Er darf nicht nach Hause - Susanne Svanberg - E-Book

Er darf nicht nach Hause E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Das Gesicht des Mannes war aschfahl. Seine Finger krampften sich um den Telefonhörer. Anton Wegmann sagte nichts, er lauschte nur. Anika Ehling, seine hübsche Freundin, saß auf der Couch, hatte die Füße auf den niederen Tisch gelegt und blätterte gelangweilt in Modezeitschriften. Doch Antons Schweigen ließ sie aufschauen. Sie betrachtete den jungen Grafiker von der Seite her und stellte wieder einmal fest, daß er ihr ausgezeichnet gefiel. Er war groß, schlank und sportlich, ein dunkler Typ mit dichtem braunem Haar und lebhaften dunklen Augen. Seine Kleidung war geschmackvoll, aber so salopp, wie Anika es liebte. »Mein Gott«, murmelte Anton jetzt. "Ich komme selbstverständlich. Wann? Natürlich gleich morgen.« Er drückte den Hörer noch fester ans Ohr. Als er ihn zurücklegte, zitterte seine Hand. »Was gibt es denn?« fragte Anika und legte das Modeheft aus der Hand. »Du tust ja, als wäre dir die Butter vom Brot gefallen.« Zum ersten Mal mißfiel Anton die schnoddrige Art seiner Freundin. Er schaute sie vorwurfsvoll an, erwiderte aber nichts.

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Sophienlust – 277 –Er darf nicht nach Hause

Wie sieht Timmys Zukunft aus?

Susanne Svanberg

Das Gesicht des Mannes war aschfahl. Seine Finger krampften sich um den Telefonhörer. Anton Wegmann sagte nichts, er lauschte nur.

Anika Ehling, seine hübsche Freundin, saß auf der Couch, hatte die Füße auf den niederen Tisch gelegt und blätterte gelangweilt in Modezeitschriften. Doch Antons Schweigen ließ sie aufschauen. Sie betrachtete den jungen Grafiker von der Seite her und stellte wieder einmal fest, daß er ihr ausgezeichnet gefiel. Er war groß, schlank und sportlich, ein dunkler Typ mit dichtem braunem Haar und lebhaften dunklen Augen. Seine Kleidung war geschmackvoll, aber so salopp, wie Anika es liebte.

»Mein Gott«, murmelte Anton jetzt. „Ich komme selbstverständlich. Wann? Natürlich gleich morgen.« Er drückte den Hörer noch fester ans Ohr. Als er ihn zurücklegte, zitterte seine Hand.

»Was gibt es denn?« fragte Anika und legte das Modeheft aus der Hand. »Du tust ja, als wäre dir die Butter vom Brot gefallen.«

Zum ersten Mal mißfiel Anton die schnoddrige Art seiner Freundin. Er schaute sie vorwurfsvoll an, erwiderte aber nichts.

»Sag mal, steht ein Weltuntergang oder so etwas bevor?« Anika zog die sorgfältig gezupften Augenbrauen hoch.

Schwer ließ sich Anton Wegmann in den nächsten Sessel fallen. Er beugte sich vor und schlug die Hände vors Gesicht. Seine Schultern zuckten.

Das schlanke Mädchen mit dem etwas breiten Gesicht reckte sich. »Hat es dir die Sprache verschlagen?« erkundigte es sich.

»Helmut und Mira«, stöhnte Anton. Statt weiterer Worte kam nur ein trockenes Schluchzen aus seiner Kehle.

Anika nahm die Füße vom Tisch und richtete sich auf. »Helmut ist doch dein Bruder und Mira deine Schwägerin. Stimmt’s? Was ist mit ihnen?« Anika fragte ohne Mitgefühl, nur aus reiner Neugierde.

»Sie… sie sind tot. Ich kann es gar nicht glauben. Mein Bruder ist erst dreißig, zwei Jahre jünger als ich. Und Mira...« Anton schüttelte den Kopf. »Sie war so lebensfroh und lustig. Es ist unvorstellbar, daß sie nicht mehr…«

Anton dachte daran, daß er einmal in Mira verliebt gewesen war. Mehr als neun Jahre war das her. Mira hatte seinem jüngeren Bruder den Vorzug gegeben, und er hatte es akzeptiert. Es hatte das herzliche Verhältnis zwischen Helmut und ihm nicht getrübt.

»Ist das alles?« fragte Anika Ehling herzlos. »Du meine Güte, ich dachte schon, eine Katastrophe wäre über dich hereingebrochen. Ich habe auch einen Bruder, aber es interessiert mich überhaupt nicht, wie es ihm geht. Er ist ein Streber, redet nur das, was mein Vater hören will, und erbt deshalb einmal die Fabrik. Nun ja, der Pflichtteil bleibt mir, und das reicht, um angenehm zu leben.« Die letzten Worte klangen arrogant. Anika konnte es nicht lassen, bei jeder Gelegenheit zu betonen, daß ihre Eltern reich waren. Sehr reich sogar.

Für Anton klang das immer vorwurfsvoll, denn er hatte nur das, was er mit seiner Arbeit verdiente. Und im Moment war das so gut wie nichts. Doch das durfte Anika gar nicht wissen. Denn schon vor drei Monaten hatte er sich als Grafiker und Werbetexter selbständig gemacht, doch die Aufträge waren ausgeblieben. Anton lebte von rasch dahinschmelzenden Ersparnissen.

»Bei uns ist das anders. Wir haben die Eltern verloren, als wir noch nicht einmal zur Schule gingen. Das hat uns zusammengeschmiedet. Wir wuchsen in einem Waisenhaus auf und immer, wenn einer von uns ungerecht behandelt wurde, klammerten wir uns aneinander und weinten«, erinnerte sich Anton. »Jetzt habe ich niemanden mehr. Jetzt bin ich ganz allein.« Seine Stimme wurde immer leiser.

»Hör mal, du bist doch kein kleiner Junge mehr. Und außerdem hast du mich.« Anika war gekränkt.

Anton Wegmann achtete nicht auf ihre Worte. »Nun geht es Timmy so wie damals uns«, raunte er voller Traurigkeit.

»Wer ist denn Timmy?« Ungeduldig sprang Anika auf. Wie immer, wenn sich ein Gespräch nicht um sie oder ihre Interessen drehte, ärgerte sie sich.

»Mein kleiner Neffe. Er ist sieben Jahre alt. Ein drolliger Kerl. Ich werde ihn zu mir nehmen, damit er nicht in ein Waisenhaus kommt.« Die Idee kam Anton ganz spontan.

»Spinnst du?« fragte Anika respektlos und riß die wasserblauen Augen auf.

»Ich bin Timmys einziger Verwandter. Mira war nämlich auch Waise«, antwortete Anton verwirrt. »Es ist doch selbstverständlich, daß ich mich um das Kind kümmere.«

»Du tickst tatsächlich nicht mehr richtig. Diese blöde Nachricht muß dir einen Schock versetzt haben.« Anika ging auf hochhackigen Schuhen nervös in Antons Atelier auf und ab. »Wer soll sich denn hier um den Kleinen kümmern? Und wie willst du arbeiten, wenn du den Babysitter spielen mußt?«

Anton Wegmann schluckte. Er hatte von der Lösung dieses Problems eine ganz bestimmte Vorstellung. Doch es war im Moment nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu sprechen.

»Wer hat dich überhaupt angerufen?« erkundigte sich Anika ärgerlich.

»Melanie Leuchtner.«

»Nie gehört.«

»Sie ist eine Freundin von Mira. Eine sehr tüchtige Person. Sie hat Helmut und seiner Frau geholfen, das Hotel zu bewirtschaften. Es hat eine herrliche Lage am Bodensee.«

»Ein Hotel? Davon hast du mir ja noch nie erzählt.«

»Mein Bruder hat es vor fünf Jahren gekauft, allerdings auf Kredit.«

»Immerhin müßte es inzwischen bezahlt sein.«

»Nein. Mein Bruder hat alles, was er erwirtschaften konnte, in den Ausbau gesteckt. Außerdem hatte er die hohen Bankzinsen. Und so besonders ging das Hotel wohl nicht. Es liegt ziemlich einsam. Zum nächsten Dorf sind es gut zwei Kilometer. So etwas mögen die Touristen nicht.« Anton sprach gerade jetzt nicht gern von finanziellen Dingen.

»Ach so«, murmelte Anika enttäuscht. »Dann wirst du den Schuppen am besten verkaufen, sonst hast du noch die Zinsen und die Tilgungsraten am Hals.«

»Ich werde das mit Melanie Leuchtner besprechen.«

»Was hat denn diese Melanie damit zu tun? Sie ist doch nur eine Angestellte. Daß sie ihren Job verloren hat, dürfte ihr ja klar sein. Also packt sie ihre Sachen, schließt ab und geht.« Anika schnaubte verächtlich.

»Melanie war mit Mira eng befreundet. Ich glaube, sie hat den beiden sogar ziemlich selbstlos geholfen. Auch jetzt ist sie unersetzlich. Denn sie regelt alle Formalitäten, kümmert sich vorübergehend um Timmy.«

»Ich mag solche Allroundmenschen nicht«, erklärte Anika verächtlich. Sie selbst lehnte jede Beschäftigung ab, ließ sich von ihrem Vater jeden Monat einen Scheck geben und lebte munter in den Tag hinein. Ihre Hauptbeschäftigung lag darin, mit netten jungen Männern zu flirten. Auf diese Weise hatte sie Anton vor einem Jahr kennengelernt. Er war der erste Mann, mit dem sie sich eine engere Bindung wünschte. Vielleicht sogar eine Heirat. Doch das wollte sie sich noch genau überlegen.

»Helmut und Mira hatten keine Schuld«, erzählte Anton wehmütig.

»Sie kamen vom Einkaufen aus der Stadt zurück, als ein Betrunkener auf der Gegenfahrbahn schleuderte und frontal mit ihnen zusammenstieß. Stell dir vor, ihm ist überhaupt nichts geschehen. Mira war sofort tot, und Helmut starb auf dem Transport ins Krankenhaus.«

»Hat dir das auch Melanie Leuchtner erzählt? Vielleicht rechnet sie damit, das Hotel übernehmen zu können. Wenn ihr viel daran liegt, kannst du ganz schön etwas herausholen.«

Wieder schüttelte Anton verständnislos den Kopf. »Das wäre ein schlechter Dank für die Hilfe, die sie meinem Bruder geleistet hat. Und überhaupt gehört der Erlös aus dem Verkauf dem kleinen Timmy.«

»Seit wann bist du denn so pedantisch?« Ungehalten sah Anika ihren Freund an. »Übrigens wollten wir zum Frühlingsfest des Tennis-Clubs. Mach schon, zieh dich um!«

Gequält schaute Anton hoch. »Anika, du mußt doch verstehen, daß ich jetzt keine Lust mehr habe…«

»Aber ich. Wenn du hier herumhängst, nützt das deinem Bruder auch nichts mehr.«

»Bitte, laß uns hierbleiben. Ich kann jetzt keine laute Musik hören und pflichtschuldig lachen, wenn einer einen blöden Witz macht.«

»Wenn du nicht mitkommst, gehe ich allein«, drohte das Mädchen mit dem glatten blonden Haar und dem herzförmigen, auffallend geschminkten Mund.

»Sei mir nicht böse, aber es geht wirklich nicht.« Anton schüttelte den Kopf. »Es ist mir ganz recht, wenn ich allein bin.«

»Beschwere dich aber nicht, wenn ich mit anderen flirte. Mit Eberhard von Schinski zum Beispiel.« Anika lachte kokett.

*

Erst am nächsten Morgen vermochte Anton wieder klar zu denken. Zum Schmerz um den Bruder und die Schwägerin kam nun das unangenehme Gefühl, Schwierigkeiten mit Anika zu bekommen. Deshalb lief er noch im Pyjama zum Telefon und rief seine Freundin an.

»Fräulein Ehling schläft noch und wünscht nicht gestört zu werden«, antwortete der Butler auf seine Frage kühl.

Es ist also ganz schön spät geworden, dachte Anton in aufsteigender Eifersucht. Jetzt erinnerte er sich auch wieder, daß Anika den Namen Eberhard von Schinski erwähnt hatte. Diesen jungen Mann, der zwar ein guter Tennis-Spieler, aber sonst ein Nichtstuer war, konnte er absolut nicht leiden.

»Dann komme ich gegen Mittag vorbei«, ließ Anton ausrichten und legte auf. Noch etwas verschlafen stellte er sich im Badezimmer unter die eiskalte Dusche. Davon wurde er zwar munter, doch seine Sorgen wurden nicht geringer.

Anton arbeitete nun an den Entwürfen, die noch auf seinem Schreibtisch lagen. Doch sosehr er sich auch bemühte, es fiel ihn nichts Brauchbares ein. Immer wieder wanderten seine Gedanken ab. Teils befaßten sie sich mit dem tragischen Schicksal seines Bruders, teils mit Anika und deren manchmal überschäumendem Temperament.

Diese junge Dame die mit sechsundzwanzig noch wie ein Teenager aussah, faszinierte Anton. Natürlich wußte er, daß es für Anika noch eine ganze Menge anderer Verehrer gab, denn sie war nicht nur hübsch sondern auch beachtlich reich. Die letzte Feststellung reizte ihn allerdings überhaupt nicht. Es war sein fester Wille, aus eigener Kraft hochzukommen. Auf keinen Fall wollte er vom Geld des Schwiegervaters abhängig sein.

Anton kaute am Bleistift. Er wußte, wenn er der verwöhnten Anika imponieren wollte, mußte er schon ganz dick ins Geschäft kommen. Aber warum sollte das nicht möglich sein? Schließlich waren seine Ideen nicht nur gut, er konnte sie auch überzeugend darstellen. Allerdings war sein Selbstbewußtsein etwas angeschlagen, seit er selbständig war. Die Aufträge, die er bis jetzt bekommen hatte, hatten nicht einmal die Unkosten hereingebracht. Es war zum Verzweifeln. So sparsam er selbst auch lebte, Anika gegenüber mußte er sich großzügig zeigen, und das war ganz schön teuer.

Bei diesen Gedanken angekommen, hatte Anton die Idee, seine Freundin durch ein Geschenk zu versöhnen. Seufzend betrachtete er den letzten Bankauszug. Die Endzahl zeigte ihm deutlich, daß er keine großen Sprünge machen durfte.

Also hieß es ein bißchen improvisieren, und Anton war darin ein Meister. Er suchte aus der untersten Schreibtisch-Schublade ein kleines Etui heraus, das auf der Innenseite des Deckels die Anschrift des teuersten Juweliers der Stadt trug. Anton hatte die Gestaltung der Schmuckkassette entworfen und dafür einige Musterexemplare bekommen. Gut, daß Anika das nicht wußte.

Zehn Minuten später war Anton in der Tiefgarage und fuhr seinen Sportwagen heraus. Er hatte dieses Modell gebraucht zu einem günstigen Preis gekauft. Zum einen wollte er Anika damit imponieren, zum anderen glaubte er, als künftiger Geschäftsmann repräsentieren zu müssen.

In einem Kaufhaus der Innenstadt erstand er ein goldenes Kettchen mit einem modischen Anhänger. Er legte das Schmuckstück in die elegante Kassette und ließ sie von der Verkäuferin hübsch verpacken.

Den supermodernen Bungalow des Fabrikanten Ehling betrat Anton nur ungern. Auch diesmal hatte er wieder das Gefühl, daß der Butler ihn mißtrauisch musterte. Anikas Eltern waren ohnehin nie zu sprechen, da sie überaus beschäftigt waren.

Anton mußte etwas warten, bevor man ihm erlaubte, in den Seitenflügel zu gehen, den Anika bewohnte. Sie hatte hier ein komplettes Appartement, sehr teuer und aufwendig eingerichtet.

In dem Wohnraum mit dem offenen Kamin herrschte ein heilloses Durcheinander. Kleider, Schuhe und Wäsche lagen auf allen Sitzgelegenheiten.

»Oh, Tony, du bist schon auf?« fragte da eine Stimme, die das Gähnen nicht unterdrücken konnte.

»Es ist Mittagszeit«, erinnerte Anton und war schon wieder eifersüchtig. Anika trug einen duftigen Morgenmantel und sah darin so süß und unschuldig aus, daß Anton den unbezwingbaren Wunsch hatte, sie in die Arme zu nehmen.

Das tat er dann auch. Er zog die schlanke, biegsame Gestalt eng an sich und schaute Anika ernst in die Augen. »Du warst doch hoffentlich nicht mit Eberhard von Schinski zusammen?«

»Au, du tust mir weh«, jammerte das blonde Mädchen wehleidig.

»Ich möchte nicht, daß du dich mit ihm triffst«, Anton lockerte seinen Griff etwas, »weil wir beide zusammengehören. Ich war gestern etwas komisch. Entschuldige, bitte. Schau mal, ich habe dir etwas mitgebracht.« Er zog das Etui aus der Tasche.

Obwohl sich Anika Ehling alles kaufen konnte was ihr gefiel, freute sie sich über ein Geschenk doch wie ein kleines Kind. Eifrig packte sie aus.

»Wie hübsch«, lobte sie, als sie den kleinen goldenen Anhänger sah. »Und vom besten Juwelier. Das war sicher sehr teuer.«

»Nicht für mich«, tat Anton großspurig. »Ich habe einen ziemlich bedeutenden Auftrag bekommen, und da wollte ich dir eine Freude machen.«

Es war nicht das erste Mal, daß Anton seine Freundin in dieser Hinsicht belog. Er wollte ihr einfach nicht eingestehen, daß er bis jetzt keinerlei Erfolg hatte. Denn Anika hätte darüber nur gelacht und sich einem anderen Mann zugewandt, der sie mehr verwöhnen konnte. Eberhard von Schinski zum Beispiel.

»Toll. Danke!« Anika stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte Anton auf den Mund.

Der junge Mann schloß das Mädchen inniger in seine Arme und erwiderte die Zärtlichkeit. Es wurde ein sehr langer Kuß. Anika zerwühlte dabei Antons ordentlich gekämmtes Haar. Ihr Lippenstift hinterließ Spuren auf seinem Mund.

»Was hältst du davon, daß wir deinen großen Geschäftsabschluß im ›Erbprinzen‹ feiern?« schmeichelte Anika danach.

Anton verfluchte seine Lüge. Der ›Erbprinz‹ war das teuerste Lokal weit und breit. Man bezahlte dort für ein Essen zu zweit so viel, wie er normalerweise den ganzen Monat über verbrauchte.

»Du weißt ja, ich muß an den Bodensee fahren. Ich dachte, daß du vielleicht mitkommst.« Anton strich Anika eine blonde Strähne aus der Stirn.

»Mal sehen. Wir reden nach dem Essen noch darüber. Warte, ich ziehe mich nur rasch an. Störe dich nicht an der Unordnung.« Anika packte die Sachen, die auf dem Sessel am Fenster lagen, und warf sie in die nächste Ecke. Einladend deutete sie auf die Sitzgelegenheit. »Das Mädchen wird hier saubermachen, sobald ich weg bin.«

Anton kam gar nicht dazu zu widersprechen, denn seine blonde Freundin verschwand bereits im angrenzenden Raum. Als sie zurückkam, trug sie ein modisches Jackenkleid und neben dem neuen Anhänger noch eine ganze Menge anderen Schmuck.

»Hübsch siehst du aus.« Anton

erhob sich sofort und ging dem Mädchen entgegen. »Weißt du,

was ich gerade überlegt habe? Ich würde es gut finden, wenn wir heirateten.«

Anton dachte bei diesem Antrag weniger an sich als an seinen Neffen Tim. Das Kind gehörte in eine richtige Familie, nicht zu einem Junggesellen.

Anika lachte geschmeichelt. »Vielleicht. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.«

»Warum?« erkundigte sich Anton enttäuscht.

»Weil ich einen Riesenhunger habe und mich auf ein tolles Essen freue. Was glaubst du, weshalb ich mich so beeilt habe?« Anika lachte unbekümmert.

»Wollen wir wirklich in den Erbprinz gehen? Das ist doch ziemlich weit«, versuchte Anton die drohende Gefahr abzuwenden.

Doch die eitle Anika ging nicht darauf ein. »Mit deinem Wagen ist das doch überhaupt kein Problem. Der Erbprinz ist nun einmal das Lokal. Und nun komm endlich, bevor ich verhungere.« Sie zog Anton aus ihrem Wohnraum.

»Kaum zu glauben, daß du in der kurzen Zeit so viele Kilometer gefahren bist«, meinte das Mädchen, nachdem es im Sportcoupe neben Anton Platz genommen hatte.

»Geschäftlich, weißt du«, antwortete Anton, obwohl das natürlich nicht stimmte. Er hatte das Auto bis jetzt für sein Büro noch gar nicht gebraucht. »Ende der Woche muß ich wieder nach Berlin, um den Direktoren eines großen Elektrokonzerns meine Vorschläge zu unterbreiten.«

»Warum schaffst du dir kein Sportflugzeug an?«

»Keine schlechte Idee«, murmelte Anton und hatte dabei das Gefühl, in einen Sog zu geraten, der in einem unüberschaubaren Fiasko enden mußte. Um seine Finanzen war es mit jedem Tag schlechter bestellt, und er gab an, als habe er Einnahmen wie ein Ölscheich.

»Mein Vater fliegt eine Cessna. Aber natürlich nicht selbst. Er hat einen Piloten. Es ist doch schick, wenn man zum Kaffeetrinken mal rasch in die Schweiz oder nach Österreich gondeln kann.«

»Hm.« Anton tat, als erfordere der Verkehr seine ganze Konzentration. Dabei überlegte er angestrengt, wie er Anika von dem verfänglichen Thema ablenken konnte.

»Ich wäre sehr froh, wenn du mich an den Bodensee begleiten würdest. Dann könntest du dich auf der Rückfahrt ein wenig um Timmy kümmern und dich mit ihm anfreunden.«

Anika drehte sich ruckartig zu ihm um. »Iiich?« fragte sie gedehnt. »Erstens verstehe ich mich mit Kindern überhaupt nicht, und zum anderen lege ich auch keinen Wert auf die Freundschaft deines Neffen.«

»Anika«, murmelte Anton bittend, »sei doch nicht so ablehnend. »Tim ist so ein netter kleiner Kerl. Er wird dir gefallen.«

»Ich finde, du solltest ihn bei dieser Melanie lassen«, schlug Anika vor.

»Das geht nicht, weil man mir, als Timmys nächstem Verwandten, das Sorgerecht übertragen wird. Außerdem bin ich es meinem Bruder und Mira schuldig, mich um den Kleinen zu kümmern.«

»Ich weiß zwar nicht, wie du dir das vorstellst, aber es interessiert mich auch nicht. Es ist deine Sache.« Anika ging jetzt sofort auf ein Thema über, das ihr viel mehr am Herzen lag: Der Frühlingsball des Tennis-Clubs. Übertrieben schilderte sie den Glanz des Festes und vergaß selbstverständlich nicht zu erwähnen, wie begehrt sie als Tänzerin gewesen war.

Anton hörte ihr nicht zu. Ihn beschäftigte zu sehr die Zukunft seines kleinen Neffen.

*

Es war erstaunlich, wie sehr sich Timmy Wegmann innerhalb weniger Tage veränderte. Aus dem lebhaften Kind mit der frischen, gesunden Gesichtsfarbe wurde ein scheues, blasses Wesen, das mit verweintem Gesichtchen herumlief und den Kopf hängen ließ.

Nur wenn sich Anton mit seinem Neffen beschäftigte, wurde es besser. Dann leuchteten die dunklen Kinderaugen dankbar auf.

Deshalb opferte Anton die für ihn und seine Arbeit so wertvollen Tageslichtstunden, um mit Tim zu spielen, Ausflüge mit ihm zu unternehmen oder ihm die Stadt zu zeigen. Seine Arbeit versuchte Anton abends oder während der Nacht zu erledigen.

An diesem Tag war Anton mit seinem Neffen im Hallenbad gewesen, hatte mit ihm gelacht und getobt. Ein bißchen müde und erschöpft saßen die beiden nun in der kleinen Küche beim Abendessen.

»Hat es dir gefallen?« fragte Anton, während er Tim eine heiße Wurst servierte.