Es stirbt mit dir - Scott Blackburn - E-Book

Es stirbt mit dir E-Book

Scott Blackburn

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Beschreibung

Fast ein Jahrzehnt lang verdient der 29-jährige Hudson Miller seinen Lebensunterhalt im Boxring, doch eine Schlägerei nach einem Kampf droht seine Karriere zunichte zu machen. Hudson ist verzweifelt auf der Suche nach Geld und nimmt einen Job als Türsteher in einer Kneipe an. Dann liefert ihm das Leben einen weiteren Kinnhaken: Sein ihm fremder Vater Leland wurde bei einem scheinbar misslungenen Raubüberfall auf seinem Schrottplatz Miller's Pull-a-Part ermordet. Kurz nach der Beerdigung seines Vaters erfährt Hudson, dass er den Schrottplatz geerbt hat, und kehrt in seine Heimatstadt im Bibelgürtel Flint Creek, North Carolina, zurück, um das Unternehmen zu leiten. Aber das Geschäft umfasst weit mehr als Schrottautos und Altmetall. Hier befand sich ein illegaler Waffenring. Und die Geheimnisse enden hier noch nicht. Auf dem Hof wird eine grausige Entdeckung gemacht, die Hudson in den Kampf seines Lebens stürzt. Auf der Suche nach Antworten schließt sich Hudson mit dem ehemaligen Angestellten seines Vaters, dem 71-jährigen, biersaufenden Vietnam-Veteranen Charlie Shoaf, und einer temperamentvollen Teenagerin, Lucy Reyes, zusammen, die verzweifelt nach Gerechtigkeit für ihre eigene Familientragödie sucht. Da ein Mörder auf freiem Fuß ist und die örtlichen Polizisten keine Antworten geben, leitet das Trio aus Verstoßenen eine Untersuchung ein. Die schockierende Wahrheit, die sie ans Licht bringen, wird Flint Creek bis ins Mark erschüttern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2024

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DARK PLACES

Scott Blackburn

Es stirbt mit Dir

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

Herausgegeben von Jürgen Ruckh

Polar Verlag

Originaltitel: It Dies With You

Copyright: © 2022 by Scott Blackburn

Alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht in den Vereinigten Staaten von Amerika bei Crooked Lane Books, ein Imprint von The Quick Brown Fox & Company LLC

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2024

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger

Mit einem Nachwort von Eryk Pruitt © 2024

übersetzt von Jürgen Bürger © 2024

© 2024 Polar Verlag e. K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Lektorat: Esther Ghionda-Breger

Korrektorat: Andreas März

Umschlaggestaltung: Britta Kuhlmann

Coverfoto: © sMiloMilo / Adobe Stock

Autorenfoto: © Scott Blackburn

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

Druck und Bindung: Nørhaven, Agerlandsvej 3, 8800 Viborg, DK

Printed in Denmark 2024

ISBN: 978-3-910918-08-5

eISBN: 978-3-910918-09-2

Für meine Frau Tiffany, die beste Kämpferin, die ich kenne.

Inhalt

Kapitel Eins

Kapitel Zwei

Kapitel Drei

Kapitel Vier

Kapitel Fünf

Kapitel Sechs

Kapitel Sieben

Kapitel Acht

Kapitel Neun

Kapitel Zehn

Kapitel Elf

Kapitel Zwölf

Kapitel Dreizehn

Kapitel Vierzehn

Kapitel Fünfzehn

Kapitel Sechzehn

Kapitel Siebzehn

Kapitel Achtzehn

Kapitel Neunzehn

Kapitel Zwanzig

Kapitel Einundzwanzig

Kapitel Zweiundzwanzig

Kapitel Dreiundzwanzig

Kapitel Vierundzwanzig

Kapitel Fünfundzwanzig

Kapitel Sechsundzwanzig

Kapitel Siebenundzwanzig

Kapitel Achtundzwanzig

Kapitel Neunundzwanzig

Kapitel Dreißig

Kapitel Einunddreißig

Kapitel Zweiunddreißig

Kapitel Dreiunddreißig

Kapitel Vierunddreißig

Kapitel Fünfunddreißig

Kapitel Sechsunddreißig

Kapitel Siebenunddreißig

Kapitel Achtunddreißig

Kapitel Neununddreißig

Kapitel Vierzig

Danksagungen

»Den Mächtigen die Stirn bieten«

Kapitel Eins

Ich jobbte als Rausschmeißer im Red Door Taproom, und weil es ein Freitagabend im Januar war, würde ich mir garantiert jeden einzelnen Cent meines Lohns verdienen müssen. Mein Chef Brent Thompson hatte diese »geniale« Idee gehabt, wie sich das Wintergeschäft ankurbeln ließ: Freitags kostete das Bier zwei Dollar. Es war sein wöchentlicher Gegenschlag zum Shooters Pub direkt gegenüber, der größere Fernseher und die beste Live-Musik der Stadt zu bieten hatte. Meistens funktionierte die Sache mit dem billigen Bier. Für mich bedeutete es jedoch normalerweise jede Menge Stress in der einen oder anderen Form.

An diesem speziellen Abend arbeitete ich unten in der Bar, ein Raum, in dem sich laut Feuerpolizei gefahrlos hundertzwanzig Personen aufhalten konnten. Allerdings kam es mir eher wie dreihundert eng zusammengepferchte Leiber vor, die lediglich durch Kleidung und Schweiß voneinander getrennt waren. Trotz des Gedränges war meine Schicht größtenteils ziemlich ruhig verlaufen, und wenn’s nach mir ginge, sollte es auch so bleiben. Ich hatte den Job noch nicht lange, bildete mir aber etwas darauf ein, potenziellen Ärger erkennen und einschreiten zu können, bevor eine größere Sache daraus wurde. Manchmal sah ich es in den Augen der Leute oder erkannte es an ihrer Körpersprache.

So gegen zehn Uhr kam eine Gruppe durch die Tür, die bei mir alle Alarmglocken läuten ließ. Vier sturzbesoffene Schwachköpfe mit verschiedenen Arschloch-Visitenkarten: knallenge T-Shirts trotz der Kälte, beschissene Tribal-Tattoos und aufgepumpte Rückenmuskeln wie bei Silberrücken. Sie drängten sich rücksichtslos durch eine immer größer werdende Horde, und als sie an mir vorbeikamen, nickte ich zwei von ihnen freundlich zu. Ich hoffte, so ein zwanglos gutes Verhältnis herstellen zu können, aber keiner von beiden erwiderte mein Nicken. Einer von ihnen checkte mich sogar von Kopf bis Fuß ab. Aber an so was hatte ich mich inzwischen gewöhnt. Mit meiner Größe von eins dreiundachtzig und den fünfundsiebzig Kilo ähnelte ich eher einem Tennisspieler als einem Boxer, der bereits fünfzehn Profikämpfe auf dem Buckel hatte. Nicht mal der Bart, den ich mir neuerdings stehen ließ, schien mir Einschüchterungspunkte zu verschaffen.

Ich behielt die Silberrücken-Truppe im Auge und registrierte ihre endlose Abfolge von Faustchecks und Fireball-Shots, als Sabrina, eine unserer Barfrauen, mit einem Eiskübel voll Miller-Lite-Flaschen vorbeikam. Ihren Gesichtsausdruck kannte ich nur zu gut.

»Alles klar bei dir?«, fragte ich.

»So ein Penner hat mir gerade an den Arsch gepackt.«

»Welcher?«

Nachdem ein ausgelassener Junggesellinnenabschied in einer Polonaise vorbeigetaumelt war, zeigte Sabrina auf einen Glatzkopf in Jeans und blau-weißem Flanellhemd. Er war ein gutes Stück größer als ich und brachte als einer dieser mit Mais gemästeten Landburschen locker fünfundzwanzig Kilo mehr auf die Waage.

»Der Typ, der aussieht, als wollte er zu einem Hoedown?«

Sie nickte.

Ich blieb cool. Ich manövrierte mich durch eine Gruppe Betrunkener und als ich den Kerl erreichte, legte ich ihm leicht meine Hand auf den Ellbogen und beugte mich zu ihm. »Ich denke, es ist Zeit, den Deckel zu bezahlen und für heute Feierabend zu machen, Sir.«

Er riss seinen fleischigen Arm weg und trat einen Schritt zurück, wobei er fast einen Typ der Sorte pubertierendes Jüngelchen umstieß, der viel zu besoffen war, um irgendwas mitzubekommen. »Scheiße, was laberst du? Ich bin gerade erst reingekommen.«

Seine leicht verschliffenen Worte bestätigten mir, dass das Red Door nicht sein erster Stopp an diesem Abend gewesen war. »Sie können nicht unsere Mitarbeiter betatschen«, sagte ich. »Sonst sind Sie schneller wieder draußen, als Sie reingekommen sind. Und jetzt bezahlen Sie bitte Ihren Deckel und dann ab nach Hause.«

»Deine Mitarbeiter, ja?« Er lachte. »Du meinst die Schlampen, die sich ihre Shorts bis rauf in die Arschritze ziehen und im Vorbeigehen wie zufällig ihre Titten an einem reiben? Komm, Bro, mach’n Abgang.«

»Wenn Sie’s so wollen – mir solls recht sein. Sie hatten Ihre Chance.« Ich stieß einen Pfiff aus, um einen Türsteher auf mich aufmerksam zu machen. Als er zu mir herüberschaute, machte ich ein Handzeichen: kleiner Finger und Zeigefinger zu Stierhörnern geformt. Zeit, ein Arschloch vor die Tür zu setzen!

Greg war auf eine Art groß und kräftig, als wäre er schon als Rausschmeißer auf die Welt gekommen. So groß und kräftig wie ich und der Arschgrabscher zusammen. Wie ein Monstertruck bahnte er sich seinen Weg durch die Menge zu uns.

»Macht der Gentleman dir Scherereien, Hud?«

»Er möchte gehen. Kann anscheinend seine Finger nicht bei sich behalten.«

»Ist ja goldig«, sagte der Mann. »Musst du deinen Freund rufen, weil du’s allein nicht packst? Scheiße, dachte schon, vielleicht vögelst du ja Daisy Hotpants da drüben. Schätze, da hab ich mich wohl geirrt.«

Greg zwinkerte mir zu. »Ich kümmere mich drum.« Er packte den Arm des Mannes, drehte ihn recht unsanft in die Richtung des nächstgelegenen Ausgangs und begleitete ihn hinaus. Der Typ versuchte mehrmals, sich aus Gregs Griff zu befreien, wie ein nervendes Gör, das aus der Spielzeugabteilung im Walmart geschleift wird, doch alle Versuche blieben erfolglos.

Er riss seinen Kopf in meine Richtung. »Lass mich wenigstens meinen Deckel bezahlen, Arschloch. Meine Karte ist an der Theke!«

»Die Chance hatten Sie schon. Zweimal. Sie können Ihre Karte morgen abholen, wenn Sie sich wieder beruhigt haben.«

Greg erreichte mit ihm die Tür und beförderte ihn mit einem energischen Schubs hinaus auf den Bürgersteig.

Der Mann drehte sich um und war stinksauer. Er zeigte uns immer wieder den Mittelfinger und überschüttete uns mit Beschimpfungen und Beleidigungen. Ich fand, »Twiggy« und »Biggie« waren schon verdammt clever.

Greg baute sich mit verschränkten Armen in der Tür auf und grinste spöttisch über diesen Tobsuchtsanfall. Kein guter Schachzug seinerseits, eine Idee zu lässig – und eine Schwachstelle, die der Mann umgehend mit einem blitzschnellen Tritt in Gregs Eier ausnutzte. Greg sackte auf die Knie. Sofort schirmte ich ihn gegen einen weiteren Tritt ab, dessen volle Wucht mein Brustkorb auf der linken Seite abbekam. Ich ergriff den Türrahmen und zog mich hoch. Der Mann ging ein paar Schritte rückwärts auf den Bürgersteig und ging in Kampfstellung. Seine Füße standen sehr eng zusammen, die Knie gesperrt, die Hände viel zu tief.

»Komm her, du Wichser!« Er winkte mir mit seiner Linken. »Dein Freund kann dir deinen Arsch nicht mehr retten.«

Und mir nichts, dir nichts wurden wir zu einem Spektakel. Ein halbes Dutzend baff aus der Wäsche glotzender Betrunkener steckte im Eingang hinter Muskelpaket Greg fest, der immer noch gekrümmt nach Luft japste, woran sich auch die nächsten paar Minuten sicher nichts ändern würde. Kids im College-Alter, die mit Pizzastücken und riesigen To-go-Bechern bewaffnet auf dem Bürgersteig unterwegs waren, blieben stehen und gafften. Eine Gruppe, die vor dem Shooter Pub auf Einlass wartete, drängelte sich vor, um besser sehen zu können. Zumindest ein paar Leute hatten ihre Handys auf uns gerichtet.

»Ich warne Sie jetzt zum allerletzten Mal«, sagte ich zu dem Mann. »Besser, Sie verschwinden, solange Sie noch können.« Während ich sprach, hatte ich meine Hände in gespielter Unterordnung erhoben und schob den rechten Fuß für einen solideren Stand ein Stück zurück.

Der Mann zog sein Hemd aus und warf es auf die Kühlerhaube eines in der Nähe parkenden Pick-ups. Er machte eine ziemliche Show daraus, seinen Nacken und seine Knöchel knacken zu lassen, und nahm eine etwas unbeholfene Kampfstellung ein. Ich hatte schon sehr früh am Anfang meiner Boxerkarriere gelernt, dass selbst gute Kämpfer es unbeabsichtigt signalisieren, wenn sie kurz davorstehen, einen Schlag abzufeuern. Ein Zucken der Schulter, ein leichtes Drehen der Hüfte. Dieser Typ hätte genauso gut ein Schild hochhalten können: »Und jetzt kommt ein Schwinger!« Seine Augen weiteten sich, er machte einen schwerfälligen Schritt und zog den Arm zu einem rechten Haken zurück, der wie ein Telefonmast kam. Ich duckte mich darunter weg, stieß ihn zurück, um etwas Abstand zu bekommen. Als er das Gleichgewicht wiederfand, baute er sich erneut auf und holte zu einer weiten Linken aus, der ich genauso mühelos auswich wie dem ersten Haken.

»War das schon alles?«, fragte ich. »Es wird langsam peinlich.«

Ich wich zurück, aber er griff mit gesenktem Kopf an. Ich machte eine Vierteldrehung, wehrte den herandonnernden Zug mit den Armen ab und überließ der Schwerkraft den Rest. Er schlitterte über den Bürgersteig wie ein Baseballspieler, der sich ein Base sichert.

Als er sich auf den Rücken drehte, beugte ich mich über ihn und bemerkte den Reibekuchen auf seiner Stirn. »Das wird unter der Dusche brennen wie Sau.«

Sein trüber Blick schien sich zu fokussieren. Mit allem, was er an Energie noch aufbringen konnte, spuckte er und traf mich seitlich am Hals. Ich zuckte mit den Achseln, wischte es mit der Schulter weg. Dann griff ich mit der Linken in sein Hemd und ballte die rechte Hand zur Faust.

»Scheiße, Hudson, cool bleiben!«, brüllte eine Stimme hinter mir. Die Stimme meines Chefs.

Ich ließ das Hemd des Typen los und richtete mich auf.

Brent blaffte die Gaffer an. »Die Show ist vorbei! Geht nach Hause!«

Einer unserer Barkeeper mühte sich ab, einem grüngesichtigen Greg auf die Füße zu helfen. Brent führte mich um das Gebäude zu einem Seiteneingang für Angestellte. Als wir drinnen waren, blaffte er einen Spüljungen an, er solle sich verpissen. Als wir schließlich allein waren: »Was zum Teufel sollte das gerade, Hud?«

»Was meinst du mit ›was zum Teufel sollte das gerade‹? Der Typ ist gegen drei deiner Mitarbeiter tätlich geworden, Brent. Er hat Sabrina an den Arsch gepackt, Greg brutal in die Eier getreten und wollte mir anschließend die Scheiße aus dem Leib treten.« Bei Erwähnung des Tritts spürte ich sofort wieder den Schmerz in meiner Seite, den das Adrenalin bis zu diesem Moment weitgehend unterdrückt hatte. Ich legte eine Hand auf die Stelle und zuckte zusammen.

»Und dann hast du beschlossen, alles Weitere auf dem Bürgersteig zu regeln? Verdammt, Mann. Du weißt doch, dass du diese Scheiße nicht außerhalb von unserem Laden durchziehen kannst. Sobald du aus dieser Tür trittst, wird’s für mich zum Problem. Wie oft hast du den Kerl erwischt?«

»Ich hab ihn nicht geschlagen.«

Brent starrte mich an. »Der Typ lag auf dem Boden und hatte Blut im Gesicht. Wie meinst du das, du hast ihn nicht geschlagen?«

»Der besoffene Arsch ist von allein auf die Fresse geflogen, das meine ich damit. Ich hab ihn nicht angefasst.«

Brent schien sich noch mal durch den Kopf gehen zu lassen, was er gesehen hatte. Er strich mit einer Hand durch sein gepflegtes schwarzes Haar und verschränkte dann seine Arme, die mit einer Collage aus bunten Tattoos von Kois und Pin-up-Girls bedeckt waren. »Tja, aber du warst drauf und dran, ihm die Fresse zu polieren. Und du weißt genau, wie diese Scheiße ausgegangen wäre.«

»Ich war nicht drauf und dran, dem Typen die Fresse zu polieren«, erwiderte ich, wobei ich allerdings nicht hundertprozentig sicher war, ob ich es nicht doch getan hätte, hätte er eine falsche Bewegung gemacht.

»Ich werde mit dir nicht weiter diskutieren. Du machst jetzt einfach Feierabend, gehst nach Hause und kommst wieder runter.«

»Komm schon, Mann. Meine Schicht dauert noch zwei Stunden. Ich brauch die Kohle, und du brauchst einen Aufpasser. Der Laden ist brechend voll. Ich komm klar.«

»Haben dir deine Fäuste dieses Jahr nicht schon genug Ärger eingehandelt?«

Ich zuckte zusammen, versuchte aber, ruhig zu bleiben. »Das ist nicht fair, Brent.«

»Ja, vielleicht, vielleicht auch nicht, aber du musst gehen, Hud. Jetzt.«

Ich schnappte meine Jacke von der Garderobe und ging zu meinem 99er Cherokee, der in einer Seitenstraße parkte, und fuhr die paar Meilen zu der Drecksbude meines Kumpels Danny. Seit Monaten pennte ich auf einem Schlafsofa in Dannys ehemaligem Büro, so erbärmlich das klingt. In ein paar Monaten würde ich dreißig, jobbte in einer Kneipe und machte den Couchsurfer, und das alles nur wegen einer Boxsperre, wodurch ich im Sommer einen ordentlichen Teil meines Einkommens eingebüßt hatte.

Danny war nicht zu Hause – er war wie üblich bei seiner Freundin in Walkertown. Ich mochte Danny zwar, war aber auch froh, ihm nicht erklären zu müssen, warum ich schon so früh wieder zu Hause war. Ich ging in die Küche, schnappte mir einen Beutel tiefgefrorenen Mais aus dem Eisfach und eine Flasche Buffalo Trace aus einem Schrank. Ich setzte mich an die Küchentheke, drückte den Beutel fest auf meine Rippen und schenkte mir vier Finger Whiskey ein. Meine Rippen taten höllisch weh, aber ich hatte schon genug Schläge eingesteckt, um zu wissen, dass nichts gebrochen war. Ich hoffte, ein Drink würde den Schmerz lindern und meine Nerven beruhigen.

Ich atmete langsam durch, während mir der Alkohol heiß die Kehle hinunterlief. Mit jedem Schluck wurde die sportschaureife Rutschfahrt des Betrunkenen über den Bürgersteig komischer. Ich lachte, während ich Dannys Kühlschrank auf der Suche nach irgendwas durchforstete, das den Alkohol zumindest etwas absorbierte, bevor ich schlafen ging. Ich entschied mich für den Rest Lo-Mein-Nudeln, die ich mir zuvor in einem Lokal namens Golden Wok besorgt hatte.

Ich hatte höchstens zwei Happen gegessen, als mein Handy in der Tasche vibrierte. Ich dachte, es wäre Brent, der mich weiter nerven wollte. Ich legte die Gabel beiseite und kramte mein Telefon heraus.

Auf dem Display las ich »Dad«.

Ich blinzelte kurz – mein Dad rief mich eigentlich nie an, und erst recht nicht spätabends. Ich dachte, es müsse ein Irrtum sein; vielleicht trank er ebenfalls gerade und hatte sich einfach verwählt. Vielleicht hatte er versehentlich die Ruftaste seines Handys aktiviert, als er sich hinsetzte. Ich ignorierte es und legte mein Handy weg, aber kaum ploppte die Mitteilung über einen verpassten Anruf auf, vibrierte das Ding schon wieder.

Und wieder war es Dad.

Mir fiel beim besten Willen kein vernünftiger Grund ein, warum er mich anrufen sollte. Ich nahm mein Handy und war drauf und dran, ranzugehen, entschied mich dann aber dagegen. Mir fehlte gerade der Nerv, mir noch mehr Schwachsinn anzuhören, und schon gar nicht von ihm. Wenn’s was Wichtiges war, würde er aufs Band sprechen oder mir eine SMS schicken.

Aber er sprach nicht aufs Band und schickte auch keine SMS.

Kapitel Zwei

Am nächsten Morgen wurde ich von einem weiteren Anruf geweckt.

Ich drehte mich um, ließ die Finger über den Teppichboden wandern und tastete blind nach meinem Handy. Da es früher Samstagmorgen war, vermutete ich, es wäre einer dieser total nervigen Roboter-Werbeanrufe, die mir schon seit Monaten auf die Eier gingen. Immer aus einer anderen Stadt, in der ich noch nie gewesen war, für gewöhnlich immer dieselbe Nachricht: Hallo, Mr. Miller. Hier spricht Soundso, ich rufe nur kurz zurück wegen dieses einmaligen Zehntausend-Dollar-im-Monat-Jobs, nach dem Sie sich erkundigt hatten …

Ob nun Roboter oder nicht, ich war drauf und dran, dem Anrufer mitzuteilen, er oder sie könne sich diese Zehntausend in seinen beziehungsweise ihren virtuellen Arsch schieben, bis ich auf dem viel zu hellen Display die Worte »Flint Creek Police Department« sah. Jetzt war ich neugierig, also ging ich ran.

Die Stimme eines Mannes erkundigte sich, ob er mit Hudson Lee Miller spreche. Ich grunzte zustimmend und fragte mich, warum der Typ auch meinen zweiten Vornamen nannte.

»Mr. Miller, mein Name ist Travis Watson, ich bin Officer des Flint Creek Police Department.« Es folgte ein kurzes Schweigen. Bevor ich eine Antwort herausbrachte, fuhr er fort. »Normalerweise überbringen wir Nachrichten wie diese lieber persönlich, da Sie jedoch nicht in der Nähe wohnen …«

»Nachrichten?« Ich stemmte mich auf einem Ellbogen hoch. »Wovon sprechen Sie?«

»Ihr Vater wurde heute Morgen in eine gewalttätige Auseinandersetzungverwickelt, Mr. Miller.« Der Beamte räusperte sich. »Vielleicht ist Auseinandersetzung nicht ganz das richtige Wort …«

»Geht’s ihm gut?«, fragte ich und erinnerte mich an die unbeantworteten Anrufe vom Vorabend.

»Ich fürchte nein«, sagte er. »Ihr Vater wurde Opfer einer Schießerei. Unten auf seinem Schrottplatz. Er … äh … nun, als die Sanitäter dort eintrafen, hatte er keinen Puls mehr.«

Inzwischen war ich ganz aufgestanden, aber die Worte des Cops hatten sich in den Spinnweben meines leicht verkaterten Hirns und der frühmorgendlichen Vernebelung verheddert. Ich bat den Beamten, das noch mal zu wiederholen.

»Der Mann, der bei Ihrem Vater arbeitet, Charlie Shoaf, ist wie üblich gegen Viertel vor acht zum Schrottplatz gekommen und hat Ihren Vater leblos im Büro vorgefunden. Er lag auf dem Bauch, reagierte nicht und blutete am Kopf. Höchstwahrscheinlich eine Schussverletzung.«

Dieses Mal entfalteten seine Worte die volle Wirkung und lähmten mich fast wie ein linker Leberhaken. »Jemand hat auf ihn geschossen«, brachte ich heraus. Eine Feststellung. Eine Frage.

»Ja, einmal. Von hinten, soweit wir das sagen können. Und was das Warum betrifft – es könnte ein Raubüberfall gewesen sein, der gründlich danebenging. Mr. Shoaf fand die Registrierkasse weit geöffnet und leer wie das Grab Gottes vor. Die Hintertür stand ebenfalls offen.«

Ich schluckte schwer, schloss die Augen, flüsterte »Heilige Scheiße« und fragte dann mit schwacher Stimme, ob meine Stiefmutter Tammy bereits Bescheid wisse.

»Vermutlich. Chief Coble ist vor Kurzem zu ihr rausgefahren.« Im Hintergrund hörte ich eine weitere Stimme, gedämpfte Worte, als würde jemand eine Hand über die Sprechmuschel legen. »Sie wohnen immer noch in Greensboro, ist das richtig?«

»Ja, richtig, in Greensboro.«

»Sie sollten vielleicht zum Haus Ihres Vaters fahren. Natürlich erst, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Der Chief wird versuchen, Ihnen alle möglicherweise bestehenden Fragen zu beantworten.«

Herr im Himmel und Ich bin so bald wie möglich dort, Officer lagen mir auf der Zunge, aber stattdessen nuschelte ich irgendetwas, das nichts von beidem war, und beendete das Gespräch mit der jähen Erkenntnis: Ich habe keinen Dad mehr. Ich stellte mir vor, wie Dad auf dem blutgetränkten Betonboden lag. Ein bewaffneter und maskierter Eindringling räumte die Kasse aus und verschwand durch den Hintereingang. Tauchte ab.

Ein Mörder. Nicht das halbe Päckchen Marlboro Reds pro Tag, nicht der Mikrowellenfraß und der billige Whisky hatten Dad umgebracht, wie ich es immer erwartet hatte.

Ich hatte mehr oder weniger mit einem Anruf und schlechten Nachricht gerechnet. Allerdings nicht von meinem Dad oder der Polizei, sondern von meiner Stiefmom, die vor sechs Monaten und davor vor über einem Jahr angerufen hatte, um mir von Dads Herzinfarkten zu berichten. Es schien unausweichlich, dass es einen weiteren geben würde, der ihn dann endgültig erledigte. Und warum auch nicht? Nach allem, was ich wusste, hatte er nach den ersten beiden weder mit der Qualmerei noch mit dem Saufen aufgehört.

In Anbetracht des Schusses schien das alles aber keine Rolle mehr zu spielen.

Aber warum hat er mich gestern Abend angerufen?

Ich stand vom Schlafsofa auf, völlig aus dem Gleichgewicht, fühlte mich beschissen, die Rippen pochten. Ich fand ein Fläschchen Ibuprofen auf dem Boden, kippte vier Pillen auf meine Handfläche und schluckte sie trocken. Vier war die magische Zahl, die ich nach meinen Boxkämpfen immer nahm, aber ich hatte sie kaum geschluckt, als mir wieder Bilder von Dads Leiche durch den Kopf schossen. Der Betonboden. Das in den Ritzen versickernde Blut. Ich stürzte zum Mülleimer neben dem Schrank und entsorgte eine Magenladung Alk und Lo-Mein-Nudeln.

Im Bad putzte ich mir die Zähne und stellte mein Telefon auf lautlos. Ich wischte ein paar Barthaare von der Ablage und legte das Telefon verkehrt herum neben das Waschbecken. In einer kleinen Stadt wie Flint Creek verbreiten sich Neuigkeiten schnell; mit Facebook und Co. wäre es ein Wunder, wenn es nicht spätestens mittags der halbe Bundesstaat wüsste. Ich war nicht bereit für Anrufer, die Beileid oder Bestürzung ausdrücken oder Fragen stellen wollten, die ich beim besten Willen nicht beantworten konnte.

Ich duschte heiß und saß mit angezogenen Knien in der Wanne, während sich das Wasser in meinen Haaren sammelte und über mein Gesicht lief. Die letzten Jahre hatte ich fast kein Wort mit meinem Vater gewechselt, war die meiste Zeit meines Lebens kaum mit ihm ausgekommen, hatte aber trotzdem das Gefühl, ich sollte weinen. Fast zwang ich mich zu weinen – rümpfte die Nase, kniff die Augen zu –, aber es kamen keine Tränen. Nur Duschwasser. Ich vergrub die Daumen in meinen Schläfen und versuchte, die pulsierenden Whisky-Schmerzen wegzumassieren. Vielleicht stand ich zu sehr unter Schock, um weinen zu können. Vielleicht würden die Tränen später kommen.

Als ich aus der Dusche trat, kehrte der Gedanke zurück: Ich habe keinen Dad mehr, gefolgt von einem weiteren Gedanken: Viel anders war’s eigentlich sowieso nie. Beschissen, so was zu denken, aber das machte es nicht weniger wahr. Selbst in meinem umnebelten Zustand fiel es mir leicht, mich an das letzte Mal zu erinnern, als ich meinen Dad gesehen hatte – bei einem unserer sporadischen Treffen, die mir nie viel gebracht hatten, bei denen er aber seine väterlichen Schuldgefühle zumindest etwas kompensieren konnte. Wir hatten uns zwei Tage vor Thanksgiving in der Nähe von Flint Creek in einem Restaurant namens Zeto’s getroffen, das einem Griechen gehörte. Hier gab es Subs und ländliche Küche und alles Mögliche sonst. Ein Lokal, auf das wir uns geeinigt hatten, weil ich nicht in diesem schrillen Diner essen wollte, wo Dad jede Kellnerin mit Namen und Körbchengröße kannte.

Dad war an diesem Tag besonders negativ drauf. Meckerte, weil ich mich weigerte, bei unserer angespannten Unterhaltung auch noch über Politik zu reden; meckerte über unseren jungen Kellner, der aus dem Nahen Osten stammte und vom Feiertagsandrang völlig überfordert war. Er oder ein Koch hatte Dads Bestellung vermasselt – Champignons, die auf einem Käsesteaksandwich nichts zu suchen hatten –, also gab Dad dem Jungen kein Trinkgeld. Als wir zum Gehen aufstanden, stellte ich ihn deswegen zur Rede und sagte ihm, sein Verhalten sei voll für den Arsch. Ich warf einen Fünfdollarschein auf den Tisch, was genauso gut brodelnde Lava auf Dads Kopf hätte sein können.

»Kommt davon, wenn man einen verfluchten Ausländer einstellt.«

Das waren an diesem Tag seine letzten Worte, an die ich mich erinnere, außer dass er mich demnächst anrufen würde. Ich sagte nichts und dachte nur: Verschwende nicht deine Zeit.

Das ging mir durch den Kopf, als ich mir eilig meine Jeans, ein Flanellhemd und meine abgewetzten Vans anzog. Ich warf mir einen Hoodie mit Reißverschluss über die Schulter und schenkte es mir, noch was zu essen.

Draußen erinnerte mich der Himmel an eine Marmorplatte – graue und weiße Flecken –, und es war kalt und windig, als ich meinen Jeep an einer Tankstelle in der Nähe des Highways halb volltankte. Ich kaufte einen großen Becher angebrannten Kaffee, warf noch ein paar weitere Ibus ein und hoffte, dass sie lange genug unten blieben, um meine anhaltenden Schmerzen zu betäuben. Ich fuhr auf der I-85 Richtung Süden, immer noch mit reichlich Streusalz bedeckt wegen eines vor zwei Tagen vorhergesagten Schneesturms, der dann aber stattdessen den Süden von Virginia mit einer fünfzehn Zentimeter hohen Schneedecke überzog.

Ich hatte gerade mal fünf Minuten meiner fünfunddreißigminütigen Fahrt hinter mir, als meine Stiefmom anrief – völlig hysterisch, fast nicht zu verstehen. Zahllose »O mein Gott« und »Warum, Hudson, warum?« waberten durch die Leitung. Ich sagte kaum etwas. Als sie aufgelegt hatte, machte ich selbst ein paar Anrufe, zuerst bei meinem Mitbewohner. Ich hinterließ eine Nachricht, ersparte ihm aber nähere Details. Dann rief ich Brent an.

»Scheiße, Hud. Das tut mir jetzt total leid. Nimm dir alle Zeit, die du brauchst«, sagte er. Ich dagegen hoffte, so wenig Zeit wie nur möglich zu brauchen.

Diese Anrufe bereiteten mich auf meinen letzten mit meiner Mom Ann vor, die sich vor zwanzig Jahren von meinem Dad hatte scheiden lassen.

»Die Cops haben mich eben angerufen …«, begann ich, denn ich war nicht sicher, wie ich sagen sollte, was ich sagen musste. »Aus Flint Creek, Mom.«

»Flint Creek?«

»Wegen Dad.«

»Hat er was angestellt?«

»Nein, Mom. Die Cops haben gesagt, jemand …« Ich holte tief Luft. »Jemand hätte ihn heute Morgen auf dem Schrottplatz erschossen.«

»Ist er …«

»Ja Mom, er ist tot.«

Ein Luftschnappen am anderen Ende. »Nein, Hudson. Was redest du da? Sag mir, dass er nicht tot ist. Sag’s mir …«

»Doch, Mom. Ich glaube, die haben ihn ausgeraubt.«

»Die?«

»Ich weiß nicht, wer. Die Cops wissen es auch nicht. Ich bin gerade auf dem Weg, um mich mit Frank Coble zu treffen.«

Sie fing an zu weinen, viel heftiger, als ich erwartet hatte. Jahrelang hatte sie eine Stinkwut auf meinem Dad. Was aber nicht hieß, dass sie ihn nicht mal geliebt hatte oder sie diese Nachricht nicht schmerzte. Also ließ ich sie weinen.

Schließlich kam sie wieder zu sich. »Baby, es tut mir ja so leid. So unendlich leid. Bitte, lass mich wissen, was ich tun kann. Ich bin gerade bei einem Frauenfrühstück in der Kirche angekommen, aber ich …«

»Fahr wieder nach Hause, wenn dir danach ist. Oder bleib in der Kirche. Was immer du für richtig hältst. Vielleicht wird’s dir guttun, wenn du hingehst. Scheiße, ich weiß es nicht.«

»Mach dir um mich keine Gedanken, Baby. Ich möchte nur für dich da sein. Du sagst Bescheid, wenn ich was tun kann, ja?«

Ich sagte, das würde ich, und auch, dass ich sie lieb hatte. Sie sagte, sie mich auch.

Ich steckte mein Handy ein, würgte den letzten Schluck Kaffee runter und verließ die Autobahn Richtung Flint Creek, eine Stadt ohne spektakuläre Zufahrt, stattdessen einfach ein in die Jahre gekommenes grünes Schild, das verkündete: »Flint Creek: Meilenweit nur freundliches Lächeln.«

Ich verdrehte die Augen bei dieser kitschigen Begrüßung, während mir die Ibus und der Kaffee langsam wieder hochkamen.

Kapitel Drei

Meilenweit nur freundliches Lächeln … allerdings ein ziemlich zahnloses Lächeln.

Das war der Running Gag, solange ich zurückdenken konnte, und einer der unzähligen Witze, die ich im Laufe meines Lebens über Flint Creek und seine Bewohner gehört hatte. Die Landeier-Witzeleien waren größtenteils Übertreibungen, aber es war nicht zu leugnen, dass sich diese Stadt einem ländlichen Lebensstil verschrieben hatte. Eine Stadt, die von der Landwirtschaft lebte. Die Straßen gesäumt von Feldern mit Weizen, Mais und Tabak. Farmen und überall Obst- und Gemüseverkaufsstände. Neben dem Rathaus gab es sogar eine Betontafel, die stolz verkündete, dass Flint Creek mehr Schlacht- und Milchvieh pro Quadratmeile produzierte als sonst ein Ort im »Tar Heel State« North Carolina. Neben der Tafel ein Betonschwein mit Sonnenbrille. Abgesehen von der Landwirtschaft waren die meisten Leute der Stadt einfache Arbeiter oder hatten kleine Unternehmen und wohnten in bescheidenen Häusern in übersichtlichen Stadtteilen oder an dünn besiedelten und abgelegenen Straßen so wie mein Dad.

Sein Haus war das letzte auf der rechten Seite an einer zweispurigen Schotterstraße namens Creekview Road. Ein längliches Ranch-Style-House aus den Siebzigern mit angebauter Garage und einem leicht zu einem Graben hin abfallenden Vorgarten, der abrupt an der Straße endete und in dem eine Vogeltränke aus Beton stand, in der ich immer meine Actionfiguren aufgestellt hatte, bevor ich sie mit meinem Luftgewehr abknallte.

Aber das war in einem anderen Leben und ein anderer Hudson Miller. Während der letzten paar Jahre hatte ich das Haus nur sehr selten besucht, und wenn, habe ich lieber draußen gesessen und während meiner kurzen Besuche nur ein Minimum an Small Talk auf der Veranda über mich ergehen lassen. Mein Dad und Tammy hatten immer im Haus geraucht, und es war das Einzige, um einen Hustenanfall zu verhindern, den ich stets bekam, sobald ich durch die Tür trat.

Als ich kurz vor zehn ankam, parkte ein schwarzer Dodge Charger schräg in der Einfahrt. Definitiv der Wagen eines Cops. Ich klingelte, und Tammys Schoßhündchen Cody und Stormin’ Norman gingen hoch wie Knallfrösche, jaulten und bellten und kratzten an der Tür, bis Frank Coble sie öffnete. Er war ein stämmiger Mann mit einem so perfekt gestutzten und schneeweißem Ziegenbart, dass er wie aufgemalt wirkte. Er drängte die Hunde mit dem Fuß zurück und öffnete die Tür. »Komm rein«, sagte Coble.

Als ich eintrat, umarmte er mich auf schnelle, männliche Art. Zwei feste Schläge auf den Rücken, die ich bis in die Rippen spürte. »Das mit deinem Daddy tut mir aufrichtig leid.«

Coble und mein Dad waren seit Jahren befreundet gewesen, aber die Umarmung überraschte mich. Als ich dem Mann das letzte Mal so dicht gegenübergestanden hatte, war ich vierzehn und in Handschellen, zu denen er den Schlüssel hatte. »Sehr nett von Ihnen, Frank«, sagte ich. »Mir tut’s auch leid.«

»Tammy ist im Esszimmer«, sagte Coble und machte Augen, als wolle er sagen: »Mach dich auf eine Katastrophe gefasst!«

Ich atmete nicht zu tief ein, während ich Coble durchs Wohnzimmer folgte, und bereitete meine Lungen auf eine heftige Nikotinattacke vor. Es roch sogar noch stärker nach Rauch als in meiner Erinnerung. Nicht zum ersten Mal stellte ich mir vor, wie sich der gelbe Teer von einer Million Zigaretten unter dem Daumennagel sammeln würde, wenn ich damit über die holzgetäfelten Wände des Hauses kratzen würde.

Ich hörte Tammy schon im Esszimmer, noch bevor wir bei ihr waren. Leises Schluchzen und Schniefen und eine Unterhaltung. Sie telefonierte, als wir hereinkamen, und tupfte sich die Augen mit einem zusammengeknüllten Kleenex. Tammy war nicht viel größer als eins fünfzig und wog maximal fünfundvierzig Kilo, aber Kummer und Schmerz ließen sie noch kleiner erscheinen. Als sie ihren Anruf beendet hatte, blinzelte sie durch die Tränen und sagte leise »Hey, Hudson« – die freundlichste Begrüßung, die ich seit Jahren von ihr gehört hatte.

Das übliche Willkommen lautete: »Leland, dein Sohn ist hier.«

Ich zog mir einen Stuhl heraus und setzte mich ihr gegenüber. »Tut mir leid, Tammy.«

Sie nickte und schluchzte leise.

Ich sah Coble an, der noch stand. »Habt ihr schon irgendeine Idee, wer das war?«

»Die werden nicht rausbekommen, wer’s getan hat«, sagte Tammy mit einem Blubbern in der Stimme. »’scheinlich irgendein zugedröhntes Stück Scheiße.«

Coble trommelte mit den Fingern auf der Rückenlehne eines freien Stuhls. »Ich habe genau jetzt meinen besten Detective draußen am Tatort. Wenn da was zu finden ist, wird er es auch finden.«

Mein Kopf war zwar vernebelt, nicht aber mein logisches Denkvermögen. »Hatte Dad keine Überwachungskameras?«

»Nicht eine einzige«, sagte Coble. »Ich schätze, er dachte, ein Vorhängeschloss und sein Wachhund würden genügen. Ein paar Kameras hätten uns definitiv geholfen. Und wenn’s nur eine am Eingangstor gewesen wäre, die zwischen der Ankunft deines Dads gegen sechs Uhr und dem Zeitpunkt, als Charlie auftauchte, ein verdächtiges Fahrzeug oder Nummernschild aufgezeichnet hätte.«

Der Schrottplatz von meinem Dad, Miller’s Pull-a-Part, lag am Arsch der Welt. Die Möglichkeit, dass es Augenzeugen gab, schien verschwindend gering.

Tammys Hand bewegte sich auf eine Weichpackung Menthol-Zigaretten zu, verharrte dann aber. »Was für ein Monster würde Leland umbringen wollen?«

»Vielleicht wollte ihn ja niemand umbringen, Tammy«, sagte der Chief.

»Scheiße, wie meinst’n das?« Sie nahm eine Zigarette aus der Packung, klopfte sie auf den Tisch und zündete sie mit einem Plastikfeuerzeug an. Ich schob meinen Stuhl ein paar Zentimeter zurück, legte die Ellbogen auf die Knie und hielt mir so beiläufig wie möglich die Hände über die Nase. Ein notdürftiger Filter.

»Ich meine, vielleicht waren sie einfach nur scharf auf die Kohle«, sagte Coble. »Und haben in ihrer Verzweiflung den erstbesten Laden überfallen. Vielleicht hatten sie Schulden. Genau so läuft es doch bei diesen Sachen manchmal.«

Ich wies darauf hin, der Killer könnte meinen Dad auch erschossen haben, um seine Spuren zu verwischen. Klang für mich ziemlich plausibel.

Coble sagte: »Genau. Oder irgendetwas hat sie erschreckt. Vielleicht haben sie draußen was gehört – ein vorbeifahrendes Auto oder diesen Hund. Vielleicht haben sie auch Lelands Kanone gesehen.«

»Er hätte ihnen den Arsch weggeballert, wenn er seine Kanone in Reichweite gehabt hätte.« Tammys Zigarette baumelte von ihren Lippen, verzwirbelte ihre Worte. »Leland hätte denen nie das Geld überlassen. Er hat sich von keinem was gefallen lassen.«

»Natürlich nicht«, stimmte Coble zu, »aber er hat sein Holster getragen, und die .38er steckte noch gesichert drin. Ich könnte mir vorstellen, dass ihm jemand zuvorgekommen ist. Das und die Tatsache, dass er mit dem Gesicht nach unten lag. Wahrscheinlich hat er den Täter überhaupt nicht gesehen oder zumindest nicht die Kanone, die er offenbar dabeihatte.«

»Dreckiger Feigling«, murrte Tammy.

»Und wie geht’s jetzt weiter?«, fragte ich.

»Sobald wir mit der Spurensicherung am Tatort fertig sind, werden wir unsere Ermittlungen anhand der am Tatort sichergestellten Beweise und der Leiche deines Vaters fortsetzen.«

»Der Leiche?« Tammy richtete einen Finger auf ihr Gesicht. »Er hat ein Loch im Hinterkopf, und die Kugel ist aus seinem Scheißaugapfel wieder raus. Was müsst ihr noch wissen? Irgendwer hat ihn gottverdammt noch mal erschossen.«

Das Detail mit dem Augapfel hatte mir der Cop am Telefon nicht erzählt. Brutal. Aber wenigstens bedeutet es, dass Dad schnell gestorben ist. Die Tatsache, dass es an diesem Morgen passiert war, bedeutet ebenfalls, dass Dad mich nicht angerufen hatte, während er auf dem Boden seines Büros lag und verblutete. Wäre nicht leicht für mich gewesen, damit fertigzuwerden. Mit einiger Mühe konzentrierte ich mich wieder auf das, was Coble sagte.

»Du hast ja recht, Tammy. Aber wir müssen uns trotzdem an vorgeschriebene Verfahrensweisen …«

»Verschone mich mit deinem Bullen-Kauderwelsch, Frank. Wir reden hier von meinem Mann. Deinem Freund. Du musst den Dreckskerl finden, der das getan hat.«

Coble verschränkte die Finger auf seinem Bauch. »Ich verstehe, dass du jetzt sofort Antworten haben willst. Geht mir genauso. Ich hab Leland geliebt, als wäre er mein eigenes Blut. Ich rede wie ein Cop, weil der Cop in mir tun muss, was das Beste ist, was richtig ist, um herauszufinden, was genau passiert ist.« Nach einem tiefen Seufzer und mehrmaligem Schnalzen mit der Zunge sagte er: »Ich sag’s dir nur verdammt ungern, aber das bedeutet auch, dass wir seine Leiche nach Raleigh überführen müssen.«

Tammy schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Etwas Glut fiel von der Zigarette und erlosch neben einem Taschentuch. »Ich will nicht, dass der Leichnam meines Mannes irgendwohin gebracht wird.«

»Das verstehe ich«, erwiderte Coble. »Aber wir müssen zuverlässig wissen, ob es noch weitere Verletzungen gibt, Anzeichen für einen Kampf, was weiß ich. Das Payne Regional verfügt nicht über die nötige Infrastruktur, um eine umfassende Obduktion durchführen zu können, also müssen wir die Leiche nach Raleigh schicken.«

»Und wie lange wird es dauern, bis wir Antworten bekommen?«

»Ein paar Wochen vielleicht«, sagte er. »Aber höchstwahrscheinlich werden sie die Leiche schon innerhalb weniger Tage freigeben. Bis dahin werden wir hier alles tun, was in unserer Macht steht.« Coble ging hinüber, kniete sich neben Tammy und legte seine Hand mit einem klobigen Absolventen-Ring auf den Tisch. »Wir werden herausfinden, wer das getan hat, Tammy. Und wenn’s so weit ist, werden wir den oder die Täter mit der ganzen Härte des Gesetzes bestrafen. Darauf kannst du Gift nehmen.«

Tammy schüttelte den Kopf.

Ich räusperte mich, um Coble auf mich aufmerksam zu machen. »Wie stehen die Chancen, dass der Gerichtsmediziner irgendwas findet?«

Er richtete sich wieder auf, wobei seine Knie knackten. »Vielleicht findet er nichts. Könnte exakt so gewesen sein, wie wir es vermuten: Ein Schuss von hinten, und das war’s. Aber es lohnt sich immer, genauer hinzusehen.«

Tammy drückte ihre Zigarette in einer fast leeren Müsli-Schale aus. Es brutzelte in der gezuckerten Milch. »Muss ich das bezahlen?«

»Die Obduktion?«

Sie nickte.

»Wird dich keinen müden Cent kosten«, sagte Coble.

»Wer’s glaubt, wird selig«, brummte Tammy.

Er tippte auf seine Armbanduhr. »Am besten fahr ich jetzt zurück aufs Revier, damit ich an der Sache dranbleiben kann. Falls du was brauchst, Tammy, egal was, ruf mich an. Das alles tut mir so schrecklich leid. Vielleicht kann Patti dir heute Abend Brathähnchen und Kartoffelpüree rüberschicken.«

Patti. Cobles Frau. Ich erinnerte mich an ihr Gesicht, den hochtoupierten Pony und ihr schrilles Lachen. Ich dachte an Brathähnchen und Kartoffelbrei und fragte mich, ob der Chief daher diesen Bauch hatte, der um mindestens zwei Gürtelschlaufen dicker war als bei unserer letzten Begegnung.

Tammy verabschiedete ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl und schaute aus dem Küchenfenster. Das graue Licht betonte ihre tränenfeuchten Wangenknochen.

Coble ging, und ein Teil von mir wünschte sich, er wäre noch ein paar Minuten länger geblieben, um als Puffer in dem Raum zu dienen, in dem Tammy immer noch heulte und ich nicht. Ich wusste einfach nicht, was ich zu einer Frau sagen sollte, die ich zwar seit Jahren kannte, der ich aber nie nahegestanden habe und nie nahestehen wollte.

Ich hatte Angst, sie könnte Dads nächtliche Anrufe erwähnen – immer noch in der Annahme, dass sie davon wüsste –, doch sie sagte nichts. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und zitterte lautlos.

Ich sah mich in dem rauchgeschwängerten Raum um. Seit meiner Kindheit hatte sich im Haus eine Menge verändert. Der Linoleumboden und die Vorhänge und die Geräte. Alles anders heute. Aber eine Sache fiel mir wie immer auf: Ein Kühlschrank-Magnet mit einem Foto von mir. Ich war darauf vielleicht acht Jahre alt, trug eine leuchtend orangefarbene Baseballkappe und ein nicht ganz dazu passendes orangefarbenes T-Shirt der Little League Astros mit der Nummer 9. Ich hasste diese Farben so sehr, wie ich Baseball hasste. Vor allem die Mückenstiche auf dem Outfield. Ganze Nachmittage, an denen wenig bis gar nichts passierte, außer dass Eltern auf gegenüberliegenden Tribünen dummes Zeug redeten.

Vielleicht blieb das Foto am Kühlschrank, weil es den idealen Sohn zeigte, herausgeputzt für Amerikas Freizeitbeschäftigung Nummer eins.

Oder es war eines der wenigen Erinnerungsstücke im Haus, die Dad an die guten alten Zeiten erinnerten, bevor er unsere Familie zerlegte.

• • •

Zwanzig Jahre zurückgespult war Tammy nur unsere Nachbarin, die zwei Häuser weiter mit ihrem Freund Steve eine Wohnung gemietet hatte. Sie waren aus Cherryville zugezogen und hatten sich mit meinen Eltern angefreundet; für kurze Zeit brachten sie Abwechslung in unseren Haushalt. Steve und Tammy waren einige Jahre jünger als Mom und Dad und hatten so ein exotisches Flair, das zum Teil auf die Sonnenbank zurückzuführen war, die permanent ein blaues UV-Licht durch ihre Garagenfenster warf.

Kurz nach ihrem Einzug kamen sie vorbei, um sich vorzustellen. Schon bald fingen sie an, samstags zum Grillen rüberzukommen und hatten meistens Glasflaschen und Spielkarten dabei. Ich erinnere mich gut, dass mich mein Dad an einem oder mehreren dieser Abende zur Kellertür brachte und so etwas in der Art zu mir sagte, wie: »Ich möchte, dass du heute Abend hier unten bleibst, Hot Rod, aber dafür darfst du so lange aufbleiben und dir anschauen, was immer du willst.«

Was immer ich damals sehen wollte, waren vor allem Die Goonies und eine Kassette mit Nightmare on Elm Street-Videos. Aber wenn ich auf Sloth und Krueger oder meine Lego- und Nintendo-Games keinen Bock mehr hatte, schlich ich mich die Kellertreppe rauf und durchs Wohnzimmer, um aus sicherer Entfernung den Esszimmertisch und die vier Erwachsenen sehen zu können. Es standen immer Bierflaschen auf dem Tisch, schicke Gläser gefüllt mit geeisten, lindgrünen Drinks, und aus Dads Kassettendeck plärrten laute Oldies wie »Sugar Shack« und »Hang on Sloopy«.

Ich denke, alle hatten ihren Spaß an diesen Abenden – bis auf Mom. Sie hatte noch nie viel getrunken, und war gottverdammt viel zu nett, um ein Machtwort zu sprechen, wenn diese Partys sich weit über Mitternacht hinauszogen. Was mich betraf, waren diese Treffen okay und eine willkommene Abwechslung zur wöchentlichen Alltagsroutine und Halb-zehn-Bettgehzeiten, aber nach wenigen Monaten hörten die exotischen Samstagabende abrupt auf, als wäre der Stecker des Sony-Kassettendecks gezogen worden. Plötzlich saßen nicht mehr vier Erwachsene um den Tisch, sondern nur noch Dad und Tammy Jenkins.

Der Übergang von einer normalen Familie zu meine-Momengagiert-einen-Anwalt-und-zieht-in-eine-eigene-Wohnung passierte jedoch nicht von einem Augenblick auf den anderen. Nachdem diese ausgelassenen Samstagabendpartys ihren Glanz verloren, hatte es Anzeichen gegeben, dass hier alles den Bach runterging, Anzeichen, die ich zu ignorieren versucht hatte. Meine Eltern stritten sich nur noch, und Ich liebe dich sagten sie sich überhaupt nicht mehr. Dad half Tammy bei Problemen mit ihrem Auto oder mit Spüle und Regenrinne, während Steve bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn bei uns zu Hause rumgebrüllt wurde, fiel immer wieder Tammys Name.

»Vielleicht wärst du mit Tammy glücklicher, Leland.«

»Lass mich raten. Tammys Auto läuft mal wieder nicht.«

»Ich hab doch gesehen, wie du sie anschaust.«

»Ich hab gesehen, wie sie dich anschaut.«

• • •

Wie sollte ich mich also fühlen, wenn ich jetzt am Tisch der Frau gegenübersaß, die die treibende Kraft dieses Shitstorms gewesen war? Die ihren Ex veranlasst hatte, das gemeinsame Haus zu verkaufen und zurück nach Cherryville zu ziehen, und die in meiner Pubertät massive Ängste ausgelöst hatte. Eine Frau, deren Haut auch nicht mehr diesen tropischen Schimmer besaß, sondern zu abgegriffenem Leder gealtert und deren Stimme brüchig geworden war.

Nachdem mein Vater nun tot war, fragte ich mich, wie schnell Tammy völlig verkümmern würde. So beschissen die ganze Sache auch war, ich wusste, dass sie meinen Dad liebte – zumindest in gewisser Hinsicht. Sie waren auf die denkbar schlechteste Weise absolut perfekt füreinander. Waren auf krebserregende Weise voneinander abhängig. Es schien fast, als hätte Mom jahrelang Dads schlechteste Eigenschaften im Zaum gehalten, und Tammy hätte sie in kürzester Zeit entfesselt und verstärkt.

Ich schob eine Schachtel Kleenex dichter zu ihr hinüber, weil ich sicher war, dass ich sie nicht brauchen würde.

Kapitel Vier

Meinen restlichen Nachmittag verbrachte ich in einem Nebel unruhiger Nickerchen in der Wohnung und mit der Kühlung meiner Rippen und dem Ignorieren von Textnachrichten und Telefonanrufen. Die Sterbeszene meines Dads spielte sich in meinem Kopf immer wieder und jedes Mal ein bisschen anders ab. Manchmal trug der Mörder eine Skimaske, ein anderes Mal trug er eine Ronald-Reagan-Maske wie einer dieser Surfertypen in dem Film Gefährliche Brandung.

Aber eins blieb immer gleich: Es endete mit einem Schuss.

Ich musste immer wieder an die Anrufe denken, mit denen Dad versucht hatte, mich zu erreichen – ich vermute, ich werde wohl nie erfahren, was er mir zu sagen hatte.

• • •

Ich zog mir an diesem Abend ein Red-Door-Security-Shirt über und fuhr zu meinem Job in Downtown Greensboro. Brent wirkte überrascht, als ich durch die Tür kam.

»Scheiße, Hud. Dave ist schon auf dem Weg. Ich hab ihn gebeten, deine Schicht zu übernehmen. Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst dir ein paar Tage freinehmen?«

»Dann würde ich sagen, er kann umdrehen und wieder nach Hause fahren.« Ich gab meine Jacke dem neuen Mädchen an der Garderobe, das Brent vor ein paar Wochen eingestellt hatte. Sie hieß Kirstin oder vielleicht auch Kristin. Ich konnte mich nicht erinnern. So, wie sie mich mit offenem Mund anstarrte, wusste ich, dass sie die Neuigkeit über meinen Dad gehört hatte.

»Bist du sicher?«, fragte Brent.

»Ich muss mich beschäftigen. Sonst dreh ich noch durch.«

»Verstehe. Bei mir war’s genauso, als mein Cousin letztes Jahr bei diesem Unfall gestorben ist. Ich konnte nicht rumsitzen und Trübsal blasen, nachdem ich es erfahren hatte. Hab mir stattdessen die Kante gegeben und ein neues Tattoo stechen lassen.«

»Saufen und neues Tattoo? Klingt nach einem ganz normalen Wochenende für dich.«

Er grinste und legte mir einen sehnigen Arm um die Schultern. Wir gingen zwischen zwei abgerockten Pooltischen durch und blieben vor der Hauptbar stehen. »Hör zu«, sagte Brent, wobei sein Lächeln verblasste. »Wegen der Scheiße gestern Abend …«

»Noch irgendwas passiert, nachdem ich gegangen bin?«

»Die Leute waren noch eine kurze Zeit ziemlich aufgedreht. Du weißt ja, wie die drauf sind. Aber es ist kein Scheiß mehr passiert. Die Bullen waren nie hier.«

»Ich hätte meine Schicht zu Ende arbeiten können. Sag ja nur.«

»Wollte ich nicht riskieren«, antwortete er. »Und vor allem wollte ich nicht das Arschloch raushängen lassen. Du bist immer ein guter Angestellter gewesen, Hud. Ich glaub dir, wenn du sagst, dass du den Typen nicht zusammenschlagen wolltest, aber ich hab dir erzählt, was vor ein paar Jahren passiert ist.«

»Ja, ich kenne die Geschichte«, sagte ich. Ich hatte sie mindestens ein Dutzend Mal gehört: Ein Rausschmeißer namens Aquaman hatte direkt vor dem Laden den Kopf eines Typen gegen eine Parkuhr gerammt. Monate später erstattete der Typ Anzeige. Brent hätte fast seinen Laden dichtmachen müssen.

Brent sagte: »Du kannst außerhalb dieser Türen einfach nichts riskieren, vor allem nicht, wenn die halbe Welt Videos davon ins Netz stellt. Man kann ja nicht mal mehr niesen, ohne dass es jeder mitbekommt. Du weißt, wie das läuft.«

Ich nickte.

»Wie auch immer«, sagte er, »ich bezweifle, dass du heute Abend Probleme bekommst. Du arbeitest an der privaten Theke. Haben um neun Uhr eine VIP-Party. Die Randleman Pin Pushers oder so ein Idiotenhaufen.«

»Eine Bowling-Truppe?«

»Muss wohl.«

Ich gab ihm ein Daumen-hoch.

Er bedankte sich, und ich drehte mich um und schleppte mich die knarrende Treppe rauf nach oben zur Bar.

Ich verbrachte meine Schicht damit, monoton Namen in den Ausweisen zu überprüfen und sie dann auf einer Liste abzuhaken. Bowler-Namen wie Wes, Kenny und Dennis. Wahrscheinlich keine Typen, die Ärger machen würden. Es war eine stumpfsinnige Arbeit, die mein Hirn kaum beanspruchen würde, aber eine vorübergehende Ablenkung war nicht der einzige Grund, warum ich an diesem Abend zur Arbeit aufgekreuzt war. Ich war total pleite.

Meine Boxerkarriere hatte gerade Auszeit oder war vielleicht sogar ganz beendet. Mein letzter Kampf war im Juni gewesen, als ich im Greensboro Coliseum Annex als Co-Headliner in der Hoffnung antrat, meine Profi-Bilanz auf zwölf und drei zu verbessern, um mir so im kommenden Herbst einen größeren Kampf zu sichern. Ich bereitete mich mit langen Läufen und Sparringtraining vor und befolgte den Rat meines Coachs Rob, während des Trainings komplett auf Alk und Sex zu verzichten.

Ich war bereit, erfüllte locker die Voraussetzungen fürs Weltergewicht und hatte eine klare Strategie: Meinen deutlich kleineren Gegner, einen erfahrenen Fighter namens Mickey Lomax, den ganzen Abend mit meinen langen Geraden auf Distanz zu halten. Meine Größe und Kondition waren beste Voraussetzungen für einen Sieg. Mit dieser Strategie hatte ich seit meiner Golden-Gloves-Zeit schon viele Kämpfe gewonnen. Aber nicht an diesem Abend. Lomax war eine Bulldogge von Weltergewichtler und steckte meine Geraden lässig weg. Er hatte eine Bombenkondition und einen Kopf wie ein Feuerhydrant. Während des gesamten Kampfes klebte er förmlich an meiner Brust, was es meinen langen Armen fast unmöglich machte, ihn mit vernichtenden Linksrechts-Kombinationen einzudecken oder Haken loszulassen, in denen Dynamit steckte.

Der Kampf ging über die volle Distanz. Sechs frustrierende Runden.

Nachdem der Ansager die Entscheidung verkündete, übereinstimmend vier zu zwei Runden, feierte Lomax’ Ecke, als hätten sie den Jackpot geknackt. Das machte mich ebenso wenig wütend wie die Entscheidung der Ringrichter – denn ich wusste, dass ich den Kampf verloren hatte. Aber bevor ich den Ring verließ, ließ Lomax’ Cutman eine klugscheißerische Bemerkung los und beschuldigte mich, Lomax in der letzten Runde vorsätzlich einen Kopfstoß verpasst zu haben, was totaler Bockmist war. Ich ignorierte ihn, aber Jay, einer der Jungs aus meiner Ecke, fand das gar nicht witzig, was zu einer blöden Situation mitten im Ring führte.

Coach Rob und ich versuchten, einzugreifen, woraufhin sich noch mehr Leute in die Sache einmischten. So verheerend kann Testosteron wirken. Als die Verbalattacken heftiger wurden, drängten immer mehr Körper und Egos wie Autoscooter auf einem Jahrmarkt in den Ring, rempelten sich an und wollten auch was von der Action abhaben. Die Leute fingen an zu schieben und zu stoßen. Sogar ein paar Typen von außerhalb des Rings beschlossen, dabei mitzumischen.