Entführung mit Jagdleopard - Kirsten Boie - E-Book + Hörbuch

Entführung mit Jagdleopard E-Book

Kirsten Boie

4,3
9,99 €

Beschreibung

Eine schrecklich nette Familie! Ein Verwechslungskrimi von Kirsten Boie. Jamie-Lee hat es nicht gerade leicht: Ihre Mutter trinkt oft zu viel und muss deshalb eines Tages sogar ins Krankenhaus. Ihre Oma hat auch keine Zeit, denn sie möchte mit ihrem neuen Freund nach Polen auswandern. Da sieht Jamie-Lee ihre Chance, endlich etwas Großes zu vollbringen: Sie nimmt das Mädchen Fee bei sich auf, das von zu Hause weggelaufen ist. Doch Fees Eltern sind nun sicher, dass ihre Tochter entführt wurde. Als dann noch der obdachlose Herr Wildeck mit seinem Jagdleopard bei Jamie-Lee einzieht, ist das Chaos perfekt! Originelle Charaktere und ein spannender Plot, übersprudelnde Fantasie und voller witziger Einfälle. Mit Illustrationen von Susann Opel-Götz.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 321




1. Keiner ist zu gering, um Großes zu vollbringen (Aber leider klappt es nicht immer.)

Genau drei Tage vor meinem zehnten Geburtstag habe ich beschlossen, Großes zu vollbringen und mit Ebru zusammen die Welt zu retten. Deshalb weiß ich das Datum ganz genau. Außerdem hab ich an dem Tag ein Kind entführt, was ich zu Anfang aber ja eigentlich nicht wusste. Und dann haben wir noch den Jagdleoparden im Badezimmer versteckt, das war gar nicht so leicht, weil er einfach nicht Fahrstuhl fahren wollte. Aber das kam erst nach der Entführung, die war da natürlich noch keine.

Und es war natürlich der Tag, an dem Oma mir den Lippenstift mit haargenau passendem Nagellack geschenkt hat.

»Entferner hab ich leider nicht für dich, Schatzi, da musst du mal gucken, wie du an den kommst«, hat Oma gesagt. »Aber das hier ist für dich! Die Farbe ist für mich krass zu orangig. Du weißt ja, ich hab’s lieber pink für Ladys.«

Das stimmt, ich glaube ehrlich nicht, dass Oma viele Sachen hat, die nicht pink sind. Sie sagt, Pink ist ladylike und steht ihr einfach am besten, weil es nämlich auch zu ihrem Haar passt, das ist golden. Und außerdem macht Pink jung.

Ich finde, es ist egal, was für eine Farbe alte Frauen tragen, alt bleibt alt, und Oma ist schon fast achtundvierzig. Aber Oma sage ich das natürlich nicht. Sonst hört sie womöglich noch auf, sich Schminkkram zu kaufen, und dann kriege ich nicht mehr all die Sachen, von denen sie hinterher plötzlich merkt, leider waren das Fehlkäufe. Wie der orangige Lippenstift zum Beispiel.

Oma war schon in unserer Wohnung, als ich aus der Schule gekommen bin. Ebru hatte sich vor der Haustür von mir verabschiedet, ich nehme sie immer nicht so gerne mit hoch. Wir haben aber unten noch einen Augenblick geredet, bevor ich aufgeschlossen hab, weil wir grade erst beschlossen hatten, Großes zu vollbringen und die Welt zu retten. Wir wussten nur noch nicht genau, woher wir das Geld dafür kriegen sollten.

»Da fällt uns schon was ein!«, hat Ebru so ganz optimistisch gesagt. »Ich bete mal dafür, vielleicht hilft das.«

»Ja, sag deinem Allah mal Bescheid!«, hab ich gesagt. Dann ist Ebru gegangen. Hinter dem Buswartehäuschen hat sie sich umgedreht und mir zugewinkt.

Dass wir dringend versuchen mussten, die Welt zu retten, war uns im Religionsunterricht klar geworden. Religion ist das schönste Fach an der Schule, aber leider ist es nur zweimal die Woche. Ich geh da sehr gerne hin, weil wir nur sechs Kinder sind; es ist freiwillig, und die meisten an meiner Schule sind sowieso Muslime, da kommen die nicht. Ich geh auch nicht hin wegen dem Gott und solchen Sachen, ich finde es nur immer so gemütlich mit lauter Mädchen (außer Jakob Friedemann, aber der ist kein echter Junge und beult sich nicht) und Herrn Wagenfels, der sich in der Stunde Äpfel schält und die Spalten ganz langsam in den Mund steckt. Und wenn man bettelig guckt und sagt: »Mein Magen knurrt«, kriegt man was ab. (Ich glaube eigentlich nicht, dass Lehrer im Unterricht Äpfel essen dürfen.)

Natürlich ist Herr Wagenfels gar kein richtiger Lehrer, darum muss er das nicht wissen. Er ist so alt, dass er wahrscheinlich noch die Saurier erlebt hat (haha, das war ein Scherz) oder jedenfalls die Zeit, als es noch keine Autos gab. Er ist ein Pastor im Ruhestand, und was im Ruhestand bedeutet, kann man sich ja schon so ungefähr vorstellen, aber bei Pastor war ich mir nicht ganz sicher. Ich hab Ebru gefragt, und sie hat gesagt, es ist so was Ähnliches wie ein Imam. Nur für Christen.

»Bist du?«, hat Ebru gefragt. »Christ?«

Ich hab die Achseln gezuckt. »Woher weiß ich das?«, hab ich gefragt.

»Wenn du getauft bist!«, hat Ebru gesagt. »Wirklich, Jamie-Lee, manchmal versteh ich nicht, was du alles nicht über dich weißt!«

Ebru kann sehr besserwisserisch sein.

Zum Glück war an dem Tag auch grade Oma bei uns, und da konnte ich sie fragen.

»Bin ich eigentlich getauft, Oma?«, hab ich gefragt.

Oma hat mich lange nachdenklich angeguckt. »Du stellst Fragen!«, hat sie gesagt und vor dem Flurspiegel mit einer Pinzette ein borstiges Haar aus ihrer rechten Augenbraue gezupft. Da hab ich nicht gewusst, ob das bedeuten sollte, dass sie es selber auch nicht weiß, oder vielleicht, dass es eine von den peinlichen Fragen ist, die man eigentlich nicht stellt. Mit solchen Sachen kenn ich mich leider immer nicht so genau aus, darum hab ich lieber nicht noch mal nachgefragt.

Herr Wagenfels hat aber auch gar nicht wissen wollen, ob wir Christen sind, zu Reli durfte jeder kommen. Sonst hätte Ebru ja auch nicht gedurft. Man brauchte nur eine Elternunterschrift.

»Warum gehst du denn eigentlich?«, hab ich Ebru gefragt, als ich verstanden hab, dass es eigentlich für diese Christen ist, und Herr Wagenfels war ein Imam für die. »Willst du nicht mehr Moslem sein?«

Da hat Ebru gesagt, sie findet Reli auch so gemütlich, fast wie zu Hause, weil wir immer malen dürfen und weil Herr Wagenfels Geschichten erzählt und weil in der Stunde keiner rumgrölt oder seinem Nachbarn eins auf die Glocke gibt. »Und Kamil sagt, es ist gut, einen Spitzel in den gegnerischen Reihen zu haben!«, hat sie gesagt. »Er hat mir sogar die Elternunterschrift gefälscht, dass ich gehen darf.«

Dass wir Mädchen (und Jakob Friedemann) in Reli gegnerische Reihen sind, hab ich ein bisschen komisch gefunden, aber ich finde Kamil sowieso komisch. Kamil ist Ebrus mittlerer Bruder, und er geht mit Baron Chuck in die Neunte. Leider sind die beiden meistens Feinde und beulen sich.

Ja, also an diesem Morgen.

Herr Wagenfels hat von dieser selbst gebauten Arche erzählt und wie ein gewisser Noah da von allen Tiersorten zwei draufgescheucht hat, ein Männchen und ein Weibchen, schon klar, warum. Und dass es dann geregnet hat wie blöde und gar nicht mehr aufgehört, und dann standen alle Häuser unter Wasser, und die Menschen sind alle ertrunken.

»Wenn sie damals schon Hochhäuser gehabt hätten, wäre das nicht passiert«, hab ich zufrieden gesagt. »Wir wohnen im Elften!«

Aber Ella, die, logisch, getauft ist und noch goldenere Haare hat als Oma (und bestimmt ist das bei Ella echt) und die eine noch besserwisserischere Besserwisserin ist als Ebru, hat so ganz schnippisch gesagt, das glaubt sie nicht, weil Gott ja grade wollte, dass die Menschen ertrinken, es sollte eine Strafe sein, und sonst hätte er die Flut eben locker noch höher gemacht.

»Wie fies ist das denn?«, hat Charlene Klotzki gerufen und ihr Kaugummi zwischen den Zähnen lang gezogen. Bei den anderen Lehrern darf sie das nicht. »Ey, wie fies ist das denn?«

Charlene Klotzki ist mindestens zwei Jahre älter als ich und fett wie ein Fass, und wenn sie was sagt, ist es bestimmt falsch. Aber dieses Mal fand ich schon, dass sie recht hatte.

»Uns Menschen sollte es eine Warnung sein!«, hat Ella wieder gesagt. Herr Wagenfels hat seinen dritten Apfel geschält und sich nicht eingemischt. Das tut er immer erst, wenn zwei sich prügeln, und das passiert bei uns ja eigentlich nicht. »Diesen Winter hat es schließlich auch schon ganz viel geregnet, und mein Vater sagt, es ist wegen der Klimakatastrophe und solchen Sachen und Umweltverschmutzung, und wenn wir nicht besser mit der Umwelt umgehen, kann es uns haargenau so ergehen wie bei dieser Sintflut!« Wenn Ellas Vater was sagt, darf kein Lehrer widersprechen.

»Ey, Quatsch, ey!«, hat Charlene Klotzki gesagt und Ella einen Vogel gezeigt. »So viel Regen geht gar nicht!«

»Frag doch Herrn Wagenfels!«, hat Ella hochnäsig gesagt. »Herr Wagenfels, sagen Sie doch mal!«

Herr Wagenfels hat seinen Apfel auf sein Apfelbrettchen gelegt und sich zuerst die Finger an einem Taschentuch aus Stoff abgewischt. Taschentücher aus Stoff habe ich vorher noch nie gesehen, sie sehen aus wie winzig kleine Tischdecken, und Herr Wagenfels hat immer eins dabei.

»Ja, der Klimawandel«, hat er gesagt und uns nachdenklich angeguckt. »Da wird noch mal Heulen und Zähneklappern sein, Kinder! Heulen und Zähneklappern!«

»Echt?«, hab ich gefragt. Leider hat es ja so geklungen, als ob die blöde Ella schon wieder was Richtiges gesagt hatte, und darüber freue ich mich natürlich nicht. Aber Heulen und Zähneklappern klang nicht schlecht. »Was passiert denn dann?«

Da hat Herr Wagenfels erzählt, dass die Polkappen abschmelzen, das sind die ganzen Gletscher aus Eis am Nordpol und am Südpol, und dann kommt das Wasser auch zu uns hingeschwappt, und dann steht alles unter Wasser, sogar der Rodelberg und das Minarett von der Moschee am St.-Willibrord-Platz, und das passiert nur, weil wir zu viel Strom verbrauchen und Plastiktüten nehmen und bei Feiern Wegwerfgeschirr und viel zu viel Auto fahren, irgendwo hatte ich das aber schon mal gehört.

Da war ich froh, dass ich wenigstens mal an irgendwas nicht schuld war, weil wir ja gar kein Auto haben und nicht zu solchen Feiern mit Wegwerfgeschirr gehen. Und Strom verbrauchen wir auch nicht viel, weil uns der ja manchmal abgeschaltet wird. Aber darum hab ich es umso ungerechter gefunden, dass ich nun in dem Wasser von den geschmolzenen Polkappen mit ertrinken sollte, dabei hab ich nichts Schlimmes getan. Obwohl, Plastiktüten nehm ich schon.

Mich hat nur getröstet, dass Herr Wagenfels gesagt hat, es passiert nicht heute und nicht morgen, aber es sollte ihn sehr wundern, wenn es nicht noch zu unseren Lebzeiten irgendwann geschehen würde. Zu seinen nicht mehr.

»Und?«, hab ich gefragt. »Was kann man da machen?«

Herr Wagenfels hat mich ganz lieb angelächelt und gesagt, es freut ihn, dass ich das Unheil nicht einfach so akzeptieren, sondern etwas dagegen tun will.

»Am besten hilft immer das Gebet«, hat er gesagt. »Mein Kind.« Herr Wagenfels nennt uns alle »mein Kind«, weil er sich unsere Namen nicht merken kann. Ella ärgert sich sehr darüber, weil er so ja gar nicht richtig merkt, wer die Schlauste von allen ist, und es nicht ins Zeugnis schreiben kann.

»Ja, aber sonst noch?«, hab ich gesagt. Gebet fand ich ein bisschen unsicher. Weil ich ja weiß, dass die alte Frau Schokolowski hinten bei uns auf der Etage auch immerzu gebetet hat, als ihr Mann so krank war, dass man ihn durch alle Wände husten hören konnte. Und was hat das Beten ihm genützt? Gestorben ist er trotzdem.

Ich war also nicht so überzeugt, dass Beten die beste Lösung war. Nachher geht es mit den Polkappen wie mit Herrn Schokolowski. Aber da hat sich Ella schon wieder eingemischt.

»Da müssen die Regierungen endlich Gesetze machen!«, hat sie gesagt. »Die müssen das verbieten! Mein Vater sagt …«

»Dein Vater, ey!«, hat Charlene Klotzki gesagt. »Dein verpisster Vater kann mich mal am …«

»Pssst, pssst, pssst, mein Kind!«, hat Herr Wagenfels erschrocken gesagt. Mit vollem Mund. Wenn man »Pssst!« mit vollem Mund sagt, spuckt man meilenweit, da kann man gar nichts dagegen tun. Ich hab mich blitzschnell unter meinen Tisch geduckt. Ich glaube, eigentlich hatte Herr Wagenfels grade überlegt, ob er sich noch einen vierten Apfel schälen sollte. »Keine unschönen Ausdrücke! Ja, wenn wir alle dem lieben Gott ein bisschen mehr dabei helfen würden, diese schöne Welt zu bewahren …«

»Ich würde ihm glatt dabei helfen, Herr Wagenfels!«, hab ich gesagt. Inzwischen hatte er ja aufgehört mit Spucken, da konnte ich wieder hochkommen. »Soll ich versuchen?«

Herr Wagenfels hat gesagt, gewiss, gewiss. Keiner ist zu gering, um nicht doch Großes zu vollbringen.

Da hab ich gefunden, dass das sehr schön klingt, und bin ein bisschen stolz gewesen, und ich hab mich zu Ella umgedreht, die mich ganz giftig angeguckt hat. Sie hat bestimmt gedacht, sie ist die Einzige in unserer Klasse, die Großes vollbringen kann.

Dann hat es geläutet, und Herr Wagenfels hat langsam mit seinem Stofftaschentuch sein Messer abgewischt und es eingewickelt und die Apfelschalen mit der Handkante in eine Plastikdose gefegt und sich mit noch einem Stofftaschentuch die Hände abgewischt, und dann hat er alles in seine alte, alte lederne Aktentasche getan. Die war bestimmt aus Saurierhaut. (Haha, das war wieder ein Scherz.)

»Bis zur nächsten Stunde, liebe Kinder!«, hat er gesagt. »Der Herr segne euch und behüte euch.«

»Amen«, hat die doofe Ella gesagt, aber Herr Wagenfels war schon auf dem Flur, da hat er es gar nicht gehört, geschieht ihr recht. Die anderen waren sowieso längst draußen, als er noch seinen Kram zusammengefegt hat.

Und Ebru und ich haben auf dem Nachhauseweg darüber nachgedacht, was wir machen können. Weil, eine Flut, die höher ist als der Rodelberg, die wäre sehr unpraktisch. Selbst wenn Mama und Baron Chuck und ich oben im elften Stock trocken bleiben würden, könnten wir ja nicht nach unten auf die Straße zu Aldi oder zur Tafel zur Essensausgabe, das könnte knapp werden mit dem Essen; und wenn die Polkappen schmelzen, bevor ich ausgewachsen bin, dann komme ich auch nicht mehr zur Kleiderkammer und zu KiK, wenn mir meine Klamotten nicht mehr passen. Es war klar, dass wir schnell etwas unternehmen mussten, und auf alle Fälle mehr als beten.

»Also, wir müssen unbedingt Großes vollbringen, Ebru!«, hab ich gesagt. »Herr Wagenfels hat gesagt, wir sind nicht zu gering, also los!«

Ebru hat nachdenklich ausgesehen. »Ellas Vater hat gesagt, das müssen die Regierungen machen!«, hat sie gesagt. »Und bist du eine Regierung?«

»Ellas Vater hat einen an der Waffel!«, hab ich gesagt. »Du glaubst doch einem Imam mehr als Ellas Vater! Und du hast doch selbst gesagt, Herr Wagenfels ist der Imam für Deutsche!«

Ebru hat genickt. »Der hat aber nicht gesagt, dass das nicht stimmt, Jamie-Lee!« Da waren wir vor unserm Haus angekommen. »Mit den Regierungen und den Gesetzen!«

»Mhm«, hab ich gemurmelt. Ich hab mich gefragt, warum Herr Wagenfels dann überhaupt gesagt hat, dass ich nicht zu gering bin, wenn es doch wieder nur die Regierungen sind, die alles hinkriegen können.

In diesem Moment ist ein Bus in die Busbucht vor unserem Haus gefahren, und Leute sind ausgestiegen, und Leute sind eingestiegen, und da hab ich es plötzlich gewusst.

»Ebru!«, hab ich gerufen. »Dann müssen wir eben zu der Regierung hinfahren und es ihr erklären, damit die das mit den Gesetzen macht! Und schon ist alles paletti, und der Rodelberg bleibt trocken!«

»Glaubst du, die wissen das nicht längst selbst bei der Regierung?«, hat Ebru skeptisch gefragt. »Wenn Herr Wagenfels das weiß und Ellas Vater? Bestimmt steht es auch in der Zeitung.«

Der Bus ist losgefahren, und ich hab abgewinkt. »Die haben da doch so viele wichtige Sachen um die Ohren!«, hab ich gesagt. »Die müssen doch immer regieren und regieren! Wie die Könige in den Märchen müssen die das.«

Ich war aber nicht sicher, ob sie dazu auf einem Thron sitzen, woher sollte ich das denn wissen. Wenn so was mit Regierung im Fernsehen kommt, schalten wir weg. »Darum heißen sie ja Regierung, Ebru! Glaubst du, da haben die noch Zeit zum Zeitunglesen? Nee!«

Dass die Könige in den Märchen das nicht getan haben, wusste ich genau. Märchen hatte uns unsere Klassenlehrerin schließlich in der zweiten Klasse vorgelesen.

»Meinst du?«, hat Ebru gefragt.

Ich hab sehr energisch genickt. »Keiner ist zu gering!«, hab ich noch mal so ganz dringend gesagt. Ich wollte immer schon mal gerne was Großes vollbringen.

Aber so ist es leider nicht gekommen.

2. Oma hat eine letzte Chance und eine gute Idee

Dann ist Ebru weitergegangen, weil sie in den Klinkerhäusern unten am Kanal wohnt, und hinter dem Buswartehäuschen hat sie sich noch mal umgedreht und mir zugewinkt.

Und ich hab die Haustür aufgeschlossen und bin in den Fahrstuhl gestiegen. Zum Glück hat da mal ausnahmsweise kein Zettel geklebt, dass der Fahrstuhl leider defekt ist, was nichts anderes heißt als kaputt in vornehm. Darum hab ich auf die Elf gedrückt und überlegt, wo die Regierung wohl regiert und wer der Chef davon ist und woher Ebru und ich das Geld kriegen sollen, um da hinzufahren, wenn das vielleicht nicht bei uns in der Stadt ist.

Und dann hab ich mich so gefreut, dass Oma im Flur gestanden hat!

»Schatzi!«, hat sie gerufen und die Arme ausgebreitet.

Sie hatte eine pinke Jeans an und ein pinkes Top mit einem tiefen Ausschnitt, bei dem man ein bisschen von ihrem Busen sehen konnte, und einen mörderschönen weißen Gürtel mit Glitzersteinen. Und ihr Gesicht war wunderbarer geschminkt als bei den Frauen im Fernsehen, bei denen man meistens gar nicht so richtig sehen kann, dass sie geschminkt sind. Oma kriegt das besser hin, um die Augen rum war sie so bläulich, und dass das Pink auf ihren Lippen nicht ihre echte Mundfarbe sein konnte, hätte schon ein Kindergartenkind gewusst. Oder, sagen wir mal, ein Erstklässler.

»Hallo, Oma!«, hab ich gesagt. Ich finde es immer so schön, wenn Oma da ist. Weil sie Sachen regelt, dann muss ich das nicht. »Wer ist der Boss von der Regierung? Wo regiert der?«

»Du stellst Fragen!«, hat Oma gesagt und sich zu mir runtergebeugt. Sie hat wunderbar geduftet und mich nicht richtig geküsst, mehr so die Luft um mich rum, und ich hab sie auch nicht richtig umarmt, weil ich wusste, dass sie das wegen ihrer Frisur und überhaupt wegen der ganzen Schönheit nie so gerne will. Da kann schnell mal was verrutschen und verwischen.

»Nee, sag mal, Oma!«, hab ich gesagt und meinen Ranzen in die Ecke mit den Schuhen gepfeffert. »Das ist dringend!«

»Dringend ist heute was anderes, Schatzi!«, hat Oma gesagt und mich ins Wohnzimmer gewinkt.

Mama lag auf dem Sofa und hat geschnarcht, aber als ich mich vorsichtig neben ihre Füße gesetzt hab, ist sie hochgeschreckt. »Ist was passiert?«, hat sie gemurmelt. Jedenfalls glaube ich, dass sie das gemurmelt hat. Dann ist ihr Kopf schon wieder zurück auf die Armlehne gedonnert, und sie hat weitergeschnarcht.

»Ich hol mal den Eimer!«, hab ich zu Oma gesagt und bin in die Küche geflitzt. Unser rosa Wischeimer steht unter der Spüle, und natürlich hatte Baron Chuck ihn nach dem letzten Mal wieder nicht richtig ausgewischt, darum hat er gestunken wie Sau. Chucky ekelt sich immer, wenn er den Eimer wegbringen soll, aber ich finde, er muss auch mal, abwechselnd ist gerecht. Und jetzt sollte wohl doch ich den Eimer wieder richtig sauber machen.

Das hab ich aber nicht getan, weil Mama ja sowieso gleich wieder reinkotzen würde, da hat es gar nicht gelohnt. Es war ein Wunder, dass sie nicht längst gekotzt hatte, so, wie sie drauf war, und die Flasche auf dem Tisch war praktisch leer.

Ich hab den Eimer also an das Ende vom Sofa gestellt, wo Mamas Kopf war, und hab sie an der Schulter gerüttelt. »Da kannst du reinkotzen!«, hab ich gesagt. »Hast du gehört? Nicht wieder daneben!«

Weil es nämlich vom Teppichboden so schlecht wegzumachen geht und sehr eklig ist und noch wochenlang stinkt. Eigentlich sollte ich immer schon einen Eimer neben das Sofa stellen, wenn ich morgens losgehe zur Schule, damit das nicht passiert; aber morgens ist Mama immer noch ein bisschen nüchtern, und wenn sie mitkriegt, dass ich ihr einen Eimer hinstelle, wird sie wütend und schreit, was ich mir rausnehme und ob ich glaub, dass sie nicht weiß, wann sie aufhören muss mit Saufen, und dass ich mich wegscheren soll.

Natürlich glaub ich nicht, dass sie weiß, wann sie aufhören muss, aber sie glaubt das irgendwie immer noch, und also klappt es nicht mit dem Eimer morgens. Darum war ich froh, dass noch keine Sauerei passiert war, bevor ich nach Hause gekommen bin.

»So, erledigt!«, hab ich zu Oma gesagt. »Warum bist du gekommen?«

Oma hat Mama so einen Blick zugeworfen, dann hat sie mich angelächelt. »Kannst du dir das nicht denken, Schatzi?«, hat sie gefragt. »Wer hat denn wohl in drei Tagen Geburtstag?«

Da bin ich innen drin ganz glücklich geworden. Fast hätte ich es selbst vergessen, aber meine Klassenlehrerin hätte es natürlich nicht vergessen und Ebru bestimmt auch nicht, und sie hätten ein Lied für mich gesungen. Und Baron Chuck hat eigentlich auch immer dran gedacht. Aber es war doch schön, dass Oma sich schon drei Tage vorher erinnert hat!

»Aber in drei Tagen ist ja erst in drei Tagen!«, hab ich gesagt, als ob ich nicht sehen würde, dass sie immer so wühlig in ihrer riesigen Handtasche gekramt hat. Schon klar, was sie da gesucht hat, und ich hab »Geschenk! Geschenk!« gedacht. Aber ich hab lieber ganz bescheiden getan. »Da musst du doch nicht schon heute kommen!«

»Ich hab’s!«, hat Oma triumphierend gerufen und eine kleine Plastiktüte vom Dromarkt hochgehalten, die hatte sich irgendwo in ihrer Tasche zwischen Haarbürste und Spray und Schminketui und Geldbörse und Abschminktüchern versteckt. »Da, Schatzi, Nagellack und Lippenstift, ganz fein! Entferner hab ich leider nicht, Schatzi, da musst du mal gucken, wie du an den kommst. Aber das hier ist für dich! Die Farbe war mir einfach krass zu orangig. Du weißt ja, ich hab’s lieber pink. Herzlichen Glückwunsch schon mal zum Geburtstag!«

»Geil!«, hab ich gesagt und den Lippenstift hochgedreht. Er war wirklich ziemlich orangig, aber mir macht das nichts. Ich bin auf den Flur geflitzt und hab ihn mir auf den Mund geschmiert, da hab ich gleich zwei Jahre älter ausgesehen. Wie Charlene Klotzki. Bloß nicht so fett.

»Wie findest du’s?«, hab ich zu Oma gesagt, als ich wieder ins Wohnzimmer gekommen bin. »Steht mir das?«

Oma hat den Kopf ein bisschen zurückgelegt. »Dir steht noch alles, Schatzi!«, hat sie gesagt. »Beneidenswert! Aber ich mach mich auch gar nicht schlecht, oder?« Und sie hat sich mit ausgebreiteten Armen mitten auf dem Flur um sich selbst gedreht. Dabei hat sie leider mit den Händen die Sachen vom Schuhschrank gefegt, die ich da schon längst mal wegräumen wollte, es war aber nichts Wichtiges, nur eine halb leere Cornflakes-Packung und ein Kasten Werbe-Kugelschreiber von der Tankstelle (die hatte Chucky mal mitgebracht) und einer von Chuckys Sneakers, bei dem sich die Sohle abgelöst hatte.

»Du siehst gut aus, Oma!«, hab ich gesagt.

»Eben!«, hat Oma gesagt und im Spiegel zufrieden ein bisschen an ihren Haaren rumgezupft. »Aber seien wir ehrlich, Schatzi: Wie lange noch? Jetzt geh ich noch für fünfundzwanzig durch oder meinetwegen für fünfunddreißig, aber was glaubst du, wie lange noch? Mit ekelhaften achtundvierzig?«

Darüber hatte ich noch nie nachgedacht.

»Darum muss ich die Zeit nutzen, Schatzi!«, hat sie gerufen. »Hatte ich dir schon von Adam erzählt?«

Das hatte sie nicht, aber das hat sie nachgeholt. Wir haben uns dazu im Flur auf die Küchenhocker gesetzt, weil die Küche so klein ist und weil Mama im Wohnzimmer einfach zu laut geschnarcht hat, und gut gerochen hat sie auch nicht.

Oma hat gesagt, dass sie mit Adam jetzt schon fast drei Wochen geht, und sie hat ihn in einem Lokal kennengelernt. Zum Glück ist Adam Pole, da arbeitet er und ist kein Hartzer. Aber alle vier Wochen fährt er für ein sehr verlängertes Wochenende nach Hause zu seinen Eltern in Giżycko, und da wollte er Oma diesmal mitnehmen, um sie vorzustellen.

»Klingt das nicht nach was Ernstem?«, hat Oma gerufen. »Wenn er mich seinen Eltern vorstellen will? Schatzi?«

»Du meinst heiraten?«, hab ich gefragt.

»Dafür werd ich glatt noch katholisch!«, hat Oma entschlossen gesagt und wieder in den Spiegel geguckt. »Das sind die da in Polen! Wegen so einer Furzigkeit stell ich mich doch nicht an!«

Ich hatte keine Ahnung, was sie damit gemeint hat. »Wann fahrt ihr?«, hab ich gefragt.

»Gleich nachher noch, Schatzi!«, hat Oma gesagt. »Das ist es ja! Darum hab ich mir gedacht, für Jessica ist es mal wieder Zeit für 112. Oder was meinst du?«

Ich hab genickt, da konnte niemand widersprechen. Für Mama wäre es auch schon vor einem halben Jahr Zeit gewesen für 112 oder meinetwegen erst in drei Monaten, aber jetzt war es für Oma natürlich praktisch. Und für mich war es auch praktischer, da musste ich nicht dauernd den Eimer sauber machen.

»Aber wenn sie nicht will?«, hab ich gefragt.

Das wusste ich nämlich, Mama wollte ja nie. Wenn Oma zu ihr gesagt hat: »Jessica, Schatz, ich glaube, es ist mal wieder Zeit für einen Entzug«, dann hat Mama sie genauso angebrüllt wie mich morgens wegen dem Eimer. Ich versteh nicht, wieso Mama immer noch glaubt, dass sie sofort aufhören kann mit dem Saufen, wenn sie nur will. Aber vielleicht glaubt sie das auch gar nicht. Vielleicht hat sie nur Angst davor, keine Flasche mehr zu haben. Jedenfalls kriegt man sie nicht dazu, Ja zu sagen und ins Krankenhaus zu gehen, und gegen ihren Willen kann man nichts machen. Nicht mal Oma, obwohl die doch ihre Mutter ist.

»Ich hab mir was überlegt, Schatzi«, hat Oma gesagt. »Gib mal deinen Schlüssel.«

Zu unserer Wohnung hat Oma einen Schlüssel und Baron Chuck und Mama und ich. Wir hatten mal fünf, aber wo der fünfte ist, weiß nur der Wind. (Solche Worte sagt meine Klassenlehrerin. Ich finde, das klingt vornehm.)

»So!«, hat Oma gesagt. Dann hat sie ihr Handy aus der Tasche gezogen. »Ich hab extra geguckt, dass der Akku noch Saft hat!«

112 hat man ja schnell eingetippt. »Hallo?«, hat Oma ins Handy gerufen. »Hallo, ich mache mir große Sorgen um meine Tochter! Sie hat angedroht, sich das Leben zu nehmen, und ich komme nicht in ihre Wohnung!« Dann hat sie einen Augenblick zugehört, und dann hat sie unsere Adresse gesagt und das Stockwerk und dass sie im Treppenhaus vor der Tür steht. Danach hat sie das Handy zugeklappt.

»So, fünf Minuten haben wir noch!«, hat sie gesagt und sich eine Zigarette angezündet. »Schneller sind die im Leben nicht hier. Waren sie beim letzten Mal auch nicht.«

An das letzte Mal kann ich mich nicht mehr so gut erinnern, da war ich erst acht. Damals haben wir nicht gelogen, Mama hatte sich vollgekotzt, und dann hat sie was davon in den falschen Hals gekriegt. Sie war schon ganz blau, als Oma den Rettungswagen gerufen hat, und die haben sie mitgenommen. Danach haben sie dann im Krankenhaus gleich mit ihr geübt, nicht mehr zu trinken, aber zu Hause hat sie das leider nicht lange hingekriegt.

Aber von damals wussten wir ja, dass sie mit Blaulicht kommen, wenn es aussieht, als ob ein Mensch sonst stirbt. Es heißt »Gefahr im Verzug«, hat Oma gesagt, sie weiß das aus dem Fernsehen, und dann hauen sie sogar Wohnungstüren ein.

»Das kann noch mal unsere Rettung sein, Schatzi!«, hat Oma zu mir gesagt. »Wenn sie partout nicht freiwillig entziehen will. Wenn es nötig ist, rufen wir die Männer mit der Axt.«

Und jetzt war es ja nötig, weil Oma sonst doch nicht beruhigt nach Polen fahren konnte, und dann hätte sie vielleicht ihre letzte Chance auf eine Hochzeit verpasst. Und außerdem war es nett von Oma, dass sie mich und Chucky nicht mit Mama allein lassen wollte.

»So, jetzt gehen wir mal lieber raus!«, hat Oma gesagt und noch schnell was aus einer Papiertüte auf dem Schuhschrank ausgeschüttet. Da war jetzt ja Platz. Dann hat sie mich aus der Wohnung geschoben. »Du hast keinen Schlüssel, ich hab keinen Schlüssel, und Jessica hat vorhin am Telefon gedroht, sich alle zu machen, okay?«

»Hat sie?«, hab ich gefragt. Ich konnte mir ehrlich nicht vorstellen, dass Mama vorhin noch so klar reden konnte.

»Quatsch!«, hat Oma gesagt. »Aber das sagen wir den 112ern. Dann nehmen sie sie mit, sie kann gar nichts dagegen machen.«

Da haben wir draußen schon das Martinshorn gehört. Ich fand das wirklich spannend.

3.Zeit für 112

Die Feuerwehrmänner sind aus dem Fahrstuhl gekommen und den langen Gang auf uns zugestürmt. Einer hat einen riesigen Koffer getragen und einer so ein Bündel Äxte, die waren zusammengeschnürt.

»Gott sei Dank, dass Sie da sind!«, hat Oma gerufen. »Sie lässt uns nicht rein! Und ich hab ja keinen Schlüssel!« Sie hat mit den Augen geplinkert, dass dem Feuerwehrmann bestimmt ganz schwummerig geworden ist. Dabei hatte sie doch jetzt ihren Adam. Aber Oma wird bestimmt sogar noch mit den Beerdigungsmännern flirten, wenn die sie in den Sarg legen. Sie sagt, es ist ihre Natur.

»Das Kind hat auch keinen Schlüssel?«, hat der Feuerwehrmann gefragt, der als Erster gekommen ist. Bestimmt war der der Chef.

»Hab ich verloren«, hab ich gemurmelt.

»Und der andere ist in der Wohnung!«, hat Oma gejammert. »Tun Sie doch was, Herr Brandmeister, tun Sie doch was!«

Ich weiß nicht, ob das Flirten dem Feuerwehrmann gefallen hat, er hat sich nichts anmerken lassen. Er hat sich neben unsere Wohnungstür gestellt, und dann hat er mit der Faust dagegengedonnert.

»Frau Wagner?«, hat er gerufen. »Hören Sie mich?«

Dann hat er einen Augenblick gewartet. Natürlich ist es in der Wohnung still geblieben, von so einem bisschen Krach wacht Mama bestimmt nicht auf. Und das Schnarchen konnte man durch die Tür ja nicht hören.

»Frau Wagner?«, hat der Feuerwehrmann wieder gerufen. »Ist alles in Ordnung? Melden Sie sich doch bitte, sonst müssen wir die Tür mit Gewalt öffnen!«

Aber natürlich ist von Mama wieder nichts gekommen, da hätte sogar diese Klima-Sintflut durch die Fenster schwappen können, und Mama hätte nichts gemerkt. Oder es jedenfalls nicht wichtig genug gefunden, um aufzustehen.

»Tun Sie doch was!«, hat Oma wieder gejammert. »Sie hören doch, da hört man nichts! Vielleicht hat sie sich schon! Oh Gott! Oh, mein Gott!« Und sie hat sich die Hände vors Gesicht geschlagen. Oma kann solche Sachen gut, ich guck mir das bei ihr ab.

»Frau Wagner?«, hat der Feuerwehrmann zum dritten Mal gerufen. Es konnte ihm niemand vorwerfen, dass er zu schnell mit seiner Axt loslegte. Aber dann hat er seinem Kollegen ein Zeichen gegeben, und der hat ein bisschen mit so einem komischen Schlüsselbund am Schloss rumgefummelt, und als das nichts gebracht hat, hat er tatsächlich angefangen, dieses Axtbündel auseinanderzufriemeln. Abgefahren! Ich hab es sehr aufregend gefunden.

»Wer zahlt das?«, hab ich geflüstert. Die Wohnungstür würde hinterher bestimmt nicht mehr schön aussehen.

»Wer zahlt eure Miete?«, hat Oma zurückgeflüstert.

Das war natürlich das Amt.

»Dann weißt du es ja!«, hat Oma wieder geflüstert. Leider hat es dann aber mit dem Schloss doch noch geklappt. Da ist die Tür heil geblieben, und wir sind hinter den Männern in unser Wohnzimmer gestürmt.

»Oh, mein Gott!«, hat Oma gerufen.

Ein Feuerwehrmann hat bei Mama den Puls gefühlt und ihr das Augenlid hochgezogen, und Mama hat so labberig nach ihm geboxt, aber nicht getroffen. »Lass, du Arsch!«, hat sie gemurmelt. Dann hat sie wieder geschnarcht.

»Vielen Dank!«, hat Oma gerufen. »Sie haben ihr das Leben gerettet! Nehmen Sie sie mit!«

»Voll wie eine Strandhaubitze!«, hat der eine Feuerwehrmann zum anderen gesagt. »Aber auf Suizid deutet nichts, oder?« Suizid heißt Selbstmord, das weiß ich ja.

»Nicht, dass ich sehen könnte«, hat der andere gesagt. »Dann müssen wir sie hierlassen. Keine Tabletten, keine Waffe …«

»Ich flehe Sie an!«, hat Oma gerufen. »Sie hat es am Telefon zu mir gesagt! Vielleicht gucken Sie mal woanders, ob sie Tabletten versteckt hat!«

»Das ist nicht unsere Aufgabe!«, hat der Feuerwehrmänner-Chef gesagt.

Oma hat mir einen Blick zugeworfen, da wusste ich, dass ich auch mithelfen musste. Ich erzähl nicht mehr so gerne Lügen, seit Herr Wagenfels uns gesagt hat, dass man sonst vielleicht Ärger mit diesem Gott kriegt, und wer weiß, was der dann macht, falls es ihn gibt, oder Ebrus Allah. Aber manchmal muss eine Lüge eben sein, und ich schwindel ja schon längst nicht mehr so viel wie früher.

»Sie müssen sie mitnehmen, bitte, bitte!«, hab ich gerufen. »Sie sagt schon ganz lange, dass sie sich hinnemachen will, weil sie immer saufen muss und weil sie sich so schämt deswegen! Ich hab so Angst, dass sie es macht, und dann finde ich sie hinterher vielleicht und sie ist tot, und das finde ich gruselig!«

War das nicht schlau? Ein Kind macht immer Eindruck. Die beiden Feuerwehrmänner haben sich einen Blick zugeworfen, und dann haben sie geseufzt.

»Also!«, hat der Chef gesagt.

Dann haben sie versucht, Mama auf so eine Trage zu legen, aber ich hab gleich gewusst, dass sie sich das nicht ohne Weiteres gefallen lässt. Sie haben sie aber festgebunden.

Und außerdem war der Eimer immer noch leer, das hab ich mit einem Blick erkannt, darum war schon klar, dass sie dem Feuerwehrmann bei dem Gerüttel auf die Schuhe kotzen würde.

»Sauerei!«, hat der gebrüllt. Aber der kennt das bestimmt, das passiert ihm sicher öfter mal. Das gehört schließlich zu seinem Job.

Als sie Mama durch unseren Flur getragen haben, was sehr eng war, hat er plötzlich gesagt: »Na, da haben wir ja den Beweis!« Er hat mit dem Kopf auf das gezeigt, was Oma vorhin oben auf den Schuhschrank gelegt hatte. »Schlaftabletten! Drei Packungen!«

»Die nehmen wir mit!«, hat der andere gesagt. Dann hat er mich angeguckt. »Ihr werdet doch bestimmt vom Jugendamt betreut, oder? Ich ruf mal an, damit gleich einer vorbeikommt.«

»Frau Wiegehals!«, hat Oma gesagt. »Die ist zuständig, Herr Brandmeister. Aber das ist gar nicht nötig, ich bin ja da! Frau Wiegehals weiß, dass ich mich um die Kinder kümmere!«

Die Feuerwehrleute waren schon fast am Fahrstuhl. »Die Regularien sind die Regularien!«, hat der Chef zurückgerufen. Und auch wenn ich keine Ahnung habe, was das Wort bedeutet, hab ich doch begriffen, dass gleich Frau Wiegehals kommen würde, egal was Oma irgendwem erzählt hat.

»Mist!«, hat Oma zu mir gesagt und die Wohnungstür zugezogen. »Hoffentlich beeilt die sich! Ich wollte nachher noch zum Friseur!«

Das konnte man ja auch verstehen. Schließlich musste sie in Polen ihren Schwiegereltern gefallen.

»Komm, aufräumen, Schatzi! Dass die Wiegehals nicht in Ohnmacht fällt!«

Ich hab sofort losgelegt, das machen wir immer, wenn wir wissen, Frau Wiegehals kommt. Leider hat die Zeit nicht ausgereicht, dass es so richtig toll geworden ist, aber als die Türklingel gegangen ist, hab ich trotzdem gefunden, dass es schon ganz gut ausgesehen hat.

»Frau Wiegehals!«, hat Oma gerufen und so ge- strahlt, wie das sonst nur Leute im Fernsehen machen. »Nun mussten Sie sich extra herbemühen, wo Ihre Zeit doch so kostbar ist! Dabei hatte ich den Männern gesagt …«

Frau Wiegehals hat sich umgeguckt und ein bisschen geseufzt. Sie wusste ja nicht, wie es vorher bei uns ausgesehen hatte, sonst hätte sie eher gejubelt. Überhaupt haben Oma und ich es immer ganz gut hingekriegt, dass das Amt längst nicht alles von uns weiß.

»Ihre Tochter ist in der Klinik?«, hat Frau Wiegehals gefragt. »Entzug?«

»Das arme Mädchen!«, hat Oma gesagt und kläglich ausgesehen. »Das arme Mädchen!« Damit hat sie natürlich Mama gemeint, nicht mich.

»Dann sind die Kinder jetzt also allein in der Wohnung?«, hat Frau Wiegehals gefragt. »Dann muss ich natürlich gleich eine Kurzzeitpflegestelle …«

»Frau Wiegehals!«, hat Oma ganz empört gerufen. »Kennen Sie mich nicht? Glauben Sie, dass ich die Kinder in dieser Situation allein lasse? Glauben Sie, dass ich zulasse, dass sich fremde Menschen um meine kleine Jamie-Lee kümmern? Und Baron Chuck ist in einem schwierigen Alter! Nein, nein, das übernehme ich schon selbst!«

Frau Wiegehals hat sie nachdenklich angeguckt, aber ich glaube, auch ein bisschen erleichtert. Bestimmt war sie froh, dass sie sich jetzt nicht auch noch darum kümmern musste, wo Baron Chuck und ich untergebracht werden konnten, solange Mama in der Klinik war.

»Sie trauen sich das zu?«, hat Frau Wiegehals gefragt.

»Frau Wiegehals!«, hat Oma wieder gerufen. »Ich zieh zu den Kindern, und dann wird hier als Erstes mal ordentlich geputzt! Das ist ja schon hart an der Grenze, das Chaos!«

Frau Wiegehals hat die Augen ein bisschen zusammengekniffen. »Ich guck wieder rein!«, hat sie gesagt und ist eilig zur Tür gegangen. »Aber erst mal ist das sicher die beste Lösung für die Kinder. Auf Wiedersehen, Frau Wagner! Auf Wiedersehen, Leslie!«

Dann war sie schon fast am Fahrstuhl, darum hab ich nichts gesagt. Man kann ja verstehen, dass so eine Sozialarbeiterin sich nicht alle Namen merken kann.

Oma hat die Wohnungstür zugezogen und auf ihre Uhr geguckt. »Na, Gott sei Dank, das reicht noch!«, hat sie gesagt. »Jetzt nichts wie ab zum Friseur! Du kommst doch alleine klar, Schatzi?«

»Klar, Oma!«, hab ich gesagt. Darauf konnte sie sich verlassen, schließlich hatte ich ja sonst von Mama auch keine Hilfe. Da musste ich mich sogar noch immer zusätzlich um den Eimer kümmern.

»Dann drück mir die Daumen!«, hat Oma gesagt und mir einen Zehneuroschein hingehalten. »Und grüß Baron Chuck! Und wenn das klappt mit mir und Adam, dann kannst du vielleicht in den Sommerferien mal nach Polen verreisen!«

Da war ich so guter Laune, dass ich gleich angefangen habe, in der Küche das Geschirr zu spülen. Man konnte ja nicht wissen, wann Frau Wiegehals wieder auftauchen würde.

4.Ich verstehe nicht, was die sehr magere Frau bei uns will, und kriege einen Fuffi

Einmal hat Ebru mich zu Hause besucht, aber das war nur, weil ich nicht aufgepasst hab. Sie hat plötzlich vor der Wohnungstür gestanden, ohne vorher anzurufen.

Sonst sind wir immer bei ihr. Ihre Mutter hört komische Musik, und ihre Brüder ärgern uns, und das Wohnzimmer ist sehr schön aufgeräumt. Darum war Ebru auch verblüfft, als sie unser Chaos gesehen hat, und wollte wissen, warum Mama immer nur auf dem Sofa liegt und sich einen ballert. Sie durfte das fragen, weil sie ja meine beste Freundin ist. Aber ganz genau weiß ich das natürlich selber nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Oma hat nämlich gesagt, ich wäre Mamas Verderben gewesen, so leid es ihr täte.

»Als sie Baron Chuck gekriegt hat, war sie sechzehn«, hat Oma gesagt. »Da hat sie noch alles ganz prima geschafft, du! Aber als fünf Jahre später du dann auch noch gekommen bist …« Sie hat geseufzt. »Ich weiß doch, wie das ist!«, hat Oma gesagt. »Ich war bei Jessica schließlich auch erst sechzehn! Aber danach hab ich dann eben die Reißleine gezogen, das war meine Rettung!«

Mit Reißleine hat Oma gemeint, dass sie nach Mama kein weiteres Kind mehr gekriegt hat, darum ist sie ganz gut klargekommen. Aber Mama hat eben nach Chucky nicht die Reißleine gezogen und auch noch mich bekommen, da war sie einundzwanzig, und vielleicht wollte sie eigentlich lieber in die Disco gehen und so Sachen, als sie bei Chucky endlich keine Windeln mehr wechseln musste. Da bin ich ihr dann dazwischengekommen, schon waren wieder Windeln angesagt. Und dass sie keinen Typen mehr abkriegen würde mit zwei Kindern, war auch schon klar. Da hat sie sich eben getröstet, es war nur blöde, dass sie das mit Saufen versucht hat.

Wenn ich richtig wütend auf Mama bin, sagt Oma, sie sollte mir eigentlich leidtun. Das kriege ich aber nicht immer hin. Meistens bin ich trotzdem wütend.

Deshalb fand ich es auch gut, dass die Feuerwehr Mama mitgenommen hatte. Jetzt hatte ich meine Ruhe, und Oma konnte zu ihrem Adam fahren. Außerdem war es ja nur zu Mamas Bestem. Vielleicht wurde sie durch das Krankenhaus ja wieder trocken, und dann ging es ihr vielleicht doch auch besser als immer nur mit der Flasche.