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Drei Morde in drei Wochen in New York City und die Polizei tappt im Dunkeln. Ihr einziger Hinweis führt sie zu Dominick Tucker. Der ist ein heruntergekommener Privatdetektiv, abhängig von Alkohol und Kokain und mit einer Persönlichkeit ausgestattet, die die meisten Menschen meiden. Leider hat er aber auch eine großartige Kombinationsgabe, die Detective Harold Rasmus für seine Zwecke nutzen will. Doch um den Täter zu überführen, muss Tucker sich erst einmal seiner eigenen, verdrängten Vergangenheit stellen. Denn warum scheinen alle Hinweise, die sie finden, auf ihn selbst zu deuten? Und warum sehen die ermordeten Mädchen alle aus, wie ein Abbild seiner Schwester, als die noch klein war? Hat er die drei Morde vielleicht selbst begangen und kann sich nicht mehr erinnern? Dies ist Teil eins der Reihe um Dominick Tucker und Harold Rasmus
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für Jasmin!
Danke, dass du Nick durch alle Höhen
und Tiefen begleitest
und so sehr mit ihm mitfühlst.
24.12.2024 – 21:00 Uhr – New York -
Eine Woche zuvor
Tucker Investigations – New York
Das Haus der Familie Parker
Tucker Investigations – New York
Sommer 1996 – Tuscaloosa, Alabama
Tucker Investigations – New York
Sommer 1996 – Tuscaloosa, Alabama
Tucker Investigations
4:30 Uhr
Tucker Investigations
Polizeirevier New York
Irgendwo in New York
24.12.2024 – 20:45 Uhr – Polizeirevier
Ein paar Stunden vorher
Sommer 1996
Polizeirevier – New York
Tucker Investigations – New York
Bellevue Hospital – New York
24.12.2024 – 21:00 Uhr – New York - Polizeirevier
„Name?“
„Nick Tucker.“
„In Ihrem Ausweis steht Dominick.“
„Kommen Sie, Sharon. Sie wissen, dass ich das hasse.“
Ein Seufzen.
„Geburtstag?“
„25.12.1985.“
„Oh, Sie sind ein Christkind“
„Verschonen Sie mich mit Ihrem religiösen
Fanatismus.“
Erneutes Seufzen.
„Adresse?“
„Steht alles auf dem verdammten Ausweis.
Kommen wir endlich zur Sache?“
„Hören Sie, Nick. Sie wissen, wie das läuft. Und außerdem zeichne ich das Gespräch auf.“
Ich gebe ein knurrendes Geräusch von mir und leiere meine Adresse herunter. Sharon rümpft kaum sichtbar die Nase. Ja, es ist die herunter gekommendste Gegend in New York. Mehr ist finanziell aber nicht drin und ich fühle mich dort mehr als wohl. Während Sharon sich Notizen macht, beobachte ich, wie der Sekundenzeiger der schwarz-weißen Wanduhr immer weiter vorwärts rückt und verdrehe genervt die Augen.
Einundzwanzig Uhr und vier Minuten.
„Also schön, Nick. Was wollen Sie zur Anzeige bringen?“
„Mich. Ich will mich selbst anzeigen.“
Sharon sieht mich einen Moment abschätzend an, dann huscht ein Grinsen über ihr Gesicht.
„Verarschen Sie mich, Nick?“
„Nicht im Geringsten. Ich habe einen Mord begangen. Sie müssen mich einsperren.“
Ich bin entschlossen und ernst. Sharon sieht, dass ich nicht zu Scherzen aufgelegt bin.
Als wäre ich für meine humorvolle Art bekannt.
„Nick, das ist eine ernste Sache.“
„Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst.“
„Und Sie sind betrunken.“
„Ja, auch dieser Tatsache bin ich mir bewusst. Wie kommen Sie nur an Ihre scharfsinnige Kombinierungsgabe?“
Wieder dieses Seufzen von ihr. Als wäre es ihr zu viel Arbeit, eine beschissene Anzeige aufzunehmen.
Ich meine, das ist ihr Scheiß-Job.
Auch, wenn wir den 24. Dezember haben und alle anderen Menschen mit dem aus dem heidnischen übernommenen Festtag der Geburt irgendeines
Gottes beschäftigt sind, während sie hier Dienst schiebt.
„Vielleicht sollte ich Sie in eine
Ausnüchterungszelle stecken und wir unterhalten uns morgen weiter.“
„Nicht nötig. Legen Sie mir Handschellen an und verhaften Sie mich. Ich habe diesen Mord begangen. Daran führt kein Weg vorbei. Und wenn Sie endlich bereit sind, ihren verdammten Job zu machen, dann erzähle ich Ihnen auch gern, wie ich das angestellt habe.“
„Ich muss Ihnen erst Ihre Rechte vorlesen.“
„Ich kenne meine Rechte.“
„Ist aber Vorschrift.“
„Ich scheiße auf Ihre Vorschriften.“
„Ich weiß.“
Sharon scheint einen Moment nachzudenken und lässt mich dabei nicht aus den Augen. Unangenehm, kommt mir in den Sinn.
Ich winde mich ein wenig auf meinem Stuhl und wünschte, wir könnten endlich auf den Punkt kommen.
Es bleibt fast keine Zeit mehr.
„Warten Sie hier, Nick. Ich hole Detective Rasmus dazu.“
Sharon steht auf und verlässt den Raum. Aus ihren dunklen Augen wirft sie mir erneut einen Blick zu, der versucht, meine geistige Gesundheit einzuschätzen. Doch ich habe mich, trotz der halben Flasche Whiskey, die ich zuvor getrunken habe, noch nie so klar gefühlt. Endlich ist diese Farce vorbei. Endlich habe ich verstanden, was ich getan habe. Jetzt muss ich dafür büßen. Es ist wichtig, dass sie mir glauben. Ich muss bestraft werden. Anders kann ich mit der ganzen Geschichte nicht leben.
Wobei, ist das überhaupt ein Leben, das ich da gerade führe?
Ich saufe, kokse und stelle untreuen Ehemännern nach. Wenn man das Leben nennt, wäre ich lieber tot.
So tot, wie der einzige Mensch auf der Welt, den ich je geliebt habe und für dessen Mord ich verantwortlich bin.
Eine Woche zuvor
„Lass mich in Ruhe, Annie. Ich will schlafen.“
„Du hattest genug Zeit zum Schlafen. Da draußen wartet eine Klientin auf dich. Beweg deinen Hintern aus dem Bett, Nicky.“
„Ich hasse es, wenn du mich so nennst.“
„Ein Grund mehr, deinen verkaterten Körper aus dem Bett zu hieven. Sonst werde ich in einer Tour deinen Spitznamen rufen. Nicky... Nicky... Nicky.“
„Ist ja schon gut, du Nervensäge. Ich stehe auf.“
Mühsam rappel ich mich aus den Kissen hoch. Dabei rutscht mir die Decke bis in den Schoß hinunter und ich halte sie gerade noch rechtzeitig fest, bevor Annie sie mir klauen kann.
„Ich habe nichts an“, knurre ich sie an und sie lacht.
„Kannst du vielleicht rausgehen, damit ich mir etwas anziehen kann?“, rufe ich genervt. Annie zwinkert mir zu und verlässt mein Schlafzimmer. Ich gähne und strecke mich ausgiebig und spüre meinen Kopfschmerzen nach, die sich wie ein dicker Kloß in meinem Kopf festgesetzt zu haben scheinen. Nachdem ich mir durch die Haare gefahren und festgestellt habe, dass sie, wie immer verknotet und strähnig sind, hebe ich meinen Körper aus dem Bett. Während ich nackt vor dem Fenster stehe und auf die Straßenschluchten New Yorks blicke, überlege ich, wie ich letzte Nacht nach Hause gekommen bin. Ich weiß noch, dass ich in dieser Bar war. Der Barkeeper hat mich blöd angemacht, weil ich nicht gehen wollte. Aber dann? Nichts.
„Mister Tucker?“, ruft einen weibliche Stimme aus dem Nebenraum.
„Ich komme“, knurre ich zurück, greife mir eine Jeans, die auf dem einzigen Stuhl im Raum liegt und ziehe sie über. Da ich gerade kein Shirt finden kann, hänge ich mir eine Strickdecke über die Schultern.
Es ist kalt in meiner Wohnung. Möglicherweise habe ich wieder einmal vergessen, meine Gasrechnung zu bezahlen. So tapse ich, barfuß in mein Arbeitszimmer, wo die Klientin schon wartet. Sie trägt ein schickes Kostüm mit einem hellen Mantel darüber und einen dicken Schal, beides von irgendeiner Marke, die ich nicht kenne. Außerdem fallen mir ihre sauteuren Highheels auf. Definitiv nicht das richtige Schuhwerk für den New Yorker Winter. Sie duftet nach teurem Parfum und ich beginne mich zu fragen, was diese Person eigentlich von mir will? Ich bin nur ein abgehalfterter Privatdetektiv, der nicht gerade den besten Ruf hat. Das einzige, was ich zu Stande bringe, sind verlorene Haustiere wieder zu finden und promiskuitive Ehepartner zu überführen.
„Nehmen Sie doch Platz“, fordere ich die Frau mit dem perfekten Make up auf und sie sieht sich fragend um. Ich gehe zu ihr hinüber und wische eine leere Pizzaschachtel und die dreckigen Socken der letzten Woche von einem Stuhl, den ich ihr erneut anbiete. Sie bleibt lieber stehen.
Nachdem ich mich in den wackeligen Sessel hinter meinen Schreibtisch habe fallen lassen, öffne ich eine Schublade und hole eine Flasche Jack Daniels hervor. Ich schraube den Verschluss auf und nehme einen tiefen Schluck aus der Flasche, den ich im Mund hin und her schiebe, um den schlechten Geschmack loszuwerden. Die Frau sieht mich ein wenig entsetzt an und versucht krampfhaft, sich nicht zu schütteln.
Ich grinse sie an und frage: „Also, was kann ich für Sie tun?“
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob Sie wirklich etwas für mich tun können, Mister Tucker“, sagt sie und nimmt nun doch auf dem Stuhl Platz.
„Sie wurden mir empfohlen. Aber jetzt, da ich Sie vor mir sehe...“
Sie lässt den Satz unbeendet und ich sehe an mir herab.
„Oh, ich weiß. Das geht den meisten Menschen so. Lassen Sie sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen, Miss … Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Vanderbilt. Lilian Vanderbilt. Und ich fürchte, es sind nicht nur Äußerlichkeiten. Sie stinken nach Alkohol“, stellt Missus Vanderbilt fest und rümpft pikiert die Nase.
„Der hilft mir beim Denken“, verteidige ich mich. Das Gramm Koks, das ich mir letzte Nacht durch die Nase gezogen habe, verheimliche ich ihr dann wohl lieber.
„Nick, reiß dich zusammen. Du brauchst den Job. Du musst Rechnungen bezahlen“, höre ich Annies Stimme aus dem Nebenraum. Und sie hat Recht. Normalerweise hätte ich die gute Missus Vanderbilt schon längst aus meiner Wohnung / Büro vergrault. Aber auch ich muss Rechnungen begleichen. Und zwar als nächstes die der Stadtwerke, sonst friere ich mir in den nächsten Monaten hier den Arsch ab. Während ich fröstelnd die Decke etwas fester ziehe, seufze ich und nicke Missus Vanderbilt zu.
„Sie haben natürlich vollkommen Recht. Ich sollte mich professioneller Verhalten. Aber, ich kann Ihnen versprechen, dass ich Ihren Fall aufklären werde. Ich habe eine hundertprozentige Aufklärungsquote“, prahle ich nun und versuche, nett zu sein. Eigentlich nicht meine Stärke. Einen Augenblick scheint die Frau noch zu zögern, doch dann beginnt sie endlich, auf den Fall zu sprechen zu kommen.
„Mein Mann hat einen Geliebte“, stellt sie fest und ich kann kein einziges der sonst üblichen Anzeichen von Verletzung oder Wut erkennen.
„Wenn Sie das schon wissen, wozu brauchen Sie mich dann noch?“
„Nick!“, ruft Annie aus dem Nebenraum.
„Entschuldigung, reden Sie weiter.“
Während Missus Vanderbilt spricht, kritzele ich auf einem Zettel herum. Geometrische Formen und Muster, ein paar Striche hier und da. Es wirkt, als würde ich mir Notizen machen; tue ich aber nicht. Es ist sowieso immer das gleiche, langweilige Zeug. Doch Missus Vanderbilt überrascht mich.
„Ich glaube, er hat sie ermordet. Ich habe keine Beweise dafür. Aber ich denke, als ich ihm auf die Schliche gekommen bin, hat er etwas Schreckliches getan. Ich muss wissen, was mit ihr passiert ist. Wenn mein Mann ein Mörder ist, kann ich nicht mehr mit ihm leben“, sagt sie und schlägt die Hände vor das Gesicht. Ich starre sie einen Moment ungläubig an, dann besinne ich mich. Seriös wirken ist nicht so leicht, wenn einem der Kater der letzten Nacht noch das Denken vernebelt.
„Sie wollen also, dass ich Ihrem Mann einen Mord nachweise?“
„Das, oder seine Unschuld. Ich muss Gewissheit haben.“
Jetzt sieht sie ganz und gar nicht mehr verzweifelt aus. Eher rachsüchtig. Aber, was weiß ich schon.
Beziehungen sind nichts für mich und Emotionen, speziell die, die damit zu tun haben, sind mir fremd. Die einzige Person auf der Welt, die ich liebe, ist gerade im Nebenzimmer und versucht, einen anständigen Menschen aus mir zu machen.
Sie wird noch merken, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist.
„In Ordnung, Miss Vanderbilt. Mein Stundensatz beträgt einhundert Dollar und ich rechne die Spesen separat ab. Wenn das für Sie in Ordnung ist, übernehme ich den Fall“, sage ich leichthin und kann mir Annies genervt verdrehte Augen vorstellen.
„Ein bisschen Feingefühl würde hier nicht schaden“, höre ich sie flüstern und kann ein Grinsen nur mit Mühe unterdrücken.
Ich bekomme noch ein paar persönliche Daten von Miss Vanderbilt und dann sind wir uns einig. Als sie mir die Hand reicht, um den Deal zu besiegeln, zucke ich innerlich zusammen. Schnell ziehe ich die Enden der Decke fester um mich und nicke ihr zu.
„Danke, ich melde mich bei Ihnen“, sage ich und ignoriere ihre ausgestreckte Hand.
Irritiert sieht sie mich an, und schiebt mir stattdessen eine Visitenkarte über den Tisch hinweg zu. Teures Papier.
Goldrand. An einer Seite rot gefärbt.
So rot, wie ihr Lippenstift.
Dann verlässt sie mein Büro. Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen ist, lasse ich mich erneut in den Sessel sinken und genehmige mir einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Das wohlige Brennen, dass meine Kehle hinunterläuft, beruhigt meine Nerven.
„Nicky, stell die Flasche weg. Du solltest wirklich mal wieder nüchtern werden“, tadelt mich Annie mit einem Blick, in dem nichts als Besorgnis und Liebe liegen.
„Wenn ich zu nüchtern werde, kann ich nicht mehr ermitteln“, erwidere ich ausweichend und stelle die Flasche zurück in die Schublade.
„Außerdem müsste hier mal wieder Ordnung gemacht werden. Was ist nur aus dem Jungen geworden, der immer alles akribisch weg sortiert hat?“
„Der ist in Alabama geblieben und versauert dort“, knurre ich und versuche, meine Kindheit aus meinem Gedächtnis zu löschen, indem ich eine feine Linie aus weißem Pulver auf meinem Schreibtisch ziehe und sie mit einem zusammengerollten Fünf-Dollar-Schein in meine Nase sauge.
Als der Kick in meinem Gehirn ankommt, schließe ich kurz die Augen und halte die Luft an. Eine Explosion aus tausend Farben knallt in meinem Schädel und plötzlich fühle ich mich genauso unbesiegbar, wie ich es auch bin. Behutsam schlingt Annie ihre Arme um mich, und es ist, wie es immer zwischen uns ist. Bei ihr fühle ich mich geborgen und geliebt. Ihre Berührungen sind Balsam für meine Seele. Niemand anders dürfte mir so nah kommen. Doch jetzt, in ihren Armen, kann ich alle Mauern fallen lassen. Eine unglaubliche Stille herrscht in meinem von Kokain umnebelten Gehirn und hinterlässt eine innere Ruhe, wie ich sie nur selten empfinde.
Tucker Investigations – New York
„Freaky Tucker! Verdammt noch mal, wachen Sie auf!“, schreit mich eine tiefe Männerstimme an und eine schallende Ohrfeige landet auf meiner linken Wange. Ich komme nur langsam zu mir. Annie ist verschwunden und der Typ, der sich über mich beugt, kommt mir vage bekannt vor.
„Da ist er ja wieder. Na endlich“, knurrt der Mann und zerrt mich in eine soweit sitzenden Position, dass ich ihn ansehen muss.
„Rasmus, lange nichts von Ihnen gehört. War wirklich schön“, stöhne ich und reibe mir die schmerzende Wange.
„Soll ich Sie wegen Beamtenbeleidigung verhaften? Oder lieber wegen Drogenmissbrauchs, Sie Arschloch?“, knurrt er und lässt sich auf dem Stuhl nieder, auf dem vor kurzem noch Missus Vanderbilt gesessen hat und nickt zu den noch deutlich sichtbaren Resten meiner Line hinüber.
„Ich hatte ja gehofft, dass Sie sich dieses Mal die Birne vollends weg gekokst haben und nicht wieder aufwachen, aber so viel Glück habe ich wohl nicht“, schiebt er sarkastisch hinterher und seufzt.
„Was wollen Sie von mir, Rasmus?“, gähne ich und übergehe seinen Kommentar.
„Dass Sie nüchtern werden und ein nützlicher Teil der Gesellschaft. Aber das wäre wohl zu viel verlangt. Mein Chef schickt mich. Er will Sie als Berater in einem Fall“, erklärt der riesige, schwarze Beamte sein Auftauchen.
Immer, wenn die Polizei einen Fall hat, an dem sie nicht weiterkommt, ruft sein vertrottelter Chief nach mir und ich soll den Karren aus dem Dreck ziehen. Manchmal brauche ich dafür nicht länger als fünfzehn Minuten, denn die Zusammenhänge liegen so klar vor einem, dass man sie gar nicht nicht sehen kann. Diese fünfzehn Minuten kann ich wohl gerade noch erübrigen.
Manchmal dauert es aber auch etwas länger. Das liegt dann meist daran, das ich mich nicht mal eben ein paar Tage zusammenreißen und auf den Alkohol oder die Drogen verzichten kann. Eventuell habe ich da ein kleines Problem.
„Ich habe gerade selbst einen Fall angenommen“, versuche ich lahm, Rasmus abblitzen zu lassen.
„Sagen Sie der Frau, ihr Mann ist ein Arsch und sie hätte einen Ehevertrag machen sollen und dann kommen sie mit zum Tatort“, versetzt Rasmus und erhebt sich wieder. An der Tür bleibt er stehen und sieht mich erwartungsvoll an. So, als würde man auf seinen Hund warten, der noch nicht geschnallt hat, dass es jetzt auf die Gassirunde geht.
„Darf ich mir noch etwas anziehen?“, frage ich seufzend und lasse demonstrativ die Wolldecke herunter rutschen.
Rasmus verzieht angewidert das Gesicht und sagt: „Wenn Sie schon dabei sind, sollten Sie mal eine Dusche versuchen. Ich warte dann draußen.“
Ich rieche kurz an meinen Achseln und stelle fest, dass er Recht hat. Eine Dusche wäre wirklich anzuraten. Aber für fünfzehn Minuten an einem Tatort? Ist das wirklich nötig?
Etwas später stehe ich frisch geduscht vor dem Spiegel im Bad und starre mir selbst in die rot geäderten Augen. Vielleicht sollte ich wirklich etwas kürzer treten. Im Allgemeinen sehe ich gar nicht mal so schlecht aus; eins sechsundachtzig groß, dunkle Haare, dunkelgrüne Augen und einen schlanken Körper. Der Drei-Tage-Bart ist inzwischen fast ein Vollbart und ich sehe selbst, dass ich dringend eine Rasur vertragen könnte. Meine Haare sind viel zu lang und die einst gepflegte Frisur herausgewachsen. Im Moment könnte man das gerade noch so als charmant durchgehen lassen. Doch der Alkohol hat auch Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass ich schon wieder mal ein Veilchen habe, von dem ich nicht mehr weiß, woher; ich sehe auch aufgedunsen und müde aus. Eilig wende ich den Blick ab und gehe in mein Schlafzimmer. Der Kleiderschrank ist leer und ich brauche einen Moment, um einigermaßen brauchbare Kleidung ausfindig zu machen, indem ich daran rieche. Es wird ein grüner Sweater mit dem Aufdruck der Jets, eine Jeans, die nur wenige Flecken und ein Loch am Knie hat und meine geliebten, ausgetretenen Armeestiefel. Nicht, dass ich je bei der Armee gewesen wäre. Aber ich mag ihre Stiefel.
Auf dem Weg nach draußen greife ich mir den dunkelgrünen, gefütterten Parka mit dem Fellkragen an der Kapuze und setzte meine schwarz umrandete Brille auf. Bevor ich die Treppe hinunter schlurfe, denke ich gerade noch daran, mein Desinfektionsgel einzupacken. Tatorte sind voller Blut und Keime. Ich fasse da garantiert nichts an, aber mir hinterher die Hände zu desinfizieren gehört trotzdem definitiv dazu.
Rasmus erwartet mich an seinen Polizeiwagen gelehnt und mit einer Zigarette im Mundwinkel.
Soviel zu gesundem Verhalten.
Ich ziehe den Parka an und schiebe die Hände in die Jackentaschen. Es ist saukalt hier draußen, kälter als in meiner Bude.
Warum habe ich mich auf den Mist eingelassen?
Zum Glück ertaste ich meine Strickmütze. Ich ziehe sie hervor und setzte sie auf, während ich zum Wagen hinüber gehe.
„Können wir dann? Ich hab noch was vor“, knurre ich zur Begrüßung und Rasmus kann sich ein fieses Grinsen nicht verkneifen.
„Noch mehr Koks und Alkohol?“, versetzt er und ich verziehe genervt das Gesicht. Ich dachte eigentlich, wenn man erwachsen ist, sagt einem niemand mehr, was man tun oder lassen soll. Umständlich hievt Rasmus seinen massigen Körper hoch und schlendert hinüber zur Fahrerseite. Ich nehme auf dem Beifahrersitz Platz und gebe mir Mühe, nichts anzufassen.
„Schnallen Sie sich an. Wir wollen doch nicht, dass der Stardetektiv bei so etwas banalem, wie einem Autounfall drauf geht“, mahnt mich Rasmus ironisch. Er spielt damit auf den Mordfall vor zwei Jahren an, den ich, fast im Alleingang, gelöst und zur Verurteilung gebracht habe, weil die Polizei wieder einmal zu unfähig war, das Offensichtliche zu sehen. Ich denke nicht gern daran zurück und sehe mich schon gar nicht als Star. Die Presse sah das damals leider ganz anders, was mir zu zweifelhaftem Ruhm verholfen hat, der mir immer noch irgendwie nachhängt; aber auch Mandanten wie Missus Vanderbilt verschafft.
Ich versuche, mit dem Parkaärmel über meinen Händen, den Gurt zu greifen und ihn anzulegen. Rasmus Augenrollen entgeht mir nicht, doch ich gönne ihm nicht die Genugtuung eines Kommentars.
Neben ihm wirke ich in dem Auto winzig klein. Zusammengesunken sitze ich da und starre auf die vorbeirasenden Häuser und Menschen, ohne wirklich etwas zu sehen. Rasmus plappert irgendetwas vor sich hin und schimpft hin und wieder über die anderen Autofahrer, doch ich höre ihm nicht richtig zu.
„Was ist das für ein Tatort?“, frage ich irgendwann halb abwesend.
„Das sage ich doch die ganze Zeit. Hören Sie mir eigentlich zu?“, fährt mich Rasmus an.
„Jetzt ja. Ich wusste nicht, dass sie etwas Wichtiges zu sagen haben“, ärgere ich den großen Mann und genieße einen Moment sein verdutztes Gesicht.
„Also schön, von vorne. Das Opfer ist weiblich, weiß, etwa vierzehn Jahre alt. Wir haben in der letzten Zeit drei solcher Tatorte zu sehen bekommen. Und wir sind uns ziemlich sicher, dass es der gleiche Täter war. Leider haben wir so gar keine Spuren zu ihm. Er ist sehr sorgfältig und stets darauf bedacht, keine Hinweise zu hinterlassen“, beginnt Rasmus seinen Vortrag.
„Er hinterlässt Hinweise. Sie sehen sie nur nicht“, murmle ich abwesend dazwischen.
