Erwin, Mord & Ente - Thomas Krüger - E-Book + Hörbuch

Erwin, Mord & Ente Hörbuch

Thomas Krüger

4,5

Beschreibung

Der Auftakt einer neuen fantastischen Krimiserie mit Erwin Düsedieker und seiner Laufente Lothar

Erwin Düsedieker ist ein herzensguter Mensch, doch er gilt als beschränkt: Der Sohn des ehemaligen westfälischen Dorfpolizisten Friedhelm Düsedieker stapft gern mit Gummistiefeln an den Füßen und Papas alter Dienstmütze auf dem Kopf über Äcker und Wiesen. Begleitet von Lothar, seiner treuen Laufente. Ein Polizist könnte Erwin nie sein. Eines Tages aber strauchelt er in einen Kriminalfall mit geradezu höllischen Dimensionen und muss ihn lösen – zusammen mit Lothar, der sich im Zuge des Abenteuers als wahre Ermittlungsente entpuppt …

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Zeit:7 Std. 46 min

Sprecher:Dietmar Bär

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THOMAS KRÜGER

ERWIN,

MORD

& ENTE

Kriminalroman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Originalausgabe 11/2013

Copyright © 2013 by Thomas Krüger

Copyright © 2013 by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen

Redaktion: Edgar Weiß

Umschlaggestaltung: Der Anton

Umschlagillustration: © shutterstock/Maksym Bondarchuck

und © Robert Dowling/CORBIS

Karte: Ina Hattenhauer

Satz: KompetenzCenter; Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-11389-6

www.heyne.de

Ich danke Charlie Chaplin und Ernst Lubitsch für

Der große Diktator und Sein oder Nichtsein

Ich danke der Welt aber nicht für die Vorlagen

Für Walter Gödden

… in seinen Literaturschlössern in Westfalen

Alle meine Entchen …

Erwin Düsedieker verbrachte einen sonnigen Nachmittag in seiner vergoldeten Luxus-Badewanne. Zum Farbton der Wanne passten die Fruchtwassertemperatur des Schaumbades und die Ruhe im Haus. Sie hatten eine Abmachung für solche Nachmittage: Lothar, Erwins treue Laufente, gründelte draußen im Gartenteich, Schwänzchen in die Höh, während Erwin, die Arme auf den Wannenrand gestützt, im Badewasser lag und sinnierte. Zum Beispiel über die Ermordung Jean-Paul Marats – in einem Tempus ohne Fugit.

Schwänzchen in die Höh…

Es war April. Anfang April. Die alte Wache von Versloh-Bramschebeck wirkte in ihrer Ziegeldüsternis nicht ganz so grüblerisch wie in den vergangenen, regenverhangenen Märzwochen. Das von knorrigen Bäumen umstellte und auf der Garten-Rückseite mit einer hohen Buchsbaumhecke von Blicken gänzlich abgeschirmte ehemalige Zollhaus war einst das Pastorat von Bramschebeck gewesen. In den späten 60ern wurde es umfunktioniert zur Polizeiwache. Nun war es ein Privathaus mit Wintergarten, und es schien in den schütteren Grünschleiern der aufkommenden Frühlingsblüte zu erröten. Niemand mit Sinn für die Abgründe der Literatur hätte sich gewundert, die englische Dichterin Emily Brontë das Haus betreten oder verlassen zu sehen. Da niemand im Ort je ein literarisches Werk jenseits von Landmaschinenkatalogen und Zuchtbroschüren in der Hand gehalten hatte, hätte Emily auf alle Tarnung verzichten können. Niemand hätte sie erkannt – mit der Ausnahme vielleicht von Erwin Düsedieker.

Die Sonne glühte im spätblauen Himmel, stand schräg über dem Wintergarten und griff mit kräftigem Licht in den Schaum. So wenig Emily Brontë in Versloh-Bramschebeck bekannt war, so wenig waren es Erwins Wintergarten und die Wanne. Ein mit Kunstsinn ausgestatteter Mensch hätte die Position der Wanne im Raum vielleicht mit Worten wie Wanne im Begriff das Haus zu verlassen oder Wanne im Begriff ins Haus einzudringen umschrieben. Solche Formulierungen allerdings waren Erwin fremd.

Nach und nach fühlte sich Erwin wohlig entspannt. Sogar der sterbende Marat, den er vor seinem inneren Auge sah, strahlte Wärme aus. Erwin spürte wieder, wie wichtig es war, dass sich ein Ermittler in die Gedankenwelten von Täter und Opfer einfühlte. Diese Welten waren benachbarte Schaumblasen, die sich plötzlich vereinigten. Die eine Schaumblase blies die andere auf.

Plopp!

Aber welche schwoll an und welche verschwand?

Erwin hatte Frieden geschlossen mit seiner Rolle als Polizist. Er hob den Kopf und sah durch die Glasfront des Wintergartens zum Teich hinüber. Dort drüben, in der ihm zugewandten Öffnung eines Hufeisens von Teichrandpflanzen, ereigneten sich in diesem Moment wahrscheinlich Abertausende Kriminalfälle. Motivlose Morde, denn das Leben war ohne große Kunst.

Namen und Bilder schwebten in Erwins Kopf. Der Teich mit seiner Umpflanzung verwandelte sich in eine Art kokardengeschmückten Zuber, in dem ein Jean-Paul Marat, der nach Blut schreiende Demagoge der Französischen Revolution, tatsächlich hätte sterben können. Erstochen von einer Frau, die gekommen war, um die Mordlust des Fortschritts zu stoppen.

Was ließ die Revolution auch Frauen in ihr Badezimmer?

Es war nicht so, dass Erwin Düsedieker diese Gedanken wirklich dachte. Er wusste von Jean-Paul Marat nicht allzu viel. Manches hatte er gelesen, aber vor allem gab es da ein Bild: ein Bild in einem Buch, das den sterbenden Marat in der Badewanne zeigte. Erwins Gedanken waren Wesen mit einem Zuhause in Bildern. Diese Bilder flüsterten ihm zu …

Lothar hatte das Wasser verlassen und verfolgte Spuren im Gras. Dann horchte er.

Erwin lächelte. Da ihm kalt wurde und er jetzt darauf verzichtete, heißes Wasser nachlaufen zu lassen, tauchte er beide Arme einmal unter. Die Illusion von Wärme kehrte zurück. Nach zwei Minuten zog er die Arme wieder hervor, wartete, bis sie getrocknet waren, und richtete die Polizeimütze neu. Sie war ihm leicht in die Stirn gerutscht.

Lothar stieß mit dem Schnabel ans Glas des Wintergartens. Er konnte vermutlich kaum etwas erkennen hier drinnen, aber er spürte, wenn es Zeit war, mit Erwin in Kontakt zu treten.

Lothar war eine gute Ermittlungsente.

Also horchte Erwin und vermied jedes störende Gluckern und Planschen.

Eine halbe Minute verging. Dann klingelte es: schrill, wie der alte Wecker von Erwins Mutter, den Erwin immer noch benutzte.

Das Geräusch verklang mit der Schleppe seines Nachhalls. Erwin ließ noch einige weitere Sekunden verstreichen. Er spürte förmlich die Zuckungen des Zeigefingers dort draußen. Dann meldete er sich:

»Jaaaa!?«

»Äwinn?!«

»Jaaaa!?«

»Ich komm rein, nä?!«

»Jaa, kanns reinkomm, is offn! Ich sitz inner Wanne!«

»Is gut, weißich Bescheid!«

Arno Wimmelböcker.

Erwin stellte sich vor, wie Arno Wimmelböcker, leicht gebeugt wie immer, den speckigen alten Filzmantel offen, die Flecktarn-Feldmütze ein bisschen zu weit nach hinten geschoben, an der Haustür gehorcht hatte. Den Zeigefinger eingefangen und angezogen vom Transporterstrahl des Klingelknopfes.

Arno Wimmelböcker hatte den Finger eine Zeit lang Widerstand leisten lassen. Doch dann …

Die Ermittlungsente Lothar besaß ein Gespür für Menschen wie Arno. Lothar schien fest davon überzeugt, dass Arno in einer Ente wie ihm lediglich eine zukünftige Mahlzeit sah, nicht jedoch ein Wesen von besonderem Verstand. Also achtete Lothar darauf, dass immer genügend Abstand blieb zwischen Menschen wie Arno und ihm, oder dass Erwin in der Nähe war, wenn Arno sich blicken ließ. Obwohl Arno im Grunde harmlos war. Arnos Fantasie wurde in der Regel das Opfer seines Phlegmas.

Die Haustür ging auf, stieß an die alte Kramladen-Glocke, die Erwins Mutter Gertrude mal angebracht hatte, als die Polizeiwache für kurze Zeit und nebenbei Lebensmittel und sonstiges Tante-Emma-Zeugs anbot. Das hatte aber nicht lange funktioniert, denn auch die anständigen Frauen des Ortes zeigten eine gewisse Scheu, bei der Polizei einzukaufen. Außerdem kamen schnell behördliche Unvereinbarkeiten ins Spiel, die man auf der Wache von Versloh-Bramschebeck akzeptierte, bevor man sich bemühen musste, sie zu verstehen. Zu guter Letzt gab es im Dorf den Laden von Anni Twassbrake. Der war zwar kaum größer, aber besser sortiert, und er lag zentral.

Die Türglocke allerdings war geblieben, und Erwin beglückwünschte sich immer mal wieder zu der Entscheidung, sie nicht abmontiert zu haben. Meist vergaß er, die Haustür zu verriegeln, bevor er in die Wanne stieg. Und wahrscheinlich achtete nicht jeder die Privatsphäre Erwins so wie Arno. Gottlob bekam Erwin selten unangekündigt Besuch.

»Ich komm abba nich rein, nä!?«, rief Arno Wimmelböcker jetzt, was bei geöffneter Haustür bedeutete, dass er das, was er für Erwins Badezimmer hielt – gradeaus, hinter der Tür am Ende des dunklen Flurs –, nicht betreten würde. Badezimmer waren auf Arno Wimmelböckers geistiger Landkarte rot markierte Orte. Sollte Erwin tatsächlich in der Wanne sitzen, wollte Arno das lieber nicht sehen. Er blieb also im Hauseingang stehen, linste ins Dunkel und dachte darüber nach, ob er die Mütze abnehmen und in der Hand kneten sollte. Bei Beerdigungen war das eine natürliche Bewegung. Alles, was Arno halbwegs unangenehm war, fiel irgendwie in die Kategorie Beerdigung.

Schließlich ging es ja auch um einen Toten.

»Wie geht’s denn, Arno?!«, rief Erwin. Arno betrat die Wege der Kommunikation ungern als Erster, und Erwin musste sicherstellen, dass Arno tatsächlich vor der Tür blieb. Lothar klopfte sacht an die Scheibe des Wintergartens. Ein Zeichen von Aufregung.

»Och, muss ja, nä!?«

»Und sonst?!«

»Pollezei is da. Die ham was gefundn!«

»Aufm Hof bei Hilde?!«

»Nee. Bei Jasper. Da issn Toter!«

Erwin warf einen fragenden Blick hinüber zu Lothar.

»’n Toter? Bei Jasper?!«

»Jau. So Knochen und so!«

»So Knochen und so?!«

»Jau.«

So Knochen und so bei Jasper. Jasper war Jasper Thiesbrummel. Großbauer und Schweinezüchter einen knappen Kilometer östlich von Bramschebeck. Statt nachzufragen, setzte Erwin Düsedieker auf die bewährte Methode, neue Informationen erst einmal mit in die Badewanne zu nehmen. Er lehnte sich in der Wanne zurück, justierte die Mütze neu und beobachtete Lothar, dessen Blick vermuten ließ, dass auch die Ente über Arnos Worte nachdachte.

So Knochen und so.

»Kanns ja ma kuckn kommn!«

»Ja, ich komm dann mal!«

»Is gut! Ich geh dann!«

»Ja, is gut!«

Das zweite Klingeln der Türglocke verriet Erwin, dass Arno die Haustür ordnungsgemäß schloss. Arno würde nun wahrscheinlich nicht zurück zu Hilde Gerkensmeier gehen, wo er dann und wann im Garten und beim Ausmisten der Schweineställe half, und wo er ein Zimmer im alten Schuppen bewohnte. Diesen Schuppen hatte Hilde knapp fünfzehn Jahre zuvor für Untermieter ausgebaut, die dann aber doch nicht kamen, weil eine Bürgerinitiative von außerhalb den Bau der Fechtelfelder Geflügelmast-AG auf den Äckern zwischen Gerkensmeier und Thiesbrummel verhindert hatte. Hildes Ausbauaktion war im Dorf auf Widerstand gestoßen. Den Zuzug von Fremden zu fördern, das hatte den meisten nicht gepasst. So kurz nach Adolfs Tod, hatte Paul-Gerhard Bartelweddebüx damals gewettert, zeuge das von Missachtung der Heimaterde, in der ihr Vater nun ruhe.

Das Wort Heimaterde war häufig gefallen in jenen Tagen.

Aber es kam ja anders: Keine Geflügelmast, kein Zuzug aus der Fremde, kein Bedarf an umgebauten Schuppen. Alles blieb wie gehabt. Wer in Bramschebeck lebte oder im etwas größeren Pogge, knapp vier Kilometer nördlich, jenseits der Bundesstraße 61c gelegen, der hatte sein Heim und wusste, wo er hingehörte.

Arno wusste das nicht oder nicht so recht. Vermutlich würde er sich nun aufmachen zu Jasper Thiesbrummels Hof.

Arno Wimmelböcker war in Bramschebeck insofern eine Ausnahme, als eine lange Phase alkoholischer Exzesse seine Mutter zu einem für Versloher Mütter außergewöhnlichen Schritt genötigt hatte. Sie hatte ihrem Sohn am Morgen seines fünfzigsten Geburtstages, nach Jahren der Zermürbung, das Wohnrecht entzogen. Arno hatte davon erst drei Tage später erfahren, als er aus dem Koma erwachte, in das er beim Versuch, ein Schwein für die fortgeschrittene Phase seiner Geburtstagsfeier zu schlachten, gefallen war. Im Moment, als er das Bewusstsein verlor, hatte er lediglich ein von Blut und anderen organischen Flüssigkeiten durchweichtes Paar langer Unterhosen getragen, sowie Gummistiefel und eine Strickjacke seiner Mutter. Seinem aus allen Säumen gelassenen Konfirmationsanzug hatte er weitere Flecke ersparen wollen. Arno hatte, bei leichtem Schneefall, im nur mit einem einzigen Muttertier besetzten Outdoorsaugehege hinter dem elterlichen – damals nur noch mütterlichen – Hof am Rand von Bramschebeck gestanden. Minutenlang hatte er sich über das stumpfe Schlachtermesser geärgert, das ihm Heino Achelpöhler besorgt hatte. Während der wegen Zungenschwere und den Schmerzensschreien des verwundeten Tieres außergewöhnlich komplexen Diskussion mit Achelpöhler war Arno dann in den Schlamm gesackt. Plötzlich. Ohne jede Vorwarnung. Er hatte weder um Hilfe gerufen, noch erklärende Äußerungen von sich gegeben.

Unmittelbar darauf war auch die verletzte Sau Marke Deutsche Landrasse verstummt, was zur Folge hatte, dass die übrigen Geburtstagsgäste das Interesse an der Feier verloren. Wer hätte das Tier zubereiten sollen?

Es war spät geworden. Man kam überein heimzugehen.

Nur Hilde Gerkensmeier hatte sich anders entschieden.

Unter den Geburtstagsgästen war sie von Anfang an die Unscheinbarste gewesen. Sie war am frühen Nachmittag dazugestoßen, im Dorfkrug – hatte später selbst nicht mehr gewusst, aus welchem Grund. Sie hatte im Hintergrund mitgefeiert und vor Arnos Zusammenbruch sehr verhalten auf den Vorschlag mit dem Schweineschlachten reagiert. Dann aber, als Arno im Schlamm lag, im grellen Licht einer am Scheunengiebel montierten Bauleuchte, die das Gehege nachts wie ein Gefangenenlager bestrahlte, war ihr Mitgefühl erwacht.

Vielleicht hatte sie ein Herz für Männer, die im Kampf verwundet wurden? Und vielleicht schloss das auch Verwundungen ohne Fremdeinwirkung ein?

Außerdem war da ja noch die Sache mit dem umgebauten Schuppen. Und wenn man hinter die vorgehaltenen Hände im Dorf hätte lauschen können, dann war sie ja alleinstehend, zwar Besitzerin eines kleinen Nebenerwerbsbetriebs, aber ohne Aussichten auf eine größere Partie. Land besaß Hilde nur weniges, und schön war sie auch nicht.

So oder so ähnlich war Arno Wimmelböcker also zu Hilde Gerkensmeier gekommen. Hildes Erwartungen – soweit es überhaupt Erwartungen gewesen waren – waren sehr schnell Ernüchterung gewichen. Ernüchterung gehörte allerdings zu Hildes täglichen Lebenserfahrungen. Sie hatte Arno das Zimmer im umgebauten Schuppen nie entzogen. Andererseits hatte auch Arno Wimmelböcker in den seit besagter Geburtstagsfeier verstrichenen zwölf Jahren an Reife gewonnen. Seine Mutter hatte ihn nicht nur rausgeworfen, sie hatte ihn enterbt. Arno hatte Demut gelernt. Seine durchaus auch genetisch bedingte Einfachheit bzw. Einfalt hatte die Oberhand über sein Wesen gewinnen können. Arno begann, auf dem Feld oder im Stall zu arbeiten. Er hatte Beerdigungen als Quelle der Selbstbesinnung entdeckt und ein Gespür dafür entwickelt, wann es Zeit war, die Feldmütze abzunehmen. Er hatte die Haut des Arno Wimmelböcker: Hoferbe abgestreift und war zu Arno Wimmelböcker: Habenichts geworden.

In dieser neuen Rolle hatte Arno Erwin Düsedieker kennengelernt, den Mann mit der Polizeimütze. Und irgendwie mochte er Erwin.

Gegen 16.30 Uhr stieg Erwin aus der Badewanne. Er gönnte seinem nackten Körper noch knappe zwanzig Minuten an der Luft. In dieser Zeit glätteten sich auf seiner Haut die Verwellungen und Aufweichungen der vergangenen Badestunden. Während er trocknete, blätterte Erwin in der illustrierten Enzyklopädie der Mythen und Legenden auf dem dunkelhölzernen, zum Gartenlicht hin ausgerichteten Lese-Stehpult seiner Bibliothek. Diese bildete in Gestalt der türseitigen Regalwand sowie der zwei rechts und links in den Raum, zum Wintergarten hin um die Ecke greifenden kürzeren Regalwände eine Art Gegenhufeisen zum bereits beschriebenen Hufeisen der Teichbepflanzung.

Das Bild des doppelten Hufeisens war eines, das allein Erwin wachrufen konnte, denn niemand außer ihm kannte den Raum mit den Büchern, der Glasfront und der Wanne. Es gab diesen Raum in Versloh-Bramschebeck offiziell gar nicht. Nur Erwin und seine Mutter Gertrude hatten ihn jemals betreten. Erwins Mutter hatte ihn allerdings nie bestückt mit Büchern gesehen und nur ein einziges Mal mit Wanne.

Das war kein schöner Tag gewesen.

Gertrude hatte sich nicht davon erholt …

Wie Erwin den Einbau der Wanne und die Befüllung der Wände mit Büchern hatte geheim halten können, hatte mit der Tatsache zu tun, dass man ihn meist unterschätzte.

Davon zehrte er bisweilen.

Nach Ablauf der zwanzig Minuten zog Erwin sich an: Unterwäsche, Socken, Trainingshose, Pullover, Gummistiefel, Parka. Er rückte die Polizeimütze grade und verließ das Haus. Die Ermittlungsente Lothar wartete bereits bei den Schnecken auf der Zufahrt.

Erwin benutzte niemals ein Fahrrad oder ein Motorrad oder gar ein Auto. Die Welt seiner Erkundungen reichte von Höwelkrögers Hof im Süden über den Golfplatz mit Clubhaus im Osten zu den Höfen von Gottenströter und Martenvormfelde im Norden bis kurz vor die Landesklinik von Pökenhagen im Westen. Alles in allem umfasste sie ein Quadrat von knapp 10 Kilometern Kantenlänge und war ein schönes Universum für einen Fußgänger.

Golfplatz und Landesklinik wären die zwei Pole dieser Welt gewesen, hätte ein verrückter Gott auf einen Punkt in der Nähe von Bramschebeck eine Kompassnadel gesetzt – in einem Magnetfeld mit West-Ost-Ausrichtung allerdings.

Beide Pole waren nur von wenigen Bramschebecker Expeditionen je erreicht worden.

Knochen und so bei Jasper

Um kurz nach 17 Uhr verließen Erwin und Lothar das Grundstück. Der Himmel, die Flächen der Felder, die weithin sichtbaren, verstreuten Silos und Scheunen und Wohnhäuser mit ihren Stallungen schimmerten nach so viel Regen im späten Licht eines überglühten Frühlingstages. In normalem Tempo, dem Lothar als trainierte Laufente mühelos folgen konnte, schritten bzw. watschelten sie quer über die Gerkensmeier’schen Felder und hielten auf den Waldstreifen zu, der sich eng an den ausgedehnten Dorfteich von Bramschebeck lehnte. Jenseits des Waldes, als sie den zum Dorf führenden Wullbrinkholzweg passiert hatten, wurde Lothar das Fortkommen mühseliger. Jasper Thiesbrummel bevorzugte eine andere Pflugrichtung als seine Nachbarn. Die Furchen seiner ausgedehnten Äcker warfen sich Lothar wie Sturmwellen entgegen, ließen ihn erbost schnatternd auf und ab wogen.

Fliegen als Alternative kam für Lothar nicht infrage. Lothar hielt es mit dem Fliegen in etwa so wie Erwin mit dem Fahrrad-, Motorrad- oder gar dem Autofahren: Es war nicht sein Ding. Hier und da mal fünf Meter, wenn es gar nicht anders ging. Solche Flugstrecken, als Fluchtstrecken auf Hühnerställe oder in Astgabelungen bei plötzlichem Kontakt mit Hofhunden, waren für Lothar eine Höchstleistung, erschöpften ihn mehr als Hunderte oder gar Tausende von Metern durch Furchen-Schützengräben, wie sie die mächtigen Pflüge der Bauern zogen.

Das galt allerdings nicht für den Schollenwurf quer zur Laufrichtung. Also verlangsamte sich Lothar nun merklich. Erwin Düsedieker liebte es, mit den Gummistiefeln in frühlingsfeuchte Böden einzusinken und das eigene Vorwärtskommen zu beschweren. Dann hatte er das Gefühl, Kontakt aufzunehmen mit den Sünden der Welt. Lothar, ein Wesen ohne Sünde, blieb jedoch immer weiter zurück, und gegen 17.30 Uhr wuchs die Wahrscheinlichkeit, dass Erwin kaum noch etwas von dem mitbekommen würde, was Arno so rätselhaft angedeutet hatte …

Knochen und so bei Jasper.

… wenn der Ente nicht geholfen wurde.

Erwin spähte voraus. Zwischen den Gebäuden des Gehöfts meinte er, einen Polizeiwagen und ein weiteres ortsfremdes Fahrzeug ausmachen zu können. Lothar und er hatten noch fast einen Kilometer Weg vor sich. Also wichen sie auf den Kötterholzweg aus, der vom Wullbrinkholzweg zu Thiesbrummels Gehöft und von dort weiter in östlicher Richtung zum Hof von Hartwin Plöger führte. Auf dem flachgrasigen Randstreifen des Kötterholzwegs war Lothar in seinem Element. Als wüsste er, dass sie seinetwegen Zeit verloren hatten, beschleunigte er. Sein Watscheln mit angepressten Flügeln glich plötzlich dem zeitgerafften Dahingleiten eines Eisschnellläufers. Erwin staunte – und folgte der kühnen Ente.

Als sie die Höhe des Waldes erreicht hatten, dessen östlicher Zipfel bis hinter Thiesbrummels Scheune griff, sah Erwin zwei Männer, ein Stück Plane oder so zwischen sich haltend. Sie marschierten Richtung Hof, auf einen Wagen zu, der ein Polizeitransporter sein konnte. Sie sprachen miteinander, ohne von Erwin Notiz zu nehmen. Vielleicht waren Parka, Trainingshose, Gummistiefel, Polizeimütze und Erwins Gesichtsausdruck eine allzu verwirrende Kombination. Aber vielleicht war das in diesem Moment sogar von Vorteil. Arno nämlich hatte Erwin entdeckt. Lothar hielt inne, ließ Erwin aufschließen. Da winkte Arno – scheu und wie aus einem Versteck. Er stand am Waldzipfel jenseits der etwa hundert Meter tief ins Waldstück hineinreichenden Buchtung, aus der die Männer mit der Plane gekommen waren und in der Erwin nun vier weitere Männer entdeckte, im Halbdunkel vor den Bäumen zunächst kaum auszumachen, gestikulierend hinter Absperrband. Erwins Fernsicht war aber noch sehr gut: zwei Polizisten in ordnungsgemäßer Uniform und zwei Männer in Zivil. Einer der beiden in Zivil musste so eine Art Wissenschaftler sein. Er trug einen Laborkittel. Den anderen kannte Erwin.

Wiederum winkte Arno. Es war kaum mehr als ein Heben der Hand. Erwin winkte zurück. Arno würde jetzt nicht zu ihm rüberkommen. Wenn es um die Polizei ging, galt für Arno die einfache Devise: keine Bewegung. Er wollte es um jeden Preis vermeiden aufzufallen. Neugierde war der eine Teil seiner Persönlichkeit, Nicht-auffallen-Wollen der andere.

Also beobachtete er – so wie auch Erwin.

Nach einigen Minuten schnatterte Lothar.

Der Mann, den Erwin kannte, hob den Kopf. Sein Gesicht mit mundumlaufendem, Kinn und Halsansatz vollständig bedeckendem Kurzhaarbart verlieh ihm einen markanten Ausdruck. Der Bartträger präsentierte den Schnitt mit Stolz, das war deutlich. Nur Erwin dachte, wann immer er den vollschwarzen Henriquatre sah, an einen Mann, der an frischer Kuhscheiße genascht hatte und dabei überrascht worden war. Erwin konnte sich nicht helfen, dieser unschöne Eindruck war gekoppelt an den Anblick des Dettbarner Kommissars Lars-Leberecht Heine, den es vor allem deshalb alle paar Wochen hierher verschlug, weil seine Tante Minna Tuxhorn am Hellweg, unweit der Fischteiche, einige Kilometer westlich von Bramschebeck lebte und nicht ganz unvermögend war.

Minna Tuxhorn und Gertrude Düsedieker waren einst befreundet gewesen. Kurz vor Gertrudes Tod hatten sie sich zerstritten. Erwin kannte den Grund für den Streit nicht. Und Minna Tuxhorn kannte er nur flüchtig. Lars-Leberecht Heine hingegen tat gern so, als sei er ganz dicke mit Erwin – vor allem, um ihn damit aufzuziehen. Dabei war er seit mindestens drei Jahren nicht mehr in der alten Wache gewesen.

Einen Moment lang wirkte Heine überrascht. Dann sagte er etwas zu dem Wissenschaftler und kam auf Erwin zu.

»Der Herr Oberkommissar, na sieh, na sieh!«, rief er und hob die Hand zum Gruß. Erwin grüßte zurück. Seine Rechte vollführte ein paar ungelenke Bewegungen.

»Ein richtiger Oberkommissar hat eine gute Nase und weiß sofort, wenn es einen Fall zu lösen gibt, was?!«

Zu laut, wie immer. Vermutlich sollte der Wissenschaftler alles hören.

»Alles im Griff, Äwinn!?«

Lars-Leberecht Heine betatschte Erwins Schulter. Erwin versuchte zu lächeln. Möglichst blöd sah er ohnehin schon aus. Da musste er sich keine Sorgen machen. Blöd aussehen war jetzt wichtig.

»Was macht die Arbeit auf der Wache? Ich hoffe, du heizt den Schurken im Ort tüchtig ein!«

Heine lachte. Und Erwin intensivierte sein Lächeln.

»Joah«, sagte er, »muss ja!« – das passte immer.

»Da sagste was: mussja!«, bellte Heine, und die folgende Schulter-Betatschung wurde ein kumpelhafter Schlag.

»Na komm mal mit, Oberkommissar!«, rief Heine und drehte sich um zu dem Wissenschaftler, der mit einiger Verwunderung den Eskapaden seines Kollegen gefolgt war. »Siehst du den da drüben? Das ist ein richtiger Forensiker. Wir haben hier nämlich was gefunden. Eine Leiche, Äwinn. Eine echte Leiche. Na ja, zumindest ein paar Knochen. Und du musst natürlich einbezogen werden in die Ermittlungen – als Oberkommissar von Versloh!«

»Bramschebeck!«, echote Erwin. Es kam automatisch.

»Na, was sage ich, ein Oberkommissar kennt sein Revier natürlich. Walter!« – den Namen brüllte Heine in Richtung Waldbuchtung – »Walter! Darf ich dir den Oberkommissar Erwin Düsendieker vorstellen?! Er ist hier für alles zuständig! Wir arbeiten sozusagen in seinem Auftrag!«

Was für ein Quark. Den Düsendieker verbesserte ihm Erwin schon lange nicht mehr. Heine hielt diesen gewollten Fehler für einen guten Witz. Er marschierte auf den Walter genannten Kollegen zu, guckte immer mal wieder lachend zurück zu Erwin, und Erwin folgte mit einem Blick, der gleichermaßen Dämlichkeit wie Harmlosigkeit ausstrahlte. Was ihm jetzt nicht unerwünscht war.

»Aha. Der Oberkommissar. Soso.«

Der Forensiker Walter kräuselte die Stirn, einen Knochen – Mandibula, wie Erwin aus einem Anatomie-Atlas wusste – in der Hand haltend. Dieser Unterkiefer, zum Teil auch die darin noch enthaltenen Zähne, sah seltsam schwarz aus. Der Knochen schien dem Forensiker allerdings eine weniger harte Nuss zu sein als Erwin in Trainingshose, Parka und Gummistiefeln – mit Polizeimütze auf dem Kopf.

Walter wies mit dem fremden Unterkiefer zur Mütze.

»Tragen Oberkommissare in Bramschedingenskirchen so was?«

»Ach, Walterchen«, Heine eilte Erwin zu Hilfe, »was biste bei Lebenden immer so langsam? Mein Freund Äwinn wohnt in der alten Polizeiwache. Die Wache hier in Versloh …«

»Bramschebeck.«

Ein pawlowscher Reflex, den Erwin, anders als bei Düsendieker, einfach nicht unterdrücken konnte.

»Äh, richtig … is vor zehn Jahren dichtgemacht worden. Wird jetzt alles von der Polizeiwache in Pökenhagen aus erledigt. Mal Streife fahrn. Am Wochenende blasen lassen. Is ja nix weiter. Äwinn hier wohnt seit’n paar Jahren zusammen mit seiner Mutti in dem Haus – nich wahr, Äwinn?«

»Mutti is tot«, sagte Erwin. Lars-Leberecht Heines Kuhschissbartgesicht wechselte für einige Sekunden in den Modus des überraschten Ermittlungsbeamten.

»Oh«, sagte er. »Mensch, Äwinn, das tut mir leid. Wusstich gar nich. Seit wann denn?«

»Och, zwei Jahre so«, sagte Erwin und guckte halb ins Nichts und halb zu Boden.

»Wohnste da denn jetz ganz alleine? In der Wache? Wo Mutti tot is?«

Lars-Leberecht Heine sprach betont langsam.

Erwin wiegte den Kopf.

»Joah«, sagte er. »Abba Schwester Diekmann. Die kommt eimal inner Woche.«

Heines Gesicht hellte sich auf. Dem Forensiker hingegen schien das alles ziemlich egal zu sein. Erwins dahingebrummelte Halbsätze lösten nichts in ihm aus, während Lars-Leberecht Heine beim Wort Schwester automatisch beruhigt war. Schwester kam wohltuend harmlos daher, geradezu asexuell. Lars-Leberecht Heine dachte, dass es nicht richtig war, jemandem wie Erwin Sexualität zuzugestehen. In der Wortmelodie, die Erwin gewählt hatte, klang das Wort Schwester sehr evangelisch. Eine Gemeindeschwester. Eine Diakonisse oder so was. Fahrrad, Tässchen Kaffee, Spinnweben im Haar. Dutt und Häubchen natürlich. Lars-Leberecht Heine konnte es sich also wohl ersparen, Erwin einen persönlichen Besuch abzustatten, um mal nach dem Rechten zu sehen.

Der Forensiker räusperte sich. Heine verstand.

»Na komm, Äwinn, dann guck mal, was wir hier so machen. Vielleicht kannste uns ja helfn, den Fall zu lösn, was?!«

»Mit Sicherheit«, brummte Walter, der Forensiker, abfällig, während Lars-Leberecht Heine Erwin grinsend ein letztes Mal auf die Schulter schlug, bevor er sich wieder ins Gespräch mit Walter vertiefte.

Das war also ausgestanden. Erwin beobachtete. Lothar streifte unbehelligt in der Waldbuchtung umher, näherte sich immer mal wieder dem Absperrband, hinter dem zwei Polizeibeamte den Boden absuchten. Heine und Walter unterhielten sich über die Knochenfunde. Mussten schon ziemlich lange hier liegen, sagte der Forensiker. Vielleicht schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Frauenknochen, eindeutig. Junge Frau, ebenso eindeutig. Tief in der Erde. Jede Menge Brandreste waren da. Weshalb die Tiere das nicht vorher ausgebuddelt hatten? Keine Ahnung. Manchmal gibt’s so Zufälle, sagte der Forensiker. Oder das Feuer? Brandgeruch, der nicht so sexy ist wie Leichengeruch? Also zumindest für Tiere nicht? Lars-Leberecht Heine. Tiere und Sex, das ging. Sex und Erwin, das ging nicht. Walter zuckte mit den Schultern. Vielleicht. Er hielt den Unterkiefer in der Rechten und starrte darauf. Erwin hatte in einem seiner Bücher mal ein Bild von einem Schauspieler gesehen, der Prinz Hamlet spielte. Der hatte in der Hand einen kompletten Schädel gehalten. Nicht bloß einen Unterkiefer. Sein oder Nichtsein. Erwin kamen manchmal solche Gedanken. Irrlichterne Bildblitze, die sich niemandem verrieten.

Und das war gut so.

»Ksch! Ksch! Haust du mal ab?!«

»Was issn?«

Heine wandte sich den Polizisten weiter hinten in der Buchtung zu, von denen einer gebückt fuchtelnde Bewegungen ausführte, weil Lothar das Absperrband passiert hatte und Bodenproben entnahm.

»Das is Lothar!«, rief Erwin, mit gewisser Sorge in der Stimme. »Der tut nix! Der tut nix!«

Heine verdrehte die Augen, lächelte aber wieder. Lothar. Na klar.

»Ksch! Ksch!« Der Mann mit den fuchtelnden Scheuchbewegungen rückte Lothar näher, wahrte dennoch Abstand. Er hatte keinerlei Erfahrungen mit dem Kampfverhalten von Enten, hatte aber Geschichten gehört.

»Der tut nix! Das is Lothar!«, wiederholte Erwin. Seine Haltung, seine nervösen Blicke, seine hampeligen, auf Kontrollverlust hinweisenden Bewegungen alarmierten Heine:

»Nu lass se doch, Vogel. Is doch bloß ne Ente!«

»Na ja, aber die Spurn. Die bringt doch die ganze Spurnsicherung durcheinander! Wenn die hier hinscheißt!?«

Erwin wiegte den Oberkörper nach links und rechts. Schneller werdend. Das kam, zusammen mit seinem panischen Blick, gut an. Lars-Leberecht Heine musste nun eingreifen; denn Walter Tüllkes, der Forensiker, machte eine Geste, die besagte: Ich hab’s ja gleich gewusst, dass der Irre hier nix zu suchen hat. Hätte er das laut ausgesprochen, hätte es Heines Autorität untergraben. Aber Tüllkes war nicht dumm, also beließ er es bei Andeutungen und ließ Heine laut werden.

»Stell dich nich so an, Vogel. Hier ham doch Fuchs und Hase und Igel schonn häufiger Pipi auf die Tante gemacht. Da wirdse die Ente schon auch noch vertragen. Oder haste Schiss vor dem Tier?!«

»Nee, aber …!«

»Dann kräh nich rum. Nu komm!«

»Ich mein ja nur …« Der Beamte wand sich noch. Aber da Lothar nun klugerweise ein wenig Abstand genommen hatte von der Wühlkuhle im Boden und nicht allzu auffällig Ermittlungsarbeit betrieb, beruhigte sich der Beamte wieder. Es begann eine längere Phase friedlicher Koexistenz. Und auch Erwin zeigte Anzeichen zurückgewonnener Stabilität.

Na also.

Die insgesamt vier Beamten plus Lars-Leberecht Heine und Walter Tüllkes machten noch ein paar Fotos vom Fundort. Als sie sicher waren, sämtliche Knochen der unbekannten Leiche zusammengesucht und im Transporter verstaut zu haben, brachen sie auf. Zuvor sprachen Dr. Tüllkes und Heine noch einige Minuten mit Jasper Thiesbrummel, der irgendwann mit griesgrämigem Gesicht aufgetaucht war, aus dem Haus gedrängt von seiner Frau Alwine. Es war bald klar, dass Jasper die Polizei wegen Alwine gerufen hatte. Nein, weil sich Alwine Thiesbrummel, Jaspers stämmige Gattin, mit verschränkten Armen immer mal wieder in das Gespräch einmischte, und weil Teile des Gesprächs lautstark geführt wurden, dämmerte es Erwin, dass Jasper die Polizei hatte rufen müssen. Er hatte die Knochen hochgepflügt, mit dem wuchtigen Achtschar-Volldrehpflug, den sein keuchender Deutz-Traktor – in dieser Gegend Trecker genannt – kaum halten konnte. Jasper hätte die Knochen gern klammheimlich entsorgt. Alwine jedoch war strenger gläubig als ihr Mann und achtete Recht und Gesetz, schon allein, weil Jasper es mit Letzterem nicht so genau nahm. Außerdem hatte sie den Schädel mit Oberkiefergrinsen, der ihr in der Kuhle entgegenstarrte und den der Forensiker bereits eingesammelt hatte, bevor Erwin dazukam, als eine Art Memento mori gedeutet. Darüber ging man nicht so einfach hinweg. Jetzt verzögerte sich also der kleine Versuch, zusätzliches Ackerland zu gewinnen, den Jasper bauernschlau erwogen hatte. Jasper würde eine Gelegenheit suchen müssen, es bei Tisch gegenüber Alwine anzusprechen. Polizei auf dem Hof passte überhaupt nicht in sein Konzept. Und womöglich drohte gar eine Ausweitung der Untersuchung.

ENDE DER LESEPROBE