN AUS DEM NORDEN
2 GEWEIHTES WASSER
3 UNERWARTETER BESUCH
4 HEILIGE HALLEN
5 DER GOTT DES WASSERS
6 RECHTE UND PFLICHTEN
7 VERDERBTES WASSER
8 IM WALD DES FÜRSTEN
9 VON DER PIKE
10 DIE AUDIENZ
11 DER ORDEN
12 IM RAUSCH
13 FORMEN DES WASSERS
14 MÄCHTEVERSCHIEBUNG
15 URSEELENSPLITTER
16 BESTANDSAUFNAHME
17 LAGEPLÄNE
18 SCHÖNE AUGEN
19 DAS LABYRINTH
20 EINE ANDERE WELT
21 SPIEGEL DER GEFÜHLE
22 DER KAISER
23 ÜBERSPANNT
24 DAS WAHRE LEBEN
25 DAS KOMPLOTT
26 DIE LEKTION
27 MACHTWORT
28 DER EIGENE WEG
29 GLÜCKLICHE FÜGUNG
30 DAS GELÜBDE
31 DIE SEELENFÄNGER
32 DUNKLE PLÄNE
33 DER AUFTRAG
34 AUFZIEHENDE WOLKEN
35 VERDAMMNIS
TEIL 2: INTERFERENZEN
36 ARCHITEKT DER ANGST
38 UNTER SCHOCK
39 DER FALL DES TITANEN
40 DIE LETZTEN HÜTTEN DER STADT
41 DIE WEIHE
42 HEXENJAGD
43 ABSOLUTION
44 DIE BEWAHRER DES WISSENS
45 DAS ANGEBOT
46 DER SINN DES LEBENS
47 GOTTESKRIEGER
48 DIE VISION
49 TUGRIANISCHES SELBSTVERSTÄNDNIS
50 DIE STADT DES WASSERS
51 AUF DER HUT
52 LEHRJAHRE
53 DER RITUS
54 NEUES LEBEN
55 BEISTAND
56 HEILIGER KRIEG
57 SCHMERZ UND WAHRHEIT
58 GEWISSENSBISSE
59 FALSCHE SPIELE
60 DAS MEER
61 DAS ZEICHEN DER GÖTTER
62 DAS MYSTERIUM
63 DIE GEMEINSCHAFT
64 IN DER HÖHLE DES LÖWEN
65 UNTER DRUCK
66 DAS SCHIFF
67 TZULS OASE
68 UNSTIMMIGKEITEN
69 AUFTRIEB
70 DER TUCHFÄRBER
71 LICHT UND SCHATTEN
72 AUSLEGUNGSSACHE
73 DIE BÜRDE DER FREIHEIT
74 PERSPEKTIVWECHSEL
75 INKOGNITO
76 GEDULDSSPIEL
77 WIEDERSEHEN
78 GRATWANDERUNG
79 HÄRESIE
80 DER PAKT MIT DEM TEUFEL
81 ERLEUCHTUNG
TEIL 3: TURBULENZEN
82 DIE SIEBEN
83 DAS VERBOTENE ARCHIV
84 MACHT UND BEGIERDE
85 GETRENNTE WEGE
86 DUNKLE VORZEICHEN
87 TROCKENHEIT
88 DER WILLE DER GÖTTER
89 WIDERSTAND
90 GARTEN DER HOFFNUNG
91 ENTHÜLLUNGEN
92 DER WEG DES EISENS
93 SAKRILEG
94 DER MEDIKUS
95 EIN KLEINER GEFALLEN
96 ZWANGSARBEIT
97 APOSTASIE
98 ERLÖSUNG
99 GÖTTERWAHL
100 FLUCH UND SEGEN
101 KEIN ZURÜCK
102 KONDOLENZ
103 TOT ODER LEBENDIG
104 IRDISCHE PEIN
105 DIE PROBE
106 TOTER WINKEL
107 AMANDIS
108 ZERRONNEN IM DUNKEL
109 AUF DER FLUCHT
110 AUSBRUCH
111 OFFENBARUNG
112 KAMPF UM TUGRIS
113 VOLLSTRECKUNG
114 WENDUNGEN DES SCHICKSALS
115 DIE LIST
116 AM ABGRUND
117 AUSGEFLOGEN
118 GLAUBE UND WISSEN
119 JAGDFIEBER
120 HINTER DEM HORIZONT
121 UNERFÜLLTE SEHNSUCHT
122 RÜCKKEHR
123 EINE UNGEWISSE ZUKUNFT
124 REINHEIT DES HERZENS
Nebel lag über Weiden und Fluren, vom Tau bedeckt ruhten die Wiesen. Der Winter kämpfte ums Überleben. Mit aller Macht klammerte er sich an das Wissen, dass die Sonnenscheibe in ihrem matten Licht verharren würde.
Von den kühlen Trockenmauern hallte dumpf das Getrappel eines einzelnen Pferdes wider. Sein Reiter hatte es nicht eilig, da ihn ein dicker Pelzmantel wärmte. Es war das Geschenk eines Nordmannes. Darunter trug er Kleidung, die schon immer ihm gehörte. Doch sie zeigte nicht, wer ihr Besitzer tatsächlich war.
Die Schinderhütten kamen in Sicht und kündigten das letzte Ziel seiner Reise an. Ein beißender Gestank nach Verwesung lag in der Luft. Weit vor den Toren der Hauptstadt oblag es den Abdeckern, Tierkadaver zu verwerten. Niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben. Niemand fragte sich, wo Fette, Leim und Seife herkamen. Wenn der Wind ungünstig stand, wurden die Menschen daran erinnert.
In einigem Abstand zu diesem ehrlosen Gewerk folgte die nicht enden wollende Vorstadt. Seit seinem Aufbruch war sie schon wieder gewachsen. In unzähligen Handwerksbetrieben herrschte bereits große Geschäftigkeit. Die metallischen Schläge einer Schmiede durchschnitten Sägegeräusche und Tierlaute. Es roch nach Holz, Rauch und Leder.
Nach einer Weile passierte er das Torhaus. Innerhalb der Mauern zeigten sich wenige Menschen so früh auf den Straßen. Nur das Geräusch der Hufe wurde auf dem Kopfsteinpflaster verstärkt. Er hielt auf das Amtsgebäude zu, das vor langer Zeit eine Festung gewesen war. Seine Mauer machte einen abweisenden Eindruck. Sie war hoch und hatte winzige Fenster. Bevor der Reiter den bewachten Eingang erreichte, bog er in eine Seitengasse ab. An einem kleinen Platz stieg er vom Pferd und betrat eine Kapelle, die sich unscheinbar zwischen zwei Häuser schmiegte. Sie war für Götter gebaut worden, an die er nicht glaubte. Deswegen machte er sich auch nicht die Mühe, ein Gebet vorzugeben. Im Gehen schaute er sich um. Er war allein.
Neben dem Altar führte ihn eine schlichte Holzpforte in ein riesiges, unterirdisches Gangsystem, zu dem die wenigsten Menschen Zutritt hatten. Es war stockfinster, doch er kannte den Weg auswendig. Die übrigen Gänge hatte er noch nie betreten. Ohne langsamer zu werden, breitete er seine Arme aus und ließ die Fingerspitzen an den Wänden entlanggleiten. Wenn der Kontakt an einer Hand abbrach, zählte er die Seitengänge oder bog ab. Irgendwann stand er vor einer weiteren Tür, für die nur noch sieben Männer den Schlüssel besaßen. Er öffnete sie, stieg eine Treppe empor und fand sich im Inneren der Festung wieder, die von außen so bedrohlich wirkte.
Im Kreuzganghof traf er den Herrn des Hauses. Es war der Nekropan, höchster Inquisitor und Glaubenshüter des Reiches. Er trug ein weißes Ornat und schien in Gedanken versunken. Als er den Neuankömmling hörte, wandte er sich um.
»Mein Bruder, du bist zurück!«
Die beiden umarmten sich.
»Je länger deine Reise dauerte, desto mehr beschlich mich ein ungutes Gefühl.«
»Deine Sorgen sind nicht unbegründet.«
Sie verschränkten die Arme hinter dem Rücken und folgten dem Kreuzgang mit langsamen Schritten. Der Nekropan wartete, bis sein Gast zu sprechen begann.
»Die Franen sind ein erstaunliches Volk. Sie bewohnen ein unwirtliches Land. Das hat sie zäh und bisweilen auch stur gemacht. Der äußerste Norden ist die lebensfeindlichste Region unter dem Himmel, die mir je begegnet ist.«
»Spricht das gegen eine Missionierung?«
»Sie brauchen das Meer als Nahrungsgrundlage. Und deswegen werden sie den Fischfang nicht aufgeben.«
Er schaute den Nekropan an.
»Die Nordmänner werden sich niemals fügen.«
»Sie sollen ja auch nicht weiter im äußersten Norden leben.«
»Ich befürchte, dass nicht einmal du sie wirst überzeugen können.«
»Was sagen die Missionare dazu?«
»Nicht mehr viel. Die Überreste der meisten zieren Grenzpfähle zum Drakischen Reich. Und die wenigen Überlebenden verstecken sich in Bergdörfern, wo die Bewohner unseren Glauben in aller Verschwiegenheit praktizieren.«
Der Nekropan schnaubte.
»Heidnisches Pack.«
Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, bevor sie den Garten im Hof betraten.
»Wenn sie nicht durch Worte zu belehren sind, dann vielleicht durch das Schwert.«
»Im Augenblick haben wir keine Argumente für einen Krieg. Es herrscht Wohlstand. Die Menschen werden nicht gegen einen ebenbürtigen Feind in den Kampf ziehen.«
Der Nekropan seufzte. Die Einschätzung der Lage war ernüchternd.
»Gibt es auch gute Nachrichten?«
»Die Sternenwächter haben eine interessante Beobachtung gemacht. Allerdings ist nicht gewiss, ob sich daraus ein Vorteil ergeben wird.«
Die beiden Männer begaben sich auf das Dach des Gebäudes. In der Mitte erhob sich eine Art riesiger Zwiebelturm, doch in Wirklichkeit handelte es sich um übereinanderliegende Kuppeln, die immer kleiner wurden. In der obersten befand sich, abgeschirmt vor neugierigen Blicken, ein mannshohes Fernrohr. Der Mann im Pelzmantel schaute hindurch. Es war auf die Sonnenscheibe ausgerichtet, die gerade über dem Horizont aufging. Er wusste, was ihr trübes, milchiges Licht verursachte. Nein, er glaubte es, denn vorstellen konnte er es sich nicht. Irgendwo dort draußen war ein Schild, gigantisch in seinen Ausmaßen. Er wurde an einem magischen Punkt im Nichts gehalten, stets zwischen den Menschen und der Sonne. Seine Erbauer mussten Götter gewesen sein. Und doch hatten sie nicht vorhergesehen, dass dieses Wunder ihren eigenen Untergang verursachen würde.
Der Mann lenkte seine Gedanken wieder auf die Gegenwart und suchte das Firmament ab. Als er fündig wurde, überließ er dem Nekropan das Okular. Zu sehen war ein länglicher, heller Bereich, nicht viel mehr als ein verwaschener Strich, der sich kaum vom übrigen Himmel abhob.
Man hätte ihn für einen Wolkenfetzen halten können, einen Lichtreflex gar, oder einen Fingerabdruck auf der Linse des Objektivs.
»Was ist das?«, fragte der Nekropan.
»Ein Schweifstern«, erklärte sein Gast. »Zurzeit sieht man ihn nur in den Morgen- und Abendstunden.«
»Was sagen die Sternenwächter dazu?«
»Sie vermuten, dass er sich uns nähert.«
Der Nekropan ließ von dem Fernrohr ab.
»Wird man ihn mit bloßem Auge erkennen können?«
»Vielleicht.«
Die prüfenden Blicke der beiden Männer trafen sich. Sie dachten das gleiche, nur ihre Gefühle hätten gegensätzlicher nicht sein können.
Es war noch früh am Morgen. Still und verlassen wirkte der Dreiseitenhof, als Elea hinaus in die Kälte trat. Der Schein ihrer Sturmlaterne verlor sich im Dunkeln. Sie vergrub den Kopf zwischen den Schultern und folgte ihrem Bruder.
Iskan trug ein Joch über seinen Schultern, an dem zwei leere Eimer hingen. Ihr halbes Leben holten die Geschwister das Wasser. Der Gedanke, dass dieses gemeinsame Schicksal schon bald ein Ende haben würde, erfüllte Elea mit Wehmut.
Ihr Weg führte sie durch eine finstere Gasse, die Elea nicht einmal bei Tageslicht betreten hätte. Es war eine beträchtliche Abkürzung, aber sie hatte auch ihren Preis. Elea wusste, was gleich geschehen würde. Sie stellte sich innerlich darauf ein, und doch erschrak sie zu Tode, als der bellende Hund die Ruhe der ausklingenden Nacht durchschnitt.
»Bei allen Heiligen!«, stieß sie hervor.
»Keine Angst«, meinte Iskan. »Du weißt doch, dass der Köter nur bellt.«
Elea nahm das Tier als schwarzen Fleck wahr. Wie ein unheilvoller Schatten bewegte es sich hinter einem allzu niedrigen Holzzaun.
»Vielleicht ändert er seine Meinung, wenn du nicht mehr dabei bist.«
Sie ließen das Handwerkerviertel hinter sich und passierten das Stadttor. Elea blickte die prächtigen Fassaden empor.
Matt strebten sie dem konturlosen Himmel entgegen und verbargen ihre wohlhabenden Besitzer. Hier, innerhalb der Stadtmauern, floss das geweihte Wasser über spezielle Leitungen direkt in die Häuser der Edlen und Reichen.
Wenn sie hier leben würden, müsste Elea nicht mehr dieser leidigen Aufgabe nachkommen.
Die Außenwand des Konvents kam in Sicht. Ihr altes Gemäuer aus Bruchsteinen zog sich durch die halbe Stadt. Sie trennte die irdische von der geistlichen Welt. Hinter ihr lebten die Brüder des Akvitanerordens. Sie waren die wichtigsten Mittler zwischen Menschen und Göttern. Die Mönche bewahrten die Seelen der Toten, und mit ihren heiligen Ritualen machten sie das Wasser trinkbar.
An den Pforten des Klosters hatte sich schon eine Schlange gebildet. Die Geschwister nickten den Leuten zu und reihten sich ein. Man kannte sich. Es waren alles Handwerker, die schon früh auf den Beinen waren.
Als sie an die Reihe kamen, füllten die Mönche beide Eimer an der heiligen Quelle und vermerkten die Entnahme.
»Ab nächste Woche wird meine Schwester das Wasser holen«, sagte Iskan.
Die Mönche schauten auf.
»Und was wird aus dir?«
»So die Götter wollen, beginne ich mein Noviziat.«
»Ein neuer Bruder«, entgegnete einer der Mönche in feierlichem Tonfall, und der andere ergänzte: »Wir werden für dich beten.«
»Tzul sei mit Euch!«
Iskan schulterte das kostbare Wasser und machte sich auf den Rückweg.
»Ich werde das Wasser niemals tragen können«, klagte Elea. »Das ist doch viel zu schwer für mich!«
»Einer von Vaters Gehilfen wird es für dich tragen.«
»Warum muss ich dann überhaupt noch mitkommen?«, jammerte sie weiter. »Das ist ungerecht!«
»Das Wasser steht unserer Familie zu. Wir können es nicht einfach einem Gehilfen anvertrauen. Es ist wichtig, dass du dabei bist.«
»Du hast leicht reden. Lebst ja bald im Konvent und musst nie wieder Wasser holen.«
»Keine Sorge«, entgegnete er. »Wahrscheinlich stehe ich wesentlich früher auf als du.«
»Das ist ein schwacher Trost.«
Iskan musste schmunzeln.
»Warum heiratest du nicht einen reichen Mann, der innerhalb der Stadtmauern wohnt?«
»Der mir die Arbeit mit Holz verwehrt? Lieber sterbe ich!«
»Dann bist du eben weiterhin für das Wasser zuständig.«
»Du könntest ja auch einfach bei uns bleiben.«
Iskan versuchte, die egoistischen Motive seiner Schwester zu überhören.
»Nicht viele bekommen die Möglichkeit, den Akvitanern beizutreten. Es ist eine große Ehre für unsere Familie.«
Elea blieb stehen und verschränkte die Arme.
»Ich will aber nicht, dass du gehst!«
Er drehte sich zu ihr um.
»Du wirst das schon schaffen«, sagte er sanft.
Elea atmete durch.
»Geh schon weiter«, gab sie schroff zurück, während sie mit aller Kraft die Tränen der Schwäche unterdrückte.
Mittlerweile hatte es zu dämmern begonnen. Elea betrat den elterlichen Hof und hielt Iskan die Tür auf. Aus der Werkstatt vernahm sie ein gedämpftes Hämmern, das ihr Herz augenblicklich höherschlagen ließ. Heute war es so weit. Heute würde sie weiterarbeiten.
Iskan stellte das Wasser in der Küche ab.
»Ich muss los«, sagte er. »Gib Mutter einen Kuss von mir.«
Elea gab sich größte Mühe, Mutter nicht zu begegnen. Sie schlich aus der Küche, huschte durch die Flure und schlüpfte in die Werkstatt. Der würzige Geruch von sägefrischem Holz schlug ihr entgegen. Sie atmete tief durch und spürte, wie die Aufregung des Morgens von ihr abfiel.
Vater stand an der Werkbank und richtete ein Brett mit dem Hobel ab. Elea eilte zu ihm.
»Morgen, Meister«, sagte sie und legte ihren Kopf an seine Schulter. »Wie geht es meinem Bogen?«
»Bestens«, sagte Vater. »Du hast gute Arbeit geleistet!«
Sie gingen zu einer kleineren Werkbank, auf der Eleas Langbogen lag. In den letzten Wochen hatte sie ihn aus einem Stück Esche herausgearbeitet, wann immer Zeit gewesen war. Fast anmutig strich sie über die langen Wurfarme. Das Holzöl, welches sie zuletzt aufgetragen hatte, brachte die feine Maserung zur Geltung.
»Jetzt muss ich nur noch einmal ölen und polieren.«
Vater seufzte und schloss sie in die Arme.
»Manchmal bedaure ich, dass wir im Frieden leben. Du wärest eine ausgezeichnete Bogenbauerin.«
»Ich kann auch etwas anderes machen«, sagte Elea.
»Hauptsache, aus Holz!«
Vater streichelte ihre Wange.
»Um die Auftragslage steht es nicht besonders gut. Du hast etwas Besseres verdient.«
Elea machte eine ausladende Handbewegung.
»Was gibt es denn Besseres als diese Werkstatt?«
Vater sagte nichts. Er drückte Elea an sich und ließ seinen Blick über Geräte und Werkzeuge schweifen.
»Gimred!«, ertönte es von draußen. Mutter öffnete die Tür.
»Gimred, du wirst es nicht glauben...«
Sie hielt inne, als sie ihre Tochter erblickte.
»Was machst du denn schon wieder hier?«, fragte sie gereizt. »Habt ihr schon das Wasser geholt?«
»Ja, haben wir.«
»Und was ist mit deinen Stickarbeiten?«
Elea senkte den Blick.
»Jetzt sei doch nicht so streng mit ihr«, sagte Vater.
»Nicht so streng?«, wiederholte Mutter. »Wenn sie ihren häuslichen Pflichten nachgekommen ist, kann sie hier gern ihren Feierabend verbringen.«
Sie wedelte ungeduldig mit der Hand und scheuchte Elea hinaus.
»Was gibt es denn?«, fragte der Tischler.
»Komm schnell!«, entgegnete seine Frau. »Soeben ist eine Delegation des Kaisers eingetroffen!«
»Des Kaisers?«
»Wenn ich’s doch sage!«
Gimred strich sich die Hände an der Schürze ab.
»Worum geht es denn?«
»Ich weiß es nicht. Aber sie wollen unbedingt mit dir sprechen!«
Iskan war erschöpft, aber glücklich. Den ganzen Tag über hatte er den Gemüsegarten des Konvents umgegraben. Die Beete waren groß, da die Mönche alles anbauten, was sie für den eigenen Bedarf benötigten. Noch war das matte Licht der Sonnenscheibe zu schwach, doch bald schon würde die Aussaat beginnen. Dafür hatte Iskan nun den Boden bereitet. Die Erde leuchtete dunkel und wartete darauf, ihre Magie zu entfalten.
Am Überlauf des heiligen Brunnens wusch Iskan seine Hände. Es war weniger ein Brunnen im eigentlichen Sinne, als vielmehr das Auffangbecken einer nahegelegenen Quelle, die der heilige Neros persönlich geweiht hatte.
Niemand wusste, wo sie genau entsprang, da das Gebiet weiträumig abgesperrt war und strenger bewacht wurde als die Schatzkammer des Fürsten. Über Leitungen floss das Wasser in die Häuser der Innenstadt. Der Rest kam zur Ausgabestelle für die Bevölkerung, bevor es hier gespeichert wurde und schließlich in einem unterirdischen Kanal verschwand.
Iskan betrachtete seine Finger, wie sie von dem geheimnisvollsten Element der Welt umspielt wurden. Sein halbes Leben hatte er dieses Wasser bei den Akvitanern geholt.
Zwei Eimer für seine Familie. Jeden Morgen, tagein, tagaus. Hier, am heiligen Brunnen des Konvents, sprudelte es ununterbrochen. Er konnte es einfach schöpfen und trinken. Es kam ihm unwirklich vor.
In der Stube der Postulanten traf er auf einen Meister, der noch eine letzte Aufgabe hatte. Er führte Iskan in einen Lagerraum und belud ihn mit armdicken Kerzen, die für die morgige Zeremonie gebraucht wurden. Gemeinsam begaben sie sich auf den Weg zum Tempel des Wassers.
Iskan kannte diesen Ort sehr gut. Alle fünf Tage wurde hier der der Wassergott Tzul angebetet. Der Tempel war so groß, dass er allen Bewohnern von Aras Platz bot. Für die Edlen und Reichen gab es keine Logen, nur der Fürst hatte einen abgetrennten Bereich in vorderster Reihe. Die übrigen Menschen teilten sich eine riesige Fläche, die mit ebenmäßigen Steinen gepflastert war. Vor dem mächtigsten aller Götter gab es keine gesellschaftlichen Unterschiede. Wer Tzul verehren wollte, musste neben Arbeitern und Bettlern stehen.
Eine andächtige Stille lag über dem Tempel, während sie die Kerzen auf dem Altar verteilten. Iskan lauschte den wenigen Geräuschen, die irgendwo im Nirgendwo verhallten. Er versuchte sich vorzustellen, wie es morgen hier aussehen würde, wie die Menschen dicht gedrängt stehen würden, um an dem heiligsten aller Gottesdienste teilzunehmen. Es fiel ihm schwer, obwohl er den Tempel nicht anders kennengelernt hatte. Jetzt schien diese heilige Stätte nur für ihn da zu sein. Ehrfurcht und Euphorie rangen miteinander, schaukelten sich auf zu einem transzendenten Fieber. Iskan fühlte sich völlig benommen.
Er verabschiedete sich von dem Meister und trat den Nachhauseweg an. Im Konvent begegnete er zwei Mönchen, die Arbeitskleidung trugen. Sie waren Nekropolitekten, die Hüter der Nekropolis. Als Baumeister hielten sie das unterirdische Totenreich nicht nur instand und bauten es weiter aus, sondern pflegten auch die Gräber. Sie mussten äußerst gewissenhaft arbeiten, da ihre Aufgabe Handwerk und Bestattungsrituale vereinte.
Iskan verlangsamte seinen Schritt und beobachtete, wie die beiden Nekropolitekten eine Fackel entzündeten und eine Tür öffneten, hinter der eine Treppe abwärts führte.
Augenblicklich begann sein Herz zu hämmern. Das muss er sein, dachte er. Der Zugang zur Nekropolis. Dort unten traten die Menschen das wahre Leben nach der irdischen Pein an. Wie diese Katakomben wohl aussahen? Waren sie unheimlich? Und machten die Toten Geräusche?
Völlig aufgewühlt verließ Iskan den Konvent. Die neuen Eindrücke erfüllten ihn mit purem Glück. Seine Stimmung schlug jedoch um, als er nach Hause kam.
»Der Kaiser hat einen Tisch bestellt«, sagte Vater und hielt ihm den Auftrag unter die Nase. »Kannst du dir das vorstellen? Im Wald des Fürsten wurde heute schon eine Buche geschlagen.«
»Im Wald des Fürsten?«, fragte Iskan, während er das Dokument studierte. Es war in einer schwungvollen Schrift verfasst und trug tatsächlich das kaiserliche Siegel. »Hier bei uns?«
»Ja, da steht nun mal das beste Holz. Das hat der Alte nicht vergessen.«
»Das klingt nach einem guten Auftrag«, bestätigte Iskan.
»Ich habe aber niemanden, der es abholt«, sagte Vater.
»Die elenden Holzrücker nehmen es vom Lebendigen.
Und ich selbst komme nicht aus der Werkstatt.«
Er legte seinen Arm auf Iskans Schulter und zog ihn zu sich heran.
»Du kannst dir sicherlich vorstellen, wie wichtig der Auftrag für uns ist. Aber wenn das Holz noch länger liegt, wird es faulig.«
Plötzlich dämmerte Iskan, worauf Vater hinauswollte. Ihm wurde schlecht.
»Was ist mit den Gehilfen?«
Vater winkte ab.
»Die verstehen doch nichts vom Holzrücken. Da braucht es neben Kraft auch ein wenig Geschick.«
Iskan wusste nicht, ob er sich freuen sollte. Vater lobte seine Fähigkeiten. Das kam selten genug vor. Eigentlich nur, wenn er etwas von ihm wollte.
»Ich muss jeden Tag im Konvent arbeiten«, sagte Iskan. Er hätte gern überzeugender geklungen.
»Bevor du das Noviziat antrittst, hast du nochmal frei.«
»Für die Familie.«
Vater tätschelte seinen Nacken.
»Eben.«
Elea versuchte, mit Vater Schritt zu halten. Sie spürte, wie ihr trotz der milden Temperaturen warm wurde. Wenn sie dieses Tempo beibehielten, würden sie mitten in der Menge stehen. Allein bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um.
Heute war der heilige Fünfte. Elea hasste diesen Tag. Die ganze Stadt wurde im Tempel des Wassers zusammengepfercht, um den mächtigen Gott Tzul anzubeten. Überall würden Menschen sein, die Elea die Luft zum Atmen nahmen.
»So warte doch!«, rief Mutter neben ihr. »Sie werden schon nicht ohne dich anfangen.«
Vater, der ein Dutzend Schritte vor ihnen gelaufen war, drehte sich um und geiferte: »Du weißt, wie sich diese Barbaren benehmen!«
Sein Kopf war puterrot angelaufen. Kurzatmig, wie er war, tat ihm die Pause sichtlich gut.
»Daran wirst du wohl kaum etwas ändern können.«
Vater winkte ab und drehte sich um.
»Was hat er heute wieder?«, fragte Mutter.
Vor dem riesigen Portal des Tempels trafen sie Hared und seine zwei Söhne. Hared war Kaufmann und ein wichtiger Geschäftspartner von Vater. Er trug ein dunkelgraues Wams und eine modische Kniebundhose. Torash, der ältere Sohn, stand wie immer ein wenig windschief neben seinem Vater.
Elea machte einen Knicks, doch am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre davongelaufen, solange es noch möglich war. Sie spürte, wie immer mehr Menschen den Platz bevölkerten.
»Na dann wollen wir mal«, sagte Hared in gewinnendem Tonfall. »Kedrik, kommst du?«
Torashs Bruder stand etwas abseits. Ihn schien das Gebaren der Übrigen nicht sonderlich zu interessieren. Seine Aufmerksamkeit galt einem Stein, den er mit dem Fuß in die Ritzen des Pflasters zu drücken versuchte.
»Kedrik möchte da nicht rein«, sagte er.
Torash verdrehte die Augen. Er schien das Spiel zu kennen.
»Es ist ihm ein bisschen zu voll«, erklärte sein Vater.
»Komm schon Kedrik, alles ist gut. Wir sind ja da.«
Elea hätte es nicht für möglich gehalten, aber auf eine merkwürdige Art erleichterte es sie, einen Leidensgenossen gefunden zu haben. Unter den skeptischen Blicken von Torash hakte sie sich bei Kedrik ein.
»Stell dir vor, wir gehen in einen Wald«, sagte sie. »Die anderen Menschen sind die Bäume. Es gibt ganz viele von ihnen, aber sie tun uns nichts. Die Bäume sind unsere Freunde.«
Kedriks Augen leuchteten auf.
»Ich mag Bäume!«
Elea fühlte, wie ihr eigenes Gleichnis sie beruhigte. Ein letztes Mal schaute sie hinter sich. Für einen kurzen Augenblick war dort Platz, bevor auch dieser mit Neuankömmlingen gefüllt war. Noch spürte sie keine Ellbogen und Tritte. Dafür hörte sie viel zu laute Stimmen. Lachen, Zetern, Rufe, alles durcheinander. Überall waren Gesichter und Gliedmaßen. Ein Netz aus Menschen spann sich um ihren Kosmos, wurde mit jedem Schritt dichter, enger, undurchdringlich. Als sie in der wogenden Menge aus Leibern in den Tempel trieben, griff sie nach Kedriks Hand.
Im Wald, sagte sie sich. Wir sind im Wald.
Augenblicklich verstummten alle Gespräche. Die Menschen vollzogen die Wassergeste. Sie senkten den Kopf, hoben die Arme und ließen sie langsam wieder sinken.
Dabei bewegten sich ihre Finger, was den heiligen Regen symbolisierte. Elea bemerkte es nicht. Sie hatte die Augen geschlossen. Wenn sie sich nur stark genug konzentrierte, konnte ihr die Enge nichts anhaben.
Das Portal wurde geschlossen. Mit einem Mal war es stockfinster. Das Rumpeln der massiven Türen verhallte im weiten Rund des Tempels. Dann herrschte Totenstille.
Für kurze Zeit empfand Elea so etwas wie Erleichterung.
Ein wohltuendes Nichts schien sie zu umgeben, frei von Einflüssen und Gedanken.
Das kehlige Brummen der Akvitaner holte sie zurück. Die Mönche verteilten sich an den Wänden, was den Eindruck vermittelte, dass der Gesang allmählich wanderte. Elea öffnete die Augen. Mutter war nicht mehr in ihrer Nähe.
Wie durch Geisterhand entstanden über dem Eingangsportal schmale Schlitze, durch die das Tageslicht auf einen Mann vor dem Altar fiel.
Es war der Solopan, das geistliche Oberhaupt von Aras.
Sein weißes Ornat schimmerte seiden. Er hob die Arme und vollzog die rituelle Wassergeste mit den rieselnden Fingern. Seine Gemeinde tat es ihm gleich.
»Großer Tzul«, rief er, »mächtigster aller Götter, erhöre uns!«
»Gepriesen seist du«, antworteten die versammelten Menschen.
»Sieh unseren Durst als Zeichen unserer Ehrerbietung!«
»Deine Gnade sei mit uns.«
»Führe uns nicht in Versuchung, ihn mit verderbtem Wasser zu stillen!«
Mit einem Mal stiegen Feuersäulen neben dem Altar empor und verloren sich in dunklem Nichts. Die Hitzewelle erreichte die Menschen und riss sie aus ihrer Lethargie.
»Erbarme dich unser!«
Die Flammen der Versuchung. Sie zeigten sich nicht jedes Mal, und doch loderten sie stets im Verborgenen, um die Unachtsamen zu versengen.
»Zügle das Feuer der Versuchung mit geweihtem Wasser!«
»Zügle es!«
»Bewahre uns vor der teuflischen Macht von verderbtem Wasser, unsere Seelen zu zersetzen!«
»Bewahre uns!«, riefen die Menschen.
»Bewahre unsere Seelen für das wahre Leben, für die Wiedergeburt nach dieser irdischen Probe, nach allen Entbehrungen, nach Kälte, nach Hunger, nach all der Pein - oh Großer Tzul, bewahre unser Seelenheil!«
»Bewahre deine Schöpfung!«, schrien die Menschen.
Manche vollzogen die Wassergeste. Vereinzelt hörte man brechende Stimmen rufen: »Bewahre uns!«
»Bewahre uns!«, schmetterte der Solopan. »Bewahre unser Seelenheil, denn wir bewahren unseren Glauben!«
Das Brummen der Mönche setzte wieder ein. Die Menschen wogen in dem Rhythmus, den der Choral vorgab.
Viele schienen im Seelenfunke zu schweben. So wurde der Dämmerzustand genannt, in dem man mit den Toten reden konnte. Die wabernde Masse verdichtete sich mehr und mehr, verschmolz zu einem pulsierenden Lebewesen, stieß Elea nach vorn, zog sie nach hinten und drückte sie weg.
Ekstatische Körperteile schlugen und traten auf sie ein, wenn sie sich den einheitlichen Bewegungen widersetzte.
Eleas Atem ging immer flacher. Sie griff sich an die Brust und rang nach Luft. Gerade als sie das Gefühl hatte zu ersticken, begann es in der Schwärze des Tempels zu regnen. Größere Schwalle löschten die Feuer und verwandelten sie in Rauch und Dampf. Das Lebewesen, das Elea gefangen hielt, lockerte seinen schrecklichen Würgegriff und brach in Jubel aus.
»Wir bewahren unseren Glauben, in guten wie in schlechten Zeiten«, sagte der Solopan mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Er machte eine Pause. Er schien sich von der Anstrengung zu erholen, die ihm die göttliche Verbindung abverlangt hatte.
Dann, gesenkten Blickes, vollzog er die Wassergeste.
Stumm folgte ihm seine Gemeinde. Mit jedem Ritual kehrte mehr Ruhe im Tempel ein.
Der Solopan hob die Arme und rief: »Meine guten Seelen von Aras, lasst uns nun gemeinsam an Tzuls Macht teilhaben!«
Auf beiden Seiten des Tempels öffneten sich Flügeltüren.
Dort lagen Becken voll geweihten Wassers, der heilige Balsam für die geschundene Seele. Es sollte rituell durchwatet werden, aber die wenigsten hielten sich daran. Meist planschten die Kinder voller Freude, und nicht selten wurde die Möglichkeit einer kurzen Körperpflege wahrgenommen.
Damit begann der letzte Teil von Eleas Alptraum. Das Lebewesen zersplitterte wieder in seine Bestandteile.
Unter Einsatz ihrer Ellbogen strebten die Menschen alles andere als huldvoll auseinander. Elea vergrub den Kopf zwischen den Schultern und ließ diese waffenlose Schlacht über sich ergehen.
Als sie nicht mehr angerempelt wurde, öffnete sie die Augen. Nur noch Kedrik stand neben ihr. Sie hatten sich die ganze Zeit an den Händen gehalten.
Seit drei Stunden hörte sich Boros nun schon die Sorgen und Nöte seiner Untertanen an. Er hatte Kneipenschlägereien zu schlichten, Diebstähle zu bestrafen und Ehebrüchen auf den Grund zu gehen. Hinzu kamen Missachtungen von Flurgrenzen in der Land- und Weidewirtschaft, sowie die üblichen Handelsstreitigkeiten über falsch geeichte Maße und Betrügereien auf dem Markt. Der nächste Bittsteller ließ Boros allerdings aufhorchen. Es handelte sich um Freiherr Hared von Aras, Obmann der größten Gilde des Fürstentums. Der Kaufmann würde ihn nicht mit Lappalien belästigen. Sein Anliegen konnte wichtig sein.
Hared durchmaß den Residenzsaal mit raumgreifenden Schritten. Sein Adlatus hatte sichtlich Mühe, ihm auf angemessene Weise zu folgen. In gebührendem Abstand beugten sie das Knie.
»Eure Hoheit«, begann Hared ohne Umschweife, »ich ersuche Euch in einer Angelegenheit, die das gesamte Fürstentum betrifft und Euren weisen Ratschluss erfordert.«
Der Gehilfe entrollte eine Karte von Arassien.
»Wie Ihr sicherlich wisst, wurde der Weg von Tugris nach Aras unter der Herrschaft Eures Großvaters ausgebaut, um schnelle Truppenbewegungen zu ermöglichen. Die Begradigung durch Brücken und Stützmauern stellte eine große Errungenschaft dar, welche die Einigungskriege ohne Zweifel beschleunigt und zu unseren Gunsten entschieden hat. Allerdings war die Straße nicht für das heutige Handelsaufkommen in Friedenszeiten erdacht.«
Boros verschränkte seine Hände.
»Worauf wollt Ihr hinaus?«
»Jeden Tag schneiden sich die Räder dutzender Karren in die Fahrspuren. Ein Ausweichen ist kaum noch möglich, und bei starken Regenfällen werden einige Abschnitte gänzlich unpassierbar.«
Boros brummte nur.
»Dadurch kommt es zu Verzögerungen oder gar Handelsausfällen, die im Endeffekt das Fürstentum schädigen.«
»Was schlagt Ihr vor?«
Hared entrollte eine Skizze.
»Hier seht Ihr das Querprofil eines Straßenentwurfes, den ich mit den Baumeistern von Aras ausgearbeitet habe.
Ähnlich wie bei einem Haus soll die Straße ein Fundament erhalten. Es besteht aus mehreren Schichten, die der Belastung durch Fuhrwerke standhalten.«
Als Boros sich vorbeugte, trat Hared näher heran.
»Die Deckschicht besteht aus ebenmäßigen oder entsprechend bearbeiteten Steinen.«
»Ein recht umfangreiches Unterfangen, wie mir scheint.«
»Eure Einschätzung möchte ich gar nicht verbrämen«, sagte Hared. »Der Ertrag wird die Aufwendungen jedoch um ein Vielfaches übertreffen.«
Boros lehnte sich wieder zurück.
»Ich sehe noch nicht, wie ich daran beteiligt werde«, sagte er. »Meine Einnahmen entstehen durch die Nutzung des Passes. Denkt Ihr, es werden mehr Händler, wenn die eine Seite besser ausgebaut wird?«
Hared lächelte.
»Der Ausbau wäre in vielerlei Hinsicht eine langfristige Investition. Erstens trägt Tugris wesentlich zum Reichtum von Aras bei. Durch eine befestigte Handelsstraße zwischen beiden Städten würde der Warenverkehr zunehmen.
Aras würde wachsen und für Händler jenseits des Passes noch attraktiver werden. Ganz zu schweigen von jenen, die weiter nach Tugris wollen. Ihre Reisedauer würde sich verkürzen, der Fernhandel wäre noch lohnender. Und zweitens empfiehlt die Gilde, dass Ihr von auswärtigen Kaufleuten Wegzoll für die Nutzung der neuen Straße verlangt. Im Gegenzug beteiligen wir uns selbstverständlich an den Baukosten.«
Boros rieb sich das Kinn.
»Ihr seid Euch im Klaren, dass die Straße nur bis zur tugrianischen Grenze ausgebaut werden kann. Wie gedenkt Ihr dieses Problem zu lösen?«
Hared rollte die Skizze wieder ein.
»Das ist noch ein offener Punkt«, gestand er. »Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um den Kaiser gemeinsam mit den anderen Gilden und Stadträten zu überzeugen.«
»Erwartet nicht zu viel«, meinte Boros. »Aber lasst die Pläne gern hier. Ich werde sie prüfen lassen.«
»Vielen Dank, Eure Hoheit.«
»Noch etwas?«
Der Kaufmann räusperte sich.
»Wie ich schon sagte, handelt es sich bei der Straße um eine langfristige Investition. Noch wichtiger wäre allerdings die Erneuerung der Brücke.«
Boros stöhnte.
»Wisst Ihr, wie viel das kostet? Wir bräuchten ein ganzes Heer von Seelenlosen, die wir guten Gewissens in das verseuchte Wasser schicken können. Und dann müssten noch einige Seelenfänger aus Tugris kommen und darauf achten, dass sich keine verfluchten Seelen der Arbeiter bemächtigen.«
»Ihr habt recht, das ist eine empfindliche Summe«, sagte Hared, »aber die Brücke ist unsere einzige Querung über den Pagan. Ohne sie erübrigen sich alle weiteren Überlegungen zum Ausbau der Straße.«
»Wäre es nicht einfacher, eine neue Straße zu bauen?«, fragte Boros. »Tugris und Aras liegen doch auf derselben Seite des Flusses.«
»Diese Idee gab es schon häufiger. Aber das Gelände ist sehr unwegsam und teilweise kaum passierbar. Man müsste Tunnel und weitere Brücken bauen. Außerdem wäre unser Handel mit dem Reich dann von der Brücke in Tugris abhängig. Unser gesamter Warenverkehr müsste durch die Hauptstadt. Logistisch und finanziell wäre das keine Alternative.«
Boros stieß einen langen Seufzer aus. Allmählich wurde er des Themas überdrüssig.
»Ich fürchte, Ihr müsst Prioritäten setzen«, sagte er. »Eine Brücke über verderbtes Wasser ist ein teures Unterfangen.«
Hared senkte demütig den Kopf.
»Gewiss. Unsere Brücke steht jedoch auf soliden Steinfundamenten, die aus dem Fluss ragen. Der Kontakt mit dem Wasser...«
»Entweder die Straße oder die Brücke«, schnitt ihm Boros das Wort ab. Er war es leid, diese umfangreichen Bauprojekte weiter zu erörtern und entließ den Kaufmann aus der Audienz.
»Wer ist der Nächste?«, fragte er.
»Ein Jäger, welcher der Wilderei in Eurem Wald bezichtigt wird«, entgegnete der Sekretär.
»Und was hat der hier zu suchen?«
»Nun, der Fall liegt nicht so einfach. Da der erste Treffer in einem freien Wald erfolgte, bedarf es Eures Urteils.«
In Ketten wurde der Mann hereingeführt und auf die Knie gezwungen.
»Erkläre mir, warum ich dich nicht auf der Stelle hinrichten lassen soll«, verlangte Boros.
»Eure Hoheit«, erklang die unsichere Stimme des Jägers,
»mit Verlaub möchte ich Euch berichten, was sich vor zwei Tagen auf der Jagd meines Herrn zugetragen hat.«
Sein fahles Gesicht schaute auf.
»Wir begannen die Jagd im Ringwald, weit entfernt von Euren Ländereien. Die Einstände sind nicht besonders ertragreich, aber nach einer Weile lief mir ein stattliches Schmalreh vor den Bogen. Mein erster Schuss traf, doch das Tier wurde flüchtig. Um das Wildbret nicht verderben zu lassen, begann ich alsbald mit der Nachsuche. Dabei verließ ich den Ringwald und durchquerte den gesamten Schafterwald. Mein Hund stellte das Reh schließlich in der Nähe des Schwarzgrundes.«
»Fast fünfzig Ruten im fürstlichen Wald«, ergänzte der Sekretär.
»Hätte ich das gewusst, wäre ich dem Wild niemals gefolgt!«, versicherte der Jäger. »An der Stelle sind die Flurgrenzen jedoch nicht abgemarkt.«
»Als Jäger ist es Eure Aufgabe, die Flurgrenzen im Gelände zu erkennen«, schaltete sich ein Höfling ein.
Boros wandte sich an seinen Jagdmeister: »Was ist Eure Meinung?«
Der rüstige Mann wog sein Haupt.
»Nun, die Wildfolge ist ein wichtiger Teil der Weidgerechtigkeit. Es gehört sich nicht, ein krankes Stück Wild verenden zu lassen. Allerdings darf der Fürstenwald nicht ohne Eure ausdrückliche Erlaubnis betreten werden. Dies gilt auch für jedwedes Weidwerk.«
Der Jagdmeister senkte den Blick. Ihm war anzusehen, dass er mit dem Strafmaß nichts zu tun haben wollte. Diese Entscheidung oblag einzig und allein dem Fürsten.
»Also gut«, seufzte Boros, »ich bewerte die Tat als Diebstahl. Hackt dem Mann die linke Hand ab. Er soll keinen Bogen mehr führen können. Alle weiteren Verstöße dieser Art enden am Galgen.«
Dem Verurteilten wich die letzte Farbe aus dem Gesicht.
Ohne ein weiteres Wort wurde er abgeführt.
»Ach, und bevor ich es vergesse«, sagte Boros zu seinem Sekretär, »veranlasst die Errichtung von Grenzsteinen. Ich möchte zu meinem Wald nicht mehr behelligt werden.«
»Sehr wohl, Eure Hoheit.«
»Will noch jemand vorsprechen?«
Der Sekretär schaute in seine Unterlagen.
»Eine Wirtin. Sie behauptet, die Verbreitung einer Irrlehre vernommen zu haben.«
»Häresie«, sagte Boros mit einem feierlichen Unterton.
»Führt sie herein.«
Eine feiste Frau mit Schürze betrat den Residenzsaal. Sie konnte ihr Erstaunen ob der reichhaltigen Verzierungen nicht verbergen. Der Sekretär räusperte sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Boros. Sie verbeugte sich.
»Eure Hoheit.«
»Tragt Euer Anliegen vor«, wies der Sekretär an.
Die Frau schaute sich noch einmal um, ehe sie zu sprechen begann.
»Also, gestern waren da so zwei Gestalten, die kamen mir komisch vor.«
»Wo waren diese Gestalten?«, fragte der Sekretär geduldig.
»In der dunklen Ecke, neben dem Tresen.«
Die ersten Höflinge begannen zu schmunzeln.
»Werte Frau, bei aller Sorgfalt kennt der Fürst leider nicht jedes Wirtshaus in Arassien. Könnt Ihr uns vielleicht kurz erläutern, von welchem Anwesen Ihr sprecht und was sich genau zugetragen hat?«
»Ach so, ja. Also gestern im hohen Ross, das ist im Trieberviertel neben der Sattlerei, da waren zwei Männer, die kamen mir nicht koscher vor. Haben sich immer umgeschaut, als wenn die was zu verbergen haben. Wollten dann auch in die dunkelste Ecke, aber die ist ja direkt neben dem Tresen. Deswegen konnte ich ein paar Brocken aufschnappen von dem was die geredet haben. Der eine hat gesagt, dass das mit dem Wasser nicht mehr lange gut geht, und der andere meinte, dass sich die Bewahrer des Wissens drum kümmern werden.«
Boros fing an zu lachen. Auch die Höflinge und Berater konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Das hat er gesagt? Bewahrer des Wissens?«
»Ja, ich schwöre! Bei allem, was mir heilig ist!«
»Wie sahen diese Männer denn aus?«, fragte der Sekretär.
»Na weiß ich ja nicht, es war doch dunkel da.«
»Waren sie groß? Oder klein? Trugen sie Mäntel? Reitsachen?«
Die Wirtin zog ihre Brauen zusammen.
»Na, normal groß würde ich sagen. Und normale Sachen.«
»Vielen Dank für Eure Meldung«, entgegnete der Sekretär, um Sachlichkeit bemüht. »Wir werden den Vorfall prüfen.
Sollte er sich als Verbreitung einer Irrlehre herausstellen, werdet Ihr eine Belohnung erhalten. Ihr dürft gehen.«
Die Wirtin blinzelte. Es schien eine Weile zu dauern, bis sie die Bedeutung dieser Worte begriff.
Als sie den Saal verlassen hatte, brach schallendes Gelächter aus.
Elea fuhr über die langen Wurfarme, die sich nach außen hin elegant verjüngten. Der Bogen musste noch einmal geölt werden, doch sie wollte ihn heute testen. Keine Armee der Welt würde sie daran hindern. Außer Mutter vielleicht.
Sie griff nach einer einfachen Zielscheibe aus Stroh, wickelte die überaus wertvolle Leinensehne um den Bogen und verstaute die Pfeile in einem ledernen Köcher, den sie von Großvater geerbt hatte.
»Wenn Mutter fragt. Du hast keine Ahnung, wo ich bin.«
Vater hob die Hände.
»Ich weiß von nichts.«
Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und sah zu, dass sie verschwand. Mutter würde ihr den Tag jetzt nicht mit lästigen Näharbeiten vermiesen! Im Schutz der Dämmerung schlich sie aus der Werkstatt und über den Hof.
Kaum war sie außer Sicht, rannte Elea los. Sie rannte so lange, bis ihr die Lungen wehtaten. Irgendwann blieb sie stehen, rang nach Luft und schaute sich um. Niemand war ihr gefolgt. Sie lachte über ihren eigenen Wagemut. Aus den Augenwinkeln sah sie einen großen Stein am Wegesrand. Plötzlich bewegte sich der Stein. Elea zuckte zusammen.
»Heiliger Neros!«, flüsterte sie. »Kedrik, bist du das?«
»Ja.«
Kedrik wiegte seinen zusammengekauerten Körper und schaute in den Himmel.
»Hast du mich erschreckt!«
»’Tschuldigung.«
»Was machst du denn da?«
Kedrik legte den Kopf zur Seite. »Weiß nicht.«
Elea folgte seinem Blick. Es war schon hell, doch der Mond stand noch am Himmel. Auf der einen Seite beschrieb er einen Halbkreis, und auf der anderen Seite ein unförmiges Ei.
»Du kannst doch nicht einfach hier herumsitzen!«, sagte sie. »Wenn dich die Büttel sehen, halten sie dich am Ende für einen Landstreicher und werfen dich in den Kerker.«
»Tut mir leid. Kedrik will nicht böse sein.«
»Komm, ich habe ein Spiel für uns.«
Gemeinsam ließen sie die angrenzenden Felder hinter sich und tauchten in eine weitläufige Heidelandschaft ein, die für eine Bewirtschaftung nicht fruchtbar genug war.
Zwischen den Kräutern und Zwergsträuchern würden sich die Pfeile gut wiederfinden lassen. Elea ging zu einer einzelnstehenden Birke. Kedrik eilte ihr voraus und umarmte den Stamm.
»Was machst du da?«
»Die Bäume sind unsere Freunde!«
Elea lächelte.
»Das stimmt. Darf ich den Baum auch umarmen?«
Kedrik ließ von der Birke ab und hüpfte herum.
»Die Bäume sind unsere Freunde! Die Bäume sind unsere Freunde!«
Elea hängte die Zielscheibe auf.
»Komm, lass uns den Bogen ausprobieren«, sagte sie und bedeutete Kedrik, ihr zu folgen. Dann spannte sie den Bogen und zog ihn einige Male aus, um das Holz an die Belastung zu gewöhnen.
»Wenn ich schieße, bleibst du hinter mir. Das ist ganz wichtig.«
Mit großen Augen verfolgte Kedrik Eleas Treiben. Sie hob den Bogen an, zog ihn aus und schoss. Gleich beim ersten Versuch traf sie die Zielscheibe. Augenblicklich rannte er los, um den Pfeil zu holen. Elea versuchte erst gar nicht, ihn aufzuhalten. Sie zog den Bogen noch einige Male aus und spürte seiner rohen Energie nach. Für den Schuss war nicht die geringste Höhenkorrektur nötig gewesen. Sie musste die Entfernung zum Ziel vergrößern, um herauszufinden, ob die Eigenschaften der Waffe tatsächlich so ausgewogen waren, wie sie vermutete.
»Hier bist du!«, rief eine Stimme. »Ich habe dich überall gesucht!«
Elea senkte den Bogen und schaute sich um. Jemand hielt auf sie zu. Es war Torash, Kedriks älterer Bruder.
»Komm jetzt endlich! Vater macht sich schon Sorgen!«
Mit hochrotem Kopf stapfte er zu Elea, während Kedrik mit dem Pfeil angelaufen kam.
»Und was habt Ihr hier zu schaffen? Bringt Ihr meinen Bruder in Schwierigkeiten?«
Elea fasste sich an die Brust.
»Ich? Nein! Wie kommt Ihr darauf?«
Er musterte sie abschätzig.
»Wem habt Ihr eigentlich diese Waffe gestohlen?«
»Gestohlen?«, fragte Elea ungläubig. »Der Bogen gehört mir.«
»Wohl kaum«, entgegnete Torash. »Schon der heilige Neros hat dem schwachen Weibe den Umgang mit Waffen untersagt, weil es derer nicht würdig ist.«
»Derer nicht würdig«, spottete Elea. »Im Gegensatz zu Euch kann ich damit umgehen.«
Sie legte einen Pfeil auf, korrigierte leicht nach oben, um die neue Entfernung auszugleichen, und schoss. Wieder traf sie die Zielscheibe.
»Gebt schon her!«, sagte Torash. Nachdem Kedrik Eleas Pfeil geholt hatte, versuchte er, den Bogen ausziehen.
Dabei hielt er die Waffe viel zu hoch. Elea wollte etwas sagen, doch Torash hatte bereits geschossen. Die Sehne peitschte gegen sein Handgelenk. Unter Schmerzen schrie er auf.
»Was ist das für ein teuflisches Spielzeug?«, stieß er hervor, während Kedrik vergnügt loslief, um den Pfeil zu suchen.
»Ich kann Euch zeigen, dass es kein Spielzeug ist«, sagte Elea.
Torash maß sie mit verächtlichen Blicken ab.
»Komm, Kedrik, wir gehen!«
»Erst finden wir den Pfeil«, sagte Elea. »Die wachsen nicht auf Bäumen.«
Widerwillig folgte Torash. Gemeinsam durchstreiften sie das Gelände hinter der Birke. Schon bald kämpften sie sich durch Sträucher und Büsche.
»Wie kann man nur auf die Idee kommen, hier in der Gegend herumzuschießen?«, zeterte Torash. »Dafür gibt es Schießstände.«
»Als Frau habe ich dort keinen Zutritt.«
»Fragt Euch mal, warum.«
»Wenn Ihr mich gefragt hättet, was es zu beachten gilt, dann wäre das nicht passiert!«
Kedrik tauchte vor ihnen auf. Triumphierend hielt er den Pfeil nach oben. Seine Hand war nass, und der Pfeil tropfte. Torash wurde aschfahl.
»Wo hast du den gefunden?«
Elea schaute an Kedrik vorbei. Irgendetwas schimmerte dort grünlich. Plötzlich erkannte sie es.
»Bei allen Heiligen!«
Sie schlug die Hand vor den Mund. Zwischen Schilf und Binsen tat sich ein kleiner Tümpel auf, der mit Wasserlinsen bedeckt war. Ein schwarzer Kreis markierte die Stelle, wo Kedrik den Pfeil aus dem Wasser gefischt hatte.
»Bist du vollkommen verrückt geworden?«, wetterte Torash. »Das ist verderbtes Wasser!«
»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Elea.
Torash funkelte sie an.
»Nichts«, erwiderte er. »Es ist nichts passiert.«
»Aber…«
»Keine Widerrede!«
Er stellte sich dicht vor sie und hielt ihr den Zeigefinger unter die Nase.
»Wenn irgendjemand etwas davon erfährt, werdet Ihr es bereuen. Verlasst Euch drauf!«
Zwei Tage hatten die angehenden Novizen Zeit bekommen, bis sie sich im Konvent einfinden mussten. Es war eine Zeit des Abschieds, von Familie, Freunden und weltlichen Belangen. Vor den Toren des Klosters durfte der zukünftige Ordensbruder nur in seiner Kutte erscheinen, bevor er die zweijährige Ausbildung antrat. Das Habit der Akvitaner war ein Symbol der Enthaltsamkeit und Frömmigkeit. Sein Leben stellte er in den Dienst der Götter. Und er vertraute ihnen, dass er nicht mehr dazu brauchte als diese Kutte. Sie war sein einziger Besitz.
Iskan trug Arbeitskleidung, während er durch die Dunkelheit marschierte. Die Kutte lag zu Hause. Für ihn gab es keine Feierlichkeiten. Er musste Vater helfen, worauf er nicht die geringste Lust verspürte. Er hätte gedacht, dass Geld bei einem kaiserlichen Auftrag keine Rolle spielte.
Doch Vaters Geiz hatte mal wieder die Oberhand gewonnen.
Zumindest war er nicht allein. Beladen mit Seilen, Säge und Axt trottete das Rückepferd neben ihm her. Sein schwarzes Fell verschluckte das wenige Licht. Wie ein Ungetüm wirkte das Kaltblut in der aufkommenden Dämmerung, doch Iskan wusste es besser. Dieses Tier war das treueste Pferd, das man sich vorstellen konnte.
Der kühle Morgen ließ ihn frösteln. Er verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Schultern ein. Seine Schritte verbanden sich mit dem gemütlichen Pferdegetrappel zu einem Klangteppich, der seine müden Gedanken einhüllte. Nur noch dieses eine Mal, sagte er sich. Danach war er ein Akvitaner und musste Vater nicht mehr helfen.
Bald war es vorbei.
Sie passierten die letzten schlafenden Hütten und überquerten nach einer Weile den Pagan. Iskan hielt sich in der Mitte der Brücke, um nicht die bedrohliche Schwärze des Flusses sehen zu müssen. Dumpf hallten die Hufe des Pferdes von den mächtigen Bohlen wider. Es klang hohl und alles andere als vertrauenerweckend. Iskan konnte sich kaum vorstellen, dass im Laufe des Tages dutzende Fuhrgespanne über die Brücke rumpeln würden.
Was mochte die Menschen damals wohl bewogen haben, so nah an verderbtem Wasser zu siedeln? Wahrscheinlich hatten sie einfach nicht gewusst, dass der Fluss in der Lage war, ihre unsterblichen Seelen herauszulösen. Anders ließ sich dieser Leichtsinn nicht erklären. Iskan vollzog die Wassergeste, nachdem sie die Brücke überquert hatten.
Er folgte dem Fahrweg nach Tugris, ehe er auf den schmalen Wiesenpfad abbog, der hinunter zum Bach führte. Der Morgentau ließ seine Stiefel glänzen. Doch das machte nichts. Sie waren aus dickem Leder, um ihn bei der Arbeit zu schützen. Übermorgen würde er ohne Schuhe zum Konvent gehen. Nach der rituellen Reinigung der Füße erhielt jeder Novize einfache Bundschuhe. Hoffentlich waren sie bequem.
Iskan führte das Pferd über die kleine aber massive Holzbrücke, die den Bach überspannte. Wenig später betraten sie den Wald des Fürsten. Still und majestätisch lag er im Morgengrauen. Es war eine seltene Ehre, hier sein zu dürfen. Eigentlich hätte Elea diese Aufgabe übernehmen sollen. Nicht, weil sie dazu besser geeignet war. Aber sie liebte den Wald über alles.
Iskan folgte dem Weg, den Vater beschrieben hatte. Dabei zählte er Schritte ab und orientierte sich an markanten Geländemerkmalen. Es ging durch eine morastige Senke bis zu einem Findling, an dem er abbog und einen Hang erstieg. Von der Anhöhe ging es wieder bergab in ein flaches Tal.
Der Wald wurde allmählich lichter, und schon bald stand er vor den imposanten Bergulmen, an denen er sich rechts halten musste. Ein letztes Mal ging es hier einen seichten Hang hinab. Nach einiger Zeit erreichte Iskan die Stelle, an der die Buche gestanden hatte. Überall lagen Sägespäne herum.
Das wertvolle Stammholz hatten die Holzfäller bereits abgelängt und zu einem kleinen Polter gestapelt. Es war für den kaiserlichen Tisch vorgesehen. Die Äste, teils selbst mit stattlichen Durchmessern, durfte die Tischlerei behalten. Iskan sollte das Holz zur Werkstatt bringen. Er nahm einen Schluck geweihtes Wasser und klopfte das Pferd am Hals.
»Na, meine Liebe. Das wird ein gutes Stück Arbeit.«
Dann begann er, die Baumreste zu sortieren. Äste, die schmaler als eine Handbreit waren, mussten im Wald verbleiben. Dabei wurde ihm schnell warm, obwohl der Wald die kühle Frühjahrsluft hielt. Bei den größeren Ästen musste er mit Säge und Axt Verzweigungen entfernen, bevor er sie transportieren konnte.
Nachdem er fertig war, verband Iskan das erste Stammstück mit dem Zuggeschirr durch ein dickes Hanfseil und gab das Kommando zum Aufbruch.
Das Pferd setzte sich in Bewegung. Iskan lief schräg hinter ihm und führte es an langen Zügeln. Erst jetzt begann die eigentliche Arbeit. Vor allem an den Hängen bohrte sich das gezogene Holz immer wieder in den weichen Boden oder blieb an Wurzeln und Steinen hängen. Dann musste Iskan das Holz mit dem Wendehaken freibekommen, das Pferd ein Stück rückwärts laufen lassen oder sogar einen anderen Weg wählen. In diesem Gelände war das Holzrücken eine Tortur, doch das Pferd leistete allen Kommandos mit stoischer Genügsamkeit Folge.
Verschwitzt kamen sie aus dem Wald. Das Tier senkte seinen Kopf in den Bach und trank. Iskan schaute ihm aus sicherem Abstand zu. Nur Verwirrte und Verfluchte tranken aus natürlichen Gewässern. Und Tiere. Es war der eindeutige Beweis, dass sie keine unsterblichen Seelen besaßen.
Und doch überkam Iskan eine gewisse Wehmut. Der anstrengenden und gefährlichen Waldarbeit konnte er nichts abgewinnen. Aber die freundschaftliche Beziehung zu dem Pferd würde ihm fehlen. Sie waren ein gutes Gespann.
Als sie wieder auf dem Fahrweg waren, machte Iskan in einiger Entfernung zwei Reiter aus. Scheinbar hatten sie ihn auch gesehen. Unvermittelt spornten sie ihre Pferde an und preschten in vollem Galopp auf ihn zu. Iskan hielt sich dicht an dem Rückepferd.
Sie bremsten kurz vor ihm und versperrten den Weg. Iskan hatte es befürchtet. Fürst Boros mit einem seiner Spießgesellen.
Ohne ein Wort zu verlieren, schwang sich Boros aus dem Sattel und schlug Iskan in die Magengrube. Während sein Bauch zu explodieren schien, fiel er auf die Knie. Boros griff ihm in die Haare und riss seinen Kopf nach hinten.
»Täuschen mich meine Augen, oder bist du gerade aus meinem Wald gekommen?«
Iskan hätte sich am liebsten übergeben, aber irgendwie ließ das seine Körperhaltung nicht zu.
»Sehr wohl, Eure Hoheit«, röchelte er.
»Dafür lasse ich dich vierteilen, gottverdammter Hundsfott!«
Der Fürst ließ von seinem Opfer ab und begutachtete das Holz.
»Na was haben wir denn hier? Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass dein nichtsnutziger Klotzkopf auch noch auf die Idee gekommen ist, einen Baum zu fällen?«
Dann breitete er die Arme aus und wandte sich an seinen Kumpan.
»Irgendwie habe ich den Eindruck, dass mein Wald zu einem räudigen Marktplatz verkommen ist, auf dem jeder glaubt, sich nach Herzenslust bedienen zu können!«
Iskan rang nach Luft.
»Der Kaiser verlangt nach einer neuen Tafel.«
»Der Kaiser? Willst du mich verkohlen?«
Bevor es die nächste Tracht Prügel gab, sagte der Kumpan:
»Hab da auch was gehört.«
Boros schaute auf. »So? Was denn?«
»Neue Tafel.«
»Himmel, Arsch und Zwirn! Muss man dir alles aus der Nase ziehen? Von wem hast du‘s?«
Der Begleiter des Fürsten spuckte bräunlich-schwarzen Tabaksaft aus.
»’Ne Metze aus der Küche hat’s gesagt.«
»Und wann hat sie’s dir gesagt?«
»Als ich ziemlich tief drin war.«
Die beiden Männer lachten dreckig. Der Fürst griff Iskan wieder in die Haare.
»Und du Trottel sollst meinem Vater einen Tisch bauen?«
»Ich hole nur das Holz.«
»In wessen Auftrag?«
»Des Tischlermeisters Gimred.«
»Gimred«, wiederholte Boros, als wenn er sich fragte, ob er den Namen schon einmal gehört hatte. Doch schon im nächsten Augenblick riss er Iskans Kopf wieder nach hinten.
»Hör mir gut zu, du Zungenklaffer. Sollte sich herausstellen, dass es keine neue Tafel gibt, dann kann deine Mutter schon mal das Leichentuch weben!«
Iskan bekam einen Schlag gegen den Hinterkopf.
»Bis dahin bleibt das Holz, wo es gewachsen ist.«
»Aber Eure Hoheit...«
»Maul halten! Du bringst das Holz zurück!«
Im nächsten Augenblick stob der Albtraum davon.
Iskan rieb sich den Kopf. Das hatte er nur Vaters Geiz zu verdanken! Eigentlich hätten die Holzrücker diese Aufgabe übernehmen sollen, dann wäre das alles nicht passiert.
Während er sich aufrappelte, schwor Iskan, nie wieder für Vater zu arbeiten.
Torash saß an dem wuchtigen Schreibtisch seines Vaters.
Hier wurden Entscheidungen getroffen, die nicht nur in Aras Auswirkungen hatten. Vater pflegte hochrangige Kontakte in ganz Nerien und darüber hinaus. Seine kaufmännischen Erwägungen konnten die Lebensrealität unglaublich vieler Menschen beeinflussen. Der Gedanke reizte Torash. Es war ein großartiges Gefühl von Macht.
Neben dem Tisch war der Raum noch mit einer Sitzgruppe aus lederbezogenen Holzstühlen, einem Sekretär und einer großen Truhe möbliert. Die gesamte Wand hinter dem Arbeitsplatz wurde von einer Tapisserie eingenommen, die eine Szene aus der Heiligen Schrift zeigte. Und an der gegenüberliegenden Wand hing ein unscheinbares Gemälde. Es war Torash noch nie aufgefallen, und jetzt fragte er sich, was es überhaupt zeigte.
Die obere Hälfte des Bildes sah aus wie Himmel. Sie war in hellem Blau gehalten und mit weiß getupften Wolken durchsetzt. Die untere Hälfte hingegen wirkte wie ein abstraktes Gebirge. Dunkelblaue und grüne Berge hatten schneebedeckte Gipfel. Doch das Ding in der Mitte konnte Torash überhaupt nicht deuten. Es sah aus wie ein Bauwerk, das sich nach oben verjüngte. Unten war es von einem hölzernen Braun, und oben hatte es weiße Flächen.
Irgendwie machte es den Eindruck einer seltsamen Windmühle. Ja, das musste es sein. Eine riesige Windmühle, die auf einem winzigen Gebirge stand.
Vater öffnete die Tür und unterbrach Torashs Interpretationsversuche.
»Wie ich sehe, hast du dich schon gemütlich eingerichtet.
Aber wenn du dir diesen Platz verdienen willst, dann musst du die Grundlagen lernen.«
Er schüttete einen Postbeutel auf dem Tisch aus. Unzählige Papiere türmten sich zu einem Haufen.
»Was ist das?«, fragte Torash.
»Handelsbriefe, Wechsel, Lieferscheine und sonstige Quittungen der letzten Wochen«, erklärte Vater.
Er schloss die Truhe auf und förderte einen Stapel Bücher zutage.
»Das hier sind die Geschäftsbücher. In ihnen werden alle Transaktionen unserer Unternehmung dokumentiert. Sie geben Aufschluss über Handelspartner und Vertriebswege, über Preise und Waren, Angebot und Nachfrage. Wer sie zu lesen weiß, dem gehört die Zukunft.«
Er legte den Stapel auf den Tisch und tippte mit dem Finger darauf.
»Die Geschäftsbücher sind der wertvollste Besitz eines Kaufmannes. Umso wichtiger ist es, dass sie gewissenhaft geführt werden.«
Der Blick in die Bücher war ernüchternd. Torash verstand zunächst gar nichts. Es gab Spalten und Zeilen, gefüllt mit Zahlen, Abkürzungen und kryptisch anmutenden Zeichen.
Das hier sollte der wertvollste Besitz der Kaufleute sein?
»Jede Seite besteht aus zwei Spalten, die zu einem Konto gehören«, erklärte Vater. »Auf einem Konto kann alles Mögliche gebucht werden, und je nach Art des Kontos haben die linke und die rechte Spalte auch unterschiedliche Funktionen. Aber sie heißen immer gleich. Die linke Seite wird als Soll bezeichnet und die rechte als Haben.«
Vater nahm eine Quittung zur Hand und zeigte sie Torash.
»Hier unten findest du den Buchungssatz. Vor dem Schrägstrich steht die Sollseite des ersten Kontos, danach folgt die Habenseite des zweiten Kontos, und am Ende der Betrag, der in die jeweiligen Konten eingetragen werden muss. Merke dir, dass immer Soll an Haben gebucht wird.«
Torash nickte, doch in Wirklichkeit fühlte er sich maßlos überfordert.
»Ordne die Belege in zeitlicher Reihenfolge und trage sie dann gemäß dem Buchungssatz in die jeweiligen Konten ein.«
Vater klopfte ihm auf die Schulter und ging zur Tür.
»Und denk daran: Immer doppelt buchen. Immer betragsgleich. Und immer Soll an Haben.«
Damit verschwand er aus dem Kabinett. Torash wartete noch eine Weile, doch Vater kam nicht zurück. Scheinbar sollte er diese Aufgabe tatsächlich alleine bewältigen. Er hatte sich vorgestellt, wie er durch Nerien reiste, wichtige Hände schüttelte und große Geschäfte abwickelte. Doch jetzt saß er hier, vor endlosen Zahlenkolonnen, und musste die eintönige Arbeit der Buchhalter verrichten.
Er blies die Backen auf und wühlte sich durch die Papiere.
Es würde ewig dauern, diesem Wust an Belegen Herr zu werden, zumal jeder Vorgang auf einer Haben- und einer Sollseite gebucht werden musste. Mit anderen Worten, doppelte Arbeit. Konnte man die ganze Sache nicht irgendwie beschleunigen?
Er nahm sich einige der Schriftstücke zur Hand und schaute sie sich genauer an. Als ihm zwei Lieferscheine mit demselben Buchungssatz ins Auge sprangen, kam ihm eine Idee. Er würde alle Belege chronologisch nach den Sollkonten sortieren. So sparte er zumindest etwas Zeit, da er, einmal die richtige Kontenseite in einem der vielen Geschäftsbücher aufgeschlagen, gleich alle entsprechenden Belege eintragen konnte. Danach würde er mit den Habenkonten auf die gleiche Weise verfahren.
Gerade als er begann, die ersten Einträge vorzunehmen, klopfte jemand an die Tür. Es war Pater Serai, ein akvitanischer Priester.
»Oh, verzeiht, ich wollte eigentlich zu Eurem Vater.«
»Er ist gerade nicht zugegen«, antwortete Torash. »Was ist Euer Begehr?«
»Es geht um geschäftliche Dinge.«
Torash deutete auf den Tisch.
»Ich gehe meinem Vater zur Hand«, sagte er. »Vielleicht kann ich Euch behilflich sein.«
Der Priester zögerte.
»Nein, schon in Ordnung. Es ist persönlich.«
Er wollte gerade die Tür schließen, als Torash aufsprang.
»Einen Augenblick!«, rief er. »Mein Vater dürfte nicht lange fortbleiben. Wollt Ihr vielleicht auf ihn warten?«
Der Priester war ein ungewöhnlicher Kunde, aber zugleich seine Chance, am Geschäftsleben teilzuhaben. Jetzt konnte sich Torash als Kaufmann beweisen.
»Ihr könnt es Euch im Salon bequem machen. Ich bringe Euch einen Becher geweihtes Wasser.«
Pater Serai schien über das Angebot nachzudenken.
»Vielen Dank, aber dafür fehlt mir die Zeit. Habt Ihr vielleicht einen Bogen Papier und einen Briefumschlag?«
Der Priester notierte etwas auf dem hochwertigen Schreibpapier und faltete es. Dann beschriftete er den Umschlag mit Hareds Namen und steckte das Papier hinein.
»Könnt Ihr diese Mitteilung Eurem Vater übergeben?«
»Selbstverständlich!«
»Vielen Dank!«
Damit eilte der Priester davon. Voller Stolz hielt Torash den Umschlag in der Hand. Nun war er nicht nur ein Schreiberling. Er hatte echten Kundenkontakt gehabt!
Zufrieden setzte er sich wieder an den Tisch. Er wollte den Umschlag beiseitelegen, als ihm auffiel, dass er nicht verschlossen war. Neugierig zog er das Papier hervor und las die Notiz. Schließlich saß er in Vaters Machtzentrale und vertrat ihn in sämtlichen Belangen.
Pater Serai hatte einige Waren und Mengenangaben hingekritzelt. In der obersten Zeile stand R Vierunddreißig. Torash konnte sich keinen Reim darauf machen und legte die Notiz zurück in den Umschlag.
Er hätte nicht sagen können, wie viel Zeit vergangen war, als Vater wieder hereinkam. Die Buchführung erforderte seine gesamte Konzentration.
»Und, wie läuft es?«
Torash schaute auf.
»Gut. Das hier hat Pater Serai für dich abgegeben.«
Vaters Augen verengten sich.
»Pater Serai?«
»Ja, er war hier gewesen. Wollte aber nicht auf dich warten und hat deswegen eine Notiz hinterlassen.«
Mit gerunzelter Stirn überflog Vater die Nachricht.
»Was ist R Vierunddreißig?«, wollte Torash wissen.
»Wie bitte?«
»R Vierunddreißig.«
Vater deutete auf den Brief.
»Hast du das hier gelesen?«
»Ich dachte, es könnte wichtig für meine Arbeit sein.«
»Hier steht mein Name drauf!«, rief Vater. »Wenn du das Briefgeheimnis nicht wahren kannst, wird niemand Geschäfte mit dir machen wollen!«
»Was hätte ich denn tun sollen? Du warst nicht da, und vielleicht handelt es sich um eine wichtige Information für unsere Unternehmung.«
»Es spielt keine Rolle, wie wichtig die Information sein könnte. Öffne nie wieder Post, die nicht an dich adressiert ist.«
»Aber der Brief war nicht versiegelt.«
»Es geht um das Prinzip! Wir sind ehrbare Kaufleute!«
Torash senkte den Blick.
»Tut mir leid.«
Vater seufzte und studierte die Anordnung der Papiere auf dem Tisch.
»Und was ist das?«, fragte er. »Du solltest die Belege nach zeitlicher Reihenfolge sortieren, und nicht nach den Sollkonten.«
»Ich weiß«, sagte Torash, »aber das wäre viel mehr Arbeit.
Ich muss immer alle Bücher durchgehen, weil ich nicht weiß, wo die Konten der Buchungssätze geführt sind.«
»Dann wirst du es lernen«, sagte Vater. »Die Buchführung ist kein Kinderspiel.«
»Aber was spricht denn gegen mein Vorgehen?«
»Wenn du die Belege zwei Mal sortierst, erhöhst du nur die Gefahr, dass du eine Buchung übersiehst.«
»Ich übersehe doch...«
»Keine Widerrede!«, fiel ihm Vater ins Wort. »Jeden Beleg einzeln, der Reihe nach. Immer doppelt buchen, Haben an Soll. Wenn du das nicht kannst, bist du kein Kaufmann.«
»Nichtsnutziger Tölpel!«
Vater war immer noch außer sich.
»Einen letzten Handgriff sollte er für uns tun. Doch was macht dieser unfähige Lump? Vermasselt es auf ganzer Linie!«
»Jetzt sei doch nicht so streng mit ihm«, sagte Mutter. »Ab Morgen ist er im Kloster. Und wenn er das Noviziat besteht, bekommen wir ein geweihtes Familiengrab, das wir uns sonst niemals leisten könnten!«
Vater schien Mutters Beschwichtigungen abzuwägen. Sein Jähzorn gewann jedoch die Oberhand.
»Wenn der Lauskrodd nicht mal einen Baum aus dem Wald ziehen kann, dann wird er wohl kaum die Mönche überzeugen!«
Elea fragte sich, ob Vater ihren Bruder jemals wieder beim Namen nennen würde. Immerhin fühlte sich Mutter dazu bemüßigt.
»Was kann Iskan dafür, wenn der Kaiser niemandem etwas erzählt hat?«
»Das wird er dem Fürsten doch wohl mitgeteilt haben, so einen wichtigen Auftrag!«
