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In "Erinnerungen und Reisen: Die Welt von Gestern + Brasilien + Reise nach Rußland + Reisen in Europa" entfaltet Stefan Zweig ein vielschichtiges literarisches Werk, das durch seine autobiografische Erzählweise und eindringliche Reflexionen gekennzeichnet ist. Die Zusammenstellung dieser Schriften bietet den Lesern einen tiefen Einblick in die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche des frühen 20. Jahrhunderts. Mit seinem markanten Stil, der von einer sensiblen und klaren Prosa geprägt ist, gelingt es Zweig, die große Tragik und das Aufeinandertreffen von persönlichen und historischen Krisen auf eindrucksvolle Weise darzustellen. Durch Reisen und Erinnerungen reflektiert er nicht nur seine eigenen Erlebnisse, sondern auch die Veränderungen in Europa und der Welt, die zu seiner Zeit unverkennbar waren. Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien, war ein vielseitiger Schriftsteller, der sich sowohl als Romancier als auch als Biograf einen Namen machte. Sein Leben war stark von den politischen Umwälzungen seiner Zeit geprägt; die Erfahrungen von Exil und Diktatur beeinflussten sein Denken und Schreiben nachhaltig. Mit einem tiefen Verständnis für die menschliche Psyche und einer Vorliebe für psychologische Portraits, dokumentiert Zweig seine Reisen und Rückblicke als Antwort auf die Ungewissheiten seiner Zeit, während er zugleich die Schönheit und Komplexität der menschlichen Existenz thematisiert. Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Begleiter für Leser, die sich für die Verflechtungen von persönlichem Schicksal und historischen Ereignissen interessieren. Zweigs meisterhafte Prosa lädt dazu ein, selbst in die Vergangenheit zu reisen und die Welt mit seinen Augen zu erleben. Es ist eine literarische Reise, die sowohl nostalgisch als auch kritisch ist und beeindruckende Einsichten in die menschliche Natur bietet. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Diese Sammlung vereint vier Prosabände von Stefan Zweig, die Erinnerung und Reise als zwei komplementäre Formen des Weltzugangs sichtbar machen. Sie präsentiert keine Gesamtausgabe, sondern eine gezielt kuratierte Auswahl nichtfiktionaler Texte, in denen persönliches Zeugnis, Beobachtung und kulturelle Deutung zusammenwirken. Ziel ist es, die Reichweite eines Autors zu zeigen, der das Individuelle stets im Horizont des Allgemeinen betrachtet. Indem Die Welt von Gestern neben Brasilien, Reise nach Rußland und Reisen in Europa gestellt wird, entsteht ein Panorama von Selbstvergewisserung und Welterkundung, das den Leser zur vergleichenden Lektüre und zum Nachdenken über Kontinuitäten und Brüche anregt.
Im Zentrum steht die Spannweite von Innen- und Außenperspektive: Rückblick, der Geschichte sinnhaft ordnen möchte, und Unterwegssein, das offene Wahrnehmung verlangt. Die Sammlung will beides nicht gegeneinander ausspielen, sondern miteinander verschränken. Sie zeigt Zweig als Beobachter, der seine Erfahrungen in klare, zugängliche Prosa fasst, dabei jedoch den Respekt vor der Vielschichtigkeit von Menschen und Gesellschaften wahrt. Die Zusammenstellung verfolgt die Absicht, Leserinnen und Lesern einen Weg zu eröffnen, die Stimme des Autors in unterschiedlichen Situationen zu hören: im Erinnern, im Begegnen, im Vergleichen. So entsteht ein Gesamtbild, das zugleich intim, historisch sensibilisiert und weltzugewandt ist.
Die enthaltenen Textsorten decken zentrale Felder des essayistischen und dokumentarischen Schreibens ab. Die Welt von Gestern ist eine autobiographische Erinnerungsschrift, die persönliche Lebensgeschichte mit kulturhistorischer Reflexion verbindet. Brasilien tritt als Länderporträt und Reiseessay auf, das Eindrücke bündelt und Deutungen anbietet. Reise nach Rußland versammelt Beobachtungen und Betrachtungen eines Aufenthalts, die sich zwischen Reportage und Essay bewegen. Reisen in Europa schließlich führt in die Form der Reiseskizze, der Kurzessays und Impressionen, in denen Orte, Landschaften und kulturelle Atmosphären in prägnanten Bildern konturiert werden. Gemeinsam bilden diese Gattungen ein bewegliches, diskursives Gefüge.
Die Formenvielfalt ist nicht bloße Abwechslung, sondern Methode. Zweig nutzt die erzählerische Skizze, um Nähe herzustellen; den Essay, um Urteile zu prüfen; die Erinnerung, um Erfahrungen in größere Zusammenhänge einzuschreiben. Reportagehafte Passagen liefern Anschaulichkeit, ohne den Anspruch auf Objektivität zu überdehnen. Die Texte verbinden narrativen Ton, analytische Passagen und Stimmungsbilder zu einer Prosa, die sowohl lesbar als auch nachdenklich ist. So entsteht eine Literatur der Vergegenwärtigung: Sie macht Vergangenes im Erinnern greifbar, Fremdes im Unterwegssein vertraut und Eigenes im Spiegel der Reise prüfbar. Die Sammlung zeigt das Wechselspiel dieser Verfahren in exemplarischer Dichte.
Verbindende Themen sind Vertrauen in Verständigung, Sensibilität für kulturelle Differenz und die Frage, wie Menschen unter historischen Spannungen Orientierung finden. Wiederkehrend ist die Idee eines europäischen Bildungshorizonts, der durch Begegnungen über Grenzen hinweg erweitert wird. Erinnerung erscheint als Arbeit gegen das Vergessen, Reise als Schule der Wahrnehmung. Ein leises Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit zivilisatorischer Errungenschaften begleitet die Texte, ohne in Resignation zu kippen. Stattdessen dominiert ein humanistischer Ton, der an das Gemeinsame appelliert, ohne das Besondere zu nivellieren. In dieser Balance liegt die bleibende Kraft der hier versammelten Schriften.
Stilistisch charakterisieren Klarheit, ein geschmeidiger Rhythmus und die Fähigkeit, komplexe Sachverhalte in prägnanten Bildern zu fassen, das Schreiben. Charakteristisch ist die behutsame Annäherung: Beobachten geht dem Bewerten voraus, und Urteile werden als Angebote formuliert. Psychologische Genauigkeit, die man aus Zweigs erzählerischem Werk kennt, wird auf Orte, Landschaften und Kollektive übertragen, ohne sie zu psychologisieren. Metaphorik bleibt anschaulich und zweckmäßig; Pathos wird dosiert eingesetzt. Die Prosa zielt auf Verständlichkeit, ohne Vereinfachung. Sie lädt zur Mitbewegung ein: Lesen wird zur Reise durch Erfahrungen, die in der Sprache eine ruhige, verbindliche Form finden.
Als Gesamtheit entfaltet die Sammlung einen Dialog zwischen Europa und der Welt. Die Welt von Gestern liefert den inneren Referenzrahmen, in dem Maßstäbe und Sensibilitäten sichtbar werden. Brasilien und Reise nach Rußland erweitern diesen Rahmen um Perspektiven jenseits vertrauter Räume, während Reisen in Europa den Blick auf die Vielfalt innerhalb des Kontinents schärft. Wer die Bände nebeneinander liest, kann Nuancen im Ton, in der Intensität von Bewunderung, Skepsis oder Zurückhaltung wahrnehmen. Dadurch entsteht ein mehrschichtiges Bild des Reisens: als Erkenntnisform, als Ethik der Aufmerksamkeit und als Versuch, Fremdes und Eigenes in Beziehung zu setzen.
Die Welt von Gestern ist eine Erinnerungsschrift, die individuelles Erleben und kollektive Geschichte miteinander verknüpft. Der Blick richtet sich weniger auf private Anekdote als auf kulturelle Milieus, Bildungswege und geistige Atmosphären. Das Buch gewinnt seine Wirkung aus einer Sprache, die den Wandel der Zeit ordnend beschreibt, ohne Komplexität zu glätten. Es handelt vom Aufwachsen in bestimmten Wertvorstellungen, von intellektuellen Prägungen und von Erfahrungen grundlegender historische Umbrüche. Dabei geht es um Selbstvergewisserung ebenso wie um das Bewahren dessen, was sonst verloren gehen könnte: ein Gedächtnis der Formen, Sitten und Ideen, das den Leser zur Reflexion anleitet.
Brasilien zeigt den Autor als aufmerksamen Beobachter eines Landes, dem er mit Neugier und Anerkennung begegnet. Das Buch ist keine systematische Studie, sondern ein essayistisches Porträt, das Eindrücke, Lektüren und Gespräche bündelt. Es interessiert sich für Dynamiken, Möglichkeiten und Spannungen, wie sie in Landschaft, Gesellschaft und kulturellem Leben sichtbar werden. Der Ton ist entschieden respektvoll, oft bewundernd, zugleich bemüht, Maßstäbe transparent zu machen. Lesbar bleibt, dass jede Darstellung zeitgebunden ist: Das Porträt eröffnet Perspektiven und Fragen, ohne abschließende Urteile zu beanspruchen. So lädt es zu eigener Anschauung und zum Weiterdenken über nationale Selbstbilder ein.
Reise nach Rußland sammelt Beobachtungen eines Aufenthalts, in denen Kunst, Alltagsleben und geistige Debatten in den Blick rücken. Der Text bewegt sich im Spannungsfeld von Nähe und Distanz: Er registriert Eindrücke, wägt Wörter, respektiert die Grenzen dessen, was Außenstehenden zugänglich ist. Weniger als um politische Diagnose geht es um die Topografie der Wahrnehmung: Was lässt sich sehen, was lässt sich verstehen, was bleibt Rätsel? Die essayistische Form erlaubt es, Stimmungen, Gespräche und Ansichten zu mosaikartig zu fügen. So entsteht ein Bild, das weder verengt noch euphorisch ist, sondern tastend, offen, aufmerksam.
Reisen in Europa führt in Städte und Landschaften, deren historische Schichtungen mit feinem Sinn für Details wahrgenommen werden. Der Band versammelt Skizzen und Essays, die oft von Kunst, Literatur und urbaner Atmosphäre ausgehen und daraus Charakterbilder der Orte gewinnen. Statt touristischer Inventare bietet er Lektüren von Räumen: Straßen, Plätze und Museen erscheinen als Texte, die man lesen kann. Die Aufmerksamkeit für das Unspektakuläre – Geräusche, Gesten, Licht – prägt den Ton. So entsteht kein Katalog, sondern eine Schule der Wahrnehmung, die den Kontinent als Geflecht von Erinnerungen, Stilformen und Lebensweisen erfahrbar macht.
Diese vier Bücher bleiben als Einheit bedeutsam, weil sie eine Haltung verkörpern: den Willen, Welt durch Empathie und Genauigkeit zu verstehen. Erinnerung und Reise werden als komplementäre Kräfte erfahrbar, die Orientierung in Zeiten des Wandels ermöglichen. Die Sammlung lädt dazu ein, Vergleiche zu ziehen, Urteile zu prüfen und das Eigene im Spiegel des Anderen zu befragen. Sie bietet nicht die letzte Erklärung, sondern ein Instrumentarium des Lesens, Sehens, Erinnerns. Darin liegt ihre Aktualität: Gerade weil sie Offenheit praktiziert, fördert sie jene Aufmerksamkeit, die kulturelle Vielfalt nicht nur anerkennt, sondern sprachlich zur Geltung bringt.
Stefan Zweig, geboren 1881 in Wien und gestorben 1942 im brasilianischen Petrópolis, zählt zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Als Erzähler, Essayist und Biograf prägte er die europäische Literatur der Zwischenkriegszeit mit psychologischer Präzision, stilistischer Eleganz und einem ausgeprägt kosmopolitischen Blick. Seine Novellen, historischen Miniaturen und Lebensbilder erkunden Leidenschaften, moralische Entscheidungslagen und die Brüche einer Epoche, die vom Untergang der Habsburgermonarchie bis zur Katastrophe des Nationalsozialismus reichte. Zweigs Werk verband Zugänglichkeit mit intellektueller Ambition und erreichte ein weltweites Publikum, das seine humanistische Haltung und den feinsinnigen Ton ebenso schätzte wie seine erzählerische Spannung.
Aufgewachsen in der kulturell pulsierenden Atmosphäre der Wiener Moderne, studierte Zweig an der Universität Wien und promovierte in den frühen 1900er-Jahren in Philosophie. Prägend waren die Begegnung mit der europäischen Avantgarde und die Nähe zu französischsprachigen Literaturen; besonders setzte er sich als Übersetzer und Vermittler für den belgischen Dichter Émile Verhaeren ein. Reisen durch Westeuropa förderten einen weltoffenen, übernationalen Horizont. Literarisch orientierte er sich an psychologischer Analyse und konzentrierter Form, getragen von der Idee eines verbindenden Humanismus. Sein Interesse an neuen Erkenntnissen über das Unbewusste spiegelt sich in essayistischen Arbeiten wider, die die Bedeutung der Psychoanalyse reflektieren.
Frühe Publikationen umfassten Gedichte und Feuilletons, doch bald wandte sich Zweig der erzählenden Prosa und dem Essay zu. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er im Wiener Kriegsarchiv, eine Erfahrung, die seine spätere pazifistische Haltung schärfte. Das Drama Jeremias formulierte eine eindeutige Absage an Kriegspathos. Nach 1918 etablierte er sich mit literaturhistorischen Porträts wie Drei Meister, das Balzac, Dickens und Dostojewski gewidmet ist, sowie mit Der Kampf gegen den Dämon über Hölderlin, Kleist und Nietzsche. In den frühen 1920er-Jahren erschienen Novellen wie Amok und Brief einer Unbekannten, die seine psychologische Poetik und seine knappe, spannungsreiche Form prägten.
In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren erreichte Zweig den Höhepunkt seiner internationalen Bekanntheit. Besonders wirkungsmächtig wurden die historischen Miniaturen Sternstunden der Menschheit, die verdichtete Wendepunkte der Geschichte schildern, sowie die Biografien Joseph Fouché und Marie Antoinette, die politische Charaktere mit erzählerischer Kunst verbinden. Zugleich festigten Novellen wie Verwirrung der Gefühle seinen Ruf als Meister psychologischer Darstellung. Zweigs Bücher fanden breite Verbreitung in Übersetzungen, seine Vorträge führten ihn durch viele Länder. Der Ton blieb dabei klar, elegant und empathisch, getragen von einem europäischen Geist, der kulturelle Vermittlung über nationale Abgrenzung stellte.
Die politische Radikalisierung in Deutschland führte ab 1933 zur Zensur und Verbrennung seiner Bücher, und die zunehmend autoritäre Lage in Österreich verstärkte Zweigs Entschluss, die Heimat zu verlassen. In der Mitte der 1930er-Jahre siedelte er nach Großbritannien über, wo er weiterhin veröffentlichte und für einen übernationalen Humanismus eintrat. Sein einziger vollendeter Roman, Ungeduld des Herzens, erschien kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und untersucht moralische Verantwortung unter Druck. Parallel setzte er seine biografischen Studien fort und arbeitete an Projekten, die historische Forschung mit erzählerischer Verdichtung verbanden, zugleich jedoch die wachsende Bedrohung für europäische Kultur deutlich spüren ließen.
In den frühen 1940er-Jahren emigrierte Zweig zunächst in die Vereinigten Staaten und anschließend nach Brasilien. Dort entstanden in enger zeitlicher Folge seine späte Autobiografie Die Welt von Gestern und die Novelle Schachnovelle, beide im Jahr seines Todes veröffentlicht. Die Texte spiegeln Verlust, Exil und die Fragilität europäischer Zivilisation, ohne auf die erzählerische Ökonomie und psychologische Feinzeichnung zu verzichten. Zu seinen letzten groß angelegten Biografien zählt zudem Magellan, das die Tatkraft der Entdeckerfigur in den Mittelpunkt stellt. 1942 nahm sich Zweig in Petrópolis das Leben; die Verzweiflung über den Zustand Europas prägte die letzten Zeugnisse seines Schreibens.
Zweigs Nachruhm ist anhaltend und international. Seine Werke erscheinen in zahlreichen Übersetzungen, werden neu ediert und immer wieder verfilmt, etwa auf Grundlage von Brief einer Unbekannten oder Schachnovelle. Die Welt von Gestern gilt als Schlüsseltext zum Verständnis einer untergegangenen mitteleuropäischen Kultur. Zugleich löst seine Haltung zwischen entschiedenem Humanismus und politischer Zurückhaltung bis heute Debatten aus. In der Gegenwart wird er als Meister der konzentrierten Form, der empathischen Figurenzeichnung und der erzählerisch gestalteten Biografie gelesen. Damit bleibt sein Werk ein Bezugspunkt für literarische Vermittlung zwischen Nationen und Epochen sowie für essayistische und erzählerische Formen des 20. Jahrhunderts.
Stefan Zweigs Werk entstand aus dem geistigen Klima des habsburgischen Wien um 1900. Geboren 1881 in Wien, geprägt von der Ringstraßenmoderne, der Wiener Secession (1897) um Gustav Klimt, der Musik Gustav Mahlers und den Einsichten Sigmund Freuds, entwickelte er ein kosmopolitisches Ethos. Die Kaffeehauskultur – etwa im Café Central – förderte eine transnationale Gesprächsgemeinschaft, in der Deutsch, Französisch, Italienisch und Slawisch selbstverständlich koexistierten. Dieses Österreich-Ungarn, ein polyglotter Staatenverband mit Wien, Prag, Lemberg und Triest als Knotenpunkten, bildete jene urbane Selbstverständlichkeit, gegen die sich der Nationalismus des 20. Jahrhunderts richten sollte und die die Erinnerungs- und Reisetexte grundiert.
Vor 1914 begünstigten Eisenbahnnetze, Schlafwagen der Compagnie Internationale des Wagons-Lits und Dampferlinien eine europäische Mobilität, die Intellektuellen Paris, Brüssel, Rom, Zürich und London öffnete. In dieser Belle Époque verdichteten sich kulturelle Austauschkreise zwischen Verlagen, Salons und Universitäten; Korrespondenzen mit französischen Autoren wie Romain Rolland verankerten die Idee eines übernationalen Humanismus. Die Reisenden fanden Museen, Opernhäuser und Bibliotheken als gemeinsame Bezugssysteme vor. Der Pass war Grenzformalität, nicht Existenzfrage. Diese Leichtigkeit des Übergangs, die urbane Höflichkeit und das Vertrauen in stetigen Fortschritt bilden den hellen Untergrund, vor dem spätere Brüche als Zäsuren von historischer Wucht erfahrbar werden.
Mit dem August 1914 endete die Epoche. Der Erste Weltkrieg zerstörte Verkehrswege, Währungen, Gewissheiten. Autoren wurden zensiert, eingezogen oder in Propagandadienste gestellt; Zweig arbeitete 1914/15 im Österreichischen Kriegsarchiv in Wien und wandte sich bald pazifistischen Positionen zu, gestützt von Freundschaften mit Romain Rolland (Nobelpreis 1915) in Genf. Die Massenmobilisierung, der Stellungskrieg und die Kriegswirtschaft veränderten Wahrnehmung und Sprache. Bewegungen wurden zu Fluchten, Reisen zu Versetzungen. Die späteren Reflexionen über Europa und Weltregionen setzen an dieser Wende an: Sie messen Landschaften und Städte am Maß des verlorenen bürgerlichen Internationalismus und einer Ethik der Verständigung.
Zwischen 1917 und 1919 zerfielen die Vielvölkerimperien: Russland erlebte Revolution und Bürgerkrieg, die Habsburgermonarchie endete 1918, der Vertrag von Saint-Germain (10. September 1919) schuf neue Grenzen. Pass- und Visaordnungen ersetzten die alte Freizügigkeit; Minderheitenfragen, Inflation und die Flüchtlingsproblematik bestimmten Alltag und Politik. Die Gründung des Völkerbunds in Genf (1919) institutionalisierte zwar den Willen zur Verständigung, konnte aber den Nationalismus nicht bannen. Für europäische Autoren bedeutete dies eine doppelte Aufgabe: Erinnerung zu bewahren und neue Räume der Begegnung zu erkunden. Diese verschobene Kartografie bildet den Rahmen für autobiographisches Gedenken und für Beobachtungen in Ost und West.
Die 1920er Jahre brachten trotz Verwundungen eine kulturelle Verdichtung: Radio, Film, Illustrierte und die großen Verlage in Berlin, Wien, Zürich und Paris schufen internationale Öffentlichkeit. Berlin erlebte eine Avantgarde zwischen Bauhaus (ab 1919) und Neuer Sachlichkeit; Paris war Drehscheibe der Übersetzung; Wien rang mit Inflation und politischer Polarisierung. Tourismus nahm wieder zu, aber durch Pässe und Devisenkontrollen reguliert. Europäische Reisen verbanden Kunstgeschichte mit Zeitdiagnosen: Museen, Kathedralen, Theater und Bibliotheken zeigten Kontinuitäten, während Straßenszenen die Krisen der Moderne spiegelten. In dieser Landschaft schrieb man für ein mehrsprachiges Lesepublikum, das Kontinent und Welt zugleich im Blick behalten wollte.
Autoritäre Regime gewannen seit 1922 an Boden: Mussolini etablierte in Italien den Faschismus; in der Sowjetunion konsolidierte sich unter Stalin ab Ende der 1920er Jahre eine diktatorische Ordnung; Hitlers Machtübernahme 1933 in Deutschland bedeutete den Bruch mit der liberalen Öffentlichkeit. Die Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933 markierten eine Ikone der Kulturzerstörung. Österreich wurde 1938 im „Anschluss“ an das Deutsche Reich annektiert. Für schreibende Europäer verschoben sich Routen, Themen, Tonlagen: Zensur, Selbstzensur, Exil, Emigration und die Frage, ob Reisen noch freiwillige Wahl oder erzwungene Bewegung waren, prägten Darstellung und Urteil über Städte, Länder und politische Ordnungen.
Die jüdische Herkunft vieler Autorinnen und Autoren, auch aus assimilierten, bürgerlichen Familien, rückte durch rassistische Gesetzgebung in existenzielle Nähe. Die Nürnberger Gesetze (1935) und die Verfolgungen nach 1938 in Österreich erzeugten Staatenlosigkeit, die sich im Dokumentenregime der Zeit niederschlug: entwertete Pässe, Transitvisa, Quoten. Bewegungen, die vormals kulturelle Pilgerfahrten waren, wurden zu Rettungswegen. Diese Erfahrung der Unsicherheit – zwischen Wien, Paris, Zürich, London und überseeischen Häfen – prägt die rückblickende Sicht auf das alte Europa ebenso wie die aufmerksame, oft hoffnungsvolle Wahrnehmung außereuropäischer Gesellschaften, die als Zuflucht, Spiegel oder Gegenwelt betrachtet wurden.
Die Verlagslandschaft spiegelt politische Verwerfungen. S. Fischer (Berlin) publizierte vor 1933 zentrale Werke deutscher Literatur; nach der nationalsozialistischen Machtübernahme gingen Exilverlage hervor: Bermann-Fischer verlegte in Wien und ab 1936/37 in Stockholm, daneben arbeiteten Querido und Allert de Lange in Amsterdam, Oprecht in Zürich. Übersetzungsrechte, Zensurauflagen, Devisenbewirtschaftung und Postwege bestimmten, wo und wie Texte erschienen. Diese Institutionengeschichte betrifft Erinnerungen und Reiseberichte gleichermaßen: Sie erklärt, warum Bücher zeitversetzt, in unterschiedlichen Sprachräumen und oft in skandinavischen, schweizerischen oder lateinamerikanischen Exilverlagen veröffentlicht wurden – ein Befund, der die geographische Spur des Exils materiell nachvollziehbar macht.
Die biographische Migrationslinie folgt den politischen Verdichtungen Europas. Nach Jahren in Salzburg (Villa am Kapuzinerberg, etwa 1919–1934) führte Druck von rechtsautoritären Kräften zur Übersiedlung nach England (ab 1934). London, Bath und Oxford boten intellektuelle Zuflucht; 1940 erwarb er die britische Staatsbürgerschaft. 1940/41 kam es zur transatlantischen Passage nach New York; von dort führte der Weg weiter nach Südamerika, unter anderem nach Rio de Janeiro und Petrópolis. Das Todesdatum 22. Februar 1942 in Petrópolis, Brasilien, markiert eine tragische Endstation. Diese Stationen rahmen die doppelte Perspektive: Rückblick auf das europäische „Gestern“ und tastende Annäherung an neue, amerikanische Möglichkeiten.
Lateinamerika erschien europäischen Emigranten als offener Raum. Brasilien, politisch seit 1930 unter Getúlio Vargas, ab 1937 im Estado Novo, verband Modernisierungsambitionen mit autoritärer Steuerung. Rio de Janeiro, São Paulo und Porto Alegre wurden zu Zentren industrieller Entwicklung und kultureller Diversität, geprägt von Einwanderung aus Europa. Zwischen 1936 und 1941 fanden Vortragsreisen und Aufenthalte statt, die deutschsprachige Exilnetzwerke mit brasilianischen Institutionen verbanden. In dieser Begegnung verband sich die Suche nach Sicherheit mit Bewunderung für ein Land, das trotz Widersprüchen als Zukunftsversprechen gelesen wurde. Die Beobachtung einer pluralen Gesellschaft kontrastierte scharf mit dem zerstörten europäischen Gemeinwesen.
Russland war seit 1917 Projektionsfläche und Prüfstein. Die Neue Ökonomische Politik (NEP, 1921–1928), die Kollektivierung und die Fünfjahrpläne ab 1928, schließlich die Moskauer Schauprozesse (1936–1938) prägten westliche Debatten. Kulturinstitutionen luden ausländische Schriftsteller ein; Reisen folgten oft kuratierten Programmen. Namen wie Maxim Gorki (Rückkehr 1928, Tod 1936), Wladimir Majakowski (†1930), George Bernard Shaw (Besuch 1931) und André Gide (Retour de l’U.R.S.S., 1936) markieren die Spannweite der Reaktionen. Für europäische Beobachter verband sich Neugier auf soziale Experimente mit Skepsis gegenüber Repression und Ideologie – ein Spannungsfeld, das Reiseeindrücke, Tonfall und Urteilskraft gleichermaßen strukturierte.
Das geistige Koordinatensystem blieb der europäische Humanismus. Erasmus von Rotterdam – dessen Leben Zweig 1934 in einer Biographie deutete – und Michel de Montaigne standen für eine Ethik des Maßes, der Toleranz und der Gesprächsfähigkeit über Grenzen hinweg. Diese Figuren verbanden Amsterdam, Basel, Paris und die Universitätsstädte Europas zu historischen Kulissen eines supranationalen Denkens. In den 1920er und 1930er Jahren diente dieses Erbe als Kontrastfolie zur anbrandenden Ideologie. Reisen zu Bibliotheken, Archiven und Erinnerungsorten knüpften an diese Tradition an: Sie suchten im Raum, was in der Zeit zu verschwinden drohte – eine transnationale Kultur der Vernunft.
Technik und Medien veränderten Wahrnehmung. Schlafwagen, Schnellzüge und die großen Alpenbahnen (Simplon, Arlberg) verkürzten Entfernungen; Ozeandampfer verbanden Southampton, Cherbourg und New York, später auch Rio de Janeiro. Das Telegramm, der internationale Postverkehr und Presseagenturen beschleunigten Nachrichtenströme; Feuilletons, Essays und Reportagen verbanden Beobachtung und Urteil. Mit dem Aufkommen der Massenpresse entstanden Reisefeuilletons als eigenständige Form, die Landschaft, Stadtbild, soziale Fragen und politische Atmosphären verwebt. Zugleich verschärften Visaregeln die Bedingungen des Grenzübertritts. Diese Ambivalenz – technische Beschleunigung bei politischer Behinderung – prägt die Grundstimmung, in der europäische und außereuropäische Räume beschrieben wurden.
Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 erschütterte Europa und die Amerikas. Bankenzusammenbrüche, Arbeitslosigkeit und Protektionismus veränderten die sozialen Texturen von Berlin, Wien und Paris ebenso wie von New York, Buenos Aires und São Paulo. Wanderungsbewegungen nahmen zu, zugleich verschärften Staaten Einreisebestimmungen. Hilfsorganisationen wie der 1935 gegründete American Guild for German Cultural Freedom und Stiftungen unterstützten verfolgte Intellektuelle. Diese Konjunkturen bestimmten Reiserouten, Themen und Adressaten: Beobachtungen galten nun auch der sozialen Not, den improvisierten Exilnetzwerken in Hotels, Cafés und Lesesälen, der Solidarität über Sprachen hinweg – und der Frage, wo ein neues, dauerhaftes Zuhause entstehen könne.
Zwischen Nationalismus und Integration standen Ideen einer europäischen Einigung. Richard Coudenhove-Kalergi gründete 1923 die Paneuropa-Union; die Verträge von Locarno (1925) und der Kellogg-Briand-Pakt (1928) schienen Krieg zu ächten; Aristide Briand schlug 1929 im Völkerbund eine europäische Föderation vor. Diese Projekte gaben dem kosmopolitischen Ideal institutionelle Form, scheiterten aber an der politischen Radikalisierung der 1930er Jahre. Das Spannungsfeld prägte die Reflexion über Europa als Kultur- und Rechtsgemeinschaft. Reisen durch die alten Universitäts- und Handelsstädte, von Basel und Genf über Straßburg bis Antwerpen, wurden so zu Erkundungen eines möglichen, aber gefährdeten Kontinents der Verständigung.
Der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939, die Kapitulation Frankreichs 1940, der Blitz auf London und die U-Boot-Gefahr auf dem Atlantik verengten Fluchtwege. Häfen wie Lissabon und Marseille wurden zu Transitknoten, New York und Rio de Janeiro zu Ankunftsorten. Die transatlantische Passage 1940/41 verband die europäische Krise mit amerikanischen Hoffnungen und Unsicherheiten. In den Amerikas entstanden neue Kommunikationskreise, deutschsprachige Zeitungen, Vortragsreihen, Verlagskontakte. Diese globalisierte Erfahrung – zwischen Heimweh, Dankbarkeit und kritischer Beobachtung – rahmt die letzten Jahre und verleiht Erinnerungen und Reisebetrachtungen jenen Ton, der Verlust, Vergleich und Erwartung miteinander vermittelt.
Die Nachgeschichte der Texte ist Teil ihres Kontexts. 1942 erschienen in Stockholm bei Bermann-Fischer posthum zentrale Werke; am 22. Februar 1942 nahmen sich der Autor und seine Frau Lotte in Petrópolis das Leben. Seither wurden die Erinnerungs- und Reiseschriften als Dokumente eines untergegangenen Europas und als Zeugnisse des Exils gelesen. Nach 1945 eröffneten europäische Integrationsschritte – Europarat 1949, Römische Verträge 1957 – eine späte Perspektive auf jenes Ideal der Verständigung, das die Texte tragen. Die weltweite Rezeption, Übersetzungen und Neuauflagen zeigen, wie sehr historische Erfahrung, Reisebeobachtung und moralischer Appell zu einem bleibenden Ganzen verschmelzen.
Autobiografische Rückschau auf die versunkene Welt der Donaumonarchie und das liberale, kosmopolitische Europa vor 1914; schildert den Zusammenbruch durch Krieg, Nationalismus und Exil als persönliche und kulturelle Zäsur.
Reise- und Kulturessay, der Brasiliens Größe, ethnische Vielfalt und kreative Energie als Hoffnungssignal für eine neue, weniger eurozentrische Moderne deutet; kontrastiert den brasilianischen Aufbruch mit der Krise Europas der 1930er Jahre.
Reportageartige Eindrücke aus der frühen Sowjetunion mit Beobachtungen zu Alltag, Kunst und Literatur sowie zur Spannung zwischen revolutionärem Anspruch und materieller Knappheit; reflektiert die Rolle der Intellektuellen und die Grenzen geistiger Freiheit.
Gesammelte Reisebilder und Essays über Städte und Kulturlandschaften des Kontinents, die Atmosphäre, Geschichte und Kunst einzelner Orte einfangen; betont Europas kulturelle Vielfalt und das verbindende Erbe jenseits nationaler Grenzen.
Bermann-Fischer, Stockholm 1944
»Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht.«
Shakespeare, ›Cymbeline‹
Inhalt
Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen. Viel mußte sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt. Nichts liegt mir ferner, als mich damit voranzustellen, es sei denn im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag; die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, und es wird eigentlich nicht so sehr mein Schicksal sein, das ich erzähle, sondern das einer ganzen Generation – unserer einmaligen Generation, die wie kaum eine im Laufe der Geschichte mit Schicksal beladen war. Jeder von uns, auch der Kleinste und Geringste, ist in seiner innersten Existenz aufgewühlt worden von den fast pausenlosen vulkanischen Erschütterungen unserer europäischen Erde; und ich weiß mir inmitten der Unzähligen keinen anderen Vorrang zuzusprechen als den einen: als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist jeweils just dort gestanden zu sein, wo diese Erdstöße am heftigsten sich auswirkten. Sie haben mir dreimal Haus und Existenz umgeworfen, mich von jedem Einstigen und Vergangenen gelöst und mit ihrer dramatischen Vehemenz ins Leere geschleudert, in das mir schon wohlbekannte ›Ich weiß nicht wohin‹. Aber ich beklagte das nicht; gerade der Heimatlose wird in einem neuen Sinne frei, und nur der mit nichts mehr Verbundene braucht auf nichts mehr Rücksicht zu nehmen. So hoffe ich, wenigstens eine Hauptbedingung jeder rechtschaffenen Zeitdarstellung erfüllen zu können: Aufrichtigkeit und Unbefangenheit.
Denn losgelöst von allen Wurzeln und selbst von der Erde, die diese Wurzeln nährte, – das bin ich wahrhaftig wie selten einer in den Zeiten. Ich bin 1881 in einem großen und mächtigen Kaiserreiche geboren, in der Monarchie der Habsburger, aber man suche sie nicht auf der Karte: sie ist weggewaschen ohne Spur. Ich bin aufgewachsen in Wien, der zweitausendjährigen übernationalen Metropole, und habe sie wie ein Verbrecher verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt. Mein literarisches Werk ist in der Sprache, in der ich es geschrieben, zu Asche gebrannt worden, in eben demselben Lande, wo meine Bücher Millionen Leser sich zu Freunden gemacht. So gehöre ich nirgends mehr hin, überall Fremder und bestenfalls Gast; auch die eigentliche Heimat, die mein Herz sich erwählt, Europa, ist mir verloren, seit es sich zum zweitenmal selbstmörderisch zerfleischt im Bruderkriege. Wider meinen Willen bin ich Zeuge geworden der furchtbarsten Niederlage der Vernunft und des wildesten Triumphes der Brutalität innerhalb der Chronik der Zeiten; nie – ich verzeichne dies keineswegs mit Stolz, sondern mit Beschämung – hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere. In dem einen kleinen Intervall, seit mir der Bart zu sprossen begann und seit er zu ergrauen beginnt, in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast! So verschieden ist mein Heute von jedem meiner Gestern, meine Aufstiege und meine Abstürze, daß mich manchmal dünkt, ich hätte nicht bloß eine, sondern mehrere, völlig voneinander verschiedene Existenzen gelebt. Denn es geschieht mir oft, daß, wenn ich achtlos erwähne: ›Mein Leben‹, ich mich unwillkürlich frage: ›Welches Leben?‹ Das vor dem Weltkriege, das vor dem ersten oder das vor dem zweiten oder das Leben von heute? Dann wieder ertappe ich mich dabei, daß ich sage: ›Mein Haus‹ und nicht gleich weiß, welches der einstigen ich meinte, ob das in Bath oder in Salzburg oder das Elternhaus in Wien. Oder daß ich ›bei uns‹ sage und erschrocken mich erinnern muß, daß ich für die Menschen meiner Heimat längst ebensowenig dazugehöre wie für die Engländer oder für die Amerikaner, dort nicht mehr organisch verbunden und hier wiederum niemals ganz eingegliedert; die Welt, in der ich aufgewachsen bin, und die von heute und die zwischen beiden sondern sich immer mehr für mein Gefühl zu völlig verschiedenen Welten. Jedesmal, wenn ich im Gespräch jüngeren Freunden Episoden aus der Zeit vor dem ersten Kriege erzähle, merke ich an ihren erstaunten Fragen, wieviel für sie schon historisch oder unvorstellbar von dem geworden ist, was für mich noch selbstverständliche Realität bedeutet. Und ein geheimer Instinkt in mir gibt ihnen recht: zwischen unserem Heute, unserem Gestern und Vorgestern sind alle Brücken abgebrochen. Ich selbst kann nicht umhin, mich zu verwundern über die Fülle, die Vielfalt, die wir in den knappen Raum einer einzigen – freilich höchst unbequemen und gefährdeten – Existenz gepreßt haben, und schon gar, wenn ich sie mit der Lebensform meiner Vorfahren vergleiche. Mein Vater, mein Großvater, was haben sie gesehen? Sie lebten jeder ihr Leben in der Einform. Ein einziges Leben vom Anfang bis zum Ende, ohne Aufstiege, ohne Stürze, ohne Erschütterung und Gefahr, ein Leben mit kleinen Spannungen, unmerklichen Übergängen; in gleichem Rhythmus, gemächlich und still, trug sie die Welle der Zeit von der Wiege bis zum Grabe. Sie lebten im selben Land, in derselben Stadt und fast immer sogar im selben Haus; was außen in der Welt geschah, ereignete sich eigentlich nur in der Zeitung und pochte nicht an ihre Zimmertür. Irgendein Krieg geschah wohl irgendwo in ihren Tagen, aber doch nur ein Kriegchen, gemessen an den Dimensionen von heute, und er spielte sich weit an der Grenze ab, man hörte nicht die Kanonen, und nach einem halben Jahre war er erloschen, vergessen, ein dürres Blatt Geschichte, und es begann wieder das alte, dasselbe Leben. Wir aber lebten alles ohne Wiederkehr, nichts blieb vom Früheren, nichts kam zurück; uns war im Maximum mitzumachen vorbehalten, was sonst die Geschichte sparsam jeweils auf ein einzelnes Land, auf ein einzelnes Jahrhundert verteilt. Die eine Generation hatte allenfalls eine Revolution mitgemacht, die andere einen Putsch, die dritte einen Krieg, die vierte eine Hungersnot, die fünfte einen Staatsbankrott, – und manche gesegneten Länder, gesegneten Generationen sogar überhaupt nichts von dem allen. Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt? Wir haben den Katalog aller nur denkbaren Katastrophen durchgeackert von einem zum anderen Ende (und sind noch immer nicht beim letzten Blatt). Ich allein bin Zeitgenosse der beiden größten Kriege der Menschheit gewesen und habe sogar jeden erlebt auf einer anderen Front, den einen auf der deutschen, den anderen auf der antideutschen. Ich habe im Vorkrieg die höchste Stufe und Form individueller Freiheit und nachdem ihren tiefsten Stand seit Hunderten Jahren gekannt, ich bin gefeiert gewesen und geächtet, frei und unfrei, reich und arm. Alle die fahlen Rosse der Apokalypse sind durch mein Leben gestürmt, Revolution und Hungersnot, Geldentwertung und Terror, Epidemien und Emigration; ich habe die großen Massenideologien unter meinen Augen wachsen und sich ausbreiten sehen, den Faschismus in Italien, den Nationalsozialismus in Deutschland, den Bolschewismus in Rußland und vor allem jene Erzpest, den Nationalismus, der die Blüte unserer europäischen Kultur vergiftet hat. Ich mußte wehrloser, machtloser Zeuge sein des unvorstellbaren Rückfalls der Menschheit in längst vergessen gemeinte Barbarei mit ihrem bewußten und programmatischen Dogma der Antihumanität. Uns war es vorbehalten, wieder seit Jahrhunderten Kriege ohne Kriegserklärungen, Konzentrationslager, Folterungen, Massenberaubungen und Bombenangriffe auf wehrlose Städte zu sehen, Bestialitäten all dies, welche die letzten fünfzig Generationen nicht mehr gekannt haben und künftige hoffentlich nicht mehr erdulden werden. Aber paradoxerweise habe ich auch in ebenderselben Zeit, da unsere Welt im Moralischen zurückstürzte um ein Jahrtausend, dieselbe Menschheit im Technischen und Geistigen sich zu ungeahnten Taten erheben sehen, mit einem Flügelschlag alles in Millionen Jahren Geleistete überholend: die Eroberung des Äthers durch das Flugzeug, die Übermittlung des irdischen Worts in derselben Sekunde über den Erdball und damit die Besiegung des Weltraums, die Zerspaltung des Atoms, die Besiegung der heimtückischsten Krankheiten, die fast tägliche Ermöglichung des gestern noch Unmöglichen. Nie bis zu unserer Stunde hat sich die Menschheit als Gesamtheit teuflischer gebärdet und nie so Gottähnliches geleistet.
Dies unser gespanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht, denn – ich wiederhole – jeder war Zeuge dieser ungeheuren Verwandlungen, jeder war genötigt Zeuge zu sein. Für unsere Generation gab es kein Entweichen, kein Sich-abseits-Stellen wie in den früheren; wir waren dank unserer neuen Organisation der Gleichzeitigkeit ständig einbezogen in die Zeit. Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmetterten, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein. Es gab kein Land, in das man flüchten, keine Stille, die man kaufen konnte, immer und überall griff uns die Hand des Schicksals und zerrte uns zurück in sein unersättliches Spiel.
Ständig mußte man sich Forderungen des Staates unterordnen, der stupidesten Politik zur Beute hinwerfen, den phantastischsten Veränderungen anpassen, immer war man an das Gemeinsame gekettet, so erbittert man sich wehrte; es riß einen mit, unwiderstehlich. Wer immer durch diese Zeit ging oder vielmehr gejagt und gehetzt wurde – wir haben wenig Atempausen gekannt –, hat mehr Geschichte miterlebt als irgendeiner seiner Ahnen. Auch heute stehen wir abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn. Ich handle darum durchaus nicht absichtslos, wenn ich diesen Rückblick auf mein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden lasse. Denn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat. Aber wenn wir mit unserem Zeugnis auch nur einen Splitter Wahrheit aus ihrem zerfallenen Gefüge der nächsten Generation übermitteln, so haben wir nicht ganz vergebens gewirkt.
Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren. Aber die gute Kunst, Verlorenem nicht nachzutrauern, hat unsere Generation gründlich gelernt, und vielleicht wird der Verlust an Dokumentierung und Detail diesem meinem Buche sogar zum Gewinn. Denn ich betrachte unser Gedächtnis nicht als ein das eine bloß zufällig behaltendes und das andere zufällig verlierendes Element, sondern als eine wissend ordnende und weise ausschaltende Kraft. Alles, was man aus seinem eigenen Leben vergißt, war eigentlich von einem inneren Instinkt längst schon verurteilt gewesen, vergessen zu werden. Nur was ich selber bewahren will, hat ein Anrecht, für andere bewahrt zu werden. So sprecht und wählt, ihr Erinnerungen, statt meiner, und gebt wenigstens einen Spiegelschein meines Lebens, ehe es ins Dunkel sinkt!
Still und ruhig auferzogen Wirft man uns auf einmal in die Welt, Und umspülen hunderttausend Wogen, Alles reizt uns, mancherlei gefällt, Mancherlei verdrießt uns und von Stund zu Stunden Schwankt das leicht unruhige Gefühl, Wir empfinden, und was wir empfunden Spült hinweg das bunte Weltgefühl.
Goethe
Wenn ich versuche, für die Zeit vor dem Ersten Weltkriege, in der ich aufgewachsen bin, eine handliche Formel zu finden, so hoffe ich am prägnantesten zu sein, wenn ich sage: es war das goldene Zeitalter der Sicherheit[1q]. Alles in unserer fast tausendjährigen österreichischen Monarchie schien auf Dauer gegründet und der Staat selbst der oberste Garant dieser Beständigkeit. Die Rechte, die er seinen Bürgern gewährte, waren verbrieft vom Parlament, der frei gewählten Vertretung des Volkes, und jede Pflicht genau begrenzt. Unsere Währung, die österreichische Krone, lief in blanken Goldstücken um und verbürgte damit ihre Unwandelbarkeit. Jeder wußte, wieviel er besaß oder wieviel ihm zukam, was erlaubt und was verboten war. Alles hatte seine Norm, sein bestimmtes Maß und Gewicht. Wer ein Vermögen besaß, konnte genau errechnen, wieviel an Zinsen es alljährlich zubrachte, der Beamte, der Offizier wiederum fand im Kalender verläßlich das Jahr, in dem er avancieren werde und in dem er in Pension gehen würde. Jede Familie hatte ihr bestimmtes Budget, sie wußte, wieviel sie zu verbrauchen hatte für Wohnen und Essen, für Sommerreise und Repräsentation, außerdem war unweigerlich ein kleiner Betrag sorgsam für Unvorhergesehenes, für Krankheit und Arzt bereitgestellt. Wer ein Haus besaß, betrachtete es als sichere Heimstatt für Kinder und Enkel, Hof und Geschäft vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht; während ein Säugling noch in der Wiege lag, legte man in der Sparbüchse oder der Sparkasse bereits einen ersten Obolus für den Lebensweg zurecht, eine kleine ›Reserve‹ für die Zukunft. Alles stand in diesem weiten Reiche fest und unverrückbar an seiner Stelle und an der höchsten der greise Kaiser; aber sollte er sterben, so wußte man (oder meinte man), würde ein anderer kommen und nichts sich ändern in der wohlberechneten Ordnung. Niemand glaubte an Kriege, an Revolutionen und Umstürze. Alles Radikale, alles Gewaltsame schien bereits unmöglich in einem Zeitalter der Vernunft.
Dieses Gefühl der Sicherheit war der erstrebenswerteste Besitz von Millionen, das gemeinsame Lebensideal. Nur mit dieser Sicherheit galt das Leben als lebenswert, und immer weitere Kreise begehrten ihren Teil an diesem kostbaren Gut. Erst waren es nur die Besitzenden, die sich dieses Vorzugs erfreuten, allmählich aber drängten die breiten Massen heran; das Jahrhundert der Sicherheit wurde das goldene Zeitalter des Versicherungswesens. Man assekurierte sein Haus gegen Feuer und Einbruch, sein Feld gegen Hagel und Wetterschaden, seinen Körper gegen Unfall und Krankheit, man kaufte sich Leibrenten für das Alter und legte den Mädchen eine Police in die Wiege für die künftige Mitgift. Schließlich organisierten sich sogar die Arbeiter, eroberten sich einen normalisierten Lohn und Krankenkassen, Dienstboten sparten sich eine Altersversicherung und zahlten im voraus ein in die Sterbekasse für ihr eigenes Begräbnis. Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoß mit gutem Gefühl die Gegenwart.
In diesem rührenden Vertrauen, sein Leben bis auf die letzte Lücke verpalisadieren zu können gegen jeden Einbruch des Schicksals, lag trotz aller Solidität und Bescheidenheit der Lebensauffassung eine große und gefährliche Hoffart. Das neunzehnte Jahrhundert war in seinem liberalistischen Idealismus ehrlich überzeugt, auf dem geraden und unfehlbaren Weg zur ›besten aller Welten‹ zu sein. Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen. Jetzt aber war es doch nur eine Angelegenheit von Jahrzehnten, bis das letzte Böse und Gewalttätige endgültig überwunden sein würde, und dieser Glaube an den ununterbrochenen, unaufhaltsamen ›Fortschritt‹ hatte für jenes Zeitalter wahrhaftig die Kraft einer Religion; man glaubte an diesen ›Fortschritt‹ schon mehr als an die Bibel, und sein Evangelium schien unumstößlich bewiesen durch die täglich neuen Wunder der Wissenschaft und der Technik. In der Tat wurde ein allgemeiner Aufstieg zu Ende dieses friedlichen Jahrhunderts immer sichtbarer, immer geschwinder, immer vielfältiger. Auf den Straßen flammten des Nachts statt der trüben Lichter elektrische Lampen, die Geschäfte trugen von den Hauptstraßen ihren verführerischen neuen Glanz bis in die Vorstädte, schon konnte dank des Telephons der Mensch zum Menschen in die Ferne sprechen, schon flog er dahin im pferdelosen Wagen mit neuen Geschwindigkeiten, schon schwang er sich empor in die Lüfte im erfüllten Ikarustraum. Der Komfort drang aus den vornehmen Häusern in die bürgerlichen, nicht mehr mußte das Wasser vom Brunnen oder Gang geholt werden, nicht mehr mühsam am Herd das Feuer entzündet, die Hygiene verbreitete sich, der Schmutz verschwand. Die Menschen wurden schöner, kräftiger, gesünder, seit der Sport ihnen die Körper stählte, immer seltener sah man Verkrüppelte, Kropfige, Verstümmelte auf den Straßen, und alle diese Wunder hatte die Wissenschaft vollbracht, dieser Erzengel des Fortschritts. Auch im Sozialen ging es voran; von Jahr zu Jahr wurden dem Individuum neue Rechte gegeben, die Justiz linder und humaner gehandhabt, und selbst das Problem der Probleme, die Armut der großen Massen, schien nicht mehr unüberwindlich. Immer weiteren Kreisen gewährte man das Wahlrecht und damit die Möglichkeit, legal ihre Interessen zu verteidigen, Soziologen und Professoren wetteiferten, die Lebenshaltung des Proletariats gesünder und sogar glücklicher zu gestalten – was Wunder darum, wenn dieses Jahrhundert sich an seiner eigenen Leistung sonnte und jedes beendete Jahrzehnt nur als die Vorstufe eines besseren empfand? An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas, glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie, die Grenzen von Divergenzen zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen ins gemeinsame Humane und damit Friede und Sicherheit, diese höchsten Güter, der ganzen Menschheit zugeteilt sein.
Es ist billig für uns heute, die wir das Wort ›Sicherheit‹ längst als ein Phantom aus unserem Vokabular gestrichen haben, den optimistischen Wahn jener idealistisch verblendeten Generation zu belächeln, der technische Fortschritt der Menschheit müsse unbedingterweise einen gleich rapiden moralischen Aufstieg zur Folge haben. Wir, die wir im neuen Jahrhundert gelernt haben, von keinem Ausbruch kollektiver Bestialität uns mehr überraschen zu lassen, wir, die wir von jedem kommenden Tag noch Ruchloseres erwarteten als von dem vergangenen, sind bedeutend skeptischer hinsichtlich einer moralischen Erziehbarkeit der Menschen. Wir mußten Freud recht geben, wenn er in unserer Kultur, unserer Zivilisation nur eine dünne Schicht sah, die jeden Augenblick von den destruktiven Kräften der Unterwelt durchstoßen werden kann, wir haben allmählich uns gewöhnen müssen, ohne Boden unter unseren Füßen zu leben, ohne Recht, ohne Freiheit, ohne Sicherheit. Längst haben wir für unsere eigene Existenz der Religion unserer Väter, ihrem Glauben an einen raschen und andauernden Aufstieg der Humanität abgesagt; banal scheint uns grausam Belehrten jener voreilige Optimismus angesichts einer Katastrophe, die mit einem einzigen Stoß uns um tausend Jahre humaner Bemühungen zurückgeworfen hat. Aber wenn auch nur Wahn, so war es doch ein wundervoller und edler Wahn, dem unsere Väter dienten, menschlicher und fruchtbarer als die Parolen von heute. Und etwas in mir kann sich geheimnisvollerweise trotz aller Erkenntnis und Enttäuschung nicht ganz von ihm loslösen. Was ein Mensch in seiner Kindheit aus der Luft der Zeit in sein Blut genommen, bleibt unausscheidbar. Und trotz allem und allem, was jeder Tag mir in die Ohren schmettert, was ich selbst und unzählige Schicksalsgenossen an Erniedrigung und Prüfungen erfahren haben, ich vermag den Glauben meiner Jugend nicht ganz zu verleugnen, daß es wieder einmal aufwärts gehen wird trotz allem und allem. Selbst aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.
Heute, da das große Gewitter sie längst zerschmettert hat, wissen wir endgültig, daß jene Welt der Sicherheit ein Traumschloß gewesen. Aber doch, meine Eltern haben darin gewohnt wie in einem steinernen Haus. Kein einziges Mal ist ein Sturm oder eine scharfe Zugluft in ihre warme, behagliche Existenz eingebrochen; freilich hatten sie noch einen besonderen Windschutz: sie waren vermögende Leute, die allmählich reich und sogar sehr reich wurden, und das polsterte in jenen Zeiten verläßlich Fenster und Wand. Ihre Lebensform scheint mir dermaßen typisch für das sogenannte ›gute jüdische Bürgertum‹, das der Wiener Kultur so wesentliche Werte gegeben hat und zum Dank dafür völlig ausgerottet wurde, daß ich mit dem Bericht ihres gemächlichen und lautlosen Daseins eigentlich etwas Unpersönliches erzähle: so wie meine Eltern haben zehntausend oder zwanzigtausend Familien in Wien gelebt in jenem Jahrhundert der gesicherten Werte.
Die Familie meines Vaters stammte aus Mähren. In kleinen ländlichen Orten lebten dort die jüdischen Gemeinden in bestem Einvernehmen mit der Bauernschaft und dem Kleinbürgertum; so fehlte ihnen völlig die Gedrücktheit und andererseits die geschmeidig vordrängende Ungeduld der galizischen, der östlichen Juden. Stark und kräftig durch das Leben auf dem Lande, schritten sie sicher und ruhig ihren Weg wie die Bauern ihrer Heimat über das Feld. Früh vom orthodox Religiösen emanzipiert, waren sie leidenschaftliche Anhänger der Zeitreligion des ›Fortschritts‹ und stellten in der politischen Ära des Liberalismus die geachtetsten Abgeordneten im Parlament. Wenn sie aus ihrer Heimat nach Wien übersiedelten, paßten sie sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit der höheren Kultursphäre an, und ihr persönlicher Aufstieg verband sich organisch dem allgemeinen Aufschwung der Zeit. Auch in dieser Form des Übergangs war unsere Familie durchaus typisch. Mein Großvater väterlicherseits hatte Manufakturwaren vertrieben. Dann begann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die industrielle Konjunktur in Österreich. Die aus England importierten mechanischen Webstühle und Spinnmaschinen brachten durch Rationalisierung eine ungeheure Verbilligung gegenüber der altgeübten Handweberei, und mit ihrer kommerziellen Beobachtungsgabe, ihrem internationalen Überblick waren es die jüdischen Kaufleute, die als erste in Österreich die Notwendigkeit und Ergiebigkeit einer Umstellung auf industrielle Produktion erkannten. Sie gründeten mit meist geringem Kapital jene rasch improvisierten, zunächst nur mit Wasserkraft betriebenen Fabriken, die sich allmählich zur mächtigen, ganz Österreich und den Balkan beherrschenden böhmischen Textilindustrie erweiterten. Während also mein Großvater als typischer Vertreter der früheren Epoche nur dem Zwischenhandel mit Fertigprodukten gedient, ging mein Vater schon entschlossen hinüber in die neue Zeit, indem er in Nordböhmen in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahr eine kleine Weberei begründete, die er dann im Laufe der Jahre langsam und vorsichtig zu einem stattlichen Unternehmen ausbaute.
Solche vorsichtige Art der Erweiterung trotz einer verlockend günstigen Konjunktur lag durchaus im Sinne der Zeit. Sie entsprach außerdem noch besonders der zurückhaltenden und durchaus ungierigen Natur meines Vaters. Er hatte das Credo seiner Epoche ›Safety first‹ in sich aufgenommen; es war ihm wesentlicher, ein ›solides‹ – auch dies ein Lieblingswort jener Zeit – Unternehmen mit eigener Kapitalkraft zu besitzen, als es durch Bankkredite oder Hypotheken ins Großdimensionale auszubauen. Daß zeitlebens nie jemand seinen Namen auf einem Schuldschein, einem Wechsel gesehen hatte und er nur immer auf der Habenseite seiner Bank – selbstverständlich der solidesten, der Rothschildbank, der Kreditanstalt – gestanden, war sein einziger Lebensstolz. Jeglicher Verdienst mit auch nur dem leisesten Schatten eines Risikos war ihm zuwider, und durch all seine Jahre beteiligte er sich niemals an einem fremden Geschäft. Wenn er dennoch allmählich reich und immer reicher wurde, hatte er dies keineswegs verwegenen Spekulationen oder besonders weitsichtigen Operationen zu danken, sondern der Anpassung an die allgemeine Methode jener vorsichtigen Zeit, immer nur einen bescheidenen Teil des Einkommens zu verbrauchen und demzufolge von Jahr zu Jahr einen immer beträchtlicheren Betrag dem Kapital zuzulegen. Wie die meisten seiner Generation hätte mein Vater jemanden schon als bedenklichen Verschwender betrachtet, der unbesorgt die Hälfte seiner Einkünfte aufzehrte, ohne – auch dies ein ständiges Wort aus jenem Zeitalter der Sicherheit – ›an die Zukunft zu denken‹. Dank diesem ständigen Zurücklegen der Gewinne bedeutete in jener Epoche steigender Prosperität, wo überdies der Staat nicht daran dachte, auch von den stattlichsten Einkommen mehr als ein paar Prozent an Steuern abzuknappen und andererseits die Staats-und Industriewerte hohe Verzinsung brachten, für den Vermögenden das Immer-reicher-Werden eigentlich nur eine passive Leistung. Und sie lohnte sich; noch wurde nicht wie in den Zeiten der Inflation der Sparsame bestohlen, der Solide geprellt, und gerade die Geduldigsten, die Nichtspekulanten hatten den besten Gewinn. Dank dieser Anpassung an das allgemeine System seiner Zeit konnte mein Vater schon in seinem fünfzigsten Jahre auch nach internationalen Begriffen als sehr vermögender Mann gelten. Aber nur sehr zögernd folgte die Lebenshaltung unserer Familie dem immer rascheren Anstieg des Vermögens nach. Man legte sich allmählich kleine Bequemlichkeiten zu, wir übersiedelten aus einer kleinen Wohnung in eine größere, man hielt sich im Frühjahr für die Nachmittage einen Mietswagen, reiste zweiter Klasse mit Schlafwagen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahr gönnte sich mein Vater zum erstenmal den Luxus, mit meiner Mutter für einen Monat im Winter nach Nizza zu fahren. Im ganzen blieb die Grundhaltung, Reichtum zu genießen, indem man ihn hatte und nicht indem man ihn zeigte, völlig unverändert; noch als Millionär hat mein Vater noch nie eine Importe geraucht, sondern – wie Kaiser Franz Joseph seine billige Virginia – die einfache ärarische Trabuco, und wenn er Karten spielte, geschah es immer nur um kleine Einsätze. Unbeugsam hielt er an seiner Zurückhaltung, seinem behaglichen, aber diskreten Leben fest. Obwohl ungleich repräsentabler und gebildeter als die meisten seiner Kollegen – er spielte ausgezeichnet Klavier, schrieb klar und gut, sprach Französisch und Englisch – hat er beharrlich sich jeder Ehre und jedem Ehrenamt verweigert, zeitlebens keinen Titel, keine Würde angestrebt oder angenommen, wie sie ihm oft in seiner Stellung als Großindustrieller angeboten wurde. Niemals jemanden um etwas gebeten zu haben, niemals zu ›bitte‹ oder ›danke‹ verpflichtet gewesen zu sein, dieser geheime Stolz bedeutete ihm mehr als jede Äußerlichkeit.
Nun kommt im Leben eines jedweden unweigerlich die Zeit, da er im Bilde seines Wesens dem eigenen Vater wiederbegegnet. Jener Wesenszug zum Privaten, zum Anonymen der Lebenshaltung beginnt sich in mir jetzt von Jahr zu Jahr stärker zu entwickeln, so sehr er eigentlich im Widerspruch steht zu meinem Beruf, der Name und Person gewissermaßen zwanghaft publik macht. Aber aus dem gleichen geheimen Stolz habe ich seit je jede Form äußerer Ehrung abgelehnt, keinen Orden, keinen Titel, keine Präsidentschaft in irgendeinem Vereine angenommen, nie einer Akademie, einem Vorstand, einer Jury angehört; selbst an einer festlichen Tafel zu sitzen ist mir eine Qual, und schon der Gedanke, jemanden um etwas anzusprechen, trocknet mir – selbst wenn meine Bitte einem Dritten gelten soll – die Lippe schon vor dem ersten Wort. Ich weiß, wie unzeitgemäß derlei Hemmungen sind in einer Welt, wo man nur frei bleiben kann durch List und Flucht, und wo, wie Vater Goethe weise sagte, ›Orden und Titel manchen Puff abhalten im Gedränge‹. Aber es ist mein Vater in mir und sein heimlicher Stolz, der mich zurückzwingt, und ich darf ihm nicht Widerstand leisten; denn ihm danke ich, was ich vielleicht als meinen einzig sicheren Besitz empfinde: das Gefühl der inneren Freiheit.
Meine Mutter, die mit ihrem Mädchennamen Brettauer hieß, war von einer anderen, einer internationalen Herkunft. Sie war in Ancona, im südlichen Italien geboren und Italienisch ebenso ihre Kindheitssprache wie Deutsch; immer wenn sie mit meiner Großmutter oder ihrer Schwester etwas besprach, was die Dienstboten nicht verstehen sollten, schaltete sie auf Italienisch um. Risotto und die damals noch seltenen Artischocken sowie die andern Besonderheiten der südlichen Küche waren mir schon von frühester Jugend an vertraut, und wann immer ich später nach Italien kam, fühlte ich mich von der ersten Stunde zu Hause. Aber die Familie meiner Mutter war keineswegs italienisch, sondern bewußt international; die Brettauers, die ursprünglich ein Bankgeschäft besaßen, hatten sich – nach dem Vorbild der großen jüdischen Bankiersfamilien, aber natürlich in viel winzigeren Dimensionen – von Hohenems, einem kleinen Ort an der Schweizer Grenze, frühzeitig über die Welt verteilt. Die einen gingen nach St. Gallen, die andern nach Wien und Paris, mein Großvater nach Italien, ein Onkel nach New York, und dieser internationale Kontakt verlieh ihnen besseren Schliff, größeren Ausblick und dazu einen gewissen Familienhochmut. Es gab in dieser Familie keine kleinen Kaufleute, keine Makler mehr, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen, und ich erinnere mich, mit welcher Selbstverständlichkeit man bei meiner Tante in Paris bei Tisch von der einen zur andern hinüberwechselte. Es war eine Familie, die sorgsam ›auf sich hielt‹, und wenn ein junges Mädchen aus der ärmeren Verwandtschaft heiratsreif wurde, steuerte die ganze Familie eine stattliche Mitgift zusammen, nur um zu verhindern, daß sie ›nach unten‹ heirate. Mein Vater wurde als Großindustrieller zwar respektiert, aber meine Mutter, obwohl in der glücklichsten Ehe mit ihm verbunden, hätte nie geduldet, daß sich seine Verwandten mit den ihren auf eine Linie gestellt hätten. Dieser Stolz, aus einer ›guten‹ Familie zu stammen, war bei allen Brettauers unausrottbar, und wenn in späteren Jahren einer von ihnen mir sein besonderes Wohlwollen bezeigen wollte, äußerte er herablassend: »Du bist doch eigentlich ein rechter Brettauer«, als ob er damit anerkennend sagen wollte: »Du bist doch auf die rechte Seite gefallen.«
Diese Art Adel, den sich manche jüdische Familie aus eigener Machtvollkommenheit zulegte, hat mich und meinen Bruder schon als Kinder bald amüsiert und bald verärgert. Immer bekamen wir zu hören, daß dies ›feine‹ Leute seien und jene ›unfeine‹, bei jedem Freunde wurde nachgeforscht, ob er aus ›guter‹ Familie sei und bis ins letzte Glied Herkunft sowohl der Verwandtschaft als des Vermögens überprüft. Dieses ständige Klassifizieren, das eigentlich den Hauptgegenstand jedes familiären und gesellschaftlichen Gesprächs bildete, schien uns damals höchst lächerlich und snobistisch, weil es sich doch schließlich bei allen jüdischen Familien nur um einen Unterschied von fünfzig oder hundert Jahren dreht, um die sie früher aus demselben jüdischen Ghetto gekommen sind. Erst viel später ist es mir klar geworden, daß dieser Begriff der ›guten‹ Familie, der uns Knaben als eine parodistische Farce einer künstlichen Pseudoaristokratie erschien, eine der innersten und geheimnisvollsten Tendenzen des jüdischen Wesens ausdrückt. Im allgemeinen wird angenommen, reich zu werden sei das eigentliche und typische Lebensziel eines jüdischen Menschen. Nichts ist falscher. Reich zu werden bedeutet für ihn nur eine Zwischenstufe, ein Mittel zum wahren Zweck und keineswegs das innere Ziel. Der eigentliche Wille des Juden, sein immanentes Ideal ist der Aufstieg ins Geistige, in eine höhere kulturelle Schicht. Schon im östlichen orthodoxen Judentum, wo sich die Schwächen ebenso wie die Vorzüge der ganzen Rasse intensiver abzeichnen, findet diese Suprematie des Willens zum Geistigen über das bloß Materielle plastischen Ausdruck: der Fromme, der Bibelgelehrte, gilt tausendmal mehr innerhalb der Gemeinde als der Reiche; selbst der Vermögendste wird seine Tochter lieber einem bettelarmen Geistesmenschen zur Gattin geben als einem Kaufmann. Diese Überordnung des Geistigen geht bei den Juden einheitlich durch alle Stände; auch der ärmste Hausierer, der seine Packen durch Wind und Wetter schleppt, wird versuchen, wenigstens einen Sohn unter den schwersten Opfern studieren zu lassen, und es wird als Ehrentitel für die ganze Familie betrachtet, jemanden in ihrer Mitte zu haben, der sichtbar im Geistigen gilt, einen Professor, einen Gelehrten, einen Musiker, als ob er durch seine Leistung sie alle adelte. Unbewußt sucht etwas in dem jüdischen Menschen, dem moralisch Dubiosen, dem Widrigen, Kleinlichen und Ungeistigen, das allem Handel, allem bloß Geschäftlichen anhaftet, zu entrinnen und sich in die reinere, die geldlose Sphäre des Geistigen zu erheben, als wollte er – wagnerisch gesprochen – sich und seine ganze Rasse vom Fluch des Geldes erlösen. Darum ist auch fast immer im Judentum der Drang nach Reichtum in zwei, höchstens drei Generationen innerhalb einer Familie erschöpft, und gerade die mächtigsten Dynastien finden ihre Söhne unwillig, die Banken, die Fabriken, die ausgebauten und warmen Geschäfte ihrer Väter zu übernehmen. Es ist kein Zufall, daß ein Lord Rothschild Ornithologe, ein Warburg Kunsthistoriker, ein Cassirer Philosoph, ein Sassoon Dichter wurde; sie alle gehorchten dem gleichen, unbewußten Trieb, sich von dem frei zu machen, was das Judentum eng gemacht, vom bloßen kalten Geldverdienen, und vielleicht drückt sich darin sogar die geheime Sehnsucht aus, durch Flucht ins Geistige sich aus dem bloß Jüdischen ins allgemein Menschliche aufzulösen. Eine ›gute‹ Familie meint also mehr als das bloß Gesellschaftliche, das sie selbst mit dieser Bezeichnung sich zubilligt; sie meint ein Judentum, das sich von allen Defekten und Engheiten und Kleinlichkeiten, die das Ghetto ihm aufgezwungen, durch Anpassung an eine andere Kultur und womöglich eine universale Kultur befreit hat oder zu befreien beginnt. Daß diese Flucht ins Geistige durch eine unproportionierte Überfüllung der intellektuellen Berufe dem Judentum dann ebenso verhängnisvoll geworden ist wie vordem seine Einschränkung ins Materielle, gehört freilich zu den ewigen Paradoxien des jüdischen Schicksals.
In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien. Gerade weil die Monarchie, weil Österreich seit Jahrhunderten weder politisch ambitioniert noch in seinen militärischen Aktionen besonders erfolgreich gewesen, hatte sich der heimatliche Stolz am stärksten dem Wunsche einer künstlerischen Vorherrschaft zugewandt. Von dem alten Habsburgerreich, das einmal Europa beherrscht, waren längst wichtigste und wertvollste Provinzen abgefallen, deutsche und italienische, flandrische und wallonische; unversehrt in ihrem alten Glanz war die Hauptstadt geblieben, der Hort des Hofes, die Wahrerin einer tausendjährigen Tradition. Die Römer hatten die ersten Steine dieser Stadt aufgerichtet, als ein Castrum, als vorgeschobenen Posten, um die lateinische Zivilisation zu schützen gegen die Barbaren, und mehr als tausend Jahre später war der Ansturm der Osmanen gegen das Abendland an diesen Mauern zerschellt. Hier waren die Nibelungen gefahren, hier hat das unsterbliche Siebengestirn der Musik über die Welt geleuchtet, Gluck, Haydn und Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms und Johann Strauß, hier waren alle Ströme europäischer Kultur zusammengeflossen; am Hof, im Adel, im Volk war das Deutsche dem Slavischen, dem Ungarischen, dem Spanischen, dem Italienischen, dem Französischen, dem Flandrischen im Blute verbunden, und es war das eigentliche Genie dieser Stadt der Musik, alle diese Kontraste harmonisch aufzulösen in ein Neues und Eigenartiges, in das Österreichische, in das Wienerische. Aufnahmewillig und mit einem besonderen Sinn für Empfänglichkeit begabt, zog diese Stadt die disparatesten Kräfte an sich, entspannte, lockerte, begütigte sie; es war lind, hier zu leben, in dieser Atmosphäre geistiger Konzilianz, und unbewußt wurde jeder Bürger dieser Stadt zum Übernationalen, zum Kosmopolitischen, zum Weltbürger erzogen.
