Evangeline und die Geister des Bayou - Jan Eldredge - E-Book

Evangeline und die Geister des Bayou E-Book

Jan Eldredge

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Beschreibung

Ein magischer Fantasyschmöker um eine mutige Hexe auf Geisterjagd, ab 10 Jahren.  Evangeline ist nichts wichtiger, als selbst einmal eine so angesehene Geisterjägerin wie ihre Großmutter zu werden. Dafür nimmt sie es mit jedem Schattenbeißer auf! Als ein Hilferuf aus New Orleans eintrifft, hofft Evangeline, dass sie endlich zeigen kann, was in ihr steckt. Aber dann bekommt sie es mit einem Werwolf zu tun. Ausgerechnet dem Werwolf, der ihre Mutter getötet hat! Und weil ihre Großmutter sich das Bein bricht, bleibt ihr lediglich Julian als Unterstützung, der so gar nicht an Geister und Werwölfe glaubt ... Mit viel Humor und der richtigen Portion Grusel!

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Das Buch

Unerschrocken nimmt es Evangeline mit jedem Schattenbeißer und jedem Kobold auf. Schließlich möchte sie einmal eine so berühmte Geisterjägerin wie ihre Großmutter werden. Als ein Hilferuf aus New Orleans eintrifft, hofft Evangeline, dass sie endlich zeigen kann, was in ihr steckt. Aber dann bekommt sie es mit Werwölfen zu tun. Ausgerechnet dem Rudel, das ihre Mutter getötet hat! Und weil ihre Großmutter sich das Bein bricht, bleibt ihr nur Julian als Unterstützung, der so gar nicht an Geister und Werwölfe glaubt …

Ein Schmöker der Extraklasse zum Gruseln und Lachen

Die Autorin

© Privat

Jan Eldredge wuchs in Louisiana auf und lebt heute zusammen mit ihrem Mann, ihren Kindern und einem Haus voller Katzen in Florida. Wenn sie nicht schreibt, liest sie gern, besucht Freizeitparks und erkundet alte Friedhöfe. Sie interessiert sich besonders für Monster, Magie und all solche gruseligen Dinge.

Mehr über Jan Eldredge: www.JanEldredge.com

Der Verlag

Du liebst Geschichten? Wir bei Thienemann in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH auch!Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autoren und Übersetzern, gestalten sie gemeinsam mit Illustratoren und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.

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Viel Spaß beim Lesen!

Man sagt, wenn ein Spatz des Nachts dreimal mit dem Schnabel bei dir ans Fenster klopft, ist der Tod nicht mehr fern.

Doch dieses Klopfzeichen war kein Hinweis auf Evangeline Clements baldiges Ableben. Es handelte sich lediglich um einen Boten mit der Anfrage einer Bayou-Nachbarin.

Draußen auf dem Fensterbrett hüpfte der Spatz von einem Fuß auf den anderen. In seinem Schnabel klemmte ein winziger, zusammengefalteter Zettel. Ängstlich blickte der kleine Geselle sich um, bevor er noch einmal gegen das Glasfenster der Hütte pochte.

Evangeline seufzte. »Bin schon unterwegs. Reg dich nicht auf.« Irgendjemand musste knietief in Schwierigkeiten stecken, wenn er so einen kleinen Vogel losschickte und keinen Rotkardinal, wie es sonst üblich war. Evangeline ließ ihr Heft offen liegen und unterbrach ihre Studien. Der Lichtschein der Petroleumlampe fiel auf Schachteln voller Nagetierknochen und Schraubgläser mit kleinen, schwarzen Steinchen, die auf dem alten, verkratzten Tisch aufgereiht waren. »Wenn es nach Granny ginge«, murmelte sie, »würde ich jede Nacht Kadaver und Kacke von irgendwelchen Viechern untersuchen, statt böse Geister auszutreiben.«

Die alten Holzdielen knarrten, als Evangeline zur Tür schlich, aber das Geräusch weckte ihre Großmutter nicht. Sie saß bei Evangeline in der Stube und döste wie jeden Abend in ihrem Schaukelstuhl vor sich hin. Die vernarbten Hände ordentlich im Schoß gefaltet, ein Auge halb geöffnet, schnarchte sie so laut, dass das Blechdach rappelte.

Für einen kurzen Moment erwog Evangeline, ob sie ihre Lehrmeisterin auf den Besuch des Sperlings hinweisen sollte. Doch was brachte es, ihre Nachtruhe zu stören? Schließlich lag ihr das Jagen von Geistern und Monstern genauso im Blut wie ihrer Granny, denn beide hatten die Gabe von ihren Vorfahrinnen geerbt. Sie war durchaus in der Lage, jeden Auftrag zu erledigen, den der Bote überbringen mochte.

Evangeline spähte aus dem Fenster auf die vom nahen Bayou aufsteigenden Dunstschwaden und die dunklen Wolken, die sich vor den Mond geschoben hatten. Hinter dem Spatz erhob sich ein grünes Augenpaar aus dem immer dichter werdenden Nebel. Bevor sie einen warnenden Schrei ausstoßen konnte, schnappten scharfe Krallen nach dem Vogel, rissen ihn vom Sims und schleiften ihn weg.

»Nein, nein, nein!« Evangeline stieß die Tür auf, rannte die Verandatreppe hinunter und stürmte in die schwülwarme Nacht hinaus, die von Froschquaken und Insektengezirpe erfüllt war. »Lass ihn los, Fader, du räudige Teufelsbrut. Lass ihn fallen, sonst hole ich Granny. Verlass dich drauf, ich geh sie holen.«

Fader schoss aus dem Nebel hervor, streifte mit dem Schwanz ihr Hosenbein und sauste die Verandatreppe hinauf. Leise fluchend nahm Evangeline die Verfolgung auf, rannte ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu. Der Tumult schien Granny nicht zu stören, obwohl sie, wenn Not am Mann war, von einer herabfallenden Nähnadel erwachte.

Den Spatz im grinsenden Maul, sprang Fader auf den Tisch, kauerte sich in den Lichtkegel der Petroleumlampe und schlug mit dem Schwanz auf die Tischplatte.

»Wag es nicht, den Boten zu töten!« Evangeline kniff die Augen zusammen und fixierte den vierohrigen, struppigen, grauen Kater.

Fader kniff ebenfalls seine grünen Augen zusammen und ließ ein kehliges Schnurren ertönen. Er legte zwei seiner vier Ohren zurück, während die anderen beiden wie behaarte kleine Teufelshörner aus seinem Kopf lugten.

»Fader …«, warnte Evangeline.

Der Kater senkte den Unterkiefer. Der Vogel plumpste mit dem Rücken auf den Tisch und seine winzigen Füßchen ragten in die Luft.

»Dummes Katzenvieh.«

Fader leckte sich eine seiner großen Pfoten, ohne sich um Evangelines tödlichen Blick zu kümmern.

Sie hob den Spatz auf und suchte nach Bisswunden. Als sie keine fand, rieb sie das Vögelchen am Ärmel ihres Camouflage-T-Shirts, wischte die Katzenspucke ab und rubbelte das kleine Wesen so lange, bis es wieder zu sich kam. »Wenn’s nach mir ging, du verwanztes Katzenvieh, hätten wir dich schon vor Jahren als Krokodilköder verfüttert.«

Der Kater gähnte ungerührt, als wüsste er, dass seine Stellung als Grannys Tiergefährte ihn vor Evangelines Rache schützen würde. Niemand konnte bestreiten, dass er seinen Lebensunterhalt durch tägliche Geschenke in Form von Mäusen, Eidechsen und verschiedenen anderen Kleintierleichen verdiente. Spare in der Zeit, dann hast du in der Not, sagte Granny immer. Dann kochte sie die Kadaver ein. Manchmal zerlegte sie sie auch, um sie in Behältern mit ähnlichen Körperteilen einzusortieren.

»Was grinst du so?«, murmelte Evangeline und warf dem Kater einen finsteren Blick zu. »Mein Tiergefährte kann jetzt jederzeit hier auftauchen. Und garantiert wird er oder sie viel vornehmer sein als du. Vielleicht ist es eine rote Füchsin oder ein Falke mit mächtigen Flügeln.« Doch bei ihrem Glück würde es wahrscheinlich eher ein Bachkrebs oder ein Regenwurm sein. Ihre grimmige Miene wurde sorgenvoll und sie spürte einen Kloß im Hals. Was für ein Geschöpf es auch immer sein würde, es sollte sich beeilen. Im nächsten Monat wurde sie dreizehn, das Alter, in dem alle Geisterjägerinnen ihre Tiergefährten erhielten. Und wenn an ihrem Geburtstag immer noch keiner in Erscheinung treten würde, dann …

Sie wollte gar nicht darüber nachdenken.

Der Spatz in ihrer Hand begann sich zu regen und öffnete die Augen. Im selben Moment schnappte sich Fader die zusammengefaltete Nachricht. Mit dem Zettel im Maul sprang er zu Boden und schlich auf die schlafende Granny zu, die noch Hauskleid und Arbeitsstiefel trug, um ausgeruht und startbereit zu sein für den Fall, dass sie eine dringende Anfrage erhielten.

»O nein, das tust du nicht!« Evangeline stürzte sich auf ihn, packte ihn am Schwanz und zog so fest daran wie am Seil einer Kirchenglocke.

Fader jaulte entrüstet auf, biss aber weiter die Zähne zusammen.

»Mach doch, was du willst.« Evangeline entriss ihm den winzigen Brief, wobei eine kleine durchweichte Ecke in seinem Maul verblieb. »Spuck’s aus!«, rief sie und hob drohend die Hand.

Fader starrte sie an. Dann schluckte er und beförderte den Schnipsel der Nachricht an einen Ort, von dem sie ihn nicht zurückholen konnte.

»Na schön«, sagte Evangeline etwas beleidigt. »Ich werde auch so dahinterkommen.« Der Spatz flatterte auf ihren Kopf und machte es sich in ihren dunklen, kurzen Strubbelhaaren bequem, während sie die zerknautschte Notiz im Schein der Lampe auseinanderfaltete.

Der Brief war an Granny adressiert, Evangeline wurde darin nicht erwähnt. Bodenlose Enttäuschung traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

Nur weil Mr Broussards Wäsche an der Leine mit Dreck und braunem Wasser bespritzt worden war, als sie diesen Mississippi-Schlammburschen in die Luft gejagt hatte, und nur weil sie möglicherweise schuld daran war, dass Mrs Merciers Veranda bei diesem unglückseligen Zwischenfall mit dem Veranda-Kobold zu Bruch gegangen war, hieß das noch lange nicht, dass sie nicht in der Lage war, allein mit diesem neuen Fall klarzukommen.

Sie zupfte am Halsausschnitt ihres T-Shirts, das sich plötzlich zu eng anfühlte. Und diese Geschichte mit der Hara-Hand auf der Kirmes war ganz bestimmt nicht ihr Fehler gewesen. Sie hatte nur sehr wenig damit zu tun gehabt, dass die verschrumpelte Leichenhand in die Zuckerwattemaschine geraten und darin herumgewirbelt worden war, bevor es ihr gelang, herauszukrabbeln und mit einer Schleppe aus rosa Zuckerfäden im Gefolge über den Platz zu kriechen. Und wenn die Kirmesbesucher nicht in helle Panik geraten wären, hätte sie die Hand längst in Sicherheit bringen können, bevor dieser nervige Waschbär aus dem Nichts hervorgeschossen kam und damit weggeflitzt war. Die verfluchte Hand hatte sich später wieder bei ihrem Besitzer eingefunden, im Grunde war also eigentlich gar nichts passiert.

Evangeline blickte auf die Botschaft und überprüfte die Anrede, nur für den Fall, dass sie ihren Namen beim ersten Mal übersehen hatte, doch er stand immer noch nicht da.

Nun ja, es spielte eh keine Rolle.

Der Spatz hüpfte ungeduldig auf ihrem Kopf herum, aber sie las weiter und überflog Mrs Arseneaus hastig hingekritzelte Botschaft bis zur üblichen Bitte um die Dienste einer Sumpfhexe. Die Bezeichnung Sumpfhexe störte Evangeline nicht. So hatten die Einheimischen Granny und alle ihre weiblichen Vorfahren schon immer genannt, statt sie mit ihrem offiziellen Titel Geisterjägerin anzureden.

Sie las weiter und kam schließlich zum Kern der Sache.

… was für ein Tohuwabohu! Zähneknirschen und Gekreische und es hört nicht auf!

Eine Bayou-Banshee sollte vertrieben werden. Nichts weiter als ein Standardauftrag. Evangeline nickte hoffnungsvoll. Dies konnte endlich die Aufgabe sein, um dem Rat zu beweisen, dass sie »Herzensmut besaß«. Dann müsste sie nur noch ihren Tiergefährten finden und sich dem Test ihrer Kräfte und Fähigkeiten unterziehen. All die Jahre harter Arbeit und Entschlossenheit würden sich vielleicht bald auszahlen.

Sie berührte den silbernen Geisterjägerinnen-Talisman ihrer Mama, den sie an einer Kette unter dem T-Shirt trug. Er vermittelte ihr ein Gefühl von Sicherheit und wärmte ihre Seele wie ein von der Sonne beschienener Stein. Sie hätte ihn lieber über dem T-Shirt getragen, aber er gehörte ihr nicht. Ihn offen zu zeigen wäre, als würde man einen Sheriff-Stern tragen, ohne ein Sheriff zu sein. Sie gestattete sich dennoch ein kleines zuversichtliches Grinsen. Bald würde sie all die vom Rat geforderten Qualifikationen erfüllen. Und man würde ihr einen eigenen, neuen Talisman überreichen. Dann würde sie nie wieder an sich selbst zweifeln, genauso wenig wie alle anderen.

Sie warf einen weiteren Blick auf Mrs Arseneaus Brief. Den silbernen Talisman ihrer Mutter fest in der Hand haltend, las sie weiter bis zur letzten Zeile.

Da ist auch noch ein …

Doch dort endete die Botschaft. Mrs Arseneaus restliche Worte befanden sich auf der langsamen Reise durch Faders Verdauungstrakt.

Der fehlende Papierschnipsel konnte alle möglichen Informationen enthalten haben. Hoffentlich handelte es sich schlichtweg um den Hinweis darauf, dass Mrs Arseneau einen ihrer berühmten Pies als Bezahlung für die erbetenen Dienste anbot. Wahrscheinlich würde es ein Süßkartoffel-Pie sein. Aber ein Pekannuss-Pie, ein vollmundiger Pekannuss-Pie mit knuspriger Kruste und einer köstlichen Füllung aus frischen, leckeren Pekannüssen … das wäre viel besser. Beim Gedanken daran lief Evangeline das Wasser im Mund zusammen.

Wieder tänzelte der Spatz ungeduldig auf ihrem Schopf herum. Sie ging zur Haustür, hielt den Kopf nach draußen und der winzige Bote flatterte davon, hinaus in die Nacht. Fader spähte durchs Fenster, schwang den Schwanz hin und her und leckte sich das Maul.

Evangeline schloss die Tür und ging zu einem der hohen Regale. Nachdenklich ließ sie den Finger über die Flaschen und Gläser gleiten, die dicht gedrängt auf den Brettern standen. Zerriebene, getrocknete Fischaugen, Ziegenbart, rostige Sargnägel … »Ah, jetzt hab ich euch gefunden.« Sie griff nach einem alten Mayonnaise-Glas, dessen Inhalt aussah wie schrumpelige schwarze Bindfäden. Auf dem Schild stand Smaragdeidechsenschwänze. »Davon haben wir jede Menge.« Sie musterte Fader, der sich vor dem Kamin zusammengerollt hatte. »Manchmal bist du ja doch zu was nütze.« Sie schob einen der getrockneten Eidechsenschwänze in ihren rechten Stiefel, als Garant für eine gute Jagd, und legte ein blaues Perlenarmband an, das ihr Glück bringen sollte.

Auf der Suche nach weiteren Dingen lief sie im Zimmer umher und packte ihr Handwerkszeug in eine Ledertasche: silberne Handglocken, Wacholderzweige, ein Fläschchen mit Weihwasser, ein Säckchen Salz, alte Eisenschlüssel, trockenes Brot. Sie schnallte sich ihr Jagdmesser um den linken Oberschenkel und borgte sich Grannys roten Kapuzenumhang. Ihr eigener roter Umhang und ihre rote Kapuzenjacke lagen in einem Berg schmutziger Wäsche begraben.

Auf dem Tisch hinterließ sie ihrer Großmutter eine schnelle Botschaft, so wie Granny es oft für sie tat. Sie schrieb Hinweiszettel wie: Evangeline, leg das Ziegenhorn unter dein Kopfkissen, damit du gut schlafen kannst. Oder: Hier ist ein Fläschchen mit Ochsenfrosch-Urin, mit dem du deine Warze am Ellbogen betupfen kannst. Und erst heute Morgen klebte eine Botschaft am Badezimmerspiegel, dass sich im Kühlschrank eine Packung aus Kuhmist befand, mit deren Hilfe sie die Kopfschmerzen loswerden würde, die sie seit einer Woche plagten.

Evangeline nahm eine brennende Laterne vom Haken, trat auf die Veranda und zeichnete mit Kreide ein Muster auf den Fußboden, als zusätzlichen Schutz für Granny. Die Vorsichtsmaßnahme war wahrscheinlich nicht nötig bei all den Stechpalmenzweigen und Hufeisen im Haus und der Schere unter der Fußmatte, aber besser zu gut gewappnet als zu schlecht. Granny hatte sich im Laufe der Jahre eine ganze Reihe übernatürlicher Feinde gemacht. Böse Geister zu verärgern, war ein Berufsrisiko, ein Risiko, dem auch ihre Vorfahrinnen ausgesetzt waren.

Sie ging den Trampelpfad hinunter, vorbei an bemoosten Eichen, scharfblättrigen Zwergpalmen und dicken grünen Kletterpflanzen. Es dauerte nicht lange, bis sie von Nebel und Dunkelheit verschluckt wurde. Um sie herum wurde der Sumpf von den Klängen des nächtlichen Lebens erfüllt: Zirpen und Rascheln, Flügelschlagen und knackende Zweige. Als sie sich der Kirche von St. Petite näherte, konnte sie im trüben Schein der Laterne nur einen knappen Meter des vor ihr liegenden Weges erkennen, aber sie hatte scharfe Augen. »Was ist das denn?«

Sie hob die Laterne an und beugte sich vor. Ein schwarzes, struppiges Haarbüschel hing an der Rinde einer alten Eiche. Stammte es von einem Wildschwein? Sie riss das Büschel ab und rieb es zwischen den Fingern. Vielleicht ein Hund? Sie schnüffelte daran. Nein. Nah dran, sehr nah … aber etwas anders als ein Hund.

Sie zog ein leeres Fläschchen aus der Tasche und schob die Haare hinein. Sie und Granny konnten sie später zuordnen. Im Moment spielte es keine Rolle, von welchem Tier das Haarbüschel stammte, aber es konnte gut sein, dass es sich eines Tages als nützlich erwies.

Sie trottete ein paar Meter weiter. Als sie den Friedhof erreichte, verlangsamte sie ihre Schritte und verneigte sich respektvoll. Der trauererfüllte Krater in ihrem Inneren öffnete sich, wie immer, wenn sie an ihre Mama dachte, die sie niemals kennengelernt hatte. Hastig versuchte sie, ihn zu schließen. Es brachte nichts, über ihren Verlust nachzugrübeln, oder über die Art und Weise, wie ihre arme Mama gewaltsam aus dem Leben gerissen worden war. Sie musste einen Auftrag erledigen.

Wieder blieb sie stehen.

Da war etwas, das sie von den bemoosten und stockfleckigen Grabsteinen aus beobachtete. Die Härchen an ihren Armen stellten sich auf und ein Adrenalinschub schoss durch ihre Adern. Ihre Hand tastete nach dem Jagdmesser an ihrem Bein, doch der Nebel und die Dunkelheit waren so undurchdringlich, dass sie selbst mit ihrem scharfen Blick nichts erkennen konnte.

Keine Zeit, sich vor Angst in die Hose zu machen. Es konnte irgendeine der zahllosen übernatürlichen Kreaturen sein, von denen es in Louisiana nur so wimmelte. Viele von ihnen waren als blinde Passagiere hier gelandet. Im Laufe der Jahre hatten sie sich ahnungslosen Einwanderern aus allen Teilen der Welt angeschlossen und sich genau wie die Menschen hier niedergelassen und nahtlos an die neue, südliche Umgebung angepasst. Und auch wenn längst nicht alle von ihnen bösartig waren, hatte Louisiana mehr als genug feindselige Geister, Ungeheuer und andere übernatürliche Unholde abbekommen.

Evangeline rieb sich die Arme. Solange das, was auch immer es sein mochte, blieb, wo es war, und ihr keinen Ärger machte, brauchte sie sich nicht darum zu kümmern. Sie ging weiter und hatte das Gefühl, als würde der Blick des Wesens wie sumpfiger Schlamm an ihrem Rücken kleben. Es war definitiv nicht menschlich. Das stand fest. Sie beschleunigte ihren Gang und ihre Füße jagten im selben Tempo wie ihr Herzschlag dahin.

Je weiter sich Evangeline von den langsam fließenden Wassern des Bayou entfernte, desto mehr lichtete sich der Nebel und der Pfad war deutlicher zu erkennen. Sie versuchte, sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zurück zu dem Ding auf dem Friedhof. Sie rief sich eine ganze Litanei von Grannys Lektionen über übernatürliche Kreaturen ins Gedächtnis.

Das Wesen war möglicherweise nichts weiter als ein Creeper, einer dieser lästigen Geister, die die Form einer Zypressen-Kniewurzel annahmen und regungslos darauf warteten, dass ein abendlicher Spaziergänger des Wegs kam. Sobald ihr Opfer in Reichweite war, erhoben sie sich und schwebten lautlos hinter ihm her. Unheimlich, aber harmlos. Und leicht zu verscheuchen, wenn man eine Laterne schwenkte: Das Licht schnitt sie entzwei, worauf ihre Überreste wie trockenes Laub zu Boden rieselten.

Oder vielleicht war es ein Johnny Revenant, der wiedererwachte, verweste Leichnam eines Bürgerkriegssoldaten. Sie konnte diese Kerle nicht ausstehen, wie sie durch die Sümpfe stapften und mit ihren schrillen Rebellenschreien ihr Kommen ankündigten. Natürlich waren sie alle einst von ihren Geister jagenden Vorfahrinnen entwaffnet worden, aber das hinderte die Burschen nicht daran, sich abgebrochene Äste zu schnappen, sie wie Säbel herumzuschwingen und jedem eins über den Schädel zu ziehen, der ihnen nicht schnell genug aus dem Weg ging. Sie traten allerdings nur nach heftigen Regenschauern in Erscheinung, wenn überall vom Sturm herabgerissene Äste herumlagen, und jetzt war es schon lange Zeit trocken gewesen.

Sie hatte mindestens sechs, sieben andere Möglichkeiten in Betracht gezogen, als sie das alte zweistöckige Holzhaus der Arseneaus erreichte, doch keine davon stimmte mit ihrem Bauchgefühl überein. Granny war der festen Überzeugung, dass man sich auf seine Instinkte verlassen sollte. »Hör auf deinen Bauch, Evangeline«, sagte sie immer. »Er sieht, was die Augen nicht erkennen können.«

Als Evangeline ihre Laterne abstellte, ertönte vom Dach der Ruf eines Streifenkauzes. Eines der schlechtesten Omen, die es gab, dachte sie leise fluchend.

Hu-huuuh. Der Kauz stieß einen weiteren einsam und traurig klingenden Schrei aus. Er starrte zu ihr herunter, seine Augen so rund und schwarz wie die leeren Augenhöhlen eines Geistes.

Mit nachdenklicher Miene versuchte sie, die Situation einzuschätzen, wie sie es von ihrer Granny gelernt hatte. Wäsche auf der Leine. Spielsachen auf dem Rasen. Die Familie hatte sich offenbar Hals über Kopf davongemacht und sich wahrscheinlich bei Mrs Arseneaus Schwester einquartiert, die in Thibodaux lebte.

An der Seitenwand des Hauses erhob sich ein leises Klagen und steigerte sich zu einem gequälten Geheule.

»Ich höre dich. Ich höre dich«, murmelte Evangeline. Sie streifte Grannys roten Umhang ab, faltete ihn zusammen und legte ihn beiseite. Dann durchwühlte sie ihre Schultertasche und zog den Brotkanten und das Salzsäckchen heraus. Schließlich spuckte sie zum weiteren Schutz auf den Boden, nahm die Schultern zurück und richtete den Blick auf die Seitenwand. Sie konzentrierte sich darauf, ihre Stimme fest und entschlossen klingen zu lassen und rief: »Was willst du von mir?«

Das Heulen endete abrupt und die Banshee schwebte in den Vorgarten. In formlose, triste, graue Kleider gehüllt, verharrte die geisterhafte Gestalt in der Luft und starrte gequält auf Evangeline herunter. Sie zog die aufgesprungenen Lippen zurück und stieß ein leises Knurren aus.

Evangeline holte tief Luft und rief sich hastig ins Gedächtnis, was sie über Banshees wusste. Sie kamen fast immer vom Friedhof des staatlichen Frauengefängnisses, das etwa dreißig Meilen von hier entfernt war. Es handelte sich nicht um die rastlosen Geister gewöhnlicher Straftäter; diese Geister waren die von den wirklich schlimmen Verbrecherinnen, die unschuldige Menschen ermordet hatten. Sie waren hinter Gittern gestorben, manchmal an Krankheiten, aber meistens an Verletzungen. Einige von ihnen waren mit der grausamen Gertie, Louisianas elektrischem Stuhl, ins Jenseits befördert worden. So oder so, klammerten sich ihre befleckten Seelen an diese Welt, weil sie sich nicht den Folgen ihrer Taten stellen wollten, den Folgen, die sie auf der anderen Seite zu erwarten hatten.

Manche Leute glaubten daran, dass jede Seele am Ende des Weges auf Vergebung hoffen konnte, doch Evangeline teilte diese Ansicht nicht. Ihre zahlreichen Begegnungen mit unwilligen Wesen aus der jenseitigen Welt ließen sie zu dem Schluss kommen, dass Grausamkeit und Bosheit auf dieser Seite des Lebens auf der anderen Seite nicht auf die leichte Schulter genommen wurden.

Die Banshee warf den Kopf zurück. Ihr schrilles Kreischen ließ ein Fenster im hinteren Teil des Hauses zerspringen, dessen Scherben klirrend zu Boden regneten. Die verzweifelte Geistergestalt knirschte mit den Zähnen und riss an ihren dünnen Haaren, die wie Spinnweben im Wind wehten. Oben auf dem Dach stieß der Streifenkauz einen erschrockenen Schrei aus und flog lautlos davon.

Evangeline schleuderte den Brotkanten und eine Handvoll Salz auf den Geist. »Kehr an deinen Ruheplatz zurück, und bleib für immer dort.«

Die Banshee wich nicht zurück. Evangeline hatte auch nicht damit gerechnet. Obwohl Salz und Brot böse Geister vertreiben sollten, indem sie ihnen die übersinnliche Energie raubten, hatte sie festgestellt, dass diese beiden Mittel so gut wie nie funktionierten. Aber Granny bestand immer darauf, es zunächst damit zu versuchen, da beides billig und reichlich vorhanden war.

Die Banshee drehte sich um und flog auf die Veranda. Sie schwang von einem Ende zum anderen, als wäre sie in eine starke übernatürliche Luftströmung geraten. Sie gab einen weiteren gellenden Schrei von sich, woraufhin erneut das Klirren von Glas zu hören war.

»O Mann!« Mrs Arseneau würde vor Wut kochen, wenn all ihre Fenster zu Bruch gingen. Evangeline ließ Brot und Salz fallen und sofort kam ein Waschbär aus dem Gebüsch geschossen, schnappte sich den Brotkanten und verschwand im Dunkeln.

Evangeline kramte einen Wacholderzweig und ein Silberglöckchen aus der Tasche. Sie zündete den Zweig an und schwenkte ihn hin und her, während sie mit der anderen Hand das Glöckchen klingeln ließ. Der stechende, harzige Geruch und das schrille Klingeln erfüllten die drückende Nachtluft. Sie sprach eine kurze Beschwörungsformel und forderte die rastlose Geistgestalt ein weiteres Mal auf, in ihr Grab zurückzukehren oder sich ins Jenseits zu verziehen.

Ihre Bemühungen wurden mit erneutem Gekreische und einer weiteren zerborstenen Fensterscheibe quittiert.

»Na schön.« Evangeline holte tief Luft. »Dann probieren wir’s mit schwereren Geschützen.« Sie warf Glocke und Wacholderzweig beiseite und griff nach der Flasche mit dem Weihwasser.

Die Banshee erstarrte und verstummte mitten im Schrei. In ihrem ausgemergelten Gesicht spiegelte sich blankes Entsetzen. Sie schnellte von der Veranda, schoss auf Evangeline zu und schleuderte sie mit ihrer übernatürlichen Kraft so heftig zu Boden, dass es sie um ein Haar aus ihren priesterlich gesegneten Krokodillederstiefeln mit den silbernen Spitzen gerissen hätte.

Mit voller Wucht landete sie auf dem Steißbein und der Schmerz, der ihr in den Rücken fuhr, raubte ihr den Atem. »Verdammt!«, keuchte sie und rappelte sich hoch. Doch die Banshee war fort. Das Echo ihres Wehklagens hing in der Luft wie der Rauch einer erloschenen Kerze.

Evangeline steckte das wirkungsvolle Weihwasser wieder in die Tasche, klopfte sich, so gut es ging, den Dreck vom Hosenboden und nahm die Situation in Augenschein. Ein paar zerbrochene Fensterscheiben, aber insgesamt hatte sie gute Arbeit geleistet, das Werk einer tüchtigen Geisterjägerin. Auch wenn es nicht ihr Name war, der auf dem Auftragsschreiben gestanden hatte. Sie machte sich auf den Weg, um den Wacholderzweig und das Silberglöckchen einzusammeln, und zögerte dann.

Etwas hatte sich ihr von hinten genähert, seine gleichmäßigen Atemzüge rasselten tief in seinem Inneren.

Eine Gänsehaut zog sich über ihre Arme und ein kalter Schauer lief ihren Rücken hinab. Obwohl ihr davor graute, spähte sie in eine der heil gebliebenen Fensterscheiben des Hauses. Ein gelbes Augenpaar spiegelte sich in der dunklen Glasfläche, gelbe Augen, die ihr aus dem haarigen, schwarzen Gesicht eines vierbeinigen Ungeheuers entgegenstarrten, das knapp drei Meter hinter ihr lauerte.

Sie wusste nicht, was es war, und sie hatte nicht vor, länger herumzustehen, um es herauszufinden. Sie schnappte sich die Laterne und flitzte damit über die Treppe in das hundert Jahre alte Haus, das Mrs Arseneaus Ururgroßvater einst gebaut hatte. Mit aller Kraft schlug sie die Tür hinter sich zu, die fast aus ihren rostigen Angeln gefallen wäre. Mit rasendem Herzen durchwühlte sie den Inhalt ihrer Tasche, entdeckte ein Stück Kreide und kritzelte verschiedene Schutzsymbole auf die Holzverschalung der Tür.

Draußen knarrten die Stufen der Eingangstreppe. Die Dielenbretter der Veranda ächzten unter den Schritten schwerer Füße mit klickenden Krallen. Das Wesen blieb stehen und riss die Klauen über die altersschwache Tür, deren Oberfläche sicher tiefe Kratzer davontragen würde.

In diesem Augenblick wurden Evangeline zwei Dinge klar. Erstens, die Banshee war von diesem gelbäugigen, haarigen, schwarzen Ungeheuer vertrieben worden und nicht von ihrem Weihwasser. Und zweitens, es war dasselbe Vieh, das sie vom Friedhof aus beobachtet hatte. Daran hatte sie keinerlei Zweifel. Ihr Bauchgefühl sagte es ihr.

Sie überflog ihre hastig gezeichneten Kreidesymbole und nickte zufrieden.

Draußen auf der Veranda kratzte das Ungeheuer erneut mit seinen scharfen Krallen an der Tür, aber sie hatte keine Angst. »Nur zu, kratz, soviel du willst. Was auch immer du bist.« Evangeline konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. »Mein Kreideschutz wird ein böses Geschöpf wie dich fernhalten.« Plötzlich hatte sie einen angenehmen Geruch in der Nase und ihre Laune verbesserte sich noch mehr. War das Pie? Sie hob die Laterne und schaute zur Küche. Ja. Ja, es war Pie. Und da stand er, mitten auf der Anrichte. Kein Süßkartoffel-Pie, sondern einer mit Pekannüssen.

Das Untier bearbeitete die Tür ein weiteres Mal mit seinen scharfen Krallen. »Du verschwendest deine Zeit, Nachtwesen!« Ein breites, schadenfrohes Grinsen trat auf ihre Lippen. »Ich kann hier so lange bleiben, wie ich will. Bei Tagesanbruch wirst du vor den Sonnenstrahlen fliehen und dich im Schattenreich verkriechen, so wie deinesgleichen es immer tut.«

In der Küche schlüpfte der Waschbär durch das kleine zerbrochene Fenster. Evangelines trockenes Opferbrot im Maul, hüpfte er auf die Anrichte, watschelte zum Kuchen und schnüffelte mit seiner schwarzen Nase an den zuckersüßen Pekannüssen.

»Mach, dass du wegkommst! Ksch!« Evangeline stampfte mit dem Fuß auf.

Der Waschbär warf den trockenen Brotkanten über die Schulter, setzte sich auf die Hinterbeine und fuhr mit beiden Vorderpfoten durch den Pie.

»He! Das ist meiner, du diebischer Kerl!« Kaum hatte er sich zwei Pfoten voll von der köstlichen, klebrigen Nussfüllung ins Maul gestopft, kam sie schon in die Küche geeilt. Butterige Krümel rieselten zu Boden; eine einsame Pekannuss plumpste auf die Anrichte. Mit prall gefüllten Backen kletterte der kleine Räuber aus dem zerbrochenen Fenster, zog seinen buschigen, gestreiften Schwanz hinter sich her und verschwand in der Nacht.

»Verflixt!« Evangeline schlug mit der Faust auf die Anrichte.

Draußen auf der Veranda warf sich das Friedhofsungeheuer gegen die Haustür, dass es nur so krachte.

Evangeline schaute besorgt über die Schulter. »Sie wird schon halten«, redete sie sich ein.

Sie stellte die Laterne ab und zog ihr Messer aus dem Oberschenkelgurt, um sich ein Stück Kuchen abzuschneiden, das von dem Waschbären verschont worden war. Gerade als sie die Klinge ansetzte, warf sich das Ding auf der Veranda erneut gegen die Tür, und dieses Mal brach der Rahmen mit lautem Krachen.

Evangeline fuhr herum. Eine der rostigen Türangeln hatte sich gelöst und fiel klappernd auf den Holzboden.

Leise fluchend schnappte sie ihre Laterne und stürmte los, durch den kleinen dunklen Flur und in Mr und Mrs Arseneaus Schlafzimmer. Sie knallte die Tür hinter sich zu und schloss sie ab.

Vom Hauseingang war zu hören, wie die Tür nach innen fiel und gegen die Wand krachte.

Evangeline hob die Laterne an und versuchte, sich im trüben Licht ein Bild von der Lage zu machen.

In einer Ecke stand das Bett, mit Mrs Arseneaus handgefertigter Patchwork-Decke. Selbst genähte geblümte Rüschengardinen umrahmten das einzige Fenster des Zimmers. Neben dem großen Kamin standen aufgestapelte Holzkisten, mit Mr Arseneaus selbst gebrautem medizinischem Kräuterbier. Evangeline verzog das Gesicht. Kurz zuvor hatte sie das zweifelhafte Vergnügen gehabt, das krachsüße, kohlensäurefreie Getränk zu probieren, und fand, dass es nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem eisgekühlten Barq’s-Kräuterbier hatte, das man in Pichons Kramladen kaufen konnte.

Draußen im Flur klickerten die Krallenfüße langsam in Richtung Schlafzimmer und blieben davor stehen. Zwischen Tür und Rahmen war ein schnüffelndes Geräusch zu hören.

Evangeline eilte zum Fenster und wollte es nach oben schieben, aber es ließ sich nicht bewegen. Sie versuchte es noch einmal mit aller Kraft – leider vergeblich, denn es war in den vergangenen hundert Jahren regelmäßig gestrichen worden und durch all die Farbe so fest versiegelt, dass man es nicht öffnen konnte.

Sie saß in der Falle.

Verzagt betete sie, dass diese Türangeln stabiler waren als die der anderen Tür. Als sie gegen das hinter ihr stehende Bett stieß, schoss eine bleiche, langfingrige Hand darunter hervor, packte ihren Knöchel und riss ihr das Bein weg.

Evangelines Laterne flog durch die Luft und zersprang in tausend Stücke. Evangeline selbst stürzte zu Boden und schlug mit dem Gesicht auf die harten Holzdielen.

Aus der heruntergefallenen Petroleumlaterne schlug eine Flamme in Mrs Arseneaus selbst genähte Gardinen, fraß sich genauso gierig in das hübsche Blümchenmuster wie der Waschbär in den Pekannuss-Pie.

Evangeline war noch nicht mal wieder halbwegs auf den Beinen, als eine zweite bleiche Hand hervorschnellte, ihr anderes Fußgelenk zu fassen bekam und es so fest umklammerte, dass die Nägel sich in Evangelines Krokodillederstiefel gruben.

»Du ruinierst meine Stiefel, zum Teufel mit dir!«

Die Bestie vor der Schlafzimmertür knurrte.

Das Ding unter dem Bett zerrte an ihr. Als es sie in die Dunkelheit zog, von der es umgeben war, kamen ihr die letzten Zeilen von Mrs Arseneaus Botschaft in den Sinn: Da ist auch noch ein …

»So ein Mist!« Mrs Arseneau hatte nicht von einem Kuchen als Bezahlung für Evangelines Dienstleistung gesprochen. Sie meinte damit, dass sie einen Schattenbeißer unterm Bett hatten. Evangeline tastete nach ihrem Messer, doch ihre Hand streifte nur die leere Hülle. »Verfluchter Mist!« Ihr Messer war in der Küche und steckte im Pekannuss-Pie.

Ein Gefühl eiskalter Panik stieg in ihr auf, aber sie war entschlossen, sich nicht davon übermannen zu lassen. Sie rief sich Grannys Worte zu diesem Thema ins Gedächtnis: Angst ist wie ein Fangeisen. Sie hält dich davon ab weiterzugehen. Sie fesselt deinen Mut und deinen Verstand.