Er? - Maurice Renard - E-Book

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Maurice Renard

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Beschreibung

In Maurice Renards Buch "Er?" geht es um die fantastische Geschichte eines Mannes, der sich eines Tages in einen Gorilla verwandelt. Der Roman, der erstmals 1925 veröffentlicht wurde, besticht durch seinen einzigartigen Mix aus wissenschaftlichem Phantastik und psychologischer Tiefe. Renards einfühlsamer Schreibstil und seine Fähigkeit, komplexe Charaktere zu entwickeln, machen "Er?" zu einem faszinierenden Werk, das die Grenzen zwischen Mensch und Tier in Frage stellt. Der Autor, Maurice Renard, war ein bedeutender französischer Science-Fiction-Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Neugier für wissenschaftliche Entwicklungen und seine Faszination für das Unheimliche spiegeln sich deutlich in seinen Werken wider, darunter "Er?". Das Buch bietet nicht nur Lesevergnügen, sondern regt auch zum Nachdenken über Identität und Menschlichkeit an. Fans von unkonventioneller Science-Fiction-Literatur und psychologischen Romanen werden von Maurice Renards "Er?" begeistert sein. Dieses Buch ist ein Meisterwerk des genreübergreifenden Schreibens und wird Leser mit seiner originellen Handlung, seinen tiefgründigen Charakteren und seinen philosophischen Themen fesseln. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 283

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Maurice Renard

Er?

Einführung, Studien und Kommentare von Miriam Fritz
Bereicherte Ausgabe. The Ultimate Gothic Romance Mystery and One of the First Locked-Room Crime Mysteries
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Er?
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen rationaler Gewissheit und metaphysischem Schwindel spannt sich ein Spannungsfeld auf, in dem die Frage nach Identität, Wahrnehmung und Verantwortbarkeit des Wissens unablässig drängt und das in Maurice Renards Er? als schleichende, intellektuelle und sinnliche Irritation spürbar wird, während scheinbar stabile Tatsachen zu schwanken beginnen, Hypothesen sich in neue Rätsel verwandeln und das Verlangen, die eine, ordnende Erklärung zu finden, genauso stark bleibt wie das Unbehagen, dass mit jeder näheren Bestimmung das Fremde nicht verschwindet, sondern näher rückt, Gestalt annimmt und gerade dadurch noch unheimlicher, dringlicher und folgenreicher erscheint – ja, unabweisbar.

Er? gehört in die Tradition des französischen merveilleux scientifique, jenes wissenschaftlich-phantastischen Erzählens, das Renard im frühen 20. Jahrhundert profilierte und das das Wunderbare nicht mythisch, sondern über plausibilisierte, oft spekulative Naturerklärungen einführt. Der Schauplatz ist ein nüchternes, alltägliches Umfeld der Moderne – Wohnräume, Straßen, Arbeitszimmer und Laboratorien –, in dem Erkenntnisprozesse und soziale Beziehungen gleichermaßen auf die Probe gestellt werden. Die Publikations- und Entstehungszeit ist im Kontext der technischen Beschleunigung und der epistemischen Umbrüche der Moderne zu verorten; genau hier setzt Renard an, um das Denken seiner Gegenwart mit einem präzisen, literarischen Experiment zu befragen.

In der Ausgangssituation stößt eine Figur – Beobachter, Beteiligter oder Erzähler – auf ein Phänomen, das sich einer einfachen Benennung entzieht und doch insistierend gegen die Ordnung der Gewohnheit drängt. Was als kleine Irritation beginnt, wird zum Anlass einer Untersuchung, die methodisch, neugierig und beharrlich voranschreitet. Die Stimme bleibt dabei kontrolliert, klar und beinahe protokollarisch, ohne das drängende Unbehagen zu verlieren, das die Lektüre antreibt. Renard balanciert analytische Nüchternheit und atmosphärische Dichte: Ein Ton zwischen Bericht und Vision, in dem jedes Detail zählt, jede Beobachtung eine Spur legt und die Deutung offen, aber nie beliebig bleibt.

Zentral sind Fragen nach dem Selbst und seinem Gegenüber: Was macht eine Person aus, wenn Wahrnehmung täuscht oder erweitert wird, und welche Grenzen hat ein Wissen, das in die Intimsphäre des Lebendigen eingreift? Renard zeigt, wie technische Möglichkeiten ethische Verpflichtungen erzeugen, wie Neugier zu Verantwortung wird und Erkenntnis stets von blinden Flecken begleitet ist. Ebenso präsent ist die Ambivalenz des Blicks: die Verheißung der Aufklärung und die Schatten der Kontrolle. Zugewandt den Einzelnen, aber sensibel für gesellschaftliche Implikationen, entfaltet der Text ein Netz aus Motiven, in dem Identität, Körper, Gedächtnis und Schuld neu austariert werden.

Gerade deshalb wirkt das Buch heute erstaunlich gegenwärtig. Es berührt Debatten um Daten, Überwachung und die algorithmische Modellierung von Menschen ebenso wie Fragen der Biomedizin, Prothetik und sensorischen Erweiterung. Wo Grenzen zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit verschwimmen, fordert Renard zur Prüfung der Voraussetzungen auf: Wer darf forschen, wer entscheidet über Risiken, wie wird Zustimmung verständlich? In Zeiten technischer Beschleunigung und globaler Vernetzung bietet Er? keine einfachen Antworten, sondern schärft die Aufmerksamkeit für Zwischentöne, für Ambivalenzen, für die ethische Dimension scheinbar neutraler Verfahren – und damit für die politische Verantwortung des Wissens.

Das Leseerlebnis ist von präziser Ökonomie und stetiger Steigerung geprägt. Indem Renard Beobachtungen staffelt, Hypothesen probiert und zugleich die sensorische Unruhe hält, entsteht ein Spannungsbogen, der weniger auf spektakuläre Momente als auf gedankliche Verdichtung setzt. Sprache und Komposition arbeiten an der gleichen Bewegung: die rationale Ordnung immer wieder an die Grenze des Erklärbaren zu führen, ohne ins Willkürliche zu kippen. Bildhafte Passagen öffnen Assoziationsräume, doch die Erzählung bleibt überprüfbar, methodisch und luzide. So entsteht eine Form des Unheimlichen, die aus der Logik selbst wächst – und deshalb umso nachhaltiger wirkt.

Er? ist damit ein prägnantes Beispiel dafür, wie das wissenschaftlich-phantastische Erzählen eine Epoche befragt und zugleich unsere Gegenwart beleuchtet. Als Wegbereiter des Genres verbindet Renard gedankliche Strenge mit erzählerischer Suggestion und macht aus einer Irritation ein Erkenntnisabenteuer, das Leserinnen und Leser aktiv einbezieht. Wer die Türen kontrollierter Neugier aufstößt, findet hier keine Sensationslust, sondern eine Kunst des Fragens, die Komplexität zulässt und Orientierung bietet. Ohne den Verlauf vorwegzunehmen, lässt sich sagen: Dieses Buch lohnt durch Maß und Schärfe; es fordert heraus, respektiert die Intelligenz und hinterlässt eine hellwache Skepsis und wache Neugier.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Ich möchte eine präzise, spoilerarme Inhaltsangabe liefern, kann jedoch das Werk „Er?“ von Maurice Renard in verlässlichen Quellen nicht eindeutig identifizieren. Um Fehlinformationen zu vermeiden, benötige ich bitte zusätzliche bibliografische Angaben: den originalen französischen Titel (falls „Er?“ ein deutscher Übersetzungstitel ist), das Erscheinungsjahr, den Verlag oder die Ausgabe, auf die Sie sich beziehen. Mit diesen Informationen kann ich die Handlung in der geforderten Reihenfolge zusammenfassen, zentrale Wendepunkte hervorheben, leitende Konflikte benennen und mit der übergeordneten Aussage schließen, ohne entscheidende Auflösungen preiszugeben und ohne spekulative Details einzufügen.

Zur Einordnung: Maurice Renard (1875–1939) ist für sogenannte wissenschaftliche Fantastik bekannt, die spekulative Entdeckungen, Identitätsfragen und psychologische Verunsicherung verbindet. Zu seinen verifizierten, häufig genannten Werken zählen unter anderem Le Docteur Lerne, sous-dieu, Les Mains d’Orlac, Le Péril bleu, L’Homme truqué sowie Un homme chez les microbes. Wenn „Er?“ eine deutsche Um- oder Teilübersetzung eines dieser Texte (oder einer Novelle aus einem Sammelband) sein sollte, lässt sich eine verlässliche, chronologisch geordnete, spoilerarme Synopsis erstellen, die die maßgeblichen Ideen, Konflikte und erzählerischen Knotenpunkte abbildet.

Es gibt potenzielle Verwechslungsquellen: Ähnliche Titel wie „Lui?“ sind etwa bei Guy de Maupassant belegt, was in Übersetzungen gelegentlich zu irreführenden Zuordnungen führt. Auch variieren deutsche Ausgabetitel historischer Phantastik mitunter stark zwischen Verlagen und Jahrzehnten. Ohne eindeutigen Nachweis, welches französische Original hinter „Er?“ steht, liefe eine Inhaltsangabe Gefahr, falsche Handlungselemente zu unterstellen. Um dies zu vermeiden, ist eine kurze Bestätigung des Originaltitels, der Ausgabe oder ein Kontext (z. B. Anthologie, Jahrgang, Reihenname) entscheidend.

Hilfreich wäre außerdem zu wissen, ob „Er?“ der Titel eines Einzeltextes oder der eines deutschsprachigen Sammelbands ist. Falls es sich um eine Erzählung innerhalb einer Anthologie handelt, teilen Sie mir bitte den Bandtitel und, wenn möglich, das Inhaltsverzeichnis oder markante Erkennungsmerkmale mit (etwa erste Sätze, zentrale Figur, Ort, hervorstechendes wissenschaftliches Motiv). Damit kann ich Handlung, Argumentationsgang oder Versuchsanlage in ihren Etappen nachzeichnen, die wesentlichen Ergebnisse oder Wendepunkte herausarbeiten und zugleich die Auflösung nur andeuten, um das Leseerlebnis nicht zu beeinträchtigen.

Sobald die Identifikation gesichert ist, strukturiere ich die Synopsis in sieben Abschnitten: vom Einstieg (Ausgangslage, Frage oder Störung) über die schrittweise Eskalation (Experimente, Entdeckungen, Indizien, Gegenspiel) hin zu den zentralen Konfliktlagen (ethische Dilemmata, Identitäts- und Wahrnehmungskrisen), danach die zugespitzten Konsequenzen und die vorbereitete, aber nicht ausgeschriebene Auflösung. Dabei markiere ich die leitenden Ideen, die die Handlung tragen, und benenne Schlüsselwenden, ohne den finalen Twist zu verraten. Der Ton bleibt neutral, faktenbasiert und präzise.

Falls mit „Er?“ in Wahrheit ein etabliertes Renard-Werk gemeint ist, kann ich alternativ sofort eine Synopsis dazu liefern, etwa zu Les Mains d’Orlac (Körper/Identität und Schuldzuschreibung), Le Péril bleu (unerklärte Phänomene und Entführungen), L’Homme truqué (veränderte Wahrnehmung nach technischer Modifikation) oder Le Docteur Lerne, sous-dieu (Grenzüberschreitungen der Forschung). Bitte nennen Sie das gewünschte Werk; ich passe die Zusammenfassung strikt an die geforderten Längen- und Spoilerschranken an und halte mich an überprüfbare Details des Publikationskontexts.

Bis zur Klärung kann ich nur allgemein festhalten, dass Renards Texte oft die Reibung zwischen wissenschaftlicher Neugier, ethischer Verantwortung und menschlicher Verletzlichkeit ausloten. Ihre nachhaltige Wirkung liegt in der Verbindung aus plausibel wirkender Spekulation und existenzieller Unruhe, die Lesende zu Fragen nach Identität, Wahrnehmung, autonomem Handeln und den Grenzen des Experiments führt. Mit den erbetenen bibliografischen Angaben liefere ich anschließend die gewünschte, siebenabsätzige, spoilerarme Inhaltsangabe zu „Er?“ in der richtigen Reihenfolge und mit einer pointierten Aussageebene am Schluss.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das Werk entstand im Frankreich der Dritten Republik (1870–1940), vor allem in Paris als literarischem und wissenschaftlichem Knotenpunkt. Prägende Institutionen: Sorbonne, Collège de France, Académie des sciences, Pasteur-Institut. Großstadtkultur, Salons, Verlage, Feuilleton der großen Tageszeitungen (z. B. Le Figaro, Le Matin) prägten die Veröffentlichungspraxis. Öffentliche Vorlesungen und populärwissenschaftliche Zeitschriften vermittelten neue Erkenntnisse an ein breites Publikum. Die Belle Époque und die sich anschließende Zwischenkriegszeit erzeugten ein Spannungsfeld aus Fortschrittsglauben und Krisenerfahrung, in dem Autoren wie Maurice Renard arbeiteten. Diese Konstellation lieferte Stoff und Resonanzraum für techniknahe Literatur und das französische merveilleux scientifique.

Renard gilt als zentrale Figur des merveilleux scientifique, einer französischen Spielart des wissenschaftlich fundierten Fantastischen. 1909 formulierte er in einem programmatischen Text die Ziele dieser Literatur: experimentelle Ideen der Forschung fiktional zu erproben und ihre geistigen Folgen zu reflektieren. Er stand damit in einem Kontinuum von Jules Verne und H. G. Wells, zugleich neben Zeitgenossen wie J.-H. Rosny aîné, Gustave Le Rouge und Camille Flammarion. Publikationsformen reichten von Zeitschriftenserien bis zu Buchausgaben. Leser erwarteten Plausibilität aus der Wissenschaft, aber auch Irritation und Staunen – eine Balance, die Renards Werke bewusst suchten.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) veränderte die französische Gesellschaft tiefgreifend. Industrialisierte Gewalt, Schützengrabenerfahrung und die hohe Zahl Verwundeter prägten Debatten über Körper, Geist und Technik. Medizin und Rehabilitationswesen entwickelten Prothesen, neue chirurgische Verfahren und neurologische Diagnostiken; 'Kriegsneurosen' und Traumata gelangten in den öffentlichen Diskurs. Diese Erfahrungen schärften das Interesse an Grenzzuständen des Menschen, das die Literatur aufgriff. Schon vor dem Krieg, aber verstärkt in seinem Nachhall, thematisierten Texte Fragen nach Sinneswahrnehmung, Identität und der technischen Erweiterung oder Verletzlichkeit des Körpers – Linien, die sich im Werk Maurice Renards vielfach nachvollziehen lassen.

Die Jahrzehnte um 1900 bis in die 1920er sahen markante wissenschaftliche Umbrüche. Bakteriologie und Immunologie knüpften an Pasteurs Arbeiten an; das Pasteur-Institut wurde zu einem Leuchtturm. In der Medizin machten Physiologie, Endokrinologie und Neurologie Fortschritte; Chirurgen erprobten Gefäßnahttechniken und Transplantationsversuche an Tieren, wofür Alexis Carrel 1912 den Nobelpreis erhielt. Forensik professionalisierte Identifizierungsmethoden von der Bertillonschen Anthropometrie hin zur Daktyloskopie. Parallel verbreiteten sich psychologische Theorien, während die Rezeption der Psychoanalyse in Frankreich durchaus kontrovers verlief. Diese Wissensfelder lieferten Motive und Vokabular, mit denen Autoren naturwissenschaftlich grundierte Fiktionen plausibel und diskussionsfähig inszenierten.

Die urbane Moderne strukturierte Alltagswahrnehmungen neu. Elektrifizierung, Telefonnetze und frühe Rundfunksender – in Frankreich ab den frühen 1920er Jahren – erweiterten den Kommunikationsraum. Das Kino etablierte sich durch Produktionen von Pathé und Gaumont; Serienfilme von Louis Feuillade popularisierten Verfolgungs- und Geheimnisthemen, während die 1920er mit impressionistischen und später surrealistischen Filmen experimentierten. Öffentliche Wissenschaftsschauen, Ausstellungen und Popularisierungsformate flankierten diese Medienrevolution. Die Verbreitung technischer Bilder und unsichtbarer Wellen diente Schriftstellern als Anschauungsmodell, um neue Formen des Sehens, der Präsenz und der Fernwirkung darzustellen – ein Reservoir, aus dem auch Renard schöpfte. Tageszeitungen verbreiteten Meldungen im Tagesrhythmus und steigerten das Tempo der Aktualität.

Die avantgardistischen Bewegungen der Zwischenkriegszeit brachten zusätzliche Impulse. Dada und der Surrealismus (Bretons Manifest 1924) stellten Traumlogik, Automatismus und das Unheimliche ins Zentrum ästhetischer Programme. Gleichzeitig suchten viele durch Spiritismus und Okkultismus Trost in der Trauer nach dem Krieg; Séancen und mediale Phänomene wurden in Presse und Literatur diskutiert. Diese Gemengelage aus Rationalismus, Säkularisierung und neuer Spiritualität erzeugte produktive Reibungen: Das Fantastische konnte moderne Wissenschaftsbegriffe mit Grenz- und Zwischenwelten konfrontieren. Renards Texte nutzten solche Reibungen, um Konsequenzen des Experiments – gesellschaftlich wie ethisch – erzählerisch durchzuspielen. Zeitgleich etablierten sich psychische Forschungen über Träume als kulturelles Bezugssystem.

Der Literaturbetrieb der Zeit stützte sich auf ein dichtes Netz von Feuilletons, Revue-Landschaften und Buchverlagen. Fortsetzungsdrucke erzeugten Spannung und öffentliche Debatte; Lektürezirkel und Leihbibliotheken erweiterten Reichweiten. Zeitungen verbreiteten Kriminalfälle und technische Sensationen, was die Nachfrage nach plausibel-phantastischen Stoffen steigerte. Berufsorganisationen wie die Société des Gens de Lettres stärkten Autorenschaften, während Preise wie der Prix Goncourt die Aufmerksamkeit lenkten. Übersetzungen vernetzten die europäischen Märkte, sodass angelsächsische scientific romance und französisches merveilleux scientifique wechselseitig aufeinander reagierten. Dieses Ökosystem schuf für Renard eine Leserschaft, die Novitäten der Forschung als literarische Hypothese goutierte und breit diskutierte.

Vor diesem Hintergrund lässt sich Er? im Rahmen von Renards 1909 formuliertem Programm verorten: Literatur, die wissenschaftliche Ideen in ihren geistigen und sozialen Folgen erprobt. In einer Epoche, in der Labor, Klinik und Medien die Definition des Menschen neu verhandelten, steht das Buch in der französischen Tradition des merveilleux scientifique, das Unterhaltung mit Reflexion verbindet. So fungiert es – unabhängig von Handlungsdetails – als zeittypischer Beitrag, der Fragen nach Identität, Verantwortung und Fortschritt bündelt und an den internationalen Dialog zwischen populärer Wissenschaft und Literatur anschließt, wie er die Kultur der Dritten Republik und der Zwischenkriegszeit prägte.

Er?

Hauptinhaltsverzeichnis
Vorspiel
Kapitel I Eine Heirat, die nicht allen Leuten genehm ist
Kapitel II Herr Feuillard erzählt, was er weiß
Kapitel III Aubry und seine Herrschaft
Kapitel IV Gilbertes Wahnidee
Kapitel V Die Gräfin von Prase baut Luftschlösser
Kapitel VI Das Geheimnis der Avenue du Bois
Kapitel VII Das verräterische Album
Kapitel VIII Fräulein Java
Kapitel IX Die Bar
Kapitel X Beim Herrn Polizeipräfekten
Kapitel XI Die Enthüllung der Marie Lefebre
Kapitel XII Die Tätowierung des Jean Mareuil
Kapitel XIII Ein listiger Plan
Kapitel XIV Im Odeon
Kapitel XV Der Schutzengel Fourcade
Kapitel XVI Lionel verfolgt seine Idee
Kapitel XVII Gilberte in Luvercy
Kapitel XVIII Suggestion
Kapitel XIX Die Falle
Kapitel XX Offene Karte
Kapitel XXI Die Mörderschlange von Luvercy

Vorspiel

Inhaltsverzeichnis

Zwei Uhr morgens.

Bei der eisigen Kälte, die heute nacht herrschte, lag die Straße – ein verrufenes Seitengäßchen des Spielhöhlenviertels – verlassen und totenstill da.

Jemand bog um die Ecke; der Silhouette nach ein eleganter Herr; Zylinder, weißes Halstuch, schwarzer »Mac-Farlane«, Lackschuhe. Die Hände in den Taschen vergraben und den Spazierstock geschultert, daß der Griff die Schulter überragte, ging er elastisch und energisch wie ein Kavalier der großen Welt dahin, ohne den Schritt auch nur ein wenig zu verlangsamen, wenn er das Dunkel, das ihm zwischen den Lichtkegeln der Straßenlaternen wie ein finsteres Loch entgegengähnte, betrat. Seine Gesichtszüge konnte man nicht erkennen.

»Bitte um Feuer, mein Prinz!«

Der typische Anruf!

Der Kavalier blieb sofort stehen. Aus irgendeinem nachtschwarzen Winkel tauchte ein Apache auf, der hier gelauert, und versperrte den Weg.

»Pack dich!« befahl der Herr seelenruhig.

Eine heisere Stimme krächzte:

»Keine faulen Witze! Säcke ausgeleert!«

Mangels eines Revolvers, dessen er sich zur Verteidigung hätte bedienen können, leuchtete der Herr, ohne erst lang über die etwaigen Folgen seines Tuns nachzudenken, dem Strolche blitzschnell mit der elektrischen Taschenlampe mitten in das Gesicht und – stieß einen Ruf des Erstaunens aus.

Gerade fand er noch Zeit, rasch zur Seite zu springen, sonst wäre ihm die Lampe mit der Faust aus der Hand geschlagen worden.

»Einen Moment!« rief er. »Keine Dummheiten! Steck' das Messer ein in drei Teufels Namen!«

Und den Scheinwerfer der Taschenlampe gegen sich selbst kehrend, beleuchtete er jetzt grell das eigene Antlitz.

Mit ordinärem Fluche wich der Apache entsetzt zurück.

»Soso, Freundchen, du erkennst dieses Gesicht?«

Ohne ein Wort der Erwiderung machte der andere auf den Absätzen kehrt und ergriff die Flucht, als säße ihm der Leibhaftige im Nacken.

Augenblicklich nahm »der Herr der Gesellschaft« die Verfolgung auf. Leichtfüßig lief er hinter dem Kerl her und rief, indem er versuchte, seine Stimme möglichst zu dämpfen:

»Halt! Bleib' stehen! Ich werde nichts ausplaudern! Ich schwör' dir's! Himmeldonnerwetter, so bleibe doch stehn!... Laß uns miteinander reden... ich muß dich sprechen!«

Aber der Apache spielte den Tauben. Stumm und flink rannte er, so schnell ihn seine Beine trugen, weiter. Offenbar beseelte ihn nur der eine Wunsch, sich nicht erwischen lassen.

Das gelang ihm denn auch. Der Kavalier blieb immer weiter zurück und gab schließlich die aussichtslose Hetzjagd auf.

»Zu toll!« knurrte er, sich die schweißnasse Stirn abtupfend. »Aber ich kriege ihn schon noch... oder es müßte mit dem Henker zugehn! Ich muß die Geschichte in Ordnung bringen ... diesen Unglücklichen retten!«

Vag lächelnd und noch immer mit sich selbst weiterredend, trat er den Rückweg an. Er konnte sich von seiner Überraschung kaum erholen.

»Zum Teufel, wie hätte man etwas derart Lächerliches, etwas derart Groteskes erwarten können? Stehe ich da plötzlich diesem – Straßenräuber gegenüber! ... Ich muß Schluß machen ... der Skandal wäre zu peinlich! Vielleicht wird man mich töricht schelten, aber die Sache geht mir tatsächlich furchtbar nahe! ... Warte, Junge, ab morgen ...«

Die weiteren Worte verklangen in der Finsternis. Um die unliebsame Verzögerung wieder hereinzubringen, beflügelte der Kavalier seine Schritte.

Kapitel I Eine Heirat, die nicht allen Leuten genehm ist

Inhaltsverzeichnis

Elisabeth, Gräfin vonl Prase, saß vor einem großen Empireschreibtisch und prüfte einen Kontoauszug.

Da schnarrte ein paarmal leise der Telephonsummer[1]. Die Gräfin ergriff den Hörer ihres Tischapparates. Genau zu derselben Sekunde beginnt das Abenteuer[1q].

»Tante, bist du's?«

Der Hörer vibrierte unter den Schallwellen einer jungen frischen Stimme.

»Gewiß, liebes Kind!«

Die Pendeluhr schlug die achte Frühstunde.

»Gut geschlafen, Tante? Schon bei der Arbeit? ... Kann ich dich sprechen?«

Das junge Mädchen telephonierte so temperamentvoll, daß die Gräfin deutlich den Klang der Worte vernahm, die in dem Zimmer, das über ihrem Arbeitskabinette lag, gesprochen wurden.

»Du willst mich sprechen?« erwiderte sie. »Soll ich zu dir hinaufkommen?«

»Nein, Tante, nein! Das würde sich doch wohl nicht schicken. Ich werde vielmehr zu dir kommen, wenn du erlaubst?«

»Bitte!« – Etwas beunruhigt hängte die Gräfin wieder den Hörer ein.

Sie war ganz im Schwarz gekleidet und eine kleine dürre Frau. Bei ihren Augen schien der Schöpfer die Farbe gespart zu haben. Die nahenden Fünfziger bleichten bereits ihr mattblondes Haar, das sie nach der Mode ihrer Jugendjahre zu einem Knoten aufgesteckt trug. Ihrem Profile fehlte die markante Linie. Aber auf den an und für sich nichtssagenden Zügen lagerte ein Hauch düsterer Schwermut, den nicht einmal ihre besten Photographien richtig wiedergaben.

In Gedanken versunken, stützte sich die Gräfin auf der Klappe des Klappschreibtisches auf. Sorgenvoll kniff sie die blutleeren Lippen zusammen, die noch um eine Nuance bleicher wurden.

Gedämpft durch die Gobelinportiere erscholl jetzt der Lärm rasch die Stiege herabeilender Schritte, und gleich darauf wurde die Tür aufgerissen, und ein ebenso entzückendes wie übermütiges junges Mädchen stürmte herein.

An den Füßen seidene Pantöffelchen, war sie in einen duftigen Morgenschlafrock wie in eine rosa Wolke eingehüllt. Dieses reizende »Déshabillé« paßte allerdings eher zu einer jungen Frau als für dieses lachende, kaum zur Jungfrau erblühte Kind.

»Guten Morgen, kleine Gilberte«, sagte die Gräfin, und ein Lächeln umflog ihre Mundwinkel.

»Guten Morgen, Tantchen!« echote die junge Dame.

Und ohne viel Geschichten zu machen, fiel sie ihrer Tante um den Hals und gab ihr zwei schallende Küsse auf die herben Wangen. Die Gräfin wußte gar nicht, wie ihr geschah. Sie erstickte fast unter dieser stürmischen Umarmung.

»Kind, du erwürgst mich!« keuchte sie.

»Macht nichts, Tantchen!« lachte der Wildfang. »Das spielt gar keine Rolle!«

Mit rosigen Wangen und lachendem Munde schmiegte Gilberte Laval ihre braunen Locken an das fahle Antlitz der alten Frau an, die das Haupt ein wenig zur Seite wandte, und blickte, fröhlichen Gedanken nachträumend, zu dem lichtdurchfluteten Fenster hin. Gar seltsam stach gegen die schönen, schelmischen Augen des jungen Mädchens und ihr glückverklärtes Wesen der trauerumflorte Blick und das alternde Gesicht der Gräfin ab.

»Tante, Tante!« rief Fräulein Laval.

»Nun, was denn? Drück' mich nicht so stark! Was ist denn los, daß du gar so freudenärrisch bist?«

»Ich bin so glücklich, Tantchen, so glücklich!«

»Zunächst laß mich mal los, kleine Teufelin!«

»Nein, nein, du darfst mich noch nicht anschauen, noch nicht!«

Die Kirschenlippen Gilbertes näherten sich dem wächsernen Ohre der Gräfin, als wollte sie ihr etwas heimlich zuflüstern. Dann erklärte sie jedoch mit Stentorstimme: »Ich heirate! ... Es ist dir doch recht, nicht wahr?«

War es Rührung? ... Die Gräfin preßte jäh ihre Wange gegen die ihrer Nichte.

»Du willst heiraten? ... wen? ...«

Diesmal hauchte ihr Gilberte in das Ohr: »Jean Mareuil.«

»Wer ist das? Kenne ihn nicht.«

»Freilich kennst du ihn, Tante. Er wurde dir ja bei den Paullacs vorgestellt! ... was hast du, Tante? ...«

Die Gräfin hatte sich aus den Armen ihrer Nichte gelöst. Ihre Miene verriet äußerste Bestürzung. Sprachlos starrte Gilberte ihre Tante betroffen an.

»Mir ist nichts, mein Kind«, lächelte die Gräfin gezwungen. »Daß mich die Sache etwas bewegt, ist wohl nur höchst natürlich?«

Gilberte erschrak. Sie fühlte, wie sich zwischen ihr und ihrer Tante jäh eine frostige Kluft auftat. Die Gräfin nahm es wahr. Sie trat auf das junge Mädchen zu und ergriff es bei der Hand.

»Schau', Gilberte, ich liebe dich, als sei ich deine arme Mama. Daher sorge ich mich, du könntest vielleicht einen vorschnellen Entschluß gefaßt haben. Eben erst feiertest du deinen achtzehnten Geburtstag. Was weißt du, mein Schatz, vom Leben? Bist du sicher, daß dieser Herr Mareuil der Mann ist, der dich glücklich machen wird?«

Gilberte runzelte, plötzlich verändert, die Brauen. Als die Gräfin das sah, zog sie das junge Mädchen zärtlich an sich und streichelte ihren Bubikopf, dessen tolle Löckchen sich von Natur so entzückend kräuselten.

»Komm, sei vernünftig!« meinte sie. »Ich muß doch den jungen Mann erst kennenlernen. Erkundigungen über ihn einziehen. Das ist unumgänglich notwendig. Und wenn er wirklich so ist, wie du glaubst...«

»O, das ist er! Darauf kannst du Gift nehmen, Tante.«

Die Gräfin zuckte leicht zusammen.

»Nun gut«, sagte sie. »Zieh dich jetzt an, Liebling. Dann wollen wir die Sache besprechen. Du gibst mir keinen Kuß, Gilberte?...«

Sichtlich kühl drückte das verwöhnte Kind einen flüchtigen Kuß auf die Stirn der Tante. Weit weniger fröhlich, als Gilberte gekommen, verließ sie hierauf das Zimmer.

Die Gräfin war wieder allein. Aus ihrem verstörten Blick sprach abgrundtiefe Seelenqual.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkend, ging sie ein paarmal auf und ab.

Totenstille herrschte ringsum. In schwarzen Gedanken durchwanderte sie immer wieder den schlicht möblierten Raum, der ihr als Arbeitszimmer diente und gleichsam das Boudoir dieser geschäftstüchtigen Frau bildete, und dessen Haupteinrichtungsstücke aus einem riesigen Geldschranke gegenüber einem geräumigen Aktenregal und dem Schreibtische bestanden.

Etwas jedoch verlieh dem Kabinett eine eigene Note. Das waren an den Wänden Trophäen von Waffen afrikanischer Völkerschaften: Schilde aus Leder oder stierhautüberzogenem Holz, Pfeilköcher und Bogen, und dazwischen Negerlanzen und Assagaien, deren breite, scharfe Stoßeisen unheimlich funkelten.

Die Gräfin hob die Lider und überflog träumenden Blickes den ganzen barbarischen Zauber. Schmerzliche Erinnerungen stiegen in ihr auf. Mit mutloser Gebärde blieb sie stehen. Dann raffte sie sich auf und murmelte: »Nun, wir werden ja sehen!«

Zum Apparate gehend, drückte sie auf einen Knopf, der die Überschrift trug: »Herr Graf«, und nahm den Hörer zur Hand.

»Hallo!... Lionel!«

Sie rief leise an, indem sie die hohle Hand als Schalldämpfer über Mund und Hörer muschelte.

»Lionel!«

Endlich antwortete ihr eine Art von Geknurr.

»Hallo!... Lionel!«

»Hm... ja... Mama?«

»Liegst du noch zu Bett?« '

»Sag' lieber, bist du schon wach!«

»Spat nach Hause gekommen, was?«

»Ja, weiß nicht, um wieviel Uhr.«

»Gut, Ich komme zu dir.«

Vorsichtig öffnete die Gräfin die Tür, durchschritt auf den Fußspitzen die Vorhalle und stieg lautlos die Treppe zum ersten Stocke empor.

Das Schlafzimmer ihres Sohnes bot den Anblick wüsten Nachhausekommens. Der Frackanzug lag auf der Erde, der Chapeau-claque war einer Standuhr schief aufgestülpt, die verknitterte weiße Weste leistete auf einem Sessel einem einzelnen Lackschuh Gesellschaft, und da und dort sah man verschiedene Beutestücke einer durchschwärmten Nacht herumliegen: eine Laterne mit roten Gläsern, wie sie nachts aufgerissene Straßenstellen markieren, das Aushängeschild eines Grünzeughändlers, die emaillierte Tafel, die den freundlichen Leser darauf aufmerksam machte, daß »der Autobus auf der Rückfahrt die Rue-de-Provence« passiere usw.

»Großer Gott, ich war wieder eingeschlafen, Mama!« sagte ein großer Bursche und richtete sich in den Kissen auf.

»Wie alt bist du denn, Lionel?« meinte die Gräfin, auf den bunten Kram deutend, der eine durchbummelte Nacht verriet.

»Dreiundzwanzig!« schmunzelte der junge Graf.

»Schlechter Kerl!«

Sie küßte ihn voll Bewunderung.

»Und wo bist du? ... bei wem wohnst du?«

Auf dem Bettrand Platz nehmend, versenkt sie den glanzlosen Blick in die unsteten Augen ihres Sohnes.

»Antworte mir, Lionel!«

»Was willst du eigentlich?« fragte er. »Was geht dir im Kopfe um? Etwas Neues? Du siehst blaß aus, Mama!«

»Was sagte ich dir, Lionel, als dein Onkel Laval vor drei Jahren starb?«

»Du sagtest mir, dein höchstes Glück wäre es, wenn ich Gilberte heiratete, und daß ich trachten solle, ihre Liebe zu gewinnen. Nicht?«

»So ist's. Es war mein Traum. Und wie weit bist du jetzt?«

»Ich? ...« .

Lionel runzelte die Stirne und verstummte.

»Ich will es dir sagen«, entgegnete die Gräfin bekümmert, »Die Sache steht so. Gilberte vergaffte sich in einen gewissen Jean Mareuil und will ihn heiraten.«

Bei dieser Mitteilung verzerrte sich Lionels hübsches Gesicht zu einer teuflischen Fratze, und er stieß einen wüsten Fluch aus.

»Hat sie es dir gesagt?«

»Vorhin.«

»Und was hast du ihr geantwortet?«

»Nichts Bestimmtes ... sie ist ja frei, kann tun: und lassen, was ihr beliebt.«

»Wieso? Das wäre noch schöner! Ich hoffe, du wirst deine Rechte wahren und deine Machtmittel gebrauchen.«

»Welche Rechte, welche Machtmittel besitze ich denn?« seufzte die Gräfin. »Überlege dir doch, großes Kind. Ich bin doch schließlich und endlich nur ihre Sachwalterin. Wir wohnen bei ihr. Was wäre damit gewonnen, Wollte ich mich ohne triftige Begründung den Wünschen meiner minderjährigem Nichte widersetzen? Auf Grund der Gesetzesparagraphen würde sie sich meiner rasch entledigen und dann Rechnungslegung von mir fordern ... nun weißt du sehr genau ... deine Spielschulden ... und ...«

»Halt, Mama! ... ich verstehe ... stimmt, stimmt ...«

Mit Tränen kämpfend, fuhr die Gräfin fort:

»Bei meiner Geschäftsgebarung leitete mich immer der Gedanke und die Hoffnung, daß du Gilberte heimführen, als ihr Gatte dann die Angelegenheit regeln und mir in der Vermögensverwaltung Generalquittung erteilen würdest.«

»Schon gut!« unterbrach sie Lionel ungeduldig. »Aber noch ist nicht alles verloren. Ich war blöd, gestehe es ein. Schon längst hätte ich trachten sollen, ihr zu gefallen. Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Noch wäre es nicht zu spät, falls es dir gelingen sollte, an der Hand einwandfreier Gründe Mareuil abzudrängen. Dann brauche ich meine Nachlässigkeit nur wieder gutzumachen. Aber das Pech ist ... wir werden damit bei Mareuil wenig Glück haben, denn der Bursch ist ein fabelhafter Kerl, ein Musterknabe, wie heute keine mehr wachsen.«

»Du kennst ihn also?«

»Hm ... ich kenne ihn, wie ein Mensch einen Menschen nur kennen kann.«

Lionel lächelte etwas verlegen.

»Er ist ernst, arbeitsam und ein Künstler aus Liebhaberei. Man trifft ihn weder in einer Bar noch in einem Tanzlokal, während ich, nicht wahr ...«

»Ist er reich?«

»Und ob! ... Palais in der Avenue-du-Bois, Pferde, Autos, aber keine – Fehler, weder eine Herzdame, noch eine Pikdame im Spiel ... kurzum ein Musterknabe.«

Die Gräfin schüttelte ungläubig den Kopf.

»Immerhin kann man sich über ihn erkundigen. Einen Mann, dem man nichts nachsagen kann, gibt es nicht.«

»Stimmt, Mama. Versuchen kostet nichts. Kommen wir damit nicht zum Ziele, hat es immer noch Zeit, andere Mittel und Wege zu finden, damit uns das Vermögen der Lavals nicht entwischt.«

»Nur an das Vermögen der Lavals denkst du? Deine Kusine ist doch so reizend!«

»Pah!«

»Ich möchte dich nicht nur reich, sondern auch glücklich wissen, Liebling –«

»Wenn man reich ist, ist man auch glücklich. Noch heute werde ich darangehn, Mareuil scharf ausspionieren zu lassen. Mindestens werden wir feststellen, ob er wirklich so ein Tugendbold ist.«

Und nach einer Weile fuhr Lionel zynisch fort: »Schließlich wäre uns die gegenwärtige Lage erspart geblieben, hätte letztes Jahr Gilbertes Grippe einen schlechten Ausgang genommen. Du würdest sie ja beerbt haben, wenn ich nicht irre.«

Seine Mutter blickte ihn starr an. In ihren grauen, glanzlosen Augen las man das Entsetzen.

»Na«, meinte Lionel, »ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun, wenn einem aber die Umstände günstig sind, das Schicksal selbst für einen Partei ergreift, muß man sich eben einen Vers darüber machen.«

»Du liebst sie also nicht einmal ein bißchen?«

Der junge Graf schüttelte verneinend den Kopf.

Nachdenklich senkte die Gräfin den Blick. Dann sagte sie: »Und doch ist Gilberte liebenswert, und ich hätte gern ihr Glück begründet.«

»Dann verheirate sie doch mit Mareuil!«

»Laß die unangebrachten Spaße! Du weißt sehr gut, großer Junge, daß nur du auf der ganzen Welt meinem Herzen nahestehst. Nur du existierst für mich, seit du lebst.«

»Und was war mit Papa?«

»Meine Liebe zu dir ist größer.«

»Und mit meinem Onkel?«

»Nur, um dich reich zu wissen, hätte ich ihn geheiratet.«

»Du bist eine brave Frau, Mama. Nachdem wir das festgenagelt haben, möchte ich dich fragen, ob du etwas dahinter fändest, wenn ich mit deinem ehemaligen Haushofmeister Aubry einen Beobachtungsplan entwerfen würde?«

»Ganz im Gegenteil. Aubry ist ein treu ergebener Diener.«

»Er ist jetzt Hausbesorger auf Nr. 47 der Rue de Tournon, nicht? Soviel ich mich besinne, mag er Gilberte nicht besonders leiden?«

»Kein Wunder. Sie war es doch, die seine Entlassung wünschte.«

»Stimmt.«

In diesem Moment durchflutete der Klang einer wundervollen Mezzosopranstimme das Haus. Gilberte sang in ihrer Wohnung.

»Sie ist noch in ihrem Zimmer«, bemerkte die Gräfin. »Desto besser. Ich möchte nicht, daß sie von meinem Besuche bei dir etwas weiß.«

Und hager und düster verließ die Gräfin wieder das Zimmer ihres Sohnes und kehrte in ihr Arbeitskabinett zurück.

Eine Weile grübelte die Gräfin Elisabeth von Prase über alles nach, was ihre Hoffnungspläne zu durchkreuzen drohte. Dann nahm sie aus ihrer Korsage einen kleinen Schlüssel, den sie stets bei sich trug, und trat vor den eisernen Kassenschrank.

Unter ihrer Hand klinkten die vier Geheimschlösser, eines nach dem andern, auf, und die schwere Panzertür drehte sich in ihren Zapfen.

Von oben bis unten waren die Fächer des Tresors mit Wertpapieren vollgestopft. Die Gräfin begann einige Pakete hervorzuziehen. Die Berührung derselben schien in ihr ein wollüstiges Gefühl auszulösen. Eben streckte sie den Arm aus, um abermals in die dunkle Tiefe des Wertheimers zu greifen, als plötzlich Gilbertes Stimme verstummte, wie das Lied einer Lerche, die sich aus dem blauen Äther zur Erde niederläßt.

Sofort legte die Gräfin alles an Ort und Stelle, ordnete die Stöße Wertpapiere, schloß den Panzerschrank und steckte den, kleinen Schlüssel wieder ein.

Kapitel II Herr Feuillard erzählt, was er weiß

Inhaltsverzeichnis

Jean Mareuil hatte sich, bei seinem Freunde Feuillard, dem weltmännischen Anwalte der vornehmen Pariser Gesellschaft, telephonisch angemeldet. Gegen sieben Uhr abends läutete er in seiner Wohnung an. Ausnahmsweise wollte er mit Feuillard der Erstaufführung eines lyrischen Dramas beiwohnen. Da Mareuil das Bedürfnis hegte, mit dem Gentleman-Notar etwas zu besprechen, hatten sie ausgemacht, miteinander nach der Vorstellung in einem Kabarett zu soupieren.

Der Notar erwartete bereits »in der Löwenhaut« seinen Freund. Sie trugen beide den nämlichen Abendanzug, dazu den schwarzen »Mac-Farlane[2]«, ebenso die gleichen Seidenzylinder und das weiße Halstuch. Selbst was den Spazierstock aus schwarzem Ebenholz anbetraf, suchte es der Notar dem Dandy gleichzutun. Dennoch herrschte zwischen der natürlichen Vornehmheit Jean Mareuils und dem etwas banalen Schick des Juristen ein bedeutender Unterschied. Immerhin konnte man nachts, noch dazu in einer schlecht erhellten Straße, nur schwer den Klubmann vom andern unterscheiden.

»Da bist du ja, hübscher Bengel!» begrüßte Feuillard Mareuil.

Und als Mareuil mit komisch-gekränkter Geste abwehrte, fügte der Notar bei: »Doch, doch, Prinz. Scharmant! Du weißt sehr gut, Kanaille, wie entzückend du bist. Schaut mir einmal diesen jungen Antinous an! Bitte, geh einen Schritt vor, Jean, daß ich dich mit Muße betrachten kann. Einen zweiten solchen Gang gibt es nicht. Wo hast du, zum Teufel, diese Grazie und Geschmeidigkeit her? ... Du willst es mir nicht verraten? ... Dann nicht! ... So erzähle mir, was du auf dem Herzen hast. Um was dreht es sich? Um eine hypothekarische Vermögensanlage? Oder den Ankauf einer Liegenschaft? ... Gehn wir hinunter. Unterwegs kannst du mir den Fall erzählen.«

»Es handelt sich um etwas ganz anderes«, erwiderte Mareuil.

»Heirat[2q]?«

»Ja.«

»Wer ist die Glückliche?«

»Gilberte, die Tochter des verstorbenen Afrikaforschers Laval. Warum schmunzelst du?«

Sie nahmen einen Wagen.

»Ich schmunzle, mein lieber Alter, weil ich mit deiner Wahl zufrieden bin, sehr zufrieden. Fräulein Gilberte ist ein anbetungswürdiges junges Mädchen, dem man nur das Allerschönste nachsagen kann. Vielleicht ist die junge Dame etwas verzogen – du verzeihst doch? –, aber ansonsten besitzt sie, wie es allgemein heißt, einen aufrechten, geraden Charakter.«

»Ich hätte dich nicht für so unterrichtet gehalten!«

»Nun, du hast Glück, wie immer. Ich bin nämlich der Rechtsfreund der Familie«, entgegnete der Notar. »Ferner schmunzelte ich, weil mir ihre Tante, die Gräfin Prase, und deren Nichtsnutz von Sohn einfielen.«

»Wieso?«

»Wieso?« Weißt du nicht, daß du ihre schönsten Hoffnungen zunichte machst?«

»Mein Gott!« Mareuil zuckte unbefangen die Schultern. »Ich muß dir gestehn, daß ich von der Familie der Lavals so gut wie nichts weiß.«

Der Notar blinzelte ihn ungläubig an. Jean Mareuil senkte den Blick und spielte geistesabwesend mit seinen Handschuhen.

»Na, höre mal, du hältst mich wohl zum besten?« meinte Feuillard. »Mit dir weiß man nie, wie man daran ist.«

»Aber ich versichere dir, liebster Freund,« – und Mareuil richtete den klaren Blick seiner stahlgrauen Augen, die Güte, Klugheit und Willensstärke bekundeten, auf den Notar – »ich weiß nichts von den Lavals, und wenn du mir etwas über sie und die Prases mitteilen kannst, tue es, ohne Rücksicht darauf, daß ich Gilberte liebe und sie zu heiraten gedenke. Bisher lag es mir vollkommen fern, in die Zukunftspläne der Gräfin und ihres Sohnes eindringen zu wollen. Die alte Dame lernte ich übrigens erst vor ganz kurzer Zeit kennen, während ich ihren Sohn ab und zu treffe. Er ist mir nicht sehr sympathisch, jedenfalls völlig gleichgültig. Beifügen möchte ich noch, daß ich dich nicht aufsuchte, um Erkundigungen über die Leute einzuziehen, sondern damit du mir erklärst, was eigentlich ein ›Ehekontrakt‹ ist.«

»Gut«, nickte der Notar. »Verzeihe mein Zögern. Aber mir als Juristen kommt es natürlich spaßig vor, wenn sich jemand blind und taub auf etwas einläßt. Weißt du, wir vom Fach geben nicht Liebende zusammen, sondern wir vereinigen Familien, die glauben, zueinander zu passen. Deshalb war ich vorhin etwas erstaunt. Und dann, mein guter Alter ... ich kann mich absolut nicht an die Art gewöhnen, die du manchmal hast.«

»Himmlischer Vater, was hab' ich denn für eine Art?!«

»Wenn du ins Träumen gerätst, dich in dein Inneres zurückziehst, wie eine Schnecke in ihr Haus, scheinst du so fernab, so zerstreut und mit dir selbst so beschäftigt zu sein, daß man sich oft fragt: weiß er überhaupt, was er eben sagte?«

Jean Mareuil lachte.

»Wahrscheinlich beschäftigt mich in solchen Augenblicken gerade ein Problem, oder irgendeine Arbeit geht mir im Kopfe um.«

Feuillard betrachtete ihn ein Weilchen.

»Du bist eine Type für dich!« erklärte er. »Ich werde ins Grab sinken, ohne dich je verstanden zu haben, Dichter, Philosoph, Künstler. Du Inbegriff eines rätselhaften Menschen!«

»Also ich höre«, erwiderte Jean Mareuil. »Erzähle! ... Es waren ...«