Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Es klingt nach Liebe - Kate Saunders

Was tust du, wenn du deiner großen Liebe wieder begegnest?Genau das passiert Hugh Purvis – wohlverheiratet und korrekt. Er trifft Laura, seine große Liebe von einst. Gleichzeitig verliebt sich seine Tochter in eine Frau, und Sohn Colin interessiert sich mehr für eine Chorsängerin mit Dreadlocks als für eine schillernde Karriere als Pianist. Und schon fliegt Hughs Frau Barbara alles, was sie im Leben für sicher hielt, um die Ohren. Dagegen hilft nur eine radikale Renovierung: Barbara kauft spontan eine baufällige Mühle und möbelt nicht nur das Gemäuer, sondern auch den grantigen Exbesitzer auf – mit erstaunlichen Folgen für den ganzen Purvis-Clan…Die romantische Komödie für die jungen und die besten Jahre

Meinungen über das E-Book Es klingt nach Liebe - Kate Saunders

E-Book-Leseprobe Es klingt nach Liebe - Kate Saunders

Kate Saunders

Es klingt nach Liebe

Roman

Aus dem Englischen von Annette Hahn

Fischer e-books

Für Cordelia

Ein romantisches Vorspiel (1979)

In der Stille des Nachmittags ging Hugh zum Bauernhaus hinunter. Die Reihen der Rebstöcke erstreckten sich in alle Richtungen, so weit das Auge reichte. Er ging den üblichen Weg entlang und nahm alle vertrauten Dinge ein letztes Mal wahr – die saftigen, prall herabhängenden Weintrauben, das tiefe, kräftige Blau des Himmels, die vor Früchten strotzenden Brombeersträucher, die verwitterten roten Dachziegel des Bauernhauses, die man hie und da durch das Blattwerk der Bäume schimmern sah.

Wie versprochen, wartete Laura auf ihn. Sie stand auf dem Gartenweg und blickte ihm entgegen. Hugh ließ sie keinen Moment aus den Augen, denn er wusste, dass er sich ihr Bild für alle Zeiten ins Gedächtnis brennen musste. Ihr ausgebleichtes blaues Baumwollkleid. Ihre nackten braunen Beine. Ihr wildes, widerspenstiges dunkles Haar, das sie aus dem Gesicht gekämmt und zusammengebunden hatte. Ihre Schönheit faszinierte ihn. Der Gang zu ihr war viel zu weit und doch nicht weit genug und jetzt schon schwer vor Nostalgie. Er würde sich immer deutlich daran erinnern, so wie er sich an das erste Mal erinnerte, als er sie sah: durch die Reben schreitend wie Persephone, die sich – vom Ehemann in der Unterwelt gefangen – nach ihrer Heimat sehnt.

Lauras dunkle Augen schwammen vor Tränen. Sie weinte, ohne einen Laut, ohne sich zu rühren. Hugh bemühte sich sehr, nicht auch zu weinen. Er wusste jetzt, was ein gebrochenes Herz bedeutete. Sich hinzulegen und mit ihr zu sterben, wie Romeo und Julia, wäre einfacher als das hier.

Er blieb vor ihr stehen, und sie sahen einander an.

»Es ist Zeit«, sagte er.

»Ja.«

»Ich kann das nicht, Laura … Es reißt mich mitten entzwei.«

»Es tut mir so leid, Hughie …«

»Ich weiß, ich weiß.«

»Ich liebe dich so sehr … so sehr …«

Sie schluchzte, und Hugh nahm sie ein letztes Mal in die Arme. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Ihre Tränen durchnässten sein T-Shirt.

»Ich liebe dich und werde dich immer lieben«, sagte er. »Immer. Ich werde nie aufhören, an dich zu denken … dich zu begehren …«

»Ich kann ihn nicht verlassen«, klagte Laura. »Er liebt mich, auch wenn er so tut, als täte er es nicht … und er braucht mich.«

»Ich brauche dich.«

»Aber …«

»Ich weiß! Du musst es nicht noch einmal sagen.« Hugh wusste, dass er Laura nicht so sehr brauchte wie ihr Ehemann; sie hatten das schon hundertmal besprochen. »Ich verstehe.«

»Ach, Hughie. Ich habe ihn nie so geliebt, wie ich dich liebe … und ich habe viel zu viel Zeit damit vergeudet, mir zu wünschen, dass alles anders wäre. Denn dann würde ich dir bis ans Ende der Welt folgen.«

Hinten auf der Straße hupte ein Auto. Die Liebenden küssten sich und weinten und berührten einander mit wilden, fahrigen Bewegungen. Wieder und wieder flüsterten sie den Namen des anderen, weil sie sich nicht dazu durchringen konnten, Lebewohl zu sagen.

Wo wir das Feuer entzündet

Zur Sommerzeit

Aus Ast und Zweig

Am schroffen Meereshang

Steig’ ich hinauf

Durch des Winters Schlamm

Suche und find’

Den verlassenen Ort

Sofort.

Thomas Hardy, Where the picnic was

Kapitel 1

Eine einsame, zusammengekrümmte Gestalt wartete an der Bushaltestelle, ohne Schutz vor dem Wind, der von Norden über die Ebene der Fens wehte. Barbara hielt den Wagen an und ließ auf der Beifahrerseite das Fenster herunter.

»Helen! Was machst du denn hier, um Himmels willen?«

»Also, ich …«

»Ich habe dir doch gesagt, dass du mich anrufen sollst, wenn du eine Mitfahrgelegenheit brauchst.«

»Das war eine ganz spontane Idee. Ich will dich nicht als Taxi missbrauchen.«

»Ach, Unsinn. Willst du nach Cambridge? Steig sofort ein, bevor wir beide noch erfrieren.« Barbara lehnte sich über den Sitz und stieß die Tür auf, um jeden weiteren Protest zu verhindern.

Helen lächelte. »Lieb von dir!« Sie kletterte in den Range Rover. »Oh, schön warm!«

»Ja, heute ist es mächtig kalt, nicht?« Barbara lenkte den warmen, surrenden Wagen auf die Landstraße, die an flachen braunen Feldern vorbei nach Cambridge führte. Sie mochte Helen und freute sich über ihre Gesellschaft.

»Eigentlich mag ich die Kälte. Sie passt zur Jahreszeit.« Helen zog ihre schafledernen Handschuhe aus und lockerte den kläglich selbstgestrickten Schal. »Ohne knisternden Frost ist es kein richtiges Weihnachten.«

Barbara sah ihre Freundin und Nachbarin von der Seite an und dachte, wie so oft, wie schade es war, dass Helen nicht mehr aus sich machte. Sie war dreiundfünfzig, nur zwei Jahre älter als Barbara, doch der Unterschied zwischen ihnen tat fast schon weh. Nachdem sie von Tony verlassen worden war, hatte Helen einfach aufgehört, sich Mühe zu geben. Ihr hellbraunes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Ihre hübschen, freundlichen blauen Augen waren von Falten umgeben und ihre Zähne vergilbt von den Zigaretten, die sie unablässig bei der Arbeit rauchte. Sie trug Tonys alten Dufflecoat (den er damals mitsamt seiner Frau im Cobb Cottage zurückgelassen hatte) und kein Fitzelchen Make-up.

Für Frauen ihres Alters war gute Pflege das A und O. Barbara pflegte ihre straffe, frauliche Figur durch beständige Diät und Bewegung in Form von langen Spaziergängen mit den Hunden. Einmal im Monat ließ sie ihre dichten Locken schneiden und nachfärben. Ihr hübsches, herzförmiges Gesicht hatte von Natur aus wenig Falten, doch sie verließ das Haus nie ohne Lippenstift und eine kräftige Schicht Make-up.

Allerdings, rief Barbara sich ins Gedächtnis, lebte Helen von der Hand in den Mund. Sie war freiberufliche Illustratorin und zeichnete vornehmlich Schritt-für-Schritt-Anleitungen für den Zusammenbau von Regalen oder das Einführen von Tampons. Für teure Kosmetika hatte sie einfach kein Geld übrig.

Vielleicht sollte ich ihr zu Weihnachten einen Verwöhntag im Wellness-Center schenken, dachte Barbara. Es musste etwas Nettes sein, da sie sich weigerte, für den Entwurf der wunderbaren Weihnachtseinladung Geld zu nehmen, und sie würde nie einen anderen Mann finden, solange sie wie Struwwelpeter herumlief. Die Leute mochten sagen, was sie wollten – Barbara war überzeugt, dass Helen einen neuen Mann brauchte.

»Wann bekommst du den Wagen zurück?«, erkundigte sie sich.

»Morgen Nachmittag«, erwiderte Helen. »Aber ich musste heute unbedingt noch nach Cambridge, um dringend etwas einzukaufen.«

»Tja, wie gut, dass ich vorbeikam. Diesen Weg bin ich nur gefahren, weil ich Jeff einen Hackfleisch-Kartoffel-Auflauf gebracht habe.«

»Du meine Güte, du bringst ihm immer noch Essen?«

»Ja, natürlich«, sagte Barbara. »Einmal pro Woche braucht er eine anständige Mahlzeit, der Arme. Und ich habe ihm eine Einladung zur Party gegeben, obwohl ich kaum glaube, dass er kommt.« Jeff, der momentan in einem Wohnwagen auf dem Grundstück seiner verfallenen Wassermühle lebte, war eines von Barbaras Langzeit-Wohltätigkeits-Projekten. Er hatte einst einen recht wichtigen Posten im Außenministerium gehabt, doch seit dem Tod seiner Frau war er merklich verkommen. Glückliche und begüterte Menschen hatten die Pflicht, ihm Gutes zu tun. »Es ist wichtig für ihn, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen, findest du nicht? Er muss am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.«

»Ja«, entgegnete Helen skeptisch. Ihre Mundwinkel zuckten, ein kleiner Tick, der sich hin und wieder zeigte. »Aber es ist schon fast drei Jahre her, dass Olivia starb. Wenn er wirklich an allem teilnehmen wollte, meinst du nicht, er würde es längst tun?«

»Er trauert noch.«

Helens Mundwinkel zuckten erneut. »Mir hat er mal gesagt, er sei froh, sie los zu sein.«

»So redet er eben.«

»Wie ein elender Mistkerl, meinst du?«

»Er liebt Musik«, sagte Barbara freundlich, aber bestimmt. »Ich hoffe, das wird ihn aus dem Haus locken.« Es gab mal eine Zeit, in der sie überlegt hatte, ob sie Helen und Jeff verkuppeln könnte – zwei einsame, herzensgute Menschen mittleren Alters, die in der Ehelotterie verloren hatten. Jetzt sah sie ein, dass es nicht in Frage kam. Helen hatte die spröde Selbstgenügsamkeit einer alten Jungfer angenommen, und Jeff ähnelte mehr und mehr einem menschenverachtenden Stachelschwein. Es war eine fortwährende Herausforderung, Menschen zu helfen, die sich selbst nicht helfen konnten oder wollten.

»Ach, übrigens«, sagte Helen, »du findest es sicher furchtbar dreist, aber könnte ich noch zwei weitere Gäste zu deiner Party mitbringen? Meine Cousine und ihre Tochter kommen über Weihnachten zu Besuch. Daher auch der dringende Einkauf.«

»Aber sicher, natürlich«, sagte Barbara. Sie fuhren gerade durch das Örtchen Fen Ditton, und Barbara hupte übermütig, als sie Becca Player-Ricks, eine wichtige Stütze des Chors, aus dem Postamt treten sah. »Du weißt doch, was Hugh immer sagt – je mehr, desto besser.«

Wäre es nicht Helen gewesen, hätte sie sich vielleicht geärgert, dass nun zwei weitere Frauen mittleren Alters ihre Party bevölkerten – warum gab es davon nur so viele? Doch in dieser Jahreszeit war es gut, auch andere mit der Wärme ihres Kaminfeuers zu erfreuen. Und es war gut, dass die arme alte Helen Weihnachten nicht wieder allein verbrachte.

»Das ist sehr lieb von dir«, sagte Helen. »Ich glaube, sie passen gut dazu. Laura ist etwa in meinem Alter und Delphine ungefähr ein Jahr älter als eure Sarah.«

»Tod oder Scheidung?«, hätte Barbara am liebsten gefragt. Doch das gehörte sich nicht. Man musste sich höflich herantasten. »Delphine? Sind sie aus Frankreich?«

»Lauras Mann war Franzose. Er ist verstorben.«

»Ach, die Arme.« Also Tod. »Was war es?«

»Ich bin nicht ganz sicher, woran er gestorben ist, aber er hatte Multiple Sklerose.«

»Wie schrecklich.« Sie fuhren an einer Kirche vorbei, und Barbara fühlte sich gezwungen, der Pastorin zuzuhupen, obwohl die Frau für ihren Geschmack ein wenig zu modern predigte und kein Ohr für Musik hatte. »Ich nehme an, sie hat ihn jahrelang gepflegt. Es muss sehr schwer sein, plötzlich allein zurückzubleiben.«

»Wir stehen uns nicht besonders nahe«, sagte Helen. »Jedenfalls nicht mehr seit unserer Jugend. Nach Mutters Beerdigung im letzten Jahr haben wir angefangen zu telefonieren. Wenn man in unser Alter kommt, erkennt man nach und nach, dass einem nur eine bestimmte Anzahl an Menschen zugeteilt ist, und dann sucht man wieder Kontakt zu denen, die man aus den Augen verloren hat. Wir haben vorgestern Abend telefoniert, und plötzlich ertappte ich mich selbst dabei, wie ich sie einlud. Ich muss gestehen, dass mich der Gedanke an die Weihnachtsgans ziemlich nervös macht. Ich habe so was seit Jahren nicht mehr zubereitet.«

»Ich kann dir mein Rezept für die Füllung geben – Apfel und Armagnac … absolut köstlich. Und das Fett nimmst du natürlich für die Röstkartoffeln.«

»Ja, natürlich«, sagte Helen mit wiederum zuckenden Mundwinkeln. »Und natürlich gibt es danach einen Pudding von Purvis.«

»Ganz genau«, sagte Barbara, und beide lachten.

Barbara fuhr durch eine Reihe von Ortschaften, in denen sie einigen Bekannten fröhlich zuhupte und -winkte. Sie klagte über den Küchen- und Geschenkemarathon, weil das jeder tat, doch insgeheim liebte sie es. Ihre Weihnachtspartys waren im ganzen Umkreis berühmt. Sie achtete auf die Details, auf Zwischentöne. Es war erstaunlich, wie viele Menschen dachten, diese Dinge geschähen einfach durch Zauberei. Wenn andere Frauen nach ihrem Geheimnis fragten, sagte sie immer: »Schlicht und ergreifend harte Arbeit.« Die kommende Weihnachtsparty hatte sie in besonders großem Stil geplant. Nach den Lasten und Mühen des letzten Jahres konnten sie alle eine Aufmunterung gebrauchen.

Es sprach für Helen, dass sie sie nicht mit Fragen zu Sarah bombardierte. Barbara brachte inzwischen ohne große Probleme den Satz zustande: »Meine Tochter hatte einen Nervenzusammenbruch und gönnt sich zu Hause ein paar Monate Ruhe«, aber sie schämte sich noch immer. Sarah – der letzte Mensch auf der Welt, um den man sich Sorgen gemacht hatte! Letzten Sommer hatte sie in einem exzellenten Streichquartett die zweite Geige gespielt. Ihre Tournee führte durch ganz Europa, und die Pinnwand in der Küche hing voller Postkarten aus Stuttgart, Salzburg, Genua, Lucca und Monte Carlo. Barbara hatte gern mit dem Glück und Erfolg ihrer talentierten Tochter geprahlt.

Plötzlich – aus heiterem Himmel – kam der schreckliche Anruf aus dem Britischen Konsulat, und man forderte sie auf, Sarah aus einem Krankenhaus in Aix-en-Provence abzuholen. Was war so ein »Nervenzusammenbruch« eigentlich? Sie und Hugh waren sofort hingeflogen und hatten Sarah in stummer Verzweiflung erstarrt vorgefunden, ein Zustand, der bis zum heutigen Tag mehr oder weniger angehalten hatte. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie weigerte sich, Geige zu spielen, obwohl der nettere der beiden Psychiater im Addenbrooke-Krankenhaus Barbara zugestimmt hatte, dass es vielleicht genau das Richtige für Sarah wäre, um wieder zu sich zu finden.

Der französische Arzt hatte Hugh eine eigenartige Geschichte erzählt – dass Sarah versucht habe, ein anderes Mädchen aus einem Hotelfenster zu stoßen. Als ob die vernünftige Sarah so etwas tun würde! Ein Missverständnis, ganz offensichtlich! Sie waren sich einig gewesen, die Sache keinem der englischen Ärzte gegenüber zu erwähnen. Barbaras persönliche Meinung war, dass Sarah sich verlieben sollte, deshalb hatte sie auch einige vielversprechende junge Männer zur Party eingeladen.

»Es war nett, neulich zufällig Colin zu treffen«, sagte Helen nun.

Colin war ein unverfänglicheres Thema. Seit dem Tag, als er sich mit zwei Jahren »Happy Birthday« auf dem Klavier zusammengesucht hatte wie ein kleiner Mozart, war sein Talent stets Anlass für höchste Freude und Begeisterung seiner Mutter gewesen. »Ja, es ist schön, ihn zu Hause zu haben. Er bleibt bis mindestens Ende Januar.« Sie kicherte. »Und mit ihm der Bechstein – hast du den Wirbel mitbekommen, als er geliefert wurde? Der Laster passte nicht durchs Tor, und am Ende mussten sie den Flügel die ganze Auffahrt hinauftragen.«

»Wo habt ihr ihn denn hingestellt? Nicht einmal ihr könnt Platz für zwei Konzertflügel haben.«

»Hugh wollte, dass Colin den Bech in London lässt und am Broadwood übt, der ja auch nicht schlecht ist. Aber er musste aus seiner Wohnung ausziehen, und jetzt haben wir den Bechstein in den ehemaligen Stallungen untergebracht. Colin spielt nächstes Jahr bei einem Wettbewerb in Spanien. Er weigert sich, mir irgendetwas zu erzählen, aber es scheint eine Menge Beethoven dabei zu sein. Jedenfalls ist es das, was ich höre, wenn ich ihm seinen Kaffee bringe.«

»Absolviert er dieses Jahr denn gar nicht seine Aushilfszeit im Laden?«

»O doch, da ist er auch gerade. Ihm ist sehr daran gelegen, die Tradition aufrechtzuerhalten.«

Seit mehreren Generationen standen die Söhne der Purvis’ zu Weihnachten mit am Verkaufstresen. Es gefiel Colin nicht besonders, aber die Kunden sahen ihn gern dort. Er war charmant, gutaussehend und deutlich zu Höherem bestimmt.

»Wie läuft es mit seiner Karriere?«, wollte Helen wissen.

»Ganz gut, glaube ich. Vom Schwartz-Stipendium hast du gehört, oder? Und anscheinend hatte er ein paar schöne Engagements als Begleitpianist.«

»Was ist mit dieser einen Freundin – der Flötistin?«

»Ach, ich glaube, sie ist inzwischen mehr oder weniger abgeschrieben. Um ehrlich zu sein, bin ich froh darüber. Ich fand sie doch ziemlich gewöhnlich.«

»Barbara – also wirklich!« Helen lachte sanft. »Du bist schrecklich.«

»Komm schon, du bist meine beste Freundin. Wenn ich dir gegenüber nicht ehrlich sein kann! Dieser Akzent, du meine Güte!«

»Du bist ein fürchterlicher Snob.«

Barbara schmunzelte. »Ich sage lieber, ich habe gewisse Maßstäbe.«

Wenn man nicht aufpasste, konnte einem so vieles die Laune verderben. Warum nur?, lautete Barbaras ewige Frage. Wenn Leute ihre Wohnung renovierten oder eine Party feierten oder sich verliebten – warum konnten sie es nicht vernünftig tun? Erkannten sie nicht, dass es keinen Grund gab, sich mit einer minderwertigen Version der Dinge abzufinden? Man brauchte sich doch nur ein wenig anzustrengen.

Sie hatten den Stadtrand von Cambridge erreicht, und Barbara musste sich auf die Einbahnstraßen und den dichten vorweihnachtlichen Verkehr konzentrieren. Sie fand einen Parkplatz im mehrstöckigen Parkhaus nahe der King’s Parade. Es war Markttag, und Helen (nachdem sie eingewilligt hatte, zu einer verabredeten Zeit wieder mitgenommen zu werden) verschwand in der Menge, die sich um Stapel von schlammigem, ostenglischem Sellerie und billigen, unzerreißbaren Arbeitshosen drängte.

Es war furchtbar kalt. Hugh sagte oft, kein anderer Frost sei wie der Fenland-Frost, »geradewegs aus der sibirischen Steppe«. Er biss in Finger und rote Nasen. Die Collegetürme wirkten im eisigen Licht wie mit granuliertem Zucker besprüht. Barbara holte die Liste aus dem vorderen Fach ihrer Handtasche. Es war keine gewöhnliche Einkaufsliste. Sie umfasste drei Druckseiten mit den Überschriften »Party«, »Haus« und »Geschenke«. In diesem Jahr hatte sie die Liste neu überarbeitet und im Oktober ausgedruckt, so dass viele der Einträge schon sauber durchgestrichen waren.

Hugh mochte über die Liste lachen, doch wie jeder andere wusste auch er, dass gute Planung sich auszahlte. Er bewunderte all ihre Partys, Dinnerabende und Brunch-Büfetts. Seit Jahren schon erlaubte er seiner Frau, alles Nötige für ihre Weihnachtsfeiern aus dem Laden zu nehmen, zum Teufel mit den Kosten! Er genoss seinen Ruf als großzügiger Gastgeber – nicht, dass Barbara extravagant wäre. Jeder wusste, wie viel Geld sie hatten, und zwischen Großzügigkeit und Angeberei wandelte man auf schmalem Grat.

Das Geschäft, Matthew Purvis & Sons, nahm den ganzen Block einer Seitenstraße ein, die vom Marktplatz wegführte. Barbara eilte an den erleuchteten Schaufenstern vorbei und registrierte anerkennend die Auslagen. Purvis wirkte weder flitterig noch gewöhnlich. Im Spielwarenfenster tuckerte eine Modelleisenbahn um die hölzernen Schaukelpferde und Steiff-Bären. Das Lebensmittelfenster stand unter viktorianischem Motto: rundum Mahagoni, roter Samt und weißer Damast. Alle Schaufenster strahlten einladend Wärme und Wohlstand aus – so wie zu jedem Weihnachtsfest seit 1752.

Matthew Purvis war Schneider gewesen, spezialisiert auf akademische Prachtgewänder. In den 1780ern hatte sein Sohn Joseph nebenan ein Stoffgeschäft mit Kurzwaren eröffnet. Josephs Sohn William hatte einen Lebensmittelladen angeschlossen, etwa zu der Zeit, da Alfred Tennyson in Cambridge studierte. Seither verkaufte Purvis Kleidung an Dichter, Philosophen und Staatsmänner. Man versorgte den örtlichen Adel mit Lebensmitteln und Bettwäsche. Doch es war mehr als ein Geschäft. Barbara hatte in eine regelrechte Institution der Grafschaft Cambridgeshire eingeheiratet, nicht in den »Kaufmannsstand« im herkömmlichen Sinn, und das hätte sie auch jedem gesagt, der ihren Rang im geozentrischen englischen Klassensystem nicht einzuschätzen wusste. Nach all den Jahren, in denen sie den Adelsstand der Grafschaft beliefert hatte, war die Familie Purvis gleichermaßen in ihn aufgestiegen.

Barbara betrat den Laden nie ohne einen kleinen wonnig-wohligen Schauer. Dank eines heftigen Streits zwischen Hugh und seinem Vater in den frühen Achtzigern war die ursprüngliche Ausstattung – altmodische Wandpaneele, Regalfächer und polierte Tresen – beibehalten worden. Heute quoll der Laden vor Menschen fast über, doch die große Masse an Kunden brachte die gedämpfte Schönheit der auf englischer Eiche ausgestellten edlen Waren nur noch deutlicher zur Geltung.

Drei der Artikel auf der Geschenkeliste (zwei Duftkerzen für die Pflegerinnen der Schwiegermutter, Badeöl für die Reinigungskraft) wurden prompt abgehakt und Barbaras Konto angerechnet. Sie betrat den Kühlraum der Lebensmittelabteilung, um die zwei prächtigsten Suffolk-Schinken auszusuchen; einen für die Party nach dem Weihnachtssingen und einen für das Mittagsbüfett am zweiten Feiertag. Len Scott, der seit unzähligen Jahren alle Vorgänge hinter den Kulissen überwachte, hatte ihr eine Schachtel der mittlerweile eingestellten Serie gequilteter Eierwärmer zurückgelegt. Barbara beabsichtigte, jeweils einen davon in die Weihnachtskarten für das Dorf zu legen, die sie am Morgen des 22. persönlich abliefern wollte, sofern das Wetter es zuließ. Alle anderen Weihnachtskarten waren selbstverständlich längst per Post verschickt worden.

Sie mochte Len. Es war reizend, wie er ihren Mann »Mr. Hugh« nannte – als wäre er seit Generationen der gute Geist der Familie.

»Sie tragen die Sachen auf keinen Fall selbst, Madam. Ich werde Ihnen einen der Jungen schicken, wenn Sie den Wagen vorfahren möchten.«

»Danke, Len – herzlichen Dank. Ich hoffe, ich sehe Sie und Maureen bei der Mitarbeiterfeier?«

»Selbstverständlich, Madam. Die würden wir uns um nichts in der Welt entgehen lassen.«

Die Mitarbeiterfeier empfand Barbara als qualvolle Angelegenheit, doch man musste berücksichtigen, wie wichtig es war, den Angestellten das Gefühl der Wertschätzung zu geben. Hugh hatte dafür ein Händchen. Er schien die Ausgelassenheiten und Papierhütchen sogar zu genießen und stieß sich nicht daran, wenn sie ihn wegen seiner blasiert-nasalen Karaoke-Stimme auslachten. Barbara wanderte durch die Abteilungen, sammelte Seifen, Socken und Pralinenschachteln und schenkte dem Personal ihr herzlichstes Lächeln. Alle waren wirklich ausgesprochen liebenswert. Barbara verließ das Geschäft mit dem Gefühl von Güte und Wertschätzung.

Sie fand Helen draußen vor dem Parkhaus, geduldig auf die Rückfahrt wartend. Nachdem sie deren unordentlich eingepackten Einkäufe im Kofferraum verstaut hatten, fuhr Barbara zurück zu Purvis’ Haupteingang und setzte ein freundliches Mitarbeiter-Lächeln für den »Jungen« auf, der ihr die Einkäufe bringen sollte.

»Na, sieh mal einer an, wer das ist!«, rief Helen.

Es war keiner der pickligen Jungen aus dem Lager. Es war ein hochgewachsener junger Mann mit langem, lockigem braunem Haar, ausdrucksvollen blauen Augen und edlen Gesichtszügen. »Hallo, Mum. Überraschung, wie?«

»Colin!« Ihr Lächeln schwand. So ging das nicht. Hatte Mozart etwa im braunen Overall in einem Lagerraum gearbeitet? »Du meine Güte, was machst du denn hier?«

»Ich arbeite hier. Das ist eine Familientradition.« Colin beugte sich vor und lächelte Helen durch das Autofenster zu. »Hallo, Helen. Tut mir leid, dass ich neulich nicht viel Zeit hatte.«

»Ist schon in Ordnung. Du sahst sehr beschäftigt aus.«

»Es ist keine Familientradition, im Lagerraum zu arbeiten«, sagte Barbara. »Warum bist du nicht in den Verkaufsräumen?«

»Zu langweilig. Ich hasse es, den ganzen Tag eine Krawatte zu tragen und höflich zu sein.«

»Was, wenn du dir die Hände verletzt?«

»Meinen Händen geht es gut. Bitte, Mum … du bringst mich in Verlegenheit.«

Da Helen neben ihr saß (mit heftig zuckenden Mundwinkeln), blieb Barbara keine andere Wahl. Sie war gezwungen zu lachen und so zu tun, als machte es ihr nichts aus. Doch der Anblick ihres gutaussehenden Sohnes in diesem schmutzigbraunen Overall löste Unbehagen und Unmut in ihr aus.

Kapitel 2

Am Ecktisch saß ein hübsches Mädchen und nippte an einem Pfefferminztee, während sie Zeitung las. Sie trug einen schwarzen Rock und eine schlichte weiße Bluse – die nüchterne Uniform der Verkäuferinnen hinter Purvis’ poliertem Tresen. Colin entschied, dass dies Rechtfertigung genug wäre, sie anzusprechen.

»Äh … macht es Ihnen etwas aus, wenn ich mich zu Ihnen setze?«

»Nein«, erwiderte sie abwesend. »Bitte sehr.«

Ihre hellbraune Haut sah wie zum Anbeißen aus. Das schwarze Haar trug sie in dicht am Kopf geflochtenen Zöpfen. Die Augen, mit denen sie kurz zu Colin aufblickte, leuchteten wie große braune Scheinwerfer. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Zeitung, und er starrte auf ihre gesenkten Wimpern. Sie war umwerfend. Plötzlich wurde ihm der schlechte Schnitt seines Overalls bewusst und dass er eine Rolle Klebeband am Handgelenk trug.

Sie las die kombinierte Weihnachts- und Neujahrsausgabe des New Statesman, und Colin hoffte sehr, dass sie keine überzeugte Linke war. Er konnte nicht über Politik reden, ohne wie ein Idiot zu klingen.

»Danke.« Er setzte sich auf den anderen Stuhl. Die Tische waren klein, und er spürte die Wärme ihrer Beine neben seinen. »Sie arbeiten bei Purvis?«

»Ja.«

»Ich auch.«

Widerstrebend sah sie auf. »Sie sind der Sohn, oder nicht?«

»Bitte?«

»Mr. Hughs Sohn.«

»Tja, das stimmt.« Er meinte eine Spur Ironie herausgehört zu haben.

»Dann sollte ich wohl besser nett zu Ihnen sein, was?«

»Nein, bloß nicht«, entgegnete Colin. »Die anderen Jungs im Lagerraum reißen schon genug Witze darüber. Bitte vergessen Sie einfach, dass ich der Sohn des Chefs bin.«

Das hübsche Mädchen lächelte und zeigte ihre Grübchen. »Ich hätte nicht damit gerechnet, dass Sie im Lagerraum arbeiten. Ich dachte, Sie stehen lieber vorn bei all den anderen Internatsschülern.«

»Es gefällt mir im Lager.« Colin bemühte sich, sein Käsesandwich so zu essen, dass es nicht unappetitlich aussah. »Und um die Wahrheit zu sagen, hatte ich keine Lust, die ganzen Freunde meiner Mutter zu treffen. Äh … ich heiße übrigens Colin.«

»Soll ich Sie Mr. Colin nennen?«

»Bloß nicht.«

»Ich bin Letitia Hamilton.«

»Letitia. Ein hübscher Name.«

»Danke.«

»In welcher Abteilung arbeiten Sie?«

»Schreibwaren.«

»Oh.« Colin überlegte, was er darauf erwidern könnte.

Letitia half ihm. »Ich bin eine der Weihnachtsaushilfen. Ansonsten studiere ich Jura am Clare College.«

»Ich bin auch eine Weihnachtsaushilfe.«

»Ich weiß«, sagte Letitia. »Ich fürchte, die Angestellten tratschen über Sie. Sie sind Konzertpianist.«

»Ich gebe mir Mühe. Meine normale Arbeitskleidung ist ein Abendanzug.«

»Oh, ich weiß, und ich finde es faszinierend … dieses Aufeinanderprallen von Handel und Kultur – wie bei den Buddenbrooks. Sie müssen sehr gut sein.«

»Beim Klavierwettbewerb in Leeds bin ich vor zwei Jahren Dritter geworden«, sagte Colin, »falls mich das als gut ausweist.«

»Und im nächsten Jahr nehmen Sie am Wettbewerb um den De-Falla-Preis teil.«

»Woher wissen Sie das denn nun schon wieder?«

Sie lachte. Ihr Lachen war grell, nicht schön, mit einem heiseren Unterton, den Colin äußerst sexy fand. »Seien Sie nicht albern. Ich weiß alles über Sie. Unten im Laden sind Sie und Ihre Familie so etwas wie Sagengestalten.«

»Lassen Sie mich beweisen, dass ich keiner Sage entsprungen bin«, entgegnete Colin. »Was machen Sie nach der Arbeit?«

»Ich gehe zur Chorprobe.«

In Cambridge war das keine Abfuhr, denn es gab unzählige Chöre. Jede Kirche und jedes College hatten zwei oder sogar drei davon. »Von welchem Chor?«

»Dem Frescobaldi-Ensemble.«

Colin hatte davon gehört. Es war ein strenger, puristischer Chor, der so weit ging, dass ausschließlich Männer den Alt sangen und Frauen nur Sopran. »Dann mögen Sie Alte Musik?«

»Ja, ich bin verrückt danach. Als Solist können Sie das vielleicht nicht verstehen, aber ich liebe es, in einer Gruppe zu singen. Ich glaube, dabei bin ich am glücklichsten. Wir proben gerade eine Motette von Monteverdi – Beatus Vir.«

»Das muss ich hören. Wann ist Ihr nächstes Konzert?«

»Sie können heute zuhören, wenn Sie möchten. Wir dürfen Freunde mitbringen.«

»Wirklich?« Colin stockte fast der Atem. Hatte er plötzlich eine Glückssträhne?

»Halb acht, in Holy Trinity.«

»Und … was ist danach? Haben Sie da schon etwas vor?«

»Nein.« Sie starrten einander an, verblüfft über ihre Ungezwungenheit.

»Würden Sie dann noch etwas mit mir trinken gehen? Oder vielleicht essen … es sei denn, Sie haben einen Freund …«

»Ich habe keinen Freund«, sagte Letitia. »Aber haben Sie nicht eine Freundin, die Flöte spielt?«

Colin lachte kurz auf. »Nein, das ist vorbei … Sie bringen die Webseite besser auf den neuesten Stand.«

»Entschuldigen Sie bitte.«

»Ist schon okay. Ich hole Sie um Viertel nach sieben am Haupteingang ab und begleite Sie zur Kirche.« Und er fügte noch hinzu: »Ich kann es kaum erwarten, Sie singen zu hören.«

 

Letitia erzählte den Kollegen in der Schreibwarenabteilung nicht, dass sie es geschafft hatte, in der Mittagspause den Sohn des Chefs anzubaggern. Es war unmöglich, es so zu schildern, dass es sich nicht komisch anhörte. Es war ihr ein wenig peinlich, wie schnell sie sich in diese hübschen reichen Jungs verknallte – hatte sie aus dem Debakel mit Sebastian denn nichts gelernt? –, aber, du meine Güte, was für ein Traumtyp!

Das Geschäft schloss um 19 Uhr. Letitia war fünf Minuten zu früh dran, doch Colin wartete bereits am Haupteingang und sah jetzt, wo seine halblangen Locken auf den dicken grauen Kaschmirschal fielen, noch umwerfender aus. (Sie selbst hatte zwei dieser Schals aus dem ersten Stock gekauft und sich damit schwer in Unkosten gestürzt, in Dunkelviolett und Burgunderrot, für ihre Mutter und ihren Großvater.) Er küsste sie höflich auf die Wange, als würden sie sich schon seit Ewigkeiten kennen, und fasste sanft ihren Arm, um sie auf dem schmalen Gehweg durch die Menschenmenge zu steuern.

Holy Trinity war eine mittelalterliche Kirche im historischen Kern der Altstadt. Etwa ein Dutzend Chormitglieder standen um einen tragbaren Gasofen neben der Tür, dick in Mützen, Handschuhe und Steppjacken eingemummt und in die Wolken ihres eigenen Atems eingehüllt wie eine Eislaufgesellschaft. Die Kälte war kein Spaß mehr. Wehmütig dachte Letitia an die alte, viktorianische Kirche zu Hause. Solange sie denken konnte, hatte ihr Großvater mit dem kirchlichen Durchzug gerungen und immer schmunzelnd behauptet, Frieren verhindere Tugendhaftigkeit.

»Ich glaube nicht, dass wir viel singen können«, sagte sie zu Colin. »Meine Zähne klappern wie Kastagnetten.«

Eine große, unförmige Gestalt in einem aufgeplusterten Anorak löste sich aus der Gruppe. »Colin! Was um alles in der Welt machst du denn hier?« Sie schlang dicke, bauschige Arme um seinen Rücken.

»Hallo, Daisy.« Colin umarmte sie freundschaftlich, und Letitia erkannte sofort, dass er nichts von ihr wollte.

Daisy Trounce war stattlich, mit dem Knochenbau eines Kaltblutpferdes und dieser typischen, wie durchsichtig wirkenden blassrosa Haut, die alle reichen Leute zu haben schienen. In die Londoner Mittelschicht hineingeboren, hatte Letitia erst in Cambridge näheren Kontakt mit der Oberschicht bekommen. Ihre Mitschülerinnen in London waren Schwarze, Mischlinge, Inderinnen, Chinesinnen sowie irische, jüdische und polnische Weiße gewesen. Reiche Leute kamen jedoch immer mit diesem besonderen Roséton daher, mit blassen Augen und einer Haarfarbe aus dem angelsächsischen Bereich des Farbspektrums: hellbraun bis aschblond. Sie gehörten zu einer anderen Spezies, waren weißer als weiß und wirkten, als wären sie unter Glas aufgezogen worden.

Daisy ließ ihre Hand auf Colins Arm ruhen. »Wie schön, dich zu sehen – auch wenn du dich weigerst, meine Anrufe zu beantworten.«

»Tut mir leid. Bist du schon in das neue Haus umgezogen?«

»Ja, das bin ich, und ich werde es dir gern und voller Stolz präsentieren, sobald ich das ganze Chaos beseitigt habe. Wie geht es Sarah?«

»Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht so genau. So wie immer. Sarah ist meine Schwester«, fügte er zu Letitia gewandt hinzu. »Sie ist krank gewesen. Eine Art Nervenzusammenbruch.«

»Ach, du meine Güte.« Letitia wusste das alles nur zu gut. Diese britischen Buddenbrooks konnten kaum ein Geheimnis vor den Angestellten bewahren.

Daisy lächelte Letitia ein wenig verunsichert zu. »Colin und ich sind zusammen zur Schule gegangen.«

»Aha«, meinte Letitia. In der geheimen Sprache der Frauen, die für Männer so unhörbar ist wie eine Hundepfeife, hörte sie heraus, dass die arme Daisy Trounce hoffnungslos in Colin verliebt war. Wortlos schickte Letitia die Botschaft zurück, dass es ihr leidtue, jedoch nicht ihr Problem sei.

»Ich hoffe«, sagte Colin nun, »wir sehen dich und deine Eltern auf der Party?«

»Nein, tut mir leid, wir fahren morgen alle zusammen nach Schottland.«

»Ach so. Tja, dann bis nach Weihnachten.«

Mittlerweile waren etwa vierzig Leute versammelt, die sich nun Richtung Chorgestühl bewegten. Letitia nahm ihren Platz ein und suchte in ihrer Tasche nach den Noten.

Aus dem hölzernen Chorstuhl neben ihr raunte Daisy ihr zu: »Colin ist mit dir hergekommen, oder?«

»Ja. Er wollte Alte Musik hören.«

»Wo habt ihr euch kennengelernt?«

»Ich habe ihn bei Purvis getroffen.«

»Aha.«

Die Chorarbeit begann. Letitia sang hoch konzentriert; sie strebte nach dem perfekten harmonischen Klang, und wenn er gelang, fühlte es sich an wie Musik aus himmlischen Sphären. Bei einem besonders klaren, reinen Akkord konnte sie vor Glück fast ohnmächtig werden. Aufgrund der schrecklichen Kälte und den am Semesterende deutlich gelichteten Reihen dauerte die Probe diesmal nicht sehr lange. Sie blieben noch eine Weile in der Kirche, stampften mit den Füßen, um sich warm zu halten, und wünschten gegenseitig frohe Weihnachten.

»Verdammt, hier draußen ist es fast wärmer als drinnen«, meinte Colin, als sie wieder auf der Straße standen. »In meinem ganzen Leben hab ich noch nie so gefroren. Lass uns etwas essen gehen.«

»Also dann, gute Nacht«, sagte Daisy wehmütig.

»Daisy ist klasse«, verkündete Colin, als sie im chinesischen Lokal in wunderbarer Wärme saßen, die ihnen das Wasser in die Augen trieb. »In der Schule hat sie mich davor bewahrt, verrückt zu werden. Sie ist eine meiner besten Freundinnen.«

»Bist du je mir ihr … du weißt schon … zusammen gewesen?«

»Du lieber Himmel, nein! Die Tatsache, dass ich nichts von ihr will, ist einer der Eckpfeiler unserer Freundschaft. Wenn ich mit ihr zusammen bin, ist das so wie mit einer Schwester, nur ohne Streit. Es macht die Sache wunderbar einfach.«

Für Letitia war dies eine absolut zufriedenstellende Antwort. Sie wunderte sich allerdings, wie ein Mann so blind sein konnte. Einfach? Es war alles andere als einfach. Dachte Colin wirklich, dass eine Frau ein solches Interesse an ihm zeigte, ohne irgendwann auf ein Schäferstündchen zu hoffen?

Die Bedienung brachte die Getränke – Rotwein für Letitia und Wasser für Colin.

»Ich würde gern etwas anderes trinken«, sagte er, »aber ich muss noch durch die Tiefen des Hinterlands fahren, und die Straßen sind die reinsten Eisbahnen. Da muss ich alle Sinne beisammen haben. Das ist wie vor einem Auftritt.«

»Du wohnst wieder bei deinen Eltern, in ihrem wunderschönen alten Herrenhaus. Du und der Bechstein, den sie dir zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt haben. Deine Schwester bekam eine ebenso berühmte Geige. Tut mir leid, ich sollte dich nicht damit aufziehen, aber all die Details finde ich sehr amüsant.«

Er lachte. »Du weißt alles über mich und ich rein gar nichts über dich.«

»Stimmt, das ist nicht fair. Du darfst mich gerne alles fragen.«

»Hm, ich weiß nicht. Woher stammst du?«

»Nord-London«, sagte Letitia. »Aus Finchley, falls dir das etwas sagt.«

»Eltern?«

»Ja.«

»Ach, komm schon.«

»Also gut, meine Mutter ist Soziologie-Dozentin am Londoner University College. Mein Vater war ebenfalls Akademiker. Er stammte aus Jamaika und starb, als ich zwei Jahre alt war. Ich wuchs im Pfarrhaus meines Großvaters auf, wo ich auch meine Liebe zur Alten Musik entdeckte.« Ganz unmöglich, dachte sie, ihm ihr Zuhause zu beschreiben. Sie schätzte es sehr und traute ihm noch nicht zu, es zu verstehen. »Ich bin eigentlich ein ziemlicher Freak.«

»Das merkt man aber gar nicht«, sagte Colin. »Die Chorprobe war übrigens phantastisch.«

Sie zogen sich auf musikalisches Terrain zurück. Das Essen kam. Letitia hatte Mühe, unter dem betörenden Glanz aus Colins blauen Augen gelassen ihre Frühlingsrollen und Nudeln zu essen.

»Erzähl mal«, sagte sie, »was mit der Flötistin passiert ist.«

Er errötete leicht, wirkte jedoch locker. »Sie verliebte sich in meinen bisher besten Freund.«

»Oh.«

»Tragisch, oder? Ich dachte, sie hätte mir das Herz gebrochen, aber es war eher mein Stolz. Wir wohnten zu dritt in einer Wohnung in West Hampstead, und ich musste ausziehen. Da ich total abgebrannt war, musste ich mich wieder bei meinen Eltern einquartieren. Aber das Selbstmitleid wird mir allmählich langweilig.«

»Nach einer Weile ist es harte Arbeit«, stimmte Letitia zu. »Ich dachte auch, mein Exfreund hätte mir das Herz gebrochen, aber dann ertappte ich mich immer häufiger dabei, wie ich vor mich hin summte und nicht mehr als zweimal am Tag heulte, und da merkte ich, dass ich über ihn hinweg war.« Sie war ganz aufgekratzt vor Erregung, was sie veranlasste, so großspurig von Sebastian zu erzählen, als könnte er sie hören. »Ganz offensichtlich kann ich ohne ihn leben.«

»Mein gebrochenes Herz war schnell geheilt«, sagte Colin, »als ich dich sah.« Er griff über den Tisch, um ihre Hand zu nehmen. »Hast du am Samstagabend schon was vor?«

»Nein.« Ihre beiden Mitbewohnerinnen würden spätestens am Samstag ausgeflogen sein, und auf einmal war sie wild entschlossen, mit Colin zu schlafen. Es schockierte sie fast, wie dringend sie mit ihm ins Bett wollte. Bei Sebastian war der Sex mit Gefühlen befrachtet gewesen, doch dieses rein intensive, körperliche Verlangen war vermutlich das, was die Bibel mit Fleischeslust bezeichnete. Es war herrlich.

»Meine Eltern geben eine große Party. Sie beginnt mit einem Gottesdienst mit alten Weihnachtsliedern in der Kirche – sie haben diesen Amateur-Kammerchor –, und danach gibt es massenweise Essen und Trinken im Haus. Und das mit den Massen meine ich wörtlich – meine Mutter backt schon seit März Pasteten. Kannst du kommen?«

»Ich würde gern, aber ich habe kein Auto.«

»Ich hole dich ab – und bringe dich natürlich auch wieder nach Hause.«

»Colin?«

»Hmm?«

»Fragst du mich, weil du willst, dass ich im Chor mitsinge? Es würde mir nichts ausmachen, wenn es so wäre.«

Er lächelte. »Nein, ich frage dich, weil du mir gefällst. Aber wir haben tatsächlich wenig gute Sänger – ich kann dir das Programm gern noch durchgeben, die Lieder stehen alle im Oxford Book of Carols. Ich singe übrigens auch mit.«

»Wahrscheinlich kann ich sie allesamt in- und auswendig«, erwiderte Letitia. Ihr gefiel der Klang alter Weihnachtslieder in alten Kirchen. »Es wird mich auf den Weihnachtsliedermarathon zu Hause vorbereiten.«

»Ach ja, natürlich, du kommst aus einem Pfarrhaus.«

»Ich muss Heiligabend zur Mitternachtsmesse da sein – wir singen Charpentier, mit kleinem Chor und Kammerorchester.«

»Wow, wie imposant!«

»Es ist eine große Kirche, und dieser Gottesdienst ist immer rappelvoll. Am Morgen danach singe ich im Familiengottesdienst und nachmittags in zwei Altenheimen.«

»Du musst dich ja zu Tode schuften! Ich hätte dich nicht fragen sollen.«

»Sei nicht albern.« Sie sah auf die Uhr. »Es ist fast halb zwölf. Du musst noch nach Hause fahren.«

»Ach, das bin ich gewohnt. Wo wohnst du? Ich bringe dich nach Hause.«

Er fuhr sie zu ihrer Wohnung an einer tristen Straße in der Nähe des Bahnhofs. Ehe sie aussteigen konnte, beugte Colin sich vor und küsste sie auf den Mund, und der Kuss dauerte und dauerte.

Kapitel 3

»Sarah.«

Keine Antwort.

»Sarah.«

Nichts.

»Sarah!«

»Was ist?«

»Ich will nur mit dir reden, Schätzchen. Würdest du bitte die Tür öffnen?«

Man hörte ein Scharren im Zimmer, dann wurde der Schlüssel umgedreht, und Sarah öffnete die Tür. Barbara gab sich alle Mühe, ihr freundliches Lächeln beizubehalten. Aus dem Zimmer drang ein säuerlicher, abgestandener Geruch – wenn Sarah doch nur hin und wieder lüften würde! Ihr Haar war so gewaschen, als hätte man einen Hund abgebraust und alles in ungekämmten Zotteln trocknen lassen. Sie trug immer noch den grässlichen grünen Trainingsanzug.

Eine schwache Frau wäre in Tränen ausgebrochen, doch Barbara suchte tief in ihrem Inneren nach Geduld. »Das Singen beginnt in einer halben Stunde. Du solltest dich fertig machen.«

»Ich bin fertig«, erwiderte Sarah.

»Ich dachte, du willst dich vielleicht umziehen.«

»Tja, will ich nicht. Ich gehe nicht hin.«

»Ich habe dir einen hübschen Kaschmirpullover gekauft, in genau dem Farbton, der so schön zu deinen Augen passt.« Barbara hielt ihr die steife Papiertüte von Purvis entgegen (dunkelblau mit königlichem Wappen). »Willst du auf der Party nicht hübsch aussehen?«

»Nein.«

»Du solltest die Brille abnehmen und deine Linsen einsetzen.«

»Ich will nicht.«

Es bedurfte einiger Willenskraft, nicht zurückzukeifen. Der Psychiater hatte erklärt, Sarah leide an chronischem Selbsthass und dürfe nie das Gefühl bekommen, ein Ärgernis zu sein. Doch sie war ein Ärgernis. Es würde sie bestimmt nicht umbringen, einen Pullover über den Kopf zu ziehen! »Komm schon, mein Schatz … Es könnte dir helfen, dass du dich besser fühlst.«

»Nein.«

»Also gut. Du musst auch nicht mit zur Kirche. Aber du kommst bitte zur Party. Hast du gehört? Ich verlange ja nicht viel – tatsächlich verlange ich überhaupt nichts –, aber es ist doch wohl nicht zu viel erwartet, dass du diese eine Sache für mich tust. Hörst du?«

Sarahs Gesicht, vom ständigen Stubenhocken so blass wie ungebackener Teig, blieb ausdruckslos. Die Gläser ihrer Brille wirkten lebendiger als der Blick ihrer leeren grauen Augen. »Okay«, sagte sie und wollte die Tür schließen.

Barbara schob ihr schnell die Tüte in die Hand. »Nimm das! Nun nimm es schon, um Himmels willen!«

Die Tür wurde geschlossen. Barbara konnte nichts weiter tun, als mit offenem Mund auf das weiße Holz zu starren, auf dem die Worte »Colin verpiss dich« noch deutlich unter dem Lack hervorschimmerten (Sarah hatte es als Teenager mit wasserfestem Filzstift geschrieben).

Das habe ich wohl ziemlich vermasselt, dachte Barbara.

Sie bemühte sich wirklich redlich um Sarah, aber manchmal gewann ihre Enttäuschung einfach die Oberhand. Letztes Jahr um diese Zeit hatte sie eine attraktive, vernünftige und talentierte Tochter gehabt. Jetzt war dieser Platz von einer düster blickenden Fremden besetzt worden, die sich kleidete wie eine Geistesgestörte – was umso mehr erschreckte, da sie eine war. Barbara war froh, dass sie im Moment keine Zeit hatte, darüber nachzudenken, weil der Countdown in Windeseile ablief.

Sie eilte nach unten und blieb kurz stehen, um einen prüfenden Blick in den Spiegel der Eingangshalle zu werfen. Da die Party in einer eiskalten mittelalterlichen Kirche begann, lautete der Dresscode »vernünftig leger«. Sie trug eine schwarze Wollhose und einen schmeichelnden, enganliegenden, dunkelroten Rollkragenpullover. Sie sah frisch und hübsch aus – paradoxerweise hatte ihr der Ärger mit Sarah rote Wangen und leuchtende Augen beschert.

Hugh war im Salon und kümmerte sich um den Kamin. Das Feuer musste jetzt mit Asche eingedämmt werden. Nach dem Gottesdienst würde Hugh schon vor den anderen heimgehen, die wärmenden Flammen neu schüren, die riesige Warmhaltekanne mit Glühwein auf den Aga-Herd schieben und die Hunde aus der Spülküche befreien. Nach all den Jahren lief die Prozedur mit militärischer Präzision ab.

Das Haus duftete köstlich nach Kaminholz und Muskatnuss. Die schweren Chintz-Vorhänge schirmten sie vor der Kälte draußen ab. Barbara stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Niemand konnte ihr nachsagen, als Gastgeberin zu überspannt zu sein, um ihre eigenen Partys zu genießen. In diesem Moment konnte sie einen Schritt von ihrem Werk zurücktreten und es einfach bewundern. Der schöne, alte Salon glich exakt dem Bild, das sie von einem schönen, alten, weihnachtlich geschmückten Salon im Kopf hatte. Stechpalmenzweige schmückten den breiten Kaminsims. Um das Treppengeländer in der Eingangshalle hatte sie Efeu drapiert und die darunterliegenden Paneele mit einer umfangreichen Collage aus Weihnachtskarten dekoriert (und sich dabei mit Bedacht bemüht, die geschmackvolleren in den Vordergrund zu rücken und das karikaturhaft gezeichnete Rotkehlchen der Reinmachefrau hinter anderen zu verstecken). Nichts fiel unangenehm aus dem Rahmen. Jedes Detail war vollendet und perfekt.

»Und? Hattest du Erfolg?« Hugh stand mit dem Rücken zu ihr. Die Ärmel seines karierten Hemds und des marineblauen Pullovers waren hochgekrempelt, obwohl er sich niemals schmutzig machte. Er trug eine neue braune Cordhose. Sein dichtes graues Haar endete sauber über dem Kragen. Er war ein außerordentlich gutaussehender junger Mann gewesen, ähnlich wie Colin, und sah auch jetzt mit Anfang fünfzig immer noch gut aus, wenn auch etwas fülliger. »Kommt sie mit?«

Es war lästig, wieder an das Problem mit Sarah erinnert zu werden. »Nein. Aber vielleicht kommt sie nachher zur Party herunter, wenn wir so tun, als sähen wir sie nicht.«

Hugh schaufelte Asche über die Holzscheite und seufzte. »Ich frage mich, wie lange das noch so weitergehen soll.«

»Ich nehme an, wir müssen uns einfach gedulden. Komm, Hugh. Wir müssen los.«

»Jetzt schon?«

»Ich weiß, dass es noch früh ist – du fragst das jedes Jahr wieder –, aber wir sollten dort sein, wenn die ersten Gäste kommen.«

»Hm«, meinte Hugh. »Du hast recht, das frage ich tatsächlich jedes Jahr. Aber ich tue es, weil du uns wirklich immer verdammt früh hinscheuchst. Die Kirche ist eiskalt.«

»Wir können unsere Mäntel bis zum letzten Moment anbehalten. Freddy braucht Hilfe bei den Kerzen. Ich werfe einen letzten Blick ins Esszimmer und sperre dann Jock und Fanny ein.« Sie sprach immer noch mit seinem Rücken, während er das schwere Kamingitter vor die Glut schob. »Und Hugh – bitte geh noch mal auf die Toilette. Es ist peinlich, wenn du mitten im Gottesdienst rausrennst.«

»Das kommt von der Eiseskälte. Und davon, dass wir eine halbe Stunde zu früh da sind.«

»Vielleicht hast du auch was an der Prostata. Du solltest mal mit Paul darüber sprechen.«

»Ich habe nichts an der Prostata.« Hugh erhob sich mit leicht steifen Knien, wischte die Hände ab und drehte sich zu ihr um. »Und ich muss nicht mit Paul sprechen, außer vielleicht über seine Tempi, die immer zu schnell sind.« Paul war Arzt in der Gemeinschaftspraxis im Dorf und außerdem ihr Organist.

»Wo ist Colin eigentlich? Hast du ihn gesehen?«

»Oh. Ja«, erwiderte Hugh ruhig. »Er ist weggefahren.«

»Weggefahren? Jetzt?«

»Er sagte, er werde rechtzeitig zurück sein.«

»Du meine Güte, Hugh! Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Kannst du mir nicht einfach sagen, was los ist? Wo ist Colin hingefahren?«

»Nach Cambridge, um eine zusätzliche Sängerin abzuholen, was mir äußerst hilfreich erscheint. Sie singt im Frescobaldi-Ensemble.«

»Ah, guter Junge! Er weiß, dass wir mehr Volumen im Sopran brauchen. Die eine Hälfte bestreite ich ja quasi allein!«

»Anscheinend ist sie Jurastudentin.« Hugh krempelte die Ärmel herunter. »Und das ist absolut alles, was ich über sie weiß.«

»Wo hat er sie aufgegabelt?«

»Absolut alles, habe ich gesagt. Da musst du ihn selbst fragen.«

»Aber ist sie nur eine zusätzliche Sängerin oder auch eine neue Freundin?«

»Absolut alles, absolut alles«, sang Hugh vor sich hin, »absolut alles, was ich weiß.«

»Also gut.« Barbara lachte widerstrebend. Wenn er, wie jetzt, guter Laune war, zog er sie mit ihrer Gewohnheit auf, scheinbar nicht genau hinzuhören. »Ich habe verstanden.«

Er schmunzelte. »Das Haus sieht übrigens großartig aus.«

»Danke.«

»Ich war dir in diesem Jahr wohl keine große Hilfe, wie?«

»Nein, aber du warst mir auch nicht im Weg, und mehr verlange ich gar nicht.«

»Du hast wahre Wunder gewirkt. Manchmal sehe ich mir das Haus an und kann kaum glauben, dass es meins ist.«

Barbara war gerührt. »Warum sollte es nicht deins sein? Du hast ein schönes Haus verdient. Du arbeitest, weiß Gott, hart genug dafür.«

»Zu hart«, fügte Hugh hinzu.

Purvis’ Sortiment an luxuriösen Markenartikeln war im letzten Jahr nicht immer gut verkauft worden, und Hugh hatte sich während der ganzen Krise mit Sarah im Geschäft abrackern müssen. Obwohl Barbara wusste, dass er großen Belastungen ausgesetzt gewesen war, hatte sie sich manchmal dabei ertappt, ihn um die Zeit zu beneiden, die er außerhalb seines perfekten Heims verbringen konnte.

Sie küsste ihn auf die Wange. »Du tust nur, was du tun musst, das weiß ich doch.«

»Und ich weiß, dass ich ohne dich überhaupt nichts tun könnte«, entgegnete Hugh.

 

»Oh, Barbara, das war phantastisch!« Helen drängte sich durch die Menschenmenge in der Eingangshalle. Aus ihrem Dufflecoat stieg Kälte auf. »Die Kirche im Glanz der Kerzen … Ich habe sie noch nie so schön gesehen! Und meine Gäste halten mich jetzt für die perfekte Gastgeberin, weil ich ihnen ein so traditionelles Weihnachten auf dem Land beschere.« Hinter ihr standen zwei große, schwarzgekleidete Frauen. Helen schob sie nach vorn. »Dies sind meine Cousine Laura Amaury und ihre Tochter Delphine.«

»Der Gesang war wunderschön«, sagte Laura. »Herzlichen Dank, dass Sie uns eingeladen haben.« Sie hatte ein großflächiges Gesicht. Barbara registrierte traurige, dunkle Augen und dichte, schwarze und graue Locken – wie ein Haufen alter Sprungfedern. Delphine war Anfang zwanzig, dünn, mit stachligen Haaren und lächelte höflich, aber gequält. Sie trug enge schwarze Jeans und einen überdimensionalen schwarzen Pullover mit einem weißen Totenkopf über gekreuzten Knochen auf der Brust.

»Nett, Sie kennenzulernen«, sagte Barbara und gab ihnen die Hand. »Willkommen in Chackley.«

Sie hatte keine Ahnung, was weiter mit ihnen passieren sollte. Helen würde sich selbst um sie kümmern müssen. Beschwingt schlängelte Barbara sich durch ihre Gäste und lächelte gelassen zum Schwall der Komplimente. Von allen Seiten hörte sie dasselbe: dass ihre alljährliche Party einer der Höhepunkte des ganzen Jahres und ein Weihnachten ohne sie kein richtiges Weihnachten sei. Barbara gefiel das. Es tat gut, all die harte Arbeit anerkannt zu wissen.

Seien wir ehrlich, dachte sie, ohne uns gäbe es hier überhaupt kein gesellschaftliches Leben. Wenn ich nicht ab und zu einmal einen Dank dafür bekäme, würde mir die Lust daran vergehen.

Im holzgetäfelten Esszimmer drängten die Gäste in drei Reihen um den Büfetttisch. Sie reckten sich aneinander vorbei, um an das geschmorte Wildragout und das Kartoffelgratin zu gelangen, an die Scheiben von gebackenem Krustenschinken und Wildpastete. Barbara schob sich – mit strahlendem Lächeln in jede Richtung – durch das Gedränge, um zu sehen, ob die weißen Teller mit Goldrand ausreichten, und um eine der leeren Auflaufformen abzuräumen.

»Geh nie mit leeren Händen aus dem Zimmer« war eine ihrer Grundregeln als Gastgeberin. Mit einem Tablett ihrer speziellen Miniatur-Plumpuddings kehrte sie ins Esszimmer zurück. Sie dämpfte sie immer in Dutzenden von Eierbechern und dekorierte sie mit roten und grünen Belegkirschen, die wie Edelsteine glänzten und wunderbar festlich aussahen. Wie erwartet, wurden sie ihr blitzschnell vom Tablett geschnappt, und Barbara lachte.

Bevor sie das leere Tablett wieder in die Küche brachte, warf sie einen kurzen Blick in den Salon. Colin ging mit dem Wein herum, was normalerweise Hughs Aufgabe war. Wo steckte er nur? Barbara war leicht verstimmt. Hugh wusste doch, dass sie sich auf ihn als Mundschenk verließ. Wenn ein Glied in der Kette fehlte, brach die ganze Feier zusammen, und plötzlich stand man da wie bei der Hochzeit zu Kana. (Barbara taten die Gastgeber dieser biblischen Hochzeitsfeier immer furchtbar leid – von wegen »Zeit heilt alle Wunden«! Da kaufte man ein einziges Mal zu wenig Alkohol ein, und zweitausend Jahre später zerrissen sich die Leute noch immer das Maul.)

»Hallo, Barbara.« Jeff stand neben der Tür und biss in eine dicke Scheibe Wildpastete.

»Jeff!« In dieser wundervollen Umgebung fand sie sogar ihn liebenswert. »Du hast dich also entschieden zu kommen – ich fühle mich geehrt.«

Er war groß und schlaksig und stand gekrümmt wie ein lässiges S. Barbara hatte ihn zuletzt vor dem unschönen Hintergrund seines Wohnwagens gesehen. In ihrem Salon wirkte er wie etwas, das man aus dem Misthaufen gezogen hatte. Seine schmuddelige Cordhose und der sich stellenweise aufribbelnde Wollpullover wirkten wie Pilzgewächse an seinem Körper. Der Bart bedeckte Gesicht und Hals wie eine Sturmhaube aus dichtem, grauem Haar.

»Die Musik war gut wie nie zuvor«, sagte er mit vollem Mund, »was ganz allein an dem Mädchen mit der guten Stimme lag.«

»Ja, da hatten wir wirklich Glück. Sie singt bei den Frescobaldis, und Colin hat sie während seiner Aushilfszeit im Geschäft kennengelernt. Ist sie nicht wunderbar?«

»Dein Sohn sieht das ganz offensichtlich so. Du solltest dich schon mal auf schokobraune Enkelkinder einstellen.«

Seine Derbheit verletzte sie. Tatsächlich war sie leicht irritiert gewesen, dass es sich bei Letitia um eine »Person multi-ethnischer Abstammung« handelte, aber das war nur am Anfang gewesen, als sie besorgt war, das Mädchen könnte deshalb gewöhnlich sein. In ihrem tiefsten Innern wusste Barbara, dass sie ein Snob war, und sie schämte sich nicht einmal sonderlich dafür. Das letzte Mädchen – Rose – war ungepflegt und ungesittet und insgesamt zu primitiv für einen so begehrten Jungen wie Colin gewesen. Das Mädchen davor, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnern konnte, war enttäuschend kleinbürgerlich gewesen, mit aufdringlichen und anmaßenden Eltern.

Letitia war weitaus hübscher als die beiden und viel, viel feiner. Ihr Auftreten war vornehm, ihre Sprache akzentfrei und ihre Singstimme himmlisch. Sie war bei ihrem Großvater im Pfarrhaus aufgewachsen, wie die Heldin eines viktorianischen Romans. Barbaras Mutter hätte sie »ein kultiviertes Mädchen aus gutem Hause« genannt. Ausdrücke wie diese sollte man heutzutage nicht mehr gebrauchen, aber denken durfte man sie ja wohl noch. Jeff hielt sich vermutlich für schlau, doch ihre Vorurteile schätzte er ganz und gar falsch ein.

»Entschuldige bitte, Jeff, aber ich muss noch mehr Pudding holen … etliche Tabletts voller Pudding, und der Herr des Hauses ist nirgends zu entdecken!« Das war als Text vor ihrem Abgang gedacht, und sie schob ein abschließendes, leicht affektiertes Lachen hinterher. Doch Jeff folgte ihr, als sie den Salon verließ. »Ich werde dir helfen.«

»Danke.« Sie hoffte nur, dass er saubere Hände hatte. »Ich weiß nicht, was mit Hugh passiert ist. Er scheint verschwunden zu sein.«

»Vielleicht sitzt er mit Durchmarsch auf dem Klo«, schlug Jeff vor. »Das ist mir mal passiert, als ich irgend so einen König vom Flughafen abholen sollte.«

Barbara schwieg indigniert. Musste er denn alles auf das niedrigste Niveau herunterziehen? Wie hatte er sich mit derart mangelhaftem diplomatischem Geschick nur so lange im Außenministerium halten können? In der Küche reichte sie ihm ein Tablett mit Mini-Puddings und ignorierte die Trauerränder unter seinen Fingernägeln. Obwohl sie es Jeff gegenüber niemals zugeben würde, ärgerte sie sich maßlos über Hugh. In letzter Zeit hatte er sie mehrmals auf diese Weise hängenlassen – er war einfach nicht dagewesen, wenn sie mit seiner Hilfe gerechnet hatte.

In der Eingangshalle begegnete sie Helen, die in ihrem Dufflecoat durch die Tür trat.

Barbara strahlte wieder. »Sag nichts! Du hast dich rausgeschlichen, um zu rauchen! Nimm einen Pudding!«

»Ich habe tatsächlich geraucht, aber ich habe auch Laura zurück nach Hause begleitet. Sie hat Kopfschmerzen.«

»Ach, die Arme! Sahne und Brandy-Sauce findest du im Essimmer.«

»Sie hat mich gebeten, dir zu danken. Ich glaube, Partys sind ziemlich anstrengend für sie.«

»Tja, manche verwitweten Menschen werden eben so.« Barbara senkte die Stimme. »Sieh dir Jeff an – nicht, dass ich ihn mit deiner Cousine vergleichen will, aber die Einsamkeit kann zur Gewohnheit werden.«

Helen nahm einen der Mini-Puddings. »Ich hatte Angst, ich könnte die Musik verpassen, und nun frage ich mich, ob ihr dieses Jahr überhaupt welche spielt?«

»Warum nicht?« Barbara war irritiert. »Sarah mag vielleicht streiken, aber mit Colin ist doch alles in Ordnung.«

»Sarah scheint es viel besser zu gehen«, sagte Helen nun. Sie blickte durch die geöffnete Tür in den Salon. Barbara folgte ihrem Blick, und eine blendende Sekunde lang erkannte sie die junge Frau vor dem Kamin gar nicht.

Großer Gott, es war Sarah! Sie trug eine ausnahmsweise nicht abgewetzte Jeans und den neuen Pullover aus graublauem Kaschmir. Sie hatte die Linsen eingesetzt und fuchtelte mit ihren hübschen Händen durch die Luft, während sie sich angeregt mit diesem französischen Mädchen unterhielt, Delphine.

Dann hatte ich also recht. Sie musste nur aufhören, sich selbst zu bemitleiden, und sich ein wenig anstrengen.

Barbara wollte nicht überrascht wirken. Die ganze Zeit des Zusammenbruchs über hatte sie darunter gelitten, dass Sarah sich ihr nicht anvertraute, doch allmählich sah sie ein, dass sie sich niemals nahegestanden hatten. Langsam näherte sie sich ihrer Tochter, bedacht, die Situation nicht durch ein falsches Wort zu verderben.

Helen folgte ihr und platzte sofort heraus: »Sarah, wie schön dich wieder wohlauf zu sehen!«

Sie konnte taktlos sein, doch trat sie mit ihren Ausrutschern selten ins Fettnäpfchen. Man konnte leicht erkennen, dass sie es nicht böse meinte.

Sarah lächelte sogar und stellte ihre gewohnte Schulsprecher-Höflichkeit zur Schau. »Danke, Helen. Ich fühle mich auch viel besser. Mum … Delphine kennst du ja schon, oder?«

»O ja, noch einmal herzlich willkommen, Delphine. Tut mir leid zu hören, dass es Ihrer Mutter nicht gutgeht.«

Das Mädchen zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Das macht sie immer so.«

»Ich hoffe, Sie denken jetzt nicht, Sie müssten auch gehen. Hier, nehmen Sie einen Pudding.«

»Ich esse keinen Pudding.« Ihr Akzent lag irgendwo zwischen Französisch und Cockney. »Helen sagte, es gebe noch Musik.«

Verdammt! Barbara hielt den Atem an. Jeder Versuch, Sarah wieder mit ihrer Geige zu versöhnen, hatte bislang in Geschrei und Tränen geendet. Barbara war diejenige gewesen, die geschrien hatte, und sie schämte sich jetzt noch, wenn sie daran dachte, wie sie die Kontrolle verloren hatte. (»Du wirst einfach versuchen müssen, mich zu mögen, auch wenn ich die verdammte Geige nicht spiele!«, hatte Sarah ihr an den Kopf geworfen.)

Diesmal jedoch wirkte Sarah ganz eifrig. »O ja, mein Bruder und ich spielen immer irgendetwas. Das ist Tradition, stimmt’s, Mum?«

»Ich würde dich gern spielen hören«, sagte Delphine und sah Sarah so eindringlich an, als wären die zwei allein. »Liebend gern.«

»Ich … ich laufe schnell nach oben und hole die Geige … wenn du versprichst, dann hierzubleiben.« Sarah wirkte nervös, aber glücklich.

»Sei nicht albern, natürlich wird sie bleiben!«, rief Helen. »Soll ich schon einmal Stühle holen und Platz schaffen und so weiter?«

Barbara fühlte sich überrumpelt. Sie hatte sich damit abgefunden gehabt, dass Colin allein spielen würde. Das hier übertraf zwar ihre kühnsten Träume, aber kam es nicht zu überstürzt? Was, wenn Sarah vergessen hatte, wie man spielt? Und schlimmer noch: Was, wenn sie sich (und alle anderen) mit schlechtem Spiel blamierte? Sie blickte forschend durch die Runde, konnte Hugh aber immer noch nicht entdecken. Er wollte dieses Wunder bestimmt nicht verpassen; sein Stolz auf Sarahs Talent hatte etwas Sentimentales.

Sarah hatte sich Colin bereits geschnappt. »Zeit für den Auftritt, Colin – lass uns einen unserer alten Hits spielen.«

Unsicher sah Colin zu seiner Mutter. »Wir haben seit Ewigkeiten nicht mehr geprobt.«

»Beethoven«, sagte Sarah. »Die Frühlingssonate.« Sie lächelte Delphine zu.

»Einverstanden. Ich glaube, ich weiß, wo die Noten liegen.« Gemeinsam verließen sie den Raum.

»Alle mal hinsetzen, bitte!«, rief Barbara fröhlich. »Zeit für die Musik! Schenkt euch noch einmal nach … Ein paar Tapfere müssen auf dem Fußboden sitzen … Kann vielleicht jemand Helen mit den Stühlen helfen? Candy, du und Johnny, ihr könnt euch aufs Sofa setzen …« (Sir John und Lady Trounce, Daisys Großeltern, waren alt und gebrechlich.) »Helen, hast du Hugh gesehen?«

»Nein, tut mir leid.« Helen stellte zwei Stühle aus dem Esszimmer ab und ging wieder los, um weitere zu holen.

Bereitwillig eilten die Gäste, um Stühle und Kissen herbeizuschaffen und Weinflaschen kreisen zu lassen. Nach all den Jahren wusste jeder, was zu tun war. Barbara nahm ihren Platz neben der Tür ein – sich jederzeit flexibel bewegen zu können, war eines ihrer Prinzipien als Gastgeberin.

Colin und Sarah kehrten mit Notenblättern und einem Notenständer zurück. Sarah stimmte die Geige mit entspannter Vertrautheit, als hätte sie jeden Tag damit geübt, anstatt sie in einer Schublade auf Holzwürmer warten zu lassen. Als Colin am Flügel Platz nahm, legte sich eine erwartungsvolle Stille über den Salon. In diesem Moment wurde Barbara immer sehr nervös.

Das Eröffnungsmotiv klang jedoch perfekt, so frisch und klar wie gerade gefallener Schnee. Barbara, die stolz darauf war, bezüglich ihrer Kinder nicht an falschem Stolz zu leiden, musste ein paar Tränen fortblinzeln. Sie liebte es, die beiden spielen zu sehen – wenn sie jegliche Rivalität zum Wohle musikalischer Schönheit aufgaben. Hugh musste das hören!

Sie stahl sich aus dem Raum. Jock, der rötlich braune Labrador, kam höflich durch die Eingangshalle getrottet und sah fragend zu Barbara auf. Sie tätschelte seinen Kopf. Er war ein einfühlsamer Hund. Seine Schwester Fanny dagegen, kleiner und dunkler, kläffte aufgebracht in der Küche. Barbara sah, dass sie an der Hintertür kratzte.

»Ja, was denn? Was ist denn los?«, flötete Barbara in ihrer Hundestimme. »Willst du wieder raus? Ja?«