Beschreibung

Acht spannende Erzählungen von Großmeister Andrzej Sapkowski

Gegenwart und Vergangenheit (oder Zukunft) verknüpfen sich auf brillante Weise in diesen Geschichten. Der Mythos von Tristan und Isolde wird neu erzählt – aus der Sicht zweier Nebenfiguren, nämlich der von Morholt, dem von Tristan besiegten Ritter, und Branwen (Brangäne), Isoldes Dienerin, die den beiden den Liebestrank reichte.

Und die Fans von Sapkowskis Hexer-Zyklus erwartet ein besonderer Leckerbissen: eine Erzählung, die das Ende des Zyklus auf den Kopf, wenn nicht gänzlich in Frage stellt ... Phantastik, Horror, Liebes- und anderer Abenteuer!

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EPUB

Seitenzahl: 509


Andrzej Sapkowski

Etwas endet, etwas beginnt

Erzählungen

Aus dem Polnischenvon Erik Simon

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutsche Erstausgabe 2012

© 2011 für die deutschsprachige Ausgabe:

Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

eBook ISBN 978-3-423-41023-6 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21353-0

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www.dtv.de/​ebooks

»Der Weg, von dem niemand zurückkehrt«,

die zweite Erzählung, die ich geschrieben habe, erschien 1988 in der Augustnummer der Zeitschrift Fantastyka, also ein Jahr und neun Monate nach meinem Debüt »Der Hexer«, das im Dezember 1986 ebenfalls in der Fantastyka gedruckt worden war. Sie– also die verehrten Damen und Herren Leser– müssen indes erfahren, dass ich mich damals seit etlichen Jahren bemühte, einen Fantasy-Roman zu schreiben, dass ich eifrig verschiedene Fragmente dafür dichtete, Situationen entwarf, Helden, Szenarien usw. Und da ereigneten sich gleich zwei wichtige Umstände. Der erste war die unerwartet gute Aufnahme des »Hexers« durch die Leser und Fans.

Zweitens machte ich mir bewusst, dass ich zwar vielleicht Erzählungen in der Fantastyka veröffentlichen konnte, dass aber kein Verleger einen Roman eines in diesem Genre debütierenden polnischen Autors annehmen würde. Ich musste also nüchtern und realistisch denken. Als daher die Fantastyka auf den jungen, aber vielversprechenden Debütanten ein wenig Druck ausübte, indem sie den jungen, aber vielversprechenden Debütanten inständig um eine zweite Erzählung bat, dachte der junge und vielversprechende Debütant nüchtern und realistisch nach, worauf er, ohne sich lange zu zieren, ohne eine Spur von Bedauern die Fragmente des geplanten Romans auf den Umfang einer Erzählung zurechtstutzte. Und so entstand »Der Weg…«.

Die Erzählung war ursprünglich in keiner Weise mit dem Zyklus vom Hexer Geralt verknüpft und sollte es auch nicht sein, und zwar aus dem einfachen Grunde, dass ich damals an einen solchen Zyklus noch gar nicht dachte. Nicht in meinen kühnsten Träumen! Später, als der Zyklus allmählich entstand, sind mir Übereinstimmungen bei Namen und Begriffen unterlaufen, die vermuten lassen, es handle sich um dasselbe Never-Never-Land. Aber ich habe es weiterhin vermieden, völlig eindeutige Verknüpfungen herzustellen– der beste Beweis dafür ist, dass Murmelmenschen und Krahlinge– Humanoide, die im »Weg« auftauchen– im Hexer-Zyklus überhaupt nicht vorkommen, sie werden so gut wie nie erwähnt.

Auf den Gedanken, dass die Druidin Visenna aus dem »Weg« die Mutter des Hexers Geralt ist, kam ich verhältnismäßig spät. Dieses Detail sollte eine Wendung in Fabel und Handlung von »Etwas mehr« bringen– der Erzählung, die den Episodenroman Das Schwert der Vorsehung abschließt und die bislang zwölf Erzählungen über den Hexer miteinander verklammert. Die Fabel erforderte dieses Element in der Biographie des Hexers, das gewisse Dinge erklärt, und außerdem– ich gestehe es offen und ohne falsche Reue– tat es mir um den schönen Namen Visenna leid. Welchselbigen Namen ich eingestandenermaßen ebenso wie viele andere in der Altpolnischen Enzyklopädie von Zygmunt Gloger ausgegraben habe. Visenna kehrte also in den Zyklus zurück, indem sie zu Geralts Mutter wurde: ein wenig eine Rabenmutter, aber trotzdem sympathisch, die im Leben des Hexers genau in dem Moment auftaucht, da sie gebraucht wird. Und die ihm– im übertragenen wie im wörtlichen Sinne– zum zweiten Mal das Leben schenkt.

Dem anderen Protagonisten des »Wegs«, Korin, ist eine Rückkehr nicht vergönnt gewesen. Der Name ist ziemlich landläufig– und ich schwöre, dass ich ihn mir selbst ausgedacht habe, ohne auf C.S.Lewis zurückzugreifen; der Korin in Der Ritt nach Narnia fiel mir erst post factum ein, ich gestehe, dass mir »Narnia« zu kindlich war, als dass ich mir die Bücher öfters vorgenommen und mir die Namen der Helden gemerkt hätte. Doch für die Fabel, die laut nach einer Mutter des Hexers verlangte, war der Vater das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen. Der Stammbaum des Hexers auf der Schwertseite brachte nichts ein und führte nirgendwo hin. Daher kam nicht ich auf den Gedanken, dass just Korin der Vater des Hexers sei, sondern Maciej Parowski von der Fantastyka, dem dieses Konzept blendend zupass kam, um die über viele Hefte laufende Comic-Serie über den Hexer zu eröffnen. Maciej Parowski, der Konzept und Szenarium dieses Comics entworfen hat, mochte den »Weg«, wie er wiederholt gesagt hat; er hat diese Erzählung auch 1992 in die Anthologie polnischer SF und Fantasy Immer größere Fliegen aufgenommen. Also wurde Korin, der Held des »Wegs«, im Comic zum Vater des Hexers. In seinem Szenarium gab Maciej Parowski Korin jedoch keine Gelegenheit, sich seines Nachkommen zu erfreuen. Er übertrieb die Perfidie des adaptierten Autors noch ein wenig und machte Korin am Morgen nach einer leidenschaftlichen und berauschenden Liebesnacht mit Visenna den Garaus. Wer übrigens wissen möchte, wie das damals genau in dem Comic war, wird selbst nachschauen müssen, indem er sich die mittlerweile selten gewordenen Hefte bei einem Sammler besorgt.

Denjenigen, die das tatsächlich tun werden, muss ich noch etwas erklären. Auf den Gedanken mit dem Krahling, einem Humanoiden mit großen roten Augen, hat mich das Titelbild eines SF-Buches gebracht, das ich in einer Berliner Buchhandlung gesehen habe– dort kam just so ein groß- und rotäugiger Außerirdischer vor. An den Titel des Buches erinnere ich mich nicht, es stammte aber zweifellos aus dem Heyne Verlag, der für die kunst- und geschmackvolle Gestaltung seiner Titelbilder berühmt war. In dem besagten Comic hat der Zeichner, Bogusław Polch, den Krahlingen außer meinen roten Augen auch noch reptilhafte Gestalt und Physiognomie verpasst, sogar grüne Schuppen. Das ist jedoch seine eigene dichterische Freiheit als Zeichner.

Zum Abschluss noch eines: Als der »Weg« in der Fantastyka erschien, erlaubte sich der hier schon vielfach erwähnte Maciej Parowski gewisse redaktionelle Korrekturen, ohne diese mit dem Autor abzusprechen– wer sollte mit einem Debütanten schon große Umstände machen. Dem Radiergummi des Redakteurs fielen vor allem Wendungen zum Opfer, die in Fantasy nicht benutzt werden dürfen, denn »damals wurde nicht so gesprochen«. Beim Durchlesen der in der Fantastyka abgedruckten Erzählung bemerkte ich also mit einiger Verwunderung, dass aus »Arroganz« »Hochmut« geworden war, aus »Intelligenz« »Klugheit« usw. Da ich entschieden für die Theorie eintrete, dass Fantasy in keinem »Damals« spielt und dass sowohl eine altertümelnde wie auch eine besonders stilisierte Sprache verfehlt sind, habe ich aus der Version, die Sie sogleich lesen werden, Parowskis Korrekturen eliminiert und bin zu meinem ursprünglichen Typoskript zurückgekehrt. Sie haben also eine Version vor sich, die die Angelsachsen als unabridged bezeichnen. Ich überlasse es Ihrem Urteil, ob der Text dadurch gewonnen oder verloren hat.

Der Weg, von dem niemand zurückkehrt

I

Der Vogel mit dem bunten Gefieder, der auf Visennas Schulter saß, begann zu schreien, flatterte mit den Flügeln, stieg schwirrend auf und glitt ins Gebüsch. Visenna zügelte das Pferd, lauschte einen Moment lang, dann ritt sie vorsichtig den Waldweg entlang.

Der Mann schien zu schlafen. Er saß mit dem Rücken an den Pfahl gelehnt, der mitten auf einer Wegkreuzung stand. Näher herangekommen, sah Visenna, dass seine Augen offen waren. Schon vorher hatte sie bemerkt, dass er verwundet war. Der provisorische Verband, der die linke Schulter und den Oberarm bedeckte, war von Blut durchtränkt, das sich noch nicht schwarz gefärbt hatte.

»Grüß dich, junger Mann«, ließ sich der Verwundete vernehmen und spuckte einen langen Grashalm aus. »Wohin reitest du, wenn man fragen darf?«

Visenna gefiel dieses »junger Mann« nicht. Sie warf die Kapuze zurück.

»Fragen darf man«, erwiderte sie, »aber man sollte seine Neugier begründen.«

»Verzeiht, Dame«, sagte der Mann und kniff die Augen zusammen. »Ihr tragt Männerkleidung. Und was die Neugier betrifft, so ist sie begründet, und wie! Das ist ein ungewöhnlicher Kreuzweg. Mir ist hier ein interessantes Abenteuer widerfahren…«

»Ich sehe«, fiel ihm Visenna ins Wort und betrachtete die reglose, unnatürlich gekrümmte Gestalt, die halb im Gebüsch verborgen lag, höchstens zehn Schritt von dem Pfahl entfernt.

Der Mann schaute in dieselbe Richtung. Dann trafen sich ihre Blicke. Visenna tat so, als streife sie sich die Haare zurück, und berührte das Diadem, das unter dem Stirnband aus Schlangenhaut verborgen war.

»Ach ja«, sagte der Verwundete ruhig. »Dort liegt eine Leiche. Ihr habt einen raschen Blick. Sicherlich haltet Ihr mich für einen Räuber. Habe ich recht?«

»Hast du nicht«, sagte Visenna, ohne die Hand von dem Diadem zu nehmen.

»Ach…«, stöhnte der Mann. »Ja. Na…«

»Deine Wunde blutet.«

»Die meisten Wunden haben diese sonderbare Eigenschaft.« Der Verwundete lächelte. Er hatte hübsche Zähne.

»Unter einem Verband, der nur mit einer Hand angelegt worden ist, wird sie lange bluten.«

»Würdet Ihr mich wohl mit Eurer Hilfe beehren?«

Visenna sprang vom Pferd, zog dabei mit dem Absatz eine Spur in den weichen Boden.

»Ich heiße Visenna«, sagte sie. »Ich pflege niemanden zu beehren. Außerdem kann ich es nicht leiden, wenn mich jemand in der Mehrzahl anspricht. Mit deiner Wunde werde ich mich befassen. Kannst du aufstehen?«

»Ja. Muss ich denn?«

»Nein.«

»Visenna«, sagte der Mann, während er sich leicht streckte, um ihr das Abwickeln des Stoffes zu erleichtern. »Ein hübscher Name. Hat dir schon jemand gesagt, Visenna, dass du schöne Haare hast? Das nennt man kupferfarben, nicht wahr?«

»Nein. Rotblond.«

»Aha. Wenn du fertig bist, werde ich dir einen Strauß Lupinen schenken, da, die dort im Graben wachsen. Und während der Operation werde ich dir erzählen, einfach nur so zum Zeitvertreib, was mir widerfahren ist. Ich bin, weißt du, denselben Weg wie du gekommen. Ich sehe, da steht am Kreuzweg ein Pfahl. Ja, der hier. An dem Pfahl ist ein Brett befestigt. Das tut weh.«

»Die meisten Wunden haben diese sonderbare Eigenschaft.« Visenna riss die letzte Schicht Stoff ab, ohne besonders behutsam zu sein.

»Stimmt, hatte ich vergessen. Wo war ich… Ach ja. Ich komme heran, sehe, was auf dem Brett steht. Schrecklich ungelenk, ich kannte mal einen Bogenschützen, der konnte hübschere Buchstaben in den Schnee pinkeln. Ich lese… Und was soll das sein, mein Fräulein? Was ist das für ein Stein? Oh, verdammt. Das hatte ich nicht erwartet.«

Visenna strich mit dem Hämatiten langsam über die Wunde. Die Blutung hörte sofort auf. Sie schloss die Augen und umfasste den Arm des Mannes mit beiden Händen, drückte die Wundränder kräftig zusammen. Sie ließ los– das Gewebe war zusammengewachsen, nur eine gezackte scharlachrote Linie war geblieben.

Der Mann schwieg und schaute aufmerksam hin. Schließlich hob er vorsichtig den Arm, streckte ihn, rieb über die Narbe, schüttelte den Kopf. Er zog den blutigen Hemdstreifen und das Wams zurecht, stand auf, hob vom Boden den Gürtel mit dem Schwert, der Geldkatze und der Feldflasche auf. Die Gürtelschnalle hatte die Form eines Drachenkopfes.

»Ja, das nennt man Glück haben«, sagte er, ohne den Blick von Visenna zu wenden. »Ich habe eine Heilerin getroffen, mitten in der Wildnis, am Zusammenfluss von Ina und Jaruga, wo man für gewöhnlich eher einen Werwolf trifft oder, noch schlimmer, einen betrunkenen Holzfäller. Was ist mit der Bezahlung für die Heilung? Im Moment bin ich knapp bei Kasse. Wird ein Strauß Lupinen ausreichen?«

Visenna ignorierte die Frage. Sie trat näher an den Pfahl, hob den Kopf– das Brett war in Augenhöhe eines Mannes angenagelt.

»›Du, der du von Westen kommst‹«, las sie laut. »›Gehst du nach links, kehrst du zurück. Gehst du nach rechts, kehrst du zurück. Gehst du geradeaus, kehrst du nicht zurück.‹ Unsinn.«

»Genau das habe ich auch gedacht«, sagte der Mann, während er sich Tannennadeln von den Hosenbeinen klopfte. »Ich kenne diese Gegend. Geradeaus, also nach Osten, kommt man zum Klamat-Pass, auf den Händlerweg. Warum sollte man von dort nicht zurückkehren können? So hübsche Mädchen, die heiraten wollen? Billiger Schnaps? Eine freie Stelle als Bürgermeister?«

»Du schweifst ab, Korin.«

Der Mann sperrte aufs Höchste erstaunt den Mund auf. »Woher weißt du, dass ich Korin heiße?«

»Du hast es selber eben erst gesagt. Erzähl weiter.«

»Ja?« Der Mann musterte sie misstrauisch. »Wirklich? Na, kann sein… Wo war ich stehengeblieben? Aha. Ich lese also und frage mich, was für ein Trottel sich diese Aufschrift ausgedacht hat. Plötzlich höre ich hinterm Rücken jemanden plappern und murmeln. Ich blicke zurück und sehe ein altes Mütterchen, grauhaarig, krumm, mit einem Stock, klar doch. Ich frage höflich, was sie hat. Sie murmelt: ›Hunger hab ich, liebes Ritterchen, hab seit dem Morgen nichts zu beißen gekriegt.‹ Ich denk, also hat die Oma mindestens noch einen Zahn. Ich bin mächtig gerührt, also nehme ich aus dem Knappsack ein Stück Brot und die Hälfte von der geräucherten Brasse, die ich von Fischern an der Jaruga bekommen habe, und gebe beides der Alten. Die setzt sich hin, kaut vor sich hin, krächzt, spuckt Gräten aus. Ich schaue mir weiter diesen seltsamen Wegweiser an. Plötzlich lässt sich die Alte hören: ›Bist ’n guter Kerl, Ritterchen, hast mich gerettet, sollst ’ne Belohnung kriegen.‹ Ich wollte ihr Bescheid geben, wo sie sich ihre Belohnung hinstecken kann, aber da sagt die Oma: ›Komm näher, ich hab dir was ins Ohr zu flüstern, ein wichtiges Geheimnis, wie du viele gute Leute vor dem Unheil bewahren, Ruhm und Reichtum erlangen kannst.‹«

Visenna seufzte, setzte sich neben den Verwundeten. Er gefiel ihr, groß, blond, mit schmalem Gesicht und ausgeprägtem Kinn. Er stank nicht wie die meisten Männer, denen sie begegnet war. Sie verscheuchte den aufdringlichen Gedanken, dass sie sich schon zu lange allein in Wäldern und auf Landstraßen herumtreibe.

Korin fuhr in seiner Erzählung fort: »Ha, dachte ich mir, da hat sich eine klassische Gelegenheit ergeben. Wenn die Oma keine Sklerose hat und noch alle Tassen im Schrank, dann ist das vielleicht wirklich von Nutzen für einen armen Krieger. Ich beuge mich herab, recke das Ohr hin wie der letzte Idiot. Und wenn meine Reflexe nicht funktioniert hätten, hätte es mich direkt in die Gurgel getroffen. Ich sprang zurück, das Blut sprudelte mir aus dem Arm wie aus einer Schlossfontäne, die Alte aber fuchtelt mit dem Messer, heult, prustet und spuckt. Ich dachte immer noch nicht, dass die Sache ernst ist. Ich ging auf Tuchfühlung, um ihr den Vorteil zu nehmen, und merke, das ist überhaupt kein altes Weib. Brüste, fest wie Feuerstein…«

Korin schielte zu Visenna herüber, um festzustellen, ob sie rot geworden war. Visenna hörte mit einem höflichinteressierten Gesichtsausdruck zu.

»Wo war ich… Aha. Ich dachte, ich werfe sie um und entwaffne sie, aber von wegen. Stark wie ein Luchs. Ich merke, dass mir gleich ihre Hand mit dem Messer aus dem Griff rutschen wird. Was sollte ich machen? Ich habe sie fortgestoßen, das Schwert raus… Sie ist selber hineingelaufen.«

Visenna saß schweigend da, die Hand an der Stirn, als rücke sie in Gedanken versunken das Stirnband aus Schlangenhaut zurecht.

»Visenna? Ich sag’s, wie es war. Ich weiß, dass das eine Frau war, und komme mir dumm vor, aber ich will krepieren, wenn das eine normale Frau war. Gleich nachdem sie gefallen war, verwandelte sie sich. Sie wurde jünger.«

»Eine Illusion«, sagte Visenna nachdenklich.

»Was?«

»Nichts.« Visenna stand auf, ging zu der Leiche, die im Farngestrüpp lag.

»Schau nur.« Korin trat neben sie. »Ein Weib wie eine Statue an der Schlossfontäne. Aber sie war krumm und runzlig wie der Hintern einer hundertjährigen Kuh. Dass doch…«

»Korin«, unterbrach ihn Visenna. »Hast du starke Nerven?«

»Hä? Was haben denn meine Nerven damit zu tun? Aber wenn es dich interessiert– ich kann nicht klagen.«

Visenna nahm das Stirnband ab. Der Edelstein in dem Diadem erstrahlte in milchigem Lichtschein. Sie stellte sich vor die Leiche, streckte die Hände aus, schloss die Augen. Korin schaute mit halboffenem Munde zu. Visenna neigte den Kopf, flüsterte etwas, was er nicht verstand.

»Grealghane!«, rief sie plötzlich.

Das Farnkraut bewegte sich heftig. Korin sprang zurück, zog das Schwert, erstarrte in Verteidigungsposition. Die Leiche begann zu zucken.

»Grealghane! Sprich!«

»Aaaaaaa!«, ertönte vom Farnkraut her ein anschwellendes heiseres Brüllen. Die Leiche krümmte sich, levitierte beinahe, wobei sie mit Rücken und Hinterkopf den Boden berührte. Das Brüllen klang ab, begann sich aufzulösen, ging in ein kehliges Stammeln über, in abgehackte Seufzer und Schreie, die allmählich an Tonfülle gewannen, aber absolut unverständlich waren. Korin spürte auf dem Rücken ein kaltes Rinnsal von Schweiß, das ihn irritierte wie eine kriechende Raupe. Er ballte die Fäuste, um das Kribbeln in den Händen zu unterdrücken, und kämpfte mit ganzer Kraft gegen den übermächtigen Drang an, in die Tiefe des Waldes zu fliehen.

»Oggg… nnnn… nngammmmm«, stammelte die Leiche, während sie mit den Fingernägeln den Boden aufkratzte und aus dem Mund blutige Blasen hervorstieß, die auf den Lippen platzten. »Nam… eeeggg…«

»Sprich!«

Aus den ausgestreckten Händen Visennas sickerte ein trüber Strom von Licht, in dem der Staub wirbelte und sich zusammenballte. Aus dem Farnkraut schossen trockene Blättchen und Halme empor. Der Leichnam verschluckte sich, begann zu schmatzen und plötzlich zu sprechen. Durchaus verständlich.

»…Kreuzweg sechs Meilen von der Quelle nach Süden. Höchstens. Sch… schickte. Dem Kreis. Einen Burschen. Schla…chchch… Eeen. Befohlen.«

»Wer?!«, schrie Visenna. »Wer hat befohlen? Sprich!«

»Fffff… ggg… genal. Alle Briefe, Blätter, Ringe, Amu…lette.«

»Sprich!«

»…pass. Der Knoch. Ge…nal. Briefe wegnehmen. Per…gamente. Er kommt von Maaaaaa! Eeeeeeee! Naaaaaaa!!!«

Die stammelnde Stimme begann zu vibrieren, in einem entsetzlichen Gebrüll zu zerfließen. Korin hielt es nicht aus, er ließ das Schwert fallen, schloss die Augen und presste die Hände an die Ohren. So blieb er stehen, bis er am Arm eine Berührung spürte. Er zitterte heftig, am ganzen Körper, als hätte ihn jemand in die Genitalien geschlagen.

»Es ist vorbei«, sagte Visenna und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich hatte gefragt, wie es mit deinen Nerven steht.«

»Was für ein Tag«, stöhnte Korin. Er hob das Schwert auf, schob es in die Scheide, bemüht, nicht in Richtung des nun schon reglosen Leichnams zu blicken. »Visenna?«

»Ja?«

»Lass uns hier weggehen. Möglichst weit fort von diesem Ort.«

II

Sie ritten zu zweit auf Visennas Pferd einen Waldweg entlang, der zugewachsen und uneben war. Sie vorn, im Sattel, Korin auf der Kruppe, hinter ihr, die Arme um ihre Taille geschlungen. Visenna hatte es sich längst angewöhnt, sich ohne Skrupel an den kleinen Annehmlichkeiten zu erfreuen, die das Schicksal sporadisch bot; also lehnte sie sich zufrieden gegen die Brust des Mannes. Beide schwiegen.

Als Erster rang sich nach fast einer Stunde Korin durch: »Visenna.«

»Was ist?«

»Du bist nicht nur Heilerin. Du bist vom Kreis?«

»Ja.«

»Nach dieser… Vorführung zu urteilen, eine Meisterin?«

»Ja.«

Korin ließ ihre Taille los und hielt sich am Sattelknauf fest. Visenna kniff wütend die Augen zusammen. Er sah es natürlich nicht.

»Visenna?«

»Was ist?«

»Hast du etwas von dem verstanden, was die… was das… gesagt hat?«

»Nicht viel.«

Wieder schwiegen sie. Ein buntgefiederter Vogel, der über ihnen durchs Laub flog, schrie laut.

»Visenna?«

»Korin, tu mir einen Gefallen.«

»Hm?«

»Hör auf zu reden. Ich will nachdenken.«

Der Waldweg führte sie geradezu hinab in eine Schlucht, ins Bett eines flachen Baches, der träge zwischen Steinen und schwarzen Baumstämmen dahinrann. Es roch durchdringend nach Minze und Brennnesseln. Das Pferd glitt hin und wieder auf den Steinen aus, auf denen sich Lehm und Schlick abgesetzt hatten. Um nicht herunterzufallen, fasste Korin wieder Visennas Taille. Er verscheuchte den aufdringlichen Gedanken, dass er sich schon zu lange allein in Wäldern und auf Landstraßen herumtreibe.

III

Die Siedlung war ein typisches Straßendorf, an den Berghang geschmiegt, Hütten von Stroh und Holz, schmutzig, zwischen krumme Zäune geduckt. Als sie näher ritten, begannen Hunde zu kläffen. Visennas Pferd trottete ruhig mitten auf der Straße voran und beachtete die eifrigen Köter nicht, die ihre schaumbedeckten Schnauzen nach seinen Fesseln ausstreckten.

Anfangs sahen sie niemanden. Dann erschienen hinter den Zäunen hervor, von den Pfaden, die zu den Gehöften führten, die Einwohner– sie kamen langsam heran, barfuß und finster dreinblickend. Sie trugen Mistgabeln, Stangen und Dreschflegel. Jemand bückte sich und hob einen Stein auf.

Visenna zügelte das Pferd, hob eine Hand. Korin sah, dass sie darin ein kleines goldenes Messerchen hielt, wie eine Sichel geformt.

»Ich bin Heilerin«, sagte sie deutlich und klangvoll, aber keineswegs laut.

Die Bauern ließen die Waffen sinken, begannen zu murmeln, wechselten Blicke. Es wurden immer mehr. Ein paar von den am nächsten Stehenden nahmen die Mützen ab.

»Wie heißt diese Siedlung?«

»Schlüssel«, erklang es nach kurzem Schweigen aus der Menge.

»Wer ist euer Oberster?«

»Topin, gnädige Herrin. Dort, die Hütte.«

Ehe sie sich in Bewegung setzten, drängte sich durchs Spalier der Landleute eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm. »Herrin…«, stöhnte sie und berührte zaghaft Visennas Knie. »Das Töchterchen… Es ist ganz heiß vor Fieber…«

Visenna sprang aus dem Sattel, berührte das Köpfchen des Kindes, schloss die Augen.

»Morgen wird sie gesund sein. Wickle sie nicht so warm ein.«

»Danke, gnädige… Tausend Dank…«

Topin, der Dorfälteste, stand schon auf dem Vorhof und überlegte gerade, was er mit der Mistgabel machen sollte, die er bereithielt. Schließlich schob er damit den Hühnerdreck von der Treppe.

»Verzeiht«, sagte er und stellte die Gabel unters Vordach der Hütte. »Herrin. Und Ihr, gnädiger Herr. Die Zeiten sind so unsicher… Tretet bitte ein. Lasst Euch bewirten.«

Sie gingen hinein.

Topins Frau, zwei sich an ihren Rock klammernde strohblonde Mädchen im Schlepptau, servierte Rührei, Brot und Sauermilch, worauf sie in der Kammer verschwand. Im Unterschied zu Korin aß Visenna wenig, saß missmutig und still da. Topin rollte mit den Augen, kratzte sich an verschiedenen Stellen und redete.

»Die Zeiten sind unsicher. Unsicher. Uns geht es schlecht, gnädige Herrin. Wir halten Wollschafe, die Wolle ist zum Verkauf gedacht, aber jetzt hat’s keine Kaufleute, also schlachten wir die Herden, Wollschafe schlachten wir, um was auf dem Tisch zu haben. Früher sind die Kaufleute um Hornstein, um Grünstein in den Amell gezogen, über den Pass, dort sind die Bergwerke. Dort fördern sie den Hornstein. Und wenn die Kaufleute vorbeikamen, haben sie auch Wolle genommen, haben bezahlt, verschiedene Waren dagelassen. Jetzt hat’s keine Kaufleute mehr. Nicht einmal Salz hat’s; was wir schlachten, müssen wir in drei Tagen aufessen.«

»Die Karawanen machen einen Bogen um euch? Warum?« Visenna berührte ab und zu nachdenklich das Stirnband.

»Sie tun’s eben«, knurrte Topin. »Die Straße zum Amell ist zu, auf dem Pass hat sich der verdammte Knoch breitgemacht, lässt keine Menschenseele durch. Wie sollen da Kaufleute kommen? Um zu sterben?«

Korin erstarrte, den Löffel mitten in der Luft.

»Der Knoch? Was ist denn ein Knoch?«

»Ja, woher soll ich das wissen? Der Knoch, heißt es, ist ein Menschenfresser. Auf dem Pass soll er sitzen.«

»Und er lässt keine Karawanen durch?«

Topin schaute sich in der Hütte um. »Manche schon. Seine eigenen, heißt es. Seine eigenen lässt er durch.«

Visenna runzelte die Stirn. »Was heißt: seine eigenen?«

»Eben seine«, murmelte Topin und wurde blass. »Die Leute vom Amell sind noch schlechter dran als wir. Wir können uns wenigstens ein bisschen vom Wald ernähren. Aber die sitzen auf dem nackten Fels und kriegen nur, was ihnen die Leute vom Knoch für den Hornstein verkaufen. Das ist übel, denn die sollen sich alle Waren teuer bezahlen lassen, aber was sollen die vom Amell machen? Den Hornstein können sie ja nicht essen.«

»Was für ›Leute vom Knoch‹? Menschen?«

»Menschen und Krahlinge und noch welche. Schergen sind das, Herrin. In den Amell bringen sie, was sie uns wegnehmen, tauschen es dort gegen Hornstein und Grünstein. Und uns nehmen sie’s mit Gewalt weg. In den Dörfern haben sie schon oft geraubt, Mädels vergewaltigt, und wenn einer Widerstand geleistet hat, haben sie gemordet und gebrannt. Schergen. Die vom Knoch.«

»Wie viele sind es?«

»Wer soll die denn zählen, gnädiger Herr. Da verteidigen sich die Dörfer, halten zusammen. Und was nützt’s, wenn sie uns nachts überfallen, Feuer legen? Da gibt man lieber gleich, was sie verlangen. Denn sie sagen…« Topin wurde noch blasser, begann am ganzen Körper zu zittern.

»Was sagen sie, Topin?«

»Sie sagen, dass der Knoch, wenn er böse wird, vom Pass herunterkommt, zu uns in die Täler.«

Visenna stand abrupt auf, ihr Gesicht hatte sich verändert. Korin lief ein Schauder über den Rücken.

»Topin«, sagte die Zauberin. »Wo ist hier die nächste Schmiede? Mein Pferd hat unterwegs ein Eisen verloren.«

»Ein Stück hinter dem Dorf, am Wald. Da hat’s eine Schmiede und einen Stall.«

»Gut. Geh jetzt und frage, ob jemand krank oder verwundet ist.«

»Habt Dank, gnädige Wohltäterin.«

»Visenna«, sagte Korin, sobald sich die Tür hinter Topin geschlossen hatte. Die Druidin wandte sich um, schaute ihn an.

»Bei deinem Pferd sind alle Hufeisen in Ordnung.«

Visenna schwieg.

»Hornstein ist offensichtlich Jaspis, und Grünstein ist Jadeit, für den die Bergwerke im Amell berühmt sind«, fuhr Korin fort. »Und zum Amell kommt man nur durch den Klamat, über den Pass. Der Weg, von dem niemand zurückkehrt. Was hat die Tote am Kreuzweg gesagt? Warum wollte sie mich umbringen?«

Visenna antwortete nicht.

»Du schweigst? Macht nichts. Es beginnt sich auch so alles schön zu klären. Das Weibsbild am Kreuzweg hat auf jemanden gewartet, der vor der dummen Aufschrift stehenbleibt, die es verbietet, weiter nach Osten zu gehen. Das war die erste Probe: ob der Ankömmling lesen kann. Dann vergewissert sich das Weib nochmals: Wer, wenn nicht ein guter Samariter aus dem Druidenkreis, wird heutzutage einer hungrigen Alten helfen? Jeder andere, wette ich, hätte ihr auch noch den Stock weggenommen. Das schlaue Weib forscht weiter, beginnt von armen, unglücklichen Leuten zu reden, die Hilfe brauchen. Der Reisende, statt sie mit einem Fußtritt und einem Schimpfwort zu bedenken, wie es ein gewöhnlicher, durchschnittlicher Bewohner dieser Gegend täte, lauscht gespannt. Ja, denkt das Weib, das ist er. Der Druide, der kommt, um mit der Bande aufzuräumen, die die Gegend unsicher macht. Und da sie selber zweifellos von dieser Bande geschickt worden ist, greift sie zum Messer. Ha! Visenna! Bin ich nicht ein Ausbund an Intelligenz?«

Visenna antwortete nicht. Sie stand da, das Gesicht zum Fenster gewandt. Sie sah draußen– die halbdurchsichtigen Membranen aus Fischblasen waren für ihren Blick kein Hindernis– den buntgefiederten Vogel auf einem Kirschbäumchen sitzen.

»Visenna?«

»Ja.«

»Was ist ein Knoch?«

»Korin«, sagte Visenna scharf und wandte sich zu ihm um. »Warum mischst du dich in Dinge ein, die dich nichts angehen?«

»Hör mal«– Korin scherte sich nicht um ihren Tonfall–, »ich bin schon in deine, wie du es ausdrückst, Dinge verwickelt. Wie es sich so ergeben hat, sollte ich an deiner Stelle umgebracht werden.«

»Zufällig.«

»Ich dachte, Zauberer glauben nicht an Zufälle, nur an magische Anziehung, Verkettung von Ereignissen und derlei. Beachte, wir sitzen auf demselben Pferd. Im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Kurzum… Ich biete dir meine Hilfe bei der Mission an, deren Zweck ich mir denken kann. Eine Ablehnung werde ich als Zeichen von Arroganz betrachten. Man hat mir gesagt, dass ihr vom Kreis auf gewöhnliche Sterbliche ziemlich herabseht.«

»Das ist gelogen.«

»Umso besser.« Korin ließ die Zähne blitzen. »Verlieren wir also keine Zeit. Reiten wir zur Schmiede.«

IV

Niklas fasste die Stange fester mit der Zange und drehte sie in der Glut. »Gib Wind, Zapf!«, befahl er.

Der Geselle hängte sich an den Griff des Blasebalgs. Sein pausbäckiges Gesicht glänzte vom Schweiß. Trotz der weit geöffneten Tür war es in der Schmiede unerträglich heiß. Niklas hob die Stange auf den Amboss, schlug mit ein paar mächtigen Hammerschlägen das Ende platt.

Der Stellmacher Radim, der auf einem unbehauenen Birkenklotz saß, schwitzte ebenfalls. Er knöpfte sich den Kittel auf und zog das Hemd aus der Hose. »Ihr habt gut reden, Niklas«, sagte er. »Ihr kennt Euch aus mit dem Kämpfen. Jeder weiß, dass Ihr nicht das ganze Leben lang in der Schmiede gestanden habt. Früher sollt Ihr auf Köpfe eingeschlagen haben, nicht aufs Eisen.«

»Dann seid froh, dass Ihr so einen bei Euch habt«, beschied ihn der Schmied. »Ich sage Euch nochmals, dass ich vor denen nicht länger buckeln werde. Und nicht für sie schuften. Wenn Ihr nicht mit mir geht, dann gehe ich eben allein oder mit solchen, die Blut in den Adern haben, kein Dünnbier. Wir werden in die Wälder gehen, sie einzeln erledigen, wenn wir einen erwischen. Wie viele sind es? Dreißig? Vielleicht nicht einmal so viel. Und wie viele Dörfer gibt es auf dieser Seite? Kräftige Burschen? Gib Wind, Zapf!«

»Tu ich doch!«

»Mehr!«

Der Hammer schlug rhythmisch auf den Amboss, fast melodisch. Zapf zog den Blasebalg.

Radim schnäuzte sich in die Finger und wischte sich die Hand am Stiefelschaft ab. »Ihr habt gut reden«, wiederholte er. »Und wie viele werden aus Schlüssel dazukommen?«

Der Schmied senkte den Hammer, schwieg.

»Das dachte ich mir«, sagte der Stellmacher. »Niemand wird kommen.«

»Schlüssel ist ein kleines Dorf. Ihr hättet in Schwelle und in Strunk nachfragen sollen.«

»Habe ich auch. Ich habe Euch gesagt, wie es ist. Ohne Krieger aus Mayena werden sich die Leute nicht regen. Manche reden so: Diese Murmelmenschen und Krahlinge können wir eins, zwei, drei auf die Gabeln nehmen, aber was machen wir, wenn der Knoch über uns kommt? In den Wald fliehen. Und die Hütten, die Habe? Auf den Rücken können wir die nicht nehmen. Und gegen den Knoch sind wir machtlos, das wisst Ihr selbst.«

»Woher soll ich das wissen? Hat ihn jemand gesehen?«, schrie der Schmied. »Vielleicht gibt es überhaupt keinen Knoch? Vielleicht wollen sie euch Bauern bloß Angst einjagen? Hat ihn jemand gesehen?«

»Redet nicht, Niklas.« Radim hielt den Kopf schief. »Ihr wisst selber, dass beim Geleitschutz der Kaufleute rechte Schlagetote waren, mit Eisen behängt, die reinsten Mordskerle. Und ist einer vom Pass zurückgekehrt? Kein Einziger. Nein, Niklas. Man muss warten, sage ich Euch. Wenn der Burgvogt aus Mayena Hilfe schickt, dann ist es was anderes.«

Niklas legte den Hammer weg und die Stange abermals in den Herd. »Es wird kein Militär aus Mayena kommen«, sagte er missmutig. »Die Herren schlagen sich untereinander. Mayena mit Raswan.«

»Weswegen?«

»Wer versteht denn, weswegen und wozu sich die großen Herren schlagen? Wenn Ihr mich fragt– aus Langeweile, aus Übermut!«, schrie der Schmied. »Ihr habt ihn gesehen, den Burggrafen! Wofür bezahlen wir dem Mistkerl eigentlich den Zins?«

Er riss die Stange aus der Glut, dass die Funken sprühten, fuchtelte mit ihr in der Luft herum. Zapf sprang beiseite. Niklas packte den Hammer, schlug zu, einmal, zweimal, dreimal. »Wie der Burggraf meinen Jungen weggejagt hat, habe ich ihn zum dortigen Kreis geschickt, dass er um Hilfe bittet. Zu den Druiden.«

»Zu den Zauberern?«, fragte der Stellmacher ungläubig. »Niklas?«

»Zu denen. Aber der Junge ist noch nicht zurückgekommen.«

Radim schüttelte den Kopf, stand auf, zog die Hose zurecht. »Ich weiß nicht, Niklas, ich weiß nicht. Das ist mir zu hoch. Aber es läuft auch so auf dasselbe hinaus. Wir müssen warten. Bringt die Arbeit zu Ende, gleich wird man kommen, ich muss…«

Draußen vor der Schmiede wieherte ein Pferd.

Der Schmied erstarrte, den Hammer überm Amboss erhoben. Der Stellmacher begann mit den Zähnen zu klappern, wurde bleich. Niklas bemerkte, dass ihm die Hände zitterten; er wischte sie unwillkürlich an der Lederschürze ab. Es half nicht. Er schluckte und ging zur Türöffnung, in der sich deutlich die Silhouetten von Reitern abzeichneten. Radim und Zapf folgten ihm, hielten sich sehr dicht hinter ihm. Als er hinausging, lehnte der Schmied die Stange neben der Tür an die Wand.

Er sah sechs Leute, alle beritten, in mit Eisenplättchen besetzten Steppwesten, Kettenhemden, Lederhelmen mit stählernem Nasenschutz, der als gerader Strich von Metall zwischen den riesigen rubinroten Augen verlief, welche das halbe Gesicht einnahmen. Sie saßen auf den Pferden, ohne sich zu rühren, wie achtlos. Niklas, der den Blick von einem zum anderen schweifen ließ, sah ihre Waffen: kurze Spieße mit breiter Schneide. Schwerter mit sonderbar geschmiedeter Parierstange. Breitäxte. Gezähnte Gläfen.

Gegenüber dem Eingang zur Schmiede standen zwei. Ein hochgewachsener Krahling auf einem Grauschimmel, der eine grüne Kuvertüre trug, ein Sonnenzeichen auf dem Helm. Und der andere…

»Mutter«, flüsterte Zapf hinterm Rücken des Schmiedes. Und begann zu schluchzen.

Der andere Reiter war ein Mensch. Er trug einen dunklen Krahlingsmantel, doch unter dem schnabelförmigen Helm hervor schauten sie blassblaue– keine roten– Augen an. Im Blick dieser Augen lag so viel kalte, gleichgültige Grausamkeit, dass Niklas von einer entsetzlichen Furcht durchzuckt wurde, die kalt in die Eingeweide kroch, Übelkeit erregte, als Kribbeln in die Hinterbacken fuhr. Es war immer noch still. Der Schmied hörte die Fliegen summen, die über dem Misthaufen hinter dem Zaun schwärmten.

Der Mensch mit dem schnabelförmigen Helm sprach als Erster. »Wer von euch ist der Schmied?«

Die Frage war sinnlos, die Lederschürze und seine Statur verrieten Niklas auf den ersten Blick. Der Schmied schwieg. Aus dem Augenwinkel nahm er eine kurze Geste wahr, die der Blassäugige zu einem der Krahlinge hin machte. Der Krahling beugte sich im Sattel vor und schlug weit ausholend mit der Gläfe zu, die er in der Mitte des Schaftes hielt. Niklas krümmte sich zusammen, deckte reflexhaft Kopf und Schultern. Der Hieb galt jedoch nicht ihm. Die breite Klinge traf Zapf am Halse und drang schräg ein, tief, zerschmetterte ein Schlüsselbein und Wirbel. Der junge Mann stürzte rücklings gegen die Wand der Schmiede, taumelte an den Türpfosten und fiel unmittelbar beim Eingang zu Boden.

»Ich habe etwas gefragt«, erinnerte der Mann mit dem schnabelförmigen Helm, ohne den Blick von Niklas zu wenden. Mit der Hand im Handschuh berührte er die neben dem Sattel hängende Axt. Die beiden Krahlinge, die am weitesten entfernt standen, schlugen Feuer, zündeten Pechfackeln an, gaben sie an die anderen weiter. Ruhig, ohne Eile, im Schritt umringten sie die Schmiede, hielten die Fackeln ans Strohdach.

Radim hielt es nicht aus. Er schlug die Hände vors Gesicht, begann zu schluchzen und rannte geradewegs nach vorn, zwischen zwei Pferde. Als er auf Höhe eines hochgewachsenen Krahlings war, rammte der ihm mit Schwung einen Spieß in den Bauch. Der Stellmacher heulte auf, fiel, zuckte zweimal krampfhaft und breitete die Beine aus. Er bewegte sich nicht mehr.

»Na, was ist, Niklas, oder wie du heißt«, sagte der Blassäugige. »Du bist allein geblieben. Und wozu das Ganze? Die Leute aufwiegeln, irgendwohin um Hilfe schicken? Und dabei denken, wir erfahren es nicht? Dumm bist du. In den Dörfern gibt es auch Leute, die denunzieren, um sich lieb Kind zu machen.«

Das Strohdach der Schmiede knisterte, knackte, stieß schmutziggelben Rauch aus, schließlich flammte es fauchend auf, loderte, sprühte Funken, verströmte einen mächtigen Gluthauch.

»Deinen Gesellen haben wir erwischt, er hat ausgeplaudert, wohin du ihn geschickt hattest. Auf den, der aus Mayena kommen soll, warten wir auch«, fuhr der Mensch mit dem schnabelförmigen Helm fort. »Ja, Niklas. Du hast deine dreckige Nase in Dinge gesteckt, wo sie nicht hingehört. Dafür wirst du gleich ernste Unannehmlichkeiten bekommen. Ich denke, es wird sich lohnen, dich auf den Pfahl zu setzen. Findet sich hier in der Gegend ein anständiger Pfahl? Oder noch besser: Wir hängen dich an den Füßen im Scheunentor auf und ziehen dir die Haut ab wie einem Aal.«

»Gut, genug geredet«, sagte der hochgewachsene Krahling mit der Sonne auf dem Helm, während er seine Fackel in die offene Tür der Schmiede warf. »Gleich wird das ganze Dorf hier zusammenlaufen. Erledigen wir ihn rasch, holen die Pferde aus dem Stall und reiten fort. Woher habt ihr Menschen solche Freude daran, anderen Schmerz zuzufügen? Noch dazu unnützen? Los, erledige ihn.«

Der Blassäugige wandte den Kopf nicht zu dem Krahling hin. Er beugte sich im Sattel vor, drängte das Pferd gegen den Schmied. »Geh hinein«, sagte er. In seinen blassen Augen glomm Mordlust. »Ins Haus. Ich habe keine Zeit, um dich ordentlich zuzurichten. Aber wenigstens braten kann ich dich.«

Niklas tat einen Schritt zurück. Auf dem Rücken spürte er die Hitze der brennenden Schmiede, in der die vom Dach herabfallenden Balken prasselten. Noch ein Schritt. Er stolperte über Zapfs Körper und über die Stange, die der Junge im Fallen umgerissen hatte.

Die Stange.

Der Schmied bückte sich blitzschnell, packte das schwere Eisen, und ohne sich aufzurichten, von unten her, rammte er mit aller Kraft, die ihm der Hass verlieh, dem Blassäugigen die Stange geradewegs in die Brust. Die meißelförmig ausgeschmiedete Spitze durchstieß den Kettenpanzer. Niklas wartete nicht, bis der Mann vom Pferd fiel. Er rannte quer über den Hof. Hinter ihm Geschrei, Huftrappeln. Er erreichte den Holzschuppen, umklammerte mit den Fingern die an der Wand lehnende Wagenrunge und schlug sofort, aus der Halbdrehung heraus blindlings zu. Der Schlag traf mitten auf die Schnauze des Grauschimmels mit der grünen Kuvertüre. Das Pferd bäumte sich auf, warf den Krahling mit der Sonne auf dem Helm in den Staub des Hofes. Niklas duckte sich, ein kurzer Spieß fuhr in die Wand des Schuppens, stak zitternd fest. Ein zweiter Krahling zog das Schwert und spornte das Pferd an, um einem pfeifenden Hieb mit der Wagenrunge auszuweichen. Die drei nächsten galoppierten heran, schrien, fuchtelten mit den Waffen. Niklas stöhnte, während er sich mit einer schrecklichen Mühle des schweren Holzes deckte. Er traf etwas, wieder ein Pferd, das wieherte und auf den Hinterbeinen zu tänzeln begann. Der Krahling hielt sich im Sattel.

Über den Zaun, vom Walde her, kam in gestrecktem Sprung ein Pferd, stieß mit dem Grauschimmel in der grünen Kuvertüre zusammen. Der Graue scheute, riss an den Zügeln, warf den hochgewachsenen Krahling um, der versuchte, wieder aufzusteigen. Niklas traute seinen Augen nicht, als er sah, wie sich der neu aufgetauchte Reiter zweiteilte– in einen Hänfling mit Kapuze, der sich über den Pferdehals beugte, und einen hellhaarigen Mann mit einem Schwert, der dahinter saß.

Die lange, schmale Schwertklinge beschrieb zwei Halbkreise, zwei Blitze. Zwei Krahlinge wurden aus dem Sattel gefegt, sie stürzten zu Boden, in Staubwolken gehüllt. Der dritte, der fast schon an den Holzschuppen herangaloppiert war, wandte sich dem wunderlichen Paar zu und bekam einen Stich unter den Bart, knapp oberhalb des stählernen Brustpanzers. Die Schwertklinge glänzte auf, als sie für einen Augenblick aus dem Hals hervorragte. Der Hellhaarige glitt vom Pferd und lief über den Hof, um den hochgewachsenen Krahling von seinem Pferd abzuschneiden. Der Krahling zog das Schwert.

Der fünfte Krahling bemühte sich in der Mitte des Hofes, sein tänzelndes Pferd unter Kontrolle zu bringen, das vor der brennenden Schmiede scheute. Mit erhobener Breitaxt schaute er sich um, zögerte. Schließlich schrie er, gab dem Pferd die Sporen und stürzte sich auf den Hänfling, der sich an den Pferdehals klammerte. Niklas sah, wie der Kleine die Kapuze zurückwarf und sich ein Band von der Stirn riss, und erkannte, wie sehr er sich getäuscht hatte. Das Mädchen schüttelte den rotblonden Haarschopf und rief etwas Unverständliches, wobei es dem heranpreschenden Krahling die Hände entgegenstreckte. Aus den Fingern schlug ein dünner Lichtfaden, hell wie Quecksilber. Der Krahling wurde aus dem Sattel in hohem Bogen durch die Luft geschleudert und stürzte auf den Sand. Seine Kleidung rauchte. Das Pferd, das mit allen vier Hufen auf den Boden schlug, wieherte, warf den Kopf hin und her.

Der hochgewachsene Krahling mit der Sonne auf dem Helm wich langsam vor dem Hellhaarigen auf die brennende Scheune zurück, geduckt, beide Hände– in der rechten das Schwert– vorgestreckt. Der Hellhaarige sprang vor, sie wechselten ein paar Hiebe. Das Schwert des Krahlings flog zur Seite, er selbst aber blieb auf der Klinge hängen, die ihn durchbohrt hatte. Der Hellhaarige trat zurück, riss mit einem Ruck die Schwertklinge heraus. Der Krahling stürzte auf die Knie, kippte vornüber, mit dem Gesicht in den Sand.

Der Reiter, den der Blitz des rotblonden Mädchens aus dem Sattel geschleudert hatte, kam auf alle viere hoch, tastete um sich, um eine Waffe zu finden. Niklas hatte sich von der Überraschung erholt; er tat zwei Schritte, hob die Wagenrunge und ließ sie auf den Nacken des Gestürzten niedersausen. Knochen knackten.

»Das war nicht nötig«, hörte er direkt neben sich jemanden sagen.

Das Mädchen in der Männerkleidung hatte Sommersprossen und grüne Augen. Auf seiner Stirn blitzte ein seltsames Juwel.

»Das war nicht nötig«, wiederholte es.

»Gnädige Herrin…«, begann der Schmied zu stottern und hielt seine Eisenstange wie ein Gardist die Hellebarde. »Die Schmiede… haben sie angezündet. Den Jungen erschlagen. Und Radim. Erschlagen, die Mörder. Herrin…«

Der Hellhaarige drehte mit dem Fuß den Körper des hochgewachsenen Krahlings um, betrachtete ihn, dann kam er herbei und steckte unterdessen das Schwert in die Scheide.

»Na, Visenna«, sagte er. »Jetzt habe ich mich aber schon tüchtig eingemischt. Das Einzige, was mich beunruhigt, ist, ob ich wohl die richtigen Leute niedergemacht habe.«

Visenna hob den Blick. »Du bist der Schmied Niklas?«, fragte sie.

»Ja. Und Ihr seid vom Druidenkreis, Gnädige Herrschaften? Aus Mayena?«

Visenna antwortete nicht. Sie schaute zum Waldrand hin, auf die im Laufschritt heraneilende Menschenmenge.

»Das sind unsere Leute«, erklärte der Schmied. »Aus Schlüssel.«

V

»Wir haben drei erwischt!«, dröhnte der schwarzbärtige Anführer der Gruppe aus Schwelle und schüttelte die gerade auf den Schaft gesetzte Sense. »Drei, Niklas! Sie sind den Mädels auf die Felder nachgelaufen, und da haben wir sie… Einer konnte mit knapper Not entkommen, hat ein Pferd erreicht, der Hundesohn!«

Seine Leute, auf der Lichtung in dem Kreis von Lagerfeuern gedrängt, die das Schwarz des Nachthimmels mit den Pünktchen fliegender Funken durchsetzten, schrien, lärmten, schüttelten die Waffen. Niklas hob die Hände, gebot Stille, weil er die folgenden Berichte hören wollte.

»Zu uns kamen gestern Abend vier geritten«, sagte der alte, spindeldürre Schulze von Strunk. »Meinetwegen. Es muss jemand verraten haben, dass ich mich mit Euch eingelassen hab, Schmied. Ich hab es auf den Trockenboden in der Scheune geschafft, die Leiter hab ich hochgezogen, die Gabel in der Hand, ›kommt‹, ruf ich, ›Hundsfötter, na, wer will‹, ruf ich. Sie wollten schon die Scheune anzünden, da wär ich erledigt gewesen, aber unsere Leute haben nicht zugeschaut, sind allesamt über sie hergefallen. Die waren beritten, haben sich durchgeschlagen. Von unseren sind ein paar gefallen, aber einen haben wir aus dem Sattel gerissen.«

»Lebt er?«, wollte Niklas wissen. »Ich habe Euch gesagt, dass ihr jemanden lebendig fangen sollt.«

»Tjaaa.« Der Dünne winkte ab. »Das haben wir nicht geschafft. Die Weiber haben siedendes Wasser genommen, die waren als Erste bei ihm…«

»Ich habe immer gesagt, dass sie in Strunk heiße Weiber haben«, murmelte der Schmied und kratzte sich im Genick. »Und den Spitzel?«

»Haben wir gefunden«, sagte der dürre Mann knapp, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren.

»Gut. Und jetzt hört zu, Leute. Wo die sitzen, wissen wir schon. Am Berghang, neben den Schäferhütten, sind Höhlen im Fels. Dort haben sich die Räuber eingenistet, und dort werden wir sie erwischen. Wir nehmen Heu, Reisig auf die Wagen, räuchern sie aus wie Dachse. Den Weg sperren wir mit einem Verhau, dass sie nicht entkommen. So habe ich es mit diesem Ritter hier, wo Korin heißt, beraten. Und ich, wie ihr wisst, kenn mich ja auch mit dem Kämpfen aus. Ich bin während des Krieges mit dem Heergrafen Grosim gegen die Krahlinge gezogen, ehe ich mich in Schlüssel niedergelassen habe.«

Aus der Menge klangen abermals kämpferische Rufe, wurden aber rasch von Worten zum Verstummen gebracht, die zuerst leise, unsicher gesprochen wurden. Dann immer lauter. Schließlich trat Stille ein.

Visenna schob sich hinter Niklas’ Rücken hervor, stellte sich neben den Schmied. Sie reichte ihm nicht einmal bis zur Schulter. Die Menge begann zu raunen.

Niklas hob wieder beide Hände. »Es ist die Zeit gekommen«, rief er, »dass sich nicht länger geheimhalten lässt, dass ich zu den Druiden vom Kreis um Hilfe geschickt habe, nachdem der Burgvogt von Mayena sie mir versagt hatte. Ich weiß sehr wohl, dass viele von euch mich deswegen schief anschauen.«

Die Menge wurde allmählich stiller, wogte aber immer noch, murmelte.

»Dies hier ist Frau Visenna«, sagte Niklas langsam. »Vom Mayener Kreis. Sie ist uns auf den ersten Ruf hin zu Hilfe geeilt. Die aus Schlüssel kennen sie schon, sie hat dort Leute geheilt, mit ihrer Kraft gesund gemacht. Ja, Männer. Das ist eine kleine Dame, aber ihre Kraft ist groß. Sie geht über unsern Verstand und macht uns Angst, aber sie wird uns ja als Hilfe dienen!«

Visenna enthielt sich jeden Kommentars, sie sagte kein Wort und machte keine Geste zu den Versammelten hin. Aber die verborgene Kraft dieser kleinen sommersprossigen Zauberin war unglaublich. Korin spürte verwundert, wie ihn ein sonderbarer Enthusiasmus erfüllte, wie die Furcht vor dem, was am Pass lauerte, die Furcht vor dem Unbekannten schwand, verflog, verschwand, nicht mehr wichtig war, solange das helle Juwel an Visennas Stirn funkelte.

»Ihr seht also«, fuhr Niklas fort, »dass auch gegen diesen Knoch ein Kraut gewachsen ist. Wir werden nicht allein gehen, nicht wehrlos. Aber vorher müssen wir diesen Räubern den Garaus machen!«

»Niklas hat recht!«, schrie der Bärtige aus Schwelle. »Zauberei hin, Zauberei her, was kümmert’s uns! Zum Pass, Leute! Dass wir die vom Knoch erledigen!«

Die Menge rief einhellig Zustimmung, die Flammen der Lagerfeuer glänzten auf den hochgereckten Sensen, Piken, Äxten und Mistgabeln.

Korin drängte sich durch die Umstehenden zum Walde hin, fand ein über dem Feuer hängendes Kesselchen, eine Schale und einen Löffel. Er kratzte den Rest angebrannten Breis mit Speckgrieben vom Grunde des Kessels. Er setzte sich hin, stützte die Schüssel auf die Knie, aß langsam und spuckte die Gerstenspelzen aus. Nach einer Weile spürte er jemandes Anwesenheit.

»Setz dich, Visenna«, sagte er mit vollem Mund.

Er aß weiter, während er auf ihr Profil schielte, auf die halbverdeckte Kaskade von Haar, das im Feuerschein blutrot war. Visenna schwieg, den Blick in die Flammen gerichtet.

»He, Visenna, warum sitzen wir hier wie zwei Uhus?« Korin stellte die Schale ab. »Das kann ich nicht, mir wird gleich traurig und kalt zumute. Wo haben sie diesen Selbstgebrannten versteckt? Eben stand hier noch ein Fässchen; hol’s der Teufel. Es ist finster wie im…«

Die Druidin wandte sich ihm zu. Ihre Augen leuchteten mit einem seltsamen grünlichen Funkeln. Korin verstummte.

»Ja. Stimmt«, sagte er nach einer Weile und räusperte sich. »Ich bin ein Dieb. Ein Söldner. Ein Räuber. Ich habe mich eingemischt, weil ich mich gern schlage, egal, mit wem. Ich weiß, welchen Preis Jaspis, Jadeit und die anderen Steine haben, die es sonst noch in den Bergwerken des Amells gibt. Ich will Beute machen. Es ist mir gleichgültig, wie viele von diesen Leuten morgen umkommen werden. Was willst du noch wissen? Ich sage es selbst, du brauchst nicht dieses Glitzerding zu verwenden, das unter der Schlangenhaut versteckt ist. Ich habe nicht vor, etwas zu verheimlichen. Du hast recht, ich passe weder zu dir noch zu deiner edlen Mission. Das ist alles. Gute Nacht. Ich gehe schlafen.«

Entgegen seinen Worten stand er nicht auf. Er nahm nur einen Stock und stieß damit ein paarmal nach den brennenden Scheiten.

»Korin«, sagte Visenna leise.

»Ja?«

»Geh nicht weg.«

Korin senkte den Kopf. Aus einem Birkenklotz im Feuer brachen blaue Flammengeisire hervor. Er schaute sie an, doch er ertrug den Blick der unheimlich funkelnden Augen nicht. Er wandte den Kopf zum Feuer hin ab.

»Verlang nicht zu viel von dir«, sagte Visenna und hüllte sich in den Mantel. »Es ist nun mal so, dass das Unnatürliche Furcht weckt. Und Abscheu.«

»Visenna…«

»Unterbrich mich nicht. Ja, Korin, die Menschen brauchen unsere Hilfe, sie sind dafür dankbar, oft sogar aufrichtig, aber sie verabscheuen uns, fürchten uns, blicken uns nicht in die Augen, spucken hinter unserem Rücken aus. Die Klügeren, so wie du, sind weniger aufrichtig. Du bist keine Ausnahme, Korin. Ich habe schon von vielen gehört, sie seien unwürdig, mit mir an einem Feuer zu sitzen. Aber es kommt vor, dass wir es sind, die die Hilfe der… Normalen brauchen. Oder ihre Gesellschaft.«

Korin schwieg.

»Ich weiß«, fuhr Visenna fort, »dass es leichter für dich wäre, wenn ich einen grauen Bart bis zum Gürtel und eine Hakennase hätte. Dann würde die Abscheu vor meiner Person kein solches Durcheinander in deinem Kopf erzeugen. Ja, Korin, Abscheu. Dieses Glitzerding, das ich an der Stirn trage, ist ein Chalzedon… Ihm verdanke ich in großem Maße meine magischen Fähigkeiten. Du hast recht, mit Hilfe des Chalzedons vermag ich die deutlicheren Gedanken zu lesen. Deine sind überaus deutlich. Verlange nicht, dass ich das als angenehm empfinde. Ich bin eine Zauberin, eine Hexe, aber außerdem eine Frau. Ich bin gekommen, weil ich mit dir schlafen wollte.«

»Visenna…«

»Nein. Jetzt will ich nicht mehr.«

Sie saßen da und schwiegen. Der buntgefiederte Vogel in der Tiefe des Waldes, im Dunkel auf einem Baumast, spürte Furcht. Im Wald gab es Eulen.

»Mit der Abscheu«, ließ sich schließlich Korin vernehmen, »hast du etwas übertrieben. Ich gestehe jedoch, du erregst in mir eine Art… Unruhe. Du hättest nicht zulassen sollen, dass ich das da am Kreuzweg mit ansehe. Diese Leiche, weißt du?«

»Korin«, sagte die Zauberin ruhig. »Als du bei der Schmiede dem Krahling das Schwert in die Kehle gerammt hast, hätte ich mich um ein Haar auf die Mähne des Pferdes übergeben. Ich hatte Mühe, mich im Sattel zu halten. Aber lassen wir unsere Spezialitäten ruhen. Wir sollten das Gespräch beenden, das zu nichts führt.«

»Wir sollten es beenden.«

Die Zauberin zog den Mantel enger um sich. Korin warf ein paar Tannenzapfen ins Feuer.

»Korin?«

»Ja?«

»Ich möchte, dass es dir nicht mehr gleichgültig ist, wie viele Leute morgen umkommen. Menschen und… Und andere. Ich zähle auf deine Hilfe.«

»Ich werde dir helfen.«

»Das ist noch nicht alles. Es bleibt die Sache mit dem Pass. Ich muss den Weg über den Klamat öffnen.«

Korin zeigte mit dem glimmenden Ende eines Zweiges auf die anderen Lagerfeuer und die dort lagernden Menschen, die schliefen oder sich leise unterhielten. »Mit unserer glorreichen Armee sollten wir damit keine Probleme haben.«

»Unsere Armee wird sich nach Hause verziehen, sobald ich aufhöre, ihnen die Köpfe mit Zauberei zu vernebeln.« Visenna lächelte traurig. »Aber ich werde sie nicht vernebeln. Ich will nicht, dass jemand von ihnen im Kampf für eine fremde Sache stirbt. Und der Knoch ist nicht ihre Sache, nur die des Kreises. Ich muss allein auf den Pass gehen.«

»Nein. Allein gehst du nicht«, sagte Korin. »Wir gehen zusammen. Ich, Visenna, weiß von Kindheit an, wann man fliehen muss und wann es noch zu früh ist. Dieses Wissen habe ich in Jahren der Praxis vervollkommnet, und darum gelte ich gegenwärtig als mutig. Ich habe nicht vor, meiner Meinung von mir Abbruch zu tun. Du brauchst mich nicht mit Zauberei zu vernebeln. Zuerst wollen wir sehen, wie dieser Knoch aussieht. Übrigens, was meinst du, was ist dieser Knoch?«

Visenna neigte den Kopf. »Ich fürchte«, flüsterte sie, »es ist der Tod.«

VI

Die anderen ließen sich nicht in den Höhlen überrumpeln. Sie warteten im Sattel, reglos, aufrecht, den Blick auf die aus dem Walde kommenden Reihen bewaffneter Bauern gerichtet. Der Wind, der an ihren Mänteln riss, ließ sie wie hagere Raubvögel mit gesträubtem Gefieder aussehen, bedrohlich, Respekt und Furcht einflößend.

»Achtzehn«, zählte Korin, in den Steigbügeln aufgerichtet. »Alle beritten. Sechs Handpferde. Ein Wagen. Niklas!«

Der Schmied änderte rasch die Formation seiner Abteilung. Die mit Piken und Spießen Bewaffneten knieten sich am Rande des Unterholzes hin, die Enden der Waffen in den Boden gerammt. Die Bogenschützen bezogen Position hinter den Bäumen. Der Rest zog sich ins Dickicht zurück.

Einer der Reiter kam auf sie zu geritten. Er hielt das Pferd an, hob die Hand über den Kopf, rief etwas.

»Eine Finte«, murmelte Niklas. »Ich kenne sie, die Hundesöhne.«

»Vergewissern wir uns«, sagte Korin und sprang aus dem Sattel. »Komm.«

Langsam gingen sie zu zweit zu dem Berittenen. Nach einer Weile bemerkte Korin, dass Visenna ihnen folgte.

Der Reiter war ein Murmelmensch.

»Ich werde kurz reden«, rief er, ohne abzusitzen. Seine kleinen glänzenden Augen funkelten, halb vom Fell verborgen, das sein Gesicht bedeckte. »Ich bin der gegenwärtige Anführer der Gruppe, die ihr dort seht. Neun Murmelmenschen, fünf Menschen, drei Krahlinge, ein Elf. Der Rest ist tot. Es ist zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten gekommen. Unser ehemaliger Anführer, dessen Pläne uns hierhergeführt haben, liegt dort in der Höhle, gefesselt. Macht mit ihm, was ihr wollt. Wir wollen fortreiten.«

»Das war wirklich eine kurze Rede«, schnaubte Niklas. »Ihr wollt fortreiten. Und wir wollen euch die Kaldaunen herausreißen. Was sagst du dazu?«

Der Murmelmensch ließ die spitzen Zähne blitzen, reckte seine kleine Gestalt im Sattel. »Glaubst du, dass wir aus Angst vor euch zu Zugeständnissen bereit sind, vor eurer Bande von Hosenscheißern in Bastschuhen? Bitte sehr, wenn ihr wollt, reiten wir euch über die Wänster. Das ist unser Beruf, Bauer. Ich weiß, dass wir ein Risiko eingehen. Sogar wenn ein Teil von uns fällt, kommen die anderen durch. So ist das Leben.«

»Der Wagen kommt nicht durch«, sagte Korin mit Nachdruck. »So ist das Leben.«

»Darauf sind wir gefasst.«

»Was ist auf dem Wagen?«

Der Murmelmensch spuckte sich über die rechte Schulter. »Ein Zwanzigstel von dem, was in der Höhle geblieben ist. Und damit das klar ist: Wenn ihr verlangt, dass wir den Wagen zurücklassen, sind wir nicht einverstanden. Wenn wir aus dieser Geschichte ohne Profit herauskommen sollen, dann wenigstens nicht ohne Kampf. Na, was ist? Wenn wir uns schlagen sollen, dann wäre es mir jetzt am Morgen am liebsten, ehe die liebe Sonne zu brennen beginnt.«

»Du bist mutig«, sagte Niklas.

»So sind alle in meiner Familie.«

»Wir lassen euch ziehen, wenn ihr die Waffen niederlegt.«

Der Murmelmensch spuckte abermals aus, diesmal zur Abwechslung über die linke Schulter. »Nichts da«, knurrte er kurz.

Korin lachte auf. »Da drückt dich der Schuh. Ohne Waffen seid ihr Dreck.«

»Und was bist du ohne Waffen?«, fragte der Kleinwüchsige emotionslos. »Ein Prinz? Ich sehe doch, was du für einer bist. Hältst du mich für blind?«

»Mit Waffen könnt ihr morgen schon wiederkommen«, sagte Niklas. »Sagen wir, um den Rest zu holen, der in der Höhle geblieben sein soll. Um noch mehr Profit zu machen.«

Der Murmelmensch bleckte die Zähne. »Diesen Plan gab es. Aber wir haben ihn nach kurzer Diskussion aufgegeben.«

»Sehr richtig«, sagte plötzlich Visenna, trat hinter Korins Rücken hervor und stellte sich dicht vor den Berittenen. »Sehr richtig, dass ihr ihn aufgegeben habt, Kehl.«

Korin kam es so vor, als sei der Wind auf einen Schlag stärker geworden, er begann zwischen Felsen und Gräsern zu heulen, überfiel sie mit Kälte.

Visenna sprach weiter mit fremder, metallischer Stimme. »Jeder von euch, der versucht, hierher zurückzukehren, wird sterben. Ich sehe das und sage es vorher. Reitet sofort von hier fort. Sofort. Jeder, der versucht zurückzukehren, wird sterben.«

Der Murmelmensch neigte sich vor, schaute die Zauberin über den Pferdehals hinweg an. Er war nicht jung– sein Pelz war schon fast aschfarben, von weißen Strähnen durchzogen.

»Du bist das? Das dachte ich mir. Ich freue mich, dass… Aber genug davon. Ich habe gesagt, dass ich nicht vorhabe, hierher zurückzukehren. Wir haben uns Fregenal angeschlossen, um Gewinn zu machen. Damit ist es vorbei. Jetzt haben wir den Kreis am Halse und alle Dörfer der Gegend, Fregenal aber hat angefangen, von der Weltherrschaft zu faseln. Wir haben genug von ihm und von diesem Schreckgespenst am Pass.«

Er riss an den Zügeln, wendete das Pferd. »Wozu sage ich das? Wir reiten fort. Macht’s gut.«

Niemand gab ihm Antwort. Der Murmelmensch zögerte, schaute zum Waldrand, dann ließ er den Blick über die reglose Reihe seiner Reiter schweifen. Wieder beugte er sich im Sattel vor und schaute Visenna in die Augen. »Ich war gegen den Anschlag auf dich«, sagte er. »Jetzt sehe ich, dass ich recht hatte. Wenn ich dir sage, dass der Knoch der Tod ist, wirst du trotzdem auf den Pass gehen, nicht wahr?«

»Wahr.«

Kehl richtete sich auf, rief dem Pferd etwas zu, galoppierte zu den Seinen. Gleich darauf bildeten die Berittenen eine Kolonne rings um den Wagen, setzten sich zur Straße hin in Bewegung. Niklas war schon bei seinen Leuten, er redete auf sie ein, beschwichtigte den Bärtigen aus Schwelle und andere, die es nach Blut und Rache verlangte. Korin und Visenna beobachteten schweigend die an ihnen vorüberziehende Abteilung. Die Leute ritten langsam, blickten geradeaus, demonstrierten Ruhe und kalte Verachtung. Nur Kehl hob, als er an ihnen vorbeiritt, leicht die Hand zu einer Abschiedsgeste, während er mit sonderbarem Gesichtsausdruck Visenna betrachtete. Dann riss er abrupt das Pferd voran, trabte an die Spitze der Kolonne, verschwand zwischen den Bäumen.

VII

Der erste Leichnam lag gleich am Eingang zu den Höhlen, zerquetscht, zwischen Hafersäcke und einen Haufen Reisig gedrückt. Der Gang verzweigte sich, an der Gabelung lagen die beiden nächsten Toten– der eine fast kopflos vom Schlag mit einem Streitkolben oder einem Axtrücken, der andere von geronnenem Blut aus vielen Wunden bedeckt. Alle waren Menschen.

Visenna nahm die Binde von der Stirn. Von dem Diadem ging ein Licht aus, heller als der Fackelschein, und erhellte das dunkle Innere der Höhle. Der Gang führte sie in eine größere Grotte. Korin stieß einen leisen Pfiff aus. An den Wänden standen Kisten, Säcke und Fässer, Stapel von Pferdegeschirren, Wollballen, Waffen, Gerätschaften. Ein paar Kisten waren zerschlagen und leer. Andere waren voll. Im Vorübergehen sah Korin mattgrüne Haufen von Jaspis, dunkle Bruchstücke von Jadeit, Achat, Opale, Chrysopras und andere Steine, die er nicht kannte. Auf dem steinernen Fußboden, der hier und da von den verstreuten Pünktchen goldener, silberner und kupferner Münzen funkelte, lagen wirr zusammengepresst Pelzbündel– von Murmeltieren, Luchsen, Füchsen, Vielfraßen.

Ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben, eilte Visenna in eine weiter entfernte Kaverne, die kleiner und dunkler war. Korin folgte ihr.

»Hier bin ich«, meldete sich eine dunkle, undeutliche Gestalt, die auf einem Stapel Lumpen und Felle lag, welche den Boden bedeckten.

Sie gingen näher. Der gefesselte Mann war untersetzt, kahl, beleibt. Ein riesiger Bluterguss bedeckte sein halbes Gesicht.

Visenna berührte das Diadem, der Chalzedon flammte für einen Moment in hellerem Licht auf.

»Das ist nicht nötig«, sagte der Gefesselte. »Ich kenne dich. Ich habe vergessen, wie du genannt wurdest. Ich weiß, was du auf der Stirn hast. Das ist nicht nötig, sage ich. Sie sind im Schlaf über mich hergefallen, haben mir meinen Ring weggenommen, den Stab zerstört. Ich bin machtlos.«

»Fregenal«, sagte Visenna. »Du hast dich verändert.«

»Visenna«, murmelte der Dicke. »Es ist mir wieder eingefallen. Ich dachte, es würde ein Mann sein, darum habe ich Manissa geschickt. Mit einem Mann wäre meine Manissa fertig geworden.«

»Ist sie nicht«, brüstete sich Korin, während er sich umschaute. »Obwohl man der Toten Gerechtigkeit widerfahren lassen muss. Sie hat sich größte Mühe gegeben.«

»Schade.«

Visenna blickte sich in der Höhle um, ging sicheren Schrittes in einen Winkel, drehte mit der Stiefelspitze einen Stein um, nahm aus der Vertiefung darunter einen kleinen tönernen Topf, der in gefettetes Leder gewickelt war. Mit ihrer goldenen Sichel durchtrennte sie ein Riemchen, zog ein Pergamentbündel hervor.

Fregenal schaute feindselig zu. »Bitte, bitte«, sagte er mit vor Wut zitternder Stimme. »Was für ein Talent, da muss man gratulieren. Wir können verborgene Dinge finden. Was können wir noch? Aus Ochsendärmen weissagen? Bei Färsen Blähungen kurieren?«

Visenna schaute sich Blatt um Blatt an, ohne ihn zu beachten.

»Interessant«, sagte sie nach einer Weile. »Vor elf Jahren, als du aus dem Kreis ausgestoßen wurdest, sind gewisse Seiten aus den Verbotenen Büchern verschwunden. Gut, dass sie sich wieder angefunden haben, noch dazu um Kommentare bereichert. Dass du es auch gewagt hast, das Doppelkreuz des Alzur anzuwenden– na, na. Ich glaube nicht, dass du vergessen hast, welches Ende Alzur genommen hat. Ein paar von seinen Geschöpfen sollen noch auf der Welt zugange sein, darunter auch das letzte, der Wij, der ihn umgebracht und halb Maribor zerstört hat, ehe er in die Wälder im Flussland geflohen ist.« Sie faltete ein paar Pergamente zusammen, steckte sie in eine Tasche am Puffärmel ihrer Jacke. Sie rollte die nächsten Pergamente auseinander.

»Aha«, sagte sie und runzelte die Stirn. »Die Formel der Baumwurzel, geringfügig abgewandelt. Und hier das Dreieck im Dreieck, die Methode, mit der man eine Folge von Mutationen und riesigen Zuwachs der Körpermasse hervorruft. Und was hat dir als Ausgangsgeschöpf gedient, Fregenal? Was ist das? Sieht wie eine gewöhnliche Geißelspinne aus. Fregenal, etwas fehlt hier. Du weißt hoffentlich, wovon ich rede?«

»Ich freue mich, dass du es bemerkt hast.« Der Zauberer grinste. »Eine gewöhnliche Geißelspinne, sagst du? Wenn diese gewöhnliche Geißelspinne vom Pass herunterkommt, wird die Welt vor Entsetzen die Sprache verlieren. Für einen Augenblick. Und dann wird sie losbrüllen.«

»Gut, gut. Wo sind die Sprüche, die hier fehlen?«

»Nirgends. Ich wollte nicht, dass sie in die falschen Hände geraten. Vor allem nicht in eure. Ich weiß, dass der ganze Kreis von der Macht träumt, die diese Sprüche verleihen können, aber nichts da. Ihr werdet nie imstande sein, auch nur etwas halb so Schreckliches wie meinen Knoch zu erschaffen.«

»Du scheinst eins auf den Kopf bekommen zu haben, Fregenal«, sagte Visenna ruhig. »Und dem ist auch zuzuschreiben, dass du das Denkvermögen noch nicht wiedergewonnen hast. Wer redet hier von Erschaffung? Dein Ungeheuer wird man vernichten müssen, auslöschen. Einfach durch Umkehr des Bindespruchs, also mit dem Spiegeleffekt. Der Bindespruch war natürlich auf deinen Stab abgestimmt, also wird man ihn auf meinen Chalzedon umstimmen müssen.«